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"Ich habe wirklich genug von dieser Schwarzmalerei!", ist Kerstins Meinung zum Klimawandel. Ihre Tochter Lara fühlt sich von den Erwachsenen im Kampf gegen die globale Krise im Stich gelassen. Lara zuliebe lässt sich Kerstin auf Veränderungen zu Ernährung und Einkaufsverhalten ein. Sie erringen erste Erfolge, doch dann wird Lara in der Schule mit Hindernissen konfrontiert, die erhebliche Missstände im System offenbaren. Sind ihre privaten Bemühungen überhaupt lohnenswert? Oder kämpfen sie gegen Windmühlen an? Als sie direkt die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommt, erkennt die Familie, dass sie die gesellschaftlichen Systeme wandeln muss. Ihre Bemühungen locken einige Gleichgesinnte an. Doch schnell tauchen auch Widersacher auf, die den Status quo verteidigen wollen. Unüberwindbare Hürden tun sich auf. Das Blatt wendet sich, als sie in Laras Onkel Jens einen überraschend tatkräftigen Verbündeten finden. Denn der junge Landwirt will mit Permakultur und einem Waldgarten die konventionelle Landwirtschaft revolutionieren.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Isabel Batista
Die Systemwandler
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Zitat
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Es geht weiter
Gemüse-Curry der Saison
Unterstützung für „Peace of Land“
Literaturempfehlungen
Danksagung
Über die Autorin
Die Systemwandler
von Isabel Batista
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.dnb.de abrufbar.
© 2022 Isabel Batista, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Verlegerin.
Texte, Umschlag- und Cover-Gestaltung: Isabel Batista
Coverbild: pixabay
Lektorat: Ramona Pingel, Silbentaucher
Verantwortlich für den Inhalt:
Isabel Batista,
c/o Block Services
Stuttgarter Straße 106,
70736 Fellbach
www.isabelbatista.de
„Man schafft niemals Veränderung,
indem man das Bestehende bekämpft.
Um etwas zu verändern, baut man Modelle,
die das Alte überflüssig machen.“
Richard Buckminster Fuller
Dieses Buch ist all jenen Menschen gewidmet,
die die Welt sehen, wie sie ist,
aber auch wie sie sein könnte,
und die sich auf den Weg gemacht haben,
diese Welt positiv zu gestalten.
Das Wetter täuschte alle. Wolkenloser Himmel, eine strahlende Sonne, überhitzte Luft. Kerstin sah hinauf und musste blinzeln. Ihr war heiß in der schwarzen Jacke über der Bluse. Auch Rock und Pfennigabsätze waren nur passend für ihr späteres Kundengespräch, doch eher eine ungünstige Kleiderwahl für den Aufenthalt zwischen zehntausend Menschen.
„Herrliches Wetter heute“, sagte sie aufmunternd zu ihrer Tochter, die zappelnd neben ihr stand und zur Bühne blickte. Die Fünfzehnjährige war schon seit Tagen nervös.
„Es ist viel zu warm für Anfang März“, klärte Lara ihre Mutter auf. Sie war zwar für ihr Alter recht groß, musste sich aber dennoch auf die Zehenspitzen stellen, um den aktuellen Redner der Kundgebung zu sehen. Die Köpfe all der Menschen, die sich zum globalen Klimastreik versammelt hatten, versperrten ihr immer wieder die Sicht.
Laras gleichalterige Freundin Melanie stimmte den Worten des Mädchens ungewohnt energisch zu. „Das passiert jetzt schon mehrere Jahre hintereinander“, sagte sie. „Es wird immer schlimmer.“ Ihre Augen blickten besorgt, auf ihrer Stirn zeigten sich Falten. Sie war eigentlich sonst eher ruhig, das genaue Gegenteil von Lara, die forsch und fordernd durchs Leben ging.
„Wäre euch triefender, kalter Regen bei Wind aus Nordwesten etwa lieber?“, fragte Kerstin mit einem herausfordernden Grinsen.
Wie ein einzelner Organismus sagten die beiden Mädchen „Ja” und sahen die unwissende Erwachsene verständnislos an.
„Aber das heiße Sommerwetter im März hat auch etwas Gutes“, räumte Lara ein, und sprang damit ihrer Mutter zur Seite. „Bei Regen wären heute sicher nicht so viele Menschen hier. Wir müssen Viele sein, damit sich etwas bewegt.“
Kerstin nickte zustimmend. Sie hatte ihre Tochter und deren langjährige beste Freundin begleitet, um die Mädchen bei ihrem Engagement fürs Klima zu unterstützen. Sie war selbst sehr neugierig auf die Veranstaltung. Nun standen sie hier auf dem weiträumigen Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin, inmitten der anderen Demonstranten. Sie alle blickten voller Erwartung zur Bühne. Seit einer halben Stunde wechselten sich dort verschiedene Redner am Podium ab. Hinter ihnen befand sich eine große Leinwand, auf der Daten und Fakten die genannten Argumente untermauern sollten, allesamt geradezu furchterregend.
Schreckensszenarien wie Hungersnöte, Dürren, schmelzender Permafrost, Flüchtlingsströme, Hochwasser, Stürme wurden in plastischen Bildern geschildert. Die Liste an fürchterlichen Auswirkungen des Klimawandels war lang. So wie sich die Naturkatastrophen häuften und die Schreckensnachrichten mehrten, so wurden auch die Rufe nach Maßnahmen lauter, um die drohenden Katastrophen abzuwenden. Die extreme Erhitzung des Planeten Erde musste unbedingt aufgehalten werden.
Kerstin war heute zum ersten Mal mitgekommen, obwohl ihre Tochter bereits seit über einem Jahr an den Freitagsdemonstrationen für mehr Klimaschutz teilnahm. Der heutige Klimastreik war ein globales Ereignis, das weltweit in großen und kleinen Städten zeitgleich stattfand. Die Beteiligung war gigantisch. Zehntausende waren allein in Berlin dem Aufruf gefolgt. Überall auf der Welt versammelten sich unzählige Menschen auf den Plätzen und Straßen ihrer Städte, insgesamt mehrere Millionen, um für Klimaschutz und ein Umdenken der Menschheit einzustehen.
Eine Frau trat auf die Bühne und wechselte den aktuellen Redner ab. Sie rief kämpferische Parolen ins Mikro, die die Menge mit zustimmendem Johlen beantwortete. Es folgten weitere Szenarien, die an Weltuntergangsprophezeiungen erinnerten. Kerstin begann, sich gedanklich abzuwenden und stattdessen ihre Tochter zu beobachten. Lara und Melanie schwänzten für diese Aktion, wie regelmäßig freitags, den Schulunterricht. Kerstin und ihr Mann Max unterstützten das jugendliche Engagement ihrer Tochter, denn schließlich mischte sich ihre Tochter ein, beteiligte sich am politischen Geschehen. Das erschien ihnen unterstützenswert. Mittlerweile bezweifelte Kerstin jedoch, dass sie hier wirklich etwas erreichen konnten. Es ging doch immerfort nur um das Schüren von Angst und Wut.
Schon nach wenigen Minuten kam ein weiterer Redner auf die Bühne. Der junge, schlanke Mann schien dem Publikum bekannt zu sein, denn viele jubelten ihm wie einem Superstar zu.
„Wir befinden uns im Klimanotstand“, rief er als Einstimmung in das Mikrofon.
Kerstin verdrehte die Augen. Er schlug denselben Ton an, wie die übrigen Vortragenden.
„Wir müssen endlich handeln“, sprach er weiter. „Uns bleibt nur noch wenig Zeit, nur noch ein kleines Zeitfenster, bis es zu spät ist. Sonst können wir das Ziel, die Erderwärmung auf unter eins Komma fünf Grad zu halten, vergessen. Dann wird sich dieser Planet zu einem unwirtlichen Ort für uns alle entwickeln.“ Er machte eine lange Pause, in der es schien, als müsste er sich erst wieder sammeln. Dann jedoch sprach er mit düsterer Stimme weiter. „Mit unserem Rohstoff-Hunger verbrauchen wir unseren Planeten so schnell, als hätten wir noch zwei oder drei mehr davon in Reserve. Aber, Leute, es gibt nur diese eine Erde, nur dieses eine Zuhause für uns.“ Hinter ihm auf der Leinwand erschienen Bilder von brennenden Wäldern, abbrechenden Gletschern und verdorrten Böden. „Wir stecken dieses Zuhause gerade in Brand.“
„Der malt ja ein Horrorszenario“, sagte Kerstin abschätzig.
Sofort sahen sie die beiden Mädchen vorwurfsvoll an. „Es ist ja wirklich schon fast zu spät“, mahnte Lara. „Es will nur keiner wahrhaben. Das Problem existiert schon seit mindestens vierzig Jahren. Solange, wie du auf der Welt bist.“ Sie wies auf ihre fünfundvierzigjährige Mutter, die sich sofort unwissend fühlte. „Alle wollen so weitermachen wie bisher.“
Melanie nickte energisch. „Deshalb muss man ihnen die Augen öffnen“, sagte sie.
„Ich würde behaupten, dass unsere Augen bereits ziemlich weit offen stehen; und zwar vor Entsetzen“, sagte Kerstin. „Jetzt wäre es an der Zeit, sich wieder zu beruhigen und konstruktiv vorzugehen.“ Sie legte einen beschwichtigenden Ton in ihre Stimme, der aber seine Wirkung auf die Mädchen verfehlte.
„Das klappt aber nur mit den entsprechenden Gesetzen“, gab Lara zu Bedenken. „Deshalb stehen wir doch heute hier.“ Ihre außergewöhnlichen Augen, mit den goldenen Sprenkeln in der braunen Iris, sahen sie aufmerksam an.
Kerstin überkam plötzlich das Gefühl unerklärlicher Hilflosigkeit, angesichts der übergroßen Aufgabe, die ihnen bevorstand. Hilfe von oben schien es auch nicht zu geben, so träge und halbherzig wie die Bundesregierung bisher auf die Forderungen der Jugendlichen reagiert hatte.
Als erfahrene Erwachsene wusste sie nichts auf die Worte ihrer Tochter zu erwidern. Alle wandten deshalb ihre Aufmerksamkeit wieder dem jungen Mann auf der Bühne zu. Er wiederholte gerade die Forderungen, die schon seit Monaten an die Politiker dieses Landes und weltweit gerichtet wurden: „Kohlekraftwerke abschalten, erneuerbare Energien fördern, die Landwirtschaft umbauen, das Auto endlich vom Thron des Verkehrsmittels Nummer eins herunterstoßen.“
Sofort überkam Kerstin ein schlechtes Gewissen. Sie war viel mit dem Auto unterwegs, hatte sich noch nicht durchgerungen auf Ökostrom zu wechseln und achtete bei ihrer Ernährung überhaupt nicht auf Klimafreundlichkeit.
„Wir können nicht länger warten“, rief der Redner weiter. „Fangen wir noch heute an. Wir haben es in unseren eigenen Händen, eine bessere Welt zu gestalten.“
Jetzt wurde Kerstin hellhörig.
„Mit unserem Lebensstil bestimmen wir, auf was für einem Planeten wir leben wollen. Wie soll euer Planet aussehen?” Er machte eine kurze Pause, in der die Menge Zeit hatte, für sich selbst eine Wahl zu treffen. „Wählt ihr den Wüstenplaneten, auf dem euch der Staub die Lungen verbrennt und ihr keinen Tropfen Wasser mehr findet? Oder wählt ihr den Blauen Planeten, auf dem die Menschheit alles geschenkt bekommt, was sie zum Leben braucht? Trefft heute eure Wahl und setzt alles daran, dieses Ziel zu erreichen. Welchen Lebensstil wollt ihr wählen? Welchen Planeten wählt ihr?“, fragte er.
Lara hob ihre Faust in die Höhe und rief laut: „Den Blauen Planeten!” Ihre Stimme klang kratzig, als hätte sie sie noch nie richtig benutzt. Melanie und einige fremde Umstehende wiederholten laut rufend Laras Worte, und im nächsten Moment ging ein Johlen durch die Reihen, die Worte pflanzten sich fort, und schließlich rief die ganze Menge „Den Blauen Planeten”. Der Redner auf der Bühne blickte für einige Momente fasziniert in die Menschenmenge, sichtlich berührt von der Szene. Kerstin dagegen hatte nur Augen für ihre Tochter. Mit ihren dunklen, langen Haaren, in denen einzelne geflochtene Strähnen baumelten, wirkte die Jugendliche mit einem Mal wie eine Öko-Kriegerin, die die Menschen für das Gute auf der Welt mobilisierte.
„Dann fangt heute an, Leute“, rief der junge Mann. „Esst weniger Fleisch, lasst euer Auto stehen, spart Energie, konsumiert achtsam“. Er holte tief Luft, setzte dann fort. „Verändert zuerst euch selbst, dann verbündet euch mit euren Nachbarn, eurer Gemeinde, eurer Stadt. Legt Gemeinschaftsgärten an, richtet Reparaturcafés ein, bildet Fahrgemeinschaften, tauscht, was das Zeug hält. Verändert euer Leben.“ Er nickte zuversichtlich. „Unser ‚Blauer Planet‘ ist es tausendmal wert.“
Während der Redner diese Bilder zeichnete, spürte Kerstin neue Hoffnung und auch Begeisterung in sich aufsteigen.
„In einem Jahr treffen wir uns genau hier wieder und ihr erzählt mir, was sich alles positiv in eurem Leben verändert hat, weil ihr heute die richtige Wahl getroffen habt. Es wird euer Leben bereichern, das verspreche ich euch!“
Er zeigte mit dem Finger auf ein paar der direkt vor der Bühne stehenden Menschen. „Welche eine Sache wirst du ab heute ändern?“, fragte er sie nacheinander. Das Mikrofon fing nicht ein, was ihm die Leute antworteten, doch er wiederholte es für sie. „Mehr Fahrradfahren, cool“, gab er die Worte einer jungen Frau wieder. „Veganer werden, krass Mann. Lass uns Kumpel werden und Rezepte austauschen.“
Die Menge lachte ausgelassen, eine ungewohnte Gefühlsäußerung an diesem Tag, und auch Kerstin musste schmunzeln. Ihr Blick schweifte über die umstehenden Menschen, von denen viele begeistert ihre Hände in die Luft hielten, um ihre Solidarität mit den Worten des Redners zu zeigen. Immer wieder ertönte ein Johlen oder klatschte die Menge in die Hände. Sie alle waren wie im Rausch.
„Unser ökologischer Fußabdruck muss sich drastisch verkleinern“, sagte der Redner und zeigte auf der hinter ihm aufgebauten Leinwand eine Grafik.
Darauf war die Erde als Kugel abgebildet. Dieser wunderschöne blaue Planet vor dem Hintergrund des unendlich weiten, einsamen Weltalls überstrahlte alles. Für einen Augenblick wurde es still um sie herum. Kerstin legte ihre Hände auf die Schultern ihrer Tochter. Fasziniert sah sie zusammen mit Tausenden von Menschen auf dieses Bild, das einst aus dem Weltall geschossen worden war und die Sicht auf ihren Heimatplaneten für immer verändert hatte. Das Bewusstsein hatte sich umgekehrt. Hier und heute schien es erneut möglich, eine andere Sichtweise einzunehmen.
„So sieht sie aus, unsere Erde“, sagte der Redner, „vergessen wir das nie und sorgen wir gemeinsam dafür, dass sie weiterhin unser Zuhause bleiben kann. Es gibt keine Alternative.“
Er verließ die Bühne unter tosendem Applaus der Menschenmenge, während auf der Leinwand das Bild des Blauen Planeten langsam verblasste.
Kerstin ließ schnaufend ihr Fahrrad mitten auf den Weg fallen. „Es gibt wirklich kein Erbarmen für untrainierte Autofahrer“, jammerte sie. Die Strecke hatte sie steil bergauf geführt. „Du hättest ruhig etwas langsamer fahren können.“ Immerhin war die Aussicht von hier aus schön. Japsend legte sie sich ins Gras, das sich entlang des Sandwegs in alle Richtungen erstreckte.
Lara sah auf ihre Mutter herab. „Wieso gerätst du so schnell außer Puste?“, neckte sie sie. „Du machst doch Pilates.“
„Pilates ist kein Ausdauersport.“ Kerstin schloss für einen Moment die Augen, um zu einem entspannten Atemrhythmus zurückzufinden.
Amüsiert setzte sich Lara zu ihr ins saftig grüne Gras, das in den letzten Wochen überall zu wachsen begonnen hatte. Sie pikste ihre Mutter in die Seite. „Umso schöner, dass du dich mal in den Sattel geschwungen hast.“
„Mach ich nie wieder“, scherzte Kerstin jammernd. Weil Lara nichts mehr erwiderte, öffnete sie die Augen und betrachtete ihre Tochter, wie diese nachdenklich in die Ferne sah.
„Schön hier“, kommentierte Kerstin die Aussicht auf die weite Wiese mit dem Teich in der Mitte, an dessen Ufer zahlreiche Pflanzen wuchsen. Ein paar Kinder versuchten mit Keschern kleine Lebewesen aus dem Wasser zu fischen. „Hier wollte ich schon immer mal hin.“
„Aber hier führt leider keine Autobahn hin“, gab Lara neckend zur Antwort.
Kerstin rappelte sich auf. Für eine ganze Weile saßen Mutter und Tochter schweigend im Gras und sahen den Kindern beim Spielen zu. Dabei wirkte Laras Blick nach innen gekehrt.
„Alles in Ordnung?“, fragte Kerstin schließlich besorgt. Sie strich ihrer Tochter das lange Haar zur Seite, so dass sie ihr besser ins Gesicht blicken konnte. Doch Lara zuckte nur mit den Schultern.
„Na gut, für den Rückweg nehme ich noch das Fahrrad. Du musst mich nicht tragen.“
Ihre Worte entlockten Lara ein zaghaftes Lächeln. „Ich find’s schade, dass Paps nicht auch mitgekommen ist.“ Lara warf ihrer Mutter einen Seitenblick zu. „Er hätte dich anschieben können.“
„Dabei wäre er bestimmt selbst ins Straucheln gekommen und wir hätten ihn einsammeln müssen“, sagte Kerstin lachend. „Er ist noch weniger fit als ich.“
„Ja, weil ihr beide nur mit dem Auto fahrt.“
„Ich hab so viel zu transportieren“, rechtfertigte sich Kerstin schnell. Als freiberufliche Architektin trug sie häufig überdimensionierte Zeichenmappen, in Pappröhren gerollte Pläne oder sogar selbstgebaute Modelle zu ihren Kunden, um ihnen ihr zukünftiges Zuhause zu präsentieren. Das konnte sie schlecht mit dem Fahrrad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln Berlins erledigen.
Lara nahm sich einen kleinen Zweig und stocherte damit im Boden herum. Kerstin spürte, dass sich das Thema nicht mit einem lustigen Spruch abschließen ließ.
„Sogar wenn Paps zu Hause ist, ist er nicht wirklich da“, sagte Lara traurig. „Er ist ständig nur am Arbeiten. Sogar an einem Samstag wie heute sitzt er lieber im Haus rum, statt mit uns ins Grüne zu fahren.“
„Er hat viel zu tun“, gab Kerstin vage zur Antwort. Dabei störte es sie selbst auch, dass Max kaum noch Freizeit mit ihnen verbrachte. Davon gab es ohnehin nur sehr wenig.
Wochentags war Kerstins Mann Max auf entfernten Baustellen unterwegs, um dort als Bauleiter für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Dieses Mal für einen Supermarkt in einem brandenburgischen Städtchen. Von Montag bis Donnerstag übernachtete er in einem kleinen Hotel in der Nähe der Baustelle, um sich den Fahrtweg zu sparen und bei Schwierigkeiten schnell vor Ort sein zu können. Erst am Freitagnachmittag brach er nach Berlin auf, um das Wochenende bei seiner Familie zu verbringen.
Doch selbst dann war er die meiste Zeit am Telefon oder allein in seinem Arbeitszimmer, um zu arbeiten.
„Er hat nicht einmal gefragt, wie es auf der Demo war.“
Kerstin blieb stumm und sah zu den Kindern am Teich hinüber. Der Vater des kleinen Jungen, der eifrig mit einem Kescher Kaulquappen zu fangen versuchte, strich seinem Sohn gerade lachend über den Kopf und sagte etwas zu ihm. Diese innige Verbindung hatte Max zu seiner Tochter verloren, irgendwo zwischen Berlin und einer der brandenburgischen Baustellen.
„Ich find’s voll super, dass du mal mit auf eine Demo gekommen bist“, lobte Lara ihre Mutter plötzlich, und schenkte ihr ein Lächeln, das ihre braunen Augen funkeln ließ.
Kerstin erwiderte das Lächeln, sah ihre Tochter dabei lange an. „Mir hat es gefallen, wie du dich für dein Anliegen einsetzt“, sagte sie schließlich. „So kraftvoll und bestimmt.“
„Es ist unser Anliegen, von uns allen“, sagte Lara ernst.
Kerstin nickte. „Ja. Das sollte es sein.“
„Fehlen dir etwa noch Ideen, wie du selbst etwas verändern könntest?“, fragte Lara grinsend. „Shifty hat doch eine Menge aufgezählt.“
„Shifty?“, fragte Kerstin.
„Das war der Redner, den du noch mitbekommen hast, bevor du zu deinem Kundengespräch musstest. Der hat dich doch beeindruckt, oder? Du warst ganz weggetreten bei seinen Worten.“
Kerstin musste lachen, als sie sich daran erinnerte, wie der junge Mann sie tatsächlich in seinen Bann gezogen hatte. „Er war eine erfrischende Abwechslung zu den ganzen Predigern von Horrorszenarien. Man bekommt ja in Bezug auf den Klimawandel nur noch Katastrophen zu hören“, sagte Kerstin. „Dieser Shifty“, sie sah Lara zur Bestätigung an, dass sie seinen Namen richtig behalten hatte, „er hat stattdessen gesagt, was wir alle tun können, um das Ganze aufzuhalten. Noch dazu hat er mir auch vor Augen geführt, wie schön unsere Erde ist.“ Sie lächelte versonnen. „Tragisch, dass ich das vergessen habe.“
„Wie schön sie NOCH ist“, wurde sie von ihrer Tochter korrigiert. „Das üppige Leben auf dem Planeten könnte sich sehr bald in eine verbrannte Wüste verwandeln.“
„Siehst du“, konterte Kerstin genervt, „diese negative Haltung hat uns schon vollkommen durchdrungen. Wir können uns gar nicht mehr vorstellen, dass etwas auch schön werden könnte.“
„Dürre und Überschwemmungen sollen schön sein?”
„Nein, das natürlich nicht. Ich rede davon, dass wir uns auch eine schöne Zukunft ausmalen könnten, statt diese Horrorszenarien.“ Sie seufzte, bevor sie weitersprach. „Schockierende Bilder lassen uns Menschen instinktiv wegschauen, doch eigentlich müssten wir gerade jetzt genau hinsehen. Können wir also die Bilder ändern?“
„Krasser Gedanke“, kommentierte Lara schmunzelnd.
„Ist es nicht so, dass etwas erst einmal erdacht werden muss, bevor es Wirklichkeit wird?“, sagte Kerstin. „So war es doch immer in der Geschichte der Menschheit. Die Erfindung des Flugzeugs, das Reisen ins Weltall, Demokratie. Das hat sich irgendwer zuerst ausgedacht, bevor es umgesetzt wurde.“
Lara nickte. „Wenn wir uns nur die Katastrophen vorstellen, dann werden wir vielleicht auch nur das bekommen“, schlussfolgerte sie grüblerisch.
„Ich fürchte schon“, sagte Kerstin. „Stattdessen könnten wir uns aber auch vorstellen, wie schön die Welt werden kann, wenn wir uns alle dem Klimaschutz verschreiben. Im Moment gehen wir nur von nötigem Verzicht und Mangel aus. Aber das muss doch nicht so sein.“
Lara richtete sich auf und sah genauso wie ihre Mutter in die Ferne. Sie fing an zu träumen. „Ich sehe hier entlang der Wege und auf der Wiese Bäume sprießen, die uns im Sommer Schatten spenden und gleichzeitig CO2 aus der Luft filtern.“
Kerstin lächelte bei der Vorstellung der hochgewachsenen Bäume, deren Laub im sachten Wind raschelte und in deren Kronen die Vögel zwitscherten. Ihr Blick weitete sich. Überall Bäume, statt flaches Gras. Sie sah in die Ferne, über den Teich hinweg, hin zu den Hochhäusern, die kilometerweit entfernt von der Grünanlage am Horizont in den Himmel ragten. Auf ihrem Weg durch die Landschaft wuchs dank ihrer Vorstellungskraft ein kleiner Wald aus dem Boden.
„Ich sehe Wolkenkratzer, an deren Fassade sich ein grüner Teppich aus Pflanzen entlang windet und auf deren Dächern Solarzellen sauberen Strom für die Mieter erzeugen.“
„Eine Eidechse“, rief Lara begeistert auf und zeigte vor sich ins Gras.
„Wo?” Die ganze Familie wusste von Kerstins Leidenschaft für die kleinen Reptilien, die man in freier Wildbahn so gut wie gar nicht mehr zu Gesicht bekam. So auch dieses Mal. „Du hast mich reingelegt.“
„Ich hab sie mir vorgestellt“, lachte Lara. „So wie die Mauer aus Steinen, die dort drüben, an diesem sonnigen Plätzchen, aufgeschichtet wurde, um ein bisschen Abwechslung in die Landschaft zu bringen. Das hilft dem Artenschutz.“
„Damit sind wir dann aber nicht mehr beim Klimaschutz, oder?”
„Warum sollten wir uns nur auf ein Thema beschränken? Die ganze Welt ist es wert, geschützt zu werden“, sagte Lara. „Das Klima genauso wie die Tiere, Pflanzen, die Meere, die Böden. Das hilft letztlich auch wieder dem Klima. Alles hängt miteinander zusammen.“
Bewundernd blickte Kerstin ihre Tochter an. „Wir sollten das öfter machen“, sagte sie.
„Rumspinnen?“, fragte Lara amüsiert. „Bin dabei.“
„Uns die Welt erträumen, wie sie sein könnte.“
Lara wurde mit einem Mal ernst. „Spinnen allein reicht aber nicht. Es muss sich auch wirklich etwas ändern.“ Sie zeigte auf die Landschaft um sie herum. „Wir können hier keine Bäume pflanzen, weil uns das alles nicht gehört.“
Im nächsten Moment verschwanden all die schönen, üppig belaubten Bäume aus Kerstins Fantasie und sie sah wieder das, was sie beide wirklich umgab. „Weißt du, was hier mal war?“, fragte sie Lara.
„Ne, keine Ahnung. Du etwa?”
Kerstin grinste breit. „Dieser Park ist auf einem Müllberg entstanden. Unter uns liegt der Unrat aus mehreren Berliner Bezirken, gesammelt über Jahrzehnte, bis jemand kam und darauf diese kleine Oase angelegt hat.“
Lara sah sie überrascht an.
„Irgendwer hat sich auf dem ganzen Müll eine Landschaft wie diese hier vorgestellt und sie mit Baggern, Erde, Wasser und Steinen realisiert. Das alles hier“, sie wies auf die beruhigende Naturlandschaft, die sich über vierzig Hektar erstreckte, „war zuerst nur eine Idee. Die weite Wiese, die Fahrradwege und Sitzbänke, der Teich mit dem bewachsenen Ufer und den darin lebenden Fröschen und Fischen. Glaubst du immer noch, dass du hier keine Bäume pflanzen kannst, weil dir der Ort nicht gehört?”
An Laras Blick war zu erkennen, dass sie sich dessen nicht mehr sicher war.
„Wenn man will, findet man einen Weg. Sogar wie man aus einer Müllkippe ein kleines Paradies erschaffen kann. So viel Macht haben wir Menschen. Den Beweis hat die Menschheit doch längst erbracht, mit den ganzen Dingen, die wir auf der Welt verändert haben.“
„Nur, dass wir eine Menge dabei kaputt gemacht haben“, erinnerte Lara.
„Dann wird es Zeit, dass wir unsere Kreativität stattdessen dafür nutzen, um etwas Schönes und Lebendiges aufzubauen. So etwas wie das hier.“
„Dann aber mit mehr Bäumen für den Klimaschutz“, sagte Lara mit aufkommender Begeisterung.
„Und einer Trockenmauer für Eidechsen“, griff Kerstin Laras Einfall zum Artenschutz auf.
Schweigend saßen sie nebeneinander auf der Wiese. Jede für sich hing ihren Gedanken nach. Kerstin sah Obstbäume mit reifen Früchten aus dem Boden sprießen, bunte Schmetterlinge durch die Luft flattern. Ein kleines Bächlein entsprang neben ihnen aus dem Boden, schlängelte sich über die Wiese hin zum Teich, an dessen Ufer die Menschen saßen und sich an der üppigen Natur inmitten ihrer Stadt erfreuten.
Auch auf dem gesamten Heimweg malte sich Kerstin ihre Umgebung in bunten Farben und lebendiger Vielfalt aus. Bäume wuchsen aus dem Asphalt der Straße, der Bushaltestelle und sogar den Mülleimern entlang des Weges. In der Lücke zwischen Supermarkt und Tankstelle erschien ein Gemeinschaftsgarten, in dem lachende Menschen ihr Gemüse anpflanzten. Ein ihnen entgegenkommender Lastwagen verwandelte sich vor ihren Augen in eine Flotte von Lasträdern, deren Fahrer schwatzend in die Pedale traten und dabei die ganze Breite der Straße einnahmen. Die rauchenden Schlote des Kohlekraftwerks, das am Rande der Stadt Strom produzierte, brachen in einer Staubwolke aus Schutt in sich zusammen. An ihrer Stelle wuchsen Windräder in den Himmel, die sich sofort eifrig drehten. Kerstin konnte gar nicht mehr aufhören, sich ihre Welt anders vorzustellen, als sie tatsächlich war, oder besser: Wie sie einmal aussehen könnte.
*
„Ich sehe hier ein Haus aus natürlichen Rohstoffen, mit einer begrünten Fassade, die für ein angenehmes Raumklima sorgt. Eine unterirdische Zisterne fängt das Regenwasser auf“, schwärmte Kerstin, während sie am Rand des unbebauten Fleckchens Erde stand. Sie blickte verträumt auf die verwilderte Wiese, während in ihrem Geist ein hübsches Häuschen darauf entstand.
Das Ehepaar Siebert sah sich fragend an. „Eine Zisterne?“, fragte Frau Siebert nach einem kurzen Schreckmoment. „Für Regenwasser?”
Kerstin wandte sich zu ihren neuen Kunden um.
„Ja, das ist besser, als das kostbare Regenwasser in die Kanalisation zu leiten, wo es verloren geht. Sie können es stattdessen für den Garten verwenden oder sogar ihre Wäsche damit waschen.“
„Aber das ist doch viel zu aufwendig“, meldete sich nun Herr Siebert zu Wort. „Wir wollen es einfach halten.“
„Verstehe.“ Kerstin ging ein paar Schritte und dachte nach. Die Sieberts wollten die Planung ihres Einfamilienhauses vertrauensvoll in die Hände der Architektin legen. Aus diesem Grund war sie heute hier: zum Kennenlernen der Auftraggeber und für eine erste Begehung des Baugrundstücks.
Das bereits erschlossene Areal im Berliner Bezirk Köpenick bot durch seine Größe und günstige Lage eine Menge Möglichkeiten. Ein Glücksfall im dicht besiedelten Berlin. Doch die Sieberts schienen nicht besonders erfreut über Kerstins bisherige Vorschläge.
„Sie könnten auch eine überirdische Zisterne aufstellen und das Regenwasser vom Dach …”
„Keine Zisterne“, sagte Herr Siebert entschieden. „Wir verzichten auf solche Spielereien, die nur unnötig Geld kosten.“
„Spielereien?” Kerstin biss sich auf die Unterlippe und schluckte den Kommentar herunter, der ihr bezüglich des Umweltschutzes auf der Zunge lag. Das junge Paar wirkte nicht empfänglich für diese Art von Anmerkungen. Auch schon ihr Versuch, die dreißigjährige Eiche am Rand des Grundstücks zu bewahren, war erfolglos geblieben. An dieser Stelle wollte das Paar einen Unterstand für ihre zwei Autos errichten. Jeder Versuch von Kerstin, eine alternative Möglichkeit zu finden, scheiterte. Die Eiche stand im Weg und musste weg.
„Dann wollen Sie sicher auch nicht darüber nachdenken, auf dem Dach eine Photovoltaikanlage für eine eigene Stromversorgung zu installieren“, mutmaßte Kerstin resigniert.
„Das ist richtig“, sagte Herr Siebert und sah seine Frau verstohlen an. Kerstin ahnte, was jetzt kommen würde.
Frau Siebert übernahm das Wort und lächelte Kerstin entwaffnend an. „Hören Sie, Frau Vogt, ich bin mir sicher, dass Sie eine Menge Erfahrung als Architektin haben und Ihre Vorschläge klingen durchaus spannend. Aber Ihr Stil passt nicht so recht zu unseren Vorstellungen.“
„Mein Stil?” Kerstin war irritiert.
„Sie scheinen doch eher eine Ökoarchitektin zu sein.“
Kerstin schüttelte den Kopf. „Aber nein, das bin ich nicht. Ich beschäftige mich auch erst seit Kurzem mit dem ökologischen Bauen.“ Es war ihr aus irgendeinem Grund unangenehm, dass sie sie für eine Ökoarchitektin hielten. „Seit ich mit meiner Tochter auf der Klimademo war“, fügte sie unnötigerweise hinzu.
„Sie meinen die Demo vom letzten Freitag?“, fragte Herr Siebert skeptisch. „Das heißt, dass Sie gar keine Erfahrung mit dieser Art von Bauprojekten haben?”
Erschrocken blickte Kerstin ihre Kunden an. Langsam schüttelte sie den Kopf.
„Ich denke, dass wir uns doch besser jemand anderen suchen, der unser Projekt übernimmt“, sagte er streng.
„Vielen Dank für Ihre Mühe“, sagte seine Frau etwas nachsichtiger. „Es passt einfach nicht.“
Kerstin nickte und setzte ein professionelles Lächeln auf. Sie widerstand dem Impuls, den Sieberts von ihrer jahrelangen Erfahrung mit konventionellen Projekten zu berichten. Ihr war klar, dass sie dadurch nicht vertrauensvoller erscheinen würde.
„Ich verstehe das“, sagte sie deshalb freundlich.
Sie reichten sich nacheinander die Hände und verabschiedeten sich. Innerlich fluchend kehrte Kerstin dem Grundstück den Rücken. Bis vor Kurzem hätte sie den Sieberts noch ein ganz normales, einfaches Häuschen entwerfen können, ohne sich in ihren Fantasien einer nachhaltigen Bauweise zu verlieren. Das kleine Spielchen mit Lara, mit dem sie auf ihrer Fahrradtour die Welt ein wenig bunter und lebendiger gestaltet hatten, war ihr nun gehörig in die Quere gekommen.
*
Auf dem Weg nach Hause, am Steuer ihres Wagens, dachte Kerstin immer noch über ihren vermasselten Job nach. Sie hatte es wohl irgendwie falsch angefangen, den Sieberts ihr nachhaltiges Zuhause schmackhaft zu machen. Vielleicht hatte Demo-Redner Shifty recht damit gehabt, als er sagte, man müsse bei sich selbst anfangen. Sie hatte gerade einige Schritte übersprungen.
„Die seit Wochen herrschende Dürre im Land Brandenburg führt zu Problemen in der Landwirtschaft“, sagte gerade die Nachrichtensprecherin im Autoradio, was Kerstin aufhorchen ließ. Ihre Schwiegereltern und ihr Schwager arbeiteten in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Brandenburg. Ihnen gehörten viele Hektar Land, auf dem sie überwiegend Getreide anbauten. Die aktuelle Dürre betraf die Familie deshalb ganz unmittelbar.
„Der Bauernverband spricht von möglichen Ernteverlusten im dreistelligen Bereich je Hektar. Was jetzt wirklich gebraucht wird, ist Regen.“
Es wurde eine Sondersendung angekündigt, die sich mit den Ursachen für die Dürre auseinandersetzen wollte.
„Ist doch klar, wer schuld ist“, sagte Kerstin. „Der Klimawandel. Aber das will ja keiner hören.“ Sie musste kurz schmunzeln, weil es ihr vorkam, als würde sie die Worte ihrer Tochter wiederholen.
Die Architektin fuhr weiter die Straße entlang. In ihrem Mittelklassewagen trug sie gerade selbst zur Förderung des Klimawandels bei, das war ihr klar. Dabei hätte sie heute auch die gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt nutzen können, da sie ohne schweres Gepäck unterwegs war. Doch an die bequemen Sitze, den Raum für sich ganz allein und die kurzen Fußwege hatte sie sich zu sehr gewöhnt, um sich spontan neuen Bedingungen anzupassen.
Wozu auch? Die Sieberts wollten sogar eine Eiche fällen, um einen Unterstand für ihre zwei Autos zu schaffen. Was brachte es schon, wenn Kerstin sich ihren Arbeitsweg unbequem gestaltete, während alle anderen Menschen weitermachten wie bisher? Sie fühlte die Resignation aufsteigen, die seit der Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel ihr ständiger Begleiter war.
An der nächsten Kreuzung fiel ihr Blick auf ein übergroßes Werbeplakat, auf dem eine Reise nach Griechenland beworben wurde. Reflexartig dachte Kerstin an die vielen Tonnen Treibhausgas, die durch diese Flugreise in die Atmosphäre gelangen würden. Sie bog auf die Hauptstraße ein, auf der sie in weniger als fünf Minuten zu Hause ankommen würde. Ihre Gedanken flogen zurück zu dem Gespräch mit den Sieberts, die gewillt gewesen waren, neben der Eiche auch fast alle anderen Bäume auf dem Grundstück zu fällen, um Platz für ihr freistehendes Einfamilienhaus zu schaffen. Das war eine ganz normale Sache. Für die im Weg stehenden Bäume konnte man ja Ausgleichszahlungen leisten. Auch Kerstin hatte sich darüber nie Gedanken gemacht. Heute jedoch wusste sie, dass neu gepflanzte Bäume nicht denselben positiven Effekt auf ihre Umgebung hatten, wie die gefällten alten Bäume mit ihren tiefen, starken Wurzeln und den üppigen Kronen. Bis die jungen Bäume herangewachsen waren und dieselbe Menge CO2 aus der Luft filtern konnten, würden Jahrzehnte vergehen. Doch so viel Zeit hatte die Menschheit nicht mehr, um die katastrophale Klimaveränderung abzuwenden.
Während der Demonstration und den Gesprächen mit ihrer gut informierten Tochter hatte Kerstin in kurzer Zeit sehr viel Wissen angesammelt. Bei der Betrachtung ihrer Umwelt konnte sie nun die Fakten nicht mehr einfach so ausblenden. Es lief so vieles vollkommen falsch.
Als sie endlich zu Hause ankam, lief ihr Lara bereits entgegen.
„Du bist schon zu Hause?“, fragte Kerstin verwundert.
„Die letzte Stunde ist ausgefallen“, sagte Lara und umarmte ihre Mutter zur Begrüßung. Sie bemerkte, dass Kerstin nicht glücklich aussah. „Hey, geht’s dir gut? Sind deine neuen Kunden anstrengend?”
„Meine neuen Kunden sind leider nicht interessiert. Der Auftrag ist nicht zustande gekommen.“
„Was? Wieso denn?”
Kerstin seufzte und streifte sich die hochhackigen Schuhe von den Füßen. „Ach, ich hab’s wohl etwas übertrieben mit meinen Vorschlägen für ökologisches Bauen. Sie wollten keine Zisterne und auch keinen selbst erzeugten Strom vom Dach.“
Lara grinste. „Das hast du ihnen vorgeschlagen?“
Kerstin sah auf, weil sie glaubte, Spott gehört zu haben. Doch als sie in das hübsche Gesicht ihrer Tochter sah, die blitzenden Augen auf sie gerichtet, konnte sie nur Bewunderung erkennen. „Das gefällt dir, was?“
„Klar, endlich hab ich Unterstützung“, sagte die Teenagerin. „Hast du eigentlich eine Ahnung davon, wie anstrengend es ist, wenn man versucht, Dinge zu ändern und keiner zieht mit? Wenn alle, die es in der Hand hätten, einen ignorieren und einfach so weitermachen wie bisher?”
„Ich bekomme so langsam eine Idee, wie sich das anfühlen muss.“
„Wir können nur protestieren und auf Einsicht und Unterstützung hoffen“, wetterte Lara weiter. „Ich kann nicht mal die richtige Partei wählen gehen, weil ich noch keine achtzehn bin.“
„Das muss wirklich frustrierend sein“, stellte Kerstin nachdenklich fest.
„Ist es voll!“ Lara wurde wütend. „Statt uns mit euren Fähigkeiten und eurem Wissen zu helfen, stellt ihr Erwachsenen euch so hin, als wüsstet ihr es besser. Ihr werft uns vor, dass wir nicht alt genug wären, um die ganze Tragweite zu verstehen. Wir verstehen das aber alles sehr gut. Statt uns zu helfen, macht ihr uns klein.“
Kerstin ging zum Sofa und ließ sich in die Polster fallen. „Mache ich dich etwa klein?“, fragte sie ihre Tochter leicht gekränkt.
„Du nicht, nein“, sagte Lara versöhnlich und setzte sich ihr gegenüber. „Aber du hast mir auch oft genug damit in den Ohren gelegen, dass ich die gesellschaftlichen Systeme verstehen und geduldiger werden muss.“
„Das ist doch auch so“, gab Kerstin zurück. „Über Jahrzehnte gewachsene Strukturen kannst du nicht über Nacht verändern. Auch wenn die Zeit noch so drängt.“
„Wir versuchen es ja nicht einmal.“
„Weil man ja auch gar nicht weiß, wo man anfangen soll.“ Kerstin strich sich über die Stirn. „Alles ist so miteinander verflochten, dass es Auswirkungen auf andere Bereiche hat. Das ist kaum zu überblicken.“
„Es könnte aber auch was Gutes haben“, gab Lara zu Bedenken. „Schließlich könnten dann Erfolge auch auf andere Bereiche überspringen. Wir sollten nicht so viel nachdenken, und es einfach machen.“
Kerstin seufzte erschöpft. Eine Weile schwiegen sie gemeinschaftlich und in ihre jeweiligen Gedanken versunken. Schließlich fragte Kerstin: „Welches Ziel würdest du angehen, wenn du mehr Unterstützung hättest?”
Lara musste nicht lange überlegen. „Ich würde aus Berlin eine klimaneutrale Stadt machen.“
Kerstin sah sie mit großen Augen an. Das war ein gewaltiges Ziel. Ihr lag auf der Zunge, dass ihre Tochter etwas Realistisches auswählen sollte. Doch sie besann sich eines Besseren, schließlich wollte sie etwas verändern und bei ihrer eigenen Einstellung wollte sie anfangen. So fragte sie stattdessen: „Was wäre dafür der erste Schritt?”
Verwundert sah Lara hoch. „Willst du das echt wissen?”
„Unbedingt.“
Lara überlegte kurz. „Ich würde als Erstes eine Bestandsaufnahme machen. Den ökologischen Fußabdruck der Stadt berechnen.“
„Sollten wir nicht mit unserem eigenen Fußabdruck anfangen?”
„Meinen weiß ich aber schon. Ich bin bei neun Tonnen Treibhausgas und dem Verbrauch von zwei Erden.“
„Diese Sache musst du mir mal näher erklären“, bat Kerstin. „Wie kann es sein, dass du zwei Erden verbrauchst?”
Kerstin wusste nur, dass es sich beim ökologischen Fußabdruck um eine von mehreren Berechnungsmodellen handelte, mit denen der Einfluss des Menschen auf die Natur ermittelt werden konnte.
Lara freute sich sichtlich darüber, ihrer Mutter etwas erklären zu können. „Der ökologische Fußabdruck zeigt, wie viel Treibhausgas du mit deiner Lebensweise in einem Jahr produzierst“, sagte sie, „und wie viel Fläche du verbrauchst, für Rohstoffe und um deinen Abfall zu entsorgen.“
„Und du brauchst zwei Erden für Rohstoffe und Abfall?“, fragte Kerstin verständnislos. „Du isst doch wie ein Spatz und machst kaum Dreck.“
Lara kicherte. „Es ist ja nicht nur das Essen, Mama, sondern auch noch ganz viele andere Dinge. Außerdem wird das hochgerechnet: Zwei Erden bräuchten wir, wenn alle Menschen auf dem Planeten so leben würden, wie ich.“ Im nächsten Moment riss sie die Augen weit auf. „Wir könnten auch deinen Fußabdruck berechnen. Oder weißt du den schon?”
„Ne, ich habe keine Ahnung“, gestand Kerstin ein.
„Na dann …” Schon war Lara aufgesprungen und holte den Familienlaptop aus dem Schrank. „Schauen wir mal nach, wie viele Erden du verbrauchst.“
Als Lara den Laptop aufklappte, kam Kerstin für einen Moment der Gedanke, dass sie jetzt stattdessen besser nach neuen potentiellen Kunden suchen sollte. Schließlich war ihr ja ein wichtiger, schon sicher geglaubter Auftrag abhandengekommen. Doch das Gefühl der Verbundenheit mit ihrer Tochter war ihr gerade wichtiger. Es war Zeit, Verantwortung zu übernehmen.
*
Kerstin starrte auf die Zahl, die ihr der Rechner für den ökologischen Fußabdruck ausgespuckt hatte. Er hielt ihr, beruhend auf Fakten und empirischen Daten, eiskalt das Ergebnis vor Augen. Zwei nicht akzeptable Zahlen: achtzehn Tonnen Treibhausgas, viereinhalb Erden. Das war also das Ergebnis ihres ungezügelten Lebensstils. Sie wünschte sich fast, dass sie es nie erfahren hätte, denn ignorieren konnte sie es nun nicht mehr.
Lara, die bislang stumm auf die Zahl gestarrt hatte, kam endlich wieder zu sich und sagte: „Das ist echt erschreckend. Du verursachst doppelt so viel wie ich.“
Allein ihre beruflichen Flugreisen der letzten zwei Jahre, die insgesamt fast vier Tonnen CO2 produziert hatten, ließen sie schlecht dastehen. Kerstin begriff, wie sehr ihr eigener Lebensstil für die massiven, weltweiten Probleme mit verantwortlich war. Betroffen starrte sie auf den Monitor. Sie lag mit ihrem Wert weit über dem Durchschnitt, der bei elf Tonnen je Bürger und Jahr in Deutschland lag. Auch dieser Wert war viel zu hoch. Schon lange war klar, dass jeder Erdenbürger nur zwei Tonnen Treibhausgas pro Jahr in die Atmosphäre blasen dürfte, damit das Weltklima auf lange Sicht stabil blieb. Andernfalls würde der gefährliche Temperaturanstieg, der sich schon seit Jahrzehnten abzeichnete, nicht mehr aufzuhalten sein.
Für die Berechnung ihres ökologischen Fußabdrucks hatte sie zahlreiche Fragen in Bezug auf ihre Ernährungsweise, ihren allgemeinen Konsum und ihre Fortbewegungsart beantwortet.
Die größten Verursacher in ihrem Lebensstil waren demnach die vielen Autofahrten, ihre Angewohnheit, ständig neue Kleidung zu kaufen und ihr unreflektiertes Essverhalten, dessen negativer Einfluss sich offenbar nicht nur auf die kleinen Fettpolster an ihren Hüften beschränkte.
Sie lehnte sich im Stuhl zurück und schüttelte den Kopf.
„Vier Planeten“, wiederholte Lara perplex.
„Das war jetzt also die Bestandsaufnahme, von der du gesprochen hast“, sagte Kerstin. „Was machen wir jetzt damit? Wie ändern wir das?”
Lara sah auf die Grafik, die ihnen am Ende des Tests gezeigt wurde. Übersichtlich wurden ihnen die Lebensbereiche gezeigt, die das Weltklima am stärksten aus der Balance brachten: Ernährung, Landwirtschaft, Verkehr, Energie, Heizung, Flugverkehr, allgemeiner Konsum. Das Mädchen tippte auf die drei prozentual einflussreichsten Bereiche: Heizung, Ernährung und Mobilität. „Die drei wären meine Favoriten“, sagte sie.
„Drei Bereiche zu einer Zeit finde ich zu viel“, widersprach Kerstin. „Lass uns mit einer Sache anfangen.“
Lara schien nicht besonders zufrieden mit diesem Vorschlag, fügte sich jedoch. Nach einer kurzen Denkpause sagte sie: „Ernährung. Das könnte für den Anfang am leichtesten sein und den größten Einfluss bei uns haben.“
„Am leichtesten, ja?!” Kerstin musste lachen. „Das heißt doch auch, auf Fleisch zu verzichten. Davon wird dein Vater als leidenschaftlicher Grillmeister nicht sehr begeistert sein.“
„Er muss ja nicht mitmachen“, sagte das Mädchen. „Zumindest für den Anfang. Er ist ja eh nie zu Hause.“
Diese leichtfertig geäußerten Worte versetzten Kerstin einen Stich ins Herz, doch leider sprach Lara nur die Wahrheit aus.
„Also lassen wir ihn erst einmal außen vor“, sagte Kerstin mit einem Nicken. „Er muss auch gar nichts davon mitbekommen, solange wir nicht selbst ausprobiert haben, was wir verändern können.“
„Hast du etwa Zweifel, dass wir es schaffen?“, fragte Lara.
„Ja, habe ich“, gab Kerstin zu. „Aber wir machen es trotzdem. Alles andere wäre ignorant.“
„Das ist ja komplizierter als ich dachte.“ Kerstin seufzte, während sie den Einkaufswagen durch den breiten Gang des Supermarktes navigierte. Lara begleitete sie murrend.
Schon während der ersten zehn Minuten ihres Einkaufs musste sie ihre Tochter bremsen, denn es stellte sich heraus, dass das Mädchen eine Menge über ökologisches Einkaufsverhalten wusste. Ihr Wissen überwog sogar das von Kerstin, obwohl diese das ganze vergangene Wochenende darüber recherchiert hatte.
Das geschnittene Brot wollte Lara liegen lassen und stattdessen lieber selbst Brot backen. Das war unverpackt und enthielt nicht so viele extra Zutaten, die eh ungesund waren.
Gefrorene Waren kosteten zu viel Energie in der Aufbewahrung, weil das Gefriergerät ja fortwährend lief, also sollten sie lieber auf frische Waren oder wenigstens Konserven in Gläsern zurückgreifen, meinte Lara. Blechbüchsenkonserven waren nach ihrer Auffassung wegen des hohen Energieeinsatzes bei ihrer Herstellung und der Einmalbenutzung ebenso tabu wie die Plastikverpackungen von Nudeln und Reis.
„Können wir uns nicht erst einmal auf eine Sache konzentrieren?“, bat Kerstin leicht genervt und umschlang den Griff des Einkaufswagens so fest, dass ihre Fingerknöchelchen weiß hervortraten. „Das Verpackungsthema ist vielleicht eher etwas für später. Wir wissen viel zu wenig darüber. Möglicherweise ist Plastik nicht IMMER schlecht, schließlich hat es wenig Gewicht.“
Lara, die vor ihr herlief und allerhand kritische Kommentare zu den Auslagen parat hatte, drehte sich mit wütendem Blick zu ihrer Mutter um.
Doch Kerstin wollte sich nicht auf einen Streit einlassen und schlug schnell vor: „Zum Beispiel könnten wir erst einmal nur Biosachen kaufen. Davon gibt es eine große Auswahl. Sieh mal hier,” sie nahm eine Flasche Olivenöl aus dem Regal, „das ist kaltgepresstes Olivenöl in Bioqualität.“
Sie stellte die Flasche in den Einkaufswagen, aus dem Lara sie sofort wieder heraus angelte. Sie prüfte das Etikett und kommentierte die Herkunft. „Das wurde aus Tunesien eingeflogen“, sagte sie mit gerümpfter Nase. „Mit dem Flugzeug.“
„Liebling, Oliven wachsen nun mal nicht in Deutschland. Die kommen immer von weiter her.“ Dann fiel ihr ein: „Vermutlich wird uns das Öl sogar mit dem Schiff oder Lastwagen geliefert und nicht mit dem Flugzeug, denn nur verderbliche Waren nehmen den Luftweg.“
Lara stellte das Olivenöl in den Wagen, der sich wegen ihrer kritischen Genauigkeit nur schleppend füllte. Widerwillig ließ sie sich von Kerstins Argument überzeugen.
Sie gingen weiter in die Gemüseabteilung.
„Was steht noch auf unserem Einkaufszettel?“, fragte Kerstin.
„Kartoffeln, Mais, Paprika“, las Lara vor.
So zog Kerstin einen Beutel Biokartoffeln vom aufgetürmten Stapel der Schütte, reichte ihn dieses Mal direkt an ihre Tochter weiter, damit diese das Etikett prüfen konnte.
„Ach, Mama!“, sagte sie ganz entrüstet. „Die stammen aus Ägypten.“
„Wie bitte?” Das erschien nun auch Kerstin unangemessen. „Zeig mal her!”
Lara hatte recht: Die Erdknollen kamen wirklich aus Ägypten. Wieso um alles in der Welt kommen Kartoffeln aus Übersee, wenn man sie doch auch im eigenen Land anbaut? Kerstin nahm sich vor, mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Reichten die Produktionsmengen im Inland vielleicht nicht aus, so dass sie hinzugekauft werden mussten?
„Und was machen wir jetzt? Wir brauchen doch Kartoffeln.“ Ratlos stand Kerstin da. Sie gab nur ungern zu, dass sie vor einem Konsumdilemma stand. Sollte sie das Bioprodukt aus dem Ausland in den Wagen packen, oder doch lieber zur konventionell angebauten Erdfrucht greifen, die zwar aus dem Umland stammte, jedoch höchstwahrscheinlich mit Pestiziden und Kunstdünger hochgezogen worden war? „Müssen wir jetzt ausrechnen, welche Variante den niedrigeren CO2-Ausstoß verursacht hat?” Sie verdrehte die Augen.
Als eine Supermarktangestellte mit einem Wagen, angefüllt mit weiteren Waren, an ihnen vorbeilief, hielt Kerstin sie auf. „Entschuldigen Sie bitte, haben Sie auch Biokartoffeln, die aus der Region kommen?” Kerstin hielt ihr die ägyptischen Kartoffeln entgegen. „Die hier haben mehrere Zeitzonen hinter sich.“
Verwundert über die Frage griff die Mitarbeiterin nach den Kartoffeln und sah sich das Etikett an.
„Oh, Ägypten“, staunte sie nun selbst. Dann blickte sie über die verschiedenen Schütten, in denen festkochende Kartoffeln, mehlig-kochende Kartoffeln, Kartoffeln aus der Region, Frühkartoffeln, Babykartoffeln, Kartoffeln von verschiedenen Herstellern und aus verschiedenen Anbaugebieten aufgereiht standen. „Ne, bio aus der Region haben wir nicht, tut mir Leid“, sagte sie schließlich und gab Kerstin die ausländischen Kartoffeln mit einem Schulterzucken wieder zurück.
„Das macht doch sowieso keinen Unterschied“, hörte Kerstin jemanden sagen. Sie drehte sich zu der älteren Frau um, die hinter ihr aufgetaucht war. Sie war einen Kopf kleiner als Kerstin, ihre weißen, lockigen Haare wippten, als sie krächzend lachte.
„Bio oder nicht bio ist doch schnurz piep egal. Ist doch eh alles nur Augenwischerei.“ Sie schien überzeugt von ihrer Meinung.
Die Supermarktangestellte war derweil weitergegangen.
„Bei Bioprodukten werden aber weniger Pestizide und kein Kunstdünger eingesetzt“, erklärte Kerstin freundlich. Sie spürte den dringenden Wunsch, ihr mühsam erworbenes Wissen weiterzugeben.
Doch die ältere Dame war resistent gegen den Aufklärungsversuch. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte nur „Ach”. Sie wollte sich schon abwenden, als ihr noch etwas einfiel. „Ich gehe ja jeden Freitag auf dem Wochenmarkt einkaufen. Da gibt es immer frische Ware aus der Region. Das ist viel wichtiger als bio.“
„Stimmt überhaupt nicht“, widersprach Lara. „Bio ist wichtiger.“
Kerstin blickte ihre Tochter zuerst erschrocken, dann mahnend an. Es war ihr peinlich, dass das Mädchen so vorlaut war. Lara jedoch zuckte nur mit den Schultern und wandte sich wieder den Kartoffeln zu. Sie hievte eine der Beutel mit Biokartoffeln in den Einkaufswagen. „Ist also entschieden“, sagte sie selbstbewusst und schob den Wagen weiter.
Kerstin blickte der alten Dame hinterher, die ebenfalls weiterzog. Musste denn alles in einem Kampf über Recht oder Unrecht enden? Vielleicht lag die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Für Kerstin war die Idee mit dem Wochenmarkt jedenfalls einen Versuch wert.
Doch zuerst musste sie den Besuch im Supermarkt überstehen, denn der zog sich zäh wie Kaugummi dahin, machte Kerstin überhaupt keinen Spaß, während sich Lara offenbar in ihrem Element fühlte. In den Kübeln und Regalen waren herkömmliche und nachhaltige Lebensmittel bunt gemischt, die Auswahl war eine Wissenschaft für sich, wenn man alles berücksichtigen wollte. So auch beim nächsten Punkt auf ihrer Einkaufsliste: Mais. Lara wendete die in Plastik eingeschweißten, vorgekochten Biomaiskolben in den Händen. Sie schien auch von diesem Produkt nicht besonders begeistert zu sein.
„Mit der Sorte haben wir schon mehrfach schlechte Erfahrungen gemacht“, sagte Kerstin. „Der war schon zweimal beim Auspacken schlecht, wahrscheinlich weil im Plastik ein kleines Loch war und er vor sich hingammeln konnte.“
Sie schüttelte sich in Gedanken an den säuerlichen Geruch, den das Nahrungsmittel verströmt hatte. Ihr war nichts anderes übriggeblieben, als ihn direkt nach dem Öffnen im Mülleimer zu versenken. Seitdem hatte sie ihn nie wieder gekauft.
„Das ist auch so unnötig.“ Lara legte den Mais zurück ins Fach. „Wieso kocht man die Maiskolben und verpackt sie in dieses olle Plastik, wenn sie roh auch ohne Verpackung eine Weile halten?”
„Ich habe keine Ahnung, Liebes. Vielleicht ist er zu lange unterwegs und deshalb gar nicht mehr frisch, wenn er im Laden ankommt.“
„Dann gibt es eben keinen Mais“, entschied Lara.
„Wir sollen ganz darauf verzichten?” Kerstin war verärgert. Sie liebte Mais.
„Wenn es kein Biomais ist, dann lieber gar keinen Mais.“ Lara hatte sich festgelegt. „Genmanipulierter Mais geht gar nicht, Mama. Wirklich nicht. Das ist das Schlimmste überhaupt.“
Kerstins anfängliche Motivation, eine klimafreundliche Ernährung auf die Beine zu stellen und dafür nur die besten, ebenfalls klimafreundlichen Lebensmittel zu verwenden, fiel immer mehr in sich zusammen. Ohne ein weiteres Wort holte sie sich die Kontrolle über den Einkaufswagen zurück und steuerte auf die Kasse zu.
„Vielleicht können wir ja selbst Kartoffeln anbauen“, schlug Lara wenig später vor, während sie in der langen Schlange an der Kasse standen. „Das wäre bio, unverpackt und wir können es direkt vor der Tür ernten.“
Kerstin hob die Augenbrauen. Die Idee war gar nicht so schlecht. Schließlich hatten sie einen großen Garten, den sie gar nicht richtig nutzten.
„Läuft wohl darauf hinaus, dass wir alles selber machen müssen“, sagte Kerstin maulend, als Antwort auf die eigentlich gute Idee ihrer Tochter. Sie war genervt von dem Einkauf und den damit verbundenen Dingen, die es zu beachten gab. Offenbar war es viel leichter, zu den konventionellen, umweltschädlichen Produkten zu greifen, als die wirklich ökologischen Angebote aus der Masse herauszusuchen. Zwar hatten sie eine gewisse Entscheidungsfreiheit, doch durch die Sucherei und das ewige Vergleichen war der Aufwand dafür viel zu hoch. Das musste doch auch leichter gehen, zum Beispiel indem nachhaltige Produkte zum neuen Normal wurden.
*
Lara und Melanie bahnten sich einen Weg durch die Menge der Schüler, die alle ein ruhiges Plätzchen in der Kantine suchten. So auch die beiden Freundinnen, die ihren Lieblingsplatz am Fenster anvisierten. Beide Mädchen balancierten ihr Mittagessen auf ihren Tabletts. Lara war die Wahl heute schwerer als sonst gefallen, denn es gab weder rein vegane noch vegetarische Gerichte in der Auslage. So fanden sich nun auf ihrem Tablett bloß ein gemischter Salat, eine Banane und zwei Äpfel. Den zweiten Apfel hatte sie sich vorsorglich gekauft, weil sie befürchten musste, in einer der nächsten Stunden wieder Magenknurren zu bekommen.
Trotzdem war sie gut gelaunt. „Meine Mutter will echt was ändern“, sagte Lara gerade über ihre Schulter hinweg, in Richtung der hinter ihr laufenden Freundin.
„Klasse. Aber hält sie das auch durch?“, fragte Melanie.
„Werden wir ja sehen. Im Moment sieht es gut aus.“
Lara beschleunigte ihre Schritte, als sie ihre Mitschülerin Patrizia bemerkte. Die Schülersprecherin steuerte mit ihren Freunden aus der Oberstufe in die gleiche Richtung wie sie.
Erleichtert, das Wettrennen gewonnen zu haben, ließ Lara sich auf die mit rotem Plastik bezogene Bank fallen. Sie stellte ihr Tablett ab und sah schadenfroh, wie Patrizia abbremsen musste und sich verärgert in eine andere Richtung verzog.
„Ich hätte nie geglaubt”, setzte Lara ihr Gespräch mit der Freundin fort, „dass sich eines meiner Elternteile mal für das Klima interessiert, oder sogar dafür einsetzt.“
„Also meine Eltern machen das nicht“, sagte Melanie. „Es war gut, dass deine Mutter mal mit auf eine Freitagsdemo gekommen ist. Das hat bestimmt ihre Meinung geändert.“
„Ach, sie war schon lange pro Naturschutz“, sagte Lara. „Aber sie hat nie etwas verändert, sondern die Zustände akzeptiert, als könnte sie eh nichts tun.“
„So wie dein Dad?“, fragte Melanie vorsichtig.
„Hm“, machte Lara nur und stopfte sich eine Gabel voller Salat in den Mund, um darauf nicht ausführlicher antworten zu müssen.
- Ende der Buchvorschau -
