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Ein Sittengemälde einer Jedermannfamilie.
Ein Einblick über 3 Generationen aus einer noch
jungen Vergangenheit.
Oder ist diese Geschichte doch aus der Gegenwart?
Halb autobiographische, niedergeschrieben aus der Erinnerung.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
Das Buch ist keine Autobiografie, denn wen würde schon mein Leben interessieren. Ich bin weder König von Mallorca noch Politiker oder auf irgendeine Weise in.
Aber ich habe in einer interessanten Zeit gelebt. Die Zeit des Kalten Krieges, der zum Glück nie heiß wurde. Für mich gab es zwei Deutschland. Das Wort Wiedervereinigung erschien mir widersinnig, denn was sollte man wiedervereinigen, wenn es doch in meinen Augen nie zusammengehörte.
Ich bin in der Zeit des Wirtschaftswunders aufgewachsen, als man Menschen aus fremden Ländern anlockte, weil man sie als Arbeiter brauchte. Wir nannten sie Gastarbeiter. Dunkelhäutige Menschen waren für uns Neger und niemand wäre auf die Idee gekommen, dies als nicht korrekt anzusehen. Neger kommt von dem lateinischen Wort nigra, das nicht anderes bedeutet als schwarz. Eine Mischehe war eine Verbindung zwischen einem katholischen und einem evangelischen Ehepartner, und Kinder, die einen weißen und einen dunkelhäutigen Elternteil hatten, waren “Besatzungskinder“.
In meiner Kindheit und meiner Jugend habe ich Terrorismus in Deutschland erlebt, habe ehrbare Bürger gesehen, die nach einem “kleinen Hitler riefen“, weil sie ihre eigenen Kinder nicht mehr verstanden. Manch einer stand auf dem Standpunkt, dass man langhaarige Jungens verhaften sollte und ihnen die Haare stutzen müsste.
Es ist vieles geschehen, Interessantes in der Zeitgeschichte, was ich in Form von Briefen an meinen Vater erzählen möchte. Mir ist wichtig, ein buntes und lebendiges Bild der Zeit aufzuzeigen. Der Leser soll die Empörung fühlen, die ein Minirock auslösen konnte.
Später traf ich einen Mann, der aus einer Familie stammte, die ich nur mit Staunen zu Kenntnis nehmen konnte. So entstand die Erzählung “Die Familie T aus F“, in der offensichtlich alle Werte auf dem Kopf stehen. Und doch sind auch die Ts typische Vertreter dieser Zeit. Zur Einstimmung beginnt das Buch mit den netten und freundlichen Ts.
Als ich mich daran machte, die Geschichte der Familie T in meiner sarkastisch-ironischen und überspitzten Art aufzuschreiben, war diese als Geschenk für meinen Mann gedacht. Die Ereignisse der letzten Zeit, von Bankenskandalen über Prämien für Vorstandsmitglieder bis zu Gewalt gegen Kinder, machten mich nachdenklich. Die Geschichte der Familie T ist ein typisches Sittengemälde der Nachkriegszeit bis heute.
Irgendwie erscheinen mir die aktuellen Ereignisse die logische Folge dieser Zeit, dieser Moral und dieser Erziehung. Da werden Kinder als Nachkommen aufgebaut und in den Himmel gelobt. Kritik ist nicht erlaubt, alles, was diese Kinder machen, ist richtig und vor allen Dingen ist wirtschaftlicher Erfolg das Maß aller Dinge. Niemand würde es wagen, den Chef einer großen Bank zu rügen, weil er aufwendig mit dem Dienstwagen und eigenem Fahrer zu einer privaten Beerdigung anreist.
Auf der anderen Seite gibt es Kinder, die als lästige Fresser empfunden werden, Erziehung nur dazu diente, diese zu willfährigen Sklaven zu machen. Sie werden in der Kindheit geschlagen und schlagen sich später durch das Leben.
Kritik an den Eltern, Empörung darüber, dass diese Kinder keine Chance hatten, eine ähnliche Karriere wie der Bankdirektor zu machen. Nichts davon ist in der Familie T zu spüren.
War halt so, haben alle gemacht und damit basta.
Nicht derjenige wird bewundert, der Werte schafft oder erhält, nicht der Gipser ist der Held, der Schreiner oder der Automechaniker. Held ist derjenige, der mit Geld handelt und dabei zu Reichtum kommt.
Nicht moralische Maßstäbe, die Regeln der Kirche, der man angehört, werden zum Maß aller Dinge, sondern das Einkommen und der Besitz.
Vielleicht sollten wir uns alle an die eigene Nase fassen, wenn es mal wieder um die hohen Provisionen der Bänker geht, vor der eigenen Tür kehren, wenn es um Gewalt in der sogenannten Erziehung geht.
Die Ts sind überall und F ist überall. Weder die Ts sind böse Menschen noch die Bewohner von F. Es geht um die ganz normalen durchschnittlichen Menschen, die übliche Gewalt in Familien und die Werte, die dort über Jahrzehnte vermittelt worden sind, sodass wir heute Reichtum als Leistung empfinden, es aber auf der anderen Seite als unmoralisch empfinden, wenn jemand Geld für seine Leistung haben möchte. Geiz ist geil, heißt die Devise, Sparsamkeit wird zur Grundtugend und gleichzeitig bewundern wir Reichtum.
Selbst dass Kinder der beste Weg zur Armut sind, zeigt sich bei den Ts nur zu deutlich und auch hier gilt, Reichtum ist wichtiger als Nachwuchs.
Aber wenden wir uns nun der Geschichte der Familie T zu:
Vor langer Zeit – halt, es war gar nicht so lange her, noch keine 100 Jahre, lebte die Familie T. in F. glücklich und zufrieden in ihrem kleinen Hutzelhaus.
Oma T war damals noch eine junge Frau und verheiratet mit ihrem geliebten Gatten Adam. Eigentlich war es nicht so ganz die große Liebe, denn der junge Adam hatte im großen Krieg in Frankreich eine Geliebte gehabt. Und selbst im hohen Alter hieß es immer wieder: „Dann geh doch zum dreckigen Madlein“, wenn er mal wieder nicht das tat, was seine Eva wünschte.
Trotzdem hatte die Familie viele Kinder, denen sie ordentliche christliche Namen gab, so hießen die Söhne Christian und Peter, die Töchter Johanna, Theresia und Josephine. Da die Bewohner von F ein lustiges Völkchen waren, gaben sie den Kindern nette Spitznamen, der Christian wurde zum Fella, der Peter zum Kassen-Pitt, die Töchter zu Joha, Sepie und Terri.
Oma T. starb übrigens seit 1936 jeden Winter, bis ungefähr 1976 machte sich die Familie große Sorgen um sie, aber danach hatte man sich an diese Eigenart gewöhnt. Als Oma T dann 1994 im Sommer starb, hieß es nur, das musste ja so kommen, aber das Frühjahr hat sie noch erlebt.
Vielleicht war Oma T auch gar nicht krank, sondern nur süchtig nach ihrem Lieblingsgetränk Melissengeist, einem Produkt, dem sie in dieser Zeit des permanenten Sterbens gründlich und ausgiebig zusprach.
Oma und Opa T liebten ihre Kinder sehr und sorgten dafür, dass alle etwas Ordentliches wurden. Mit ihrer Tochter Terri hatten sie ganz besonders Glück, denn sie wurde recht bald eine ehrbare Witwe eines Bergmannes und so vergaß man schnell, dass deren Tochter das Produkt eines Fehltrittes war. Die Tochter Joha heiratete einen Gipser, was sehr praktisch war, weil er der ganzen Familie bei Bau und Renovierung der Häuser helfen konnte. Zum Glück war er Alkoholiker und so brauchte man ihm nur eine Flasche vom Selbstgebrannten zu spendieren und schon schuftete er wie ein Tier.
Tochter Sepie heiratet einen fleißigen Arbeiter und sorgte für 2 Enkel, Hubert und Herbert, die zunächst einige Jahre als Erdbeersklaven eingesetzt wurden, sich dann völlig unterschiedlich entwickelten, aber davon später.
Fella heiratete günstig und bekam so die Chance, zum Bankdirektor aufzusteigen. Zwar musste er nach einer Pleite diesen Posten räumen, das schadete aber weder seinem Ansehen noch seinen Trinkgewohnheiten.
Da Kasse-Pitt in dem großen Krieg die Kasse der Raiffeisengenossenschaft in die Evakuierung mitgenommen hat, wurde er aus Dankbarkeit nach dem Krieg zum großen Zampano der Volksbank. Gut, es war eigentlich nur ein Landhandel, also eine Raiffeisengenossenschaft. Da Bauern aber bekanntlich Geld verdienten und da es eine Kasse bei der Raiffeisen gab, sprach man bald von der “Raiffeisenkass“, die dann Volksbank wurde. Kasse-Pitt wurde als Relikt einfach übernommen und so wurde er dann Bankdirektor.
Die Sippe der Ts lebte in dem kleinen Ort F. Da die Ts nicht ganz so gute Christen waren, wie sie es gerne wären und es wesentlich schwieriger war, ein gottgefälliges Leben zu führen, als man sich das so vorstellte, besann sich Oma T auf eine ganz simple Weisheit. Sie kaufte sich von den Sünden frei, in dem sie Messgewänder für die Kirche stiftete. Hier ist auch der Grund zu finden, weshalb man alles hasste, was einer der anderen christlichen Kirchen angehörte. Dieser Luther hatte doch damals vor langer Zeit dagegen gewettert, dass man sich von Sünden freikaufen konnte. Der kleine Hubert musste immer sofort ins Haus, wenn ein Kind, das diesem Irrglauben angehörte, nur am Haus vorbeiging. Man kann ja nie wissen, wie der Teufel sich Seelen krallt.
Die Sippe der Ts gliederte sich in zwei Teile, der eine Teil der Ts schaute in die Zukunft, sorgte gut für den Nachwuchs, ganz so, wie es Oma T vorlebte. Oma T übte ihre Macht aus, indem sie gab, und ging wie selbstverständlich davon aus, dass die Kinder schön brav daran dachten, wo der Geldsegen seine Quelle hatte. Die Söhne und Tochter Terri lebten streng in dieser Tradition. Abhängigkeit durch Kauf der Seele, so kann man es nennen.
Die beiden anderen Töchter besannen sich lieber auf sich selbst und horteten das Gewonnene zusammen mit dem Erwirtschafteten.
Nur nichts ausgeben, sich niemals etwas gönnen und nach außen den Schein der Armut waren, das war die Devise aller Ts.
Und so galten Oma T und Opa T ganz allgemein in F als arm und manch einer brachte den armen Menschen ein paar milde Gaben oder erlaubte, Obst auf den Wiesen aufzuklauben oder kaufte den armen Menschen ein paar Maiglöckchen oder Löwenzahn ab, den man in der eigentümlichen Sprache des Dorfes „Bettpisser“ nannte. So lernte die Familie T schnell, welche Vorteile es hat, arm zu sein.
Löwenzahn sammelte Oma T in der Regel nur für die Familie, d. h. sie zog mit großen Kartoffelsäcken bewaffnet über die Felder der Nachbarschaft und brachte riesige Berge mit in ihr Haus. Dort wurde die Beute dann einige Tage im Hof in großen Wannen gereinigt, um nach einigen Arbeitsgängen gründlich aufbereitet in Tüten verpackt zu werden. Dann wurde diese Ausbeute auf die Nachkommenschaft verteilt, wobei Oma T sich bewusst war, dass Fella, der nun in der Stadt lebte, keine Hühner hatte. Deshalb gab sie Fella immer noch einige Eier dazu, was ihre Tochter Joha in Rage brachte: „Mei Hehner legen sich den A… wund“.
Ja auch der Bankdirektor in der großen Stadt hatte kein ausreichendes Einkommen, um sich Eier zu kaufen.
Getreu dem Motto aller Ts: „Wir haben ja nichts“, lebten auch die Bankdirektoren der Familie, trotzdem galten sie als kompetente Ansprechpartner, wenn es darum ging, Geld anzulegen.
Kartoffelsäcke mochte Oma T sehr, denn mit ihnen konnte man Beute nach Hause tragen, sie waren aber auch ein praktisches Kleidungsstück. Man musste nur eine Ecke halb umstülpen, als Kapuze auf den Kopf setzen und hatte ein Regencape. So war man praktisch gekleidet und sah arm genug aus, dass kein Fremder Reichtum witterte.
Im Großen und Ganzen betrieb die Familie T Landwirtschaft und bekämpfte sich mit kleinen Gemeinheiten gegenseitig. So sahen Opa T und Enkel Hubert mit Vergnügen zu, wie ein Stier Oma T mit sicherem Tritt auf den langen derben Rock am Boden festnagelte. Die Ärmste lag auf der Weide, das mit wunderschönen fleischfarbenen Liebestötern bedeckte Hinterteil in die Luft gereckt. Der Stier ging mit dem ungewohnten Teil so um, wie er es mit allem tat, das nach Salz schmeckte, er leckte kräftig mit der riesigen Zunge darüber. „Lass sie nur plärren!“, kommentierte Opa Adam die jämmerlichen Hilferufe seiner Gattin.
Enkel und Opa hatten auch einen großen Spaß daran, Oma T mit dem Traktor über die Weide zu jagen, besonders da der Mähbalken ausgefahren war. Leider kam es zu keinem bedauerlichen Mähunfall.
Ja Opa hatte schon einen deftigen Humor, lachte und jubelte, als Enkel Hubert die Rüben vom Wagen warf, die von den anderen Mitgliedern der Familie auf eben diesen verbracht wurden. Noch mehr Spaß hatte der Enkel, als er eine der Rüben Opa an den Kopf warf und dieser steigerte wiederum seinen Spaß, als er seinerseits den Enkel verdrosch. Ja die Ts waren eine humorvolle Familie.
