Die Tanten - Nicola Denis - E-Book

Die Tanten E-Book

Nicola Denis

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Beschreibung

»Meine Tanten: Vier starke, ungebundene Frauen, ihrer Zeit weit voraus.« Ein Frauenporträt der besonderen Art: Marianne, Hanne, Irene und Hilde heißen die vier ledigen Tanten der Erzählerin, die – statt vorgegebene weibliche Rollenmuster zu erfüllen – lieber einen engen Schwesternbund knüpften. Nicola Denis spürt den zwischen Loyalität und privatem Glück balancierenden Biographien nach und verschränkt Familien- und Zeitpanorama zu einem wunderbar lebendigen Kosmos weiblicher Autonomie. Wer, wie Nicola Denis, in den 70er und 80er Jahren nach Stuttgart reiste, hätte sie selbst erleben können: die Tanten. Ein loyales und geschlossenes Quartett aus vier alleinstehenden Frauen, die aus eigener Kraft standen und stolz darauf waren. Gebildet und souverän trat das Tantenquartett der Welt gegenüber: Marianne, die studierte Nervenärztin, die in der Familie den Ton angab, Hanne, die zupackende chemisch-technische Assistentin, die als einzige in Hosen steckte und der großen Schwester zeitlebens nicht von der Seite wich, Irene, die autonome, autofahrende Apothekerin, und Hilde, die Lebenslustigste unter den vier Frauen. Keine von ihnen fügte sich in eines der starren Rollenbilder der Nachkriegszeit, und doch zwickte das freiwillig gewählte Familienkorsett mitunter beharrlich. Mit feinem und humorvollem Blick nimmt Nicola Denis das schwesterliche Gefüge unter die Lupe und entwirft ein reiches Erinnerungstableau der vier Frauenleben und ihrer Gefährtinnen.  

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Nicola Denis

Die Tanten

Klett-Cotta

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2022 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: ANZINGER UND RASP Kommunikation GmbH, München

unter Verwendung einer Illustration von © Elisabeth Moch

Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde

Gedruckt und gebunden von CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN 978-3-608-96595-7

E-Book ISBN 978-3-608-11935-0

Inhalt

Die Urtanten

Das rote Sofa

Am Katzentisch

Der Blaue Weg

Bally und Bogner

Die Schwägerinnen

Die Schwestern

Grado

Sonnenapotheke

Die Nervenärztin

Die Kirch im Dorf

Das Doktorchen

Hannele

Vaterkinder

Gefährtinnen

Stammbaum

Dank

Für Alexandra, Louise, Susanne und Yoanna

Die Tanten aus Stuttgart bildeten in meiner norddeutschen Kindheit eine feste Größe. 1907, 1909, 1911 und 1917 geboren, waren die vier älteren Schwestern meines Vaters, einen Bruder gab es auch noch, sämtlich unverheiratet geblieben. So drückte sich meine Mutter aus, wenn sie meinte, bei ihren Gesprächspartnern das Verheiratetsein als Norm voraussetzen zu dürfen. In gefährlicher Nähe zu dem scherzhaft verwendeten unbemannt, blieb es ein unzutreffendes Attribut für jene Verwandten, die mir keineswegs den Eindruck vermittelten, diesem Status nachzutrauern. Noch undenkbarer wäre gewesen, sie als ehelos zu bezeichnen, da sie sich vielmehr bewusst gegen das Los der Ehe entschieden hatten und nach einem oft zitierten Ausspruch der Jüngsten, sie wolle nie im Leben Männersocken waschen müssen, eher etwas losgeworden oder vermieden zu haben schienen. Gänzlich unbrauchbar waren auch die in den Achtzigern, meinen Erinnerungsjahren, eingebürgerten Singles als Prädikat für die eng der romanischen Kultur verbundenen Tanten. Niemand hätte gewagt, dem selbstbestimmten Auftreten der vier Schwestern mit einer neumodischen Außenzuschreibung seine Würde zu nehmen. Sie selbst hätten den Begriff höchstens ironisch gebraucht und, wie alle englischen Wörter, nach schwäbischer Art mit einem weichen, stimmhaften S ausgesprochen – mit spitzen Lippen gewissermaßen. Das neutrale ledig traf es schon eher und kam unter den Vokabeln, die Außenstehenden die Besonderheit meiner Tanten erläutern sollte, regelmäßig vor. Das Adjektiv, das mir als Kind wohl unbewusst am passendsten erschien, war jedoch alleinstehend. Plastisch und kompakt, sich selbst genügend. Es beschrieb genau das, was die sprichwörtliche alte Jungfer, ein Prädikat, das selbst den Böswilligsten für die vier Schwestern unpassend erschienen wäre, nicht vermochte: Jene war sitzen geblieben, meine Tanten aber standen aus eigener Kraft.

Dass die Tanten auch über die Familiengrenzen hinweg die Tanten oder die Zimmerlischen Tanten hießen, war ebenso selbstverständlich. Nicht nur, weil diese Bezeichnung aus dem Französischen stammt und zumindest bei der Ältesten, Marianne, alles aus Frankreich Kommende bis zur Kritiklosigkeit verankert gewesen sei, wie sich mein Cousin und einziger Tantenneffe ausdrückt. Auch, weil sie als geschlossenes Quartett der Außenwelt eine sehr eigene, souveräne Daseinsform vorlebten. Als hätten sie einen Pakt geschlossen. Mit ihrer Lebensform waren die Tanten zu einem Familienemblem aufgestiegen. Dabei waren sie streng genommen nur in begrenztem Maße Tanten, hatten neben besagtem Neffen lediglich zwei Nichten und konnten nicht zusätzlich noch als Onkelfrauen Anspruch auf diesen Status erheben. Überhaupt hatten sie kaum etwas Tantenhaftes an sich. Während mit einem onkelhaften Verhalten unmittelbar etwas Gönnerhaft-Klebriges verbunden ist, hat das Adjektiv tantenhaft, als ich ihm nachzuhorchen versuche, einen erstaunlich großen, vor allem negativ besetzten Auslegungsspielraum.

Eher beschaulich fängt es damit an, dass sich in Heines Harzreise »tantenhaft vergnügt« weiße Birken bewegen. Meine Stuttgarter Verwandten erschienen mir als Kind zwar keineswegs beschaulich und nur bedingt vergnügt, doch Bewegung, Berge, »hohe Buchen«, die »gleich ernsten Vätern« das tantenhafte Treiben verfolgen, passten in ihre Lebenswelt. Altjüngferlich, betulich, etepetete, gouvernantenhaft schreiben die Synonymwörterbücher und lassen damit neben Johanna Spyris Fräulein Rottenmeier bestenfalls Werner Bergengruens Greiffenschildtsche Damen wieder aufleben, denen es bestimmt ist, »jüngferlich zu leben oder jüngferlich zu sterben«, und die nur kleine und niedliche Dinge von winzigen Schüsselchen und Tellerchen essen. Nicht aber meine selbst bestimmenden Tanten, die mit gesundem Appetit zulangten, nichts Geziertes an sich hatten und eingegangen wären wie eine Primel, wenn sie nach Art von Walter Benjamins Großtanten, »immer unter dem gleichen schwarzen Häubchen und im gleichen Seidenkleide, aus dem gleichen Lehnstuhl, vom gleichen Erkerfenster« aus in die Welt hätten schauen müssen. Bei Goethe nehmen junge Mädchen, die sich den Jünglingen an Reife überlegen fühlen, ein »tantenhaftes Betragen an« – eine Zuschreibung, in der hinter dem Gouvernantenhaften das verkappt Mütterliche durchschimmert, das Überbemühte, Überfürsorgliche derer, die sich an Neffen und Nichten schadlos halten müssen. Was in meinem Fall zwar nicht auf meine Cousine und mich zutraf, aber durchaus, wenngleich dieses Verhältnis von niemandem als mütterlich bezeichnet worden wäre, auf den Stuttgarter Cousin, den meine Tanten besonders ins Herz geschlossen hatten. Herb, unzugänglich und spröde – das hingegen lässt sich aus den unversiegbaren Wörterbüchern auch für meine kindliche Wahrnehmung festhalten. Die vier Vaterschwestern Marianne, Hanne, Hilde und Irene bildeten zweifelsohne eine unbequeme moralische Instanz in meinem Familienkosmos: Bei der Erwähnung der Stuttgarter schien urplötzlich ein strengerer Wind über die norddeutsche Tiefebene zu wehen.

Eines Tages dann wuchsen meine Tanten für mich aus ihrer Rolle heraus. Ihr Chor, der das Familiengeschehen mal hinter den Kulissen, mal im Mittelpunkt unisono kommentiert hatte, wurde vielstimmiger. Das, was jahrelang gleich geklungen hatte, bekam einen neuen Unterton; bisher Selbstverständliches verstand ich anders. Als junge Erwachsene verlegte ich meinen Lebensschwerpunkt nach Frankreich, in eines der Lieblingsländer der Tanten. In ein Land, das für Alleinstehende, ob Männer oder Frauen, nur das Wort célibataire kennt, wenn es seine Junggesellinnen nicht gleich ex negativo mit dem Etikett non marié versieht. Ein Land, dessen Sprache die Gemeinten mit weiteren Synonymen wie seul, solitaire oder isolé geradewegs als Vereinsamte verortet: esseulées. Wenn Sprache das Denken formt, wenn sie die Wahrnehmung beeinflusst, muss es vielen alleinstehenden Französinnen ungleich schwerer fallen, aufrecht durch die Welt zu gehen. Noch immer erinnere ich mich an meine Fassungslosigkeit, als man mir nach ein paar Wochen im Land eine bildschöne, kluge Frau, als bedauernswerte Junggesellin vorstellte. Sie war damals nicht einmal dreißig, und sie steht noch heute, ebenso viele Lebensjahre später, in der Selbst- und Fremdwahrnehmung ihres Milieus nur bedingt auf eigenen Füßen. Offenbar galt also das Ledigsein jenseits des Rheins nicht als vollwertiger Familienstand, war nicht die frei gewählte Selbstbehauptung, die ich als Kind und Jugendliche mit den souverän wirkenden Alleinstehenden in meinem Umfeld verknüpft hatte. Familienstand ledig – immerhin war das eine von vier verschiedenen Optionen, mit denen man im Deutschland der Achtzigerjahre offiziell seinen Beziehungsstatus angeben konnte. Im Wort Familienstand schien mitzuschwingen, dass man auch als verwitwete, geschiedene oder eben ledige Person Familie sein und bilden konnte. In der französischen Entsprechung état civil aber hat der Staat das Sagen; der gleiche Staat, der 2012, genau vierzig Jahre nach dem ministeriellen Fräulein-Erlass in Deutschland, die halbherzige Empfehlung aussprach, die Bezeichnung Mademoiselle aus den Verwaltungsformularen zu tilgen. Dessen ungeachtet lebt sie, wie ich immer wieder erstaunt bemerke, umso hartnäckiger in dem Wortschatz distinguierter älterer Herren weiter, die es sich noch immer nicht nehmen lassen, eine unverheiratete Frau, und sei sie jenseits der Achtzig, mit Mademoiselle anzureden. Wozu jenes Beharren auf der Leerstelle, auf dem Fehlen der besseren Hälfte, auf dem vermeintlich Unvollkommenen? Noch mehr staunte ich, dass in den Sechziger- und Siebzigerjahren geborene Französinnen von ihren Vätern mit einer Ausbildung zur Sekretärin oder Reisebürokauffrau ins Leben geschickt wurden: Übergangsberufe, Versorgungstrittbretter, auf die sie zwei, drei Jahre lang aufspringen sollten, bevor die Kutsche des Märchenprinzen vorfahren und die goldene Trittleiter ausgerollt werden würde.

Meine Tanten indes schienen derlei Requisiten über Bord oder vielmehr aus dem Fenster des kleinen VW-Käfers geworfen zu haben, mit dem sie, dicht aneinandergedrängt und aufeinander eingeschworen, durchaus auch mal holprig und unsanft, immer aber selbständig durchs Leben steuerten. Vor meiner französischen Hintergrundkulisse legten sie, und mit ihnen all die ledigen Gefährtinnen aus dem Kreis von Familie und Bekannten, ihre Rolle als geheime Miterzieherinnen ab. Stattdessen gewannen sie eine Bedeutung: eine Bedeutung als Vorbild, als mögliches Weiblichkeitsmodell jenseits von Ehefrau und Mutter. Und so wie die fremde Sprache nach und nach mein Gehör für die Muttersprache schulte, das Eigene auf fruchtbare Weise fremd wurde, schärfte das Land der Junggesellinnen meinen Blick auf die heimatlich vertrauten Alleinstehenden und die erst aus der Fremde sichtbaren Eigentümlichkeiten des deutschen Tantenwunders.

Die Urtanten

Neben der realen schwäbischen Schwesternkonstellation ragte auch eine fiktive schwedische in meine Kindheit: Elsa Beskows Tantenbücher, genauer gesagt der erste Band, Tante Grün, Tante Braun und Tante Lila, den mein Vater von einer Geschäftsreise nach Dänemark mitgebracht hatte. Kurioserweise hielt ich also, noch kaum im Lesealter, eine dänische Übersetzung des schwedischen Originals in Händen, die im Gegensatz zur deutschen Ausgabe das gesamte Personal des Buches auf dem orangefarbenen Einband versammelte. Die Bilder sprachen eine so deutliche Sprache, dass die Textspalten auf der linken Seite Beiwerk bleiben konnten. Meine erklärte Lieblingstante war, natürlich, Tante Braun, die in ihrem kuchenteigfarbenen Kleid bereits in der Küche verlockende Plätzchen anbot und anschließend umsichtig an einer üppig gedeckten Kaffeetafel agierte. Auch die goldene Bretzel, die den einzigen Laden in dem menschenleeren Städtchen signalisierte, hatte es mir angetan, zumal sie sich auf der Kaffeetafel in Miniaturvarianten türmte. In der deutschen Verlagsbeschreibung heißt es heute: »Schrullig und herzensgut sind sie, die so heißen, wie sie aussehen, und so aussehen, wie sie sind.« Herzensgut, ein weiteres Prädikat, das meine Mutter, mit einem eigentlich versehen, gerne für ihre Schwägerinnen verwendete, sobald ich selbst ob einer gewissen Schrulligkeit Bedenken äußerte. Elsa Beskow hatte als Kind die reformpädagogische Schule ihrer Tanten Amalia und Berta besucht und war nach dem Tod des Vaters mit ihrer Mutter und den Geschwistern in das Stockholmer Haus der ledig gebliebenen Tanten gezogen. Später übertrug sie diese Konstellation in ihre Bücher und verwandelte die eigene Mutter kurzerhand in die dritte Tante: die lilafarbene, romantische.

Auch in der Kindheit meiner Tanten mögen fiktive Schwestergemeinschaften aufgetaucht sein, möglicherweise sogar die Greifenschildtschen, schließlich zählte Werner Bergengruen in katholischen Familien zum literarischen Kanon. Vor allem aber hatten auch sie ihre Tanten. Verwandte aus Fleisch und Blut, denen sie jahrzehntelang eng verbunden waren. In einer Konstellation, die in ihrer Symmetrie rückblickend fast etwas Beängstigendes hat und mich fragen lässt, wie meine Tanten den unverrückbar anmutenden familiären Überbau wohl erlebt haben mochten.

Ihre Großeltern mütterlicherseits, Anton und die sogenannte »Maman«, lebten mit ihrer zwölfköpfigen Kinderschar in Bad Mergentheim. Maman war eine liebevolle, zum Spielen, Bauen und Zeichnen geneigte Großmutterfigur, der Kontakt der Stuttgarter Enkelinnen nach Mergentheim trotz der verhältnismäßig großen Entfernung rege. Anton, der als Stadtarzt zeit seines Lebens in dem großen Haus in der Mühlwehrstraße auch seine Praxis gehabt, dafür Pferde, Wagen und Kutscher gebraucht und sich immer wieder eine Kuh, einen Acker und einen Weinberg dazugekauft hatte, starb 1908. Seine Töchter, Maria und Therese, 1889 und 1894 geboren, blieben im Elternhaus wohnen und wurden die Tanten meiner Tanten. Maman hatte nach Ansicht mancher Nachkommen auf Nummer sicher gehen wollen und gleich zwei ihrer Töchter auf dem sprichwörtlichen Tantenplatz zur Alterspflege bestimmt. Beide hatten nach der Volksschule eine Erziehungsanstalt für höhere Töchter durchlaufen, in denen sie Teeservieren wie die teigfarbene Tante und Sticken wie die lilafarbene lernten. In der Kindheit meiner Tante Marianne, der Ältesten der Stuttgarter Schwestern, waren ihre Mergentheimer Tanten junge Zwanzigerinnen. Die dennoch schon auf ein Los, auf eine unveränderlich scheinende Lebensaufgabe festgelegt waren. Fast ein Vierteljahrhundert lang sollten sie vor allem eines sein und bleiben: treusorgende Töchter, die bis zum Tod der Eltern Kind waren. Wartemädchen, deren Warten kein Ende nahm.

Beide, Maria und Therese, haben als Schreiberin oder Beschriebene Spuren in der Familiengeschichte hinterlassen. In ihrer Laudatio zum 100. Geburtstag der noch post mortem legendären Maman geht Maria ganz im Lob der idealen Mutter auf. Beim Sichten des Geschriebenen entsteht vor mir das Bild meiner vier Tanten, wie sie, lange vor ihrer eigenen Tantenzeit, brav gescheitelt, mit adretten dunklen Kleidern, die Jüngeren mit weißen Häkelsöckchen, die beiden Älteren schon in halbhohen Riemenschuhen, in ihren Schulferien das Treiben im großelterlichen Arzthaushalt mitverfolgen. Ich frage mich, wie sie diese Großfamilie empfanden, in der man etwas auf sich hielt und die ihren Halt den unermüdlich tätigen Frauen, Müttern und ledigen Töchtern, verdankte. Als Kinder werden meine Tanten Freude gehabt haben an den vielen Cousins und Cousinen, den Kuchentafeln für den ein und aus gehenden Pfarrer Kneipp, an dem angegliederten landwirtschaftlichen Betrieb. Mehr Freude vermutlich als ihre Großmutter mit ihren vielfältigen Anforderungen, die, wie ihre Tochter Maria schreibt, weit den Pflichtenkreis einer Hausfrau der damaligen Zeit überstiegen und durch den schwerhörig auf der Haushaltskasse sitzenden Gatten wohl kaum erleichtert wurden. Wie muss es, frage ich mich weiter, für Maria, die Schreiberin, gewesen sein, eine starke Frau, die eigene Mutter, mit einem bis zum Rande angefüllten Lebensbrunnen zu würdigen, der für die Tochter selbst nur das Allernötigste bereitzuhalten schien? Maria arbeitete jahrelang im Doktorhaus als Praxishilfe mit: eine gute Seele, wie eine nachträgliche Fotobeschriftung meines Vaters vermerkt. Eine, die die Seele des Ganzen war, ohne die es das vermeintliche Idyll der patriarchalischen Großfamilie nicht gegeben hätte. Maria war Tochter und Praxishilfe, und sie war Tante.

An ihrer Seite die sieben Jahre jüngere Therese, die Mitbestimmte. In ihrem Nachruf heißt es, damals sei es selbstverständlich gewesen, dass die ledigen Töchter den verlobten Schwestern die Aussteuer nähten und vorbereiteten und zusehen mussten, wie eine nach der anderen glücklich das Elternhaus verließ. Ihr sei die Aufgabe geblieben, für die Mutter zu sorgen, sparsamst den Haushalt zu führen, für viele Gäste da zu sein. Zur Aufbesserung der Haushaltskasse vermietete sie Zimmer, spielte die allzeit brave, kontrollierte Tochter, sang jahrelang im Kirchenchor und war, als der Erste Weltkrieg ausbrach und die Schwestern mit ihren Kindern aus der Großstadt ins Elternhaus flohen, diejenige, die half, zusehen musste, arbeitete von früh bis spät. Einmal gestand sie ihrer Nichte an einem langen Abend, wie schwer es gewesen sei, nie ein eigenes Kind im Arm halten zu dürfen. Wird nicht auch das Spielen der Tochterrolle bisweilen Last gewesen sein?

Zum Tantenhaus wurde das Haus in der Mühlwehrstraße nach dem Tod von Maman, 1932. Nur wenige Jahre später dann Zufluchtsort vor Fliegerangriffen, Refugium für die Schlesier der Familie, die im eisigen letzten Kriegswinter Schutz vor Bombenhagel und Russen und Hunger suchten, Hort der Geborgenheit. Für die Kriegerwitwen wurden Lebensmittelpakete geschnürt, wurde gestrickt und gebastelt: In höchster Pflichterfüllung und religiöser Überzeugung und Liebe – in selbstloser Bescheidenheit. Auf einem Foto aus jener Zeit steht Therese in einer gestärkten weißen Krankenschwesternschürze hinter der sitzenden Maria, die ihrerseits das hölzerne Kruzifix als Stärkung im Rücken hat. Als Jüngste der zwölf Geschwister war sie, der man die Rolle der Fürsorgerin zugedacht hatte, seit dem Tod der Mutter ohne Beruf. Sie lernte mit eiserner Energie Stenografie und Maschinenschreiben, bekam eine Anstellung als Sekretärin im örtlichen Gesundheitsamt und erwarb sich damit das Anrecht auf eine Rente, mit der sie später das Altersheim bezahlen konnte. Mit dem Verkauf des Elternhauses, schrieb sie 1975, habe sie zwar eine materielle Erleichterung empfunden, gleichfalls aber ein Stück von sich selbst abgeschüttelt. So klein die Summe auch sei, die sie nun unter Zurückbehaltung eines Restes zwischen ihren dreiundzwanzig Nichten und Neffen aufteilen wolle, so sei sie doch im schweren Lebenskampf von Tante Maria und mir erworben worden. Therese verbrachte ihren Lebensabend im Altersheim und erfreute sich der Besuche von Freundinnen, Nichten und Neffen. Nicht nur in die Heilige Messe ging sie täglich, sondern – die Natur war ihre ganz besondere Liebe – auch in den blühenden Kurpark, in den Bad Mergentheimer Schlossgarten mit dem anmutigen Schellenhäusle. Therese überlebte ihre Schwester Maria um ein gutes Vierteljahrhundert. Ihr sorgfältig verfasstes, seitenlanges Testament schloss mit einem Dank für alle Liebe und Hilfe, die ihr mir geschenkt habt, und sollte ich jemanden gekränkt haben, so bitte ich mir zu verzeihen. Haltet Frieden, und haltet so das Andenken an die Großeltern und Eure Tanten Maria und Therese in Ehren! Sie ließ es sich nicht nehmen, auf einer Grußkarte zu meiner Erstkommunion ihre Freude darüber zu äußern, ihre Nichten, die Tanten von Stuttgart-Ravensburg, zu diesem Anlass bei uns im Norden zu wissen.

Bei den anderen Großeltern meiner Tanten fand sich eine fast spiegelbildliche Konstellation. Karl, Forstdirektor in Waldegg, und Wilhelmine hatten zehn Kinder, darunter drei unverheiratete Töchter. Therese, die 1891 geborene Jüngste der ledigen Schwestern, zog später mit ihrer im Zweiten Weltkrieg verwitweten, vierzehn Jahre älteren Schwester Marie zusammen, in der Familie aus inzwischen vergessenen Gründen als Fischmutter bekannt. Ob diese als Einzige mütterlich klingende Tante über ein großes Aquarium gebot, einen Teich voller Goldfische hatte oder freitags großzügig zum Mittagstisch bat, muss dahingestellt bleiben. Ihre Schwester Therese hatte zuerst eine Ausbildung zur Reallehrerin absolviert, bevor sie 1918 hauptamtlich in den Dienst des in Württemberg gerade frisch gegründeten Caritasverbandes trat, wo sie den Stuttgarter Nachrichten zufolge »als Direktionsmitglied wesentlich zum Auf- und Ausbau der Caritasarbeit beigetragen« habe und nach Aussage meines Cousins, ihres Großneffen, ein hohes Viech gewesen sei. Eine glaubensstrenge Frau, deren Lebensaufgabe laut Pressenachruf »Dienst an Notleidenden, Dienst an hilfsbedürftigen Kindern und Alten war« und deren Berufsbezeichnung »Fürsorgerin« lautete. Verglichen damit war die Schwester an ihrer Seite, die um einiges ältere Fischmutter, ihren Nichten und Neffen eine lebensfrohe, warmherzige Tante und Großtante, die frei von den Zwängen des Katholizismus schien. Mit ihrer natürlichen Zugewandtheit brachte sie es nicht übers Herz, das eine oder andere nicht unbedingt haushaltsrelevante Zeitungsabonnement an der Tür abzuweisen. Und so erinnert sich mein Cousin noch immer dankbar daran, bei den Tanten in der Paulusstraße in der Bunten gelesen zu haben.

Im Familienkosmos meiner Tanten gab es also die Mutterschwestern im fernen Mergentheim, Maria und Therese, und die fast gleichlautenden Vaterschwestern in der nahen Paulusstraße, Marie und Therese, zu denen sich bis zu ihrem frühen Tod ihre ebenfalls ledige Schwester Johanna gesellte. Auf einem von meinem Vater mit der Aufschrift »Tanten« ausgewiesenen Umschlag mit Fotografien der Paulusstraßenbewohnerinnen lassen zwei lakonische Kurzbeschreibungen der Abgebildeten – ›Mann‹ Tante Therese und ›Mama‹ Tante Johanna – ahnen, dass auch die Urtanten in der Außenwahrnehmung eine vollgültige Lebensgemeinschaft bildeten.

Ich frage mich, wie meine Stuttgarter Tanten wohl das Los dieser Ahnfrauen aus dem für mich bereits vorvorigen Jahrhundert empfunden haben mögen. Ob sie es als selbstverständlich hinnahmen? Ob es sie empörte, dass die unverheirateten Töchter in ihrem Großelternhaus von Vätern, Brüdern und Neffen mit durchgebracht wurden und dafür als Ersatzmütter, Krankenpflegerinnen oder Praxishelferinnen unentgeltlich ihre Fürsorge in die Waagschale werfen mussten? Ob sie damit haderten, dass Maria und Therese eine Berufung zugeschrieben wurde, eine eigene Berufung, die gar zum Beruf hätte werden können, in diesem Familiengefüge aber keinen Platz hatte? Ein Beruf nur dann, wenn die Tochter sich nach dem Tod der Eltern, gerade dem Kindsein entronnen, ihre Altersversorgung erarbeiten musste? Ich frage mich, was meine Tanten möglicherweise hatten anders machen wollen, um diesem Los fremdbestimmter Fürsorgerinnen zu entgehen. Jedenfalls wird auch für sie die Zeit des Fragens erst später gekommen sein. Denn offenbar war es den Urtanten gelungen, aus dem ihnen zugedachten Tantenplatz ein Tantenhaus für andere zu machen. Und die Mühlwehrstraße für ihre Nichten zu einem Inbegriff von Wärme, zu einem Auffangnetz in Krisenzeiten, einem Knotenpunkt familiärer Traditionen.

Das rote Sofa

Wenn ich in Tantenhaft auf dem roten Sofa saß, das eigentlich unübersehbar rosafarben war, wusste ich nicht, dass es sich dabei einmal um ein Sehnsuchtsobjekt meines Vaters gehandelt hatte. In den Siebziger- und Achtzigerjahren reisten wir zweimal pro Jahr, oft in den Osterferien, manchmal auch im Herbst, im Intercity mit dem verheißungsvoll klirrenden Getränkewagen von Celle nach Stuttgart, um dort die zahlreiche schwäbische oder in der Schwabenhauptstadt lebende Verwandtschaft zu besuchen. Gewohnt wurde meist bei der Schwester meiner Mutter, die ganz in der Nähe ihrer eigenen Mutter, meiner Großmutter, in Vaihingen lebte. Die Vaihinger gingen beim Breuninger einkaufen und im plüschgrünen Café Königsbau Kaffee trinken, für mich ein Inbegriff großstädtischer Weltläufigkeit. Das rote Sofa aber stand in Stuttgart West, in der Nähe des spröden, verschämt an den Berg gepressten Westbahnhofs. Jedes Mal, wenn wir an ihm vorbeifuhren, erinnerte sich meine Mutter an ihre Stuttgarter Großmutter, die in der benachbarten Bismarckstraße gelebt hatte und aufgrund ihrer eindrucksvollen Korpulenz regelmäßig in die Straßenbahn geschoben werden musste. Ein Bild, das mich umso mehr faszinierte, als ich diesen Urgroßmutterblock ganz in Schwarz imaginierte, der einzigen Farbe, die sie den wenigen Fotos zufolge getragen zu haben scheint.

Wir aber fuhren weiter und der väterlichen Familie entgegen. In die Röckenwiesenstraße, das Reich der Tanten. Hier regierten und wohnten die beiden älteren Schwestern des Tantenquartetts, Marianne und Hanne. Als ich zehn war, war Tante Marianne fünfundsiebzig, ihre Schwester zwei Jahre jünger, ein klassisches Großtantenalter also. Dieser Generationensprung erklärte sich dadurch, dass mein Großvater fast hundert Jahre vor mir geboren war und mein Vater, in seiner Familie der Jüngste, mich als erstes und einziges Kind erst mit knapp fünfzig Jahren bekommen hatte. Hanne war in meiner Kindheit schon seit Längerem in Rente und ganz offensichtlich froh darüber. Sie hatte nach ihrer Ausbildung zur chemisch-technischen Assistentin und zwei kürzeren, ersten Berufsstationen eine Anstellung im Stuttgarter Kathrinenspital gehabt und später im Labor des katholischen Marienspitals ihr restliches Berufsleben unter einem weiblichen Drachen gefristet, der beim Erzählen noch immer ihren Blick verdüsterte. In Labordingen war sie oft auch ihrer Schwester Marianne in deren Praxis zur Hand gegangen, indem sie mit mürrischer Miene den Blutsenkungswert tsammebastelte und ihrer Schwester über die Dick- oder Dünnflüssigkeit des Lebenssaftes Auskunft gab. Und so war sie auf fast selbstverständliche Art auch diejenige, die in der Röckenwiesenstraße über die Küche waltete und ihrer Schwester den Haushalt führte, nein, schmiss.

Marianne arbeitete in diesen Jahren zumindest zeitweise noch immer in ihrer psychiatrischen Praxis in der Paulinenstraße. Sie hatte ab 1926 in Tübingen, Freiburg, München und Wien Medizin studiert und war zunächst am Stuttgarter Bürgerspital