Die Taucherin - Verena Boos - E-Book

Die Taucherin E-Book

Verena Boos

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Beschreibung

Meine unergründliche FreundinSeit Kindertagen verbindet Amalia Faller eine enge Freundschaft mit Marina in Valencia. Als Marina von einem Tag auf den anderen verschwindet, macht sich Amalia aus dem Schwarzwald auf die Suche nach ihrer Freundin in Valencia. Dort wird Amalia stets eine andere: weicher und sensibler, unerschrockener und direkter, verwandelt sich in Amaia. Ihre Recherchen eröffnen ihr einen neuen Blick auf die alte Freundin und lassen verdrängte Erinnerungen auftauchen. Ihre Suche legt ein Geheimnis frei, das nicht nur die beiden Frauen auf viel existenziellere Weise miteinander verbindet, als sie es je geahnt hätten, sondern auch ihre Familien und ihre Länder.»Zwei beste Freundinnen, die sich von klein auf kennen. Zwei Länder, die ihre schuldhafte Geschichte nie aufgearbeitet haben. Ein Roman, der daraus eine intensive und atemlos zu lesende Geschichte macht, die von Amalia und Marina.« Stefanie de Velasco

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2024

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VERENA BOOS

DIE TAUCHERIN

ROMAN

kanon verlag

Die Veröffentlichung wurde gefördert durch das

Ludwig-Harig-Stipendium des Ministeriums

für Bildung und Kultur des Saarlandes.

Verlag und Autorin danken der Martin Walser

Literaturstiftung für die großzügige Förderung

dieses Projekts.

ISBN 978-3-98568-131-0

1. Auflage 2024

© Kanon Verlag Berlin GmbH, 2024

Umschlaggestaltung: Zero Media

Unter Verwendung einer Fotografie von Getty Images

Herstellung: Daniel Klotz / Die Lettertypen

Satz: Ingo Neumann / boldfish

Druck und Bindung: Pustet, Regensburg

Printed in Germany

www.kanon-verlag.de

Verena Boos

Die Taucherin

For I have been thru many lives& no one follows meI am what you were last night& I am what you’ll be

The moment that you track me downI surrender thereI leave you with a bag of cracksThat you know you must repair

(Leonard Cohen, Notebook 42–16)

For M. and for C.,dear and brave, luchadores de sombras.To your health, and to your lives.

#1

Sie massierte ihre Zehen, die in den streng geschnürten Kletterschuhen gesteckt hatten, und spürte die Unebenheit des Gesteins. Die Wärme, die es abstrahlte, am Ende des ersten wirklich warmen Tags in diesem kalten Frühling. Anfang der Woche war noch ein Unwetter über den Schwarzwald gezogen. Der Regen hatte jene Magnolienblüten, die nicht in einer späten Frostnacht erfroren waren, vom Baum geschlagen.

Sie gab sich in diese einzigartige Klettermüdigkeit hinein. Mehrere Stunden selbstgesichert, ohne Partner, hatte sie in den Knochen stecken und kaum bemerkt, wie der Nachmittag verstrichen war.

Klettern schenkte ihr Ruhe vor sich selbst. Der Radius der Aufmerksamkeit nicht wie ein Radar, sondern eng wie ein Brennglas, konzentriert auf eine einzige Aktivität, die sie so forderte und durchdrang, dass alle Erinnerungen, Gedanken, Kümmernisse von ihr abrückten. Erinnern war gefährlich geworden, nicht Reichtum und Ressource, sondern Bedrohung. Diese überschießende, kreisende Unruhe hielt sie nachts wach. Das Anbranden der Gedanken, die sie vergebens weit draußen zu brechen versuchte. In ihrem Kopf war immer Flut, nie Ebbe. Nicht reichen. Nicht gut genug sein. Für zu leicht befunden.

Im Klettern fand sie Gegenleichtigkeit. Und wusste dabei so deutlich wie in keiner anderen Tätigkeit, dass sie Körper war. Von der Reibung auf dem rauen Fels waren ihre Handteller gerötet, die Fingerkuppen prall durchblutet, heiß und dunkelrot wie Weintrauben, die Haut robust und verletzlich zugleich. Das Muskelspiel ihrer Unterarme und zerschrammten Hände zu betrachten, weckte in ihr ein zärtliches Gefühl für den eigenen Leib. Hinter ihren nackten Füßen stürzte der Kandelfels in seinen eigenen Abgrund. Amalia blickte in die Tiefe, wo die abgebrochene Teufelskanzel als Geröllfeld ausgebreitet lag, und genoss den lockenden Sog.

Der Kandel lief nach Waldkirch hin in einem Dreieck aus, gefurcht und aufgefältelt wie ein Tannenzapfen, begrenzt im Nordwesten vom Elztal, im Süden vom Glottertal. Nachdem die Rheinebene den Nachmittag über im Dunst gelegen hatte, mit dem Kaiserstuhl gleich einer Hallig, war die Luft inzwischen aufgeklart. Der Steigwind strich über ihre Haut. In der abendlichen Thermik kreuzten Gleitschirmflieger. Über dem Elsass ging die Sonne unter. Sie beleuchtete die Vogesen von hinten und schnitt sie zu einer scharfen, beinah schwarzen Kontur. Diese Zwillingsgebirge, Vogesen und Schwarzwald, wie zwei Schwestern einander gegenüber hockend, in ihrer Mitte der Rhein, den erst Menschen zur Grenze gemacht hatten.

Euphorisch und erschöpft gab sie sich, immer wieder neu, der Bannkraft dieser Szenerie hin: das dunkle Band der nahfernen Berge und der flammende Himmel. Sie ließ mit dem Licht auch das Empfinden für diese Landschaft einströmen. Das Glottertal war bergend wie die Schalen zweier Hände. Die Nordseite steil aufragend, mit Weinbergen und dichten Wäldern, die Südseite offener, mit einem weniger klar gezeichneten Kammverlauf. Sie kletterte gern allein, wie sie auch gern allein durch diese Wälder streifte und manchmal in deren Schutz übernachtete. Sie kannte die Wege alle. Im Dunkeln, bei Nebel oder Schnee fand sie sich instinktiv zurecht. Mehr eine Erinnerung des Körpers als ein Wissen des Verstands. Die Landschaft konnte nichts dafür, dass sie sich gefangen und ausgestoßen zugleich fühlte.

Sie legte sich auf den Stein und spürte seine Kanten unter ihren Schulterblättern. Ihr Brustkorb weitete sich. Sie massierte sich zwischen den Schlüsselbeinen und den oberen Rippenbögen. Sie spürte die Anspannung und auch, wie diese nachließ. Folgte bereitwillig der Welle der Erschöpfung, die ihre Glieder flutete wie das Meer einen Strand.

Sie war zurück im Glottertal, wieder daheim bei Mama. Sie hatte alle Möbel verramscht. Der Küchenschrank aus den Zwanzigern, an dem ihr Herz hing, die Bücherkisten und die Winterausrüstung lagerten in einem Depot. Das Camping-Equipment im Auto. Ein Koffer mit Klamotten im alten Kinderzimmer. Reif für die Insel.

Marina zu fragen, ob sie vorübergehend nach Valencia kommen konnte, hatte sie nicht gewagt. Nicht nach der letzten Begegnung vor zwei Monaten. Amalia hatte keine Worte für das, was gerade zwischen ihr und Marina stand. Oder abgerissen sein mochte. Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie es mit einem Mehr oder einem Weniger zu tun hatte. Der ominösen Anwesenheit von etwas oder einem unklaren Verlust.

Sie hatte Marina noch nicht Bescheid gegeben. Sie hatte überhaupt noch mit niemandem geredet, nicht darüber, dass sie die sicher geglaubte Stelle in Valencia nun doch nicht bekommen sollte, und auch nicht über alles andere. Würde sie wieder als Wanderführerin auf Teneriffa anheuern, Reisegruppen in Valencia betreuen oder durchs spanische Hinterland begleiten? Das hatte sie längst hinter sich gelassen. Ihre Hand wanderte schon zum Telefon in ihrer Trikottasche, doch sie stoppte in der Bewegung. Nicht den Zauber dieser Abendstimmung zerstören. Nicht die Kletterentspannung rückabwickeln, indem sie ihr Scheitern an die Oberfläche holte.

»Kommst eh nicht drumrum«, murmelte sie sich zu, was sie längst wusste. Sie presste die Handballen in die Augenhöhlen, bis es schmerzte. Eine Art Schuldgefühl wanderte durch ihre Zellen, und sie verstand nicht recht, warum eigentlich sie sich Marina gegenüber schuldig fühlte. Geplatzt war doch nicht deren Traum. Zumal ja offen geblieben war, ob Marina sich gleichermaßen gefreut hätte über Amalias Rückkehr nach Valencia.

Im März hatten sie sich zuletzt gesehen. Der Besuch hatte eine Veränderung markiert, der Amalia bisher nicht auf die Schliche kommen konnte.

Mit sechs Jahren hatten sie das erste Mal gemeinsam Fallas erlebt. Seither hatte Amalia häufig das Valencianer Frühlingsfest für Besuche genutzt, Besuche bei dieser Freundin, die ihr näherstand als die eigene Schwester, und in dieser Stadt, die sie als zweite Heimat empfand und auch manchmal als die eigentliche. Sie hatte sie sich zu eigen gemacht, auch wenn sie nur sporadisch hier gelebt hatte. Sie war immer wieder durch diese Straßen gewandert, jedes Mal vertrauter und stets aufs Neue, sie hatte die Bräuche kennengelernt und sie anderen nahegebracht. Sie wandelte sich, wenn sie dort war, manchmal dachte sie: eine Version näher an sich selbst. Sie sprach Spanisch so gut, dass sie fast nur ihr nordisches Aussehen als guiri verriet.

Sie war an einem Freitag gelandet. Vom Flughafen nahm sie die Metro in die Stadt, so wie immer in den letzten Jahren, und wie immer war an Fallas alles voller als üblich, als hätte es nie ein Virus gegeben. Während sie in der Metro an einer Haltestange lehnte, folgte sie gedanklich den Gebäuden und Sehenswürdigkeiten, die sie gerade unterquerte. Ihr Wissen um die Topografie entknitterte sich. Xativa, darüber die Estación del Norte, der alte Bahnhof mit seiner schöne Halle, mit der Holzvertäfelung, den alten Schalterkabinen und farbenfrohen Jugendstilkeramiken. Die Stierkampfarena. Die großen Warenhäuser und Einkaufsketten entlang der Calle Colón. Die glitzerndweiß gekachelte Metrostation Alameda markierte den nördlichen Punkt der Stadt der Künste und der Wissenschaften, an deren südlichem Ende Marina im Oceanogràfic noch an der Arbeit war. Amalia war überzeugt, dass Marina keine Sekunde in Betracht gezogen hatte, wegen ihrer Ankunft früher Schluss zu machen. Sie waren sich ähnlich darin, dass sie für ihre Aufgaben brannten. Und unterschieden sich darin, dass Marina ihre Lebensaufgabe früh gefunden hatte und dieses Feuer seither stetig am Lodern hielt wie die olympische Fackel. Amalia musste sich immer wieder neu entzünden. Und auch darin lag wahrscheinlich eine Verschiedenheit, dass Amalia für Marina alles stehen und liegen lassen würde.

Amalia holte sich den Schlüssel, duschte, bereitete ihr Bett auf dem Sofa, ging auf einen Café con leche in eine Bar. Gerade räumte sie Einkäufe in den Kühlschrank, als unten die Tür ging. Sie erwartete Marina vor dem Spiegel am Kopf der Treppe. Die alte Freundin umarmte sie fest, setzte ihr einen Kuss auf die Wange und rief mit ihrer walddunklen Stimme: »¡Bienvenida Fallera!« Amalia antwortete mit dem obligatorischen Falleri-Fallera, dann umarmten sie sich nochmals fest, Marina hob sie ein paar Zentimeter vom Boden hoch. Keine Begegnung kam ohne diesen Gag aus. Verschleißfrei erfreute Marina sich stets aufs Neue an der Fügung, dass der Schwarzwälder Name Faller mit dem spanischen Wort überlappte, das alles bezeichnete, was das Valencianer Frühlingsfest betraf, Mensch oder Ding oder Tätigkeit.

»¿Warst du am Meer vorne?«, fragte Marina und schickte ein entrüstetes »¡Mujer!« hinterher, als Amalia verneinte. Amalia kam morgens schwer in die Gänge, was sie im Alltag ein wenig ausbremste und auf langen Bergtouren ein echtes Problem war. Marina sprang jeden Morgen ins Meer, falls nötig in Neopren, und schien von einer elektrisierenden Energie in die Brandung gezogen zu werden. Sie hatte einmal erzählt, dass sie beim Tauchen an ein Gefühl aus weiter Ferne anknüpfen konnte, an etwas Archaisches, ein Getragensein. Amalia hatte ihre Komfortzone zwischen Fels und Himmel. Wo Marina sich im Meer vollkommen angstfrei bewegte, fürchtete sich Amalia vor dem Sog in die Tiefe.

Sie war sich nicht sicher, ob sie Marina auf der Straße sofort erkannt hätte, so grundlegend verändert sah die Freundin aus mit ihrem kinnlangen Bob und dem akkurat geschnittenen Pony. Die ersten grauen Haare, die sie doch nie gestört hatten, waren unter einem rötlich schimmernden Kastanienbraun verschwunden. Ohne wallende Mähne wirkte Marina fremd.

»Steht dir gut«, sagte Amalia, »bringt deinen langen Hals schön zur Geltung.« Sie strich mit dem Zeigefinger die Schnittkante entlang.

Marina wendete das Gesicht ab. »Ich hab im Montańa reserviert«, sagte sie.

»Ich lade ein«, sagte Amalia, auch wenn das Montańa ihr Budget gleich am ersten Abend strapazieren würde.

Die Casa Montańa war eine der besten Adressen in der Umgebung, Vinothek und Tapasbar in einem. Sie saßen an hohen rustikalen Tischen umgeben von uralten Fässern, das Raunen der Stimmen hallte von den Wänden wider, das Klappern von Geschirr und das Ploppen der Korken. Die Weinkarte war endlos und das Essen vom Besten, was Valencia zu bieten hatte.

Amalia bestellte dampfgegarte Muscheln und Gambas al ajillo entgegen Marinas Protest, der sowohl die Lebewesen aus dem Meer betraf wie auch den Knoblauch an einem Abend, an dem sie sich ins Getümmel stürzen wollten. Gefüllte Pilze und lauwarmen Lauch und Pimientos del padrón. Kroketten, Hummus. Sie schufen Grundlage für eine lange Nacht. Amalia ließ sich zum Nachtisch auch noch Tocino del cielo bringen, Himmelsspeckchen mit einer Marmelade aus Tomaten, als Marina schon längst die Segel gestrichen hatte. Der lokale Monastrell war reichhaltig und klar und nahm allem Fett die Schwere.

»¿Wie behandelt dich das Leben?«

Auf Marinas Frage antwortete Amalia mit einer für sie untypischen, inbrünstigen Eindeutigkeit »¡superbien!« und tunkte Brot ins Knoblauchöl.

Wenn sie wieder nach Hause käme, müsste der Arbeitsvertrag zur Unterschrift auch endlich angekommen sein. Eigentlich hätte sie dieser Tage auch direkt vorbeigehen können, um zu unterschreiben. Eine Stelle am Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der Katholischen Universität, mit einem kleinen Anteil in den Digital Humanities, wo sie in einem multimedialen Projekt zum Heiligen Gral von Valencia mitarbeiten sollte.

Marina lächelte anerkennend. »¿Und ab wann?«, fragte sie.

»Ab September.« Amalias Grinsen so breit und von innen heraus, dass sie glaubte, nichts und niemand könne es ihr aus dem Gesicht wischen.

»¡Vaya! ¿Und ganz ohne öffentliche Ausschreibung?« Marina biss die letzte grüne Paprika vom Strunk. Amalia zuckte mit den Schultern, fühlte das Grinsen erlahmen. »Ich wusste gar nicht, dass du zum Vorstellungsgespräch hier warst.«

»War ich nicht.«

»¿Sondern?«

Amalia hatte größere Begeisterung erwartet: etwas mehr Enthusiasmus, eine Umarmung, ein bisschen Torjubel. Nicht diese kritische Haltung. Das hatte was von Inquisition.

»Wir haben uns auf einer Konferenz in Paris unterhalten. Der alte Assistent von meinem Vater. Der war ihm doch damals als ganz junger Student zugeteilt und ist ihm an paar Berufungen gefolgt. Bestimmt hast du den irgendwie mal getroffen, Juan Domingo. Ist schon lang wieder hier, hat einen Lehrstuhl und leitet eine interdisziplinäre Forschungsgruppe zwischen Theologie, Anthropologie und Soziologie.«

Sie hatte mit Domingo ein informelles Gespräch geführt und auch mit seinem engsten Mitarbeiter Vicent länger telefoniert, die Anforderungen und die Ausgestaltung der Stelle besprochen, sogar schon Projektideen angerissen. Während Domingo inzwischen ziemlich saturiert wirkte, war ihr der Vicent-Typ sympathisch gewesen, schien klug und kreativ, offen und reflektiert, was ihre Vorfreude auf die Zusammenarbeit noch gesteigert hatte.

»Und was würde besser passen für die Historikerin und Sozialanthropologin, Tochter von Professor Jorge Faller, der über den Heiligen Gral von Valencia so bahnbrechend geforscht hat.«

Amalia nickte. Versuchte es zumindest. Die Stelle war tatsächlich maßgeschneidert. Eigens für sie geschaffen.

Marina starrte sie einen Moment an. Der strenge Haarschnitt war neu, aber die hochgezogene Augenbraue kannte Amalia schon ein Leben lang. Zusammen gaben sie Marina etwas von Anjelica Houston als Hexe. »Also deshalb ausgerechnet beim Klerus.« Dann wanderte Marinas Blick weiter ins Unbestimmte.

Bevor Amalia antworten konnte, brachte der Kellner Marinas Kaffee, stellte ihn mit einem Augenzwinkern vor sie hin, »con la leche muy muy ¡muy! caliente«, denn so hatte Marina ihn bestellt, mit sehr heißer Milch. So bestellte sie Kaffee immer und blies dann ewigkeitenlang ins Heiße. Zwischen zwei Atemzügen sagte sie nur ein Wort: »Enchufe.«

Stecker wie auch Steckdose.

Beziehungen.

Vetterleswirtschaft.

Papakind. Professorentochter.

Es schwang eine Verachtung darin mit, die Amalia überraschte. Ihr Mund wurde trocken, ihr wurde heiß.

»Dir hat dein Name auch noch nie geschadet«, brachte sie heraus. Sah Marina einen Moment in die Augen und starrte dann auf einen Tropfen Öl auf der Tischplatte.

Marina hatte ihren Job im Oceanogràfic zweifellos bekommen, weil sie eine exzellente Meeresbiologin war. Doch natürlich wussten alle in der Berufungskommission mit beiden ihrer klangvollen Nachnamen etwas anzufangen. Wenn sie schon als nächste Leiterin der wissenschaftlichen Stiftung gehandelt wurde, war ihr Familienhintergrund keinesfalls ein Hindernis. Auch weil sie die Tochter ihrer Eltern war, wurde ihr mit größtem Respekt begegnet, egal wie schwierig sie selbst das Verhältnis zu ihnen fand. Sie lebte sorgenfrei in ihrem alten Fischerhaus, weil sie ihre vermögende Herkunft ganz kalkuliert ausgetrickst hatte.

Womöglich verspürte Marina das alles auch, denn als Amalias Blick zurückkehrte, schickte sie über den Rand der Tasse ein Zwinkern hinterher. Es hatte nicht auf ihren Stimmbändern mitgeklungen und kam zu spät. Amalia trank ihr Glas Wein auf einen Zug aus und ließ die Rechnung kommen.

Während der zehn Tage, die sie zu Besuch war, verschwieg sie, dass sie ihre Wohnung bereits gekündigt hatte, und versuchte, die Verstimmung nicht an sich nagen zu lassen. Vielleicht hatte sie Marinas Kommentar falsch wahrgenommen. Immer du mit deinen Geschichten. Meistens hörte sie das von ihrer Mutter. Nimmst das Leben zu schwer. Mach dir nicht so viele Gedanken. Sei kein Mimöschen. Nimm dich selbst nicht so ernst, hörte sie zwischen den Zeilen heraus.

Irgendwann einmal würde sie sich hinstellen und sagen: jawohl. Ich mit meinen Geschichten und meinen Gedanken. Wenn ich mich nicht ernst nehme, tut es niemand anderes für mich.

Aber es war Fallas, und zu Fallas war Valencia eine Stadt im Rausch, die nichts schwer nahm und sich ganz dem Augenblick und seiner Vergänglichkeit hingab, mit viel Schall und viel Rauch.

Marina hatte ihr das Siegel »enchufe« wie eine Brandmarke aufgedrückt. Amalia fühlte das Adrenalin einschießen, und der Frust, den sie sich vom Leib geklettert hatte, kam zurück. Nicht mehr Weite im Brustkorb und Länge in den Muskeln, sondern eine innere Enge, in der eine zusammengeballte Energie an die Ränder drängte, aber nirgendwohin konnte.

Das Farbspiel am Abendhimmel hatte seinen Zenith überschritten, das Feuer versackte hinter den Vogesen. Amalia griff nach ihrem Handy und machte ein Panoramabild, vom Grand Ballon im Süden über den Col de la Schlucht direkt gegenüber bis zu den Klettergebieten hinter Selestat, in Sichtweite der Hochkönigsburg. Morgen würde sie Marina anrufen, aber heute schickte sie ihr zumindest ein Foto vom Kandelfelsen, auf dem sie gemeinsam gesessen hatten, mit Wunderkerzen und einer Flasche Schwarzer Buer an Amalias vierzigstem Geburtstag.

Wo blieben die Jahre.

In zwei Wochen wurde sie achtundvierzig.

Sie legte einen Filter darüber, der die Dramatik der Farben verstärkte. »Wish you were here.« Auf Englisch, als wären Deutsch oder Spanisch zu intim. Die Bildchen für Sonne und Eidechse und Schildkröte.

Sie zögerte, ein Herzchen zu setzen.

Senden.

Sie schob sich das Handy in die Rückentasche, hängte die Kletterschuhe an den Gurt und eierte barfuß zum Umlenker, in dem bereits ihr Seil hing. Sie sicherte sich fürs Seilhandling, fädelte beide Stränge in ihr Abseilgerät, machte den Check, bevor sie ihre Sicherung löste, die Füße gegen den Fels stemmte und sich mit ihrem ganzen Gewicht nach hinten sinken ließ. Unter ihren nackten Sohlen wurde der Stein nach unten hin kühler, feuchter. Die Vogesen verschwanden aus dem Blick. In Sekunden war Amalia unten am Wandfuß, im Abenddämmer. Es war Zeit einzupacken.

Für ein gemeinsames Abendessen mit den Eltern war es zu spät, dachte sie und nahm den offenbar unwiderstehlichen Magnetismus der familiären Essenszeiten zur Kenntnis. Sie suchte diese Momente und fand sie dann bedrückend. Zwei Wochen war sie erst hier und konnte es kaum mehr aushalten. Georg, der jeden Tag mehr in seiner eigenen Welt abtauchte. Charlotte mit ihrer übergriffigen Fürsorge, mit ihrer Redseligkeit, das Goldene Blatt vom Glottertal. Bernadette mit ihrem soliden Leben.

Es blieb Amalia ein Rätsel, warum man sich plötzlich noch gegen sie entschieden hatte. Falls es eine Erklärung gab, warum sie die Stelle an der Uni in Valencia nun doch nicht bekommen sollte – sie hatte sie nicht finden können, und niemand hatte sie ihr freiwillig gegeben. Sie war verwirrt und verunsichert aus Valencia zurückgekehrt, und da war kein Vertrag in der Post gewesen. Juan Domingo war nicht ans Telefon gegangen. Ihre Mails blieben unbeantwortet. Sie hatte diesen Vicent angeschrieben, der ihr zumindest mitteilte, dass Domingo gerade viel unterwegs und sehr im Stress war. Schließlich kam ein eingescanntes Schreiben vom Account des Sekretariats, das besagte, dass man bedauerlicherweise und aufgrund neuer Entwicklungen und einer veränderten Ausrichtung im Bereich der Innovation undsoweiter. Amalia erinnerte sich nicht mehr an den genauen Wortlaut, sie schloss das pdf sofort wieder, aber ihr Körper erinnerte sich an den Adrenalinschub, das Verschwimmen der Welt.

Es erwies sich als voreilig, die Wohnung schon auf Mitte Juni gekündigt zu haben, in der Vorfreude auf freie Wochen, die sie am Berg hatte verbringen wollen.

Und dann stellte sich heraus, dass Clemens in der Zwischenzeit seine eigenen Entscheidungen getroffen hatte. Dass doch nicht egal war, von wo aus er arbeitete. Oder dass er womöglich auch ohne sie nach Valencia ginge. So genau war das nicht mehr zu verstehen gewesen, sehr klar hingegen, dass bei ihm für sie auch kein Unterschlupf mehr zu finden war.

In den schlimmsten Wochen war Amalia laufen gegangen, zu Tages- und vor allem Nachtzeiten, gelaufen und gelaufen war sie und hatte Gewicht verloren, war tatsächlich für ihre Größe zu leicht. Es kletterte sich besser mit weniger Kilos, aber sie hatte auch an Kraft eingebüßt und mentaler Stärke. Konzentration war ein heikles Thema. Mal vergaß sie Ausrüstung daheim, ein anderes Mal ließ sie welche am Fels zurück. Sie schlief schlecht und wurde nachts von Gedankenfetzen gequält, versuchte sie draußen zu halten, den Speicher zu leeren. Eine Historikerin, die das Erinnern scheute. Mit Marina hätte sie vielleicht darüber reden können, aber Marina wollte sie nicht bei sich haben und rief seit Wochen nicht mehr an.

Die Irritation des ersten Abends im Montańa wob sich wie ein pissgelber Faden in die Textur ihres Zusammenseins. Amalia fand keinen Reim auf diesen Augenblick der Feindseligkeit. Sie war mit der Erwartung nach Valencia gekommen, diese Fallas in besonderer Hochstimmung zu verbringen, und verstand jetzt, dass sie den Besuch innerlich bereits als den Beginn von etwas Neuem verbucht hatte. Doch Marina schien an einem anderen Punkt zu stehen, vollzog eine Entwicklung, an der Amalia nicht teilhatte. Die ganze Woche wartete sie darauf, dass Marina sie einladen würde, für die Anfangszeit bei ihr unterzukommen. Oder anbot, sich in ihrem weit verzweigten Netzwerk für sie umzutun. Mit jedem Tag wurde Amalia angespannter. Etwas Lauerndes zog ein.

In der Nit de Foc, der Nacht auf den 19. März, wurde das Megafeuerwerk nach Mitternacht gezündet. Die Stadt war noch voller als an den Abenden zuvor. Amalia wusste, dass sie inmitten einer Million Menschen stand, erfüllt von ungehemmter Partyfreude. Umso stärker fühlte sie sich von der eigenen Melancholie belagert.

Sie betrachteten das Feuerwerk vom alten Flussbett aus. Nahe, aber berührungslos blickten sie in den explodierenden Himmel. Farbe tropfte auf sie herab. Als die letzten Böller geplatzt waren, drückte Marina Amalias Schultern.

Von der Alameda ins Cabanyal waren sie anschließend knapp eine Stunde unterwegs, übermüdet und angetrunken. Amalia hakte sich bei Marina unter und fasste sich ein Herz: »Kann ich, wenn ich eine Wohnung suche für mich, wenn es hier dann losgeht nach dem Sommer, könnte ich dann, für eine kurze Zeit nur, bei dir wohnen?«

Marina blickte in den Himmel, und so konnte Amalia ihr Gesicht nicht sehen: »Das wird bedauerlicherweise nicht möglich sein.«

Der Satz kam Amalia gestelzt vor, diese distanzierte Floskel »lamentablemente«, dieselbe arrogante Verlogenheit, mit der sie eine Woche später auch von der Uni abschlägig beschieden wurde.

Es blieb so stehen.

Schweigend gingen sie nach Hause.

Amalia sah nach, ob Marina schon auf ihren Fotogruß geantwortet hatte. Steckte das Handy zurück ins Trikot und schlüpfte wieder in ihre Schuhe. Statt ihre Sachen zu packen und heimzugehen oder sich wenigstens wieder gesichert einzuhängen, stieg sie ungesichert in eine der leichteren Routen. Du bist bescheuert, du bist ausgepowert, das ist leichtsinnig.

So viel Energie war da.

Diese eine Route hatte sie noch in sich.

Free solo war kein Fehltritt erlaubt. Absolute Konzentration. Sie musste leer werden, frei von allen Gedanken und Erinnerungen, sonst konnte sie das hier nicht klettern. Da durfte nur der Fokus sein auf ihre Füße, den nächsten Zug, die Ökonomie der Bewegungen. Organisch werden wollte sie, Teil sein. Einen Pakt mit dem Berg eingehen.

Sie legte ihre Fingerspitzen an den Fels.

Ihr Körpergedächtnis rief diese lebenslang eingeübten Bewegungen ab, setze Zug an Zug, Vers an Vers. Sie ertastete die Route mehr, als dass sie sie mit den Augen suchte. Der Blick ging auf die Füße, unter denen der Grund verschwamm. Der Fels war nach diesem kalten und verregneten Frühjahr im unteren Teil ungewöhnlich stark vermoost. Sie nahm wahr, wie ihr Körper die Luft verdrängte. Sie war ganz und gar in sich und zugleich außer sich, weit entfernt, konnte beobachten, wie sie sich die Wand hinaufschob, fragil und winzig wie eine Eidechse.

Als sie gerade die rechte Hand in einen Spalt klemmte, vibrierte ihr Handy. Das erste Summen hatte sie womöglich gar nicht wahrgenommen. Sie versuchte sich abzuschotten. Nicht aus der Konzentration kippen. Nicht auf den Reiz ansprechen. Ihre Hand saß fest und sicher in einem Riss, Amalia spreizte noch stärker gegen den Fels. Es war schmerzhaft, aber so konnte sie warten.

Der Anrufer war hartnäckig. Amalia schoss durch den Kopf, dass es vielleicht Marina war oder doch noch mal um die Stelle ging, dass nur ihre Mutter so penetrant sein konnte und gegen das eherne Gesetz verstieß, nur im äußersten Notfall anzurufen. Mit der Präsenz ihrer Mutter war das Bewusstsein um die Gefahr wieder da, die Urteile ihrer Mutter auch, die ausgesprochenen und die anderen. Die Wortschleuder in ihrem Kopf produzierte Sätze und schoss sie raus wie eine durchgedrehte Ballmaschine. Amalias Puls schnellte in die Höhe, ihre Hände wurden feucht. Die Waden begannen zu zittern.

Sie war nicht weit von einem Bohrhaken entfernt. Den musste sie anklettern, musste ihn erreichen, musste sich retten. Ihre Schlinge war rechts in die Gurtschlaufe eingeklinkt. Sie konnte sie aber nur mit links lösen, denn die rechte Hand klemmte zwischen zwei Blöcken und war ihr einziger verlässlicher Halt, verlor aber an Kraft. Amalia kam an den Schraubkarabiner, drehte ihn versehentlich ein wenig zu, musste ihn wieder aufdrehen, aufdrücken, und als sie ihn aus der Schlaufe führen wollte, blieb ihr Handgelenk hängen. Etwas hatte sich verhakt.

Sie hörte ihr eigenes Keuchen und zog erst kräftig, riss dann mit aller Macht ihre linke Hand zu sich. Sie schlug hart gegen eine scharfe Kante und ließ den Karabiner los, der auf ihr Knie traf und an seiner Schlinge zwischen ihren Beinen baumelte. Sie hangelte ihn zu sich, panisch, und klinkte sich, völlig überstreckt, in den Haken.

Ein Heulen stieg auf zwischen Leib und Fels. Die Nähmaschine ratterte in beiden Waden. Mit ihrer linken Hand umklammerte sie die eingehängte Schlinge. Die rechte Hand saß im Spalt, und der Winkel war ungünstig geworden, um sie herauszuziehen. Sie musste sich gegen den sichernden Haken stemmen, um ihre rechte Faust im Hohlraum öffnen zu können. Als sie die flache Hand herauszog, spürte sie, wie die Haut vom Handgelenkknöchel bis zum Mittelfinger aufschürfte. Sie pendelte unter den Bohrhaken, legte diese Hand an den Fels wie auf die Brust eines Freundes. Sie legte die linke dazu. Auch die blutete. Amalia erkannte einen Striemen an ihrem Handgelenk, das Armband war weg. Sie ließ die Stirn sinken. Die Zeit raste im Rhythmus ihres Herzschlags. Sie atmete Ruhe ein.

Als sie die Augen wieder öffnete, war der Himmel erloschen. Ihr war kalt. Das Seil hing außer Reichweite. Sie brauchte nicht nach unten zu schauen, um zu wissen, dass sie nicht abklettern konnte. Sie musste das oben raus zu Ende bringen.

Unter ihr lag das Geröllfeld des Felssturzes. In der Nacht auf den 1. Mai 1981 war ein Block abgebrochen, und dass der ausgerechnet Teufelskanzel geheißen hatte und sich dies ausgerechnet in der Walpurgisnacht ereignete, gab dem Ereignis besonderen Glanz. Es fände ansonsten längst keine Erwähnung mehr. Amalia war vier oder fünf gewesen, als die Teufelskanzel abbrach, und hörte zum ersten Mal das Wort Walpurgisnacht. Es war eine ihrer ersten bewussten Erinnerungen an ein kollektives Erleben, so wie die Explosion der Challenger-Rakete für die frühesten erinnerten Fernsehbilder stand, wie sie noch wusste, wo sie am Tag von 9-11 gewesen war.

Dort unten würde sie aufprallen, wenn sie es jetzt nicht schaffte. Es kommt keine Gfällrote, dich zu retten. »Musst dir schon selbst Hexe sein.«

Sie stellte ihre Füße höher und breiter, ging an der Schlinge in die Hocke, um ihre Waden zu entlasten, schüttelte Hände, Arme, Schultern aus. Ihr Nacken saß wie in einem Schraubstock. Sie visualisierte den Rest der Route, die eingeübten Bewegungsabläufe, verteilte sie auf die Silben von Wal-pur-gis-nacht. Sie ließ sich in den Klang hineinziehen. Organisch wurde sie und schloss ihren Pakt. Schaffte es, für die paar letzten Züge alle Aufmerksamkeit zu bündeln, auf die wenigen Quadratzentimeter Kontakt zwischen Fuß und Fels, auf den Rhythmus von Atem und Bewegung, das Spiel von Kraft und Konzentration. Sie trat sauber an und kletterte zügig durch, um ja nicht wieder wacklig zu werden. Oben hievte sie sich aus der Route und ließ sich auf den Bauch fallen. Der Stein unter ihr war noch lind, kühl dagegen die Nachtluft auf ihrem verschwitzten Rücken, sie selbst Element zwischen den Elementen. Aufgelöst.

Sie angelte das Handy aus der Trikottasche, es entglitt ihren zitternden Fingern und fiel doch nicht in die Tiefe. Sie klemmte es vor dem Bauch in den Gurt und leuchtete sich den Weg zum Seil. Fädelte ein, seilte sehr langsam ab, konzentrierte sich auf die Seilstränge, die durch ihre entkräfteten Hände glitten.

Der Lichtkegel tanzte vor ihr in der Nacht. Heulend suchte sie den Felsfuß nach dem Freundschaftsbändchen ab, das herabgesegelt sein konnte, vielleicht aber auch irgendwo in einer Spalte zu liegen gekommen war. Sie fand es nicht.

#2

Sie stand in der Tür und lauschte. Der aufgekratzten, immer leicht sarkastischen Morgenfröhlichkeit ihrer Mutter konnte sie gerade nichts entgegensetzen. Sie hatte lange für den Heimweg gebraucht und war sofort eingeschlafen, ungewaschen.

Im Bad öffnete sie den raumhohen Spiegelschrank auf der Suche nach einem alten Handtuch, fand aber ausschließlich Superflausch in Weiß oder Apricot. In ihrer Kindheit hatten sie einfacher gelebt, mit gut trocknenden Frottee-Handtüchern, Einzelstücken, Tausende Male gewaschen, ein bisschen steif und kratzig. Amalia konnte sich nicht genau erinnern, wann Geld reinkam. Wann Luxus einzog. Er war irgendwann einfach da. Georgs Berufung zum Professor und später sein Bestseller über den Heiligen Gral, schnell geschrieben zum Dan-Brown-Hype, in wenigen Wochen scheinbar von selbst aus seinem Ärmel geflossen. Und der stetig selbst erarbeitete Erfolg ihrer Mutter mit Kochbüchern, Lifestyle, Landlust, Bauerngarten. Charlotte war es gewesen, die Social Media als Erste in dieser Familie nutzte.

Vorsichtig bewegte Amalia ihre Finger und spürte dem Schmerz nach. Über die Mittelhand breitete sich ein violetter Fleck aus, auf den Knöcheln klebte getrocknetes Blut. Am Handgelenk der Striemen, wie eine Brandspur, wo sie das Armband getragen hatte. Sie hockte sich hin und griff nach einem Putzlappen im untersten Regal. Das Delfin-Dekor ihres Lieblingshandtuchs, nach meeresbrisigem Weichspüler duftend. Mit dem zugeschnittenen Lumpen reinigte sie ihre Hand im Waschbecken. Das Wasser färbte sich rosa.

Unter der Dusche hüllte sie sich lange in Dampf. Als sie das beschlagene Fenster öffnete, sah sie draußen den Übertragungswagen vom swr stehen.

»Scheiße.«

Am besten ginge sie direkt wieder ins Bett. Aber sie hatte Hunger und brauchte Kaffee. Vielleicht wäre Charlotte so aufmerksam gewesen, eine Thermoskanne rauszustellen.

»Träum weiter.«

Sie zog Klamotten aus dem Koffer, der hinter der Tür ihres alten Kinderzimmers lag, und warf einen Blick auf ihr Handy. Marina hatte nicht auf ihre Nachricht mit dem Panoramabild geantwortet. In der Liste der Anrufer stand ganz oben der unbeantwortete Anruf vom Vortag mit unterdrückter Nummer. Wer war das, wer rief sie anonym an?

Sie hängte ihr Telefon an den Strom, und auf dem Weg nach unten überlegte sie, wie sie an Kaffee kommen konnte. Es gab eine neue italienische Bar im Dorf, das wäre ihr Notnagel. So gewappnet, näherte sie sich der Küchentür, lauschte auf die Stimmen dahinter, erkannte die ihrer Mutter und die des Moderators, drückte die Klinke. Verschlossen.

Einmal war sie verkatert in Boxershorts in eine Aufnahme hineingeplatzt, an einem Morgen nach dem Fest der Jungwinzer. Sie war damals so im Tran und so daran gewöhnt gewesen, Charlotte permanent sprechen zu hören, dass sie schon fast an der Kaffeemaschine angekommen war, bis sie den Aufnahmeleiter gestikulieren sah. Damals sendeten sie zum Glück nicht live, trotzdem sollte die Aufzeichnung der einzelnen Gänge nicht geschnitten werden, ein Moment ließ sich auch nicht recht wiederholen, das Kochen war ja im Gange. Der Moderator war genervt, ein Kameramann grinste. Charlotte befriedete charmant die Situation und ließ hinterher ihren Zorn auf Amalia niedergehen. Und schloss seither ab. Vielleicht traute sie auch Georg nicht mehr.

Amalia machte sich auf die Suche nach ihrem Vater und fand ihn, wo sie ihn vermutete, in seinem Arbeitszimmer. Im Stollen. Georg saß auf der Couch und hatte die Füße auf einem Stapel Archivboxen gekreuzt. Über die Papierhaufen zu seinen Füßen und auf seinem Schreibtisch hinweg sah er fern. Vom Flur aus erkannte Amalia die karierten Pyjamahosen, er trug die dunkelblaue Fleecejacke mit der gestickten Applikation von einer Polar Marine Conference in Vancouver, ein abgelegtes Stück von Carl-Georg. Der höchstens zum Rasenmähen ein Teil mit Logo tragen würde, aber das musste er in seinem Brüsseler Beamtenapartment nicht, dafür gab es dort Facility Manager.

Amalia lehnte still im Türrahmen. Sie erkannte die feinen Schuppen auf Georgs Schulter. Ihm war es gleichgültig, was er trug. Charlotte kleidete ihn ein nach ihrem Gusto. Als Amalia mit ihm das Jahr in Valencia verbrachte, ließ er sich jeden Morgen von ihr, der Sechsjährigen, grünes Licht für den Tag geben. Es wurde zum Ritual. Der reduzierte Bestand an Kleidern, die sie während des Auslandsaufenthaltes dabeihatten, ließ kaum Fehlgriffe zu. Dunkle Hosen, helle Hemden, zwei Jacketts, drei Cashmere-Pullover in gedeckten Farben. Sie brachte seine Sachen zum Reinigungsservice im Wohnheim und wurde eine Art Maskottchen, das einzige Kind in diesem Kosmos aus Klerikern, Priesteramtsstudenten, Nonnen und Putzfrauen.

Diese Stelle. Nur die Unterschrift unterm Vertrag hatte noch gefehlt. Georg hatte sie vermittelt, und sie konnte nicht verstehen, woran es doch noch hatte scheitern können. Endlich eine Arbeit mit einer Perspektive, und dazu noch in Valencia. Fünf Jahre waren lange genug, um Leute kennenzulernen, Projekte und Perspektiven zu entwickeln, hineinzuwachsen. Anzukommen. Die letzten Jahre waren anstrengend und prekär gewesen, und nun hatte sie so etwas wie Land gesehen. Doch statt in den Hafen von Valencia einzulaufen, war sie im Glottertal gestrandet.

Sie hatte langsam studiert und nicht geradlinig. Sie hatte sich ausprobiert, war auch ihrem Vater nachgestrebt auf der Suche zwischen Geschichte und Anthropologie, zwischen Sprachen und ihrer Reiselust, zwischen der Kultur und dem brennenden Bedürfnis nach Sport und Naturnähe. Es hatte Sackgassen gegeben, doch sie machte aus jeder Unterbrechung etwas. Das Pendeln zwischen Wissenschaft, qualitätsvollem Tourismus und Umweltbildung war ihr nicht als Wankelmut erschienen, sondern als wechselseitige Bereicherung. Kurze Verträge verhießen auch immer Freiheit. Zum Beispiel, um als Guide in Schottland zu arbeiten, in ein Ferien-Camp für Jugendliche zu wechseln und schließlich für eine Promotion in Sozialanthropologie vier Jahre zu bleiben.

Irgendwann, beinahe überraschend, kam ihr Vierzigster. Es kamen die Pandemie und der Krieg. Was nach Möglichkeiten geschmeckt hatte, nach Wandelbarkeit, fühlte sich fragil an. Ihre Entscheidung für die Wissenschaft schien sie zu spät gefällt zu haben. Seit ihrer Doktorarbeit hatte sie sich von einer befristeten Projektstelle zur nächsten gehangelt, hatte hinter Jüngeren das Nachsehen, und mit den Jahren nahm sie wahr, wie sich der Blick der anderen veränderte. Wie sie nicht mehr als akademisches Talent gesehen wurde, als verheißungsvolle Erbin ihres Vaters, sondern als eine, die sich mit jedem Jahr mehr einer verkrachten Existenz anverwandelte. Begabung war da, zweifellos, aber sie wusste nichts daraus zu machen. Nichts im Sinne einer Laufbahn. Amalia spürte dieses unausgesprochene Urteil.

Sie wollte Georg erzählen, dass es mit der Stelle bei Juan doch nicht klappte. Bevor er es von Domingo selbst hörte. Vielleicht wüsste er aber auch mehr als sie.

Für einen Moment vermutete sie, dass er eingeschlafen war. Doch dann hörte sie seine dünne Stimme.

»Vierzehn achtzehn.«

»Was sagst du, Papa?«

»Vierzehnhundertachtzehn. Das wird nie was mit dem da.«

Vierzehnachtzehn war Konstanzer Konzil, glaubte Amalia zu wissen und lugte auf den Bildschirm. Georg schaute eine aufgezeichnete Folge Wer wird Millionär?. Gerade war Kirchengeschichte dran. Auch in vielen anderen Sparten wusste er phänomenal viel: Zeitgeschichte, Politik, Literatur, Klassik. Selbst Sport. Popkultur war nicht so seins.

»Soll ich dich anmelden, Papa?«

Sie strubbelte ihm durch die wirren, dünnen Haare. Seine Abwehr war nicht mehr so vehement wie früher. Sie herzte ihn von hinten. Er tätschelte ihren Handrücken, drückte kurz, dann schob er ihre Handgelenke weg.

»Brauchst du Geld?«

Der Standardsatz, wenn sie auf Tuchfühlung ging. Wenn sie ihm zu nahe kam. Amalia ließ los.

»Immer, Papa. Wie viel bietest du?«

Sie setzte sich neben ihn. Der Kandidat rätselte noch, wann das Konstanzer Konzil geendet hatte. Wahrscheinlich hatte er zum ersten Mal überhaupt davon gehört. Amalia ließ die zur Auswahl angebotenen Jahreszahlen durch ihr Gehirn rattern: Abendländisches Schisma, Konstanzer Konzil, Luthers Thesen, II. Vatikanisches Konzil. Wissen, das die Welt meistens nicht brauchte. Bei Wer wird Millionär? dann aber doch.

»Ich kann uns da anmelden.«

Georg kicherte. »Wir würden abräumen.«

»Dann brauch ich auch dein Geld nicht mehr.«

»Du bist dann mein Telefonjoker.«

»Nix da, Papa. Ich will mit ins Fernsehstudio.« Apropos. Amalia sah nichts herumstehen, das entfernt an Kaffee erinnerte. »Hattest du schon Kaffee?«

Georg gab keine Antwort. Er fieberte mit dem Kandidaten mit, der gerade das Datum des II. Vatikanischen Konzils einloggen ließ.

Wie sollte sie hier zu erzählen anfangen, dass sie arbeitslos war? Arbeitslos, beziehungslos, ratlos. Falsch eingeloggt.

»Siehst du! Der kommt nicht weit, hab ich doch gleich gesagt.«

»Erde an Papa.«

»Amaia, carińet.« Er blickte sie überrascht an.

»Ob du schon gefrühstückt hast. Was ist mit Kaffee?«

»Irgendwas war mit der Kaffeemaschine. Tat nicht.« Er wirkte unsicher.

»Konntest du gar nicht in die Küche?« Zögerlich nickte er. »Hast du überhaupt schon was getrunken?«

Sie kontrollierte die Haut an seinem Unterarm, zog sie zeltartig ein wenig hoch. Dass sie selbst schauen musste, wo sie blieb, war nicht so irre nett von Charlotte, aber auch irgendwie egal. Für Georg, fand sie, hatte ihre Mutter eine Verantwortung. Amalia spürte den Ärger anrollen und dachte gegen ihn an. Es gab andere Optionen. Immer. Sie ging ins Badezimmer und füllte ein Zahnputzglas mit Wasser.

»Hab schon«, widersprach er.

»Glaub ich dir nicht.«

»Doch.«

»Millionenfrage: Wie viele Sekunden braucht Georg Faller, um ein Glas Wasser auf ex zu trinken?« An Sportsgeist hatte es ihm nie gemangelt. »Sechs«, sagte sie.

»Niemals. Drei! Höchstens.«

Ihre Campingsachen waren noch im Auto. Barfuß ging sie nach draußen, wechselte von der Steintreppe auf Schieferplatten, vom Kiesweg aufs taufeuchte Gras, spürte, wie ihre Füße kalt wurden. Sie kramte nach Gaskocher und Mokkakanne, Taschenmesser, Campinggeschirr und steckte sich auch das Notfallpack in den Hosenbund. Im Keller fand sie Äpfel, ein Päckchen Filterkaffee, das musste es tun. Eine Dose Ravioli, eine Dose Erbsensuppe. Angenehm kühl in den wunden Händen. Im Bad verarztete sie ihre Verletzung, präparierte die Mokkakanne. Im Arbeitszimmer baute sie den Campingkocher auf einem Beistelltisch auf. Die Papiere legte sie auf den Boden.

In der gesamten systemfreien Speicherung seines enzyklopädischen Wissens fand sich allein Georg zurecht. Seine Handschrift hatte Amalia immer mysteriös gefunden, die Buchstaben waren zierlich, klein und eng gesetzt, und er benutzte Abkürzungen, die nur er verstand, teilweise griechische Buchstaben. Ihm fiel die Gegenwart ins Bodenlose, und irgendwann, bald, würde sich das Loch auch ans Erinnern und an all die Geschichten heranfressen. Irgendwann wäre weg, wie dieser Bauernsohn aus dem Glottertal als Ministrant entdeckt und gefördert worden war, wie er nach Freiburg erst ins Internat und dann aufs Priesterseminar kam. Wie er nach dem Examen einen anderen Abzweig genommen hatte und noch Kunstgeschichte studierte, Professor wurde statt Priester. Er erfüllte die in ihn gesetzten Hoffnungen, aber Amalia fragte sich, welche Erfahrungen er in diesen kirchlichen Strukturen gemacht hatte. Es gab Fragen, die sie sich zu fragen weigerte, und jene nach dem persönlichen Glück würde wahrscheinlich unbeantwortet bleiben.

Ihr Herz stolperte, als ihr bewusst wurde, wie viel Wissen unzugänglich werden würde. Dann wären seine kryptischen Notizen echte Geheimschrift. Ein tristes Paar gaben sie ab, dachte Amalia, zwei Historiker unter sich, die eine scheute das Erinnern, der andere verlor den Zugriff darauf. Sie drehte das Gas auf und bugsierte die Kanne in ein Gleichgewicht auf den sternförmigen Metallstreben. Das mit der Stelle würde sie ihm ein andermal erzählen.

Als Kind hatte sie seine ausgedienten handschriftlichen Manuskriptseiten mit zu Marina genommen. Manchmal falteten sie einfach Boote und Flieger daraus. Manchmal aber spielten sie, dass Marina verschollen war, eine geraubte Prinzessin oder entführte Nixe. Amalia musste Rätsel lösen, ihr auf die Spur kommen. Sie folgte verschlüsselten Hinweisen, mysteriösen Schatzkarten. Indizien fand sie in Geheimdokumenten, und als solche dienten Georgs Papiere. So war die unabänderliche Rollenverteilung vom ersten Moment an gewesen. Marina verschwand. Amalia suchte.

Als Amalia und Marina sich begegneten, waren sie sechs Jahre alt. Georg nahm seine älteste Tochter mit auf einen Forschungsaufenthalt in Valencia. Er hatte den schon einmal aufgeschoben, weil die Kinder noch klein waren, Carl-Georg außerdem krank. Länger konnte er nicht zuwarten, allenfalls ganz verzichten. Charlotte blieb mit Bernadette und dem erst ein paar Monate alten, genesenden Carl-Georg daheim in Deutschland. Alle erholten sich auf unterschiedliche Weise vom Loch in seinem Herzen.

Amalia ging in Valencia an die Deutsche Schule. Sie wohnten im Priesterseminar in einem Zimmer, in das man für sie ein zweites Bett geschoben hatte. Gleich am ersten Wochenende waren sie zum Sonntagsessen bei Marinas Familie eingeladen, die den Strohwitwer mit der kleinen Tochter unter ihre Fittiche nahm. Während dieser Monate lief sie hier wie ein drittes Kind mit, während Georg sich in seine Forschungen zum Heiligen Gral versenkte. Sie vermisste ihre Mutter nicht so sehr, wie sie gedacht hatte, und auch dieses schlechte Gewissen, dieses Gefühl zwischen Liebessehnsucht und Liebesverpflichtung gehörte zu ihren Erinnerungen an die Zeit in Valencia.

Beim ersten Besuch war sie eingeschüchtert vom großen, urbanen Apartmenthaus mit seinem geschwungenen Treppenaufgang, den Flügeltüren mit buntem Glas. Felipe war drei oder vier und sah aus wie der kleine Lord. Amalia verbuchte ihn spontan unter Petzer, ein Vorurteil, das sie im Wesentlichen bis heute nicht revidiert hatte. Marina war da und zugleich nicht da. Sie sollte da sein, wurde gerufen, erschien jedoch nicht. War sie schüchtern, fragte sich Amalia, war sie eingeschnappt, war sie nicht neugierig auf die Besucher. Das Gespräch der Erwachsenen setzte sich fort, es gab einen Aperitif, alles war sehr fremd und steif. Felipe stand im Zentrum der Aufmerksamkeit, aber niemand schien Marinas Abwesenheit zu hinterfragen.

Amalia seilte sich von der Tischgesellschaft ab. Mit gemischten Gefühlen streifte sie durch die verschiedenen Räume dieser weitläufigen Wohnung. In der Küche arbeitete eine hagere Frau vor sich hin. Ein Arbeitszimmer, unzweifelhaft das des Vaters, eine Bibliothek mit ledergebundenen Bänden, ein Schachbrett auf einem Spieltisch, sie wusste instinktiv: Sperrgebiet, ebenso beim Schlafzimmer. So viel dunkel glänzendes Holz, überall. Im Mädchenzimmer erschrak sie, als sie eine Bewegung wahrnahm, und drehte sich um die eigene Achse. Sie sah ihr eigenes Bild im dreifachen Spiegel. Ein kleiner Frisiertisch. Marina war hier nicht, das spürte sie, aber ein Kleid auf einem Bügel erweckte ihre Aufmerksamkeit: schimmernd meerblauer Stoff mit goldgestickten Ranken, das Oberteil mit Spitzen und Rüschen eingefasst. Stoffbahnen leicht wie die Luft, durchscheinend und mit Blumenstickereien. Am Boden standen Seidenballerinas in passenden Farben. In ihrer Gedankenwelt entstand das Bild einer Prinzessin. Amalia berührte das Material und sah den Schmutz unter ihren Fingernägeln.

Schließlich gelangte sie in einen Innenhof mit Glasdach. Der Raum war licht und dämmrig zugleich, der Lärm der Welt verschluckt wie unter Wasser. Große, einschüchternde Pflanzen schimmerten in gedeckten Blau-Grau-Grünschattierungen und streckten ihre ledrigen Blätter nach ihr aus wie Fangarme. Eine Agave schob ihre Blüte palmenartig in den mit bunten Jugendstilmotiven verzierten gläsernen Himmel. Lichtpunkte sprenkelten einen Regenbogen auf die schwarz-weißen Fliesen. Zwei Töpfe standen gerade so weit voneinander entfernt, dass ein schmaler Mädchenkörper hindurch passen konnte. Es war weniger als ein Durchgang, weniger als eine Spur. Eine Ahnung.

Amalia formte mit ihren Lippen ein stimmloses »Hola«. Nichts bewegte sich. Kein Laut.

Und doch wusste sie sicher, dass hier zwei Kreaturen voneinander Witterung aufgenommen hatten.

Sie kreuzte entlang der enormen Töpfe. Schob sich Fußbreit um Fußbreit durch die Lücke und stieß schließlich im Halblicht auf ein dunkelhaariges Mädchen mit heller Haut, das sie erwartete, ihr mit festem Blick entgegensah, den linken Zeigefinger auf den Lippen. Marina wirkte nicht verloren, sondern vielmehr gefunden.

Sie trug hart geflochtene Zöpfe, aus denen sich einzelne Haare gelöst hatten, und hatte einen Wirbel am Ansatz der linken Augenbraue. Sie trug kein Prinzessinnenkleid, aber immerhin eine rosafarbene Bluse und einen Faltenrock, die viel feiner waren als Amalias Hose. Die rechte Hand des Mädchens hieß sie willkommen in der Höhle. Sie hatte die Suche abgewartet wie eine teilnehmende Beobachterin. Amalia unterwarf sich dem Schweigegebot und folgte pantomimischer Anweisung, tief Luft zu holen und hinter ihr her zu tauchen.

Sie wusste heute nicht mehr, wie ihre imaginären Unterwasserwelten damals ausgesehen hatten. Ob sie sich in dieser Vorstellung wohlgefühlt hatte. Die Bilder dieser Erinnerung waren überblendet von jenen, die sich ihr auf Teneriffa eingeprägt hatten, von sehr wenigen Tauchgängen, die sie mit Mitte zwanzig gewagt hatte, bevor sie sich ihr Fremdsein und ihre Unzulänglichkeit unter Normal Null eingestand. Und von jenen anderen aus dem Oceanogràfic, die kreiselnden Fischschwärme, schwerelos fluoreszierenden Quallen und natürlich die Delfine, die Haie und Marinas Meeresschildkröten. Was erinnern wir? Warum? Und welche Erlebnisse pflanzen uns die entscheidenden Erinnerungen ein?

Was sie nicht vergessen hatte und präzise in diesem Tag verankern konnte: ihren Hunger angesichts der spanischen Essenszeiten. Sie winkte Marina heran und tauchte auf, holte tief Luft, wies auf ihre Armbanduhr, die sie zwei Wochen zuvor vom Christkind bekommen hatte. Sie nahm Marinas Hand. Ihre eigene war trocken und warm, die von Marina kühl und irgendwie fischig.

Im Esszimmer hatte sie niemand vermisst. Eine Platte Schinken stand auf dem Tisch. Amalia griff zu und erhielt umgehend von Marinas Mutter, dieser fremden Frau, einen Klaps auf die Hand. In ihrem Hunger lenkte sie die Hand um zum Brot, das man offenbar direkt mit den Fingern fassen durfte, was für den Schinken auch galt, sobald er auf dem eigenen Teller lag. Amalia kannte nur Schwarzwälder Schinken von der Landmetzgerei im Glottertal, sie erwartete Salz und Rauch und war hingerissen vom süßen Schmelz des Bellota-Schinkens, eine Begeisterung auf den ersten Bissen, die ungebrochen andauerte.

Der Kaffee begann zu blubbern. Amalia hielt Georg einen pinken Plastikteller mit Apfelschnitzen hin, er langte zu.

»Erbsensuppe oder Ravioli?«