Die Tage, die bleiben - Angela Brown - E-Book

Die Tage, die bleiben E-Book

Angela Brown

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Beschreibung

Warmherzig, liebevoll und so bittersüß wie das Leben!

Olivia Strauss hat definitiv keine Midlife-Crisis. Nicht wie andere fast 40-jährige Frauen in ihrem Wohnviertel, die nachmittags bei Weißweinschorle Anti-Aging-Produkte verkaufen. Olivia weiß, sie hat noch jede Menge Zeit, um ihre lange To-do-Liste abzuarbeiten: Sie wird ihre stagnierende Karriere in Angriff nehmen, mehr Zeit mit ihrem Sohn verbringen und endlich wieder romantische Dates mit ihrem Ehemann haben. Doch dann bekommt sie ein schräges Geburtstagsgeschenk von ihrer besten Freundin. In einer trendigen Wellness-Klinik lassen sich beide ihre Lebenszeit voraussagen. Und was als Spaß beginnt, nimmt eine Wendung, die Olivias Leben für immer verändern wird ...

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Buch

Olivia Strauss hat definitiv keine Midlife-Crisis. Nicht wie andere fast 40-jährige Frauen in ihrem Wohnviertel, die nachmittags bei Weißweinschorle Anti-Aging-Produkte verkaufen. Olivia weiß, sie hat noch jede Menge Zeit, um ihre lange To-do-Liste abzuarbeiten: Sie wird ihre stagnierende Karriere in Angriff nehmen, mehr Zeit mit ihrem Sohn verbringen und endlich wieder romantische Dates mit ihrem Ehemann haben. Doch dann bekommt sie ein schräges Geburtstagsgeschenk von ihrer besten Freundin. In einer trendigen Wellness-Klinik lassen sich beide ihre Lebenszeit voraussagen. Und was als Spaß beginnt, nimmt eine Wendung, die Olivias Leben für immer verändern wird …

Weitere Informationen zu Angela Brown finden Sie am Ende des Buches.

Angela Brown

Die Tage, die bleiben

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Sonja Rebernik-Heidegger

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel»Olivia Strauss Is Running Out Of Time« bei Little A, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung April 2024

Copyright © 2024 by Angela Brown

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2024

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotive: © FinePic®, München

Redaktion: Regina Carstensen

LK · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-31858-1V001

www.goldmann-verlag.de

Für Hadley, die mich dazu ermutigt hat, endlich anzufangen.

Und für August, der mich dazu ermutigt hat, es endlich zu beenden.

Das sind die Tage, die dir passieren müssen …

Walt Whitman »Song of the Open Road«

Es wird Zeit geben, es wird Zeit sein …

T. S. Eliot »The Love Song of J. Alfred Prufrock«

Das Problem ist, dass es niemand weiß. Oder jeder. Aber nicht, wann, wie und wer. Vielleicht morgen. Oder nächstes Jahr. In einhundert Jahren. Oder nie! Na ja, nicht nie. Aber manchmal fühlt es sich so an, nicht wahr? Niemals. Ich doch nicht. Du doch nicht. Wir doch nicht. Nicht jetzt. Doch nicht jetzt! Wir haben immer noch Zeit. Zeit, um es zu verschieben. Um es noch einmal zu versuchen. Um den Job zu kündigen. Um die Reise zu machen. Um häufiger Sex zu haben. Um zu schlafen. O Gott, um zu schlafen. Um die Vitaminpillen zu kaufen. Um die Vitaminpillen zu nehmen. Um die guten Schuhe anzuziehen. Um die Zigaretten in den Müll zu werfen. Wie bitte? Na gut. Um die Zigaretten wirklich in den Müll zu werfen. Um sich zu entschuldigen. Um sich auf einen Kaffee zu treffen. Um jemandem den Atem zu rauben. Um »Ich liebe dich« zu sagen. Um jemandem einen Gutenachtkuss zu geben. Um »Guten Morgen« zu flüstern. Es gibt genug Zeit. Zeit, um das Leben zu revidieren. Zeit, um es hinauszuschieben. Zeit zu leben. Zeit, sich zu verändern. Zeit, sich zu entfalten. Zeit, es zu beenden. Zeit, etwas auszuprobieren.

Zeit.

Das ist das Problem. Es gibt nie genug davon.

Sie läuft uns davon.

Tod

Eins

Am Abend meines neununddreißigsten Geburtstags – damals, als der ganze Ärger seinen Anfang nahm –, ging ich davon aus, ich hätte noch Jahrzehnte zu leben (mit Betonung auf der Mehrzahl). Klar wurde ich älter, aber ich sah mich immer noch als junge Frau. Nicht jung jung. Ich bin ja nicht verrückt. Oder blind. Aber ich konnte durchaus noch ärmellose Shirts tragen (manchmal) und ohne Make-up das Haus verlassen (aber mit Sonnenbrille, die musste immer sein!). Sogar meine erste Mammografie stand noch bevor. Ich bin keine Philosophin, aber es sagt doch viel über eine Frau aus, wenn ihre Brüste noch jung genug sind, um nicht von einem gewaltigen Röntgenapparat zerquetscht zu werden, oder?

Damals auf Suzannes Party war der Tod ein abstrakter Gedanke, wie diese traurigen Geschichten in den Nachrichten, nach denen man sich versichert, dass so etwas nur an weit entfernten Orten passiert. Real, aber gleichzeitig auch wieder nicht. Der Tod war – so hatte ich beschlossen – eine Regel, die alle anderen zu befolgen hatten. Etwas, das so weit in der Zukunft lag, dass es akzeptabel – ja sogar logisch – war, jeden ernsthaften Gedanken daran zu verdrängen. Wie an die nächste Steuererklärung.

Dieser Meinung war ich zumindest so lange, bis diese braune Aktenmappe (möge sie der Teufel holen!) den Weg in meine Hände fand. Denn sobald ich den Inhalt gesehen hatte, konnte ich ihn nicht mehr vergessen. Die Ziffern zwangen mich zu akzeptieren, dass die Regeln tatsächlich auch für mich gelten und meine Zeit auf diesem Planeten auf jeden Fall zwangsläufig ein Ende finden würde. Und wohl oder übel wusste ich dank dieser bescheuerten Mappe auch ganz genau, wann es so weit sein würde.

Nicht dass Sie mich falsch verstehen. Ich bin nicht krank. Ich gehe nicht davon aus, dass man mir zu Ehren in nächster Zeit Wohltätigkeitsläufe organisieren oder Spenden-Websites erstellen wird. Als ich an jenem Abend die einzelne pinkfarbene Kerze auf meinem Cupcake auspustete, war ich im Großen und Ganzen gesund. Ich rauchte nicht (zumindest nicht regelmäßig). Ich trank nicht (definieren Sie »regelmäßig«). Die wichtigsten medizinischen Abkürzungen (BMI, RR) waren im Normbereich.

Außerdem war ich keine Idiotin. Ich machte keine dämlichen Sachen und legte zum Beispiel immer meinen Sicherheitsgurt an. Okay, ich machte nicht so viel Sport, wie ich sollte (also gar keinen). Und im Laufe der Jahre hatte ich viel zu viel Sonne abbekommen (aber ich litt zumindest nicht unter Vitamin-D-Mangel!). Die Artikel über Parabene habe ich allerdings nie wirklich ernst genommen. Ich bin deshalb aber keine Ignorantin. Ich will mich nur nicht mit Kokos- und Cashewnüssen waschen. Shampoo aus Studentenfutter? Ich weiß nicht. Vielleicht liegt es auch nur an mir.

Schuld war einzig und allein Marian. Marian ist meine beste Freundin. Wir haben uns vor einer Trilliarde Jahren bei einer Dichterlesung während unseres ersten Semesters an der NYU, der Universität von New York, kennengelernt. Wir waren im Prinzip Babys, denen jemand die Schlüssel fürs Studentenwohnheim in die Hände gedrückt hatte. Marian saß während der Lesung neben mir. Sie trug das T-Shirt einer Band, von der ich – uncool, wie ich war – noch nie gehört hatte, und hatte reihenweise Vintage-Ketten um den Hals, die sie total boho wirken ließen, während ich damit wie ein Clown ausgesehen hätte. Wir hatten noch kein einziges Wort gewechselt, da wusste ich bereits, dass sie zu den seltenen Menschen gehörte, die cool geboren wurden und auch für alle Ewigkeit cool blieben. Marian würde sich nie im Leben einen Minivan kaufen. Und sie würde nie ein Haushaltsgerät besitzen, das man als »praktisch« bezeichnet. Manche Leute sind einfach so.

»Willst du abhauen?«, flüsterte sie mir zu, während um uns herum Gedichtfetzen wie Motten durch die Luft flatterten. Ich konnte nicht glauben, dass sie mit mir redete. »Ich kenne eine Bar in der Second Avenue, in der sie die Ausweise nicht kontrollieren.« Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich glaube, ich wusste schon an diesem ersten Abend, dass wir bis in alle Ewigkeit befreundet sein würden.

Wenige Wochen nach der Dichterlesung trafen wir Andrew, der irgendwann mein Freund und später mein Ehemann wurde. Wir waren in einer Kneipe, in der es Pabst Blue Ribbon – das beste Bier, das wir uns damals vorstellen konnten – in Eimern gab. Ich hatte nicht den Mut, ihn anzusprechen. Also ließ Marian mich mein Bier auf ex trinken, nahm meine Hand, zog mich durch die Menge und brachte mich dazu, ein Gespräch zu beginnen. Andrew lachte bloß kopfschüttelnd, dann bot er uns beiden ein Bier aus seinem Alu-Eimer an. Nach einigem sinnlosen Bar-Gelaber erkannten wir, dass wir uns für dieselbe Schreibwerkstatt angemeldet hatten. Andrew drückte uns noch ein Bier in die Hand. Von da an waren wir drei unzertrennlich.

Aber ich schweife ab. Ich glaube, ich wollte nur, dass Sie wissen, dass ein Teil von mir früher mal dachte, ich wäre unbesiegbar. Genau wie alle, die ich liebe. Wobei es bis zu einem gewissen Grad wohl jedem so ergeht, oder? Das ist keine Todsünde. Ich bin bloß ein Mensch. Ein Mensch, der sterben kann. Und der – wie sich herausgestellt hat – auch sterben wird.

Na also. Jetzt habe ich es zugegeben.

Das Problem ist, dass es so viele Arten gibt. Da wären zunächst die offensichtlichen Ursachen, wie Krankheiten, verpfuschte Operationen und Autounfälle. Aber es gibt auch weniger naheliegende Gründe. Man kann über einen Wäschekorb stolpern oder die Treppe hinunterstürzen und genau im falschen Winkel aufkommen. Man kann sich den Finger an einem Blatt Papier schneiden und eine tödliche Blutvergiftung erleiden. Oder man wird am Strand von einem herumfliegenden Sonnenschirm aufgespießt. Gerade noch cremt man sich ein, und im nächsten Augenblick … Sayonara! Wenn man erst einmal darüber nachdenkt, erkennt man schnell, dass alles im Leben ein potenzielles Risiko darstellt.

Und genau mit dieser Erkenntnis beginnt diese Geschichte. Denn letzten Endes war nicht das Sterben an sich mein Problem. Es ging, wie sich herausstellte, vor allem um das Wie.

Zwei

Am Anfang stand eine Liste.

Ich schrieb schon mein ganzes Erwachsenenleben lang Listen. Sie gaben mir das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Als könnte ich jede irdische Katastrophe bewältigen, solange ich die Lösung in einer Liste mit genügend Aufzählungspunkten verpackte. Im Laufe der Jahre schrieb ich Einkaufslisten, Listen mit täglichen Mahlzeiten, Listen mit wichtigen Terminen (es kommt darauf an, sie auch tatsächlich wahrzunehmen) und Listen mit möglichen Date-Abenden, Familienabenden und Büchern, die ich an Abenden lesen wollte, an denen ich Zeit für mich hatte (ha!).

Natürlich ließ die ursprüngliche Begeisterung, die ich beim Schreiben der Listen empfand, schnell nach (aus »Ich werde das durchziehen!« wurde schnell ein »Na ja, vielleicht, wenn nichts im Fernsehen läuft«), und schon kurz darauf waren sie vergessen. Trotzdem wiederholte sich der Kreislauf. Jedes Mal, wenn in meinem Leben etwas außer Reichweite schien, griff ich mit großer Wahrscheinlichkeit zu Papier und Bleistift. Bis vor ein paar Monaten hätten Sie in meiner Handtasche und in meinen Schreibtischschubladen Dutzende zerknitterte Listen gefunden.

Es gab jedoch eine Liste, die niemals zerknitterte, und das war meine jährliche Geburtstagsliste, die ich in einem kleinen rosafarbenen Notizbuch notierte, das ich in meinem Nachttisch aufbewahrte. Ich hatte Anfang zwanzig damit begonnen. Seit damals holte ich das Notizbuch jedes Jahr am Abend vor meinem Geburtstag heraus und schrieb eine Liste mit Dingen, die ich im kommenden Lebensjahr an mir und meinem Leben ändern wollte. Es sollte der Motivation dienen. Ein neues Jahr. Eine neue Seite. Sie verstehen, was ich meine. Der Titel entsprach immer meinem bevorstehenden Alter – »Jahr siebenundzwanzig« zum Beispiel – und wurde mit einer klaren, zackigen Linie unterstrichen.

Es ist seltsam, ein derartiges Abbild seiner selbst zu haben. Die Möglichkeit, im Leben zurückzublättern und sich zu erinnern, wie bedeutungsvoll so viele unbedeutende Dinge mir einst erschienen. So war ein Ziel für das Jahr zweiundzwanzig zum Beispiel: »In jeder Bar in Manhattan einen Shot trinken!« (Was unmöglich ist, wenn man bedenkt, wie viele Bars jede Woche schließen und neu eröffnet werden – obwohl ich es natürlich versucht habe.) Und im Jahr dreiundzwanzig hieß es: »Etwas Außergewöhnliches mit meinen Haaren anstellen! (Blond? Pink? Alles außer braun!)« Es war auf jeden Fall ein sehr denkwürdiger Augenblick in meinem Leben.

Im Laufe der Jahre kristallisierten sich allerdings neue, bedeutendere Trends heraus, was meine Geburtstagslisten betraf. Erstens wurden sie länger (vermutlich ein schlechtes Zeichen). Und zweitens schrieb ich langsam Jahr für Jahr dieselben Punkte nieder (auf jeden Fall ein schlechtes Zeichen). Im Nachhinein wäre ein zweites Notizbuch, in dem ich alle Ausreden notierte, vielleicht keine schlechte Idee gewesen. Trotzdem ging mir der Anblick der unerfüllten Punkte des letzten Jahres nie wirklich nahe. Und falls doch, dann musste ich nur weiter zu den vielen leeren Seiten blättern, die noch auf mich warteten. Fein säuberliche, rechteckige Erinnerungen an die vielen Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, die hinter dem Horizont auf mich warteten. An die Zeit, die sich vor mir ausbreitete und in der ich mich Tagträumen hingeben, Dinge aufschieben und mein Leben in Listen planen konnte, ohne es tatsächlich zu leben.

Das war also die innerliche Verfassung, in der ich mich letztes Jahr befand, als das ganze Debakel – angefangen bei der braunen Aktenmappe über Marian und die alberne Party bis hin zu den Flamingos (ja, ich meine hier die tropischen Vögel, aber dazu komme ich noch) – passierte.

Es begann an einem Abend im Juni. Ich saß auf der Bettkante, trug noch immer meine Arbeitsklamotten und hatte nur noch wenige Minuten, bis ich wieder zur Tür hinausmusste. Ich hatte es immer eilig. Ganz egal, was ich vorhatte, da war ständig das Gefühl, als gäbe es noch etwas anderes, Wichtigeres. Jedenfalls war das der Moment, in dem ich das vertraute rosafarbene Notizbuch hervorholte, eine neue Seite aufschlug und mir sagte, dass ich genau zwei Minuten hatte, um meine Ziele für das bevorstehende Jahr zu notieren. Sehr durchdacht, ich weiß.

Kochen lernen (nicht nur Rezepte aus diversen Magazinen sammeln). Sport machen (Erinnerung: Es ist nur Sport, wenn man dabei ins Schwitzen kommt). Aufhören, auf der Veranda zu rauchen (Ich meine, ernsthaft: Wie alt bist du?). Sich nicht mehr hetzen. Nicht mehr fluchen (Tommy kann dich hören!). Nicht mehr alles aufschieben. Den Job kündigen. Wieder mit dem Schreiben anfangen. Den Tisch reparieren, um wie ein Erwachsener zu essen. Jeden Abend vor dem Schlafengehen ein neues Gedicht lesen. Öfter mit Andrew ausgehen. Öfter mit Tommy spielen. Mehr auf dich selbst achten. Die Wäsche bügeln (nicht nur die Vorderseite, du wurdest durchschaut). Einen echten Familienurlaub planen (Cocktails mit kleinen Papierschirmchen!). Das Haus aufräumen (aufhören, in einem riesigen Spielzimmer zu leben). Mehr lachen. Garten? Eine Atemübungs-App herunterladen.

Wie jedes Jahr machte ich mir auch dieses Mal keine Gedanken darüber, wie ich die Dinge, die ich aufgelistet hatte, erreichen wollte. Stattdessen betrachtete ich die Seite so lange, bis ich überzeugt war, dass ich einen Weg finden würde, jeden Punkt abzuhaken, auch wenn ich es in der Vergangenheit kein einziges Mal geschafft hatte.

Aber das ist diese eine Sache an Geburtstagen, die mir erst vor Kurzem so richtig bewusst geworden ist. Es geht nicht um die Geschenke und die Luftschlangen. Nicht um die Partys, die Fotos und die kleinen pastellfarbenen Kerzen auf der Torte. Es geht um diesen kurzen Hoffnungsschimmer. Einen Tag lang können wir die Tür hinter unseren Fehlern verschließen und uns an die falsche Vorstellung klammern, dass wir uns ein wenig weiser ins nächste Jahr stürzen werden. Wir wünschen uns etwas. Wir pusten die Kerzen aus. Wir sagen uns, dass das kommende Jahr unser Jahr werden wird.

Nachdem ich lange genug auf die Liste gestarrt hatte, ließ ich das Notizbuch wieder in meinem Nachttisch verschwinden. Ich schlüpfte in meine Jeans und das am wenigsten zerknitterte Oberteil, das ich finden konnte, fasste meine langen mausbraunen Haare zu einem unordentlichen Knoten zusammen und setzte meine Schildpattbrille auf. Was soll ich sagen? Dieser abgekämpfte Look à la Bridget Jones war nun mal mein Stil. Ich eilte hinaus auf den Flur und die Treppe nach unten, wo sich einer von Tommys Legosteinen in meinen nackten Fuß bohrte.

»Scheeeiiiße!«, brüllte ich so laut, dass mich die ganze Nachbarschaft hören konnte.

»Das haben wir gehört!«, rief Andrew von unten.

»Mama muss Geld in die Fluch-Sparkasse werfen!«, quiekte Tommy.

»Tut mir leid!«, rief ich und zog das rote Plastikding aus meinem schmerzenden Fuß und ließ es zu Boden fallen. Ich versuchte nicht darüber nachzudenken, dass ich nur wenige Sekunden gebraucht hatte, um den ersten Punkt meiner Liste zu verwerfen. Okay. Eigentlich waren es sogar zwei.

Morgen, sagte ich mir. Ich fange morgen mit der Verwirklichung der Vorsätze an. Ich hastete weiter und sprang dabei über einen Berg Spielzeugautos. Aber verdammt noch mal nicht heute.

Immerhin war ich – wie üblich – spät dran.

»Mama! Sieh nur! Daddy ist ein Pony!«

Ich kam mit schmerzhaft pochendem Fuß unten an und schlug mich strategisch durch den Hindernisparcours aus Spielzeug, ungefalteter Wäsche und Sofakissen, den meine Familie auf den Boden verteilt hatte. Tommy, dessen Gesicht hinter einer Superheldenmaske verborgen war, ritt auf Andrews Rücken durchs Wohnzimmer. Ich kniff die Augen zusammen und betrachtete seine Aufmachung genauer. »Verwendest du eines meiner Arbeitskleider als Umhang?«

Tommys Augen wurden groß wie Untertassen, dann schlug er seinem Vater die Hacken in die Hüften. »Hü!«, schrie er. »Die Schurkin ist uns dicht auf den Fersen!«

»Hi, Schatz.« Andrew galoppierte über den Holzboden. »Wenn das Spiel noch länger so weitergeht, brauche ich ein Eisbad.«

»Das klingt, als würde einer von uns langsam alt werden.« Ich drehte meine Handtasche um, sodass Tommys Spielzeuge und Snacks herausfielen und einen riesigen Haufen bildeten. Dann klimperte ich mit den Wimpern. »Du hast Glück, dass das nicht ich bin.« Ich holte die Vorspeisenplatte aus dem Kühlschrank, die ich vorhin eilig zusammengestellt hatte.

»Du siehst hübsch aus.« Andrew stemmte sich vom Boden hoch. »Neues Oberteil?«

»Oh, ähm …« Wenn mir jemand Komplimente machte, wurde ich wieder zum unbeholfenen Teenager. Ich kratzte etwas eingetrocknetes Play-Doh von meiner Bluse. »Eigentlich nicht.«

Andrew grinste und tat, als würde er nicht bemerken, wie ich die Knete vom Fingernagel schnippte.

»Übrigens, die Praxis von Dr. White hat angerufen. Irgendetwas wegen deinem Blutbild.« Andrew streckte sich und zog sein mottenzerfressenes Lieblingsshirt zurecht. Abgesehen von den kleinen Fältchen um die Augen hatte er sich seinen jungenhaften Charme erhalten, der mich am College so in den Bann gezogen hatte. »Glaube ich.«

»Vampire!«, schrie Tommy in die Welt hinaus.

»Tut mir leid, Kleiner. Keine Vampire.« Ich wandte mich an Andrew. »Ich hatte mal wieder Damenbesuch.« So nannte ich meinen jährlichen Termin beim Gynäkologen. Was meinen Körper betraf, war ich immer noch eine schambehaftete Heranwachsende. »Wahrscheinlich haben sie meine Laborergebnisse bekommen.« Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Tommy. »Hey, Kumpel.« Ein abtrünniges Spielzeug schoss durch die Luft. »Zieh das Kleid von mir aus oder das Cape oder was auch immer und wirf es in den Wäschekorb, okay?«

»Geht nicht«, erwiderte Tommy rundheraus.

»Warum nicht?« Ich suchte in den Schubladen nach Frischhaltefolie.

»Weil ich ein Superheldenastronautencowboy bin«, erklärte er mit ernstem Gesicht.

Ich mühte mich mit der Folie ab. »Und wie lange bleibst du ein Superheldenastronautencowboy?«

»Mindestens bis morgen früh«, verkündete er. »Vielleicht auch länger.«

Ich stieg über eine gewaltige Snackpackung, die ich neulich im Großmarkt gekauft und immer noch nicht verstaut hatte. »Na gut.« Ich wickelte die Vorspeisenplatte in die Folie und drückte die Kühlschranktür mit dem Hintern zu. »Du hast bis zum Frühstück Zeit.«

Tommy schob die Maske nach oben, sodass seine weichen blonden Haare wie Stacheln vom Kopf abstanden. »Mama, wo willst du hin? Heute ist Pizza-Abend. Den magst du doch so gern.« Essen, das in einem Karton geliefert wird. Was soll ich dazu noch sagen? »Ich habe schon den Tisch gedeckt.« Tommy deutete auf drei Bastelpapierbogen, die er auf dem Tisch ausgelegt hatte. Andrew und ich wechselten einen Blick. »Und ich habe Blumen gepflückt«, verkündete er und machte uns auf ein Wasserglas mit verwelktem Löwenzahn aufmerksam.

Ich biss mir auf die Lippen. Sie war noch fettig vom Lippenbalsam, meinem zuverlässigsten Beauty-Produkt. »Trotzdem ist der Tisch noch immer eine Katastrophe.« Ich deutete mit dem Kopf auf das Holzbein, das ich mit Luftpolsterfolie umwickelt und mit Klebeband fixiert hatte. Das war dann wohl Punkt Nummer vier. Es hatte vor ein paar Wochen nachgegeben, nachdem ich mehrere Einkaufskartons auf der Tischplatte gestapelt hatte. Genau wie ich schien der Tisch die Last unseres Lebens kaum noch tragen zu können. »Aber du hast das wirklich hübsch dekoriert.« Ich wandte mich an Andrew und hauchte ihm ein Wir reparieren das nächste Woche zu, obwohl wir wohl beide wussten, dass das Tischbein noch wochenlang, vielleicht sogar monatelang kaputt sein würde.

Tommy schlang die Arme um meine Hüfte. »Warum musst du weg?«

Ich verwuschelte ihm die Haare. »Weil eine unserer Nachbarinnen eine Party für die Mommys schmeißt …«

»Eine Party!«, kreischte Tommy. »Aber morgen ist doch Schule!«

Die Moms der Nachbarschaft trafen sich ausschließlich unter der Woche. Die Wochenenden waren zu vollgestopft mit Erledigungen und Aufgaben, die wir zur Vorbereitung auf die nächste Woche geschafft haben mussten.

»Gibt es Kuchen?«, fragte Tommy.

Verdammt. Daran hatte ich gar nicht gedacht. »Hoffentlich nicht«, murmelte ich.

»Ich will mitkommen!«, quengelte er.

»Glaub mir, das willst du nicht.« Ich drückte ihn. »Das will niemand.«

Andrew ließ die Hüften kreisen, als würde er mit einem unsichtbaren Hula-Hoop tanzen, dann gab er mir einen Kuss. »Mama muss Fußlotion in Mrs Johnsons Küche kaufen.«

Tommy verzog das Gesicht. »Warum kauft Mama Fußlotion in einer Küche?« Er kicherte wie verrückt, als sei allein die Vorstellung, Beauty-Produkte neben einer Schale Bananen zu erstehen, das Witzigste, was er je gehört hatte. »Die kauft man in einem Laden, das weiß doch jeder.«

Da hatte Tommy recht. Doch unsere Nachbarinnen sahen das anders. Alle paar Monate trafen sich die Frauen der Ferndale Lane an einer der Kücheninseln ihrer Häuser, um sich Beauty-Produkte anzusehen, die niemand wollte, aber alle Anwesenden zwingend erwerben mussten. Mittlerweile wusste ich, dass die Partys eine Art waren, wie Vorstadtfrauen ihre Midlife-Crisis bewältigten. Sie rasierten sich nicht die Köpfe oder gönnten sich unpraktische Wandschränke wie normale Menschen, sondern verschrieben sich Pyramidensystemen und verhielten sich, als wäre der Verkauf von Lippenstiften ihre größte Leidenschaft. Es war ein echtes Problem.

»Warum musst du da hin?«, fragte Tommy.

»Weil sonst jeder in der Nachbarschaft den ganzen Abend darüber spekuliert, warum ich nicht da bin«, erklärte ich ihm.

Tommy warf einen Gummiball über dem Kopf in die Luft. »Was bedeutet spek-ti-kutieren?«

Ich konnte nicht anders. Ich drückte ihn erneut. Ich liebte ihn und seine Unschuld so sehr. »Wenn man schlecht über jemanden redet, der nicht da ist, um sich zu verteidigen.«

»Aber man soll doch nicht schlecht über seine Freunde sprechen«, bemerkte Tommy.

»Ich weiß, Kumpel.« Ich umfasste sein Kinn und gab ihm einen Kuss. »Erwachsene sind furchtbar. Versprich mir, dass du immer jung bleibst.«

»Nö!«, rief er. »Superheldenastronautencowboys geben keine Versprechen!«

»Na gut.« Ich griff nach meiner Tasche und warf ein paar Münzen in unsere Fluch-Sparkasse – ein riesiges Einmachglas auf der Arbeitsplatte –, bevor ich eilig die Post durchging. Eine Rechnung. Müll. Noch eine Rechnung. Noch mehr Müll. Ich hielt bei einem dünnen Briefumschlag inne. Metrics Literary Magazine, New York. Ich riss ihn auf. Sehr geehrte Mrs Strauss, danke für Ihre Unterlagen. Leider …

Ich schickte meine Texte seit Jahren – oder sogar Jahrzehnten – an diverse Literaturmagazine. Mittlerweile hatten die großen Verlage den Anstand, die Arbeit von uns Autoren in elektronischer Form abzulehnen, sodass unsere in tausend Scherben zerschlagenen Träume nur im Metaversum existierten. Die kleinen Magazine – von denen niemand außerhalb der akademischen Welt jemals etwas gehört hat – dachten immer noch, es wäre angemessen, uns unser Versagen in Briefform mitzuteilen. Ich weiß auch nicht. Vielleicht gehörte es zum dichterischen Leben, ab und zu das volle Gewicht der Niederlage zu spüren.

Ich zerknüllte den Brief, ehe ihn jemand sah. »Versprecht mir nur eines«, bat ich Tommy und holte meine Schuhe – ein neutrales Paar mit flacher Sohle, das ich schon so lange besaß, dass ich nicht ganz sicher war, ob sie noch in Mode waren – unter einem Berg aus Plastikfiguren hervor. »Spielt bitte nicht im Wohnzimmer Ball, während ich unterwegs bin.«

»Machen wir nicht«, antworteten Mann und Sohn wie aus einem Mund, und ich wusste sofort, dass sie genau das tun würden.

Ich schüttelte den Kopf, warf ihnen beiden einen Kuss zu und öffnete die Tür. Im Augenwinkel sah ich, wie Tommy den Ball mit voller Kraft in Andrews Richtung feuerte. Ich schloss gerade die Tür hinter mir, als ich hörte, wie etwas zerbrach. Aber ich wandte mich nicht um.

Manchmal ist es besser, nicht alles zu wissen.

Drei

»Himmel! Gott sei Dank bist du hier!« Suzannes Tür schwang auf, bevor ich überhaupt klopfen konnte. Eine Flasche Wein steckte unter ihrem Arm wie ein Football. »Vikki erzählt von Peter. Mal wieder.«

Hinter Suzannes breiter Veranda waren bereits mehrere durcheinanderklingende Frauenstimmen zu hören. Natürlich war ich die Letzte. »Hallo erst mal.«

Suzanne verdrehte derart die Augen, dass ich Angst hatte, sie nie wieder zu sehen. »Vielleicht sollten wir ihr endlich sagen, dass wir alle wissen, dass ihr Sohn schwul ist«, sagte sie eher zu sich selbst als zu mir. »Es ist die reinste Folter, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich abmüht.« Suzanne tat gerne so, als würde sie ein Gespräch führen, dabei redete sie am liebsten laut mit sich selbst. Ihr ganzes Leben war ein endloser Monolog. »Und sie weiß es doch sicher auch, oder? Ich meine, wie kann sie so etwas nicht wissen?« Sie hielt inne und wog ihre Worte ab wie ein wertvolles Gut. »Ach, sei still!«, meinte sie schließlich, obwohl wir beide wussten, dass ich nichts gesagt hatte. »Ich vergöttere Peter.« Sie strich ihre schicke Button-down-Bluse glatt. »Du weißt, was ich meine.« Ich stand immer noch mit meiner Vorspeisenplatte vor ihr. Sie warf einen Blick darauf und nickte anerkennend. »Na gut. Du hast recht. Wir können später über Peter reden. Aber es gibt da noch eine Sache, bevor du reingehst.« Suzanne grinste. »Alles Gute zum Geburtstag, Liv.«

Ach ja, das habe ich Ihnen noch gar nicht erzählt. Das ist die Ironie an dieser ganzen Geschichte. Mein Spitzname ist Liv. Wie das englische Wort »live«. Leben. Und trotzdem …

»Oh. Ja, genau. Danke.« Ich versuchte, meine Bluse glatt zu streichen. »Aber du bist einen Tag zu früh dran.«

»Ich dachte, du hast am Wochenende sicher schon was vor. Außerdem wird die nächste Woche ein verdammter Albtraum.«

Sie hatte recht. In der letzten Schulwoche waren die Kalender prall gefüllt mit einem rauschähnlichen Chaos aus Partys, Picknicks, Schulsporttagen und hektischen Anrufen verzweifelter Eltern, die Lehrer baten, ihren vermaledeiten Kindern doch bessere Noten zu geben. Ich sollte es wissen. Ich arbeite als Lehrerin an der Blakely Highschool, einer dieser noblen Privatschulen mit gusseisernen Toren und Efeu, der sich überall emporrankt.

»Es ist keine große Sache«, erklärte ich. »Neununddreißig ist kein Meilenstein. Ich glaube, es gibt dafür nicht einmal eigene Glückwunschkarten.«

»Kein Meilenstein. Pffff. Natürlich ist es das!«

Hinter mir erwachten die Rasensprinkler zum Leben, und ein unverkennbares Klicken erklang, gefolgt von dem dezenten Geruch nach nassem Gras. »Vielleicht nächstes Jahr, wenn ich offiziell über den Berg bin«, meinte ich.

Suzanne verdrehte erneut die Augen. Das war ihre typische Geste. Den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen irgendwo im Schädel verborgen. Nachdem ihre Augen wie die Bilder bei einem Glücksspielautomaten wieder nach unten gerollt waren, hob sie die freie Hand und winkte. »Man sehe sich nur mal diese Schönheit an!«, rief sie, und ich zuckte überrascht zusammen. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass sie mit jemandem hinter mir sprach.

Ich wandte mich um und entdeckte unsere Nachbarin Annie, eine etwas ältere Frau, die ihr Leben für ihre Hortensien gelassen hätte und gerade mit ihrem Hund Jack spazieren ging. Ich winkte Annie höflich zu, auch wenn ich wenig für Jack übrighatte. Er bellte spätnachts, hinterließ überall seine Haufen und ging mir damit tierisch auf den Sack.

»Dieser Hund geht mir tierisch auf den Sack«, flüsterte Suzanne, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Ich höre ihn jeden Tag bellen, wenn ich meine Runde drehe.« Das war eine weitere Besonderheit in unserer Nachbarschaft. Die Frauen glaubten an ihre täglichen Spaziergänge wie andere Leute an ihren Gott. Ich war mir nur nicht sicher, ob sie auf etwas zuliefen oder vor etwas davon. »Außerdem hat er letzte Woche auf unseren Randstein gekackt.« Suzanne winkte noch immer. »Schönen Abend!«

»Weißt du, was?«, merkte ich an und schob vorsichtig meine Brille zurecht, ohne dass mir die Vorspeisenplatte hinunterfiel. »In Hundejahren gemessen bin ich immer noch jung.«

»Im Moment. Bis du eines Tages aufwachst und so alt bist wie sie.« Suzanne deutete mit dem Kopf in Richtung Annie, die schon fast um die Ecke verschwunden war. »Fühlt es sich nicht so an, als wäre es erst gestern gewesen, dass wir zwanzig waren?« Sie lehnte sich an den Türrahmen. »Wenn das ein Gradmesser ist, sind wir innerhalb eines Wimpernschlags sechzig.«

»Du solltest Motivationscoach werden«, scherzte ich. Mehrere Jugendliche aus der Nachbarschaft zischten auf ihren Fahrrädern vorbei. Vermutlich waren sie auf dem Nachhauseweg. »Da wir gerade von möglichen Karrierewegen sprechen … hast du inzwischen …?«

»Nicht jetzt.« Suzanne wischte meine Bemerkung beiseite, ehe ich zu Ende gesprochen hatte. »Darüber will ich heute Abend nicht reden.«

Vor ein paar Tagen hatten wir auf der Schaukel im Garten hinter ihrem Haus Wein getrunken, und Suzanne hatte mir erzählt, dass sie früher, bevor ihr Kleiderschrank von sportlich-legerer Mode überschwemmt wurde, als Designerin bei einem Unternehmen gearbeitet hatte, das Kleidung aus recycelten Limoflaschen herstellte. Ich hatte keine Ahnung gehabt. Ich hatte nie darüber nachgedacht, wer Suzanne gewesen war, bevor wir uns kennengelernt hatten. Erwachsensein ist seltsam. Sobald man ein gewisses Alter erreicht hat, spricht niemand mehr über die Vergangenheit. Ich wusste von den meisten Frauen in meiner Straße nicht einmal, auf welches College sie gegangen waren. Und ihre Mädchennamen kannte ich auch nicht. Jedenfalls hatte Suzanne ihren Job aufgegeben, nachdem sie schwanger geworden war. Sie hatte sich geschworen, irgendwann zurückzukommen. An dem Abend auf der Schaukel hatte sie mir erzählt, dass sie nun endlich bereit dafür war. Sie musste diesen Teil ihrer Persönlichkeit wiederbeleben.

»Zurück zu dir«, sagte sie und rückte die Weinflasche unter dem Arm zurecht. »Ich bin selbst einundvierzig, und ich sage dir eines …« Sie deutete auf ihre Brüste. »Von nun an geht es bergab.«

Ich schüttelte den Kopf. »Sehr dezent.«

Ihre Äußerung hing zwischen uns, und während wir schwiegen, fiel mir auf, dass sich die Luft langsam veränderte. Der Frühling ging in den Sommer über. Der Abendwind fühlte sich wärmer an. Am Horizont war noch ein schmaler Lichtstreifen zu erkennen. Andrew und ich waren an einem Abend wie diesem in die Nachbarschaft gezogen. Mein Bauch rund wie eine Kugel, seine Arme schwer von den unzähligen Literaturmagazinen, die er unbedingt mitnehmen wollte. Als Erinnerung an das Leben, das wir hinter uns ließen.

Wir hatten uns nur zwei Häuser angesehen, ehe wir uns für unser jetziges Zuhause entschieden hatten. Andrew hatte es wegen des Vorgartens ausgesucht. Ich, weil es mich an eine Kinderzeichnung erinnerte: ein perfektes Quadrat mit vier Fenstern und einem dreieckigen Dachstuhl. Wir waren zwar praktisch noch Kinder gewesen, als wir uns kennengelernt hatten, aber Andrew und ich waren gemeinsam zu Erwachsenen geworden – Erwachsene, die in der Kinderversion eines erwachsenen Zuhauses lebten. Es war nachvollziehbar. Und aus Gründen, die ich nicht benennen konnte, auch poetisch.

Wir wollten damals beide nicht raus aus New York. Unsere Wohnung hatte sich klaustrophobisch angefühlt, das ja, aber auch intim. Es hatte buchstäblich keinen Platz für Geheimnisse und persönlichen Freiraum gegeben. Am College und in den darauffolgenden Jahren hatte sich unsere Beziehung auf begrenztem Raum entwickelt – in überfüllten U-Bahnen, winzigen Einzimmerwohnungen, auf belebten Bürgersteigen –, sie war wie eine Blume, die in einem Riss im Asphalt ihr Zuhause findet. Doch dann fanden wir heraus, dass Tommy bald zu uns stoßen würde, und unser beengtes Leben, das wir immer romantisiert hatten, entwickelte sich zu einem potenziellen Sicherheitsrisiko. Also sind wir gegangen.

Wir gaben einander einige Versprechen, von denen wir bereits damals wussten, dass wir sie brechen würden, die zu diesem Zeitpunkt aber so wichtig erschienen wie das Atmen. Wir würden unsere Träume weiterverfolgen (natürlich würden wir weiterschreiben!), genauso wie unsere Interessen (natürlich würden wir weiter die Stadt unsicher machen!) und unsere Identitäten (natürlich würden wir niemals in Großmärkten einkaufen!). Wir versprachen uns, niemals so von unserem neuen Leben eingenommen zu werden, dass wir unser altes vergaßen. Aber wir brachen auch dieses Versprechen, genau wie alle anderen.

Wir machten Zugeständnisse. Sobald Tommy größer war, würden wir wieder Zeit haben, um zu schreiben. Sobald wir die Woche, den Monat, das Schuljahr, die Ferien, den Schwachsinn, den Stress hinter uns gebracht hatten, würden wir Zeit finden, um alles zu tun, wonach wir uns sehnten. Aber das taten wir nie. Wie sich herausstellte, konnte das Leben warten.

»Warte mal«, sagte ich zu Suzanne, während die Straßenlaternen flackernd zum Leben erwachten. »Du hast doch niemandem gesagt, dass ich morgen Geburtstag habe, oder?« Ich musterte ihr Gesicht. Plötzlich hatte ich einen Kloß im Hals. »O Gott! Gibt es eine Überraschungsparty?«

Suzanne lenkte ab, indem sie meine Vorspeisenplatte musterte. »Frisches Basilikum?« Sie grinste. »Das bedeutet, die Platte ist hausgemacht, nicht wahr?«

Ich seufzte. »Ich hatte keine Zeit, um Tomaten zu schneiden. Sag den anderen bitte nichts.« Ein dicker Tropfen Öl fiel von der Platte auf meinen Schuh. Ich versuchte, ihn abzuschütteln, aber es war zwecklos. »Sie halten mich jetzt schon für asozial, weil ich vergessen habe, Tommy Plätzchen für den Verkaufsstand mitzugeben.« Ich senkte die Stimme. »Versprich mir, dass du mein Geheimnis für dich behältst.«

Suzanne schenkte mir ein nichtssagendes Lächeln. Ich reichte ihr die Platte in dem Wissen, dass ich nur noch Sekunden von einer unerwünschten Geburtstagsfeierlichkeit entfernt war, und folgte ihr ins Haus.

Vier

»Liv!«, rief ein Chor aus Frauenstimmen, als ich die Küche betrat. »Happy Birthday!«

Mein Kopf fuhr zu Suzanne herum, doch die hatte den Kopf nicht ganz zufällig in den Kühlschrank gesteckt. »Danke.« Ich griff nach einem Glas Wein und hoffte, dass nicht noch mehr kam.

»Du bist spät dran«, meinte Vikki und bemühte sich vergeblich um einen heiteren Tonfall. Sie lachte betreten. »Wir wollten schon einen Suchtrupp losschicken.« Auch das ging daneben.

Ich stellte meine Platte auf die Kücheninsel, auf der bereits eine Auswahl an wunderhübsch zusammengestellten und auf jeden Fall hausgemachten Vorspeisen Platz gefunden hatte: Brie im Teigmantel, Chicorée-Schiffchen mit Granatapfelkernen und solche Dinge.

»Wir haben gerade über unsere Pläne für den Sommer gesprochen.« Vikki strich mit der gebräunten Hand über ihre weiße Hose. Der Sommer hatte noch nicht einmal richtig begonnen, aber die Haut der anderen war bereits von der Sonne geküsst und strahlte, als hätten sie allesamt in Mandelmilch gebadet, während ich immer noch milchig weiß war wie eine durchgeknallte Viktorianerin. »Um es kurz zu machen«, fuhr Vikki fort, »Peter wird ein Stepptanz-Camp im Norden besuchen.« Sie umklammerte ihr Weinglas wie einen Rettungsring. »Wir hatten gehofft, dass er sich für das Lacrosse-Camp interessiert, aber wir sollten nicht vergessen, dass auch wettbewerbsmäßiger Stepptanz einen athletischen Wert hat.«

»Mmmmm«, murmelte die Gruppe synchron, als hätten wir es einstudiert. Es war unsere Art, sie zu unterstützen. Wir warteten, ob sie bereit war, mehr zu sagen, doch Vikki wandte den Blick ab. Eine Einladung für eine andere Anwesende, das Wort zu ergreifen.

»Also, was steht am großen Geburtstagswochenende auf dem Plan?«, fragte Allison Hanley, um das Thema zu wechseln. Allison wohnte in einem blassgelben Haus am Ende der Straße.

Sie war bekannt dafür, die Mahlzeiten ihrer Kinder mit Smileys zu dekorieren (vielleicht kann mir jemand erklären, warum ein Stück Hackbraten Olivenaugen und einen Ketchup-Mund benötigt?) und ständig Yoga-Hosen zu tragen, sobald sie das Haus verließ (wobei gesagt werden muss, dass Allison Hanley noch kein einziges Mal einen Yoga-Kurs besucht hat). Die allgemeine Aufmerksamkeit verlagerte sich von Vikki zu mir. »Suze meinte, morgen wäre der große Neununddreißigste!«

»Na ja, morgen arbeite ich.« Ich tauchte einen Kartoffelchip in eine Schale mit Dip. »Aber am Wochenende gehen wir in den Zoo.« Vor ein paar Abenden hatten wir zu dritt mit unseren Spaghetti auf der Couch gesessen, und Andrew hatte mich gefragt, wie ich mein Geburtstagswochenende begehen wollte. Ehe ich antworten konnte, hatte Tommy gerufen: »Im Zoo! Wir besuchen die Flamingos und erzählen ihnen, dass du Geburtstag hast!« Was soll ich sagen? Ich liebe diese Flamingos, und Tommy weiß das.

»In den Zoo?« Courtney Whitehead sah mich an, als hätte ich mich kürzlich einer Lobotomie unterzogen. Courtney hatte zu allem eine Meinung: Welches Toilettenpapier man kaufen sollte, welches Rezept ausprobiert werden musste. »Aber nicht doch! Du kannst deinen letzten Geburtstag in den Dreißigern unmöglich im Zoo feiern!« Sie wackelte mit dem Zeigefinger. »Du musst etwas Besonderes machen.«

Was genau verstand sie unter »etwas Besonderes«? Sollten wir in irgendein durchschnittliches Restaurant gehen, wo sie Happy Birthday mit Schokosoße auf den Rand des Desserttellers schrieben? Alle starrten mich an. Meine Hände begannen zu schwitzen. »Es ist doch bloß ein Geburtstag. Ich weiß nicht, warum alle so eine große Sache daraus machen.«

»Achte nicht auf sie, Liv.« Suzanne schwebte durch die Küche und füllte unsere Weingläser wieder auf. »Du bist die jüngste bald Neununddreißigjährige, die ich kenne. Du hast nicht einmal die kleinsten Fältchen im Gesicht.« Sie stellte die Flasche ab und kniff die Augen zusammen. »Na ja, zumindest nicht wirklich.«

Als Teenager hatte ich einen Artikel in einem Magazin mit dem Titel Pretty! gelesen (gab es wirklich einmal Zeitschriften mit solchen Titeln?), in dem stand, dass siebenundzwanzig das beste Alter im Leben eines Mädchens (einer jungen Frau!) sei. Dem auffälligen Schriftbild und den Make-up-Werbeseiten nach zu schließen, handelte es sich bei den Beiträgen in Pretty! natürlich um ernsthaften Journalismus. Der besagte Artikel stammte von einer damals noch jungen Autorin namens Jessica Frances, die behauptete, siebenundzwanzig wäre das Alter, nach dem sich die Leserinnen sehnen sollten. Denn zu diesem Zeitpunkt hätte man alle Vorgaben des Erwachsenseins (Babys, die Hochzeit mit dem Traummann, das volle Programm) bereits erfüllt und verfüge immer noch über den Stoffwechsel eines Teenagers. Es war einfach toll!

Bei all den Hinweisen auf diverse Beauty-Produkte war es zwar schwer, Miss Frances’ Standpunkt genau zu definieren, aber ich fasste den Artikel folgendermaßen zusammen: Mit siebenundzwanzig waren uns alle unsere Träume wie Bonbons in die mit Feuchtigkeitscremes gepflegten Hände gefallen. Am Ende des Artikels gab es ein kurzes Quiz mit dem Titel »Wirst du mit siebenundzwanzig deinen Seelenverwandten gefunden haben?«. Es war wirklich hochintellektuell.

Die restliche Highschool über und in den frühen Zwanzigern dachte ich immer wieder an diesen Artikel und versicherte mir, dass das Jahr siebenundzwanzig das beste meines Lebens werden würde, in dem endlich alles seinen Platz fand wie das letzte Teil eines Puzzles, das man voller Genugtuung einfügte. Ich konnte Risiken eingehen, schlechte Entscheidungen treffen und meine Träume in die Warteschleife legen, solange ich mit siebenundzwanzig alles auf der Reihe hatte. Am Abend meines siebenundzwanzigsten Geburtstags pustete ich die Kerze auf dem Muffin aus, den Andrew nach dem Ende seiner Schicht als Barkeeper besorgt hatte. Wir waren nicht verheiratet. Wir waren noch nicht einmal verlobt. Mein Traumjob wartete in ferner Zukunft – oder in der Vergangenheit, da war ich mir nicht so sicher –, während mein tatsächlicher Job, ein Praktikum bei einem Magazin, nur kostenlose Probepackungen diverser Beauty-Produkte und Snacks abwarf. Also änderte ich meinen Plan und erinnerte mich, dass ich immer schon ein Spätzünder gewesen war. Im Jahr neunundzwanzig würde mein Durchbruch passieren. Und als das auch nicht klappte, setzte ich meine ganze Hoffnung auf die frühen Dreißiger. Und dann ... Und dann …

»Ich gebe es nur ungern zu, aber Courtney hat recht.« Vikki nahm einen Klecks Hummus auf ihren Löffel. »Wenn du erst einmal vierzig bist, wird es kritisch.«

»Aber das stimmt doch nicht.« Ich drehte meinen einfachen goldenen Ehering. Es war eine alte, nervöse Angewohnheit.

»Doch, tut es«, fuhr sie fort. »Ich kenne Leute, die in den Vierzigern gestorben sind.«

Ich hob die Augenbraue. »Nenn mir jemanden.«

»Die Schwester eines Freundes meiner Cousine.« Vikki knabberte an einem Karottenstick. »Sie hatte monatelang einen schwarzen Fleck unter dem Auge, der aussah wie verschmierte Mascara.« Niemand blinzelte. Ich schüttelte den Kopf. »Es war ein Melanom.« Sie legte eine dramatische Pause ein. »Und es hatte bereits auf ihr Gehirn übergegriffen.« Alle schnappten nach Luft.

»Ich kenne auch jemanden«, meldete sich Allison. Die anderen Frauen lehnten sich näher heran. Es war wie bei einer Pyjamaparty auf der Highschool. »Die College-Mitbewohnerin meiner Schwiegermutter. Oder war es bloß eine College-Freundin?« Allison hielt inne. »Vielleicht waren sie auch zusammen auf der Highschool. Egal. Jedenfalls ist sie eines Tages aufgewacht, und alles war in Ordnung. Sie bestellte einen Krabbencocktail, ihre Kehle schwoll an und – BÄM – tot mit einundvierzig.« Die Zuhörerinnen erschauderten.

»Daran war aber nicht das Alter schuld«, erklärte ich. »Sondern eine Allergie.«

»Aber das ist es ja«, fuhr Allison fort. »Sie hatte vor diesem Abend keine Allergien.« Sie bedeutete Suzanne, ihr die Weinflasche zu geben. »Die Ärzte meinten, ihre Hormone wären durch ein zu frühes Einsetzen der Menopause aus dem Gleichgewicht geraten. Also war durchaus das Altern schuld.«

»Die Geschichte ist Fake«, widersprach ich. »Ich habe sie auf einem meiner Social-Media-Feeds gelesen.«

»Wenn du dann besser schlafen kannst«, meinte Allison.

»Nun, das war ja alles sehr aufmunternd.« Ich rang mir ein aufgesetztes Lachen ab. »Habt ihr vielleicht auch schon einen Sarg für mich gekauft?« Ein billiger Scherz, ich weiß.

»Ja, lach nur.« Allison löffelte etwas Dip auf ihren Teller. »Ich will damit nur sagen, falls irgendeine von uns unerfüllte Punkte auf ihrer Bucketlist hat, sollte sie sich ranhalten. Nur für den Fall.«

»Eine Bucketlist?« Courtney lachte. »Klar. Ich weiß noch, als ich dachte, ich könnte Ballerina werden.« Alle stimmten in ihr Lachen mit ein. Sie griff sich an die Stirn. »So peinlich.«

»Das zählt nicht.« Allison nippte an ihrem Wein. »Das steht doch bei jedem kleinen Mädchen auf der Wunschliste.« Courtney hörte auf zu lachen. Allison stellte ihr Glas ab. »Du warst doch noch ein kleines Mädchen, oder?«

Courtney schluckte. »Eigentlich war ich Anfang zwanzig«, verriet sie. »Ich habe in einer Off-Broadway-Show getanzt, bevor wir umgezogen sind.« Sie drehte ihren mit Diamanten besetzten Ehering. »Ich habe auch Teile davon choreografiert.« Da war etwas wie Stolz in ihrem Blick. »Habe ich das nie erwähnt?« Niemand sagte ein Wort. Stattdessen starrten alle auf die Granitarbeitsplatte, als wären sie in ihren intimsten Erinnerungen an eigene Wunschlisten versunken. »Aber das ist lange her.« Courtney rang sich ein Lachen ab. »Jetzt choreografiere ich die Sportstunden der Kinder.« Nun lachten alle. Außer Suzanne, die den Blick abwandte und sich auf die Lippen biss.

»Hört mal.« Sie setzte ein strahlendes Lächeln auf. »Da wir gerade vom Altern sprechen …«

Wir verstanden die versteckte Botschaft. Suzanne lotste uns zu ihrem Esstisch, wo sie Dutzende schicke Kosmetiktiegel und Fläschchen arrangiert hatte. »Ihr wisst ja, dass ich seit jeher eine Leidenschaft für Hautpflegeprodukte hege.« Was – wie ich anmerken muss – eine glatte Lüge war. »Vor Kurzem bin ich über ein Anti-Aging-Produkt gestolpert, das aus einer seltenen brasilianischen Nusssorte hergestellt wird und wahre Wunder gegen Krähenfüße, Altersflecken und alle anderen Probleme wirkt, die unsere Freundin Liv schon bald am eigenen Leib erfahren wird.«

Meine Nachbarinnen inspizierten die Produkte. Ich nahm einen Tiegel zur Hand, dann warf ich einen Blick in den Spiegel, den Suzanne bereitgestellt hatte. Ich musterte mein Gesicht. Die dünne Schicht Puder. Die sanften Fältchen, die sich um meine Lippen scharten wie unerwünschte Freunde. Ich sah in meine goldbraunen Augen. Sie wirkten müde. Als hätte jemand vergessen, den Schalter zu drücken und sie anzumachen.

Im Zimmer wurde es dunkler. Ich wandte mich um und sah Suzanne. Sie hielt einen Teller in der Hand, auf dem ein einzelner rosafarbener Cupcake thronte, der von einer schlanken Kerze erhellt wurde. »Ich weiß, du hättest mich erwürgt, wenn ich mit einem Kuchen angekommen wäre, aber ein Cupcake …« Suzanne reichte ihn mir. »Auf das letzte Jahr deiner Jugend, Olivia Strauss!« Sie lächelte und zwinkerte mir freundschaftlich zu. »Und jetzt wünsch dir was.«

Fünf

Auf dem Heimweg von Suzannes Haus dachte ich an die Unterhaltungen des vergangenen Abends zurück. Für gewöhnlich ließen mich Frauengespräche übers Altern kalt, aber diesmal war das anders gewesen. Ich trat auf die Veranda, doch anstatt ins Haus zu gehen und es für heute gut sein zu lassen, setzte ich mich auf die Steinstufen und zog mein kleines schwarzes Notizbuch aus der alten Umhängetasche aus Baumwolle. Ich trug solche Notizbücher seit dem College mit mir herum und schrieb in der illusorischen Hoffnung, meine Kreativität wieder zum Leben zu erwecken, meine täglichen Beobachtungen darin nieder. Ich öffnete meinen Stift und notierte ein paar Gedanken, bevor ich missbilligend über meine eigene Dummheit schnaubte und alles durchstrich. Ich holte mein Handy heraus und presste es ans Ohr. Überall in der Straße leuchteten gelbe Rechtecke und erhellten die müden Leben meiner Nachbarn.

»Sterben wir?«, fragte ich, sobald die Verbindung hergestellt war.

»Im Prinzip schon«, rief Marian. Im Hintergrund hörte ich die Geschäftigkeit eines vollkommen anders gearteten Abends unter der Woche. Ein Cocktail aus lauter Musik und den Umgebungsgeräuschen der Großstadt. »Aber ich habe gerade einen sehr attraktiven, sehr jungen Barkeeper kennengelernt, also hoffentlich nicht heute Nacht.«

Manchmal fühlte es sich nicht so an, als hätte Marian bloß eine andere Postleitzahl, sondern eher so, als lebte sie in einem anderen Universum, in dem attraktive Mittzwanziger mit derselben Regelmäßigkeit vor ihrer Tür standen wie Pakete voller Zahnpasta oder Reinigungsmittel vor meiner. »Wo bist du?« Ich griff hinter den Busch neben mir und zog eine verwitterte Zigarrenkiste auf meinen Schoß, die ich kurz nach unserem Umzug bei einem Garagenflohmarkt gekauft hatte. Ich öffnete sie und nahm das Zigarettenpäckchen heraus, das ich darin aufbewahrte. »Klingt wie ein Rave.«

Sie sprach lauter. »Da ist dieser neue Laden in meinem Viertel.« Sie schrie praktisch. »Es ist eine umgebaute Gasstation mit einer total verrückten Tiki-Bar, was natürlich absolut nicht zusammenpasst. Aber hier sind wir nun.« Sie brach ab und lachte. »Oder besser gesagt: Hier bin ich nun.«

Ich mühte mich mit dem Feuerzeug ab. »Bist du betrunken?«

»Kein Kommentar.«

Ich konnte mir Marian an einem solchen Ort sehr gut vorstellen – die blondierten Haare zu einem auf kunstvolle Art nachlässigen Knoten hochgedreht, die roten Lippen, die Jeans, die ihr wie auf den Leib geschneidert war, und die typische Vintage-Bluse, deren Knöpfe sie auf aufreizende – aber nicht zu aufreizende – Weise geöffnet hatte.

»Außerdem ist es meine Geburtstagsparty«, erklärte sie. »Unsere Geburtstagsparty, genau genommen.« Ich habe vergessen zu erwähnen, dass Marian und ich am selben Tag Geburtstag haben, was wir während eines Seminars über Modernismus im ersten Jahr an der NYU herausgefunden hatten. Es ist der sechzehnte Juni, in Literaturkreisen besser bekannt als Bloomsday, der Tag, an dem James Joyce’ Ulysses spielt. »Eigentlich«, fuhr Marian fort, »bin ich hier, um für einen neuen Artikel Cocktails zu testen. Also dachte ich mir: Warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?«

»Genau wie ich«, erwiderte ich. »Ich schreibe an einem Artikel über eine Frau aus einem Vorort, die mittelmäßigem Chardonnay verfällt.«

»Moment. Was? Hast du einen Auftrag an Land gezogen?«

»Das war ein Witz, Marian.«

»Oh. Alles klar.« Sie kicherte. »Chardonnay. Witzig. Die mögen den Scheiß echt gerne, was? Übrigens, hast du dem Redakteur geschrieben, von dem ich dir erzählt habe? Diesem Michael? Der beim Hearth Magazine arbeitet? Ich habe für ein paar Projekte mit ihm zusammengearbeitet. Sie suchen nach Essays und zahlen ziemlich gut.«

»Da gibt es nur ein Problem«, merkte ich an. »Ich schreibe keine Essays.«

»So, wie ich das sehe, schreibst du in letzter Zeit gar nichts. Punkt.«

»Du bist echt zum Schreien komisch.«

»Und du bist Lyrikerin«, erwiderte sie. »Schon vergessen?«

Das war eine lange Geschichte.

Kurz nach dem College arbeitete Marian genau wie ich als Praktikantin bei einem Magazin. Es nannte sich Beurre – das französische Wort für »Butter«. Das Blatt verkaufte sich richtig gut. Wie jede Praktikantin sortierte sie anfangs bloß Akten, doch dann gelang ihr das Unmögliche: Sie verfasste nebenbei kurze Artikel, die tatsächlich unter ihrem Namen erschienen. Es stellte sich heraus, dass Essen und Trinken ihr Fachgebiet war. Als das Magazin irgendwann eingestellt wurde, machte sie sich selbstständig. Sie wanderte tagelang in ihrer Wohnung auf und ab – dieselbe Wohnung, in der sie seit den Zwanzigern wohnte –, bis sie eine E-Mail von einem Redakteur erhielt und sich anschließend in einer unbekannten Bäckerei oder Bar wiederfand, die ihr Leben veränderte.

Im Gegensatz zu Marian hatte es bei mir eine Ewigkeit gedauert, bis ich die Zeit als Praktikantin hinter mir gelassen hatte. Es hatte wohl etwas mit dem Trauma zu tun, dass ich überhaupt als Praktikantin arbeiten musste. Jedenfalls landete ich irgendwann bei einem Frauenmagazin namens Home Made, in dem es – Sie haben es sicher erraten – um einen modernen Zugang zu Selbstgemachtem ging. Die nächsten paar Jahre lebte ich in der Alliterationen-Hölle und schrieb endlose Artikel über kuschelige Herbstdeko (»Vier vergnügliche Vorschläge für herbstliche Vorhänge!«).

Der Job war nicht meine erste Wahl gewesen. Aber auch nicht meine letzte. Ich war Lyrikerin. Zumindest war das der Plan gewesen. Bitte, lachen Sie nicht. Es war ein idealistischer Traum gewesen, den man nur in jungen Jahren träumt, bevor Dinge wie Krankenversicherungen in die Überlegungen mit einbezogen werden müssen. Trotzdem hatte es eine Zeit gegeben, in der ich gedacht hatte, es könnte funktionieren. Aber das tat es nicht. Vermutlich war es besser so. Ich meine, wer will sich schon seine ganze Karriere lang Gedanken über Gefühle machen und gezwungen sein, schwarze Rollkragenpullover und Baskenmützen zu tragen, während man ausschließlich Kaffee und Croissants zu sich nimmt?

»Nein, ich habe mich nicht bei ihm gemeldet«, antwortete ich. »Aber das werde ich vielleicht, sobald mir etwas Passendes einfällt.«

»Hast du wenigstens meinen Artikel gelesen, den ich dir letzte Woche geschickt habe?«

Marian schickte mir ständig ihre Arbeiten. »Ja«, log ich. »Der war echt gut.«

Sie hielt inne. Ich hörte, wie sie die Luft durch die Zähne zog. »Worum ging es?«

Ich nahm das Telefon ans andere Ohr. »Ähm … Essen?«

»Liv!«

»Tut mir leid!« Ich zog an der brüchigen Zigarette und atmete den schalen Rauch ein, woraufhin ich sofort zu husten begann. »Ich bin einfach so beschäftigt.«

»Das sagst du immer als Entschuldigung.«

»Aber dieses Mal meine ich es so«, versicherte ich ihr. »Das Schuljahr geht zu Ende. Meine To-do-Liste ähnelt einer Fallstudie aus der Irrenanstalt.«

»Du und deine verdammten Listen«, murmelte Marian. »Vielleicht solltest du daraus Gedichte machen.«

»Lass es gut sein, ja?«, bat ich zwischen zwei keuchenden Atemzügen. »Ich weiß einfach nicht mehr, wo mir der Kopf steht.«

»Moment.« Die Hintergrundgeräusche verstummten. Ich hörte, wie eine Tür ins Schloss fiel. »Sitzt du etwa auf der Veranda und rauchst?«

Ich zwang mich zu einem weiteren Zug. Es schmeckte scheußlich. »Es war ein langer Abend«, erklärte ich und hustete in die Faust.

Marian räusperte sich. »Da wir gerade dabei sind, kehren wir doch noch einmal an den Anfang zurück. Woher kommen die plötzlichen Gedanken über den Tod?«

Ich drückte die Zigarette aus und legte den Stummel zu den unzähligen anderen, die bereits in der Kiste lagen. »Ich weiß auch nicht«, antwortete ich. »Da war diese Party mit den Frauen aus der Nachbarschaft, und sie redeten ständig davon, dass ich nun in das letzte Jahr meiner Jugend eintreten würde.«

»Wenigstens hat dich niemand gezwungen, noch mehr von diesem schrecklichen Lipgloss zu kaufen.«

»Stimmt. Nur eine Flasche mit Anti-Aging-Serum.«

»Anti-Aging. Das war wie ein Schlag ins Gesicht, was?«

»Ganz genau.«

Mein Blick wanderte die von Bäumen gesäumte Straße entlang, während ich versuchte, mir vorzustellen, wie Marians Umgebung voller fremder Menschen und jeder Menge Lärm gerade aussah. Seit vielen Jahren unterschieden sich unsere Leben gewaltig. Marian war bloß eine reifere Version ihrer selbst in den Zwanzigern, während ich mittlerweile das vorstädtische Klischee verkörperte.

»Warum verbringst du überhaupt Zeit mit diesen Frauen?«, fragte Marian. »Du magst sie nicht einmal. Hast du mir nicht mal erzählt, dass sich eine von ihnen eine Strichmännchen-Familie auf die Heckscheibe ihres Autos geklebt hat?«

»Es ist kompliziert. Wir leben nun mal in derselben Straße.«

»In meiner Straße wohnen drei Drogendealer«, erwiderte Marian. »Soll ich die vielleicht zu einem gemütlichen Abendessen einladen?«

Ich seufzte. »Das ist etwas anderes. Ich muss sie nicht mögen, aber es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass ich mit ihnen abhänge. Es ist ein Muss.«

Ich war mir ehrlich gesagt nicht sicher, wie ich zu den Frauen in der Nachbarschaft stand. Ich glaube, das Problem war, dass ich dachte, ich wäre anders als die meisten von ihnen. Ich hatte noch Träume, auch wenn ich selten mit anderen darüber sprach. Es machte mich traurig, wenn diese Frauen über ihre früheren Ziele redeten, als wären sie ein Witz oder etwas lange Begrabenes, das sie nie wieder ausbuddeln würden. Vor dem Abend mit Suzanne auf der Schaukel hatte ich nie über ihre Leidenschaften gesprochen, als könnten sie tatsächlich Realität werden.

Marian schnaubte. »Ganz wie du willst. Aber tu mir einen Gefallen. Höre nicht auf sie, Liv. Diese Frauen sind ein Haufen alter Hexen. Als ich dich das letzte Mal besucht habe, hat eine meinen Mut bewundert, mich zu kleiden, ›wie ich selbst bin‹. Was soll das überhaupt heißen?«

Das Licht auf der Veranda ging an. »Vielleicht hast du recht. Vielleicht bin ich eine dieser erbärmlichen Frauen, die sich ihr Alter nicht eingestehen können oder so.« Ich drehte mich um und sah Andrew, der durch das Fliegengitter spähte. Er hatte seine Lesebrille auf dem Kopf. Vermutlich war er wie jeden Abend mit einem alten Taschenbuch auf der Brust auf der Couch eingeschlafen.

»Was machst du da?« Seine Stimme war rau vom Schlaf. »Du rauchst doch nicht etwa, oder?«

Ich klemmte das Handy zwischen Kinn und Schulter und hob beide Hände. »Nicht schuldig.«

»Ich sehe aber die Zigarrenkiste hinter dir«, sagte er. Verdammt. »Komm ins Bett, Schatz. Du hast ein paar aufregende Tage vor dir.« Andrew lehnte sich an den Türrahmen. Er trug seine alten Filzschlappen und einen Seemannspullover. Er war ein Dad durch und durch. »Da wir gerade dabei sind, hat Marian es dir schon gesagt?«

»Was denn?«, fragte ich verwirrt.

»Du gehörst am Samstag nur mir allein«, rief Marian durchs Telefon. »Wir feiern unseren Geburtstag.«

»Moment mal«, sagte ich und überlegte mir bereits Tausende Ausreden.

»Vergiss deine To-do-Liste für diesen Tag«, meinte Andrew, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Es ist dein Geburtstagswochenende. Du solltest ausgehen und es genießen.« Er lächelte. »Außerdem habe ich Tommy bereits gesagt, dass die Flamingos auch einen Tag warten können.«

»Wahrscheinlich würde mir ein Tapetenwechsel wirklich guttun«, gab ich zu. Ich war seit Monaten nicht mehr in der Stadt gewesen oder hatte Marian getroffen. »Ich weiß nicht, ob du es schon gehört hast, aber laut unseren Nachbarinnen bin ich jetzt offiziell alt.«

Andrew grinste schief. Die Fältchen um seinen Mund waren dünn wie Bleistiftstriche. »Diese Frauen sind doch Langweiler. Sie waren schon Anfang zwanzig alt. Was wissen die schon?« Er lehnte sich näher ans Handy heran. »Also, wohin entführst du sie, Mar? Hoffentlich wird es nicht zu irre.« Marian war bekannt dafür, mich zu den ausgefallensten Abenteuern zu schleppen. In ein Restaurant, in dem alle im Stockdunkeln essen. In eine Bar, in der Insekten als Snacks auf den Tellern landen. Auch wenn wir Marian etwa gleich lange kannten, hatte sich Andrew im Gegensatz zu mir nie wirklich an ihre Exzentrik gewöhnt. Er war die Stimme der Vernunft in unserem Trio. Er hielt nichts von Horoskopen oder Voraussagen wie Marian, und er konnte sich nicht für trendige Gimmicks begeistern, die sie mir ständig aufzwang. Er war für die Logik zuständig.

»Ich verspreche dir, Andy, dass wir uns keine Tattoos stechen lassen oder Trapezkunststücke einstudieren«, erklärte Marian.

»Wir sind neununddreißig«, fügte ich hinzu. »Und damit so reif wie nie.«

Andrew drückte mir einen Kuss auf den Scheitel. Er roch nach Seife, alten Buchseiten und Schlaf. »Wir werden ja sehen«, sagte er und kehrte ins Haus zurück.

Als er fort war, richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Marian. »Also, wie lautet der Plan?« Ich brach ab. »Es gibt doch einen Plan, oder? Es wird nicht so wie damals, als …«