Die Sublimen - Barbara Heeb - E-Book

Die Sublimen E-Book

Barbara Heeb

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Beschreibung

HAPPINESS FOR A BETTER WORLD! Endlich ist sie da: die Glückspille, die das Zusammenleben nicht nur harmonischer, sondern auch gerechter machen soll. Doch nicht alle trauen den Verheißungen der Regierung. Und nicht alle können zu den Glücksträgern, den Sublimen, gehören. Wird Alda die Flucht vor dem Glücksregime gelingen? Und kann Julian seinen Auftrag für das gemeinsame Glück mit der Botschaft seines Herzens vereinen?

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Seitenzahl: 402

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Love may be brought about – in ways that are poorly understood – by a disparate variety of natural causes. It is entirely possible for a person tobe caused to love something without noticing its value, or without being at all impressed by its value, or despite recognizing that there really is nothing especially valuable about it. It is even possible for a person to come to love something despite recognizing that its inherent nature is actually and utterly bad. That sort of love is doubtless a misfortune. Still, such things happen.

Harry G. Frankfurt, The Reasons of Love

Inhaltsverzeichnis

Teil 1 – M.O.R.A.L.

Teil 2 – Der Aegetenhof

Teil 3 - Schnee

TEIL 1 - M.O.R.A.L.

-1-

Sie war zu früh. Eine Mischung aus Tatendrang und Abscheu hatte sie im Morgengrauen aus dem Bett geholt. Wie im Fieber war sie in ihre Kleider geschlüpft, eine saubere Jeans und ein schwarzer Kapuzenpullover, hatte im Dunkeln ihre Turnschuhe gesucht und gefunden, ihre abgewetzte Lederjacke übergestreift und die Papiertasche hochgehoben, vorsichtig, um nur ja keinen Lärm zu machen. Durch das dunkle Zimmer hindurch hatte sie das regelmäßige Atmen der Schwester gesucht und gefunden. Dann war sie lautlos zur Tür geschlichen, hatte sie geöffnet und hinter sich geschlossen, so sachte wie es ging.

Und nun war sie zu früh. Eingeklemmt zwischen zwei Säulen saß sie mit angezogenen Beinen auf der Balustrade und betrachtete das Geschehen, wie sie es jahrelang betrachtet hatte. Die Tasche hatte sie neben sich auf den matt schimmernden Mosaikboden gestellt. Noch konnte sie einfach gehen, die Tasche einfach stehen lassen. Der Gedanke blitzte kurz auf, aber nein, sie konnte nicht zurück. Nicht mehr lange und dann würde sich dies alles als das herausstellen was es war. Ein besonders geschmackloser, schlechter Witz.

Sie ließ den Blick über den Lichthof schweifen. Es war noch wenig los. Ein paar wie ferngesteuert wirkende Gestalten schlichen den hohen Wänden entlang. An den runden Tischen saßen vereinzelte Studenten an ihren Bildschirmen. Das kopflose Schweigen der steinernen Nike von Samothrake beherrschte von der Ecke her den riesigen Raum.

Es war ihre Idee gewesen. An einem Donnerstag. Als der Film zu Ende war, hatten sie sich an der Kinobar zwei Bier geholt. Hand in Hand waren sie damit durch die regennassen Straßen spaziert. Sie und Jo. Es war ein italienischer Film gewesen und sie konnte sich noch genau daran erinnern wie der Klang der Worte sie an jenem Abend beglückt hatte, und auch die schönen Münder, die diese Worte geformt hatten. Pensami quando puoi. Pensami. Denk an mich. Sie und Jo, sie waren aus dem Kino in den Abend hineingestürzt wie frisch verliebt - verliebt in das Leben. Der Sommer machte alles schön.

An jenem Abend waren sie zur City abgebogen. Nur ein paar Straßen weiter waren sie an den Bars und Cafés vorbeispaziert, als ob sie dazu gehören würden. Auf den Stühlen fläzten sich die, die man ›sublim‹ nannte. Sonnten sich in ihrem erhabenen, sorglosen Dasein. Sie meinte, das dämliche Lachen einer ehemaligen Mitstudentin zu hören, aber ganz sicher war sie sich nicht. Sie blickte eine mit glänzenden, schwarzen Haaren herausfordernd an. Ein mildes Lächeln schaute zurück. »Ich bin’s, Alda. Pensami«, flüsterte sie im Geist und ging weiter.

Und dann, mit einem Mal, hatten sie angefangen zu rufen, sie und Jo. »Siamo noi!« Aus irgendeinem Grunde diese sinnlosen Worte. Plötzlich hatte sich diese Parole ergeben, als ob sie ihnen durch die schwüle Abendluft entgegengeschwebt wäre. »Siamo noi!« Gut gelaunt und vollkommen banal. Wie von Sinnen waren sie durch die Straßen gerannt. »Siamo noi! Wir sind unschlagbar!«

Die Glückshuren, so nannten sie und Jo die sogenannten ›Sublimen‹, hatten sich nach ihnen umgedreht. Erfreut oder erstaunt über so viel Begeisterung von zwei Schlichten, Alda wusste es nicht. Aber wie die Pfützen geglitzert hatten! Als ob sie sich in ein Schmuckkästchen verirrt hätten. Schillernde Regenteiche, wie Öffnungen zu einer anderen Welt. Und dann, als sie wieder in ihrem Teil der Stadt waren und niemand sie mehr sah, war Jo abrupt stehen geblieben. Atemlos hatte er auch ihre andere Hand in die seine genommen. Sein Gesicht hatte förmlich geleuchtet. Alda sah sein Lächeln vor sich, als ob es gestern gewesen wäre. Seine Zähne hatten im Dunkeln geglänzt wie eine Reihe weißer Perlen. »Lass uns heiraten!« Die Worte waren aus Jos Mund gepurzelt wie bei einem aufgeregten Kind. »Lass uns heiraten!«

Und Alda? Sie hatte ihn mit offenem Mund angestarrt, ihre Hand war der seinen längst entflohen. Und dann hatte sie lauthals gelacht, hatte gedacht, er mache einen Spaß, hatte gedacht, er wolle sie necken, mit der Aussicht auf sechs Gören und eine schmutzige Küchenschürze. Die Tristesse der italienischen Mamma, die sie eben auf der Kinoleinwand gesehen hatten, musste ihn dazu gebracht haben, sich diesen Scherz zu erlauben. Es konnte gar nicht anders sein. Doch dann sah sie seine Augen, die sie so sanft anschauten, dass es ihr Angst machte. Und sie hatte nicht gewusst, was sie nun sagen sollte. Hatte nicht aussprechen wollen, was Jo hören wollte. Sie hatte sich überrumpelt gefühlt. Nein, sie wollte nicht heiraten und statt einzuwilligen hatte sie, ohne viel zu überlegen, geantwortet: »Nein, lass uns eine Bewegung gründen. Wir starten eine Revolution!« Und Jo hatte eingewilligt. In jenem Moment hätte er zu allem Ja gesagt.

Auf der anderen Seite ging eine Gestalt rasch den Säulengang entlang. Das Klappern ihrer Absätze hallte über den Lichthof hinweg und fügte sich ein in das Scheppern eines noch leeren Geschirrwagens, der von einer Angestellten mit blondem Pferdeschwanz über den steinernen Boden in Richtung Lift geschoben wurde. Nicht im Traum hätte Alda an jenem Sommerabend daran gedacht, dass sie kaum ein Jahr später mit einer braunen Tragetasche durch die Stadt spazieren würde, um dem Feind ein bisschen Angst einzujagen. Ihr war schlecht.

Wie aus dem Nichts strömte eine ganze Horde Erstsemester in den Lichthof, durchquerte ihn im Pulk und flatterte laut schwatzend den Hörsälen entgegen. Studenten schauten genervt hinterher. Wie vertraut das alles immer noch war. Sie wandte den Blick ab und betrachtete stattdessen die braune Tragtasche, die wie ein besonders braves Hündchen darauf wartete, von ihr zum Schalter der Unipost geführt zu werden.

»Jetzt werden hier mal Tatsachen geschaffen!«, hatte Stefan gerufen und voller Stolz auf einen schwarzen Kasten gezeigt, aus dem Kabel ragten wie Borsten. Aldas Herz hatte einen Schlag ausgesetzt. »Also …«

Dann war Stefan in Gelächter ausgebrochen.

»Also, die ist nicht echt, oder?«, hatte Alda gefragt und versucht, ganz normal zu klingen.

»Nein, natürlich nicht! Aber sie sieht gut aus, oder?«, hatte Stefan strahlend geantwortet. Er wartete auf Komplimente.

»Fehlt nur noch der Brief«, hatte Isabella gemeint. »Was sollen wir schreiben?«

»Schreib: ›Halt dich zurück oder dein letztes Stündlein hat geschlagen.‹« Der Vorschlag war von Jo gekommen.

»Jetzt im Ernst. Das ist nur eine Attrappe, oder?« Alda hatte Stefan misstrauisch betrachtet. Sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, weshalb sie ihn in die Gruppe aufgenommen hatten. Er war der größte Hohlkopf, den man sich vorstellen konnte.

»Ja, natürlich ist das eine Attrappe! Wofür hältst du mich eigentlich?«

»Also, dann schaffen wir auch keine Tatsachen«, hatte Alda mit eisiger Stimme geantwortet.

»War ja nur ein Spaß.«

»Ich lach mich tot.«

Stefan hatte sich für den dummen Spruch entschuldigt, aber einen letzten Rest Zweifel hatte Alda nicht wegwischen können.

Die große Uhr an der Wand auf der anderen Seite des Lichthofes zeigte, dass es fast neun war. Von einer Bekannten wusste sie, dass sich am Postschalter der Uni Zentrum nichts geändert hatte. Noch immer arbeitete der alte Mann dort, der in seinem Leben anscheinend nichts Besseres mehr zu tun hatte. Und wie immer schon behandelte er jedes Paket so wie jedes andere auch. Mit Respekt, Sorgfalt und Desinteresse. Der alte Herr würde keine Fragen stellen. Vorsichtshalber hatte Alda den Vornamen nicht ausgeschrieben, denn weshalb sollte SIE einem Politiker ein Paket schicken wollen? Ein kurzes H. Mees musste ausreichen.

Alda stand auf und nahm entschlossen die Tasche in die Hand, um es hinter sich zu bringen. Sie ging durch den Säulengang Richtung Treppenhaus am Büro ihrer ehemaligen Professorin vorbei. Was wohl aus ihr geworden ist?, überlegte Alda. Fabiana Seelauf war damals Hals über Kopf nach Boston abgereist. Der Rummel war ihr wohl zuviel geworden. Seither hatte niemand sie mehr gesehen und das war vielleicht auch gut so. Sie hatte es gut gemeint, das bestimmt. Sie hatte es gut gemeint, aber sie hatte sich verschätzt. Nicht, dass sie ihr die Schuld geben wollte, aber Aldas frühere Professorin hatte wesentlich dazu beigetragen, dass die Stadt zu dem geworden war, was sie jetzt war. Ein gespaltener und unruhiger Ort. Ein Ort, in dem neue Regeln herrschten, eine neue Ordnung. Eine Stadt, die eingeteilt war in Sublime und Schlichte. Ein harter Kern und schäbiges Fruchtfleisch. Die Frucht war verdorben. Ihre Stadt und andere Städte auch. Pensami.

Fabiana Seelauf hatte die Welt verbessern wollen, nichts weniger. So wie wir auch, schoss es Alda durch den Kopf. SIAMO NOI! wollte Henrik Mees nur mal einen kleinen Schrecken einjagen. Sie zögerte am Treppenabsatz. Was, wenn er vor lauter Schreck eine Herzattacke kriegen würde? Noch konnte sie zurück. Eine ganze Weile starrte sie gedankenversunken auf den grauen Steinboden vor sich, doch dann überwand sie sich und ihre Zweifel, setzte ihre Beine in Bewegung, treppabwärts, Richtung Postschalter, wo noch immer der alte Mann arbeitete, der keine Fragen stellen würde.

Er tat es auch diesmal nicht.

-2-

Fabiana blieb auf dem Treppenabsatz stehen, um ihren Atem zu kontrollieren. Ihr Kopf schmerzte. Sie hatte die Nacht rauchend und Wodka trinkend vor dem Bildschirm verbracht und die Nachricht, die auf allen Kanälen in die Schweizer Haushalte hinein blaffte, bis zum Schluss nicht glauben können. In Frankreich hatte Le Pen die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Europas Marsch nach rechts war kaum mehr aufzuhalten. Ekelhafte Münder jubelten. Die Kunde, dass die blonde Verderberin in den Elysée-Palast einziehen werde, wurde den Vernünftigen vor die Füße geworfen wie Schlachtabfall.

Man musste das Beste daraus machen. Noch bevor sie wieder nüchtern war, kam Fabiana zur Überzeugung, dass die Umstände so günstig waren, wie lange nicht. Doch sie war keine Zynikerin. Fabiana hielt Zynismus nicht nur als für Frauen ungeeignet, Zynismus war außerdem die Haltung der Verlierer. Fabiana wollte keine Verliererin sein. Eher hätte sie sich zum Mann umwandeln lassen, als jemals von ihrem Weg abzuweichen, dem Weg, der ganz nach oben führte, genauer gesagt ins zweitoberste Geschoss des hoch über der Altstadt thronenden Elfenbeinturms, drittes Fenster von links.

Den Wodka trank sie im Grunde aus Verständnislosigkeit, so wie doch fast alles heftige Trinken aus Verständnislosigkeit geschieht, und je mehr sie davon trank, desto weniger verstand sie ihn, den Anderen, den Wodka und sich selbst und alles, was jemals zwischen ihnen vorgefallen war. Der Wodka hatte sie zusammengebracht, der Wodka würde sie auseinandertreiben, so hatte Fabiana es sich überlegt. Sie trank ihn auch aus Berechnung, doch bisher schien der, den sie heimlich nur »der Andere« nannte, noch anhänglicher zu werden, und es sah ganz so aus, als ob Fabianas Berechnungen falsch wären.

Gerade als sie sich überlegte, wieder nach Hause zu gehen und sich für den halben Tag krankschreiben zu lassen, kam ihr Martin Sulser, Gewes oberster Assistent, pfeifend entgegen. Er strahlte sie an. »Guten Morgen!«

»Mo’n«, murmelte Fabiana. Dann besann sich auf ihre Manieren und brachte ein dünnes Lächeln zustande, noch bevor Sulser vergnügt an ihr vorbeigezogen war. Sie wusste, dass ihr etwas dicklicher Kollege auf dem Weg zur Cafeteria war, um sich ein zweites Frühstück zu gönnen.

Als sie sicher sein konnte, dass er um die Ecke gebogen war und niemand sonst sie beobachtete, formte sie mit den Händen einen Hohlraum vor Mund und Nase, um noch einmal ihren Atem zu kontrollieren. Sie roch nichts, aber das hatte nicht viel zu bedeuten. Während sie die Treppe weiter hochstieg, forschte sie in ihrer Tasche nach dem letzten Fisherman’s, der noch irgendwo in einer alten Packung liegen musste. Es ärgerte sie, dass sie vergessen hatte, sich neue zu besorgen und dass ausgerechnet an diesem Tag Studentensprechstunde war. Der bloße Gedanke daran verstärkte die Stiche in ihren Schläfen. Einer ihrer Studenten war so brillant, dass es ihr Angst machte. Fabiana fürchtete, ihm bei seiner Abschlussarbeit nicht gewachsen zu sein, doch das waren Zweifel, die sie sich niemals hätte anmerken lassen.

Als sie die letzten Stufen genommen hatte und zwischen den steinernen Säulen hindurch auf das andere Ende des Flurs blickte, sah sie, dass die Tür neben ihrem Büro bereits weit offenstand. Das Deckenlicht erhellte den Türrahmen fast wie eine Verheißung. Stüssi war also schon da.

»Streber«, presste Fabiana zwischen den Zähnen hervor und beschleunigte ihren Schritt, ohne es zu merken. Das Klappern ihrer Absätze hallte über den Lichthof hinweg. Aus den Augenwinkeln sah sie die Skulptur der Nike von Samothrake, aber an diesem Morgen hatte sie keine Augen für ihre Schönheit. Die letzten Schritte zu ihrem Büro rannte sie fast.

Ihre Ledertasche in der linken Hand, drehte sie mit der rechten den Schlüssel, öffnete energisch die Tür, schloss sie wieder, betätigte den Lichtschalter und rief expressiv gut gelaunt: »Guten Morgen!« Durch die wie immer offene Verbindungstür war Gemurmel zu hören. Fabiana ging schnurstracks durch den Raum zu ihrem Schreibtisch, stellte ihre Tasche auf die Tischplatte und begann, sich aus ihrer Jacke zu schälen. Sie brannte darauf, Stüssi von ihren Plänen zu erzählen, aber erst einmal musste sie alles noch einmal ganz genau durchdenken. Dazu brauchte sie vor allem Ruhe. Fabiana war heilfroh, dass der Andere ein paar Tage auf Konzertreise war und sie tun und lassen konnte, was sie wollte. Nicht auszudenken, wenn er jetzt, in dieser Phase, Aufmerksamkeit oder gar Zärtlichkeit von ihr verlangen würde.

Ihre Jacke noch in der Hand stellte sie sich in die offene Tür zu Stüssis Büro und sah, dass ihr bester Freund über die Zeitung gebeugt an seinem Schreibtisch saß und eine angebissene Butterbrezel in der Hand hielt.

»Musst du denn immer essen?«, herrschte Fabiana ihn an. Ihr Magen knurrte. Sie hatte noch keine Zeit gehabt zu frühstücken.

Stüssi blickte erstaunt auf. »Na, na. Ich bin halt nur ein Mensch. Von niederen Trieben beherrscht. Nicht jeder kann so göttlich sein wie du«, gab er zurück und konzentrierte sich wieder auf die Zeitung.

»Ja, schon gut. Sorry. Wie geht’s?«, murmelte Fabiana.

»Alles klar hier. Und selbst? Siehst ziemlich alt aus heute.«

»Danke, sehr nett«, antwortete Fabiana, während sie einen Bügel nahm und ihre Jacke an die Garderobe neben der Tür hängte. »Dafür sind die Haare frisch gewaschen.«

»Bravo, bravo«, lobte Stüssi sie und lächelte wohlwollend in die Zeitung hinein. »Weißt du’s schon?«

»Ja, natürlich. Wer nicht?«

»Damit hatte wohl niemand wirklich gerechnet. Welt, wohin gehst du?«, sagte Stüssi und seufzte theatralisch.

Sehr zu Fabianas Missfallen hatte auch Stüssi sich diese wichtigtuerische und zynische Haltung zugelegt, die ihn scheinbar allem Irdischen enthob, ihn aber vor allen Dingen äußerst unattraktiv machte und, wie Fabiana fand, überhaupt nicht zu ihm passte.

»Meinst du, wir sollten doch …?«, fuhr Stüssi mit vollem Mund fort.

»Ja!«, rief Fabiana über ihre Schulter hinweg, während sie sich an ihren Schreibtisch setzte und darauf wartete, dass ihr Computer startklar war. »Die Zeit ist reif.« Sie sagte es mehr zu sich selbst als zu ihrem Arbeitskollegen.

Stüssi rief mit vollem Mund zurück: »Dann müssen wir uns aber beeilen. Deadline ist nächste Woche Dienstag!«

»Ich weiß. Und ausgerechnet heute kommen die Studis an!«

»Nicht so laut!«

»Ups, sorry«, murmelte Fabiana schuldbewusst.

»Ich kann ja schon mal anfangen«, bot Stüssi ihr an. Fabiana murmelte ein geschäftiges »Danke« und eine Sekunde später klopfte es auch schon an der Tür.

Als auch der letzte der fünf Studierenden, die an diesem Tag ihren Rat gesucht hatten, wieder abgezogen war, nahm Fabiana ein Blatt Papier aus dem Drucker und schrieb mit einem schwarzen Stift M.O.R.A.L. darauf. Sie hielt das Blatt vor sich und betrachtete das Wort nachdenklich. MORAL. Moral Organization, Rule And Law. Perfekt, es ist einfach perfekt. Alles fügt sich ineinander, jubelte sie innerlich, aber sie wusste, dass sie die anderen erst noch von dem Titel überzeugen musste.

Die Gelegenheit dazu kam schon beim Mittagessen. Stüssi war bestens gelaunt und erzählte Fabiana von seinem überaus erfolgreichen Wochenende mit seiner neuen Freundin. Seine Haut leuchtete fast vor Glück, als er Fabiana von dem gemeinsamen Ausflug in die Berge berichtete.

»Diese Aussicht, ich sag‘s dir, einfach phänomenal! Und ein Schnee lag da! Also sicher so hoch.« Er machte Fabiana mit der flachen Hand deutlich, wie hoch der Schnee vom Boden her gemessen gelegen hatte.

Fabiana versuchte, sich ihre Ungeduld nicht anmerken zu lassen. Neue Freundin, schön und gut, aber hatten sie nicht Wichtigeres zu bereden? »Wow«, antwortete sie. »Da sollte ich wohl auch mal hinfahren. Sobald der Projektantrag fertig ist.«

»Ja, das solltest du echt tun. Das würde sicher auch Bernhard …«

»Ich finde, wir sollten das Projekt ›M.O.R.A.L.‹ nennen«, platzte Fabiana heraus.

Stüssi verschluckte sich an einem Bissen Cordon bleu. Er nahm seine Serviette vom Tablett und hustete hinein. Dann rief er röchelnd: »Was?«

Fabiana wiederholte ihren Vorschlag.

Stüssi kaute schneller, schluckte den Bissen hinunter und sagte dann: »Nein! Bist du wahnsinnig?« Er blickte um sich. »Moral. Viel zu dick aufgetragen. Da lachen uns ja alle aus.« Er schüttelte entschlossen den Kopf. »Dann lieber das, was die anderen beiden vorgeschlagen haben. Was war das noch?«

»Moral Organization, Rule And Law. Ergo: M.O.R.A.L..«

»Nein, das war es eben nicht. Was hatte Weber vorgeschlagen? Was war das noch mal?« Stüssi schnippte ungeduldig mit den Fingern.

»Weiß ich nicht«, antwortete Fabiana. »Egal. Moral ist sowieso besser.«

»Nein, das geht nicht. Wirklich nicht. Nur weil seit einiger Zeit alle denken, sie müssten ihrem Projekt eine Bezeichnung im fünfstelligen Großbuchstabenbereich geben, müssen wir nicht gleich mitziehen«, fand Stüssi. Er klang sehr entschlossen. Fabiana fand einmal mehr, dass Stüssi mit seiner Einschätzung, wie so oft, falsch lag.

»Aber, wie soll man es denn nennen, wenn man aus glücklichen Gehirnen ein Kollektivhirn zu schaffen versucht, das vielleicht, irgendwann in ferner Zukunft einmal, zu einer moralisch agierenden Regierung taugen könnte?«, flüsterte Fabiana, während sie die verkochten Karotten auf die Gabel spießte. Sie schaute um sich. Die Mensa war wie immer gerappelt voll, nur von ihren Kollegen fehlte seltsamerweise jede Spur. Fabiana überlegte, ob sie wohl gerade eine Sitzung verpasste.

»Zu einer globalen altruistischen Regierung, um genau zu sein«, ergänzte Stüssi, wischte sich den Mund ab und legte die Serviette auf seinen Teller. »Falls unsere These stimmt.«

»Hoffentlich«, antwortete Fabiana und warf Stüssi einen verschwörerischen Blick zu. Wenn ihr Projektantrag tatsächlich angenommen würde und sie es schaffen würden zu zeigen, dass eine bessere Welt möglich war, dass bessere Regierungen möglich waren, dann … Fabiana verschränkte spontan die Hände. Im schlimmsten Fall würden sie sich vollkommen lächerlich machen. Die Chance zu scheitern war groß, aber nicht wenige würden sie für ihren Schneid verehren.

»Hallo, bist du noch da?« Stüssi wedelte mit einer Hand vor Fabianas Gesicht. »Es sieht aus, als ob du beten würdest.«

Fabiana nahm rasch die Hände auseinander. »Sorry, ich war in Gedanken.«

»Das habe ich schon gemerkt. Ich sagte, ich weiß, dass du nichts kleinreden möchtest.«

»Ja, stimmt, ich möchte es nicht kleinreden. Wollen wir mit unserem Versuch nicht zeigen, dass eine gerechte Gesellschaft möglich ist? Geht es nicht um das gute Leben für alle? Ich sage dir, M.O.R.A.L. ist der perfekte Name. Genau darum geht es doch.« Fabiana stand auf, nahm ihr Tablett und ging damit quer durch den Raum zur Geschirrabgabe. Stüssi folgte ihr.

»Wir haben ja noch etwas Zeit«, meinte er versöhnlich, während sie sich in die Schlange vor dem Geschirrband einreihten.

»Ja, aber nicht mehr lange«, antwortete Fabiana über ihre Schulter, bevor sie ihr Tablett scheppernd auf das Gummi stellte. »Die Zeit läuft. Klär bitte ab, was die anderen für Vorschläge haben. Und dann müssen wir uns treffen. Am besten gleich morgen.« Ohne sich noch einmal nach Stüssi umzudrehen, hastete Fabiana die Treppen hoch. Ihr Kopf schmerzte noch immer. Sie ging nicht auf direktem Weg ins Büro, sondern machte einen Umweg zur Kaffeebar beim Haupteingang, bestellte einen doppelten vom guten Espresso und stürzte ihn in zwei Schlucken hinunter.

Zurück an ihrem Schreibtisch rechnete sie hin und her, wie viel sie riskieren konnte und wie viel sie zu verlieren hatte. Wenn das Projekt abgelehnt wurde, dumm gelaufen, aber wenn es angenommen wurde und dann in die Hose ging … Dann ist meine Reputation endgültig dahin. Den Lehrstuhl konnte sie dann vergessen. Sie spürte einen Anflug von Panik, der ihr die Kehle zuschnürte. Dann kann ich mich in einem dunklen Loch verkriechen und hoffen, dass niemand mich findet.

»Reicht das an Literatur oder haben Sie vielleicht noch einen Vorschlag?«

Fabiana schreckte aus ihren Gedanken hoch. Sie brauchte eine Sekunde, um sich daran zu erinnern, dass die dunkelhaarige Studentin, deren Namen sie sich nicht merken konnte und die aus wahrscheinlich idealistischen Gründen Sommer wie Winter dieselbe kläranlagenwasserbraune Mütze aus dem Weltladen trug, ihr den Entwurf ihrer Seminararbeit vorstellte. Sie räusperte sich: »Ja, also … den Aufsatz ›Form und Technik‹ würde ich unbedingt noch beachten. Dort legt Cassirer den Unterschied zwischen technischem und magischen Wollen fest. Ansonsten …« Sie nahm die lose gehefteten Seiten an sich und blätterte vage darin. »Bestimmt finden Sie auch bei Gadamer noch ein paar nützliche Gedanken, aber ansonsten sind Sie auf einem guten Weg. Schön strukturiert.« Sie gab ihr die Blätter zurück. »Entschuldigen Sie. Wie war Ihr Name noch mal?«

»Gerber. Esmeralda Gerber.«

»Ja, richtig. Schöner Name. Jetzt erinnere ich mich wieder«, sagte Fabiana strahlend. Dann stand sie auf, ging zur Tür und öffnete sie für die Studentin. »Also dann, viel Erfolg.«

Fabianas Seminar trug den nach Meinung von Kollegen sensationsheischenden Titel ›Mensch und Maschine‹, was ihr einen vollen Seminarraum, einen Stapel Seminararbeiten und ein paar wenige Pluspunkte bei Gewe beschert hatte. Die Punkte konnte sie gut gebrauchen. Sie war mit ihrer Themenwahl bei den mehrheitlich konservativen Kollegen nicht sonderlich gut angeschrieben. Gewe hätte sie längst rausgeschmissen, aber ihr Talent und ein glücklicher Zufall hatten ihr im Jahr zuvor eine Förderprofessur zukommen lassen, und wenn sie sich etwas anstrengte, konnte es in ein paar Jahren zur richtigen Professur reichen. Außerdem waren ihre Themen bei den Studenten beliebt. Fabiana fand, dass sie mit ihrem technologieorientierten und interdisziplinären Denkansatz all den Handlungstheoretikern und Sprechaktern weit voraus war. Sie fand, dass sie dabei war, der klassischen Philosophie ihren verfaulten Weisheitszahn zu ziehen, aber so etwas durfte sie nur gegenüber Stüssi erwähnen, der, wie sie selbst, eine aufsässige Art hatte. Außerdem wehrte der Patient sich mit Händen und Füßen und ontologischen Gesprächsinhalten, denen Fabiana lieber aus dem Weg ging. Sie hielt Kant für überbewertet und Hegel hatte sie nie gelesen, aber das brauchte niemand zu wissen.

Als sie die Tür hinter der Studentin geschlossen hatte, stellte Fabiana fest, dass sie keine Ahnung hatte, was sie mit ihr besprochen und was sie abgemacht hatten.

»Kaffeezeit«, forderte Stüssi sie auf, während er in seiner Hosentasche nach Münzen forschte.

»Keine Zeit«, log Fabiana. Sie gab vor, in der Uni-Buchhandlung wegen der bestellten Seminarliteratur nachfragen zu müssen, und ging nach Hause.

Den Rest der Woche arbeitete Fabiana in jeder freien Minute am Forschungsantrag. Auf die richtige Formulierung kam es an, das vor allem. So, dass Gewe das Ganze am Ende nicht doch noch in den falschen Hals kriegen und ihr Projekt torpedieren würde bevor es überhaupt angefangen hatte. Sie war gespannt, ob sie für ihren Untersuch genügend Probanden finden würden. Schließlich spazierten die glücklichen Gehirne nicht einfach so in der Stadt herum, im Gegenteil. Aus den säuerlichen Mienen ihrer Mitbürger musste das Glück mithilfe chemischer Präparate extrahiert werden, und zwar an jedem einzelnen Tag. Fabiana vermutete, dass die Aussicht, ein Jahr lang aus purer Nächstenliebe Psychopharmaka zu schlucken, für die meisten Menschen ziemlich abschreckend sein dürfte. Sie ahnte nicht, wie falsch sie damit lag.

-3-

Alda sah die Schlagzeile zufällig. Früh am Morgen, als sie von ihrem Job beim City-Spa kam und auf dem Rad an einem Kiosk vorbeifuhr, sprangen die schwarzen Buchstaben sie förmlich an. PG-POLITIKER OPFER EINES HINTERHÄLTIGEN PAKETBOMBENANSCHLAGES!

Sie drehte den Kopf, um die Schlagzeile nochmals zu lesen, und geriet prompt mit dem Vorderrad zu nah an den Bordstein. Das Rad geriet ins Schlingern und Alda fiel auf den Bürgersteig direkt neben den Kiosk. Sie konnte ihren Fall noch knapp mit den Händen auffangen, trotzdem knallte sie hart auf das eine Knie, das von einem anderen Sturz bereits lädiert war. Die Schmerzen trieben ihr die Tränen in die Augen. Sie begriff nur langsam. PG, das war die ›Projekt Gesellschaft-Partei‹. Da war die Partei von … Nein, das konnte nicht sein!

Einer, der sie beobachtet hatte, überquerte die Straße, um ihr aufzuhelfen. Es war einer von diesen Sublimen. Nur Glückshuren rochen so. Sie bedankte sich höflich.

»Geht es?«, wollte er mit besorgter Miene wissen.

»Ja, ja, es geht. Danke.«

Er nahm das Fahrrad, stellte es neben sie hin und wartete, sichtlich unentschlossen, was er nun tun sollte.

»Es ist nicht schlimm. Ehrlich. Mach dir keine Sorgen.«

»Ehrlich?«

»Ja.«

»Kann ich nichts mehr für dich tun?«

»Nein.«

»Du blutest aber.« Er zeigte auf ihr Knie. »Ich könnte dich ins Krankenhaus bringen.«

»Ins Krankenhaus? Bitte nicht. Ich wohn hier gleich um die Ecke.« Alda schüttelte lachend den Kopf. Ideen hatten die Leute.

»Die Wunde muss man sehr sorgfältig säubern. Hast du …«

»Ich habe alles!«, rief Alda ungeduldig.

Er schaute sie zweifelnd an. »Okay, dann gehe ich mal«, antwortete er schließlich und schwebte davon.

Sie krempelte die Hose hoch. Die alte Wunde war wieder aufgeplatzt. Während sie ihr aufgeschürftes Knie begutachtete, betrachtete sie aus den Augenwinkeln das Zeitungsbild. Es zeigte einen Menschen, der auf einer Bahre aus einem Haus zu einem Krankenwagen getragen wurde. Das Gesicht war nicht zu erkennen, aber das Gebäude im Hintergrund war eindeutig sein Wohnhaus in Hottingen. Konnte es sich um einen dummen Zufall handeln? Nein, das war unmöglich, es musste Mees sein.

Wie in Trance setzte sie sich auf die Mauer neben dem Kiosk. Konnte es wirklich sein, dass Stefan sie so hintergangen hatte? Sie hatten ihre Meinungsverschiedenheiten gehabt, Alda hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sie ihn nicht mochte, aber … so? Hatten die anderen davon gewusst? Hatten sie gewusst, dass die Bombenattrappe, die Mees einen tüchtigen Schrecken hätte einjagen sollen, das hässliche Ding, über das Stefan noch so gelacht hatte, echt war?

Sie fuhr so schnell sie konnte nach Hause, stürzte grußlos in die Wohnung, durchstöberte den Badezimmerschrank und fand schließlich Wunddesinfektion und etwas Verband.

»Was machst du?« Sandrina stand verschlafen im Türrahmen. Ihre rundliche Figur steckte in einem zu kurzen, grünen Bademantel. Die Beine waren nackt, an den Füßen trug sie alte Socken ihres Vaters.

»Ist dir nicht kalt?«

»Nein. Was machst du? Was ist passiert?«

»Du brauchst dringend neue Kleider.«

»Ja, und Schuhe auch.«

Alda überhörte den vorwurfsvollen Ton und versuchte auch den ›Sch‹-Laut zu ignorieren, den Sandrina noch immer lispelte und wohl auch nicht mehr lernen würde richtig zu sagen.

»Du meinst Schuhe.« Sie konnte es nicht lassen, Sandrina zu verbessern.

»Hab ich ja gesagt.«

»Ich muss gleich wieder weg.«

»Was ist denn passiert?«

»Ich bin mit dem Rad gefallen.«

»Schon wieder? Oh, Alda!«

»Hör zu, Sandrina. Ich muss noch mal weg. In einer Stunde bin ich zurück. Dann bringe ich Gipfeli zum Frühstück. Versprochen.«

»Gipfeli? Oh fein!« Sandrina strahlte.

Sie bat Sandrina, die Wohnung aufzuräumen, und fuhr so schnell sie konnte zu dem alten Bootshaus am Limmatufer, dem Treffpunkt von SIAMO NOI!. Als sie das muffige Halbdunkel betrat, sah sie sofort, dass es bis auf einen Stapel alter Bretter leer war. Alle Sachen waren verschwunden, selbst der modrige Sitzsack, den Jo irgendwann einmal angeschleppt hatte und vor dem sich Alda immer geekelt hatte, war weg. Die Kiste Bier, die Isabellas Vater letzthin zu seinem Geburtstag spendiert hatte, sowieso. Schockiert setzte sie sich auf den Boden und versuchte zu verstehen, was geschehen war.

Als sie wieder ins Freie trat, hörte sie es neben sich rascheln. Noch bevor sie sich umdrehen konnte, lief eine ältere Frau an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken. Sie blickte ihr eine Weile hinterher, verriegelte dann die Tür des Bootshauses und versteckte den Schlüssel unter einem Stein, so wie immer. Dann blickte sie um sich, kramte ihr Handy aus der Jackentasche und warf es kurzerhand in die Limmat. Das Geräusch des Aufpralls ließ sie zusammenzucken. Sie nahm ihr Fahrrad und fuhr im Dickicht der Uferbewaldung Richtung City, zur Anemonenstraße, wo Jo wohnte.

Dort angekommen kettete sie ihr Fahrrad an einen Laternenpfahl. Das auch tagsüber blaue Licht des Sokratesturmes war von der Anemonenstraße aus gut zu sehen. So nah dran war man hier schon an der gelungenen Lebensführung! Alda bahnte sich einen Weg durch Abfall und ausgelagerte Möbelstücke und stieß die Haustür auf. Der beißende Uringeruch übermannte sie diesmal fast. An der Anemonenstraße hatte man alle Hoffnung fahren lassen.

Sie rannte die Treppe hoch und klingelte. Nach einer unruhigen Minute vernahm sie die schlurfenden Schritte von Hans, Jos Mitbewohner. Er sah schlechter aus als je zuvor.

»Bist du krank?«, entfuhr es ihr.

»Nein, müde. Nachtschicht. Jo ist nicht da.«

»Wo ist er denn?«

»Keine Ahnung. Den habe ich seit Tagen nicht mehr gesehen.«

»Oh.«

»Ich dachte, er sei bei dir.«

»Äh, nein, bei mir war er schon lange nicht mehr. Wenn er wiederkommt, dann sag ihm, er soll mich anrufen.« Dann fiel ihr ein, dass sie kein Telefon mehr hatte. »Nein, nein. Sag einfach nichts.«

»Ich sag ihm, er soll sich melden!«, rief Hans ihr hinterher. Sie war bereits auf der Treppe nach unten.

»Nein, nein! Sag nichts!«, rief Alda zurück, aber Hans war schon wieder in der Wohnung verschwunden.

Sandrina saß am Tisch in der Küche und war mit Hingebung dabei, eines ihrer zahlreichen Aquarellbilder zu malen. Die Wohnung war so unaufgeräumt wie zuvor.

»Hey«, grüßte Alda, noch immer keuchend und stellte die Tüte vom Bäcker auf den Tisch.

»Hallo. Du bist ja ganz außer Atem!«, sagte Sandrina lachend und hielt das Bild hoch. »Schau mal.«

»Cool. Sieht gut aus«, antwortete sie, ohne aufzuschauen. Sie stand an der Spüle und ließ Wasser in ein Glas laufen.

»Alda! Du hast es ja gar nicht angeschaut. Das bist du!«

Alda drehte den Kopf, um das Bild zu betrachten. Tatsächlich war sie sofort zu erkennen. Abgesehen von der zu rosigen Hautfarbe hatte Sandrina sie gut getroffen. Augenfarbe, Haare, Proportionen, alles stimmte. »Es ist schön. Das ist dir sehr gut gelungen. Ehrlich.«

»Du darfst es behalten. Ich habe es für dich gemalt.«

»Das ist echt nett von dir. Danke«, antwortete sie matt. »Komm, lass uns frühstücken. Es riecht nach Kaffee. Hast du ihn schon aufgesetzt?«

»Es ist schon alles fertig, du brauchst dich bloß noch hinzusetzen«, sagte Sandrina strahlend und stand auf, um das mit Tellern, Tassen, Margarine und Marmelade vollgepackte Tablett auf den Tisch zu stellen.

»Was hältst du eigentlich davon, wenn wir umziehen?«, wollte Alda zwischen zwei Bissen wissen.

»Wohin denn?«, antwortete Sandrina kauend.

»Weiß ich noch nicht. Vielleicht finden wir eine schönere Wohnung. Nicht so ein Loch, wie das hier ist.«

»Meinst du?« Es klang zweifelnd.

»Ja, meine ich.«

»Also, ich finde es hier nicht so schlimm. Eigentlich haben wir es doch ganz gemütlich.«

»Das schon, aber wir ziehen auf jeden Fall um«, platzte Alda heraus. »Häh?«

»Ich mache mich noch heute auf die Suche nach einer anderen Wohnung.« Sie blickte in Sandrinas bestürzte Miene und war mit einem Mal außer sich vor Wut. Sandrinas Augen füllten sich mit Tränen. Sie saß stocksteif am Tisch und starrte ins Leere. Dann stand sie so rasch auf, dass der Stuhl nach hinten kippte und laut scheppernd zu Boden fiel. »Du machst immer alles kaputt!«

»Stell dich nicht so an!«

»Ich wünschte, Mama wäre hier!«

Alda schrie: »Sie ist aber nicht hier! Und Papa auch nicht! Und sie werden auch nicht wiederkommen! Sie sind nämlich beide TOT!«

Sandrina verschwand in ihrem Zimmer und zog die Tür mit einem lauten Knall zu. Alda hörte sie schluchzen und schämte sich.

Sie fanden eine kleine Wohnung in einem der besetzten Häuser am anderen Ende der Stadt. Dort, wo der Polizei die Lust, Ordnung zu schaffen, längst vergangen war und man die Bewohner ihrem angeblich drogenverseuchten Tun überließ. Dort, wo das leuchtende Blau des Sokratesturms nicht einmal mehr eine vage Idee war, nicht einmal mehr ein Schimmern am Horizont.

Zwei dunkle Zimmer und eine laute Küche. Der graue Wohnblock mit den altmodischen, gelben Fensterläden, von denen kaum einer mehr richtig in den Angeln hing, stand ganz nahe an einem der mächtigen Betonpfeiler, die die alte Autobahn stützten. Zwei Routen überreifen Asphalts kreuzten sich genau über ihrem Dach. Das dumpfe Grollen über ihren Köpfen klang Unheil bringend und nahm Alda den Appetit. Sie verbrachte Stunden damit, aus dem Fenster auf den Betonpfeiler zu starren, den man vor lauter Erschütterung fast zittern sah. Eines Tages würde er einfach einbrechen, alles mitreißen, was über ihnen war, und ihnen ein frühes Grab bereiten. Die anderen Bewohner nahmen es mit Achselzucken hin. Das unablässige Sirren des Betons über ihnen war ihnen in den Gehörgang gekrochen und zu einer Selbstverständlichkeit geworden, so wie die Luft, die sie atmeten. Vor Jahren noch hatte die Stadtverwaltung versucht, die Häuser räumen zu lassen und es dann irgendwann aufgegeben. Die Menschen waren jedes Mal zurückgekehrt, vielleicht aus Trotz, vielleicht, weil sie keine andere Möglichkeit hatten.

Ihr neues Zuhause war verpestet. Es war klar, dass sie nicht für immer bleiben konnten, und Alda hatte auch längst einen Plan. Sie wollte mit Sandrina nach Lissabon. Zu Fuß. Alles andere war zu gefährlich und viel zu teuer.

»Niemals«, kam die kopfschüttelnde Antwort. Es war einer der letzten warmen Tage im Oktober. Sie saßen auf den sonnenbeschienenen Steinstufen, die zum verwilderten Treppenhaus führten, und schauten den Kindern des Hauses und der Nachbarschaft bei ihrem lauten Treiben zu. Alda hielt eine Ansichtskarte in der Hand, von der sie weder wusste, wer sie gesandt hatte, noch wie sie zu ihr gelangt war. Ein Esel mit einem Blumenkranz zwischen den Ohren war darauf zu sehen und auf der Rückseite stand: Kommt nach Lissabon! Hier seid ihr in Sicherheit! Wer war es, der wusste, dass sie in Zürich nicht in Sicherheit waren? Die Karte machte ihr Angst.

»Wir könnten den ganzen Frühling hindurch wandern. Jeden Tag frische Luft und das Erwachen der Natur. Wäre das nicht einfach fabelhaft?« Hundert Tage, wenn sie jeden Tag zwanzig Kilometer schafften. Alda hatte es längst ausgerechnet.

Sandrina schüttelte nur den Kopf, stand auf und ging auf die Mädchen zu, die mit Kreide etwas auf den Parkplatz gezeichnet hatten und in den Feldern herumhüpften. »Darf ich mitspielen?«, hörte Alda sie fragen und im nächsten Moment hüpfte die große und schwere Sandrina mit den langhaarigen, kleinen Mädchen mit, die alle ziemlich zerzaust aussahen. Für einen Augenblick sah es so aus, als ob sie glücklich wären.

Zwei fast sorglose Monate vergingen und dann stand einer, den Alda noch nie zuvor gesehen hatte, vor ihrer Tür. Sie bemerkte ihn erst, als sie aus ihrer Wohnung trat. Er lehnte am Treppengeländer und hatte eindeutig auf sie gewartet. Sie grüßte und wollte sich an ihm vorbeizwängen, doch er hielt sie am Arm fest.

»He, was soll das?«

»Sie wissen, wer du bist.« Er sagte es fast tonlos.

»Bitte?« Sie riss sich von ihm los.

»Ich sagte, sie wissen, wer du bist«, wiederholte er etwas lauter.

»Sag mal, wovon redest du eigentlich?« Hatte Jo ihn geschickt?

»Du weißt genau, wovon ich rede. Du bist aufgeflogen.« Er verzog den Mund zu einem mitleidigen Grinsen.

Das kann nicht sein, wollte Alda rufen und konnte sich gerade noch beherrschen. »Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst«, antwortete sie stattdessen und grinste nun selbst. »Sorry.« Sie zuckte mit den Schultern, ging an ihm vorbei und die Treppe hinab zum Ausgang. Er folgte ihr auf dem Fuß, und bevor er hinter ihr aus dem Haus trat und in die andere Richtung davonging, flüsterte er: »Besser, du haust ab.«

Also packten sie wieder ihre Sachen und zogen aufs Land, auf einen der zahlreichen verlassenen Höfe, die die Landschaft der Schweiz säumten, als ob jemand sie auf dem Monopolybrett vergessen hätte. Für Alda war es nur ein längerer Halt auf dem Weg nach Lissabon. Für Sandrina war es ein neues Zuhause.

-4-

»Und, wie geht es dem Supergehirn?«, wollte Bernhard wissen und reichte Fabiana ein halb volles Weinglas. Fabiana nahm es dankend entgegen, schnupperte kurz am Inhalt und stellte es auf den Sofatisch. Bernhard zog seine Schuhe aus, ließ sie mitten im Raum liegen und schlenderte auf Socken zur Stereoanlage, um die neue Platte von Philip Glass aufzulegen. Er hatte sie von seiner Konzerttour mitgebracht. Fabiana hasste Philip Glass. Bernhard wusste das. Als die ersten Töne in der passenden Lautstärke erklangen, ließ er sich Fabiana gegenüber auf dem Boden nieder, nicht ohne dass ihm sein Glas beinahe aus der Hand gefallen und auf dem Teppich gelandet wäre.

Fabiana versuchte, ihn zu ignorieren. Sie wusste, was nun kommen würde. Der Andere zog sie mit den immer gleichen Sprüchen auf. Sie tat, als ob sie ihn nicht gehört hätte, und blätterte gemächlich in der neuen Ausgabe der ›annabelle‹, die sie sich zur Entspannung am Kiosk gekauft hatte. Ab und zu, wenn sie etwas vollbracht hatte, erlaubte sie sich dieses hirnlose Tun. Oder, wenn sie frustriert war. Sie fand es schade, dass die letzten beiden Konzerte des Ensembles ausgefallen waren und der Andere deshalb früher zurückgekehrt war. Sie mochte es, wenn er weg war. Mehr, als wenn er da war. Stüssi hatte ihr schon mehr als einmal vorgeworfen, dass sie ein mieser Feigling sei, weil sie aus reiner Bequemlichkeit mit Bernhard zusammenbleibe. Das stimmte nur teilweise. Es war nicht bequem, mit Bernhard zusammen zu sein, es war einfach geordnet. Fabiana mochte kein Chaos und auch keine Szenen. Sie mochte Ordnung.

Bernhard ging es anscheinend genauso. Jedenfalls ließ er sich durch Fabianas Kühle nicht aus der Ruhe bringen, im Gegenteil, ihre Kälte schien ihn anzuspornen. Je abweisender Fabiana ihm begegnete, desto herzlicher und ungehemmter benahm er sich ihr gegenüber. Entweder war Bernhard ein guter Schauspieler oder er strotzte nur so vor Selbstvertrauen.

»Also, im Grunde läuft eure Idee darauf hinaus, aus normalen Menschen glückliche Menschen zu schaffen und das Glück dieser Menschen mithilfe einer künstlichen Intelligenz auf eine höhere Ebene, die sogenannte Gesellschaft, zu übertragen, richtig?«

Fabiana nickte, ohne den Blick von den Trends der ›Pariser Fashion Week‹ abzuwenden. Sie wusste ja bereits, was Bernhard von ihrem Projekt hielt. Nichts.

»Oder, salopp gesagt, ihr wollt mittels Pharmazie glückliche Gehirne generieren, die Gedanken dieser Gehirne in einen Pool fassen und daraus ein digitales Supergehirn schaffen. Eine glückliche Intelligenz, die die Welt regieren soll.«

Fabiana legte den Kopf schief und nickte wieder, ohne Bernhard anzuschauen. Wieso eigentlich sahen die Models immer so mürrisch aus und weshalb wiederholte Bernhard, was sie schon zig Male besprochen hatten? Fabiana wusste, was gleich folgen würde. Sie klappte die Zeitschrift zu, nahm einen Schluck von ihrem Wein, lehnte sich zurück und wartete.

Bernhard stand auf und ging in die Küche, um nach den Töpfen zu sehen. Fabiana hörte das rieselnde Geräusch der Spaghetti, die ins heiße Wasser rutschten. Sie wusste, dass er als Nächstes die Soße umrührte und abschmeckte. Seit mehr als zehn Jahren waren sie zusammen. Gute Jahre. Nur die letzten paar waren mühsame Jahre gewesen. Vielleicht, weil Fabiana sich standhaft geweigert hatte, seinem Kinderwunsch nachzugeben. Sie hatte immer erwartet, dass er sie verlassen würde und mit einer anderen Frau eine Familie gründen würde. Als Konzertmusiker hatte er genügend Gelegenheit, sich nach einer anderen umzuschauen. Aber nichts geschah. Die Jahre vergingen und Bernhard blieb. Sie feierten Fabianas 39., 40., 41. Geburtstag. Er war oft auf Tour und Fabiana ging voll und ganz in ihrer Arbeit auf.

Sie hörte sein leichtes Grunzen. Anscheinend war ihr Freund mit der Soße zufrieden. Sie hörte, wie er den Löffel weglegte und als Nächstes den Kühlschrank öffnete. Ein raschelndes Geräusch, der Kühlschrank wurde wieder geschlossen. Bernhard stellt den Parmesan mit der Reibe auf den Tisch und kam ins Wohnzimmer zurück. Er setzte sich wieder Fabiana gegenüber auf den Boden und blickte sie über den Sofatisch hinweg amüsiert an.

Fabiana betrachte ihn zerstreut und wandte sich dann ab. In letzter Zeit war sein Blick nicht auszuhalten. Vielleicht blickten seine Augen zu durchdringend, vielleicht hatte sie auch Mitleid mit ihm, sie wusste es nicht. Vor allem wusste sie nicht, weshalb sie Mitleid mit ihm haben sollte. Weil er sie verlieren würde? Vielleicht fände er das gar nicht so schlimm. Viel weniger schlimm, als sie sich einbildete. Vielleicht war er nur aus Mitleid bei ihr geblieben. Oder aus Gleichgültigkeit. Er würde eine Neue finden, das stand schon mal fest. Schließlich antwortete sie: »Man darf die Welt nicht weiter den Menschen überlassen. Schau dir die Nachrichten an. Du siehst ja, was überall los ist und die Wahl dieser Wahnsinnigen in Frankreich hat schließlich einmal mehr gezeigt, wie groß die Dummheit der Leute ist.«

»Na, warten wir mal ab, was …«, setzte Bernhard zu einer Antwort an, doch Fabiana unterbrach ihn unwirsch.

»Der Mensch, DER Mensch, hat anscheinend nur entweder sein eigenes Fortkommen im Blick oder er ist sonst nicht ganz bei Trost und muss vor sich selbst geschützt werden. Das sollte dir ja nichts Neues sein.« Bernhard hatte sich oft genug über die dummen Rechten beschwert, den Pöbel, der immer mehr das Sagen zu haben schien.

»Das ist aber ganz schön paternalistisch gedacht, meine Liebe. Wow! Und, was ist mit der Freiheit der Bürger? Der Weltbürger meinetwegen?«

»Für das Wohl aller muss die Freiheit Einzelner wohl mal ein bisschen zurückstecken, nicht?«, antwortete Fabiana. Ihr Ton klang giftiger, als sie gewollt hatte. Sie leerte das Weinglas in einem Zug, stellte es zu heftig auf die Tischplatte und stand auf. Sie ging in die Küche, riss eine Schublade auf, entnahm ihr eine Gabel und angelte damit eine Nudel aus dem Topf, um zu probieren, ob sie al dente sei.

»Und wer sagt dir, dass glückliche Menschen nicht korrupt und nicht gierig sind? Wer garantiert dir, dass eine glückliche Regierung - darauf läuft es schlussendlich ja hinaus - auch eine moralische Regierung ist?« Bernhard war ihr in die Küche gefolgt.

Fabiana seufzte. Wie oft hatten sie schon darüber diskutiert? Wie oft hatte sie ihm schon erklärt, dass sie gerade das herausfinden wollten? Und wie viele Nächte hatte sie selbst schon schlaflos über dieser Frage gebrütet? »Ich weiß es nicht und du weißt ganz genau, dass ich es nicht weiß. Es ist Teil der Forschungsfrage, Herrgott!« Sie knallte die Gabel auf die Arbeitsfläche neben dem Herd und hätte, als sie sich umdrehte, fast die Pfanne mit der Soße vom Herd gefegt.

»Pass auf!« Bernhard konnte den Griff gerade noch zu fassen kriegen.

»Mein Gott! Wenn das auf dem Boden gelandet wäre!«, rief Fabiana erschrocken.

»Ja! Pass halt auf.«

»Sorry«, murmelte sie und wollte aus der Küche gehen, aber Bernhard verstellte ihr den Weg.

»Eben, die Forschungsfrage. Davon verstehe ich ja nicht viel, aber was machst du, wenn es schiefläuft? Wenn du mit deinem Supergehirn einen Haufen Schaden anrichtest? Wirst du damit umgehen können?« Er nahm ihre Hand, zog sie ganz nah an sich heran und betrachtete sie mit hochgezogenen Augenbrauen. »Jedenfalls wirst du die hübscheste Gescheiterte sein, die mir je untergekommen ist.«

Allein dafür hätte Fabiana ihn am liebsten links und rechts geohrfeigt. Er beugte sich vor, gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Lippen und deutete mit einer Kopfbewegung Richtung Kochtopf. »Ich denke, die Pasta ist gut. Wollen wir?«

Am nächsten Tag hatte Fabiana gerade ihre Bibliografie auf den neuesten Stand gebracht, als Macbeth im Türrahmen erschien. Sie schluckte rasch die klebrige Masse Schokoriegel, die sie zwischen den Zähnen hatte, hinunter und tat, als ob sie ihn nicht bemerken würde. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er mit steifem Finger eine Nachricht in sein Handy tippte. Sie musste unwillkürlich grinsen.

Fast das gesamte Institut, Gewe ausgenommen, nannte Stefan Alber ›Macbeth‹ und zwar nicht, weil er das Zeug zum Königsmörder gehabt hätte, sondern wegen seines Hangs zur Theatralik. Macbeth hatte die Angewohnheit, jedes Mal bevor er einen Raum betrat, im Türrahmen stehen zu bleiben und sich ein paar Sekunden staunend umzusehen, so, als ob er sich wieder und wieder des Wunders seiner Existenz und der seiner erstaunlichen Mitgeschöpfe versichern müsste. In Wahrheit, so wusste nicht nur Fabiana, diente das Ganze lediglich der Selbstinszenierung. Schließlich ist es mit Türrahmen wie mit Bilderrahmen. Fast jeder schaut hin und manch einer hält den Inhalt für besonders wertvoll. Ohne es zu wollen, ging es Fabiana nicht anders. Er ist eitel, selbstverliebt und außerdem ein totaler Langweiler, redete sie sich selbst gut zu. Doch ihre Anstrengungen, eine Abneigung gegen ihn zu kultivieren, blieben vergeblich. Sie hatte schon öfter feststellen müssen, dass Macbeths Interessen sich keineswegs darauf beschränkten, mit wichtiger Miene Jazz zu hören. Letzthin war er gar in der etwas schäbigen Eckkneipe, die Fabiana mit Vorliebe besuchte, aufgetaucht, natürlich nicht ohne seine stets wie aus dem Ei gepellte blonde Begleitung und nicht ohne staunend im Türrahmen stehen zu bleiben. Außerdem hatte er Humor.

»Was gibt’s?«, wollte Fabiana etwas zu forsch wissen. Stüssi unterbrach seine Tätigkeit instinktiv und einen Moment zu lange, lächelte süffisant in seinen Computer hinein und tippte weiter.

»Na ja, es ist so schönes Wetter heute. Ich dachte, man könnte irgendwo in einem schönen Biergarten auf die grässliche Lage der Welt anstoßen.«

»Urhg«, presste Fabiana zwischen den Zähnen hervor, »ich kann leider nicht. Ich muss etwas fertig machen.«

»So? Was denn?«, wollte Macbeth interessiert wissen und näherte sich Fabianas Schreibtisch zwei gefährliche Schritte. Stüssi äugte neugierig über den Rand seiner Brille, gespannt, ob Fabiana entweder knallrot werden oder die Katze aus dem Sack lassen würde oder beides.

»Ähm, nichts Besonderes eigentlich. Der übliche administrative Kram, du weißt schon«, wich Fabiana aus.

»Kann das nicht bis morgen warten? Morgen soll es schon wieder regnen.« Fabiana verneinte und Macbeth machte ein enttäuschtes Gesicht.

»Außerdem muss ich gleich nach Hause«, fuhr sie fort. »Der Andere … ich meine, Bernhard hat heute Geburtstag und da wollten wir …«, stammelte Fabiana und suchte verlegen nach Worten.

»Schön essen gehen!«, rief Stüssi.

»Du sagst es. Schön essen gehen«, bejahte sie und warf Stüssi todbringende Blicke zu.

»Schade, da kann man wohl nichts machen«, murmelte Macbeth und wollte sich bereits auf dem Absatz umdrehen, als Stüssi grinsend rief: »Ich komme gern mit!«

»Oh, ja, klar!«, rief Macbeth, aus irgendeinem Grunde wild mit den Händen gestikulierend. »Sagen wir … in einer halben Stunde im ›Hirschen‹?«

Trotz Bernhards lautstarken Einwänden, dass man ja wohl abgemacht hätte, Freunde in Genf zu besuchen, verbrachte Fabiana fast das ganze Wochenende am Institut. Sie schlenderte rastlos zwischen Büro, Kaffeeraum und Snackautomat hin und her und feilte an der perfekten Formulierung des Antrags. Von Zeit zu Zeit, sie konnte es nicht lassen, spazierte sie an Macbeths geschlossener Bürotür vorbei. Ein bisschen hatte sie gehofft, auch er würde am Institut auftauchen und sei es nur, um ihr das Leben schwer zu machen.

Am Montag darauf besprachen sie im Team letzte Details des Antrags und am Dienstag schickten sie ihn los, auf den letzten Drücker und nicht bevor er von Gewe kopfschüttelnd und zähneknirschend abgesegnet worden war.

Der Andere fand, nun sei es an der Zeit, dass Fabiana sich wieder normal benehme, was Fabiana unweigerlich mit ihm zuhören, ihm Gesellschaft leisten und mit ihm schlafen, übersetzte. Einmal mehr fragte Fabiana sich, ob und wann sie es über sich bringen würde, ihn zu verlassen. Ein Problem, das sich vier Monate später von selbst erledigte, nämlich als Fabianas Forschungsantrag tatsächlich angenommen wurde. Bernhard, so nannte auch sie den Anderen nun, verließ sie nach all der Zeit fast auf der Stelle.

Die Kunde, dass Fabiana zusammen mit Stüssi und zwei Kollegen aus dem befeindeten Neurowissenschaftlichen Institut einen millionenschweren Forschungsdeal an Land geholt hatte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer auf dem Stockwerk, sorgte für Jubel, für Unruhe und mancherorts für schlechte Laune. Nachdem die Gratulationswelle verebbt war, kam die Welle der tausend Einwände. Zweifel wurden mit hochgezogenen Augenbrauen geäußert und ein besonders findiger Doktorand vermutete, dass es eventuell gar keiner Regierung mehr bedürfe, wenn alle glücklich und friedfertig seien und im Prinzip nichts mehr falsch laufen könne. Dann stand eines Tages der Vorwurf im Raum, dass sie bei ihrem Projekt das Glück künstlich hervorrufe und dies ja wohl nicht dasselbe sei wie echtes Glück.