Die Taxifahrerin - Marcus Ingendaay - E-Book

Die Taxifahrerin E-Book

Marcus Ingendaay

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Beschreibung

Eigentlich will die 24-jährige Chris nur eine Art normales Leben führen. Vorzugsweise nachts fährt sie mit ihrem Taxi durch die Stadt, die mit all ihren fragwürdigen Begegnungen leichter zu ertragen ist als ihre launische Freundin Yve und ihr chaotisches Privatleben. Das ändert sich, als Yve sie endgültig verlässt und sie einen faszinierenden Fahrgast kennen lernt: die elegante Geschäftsfrau Gudrun. Chris wird von der selbstbewussten, geheimnisvollen Frau völlig in den Bann gezogen, auch als immer deutlicher wird, dass sie an eine Psychopathin geraten ist, die ihr Leben planmäßig in den Abgrund steuert und nicht zögert, andere dabei mitzunehmen. «Die Taxifahrerin» ist eine abgründige Liebesgeschichte und ein Roman über psychische Abhängigkeit, kaltblütige Mordpläne und mysteriöse Unfälle. Doch vor allem ist es der Roman über eine eigenwillige, unangepasste junge Frau, die sich ihren eigenen Weg durchs Leben suchen will. Marcus Ingendaay erzählt diese Geschichte über Rauheit und Sehnsucht, Intrigen und Liebe, große Gefühle und falsche Momente spannend, temporeich, mit Lakonie und Witz. Ein literarisches Roadmovie aus der Großstadtnacht.

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EPUB

Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Marcus Ingendaay

Die Taxifahrerin

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Eigentlich will die 24-jährige Chris nur eine Art normales Leben führen. Vorzugsweise nachts fährt sie mit ihrem Taxi durch die Stadt, die mit all ihren fragwürdigen Begegnungen leichter zu ertragen ist als ihre launische Freundin Yve und ihr chaotisches Privatleben. Das ändert sich, als Yve sie endgültig verlässt und sie einen faszinierenden Fahrgast kennen lernt: die elegante Geschäftsfrau Gudrun. Chris wird von der selbstbewussten, geheimnisvollen Frau völlig in den Bann gezogen, auch als immer deutlicher wird, dass sie an eine Psychopathin geraten ist, die ihr Leben planmäßig in den Abgrund steuert und nicht zögert, andere dabei mitzunehmen.

«Die Taxifahrerin» ist eine abgründige Liebesgeschichte und ein Roman über psychische Abhängigkeit, kaltblütige Mordpläne und mysteriöse Unfälle. Doch vor allem ist es der Roman über eine eigenwillige, unangepasste junge Frau, die sich ihren eigenen Weg durchs Leben suchen will.

Marcus Ingendaay erzählt diese Geschichte über Rauheit und Sehnsucht, Intrigen und Liebe, große Gefühle und falsche Momente spannend, temporeich, mit Lakonie und Witz. Ein literarisches Roadmovie aus der Großstadtnacht.

Über Marcus Ingendaay

Marcus Ingendaay, 1958 geboren, studierte Anglistik und Germanistik in Köln und Cambridge. Nach Stationen als Reporter und Werbetexter arbeitet er seit vielen Jahren als freier Übersetzer. Für seine Übersetzungen von Werken u.a. von William Gaddis und David Foster Wallace wurde er mehrfach ausgezeichnet. «Die Taxifahrerin» ist sein erster Roman.

Inhaltsübersicht

1 Kodak-Moment2 Keine Einstellung3 Hydra4 Flamenco del Silencio5 Die Periode der totalen Vermeidung6 Cajun Coyote7 Das ist nicht mein Hollywood8 Die kleinen Arkanen9 Echte Profis10 Time-Warp der Schande oder Princess of fucking Darkness11 The number you have called12 Hymne13 «V»14 Mein schönstes Kodak-Album15 Die Kräfte des Bösen16 Liebe Tina

1 Kodak-Moment

Auf der Rückfahrt vom Flughafen, gerade als sie das alte Taxi auf eine Geschwindigkeit beschleunigen wollte, bei der die Lenkung anfing zu zittern, sah sie am Himmel eine Erscheinung. Eine gestreckte, dunkle Scheibe hinter gelblichen Wolkenschleiern, aus der Hunderte laserscharfer Lichtpfeile die durchweichte Erde trafen. Es war zwar nichts weiter als eine Wolke oder vielleicht nur der Schatten einer Wolke, aber das Ganze sah aus wie ein extraterrestrisches Raumschiff, das sich auf langen dünnen Energie-Stelzen über die wie verwundet daliegenden Äcker bewegte und die kahlen, windigen Forststreifen durchleuchtete, dann weiter auf die Ausläufer der Stadt zu, auf Firmenlogos inmitten von struppigen Industriebrachen, auf Hochspannungspylone, Lagerhäuser, Schrottplätze, blätternde, ehemals pastellfarbene Wohnblocks, die sich Chris nur zu gut von innen vorstellen konnte, obwohl diese hinter den Staffeln von riesigen Plakatwänden fast verschwanden. Willkommen … Bienvenu … Welcome in … Worte, die mehrmals täglich an ihr vorbeiflirrten, deren Einzelteile ihr aber so rätselhaft blieben wie Schlüssel-Kratzer im Lack oder flatternde Regenschlieren an der Seitenscheibe.

Fast immer trat sie an dieser Stelle aufs Gas, trotzig, denn sie wollte das alles gar nicht so genau wissen. Für Chris bestand kein Unterschied zwischen diesen Buchstaben und den anderen, wulstig aufgeblähten Gebilden, die an Hauswänden hochkrochen, bis in düstere Flure hinein, in Treppenhäuser und zerbeulte Aufzüge. Vor Buchstaben, Totems, gab es überhaupt kein Entrinnen. Sie waren überall, sie waren bösartig und unberechenbar. Und sie veränderten sich, sobald Chris ihnen den Rücken zukehrte.

Das Alien-Raumschiff schwebte langsam in nordöstliche Richtung, so, als wolle es mit der Auslöschung dieser Stadt noch warten, bis alles mit größter Genauigkeit erfasst war. Sollte es doch. Sie, Chris, hatte sowieso nichts mehr zu verlieren.

«Siebzehn von 6–38, eine Hausnummer 97 gibt es hier aber nicht …»

«Warten, ich hör mal nach …»

Aber wohin das Raumschiff auch kam, es tauchte mit seinen Strahlenfingern noch die letzte Hässlichkeit in ein Licht, das sonst auf der Erde nicht vorkam. Der Anblick faszinierte Chris so, dass sie, die Hand am Winker, den Kopf zur Seite geneigt und weit nach vorn über das Lenkrad gereckt, den Fuß vom Gas nahm und ihr Taxi langsam auf die rechte Spur driften ließ, um das Schauspiel besser beobachten zu können. Nein, sie glaubte nicht an Zeichen und Wunder, nicht einmal in ihrer jetzigen Situation, aber sie hatte einfach nicht mehr mit so viel Schönheit gerechnet. Ein Kodak-Moment: Tödliches Raumschiff, das von dummen Terranern willkommen geheißen wurde, weil es so wunderschön war.

«6–38 von Siebzehn, das war die 79, nicht 97.»

«Ja, richtig. Der Fahrgast hat sich auch schon bemerkbar gemacht.»

«Penner …», murmelte Chris, während sie in das glitzernde Kaleidoskop des Himmels blinzelte. Es schien, als wollte er die Erde kitzeln – was die Erde schon lange nicht mehr gewöhnt war.

Im nächsten Moment spürte sie diesen ungeheuren Luftstoß, der einen Sekundenbruchteil später wie eine fliegende Faust auf der Standspur an ihr vorbeischoss.

«–!!! Ja toll, du Arschloch!», rief sie, eher aus alter Gewohnheit. Hier war Stadtautobahn, erlaubt waren achtzig. Erst dann hielt sie erschrocken den Atem an, starrte, die plötzlich weißkalten Hände um das Lenkrad gekrampft, auf das Loch, das der – was war das eigentlich? – in die Luft gerissen hatte. Genau, ein Maverick, ein roter Ford Maverick. Gott, wie schnell war der?

Und sofort war da auch wieder diese Mischung aus Angst und Wut, aber hauptsächlich Angst, die wie ein Roter Riese in ihrem Magen aufging und ihr bis in die Kehle stieg. Es war einfach zu viel passiert in der letzten Zeit, ihr Unfall, die Sache mit Yve, das alles wirkte nach, und sie, Chris, war definitiv nicht mehr cool. Dieses Wissen war vielleicht das Schlimmste an allem: Sie war nicht mehr unberührbar. Auch wenn es vielleicht eine Weile so ausgesehen hatte, die Kräfte des Bösen hatten sie nie wirklich vergessen. Und es brauchte gar nicht viel, um viel von dem zu zerstören, was sie sich aufgebaut hatte. Einmal die falschen Leute getroffen, einmal zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, einmal nicht aufgepasst …

Niemand, der an die Kräfte des Bösen glaubte, konnte noch cool sein. Für Chris waren sie eine Realität, nachweisbar, so ihre Theorie, bis in den subatomaren Bereich. Berühr einen dieser Bildschirme im Planetarium und sieh, wie alles angefangen hat, nämlich bei 0,0000000000000000000000000000000000000000001 Sekunden, und was alles passiert, bis auch nur die erste Nanosekunde vorbei ist. Wie sich bereits in dieser Spanne die Ur-Ungerechtigkeit anbahnt, die angeblich keinen Verursacher hat, nämlich der Tod der Antimaterie.

Dabei war Antimaterie nicht schlechter und nicht weniger real als Materie auch, das Anti in dem Wort bedeutete einen Scheiß. Trotzdem gab es heute im ganzen Universum keine Antimaterie mehr – außer ihr, Chris.

Sie starrte dem roten Offroader hinterher, reine Materie, die jetzt auf die erste von mehreren Unterführungen zuraste, wartete auf das, was jeden Moment passieren musste: entweder die panisch aufgerissenen Bremslichter oder den gelblichen Blitz der Radarfalle, je nachdem. Doch dann brach der Wagen durch einen gleißenden Lichtfächer und verschwand im nächsten Moment hinter einem Schleier aus aufgewirbeltem Wasser. Als Chris kurz darauf die Stelle passierte, war das Licht erloschen. Keine intergalaktische Strahlung für sie, die Aliens waren an ihr nicht interessiert.

 

Sie erinnerte sich an das Strafmandat, das sie hier vor einiger Zeit kassiert hatte. Und an den Morgen, an dem ihr Foto an der Pinnwand im Fahrerraum hing, ein rotes Zettelchen daneben, auf dem der Alte mit auftrumpfenden Ausrufezeichen notiert hatte: 150DM!!! 3 Punkte!!! Wall of fame sagte der Coyote dazu.

Der Coyote war praktisch der Einzige ihrer Kollegen, mit dem Chris überhaupt je ein Wort wechselte. Von dem Kölschen Klüngel, der bei KaRo-Taxi den Ton angab, hielt sie sich demonstrativ fern, reagierte nicht einmal, wenn sie sie «Kleine» nannten, diese primitiven Säcke und fettärschigen Prolls, die sich Gott weiß was einbildeten, weil sie schon zwanzig Jahre «dabei» waren, wie sie sagten. Aber eben immer noch ohne eigenes Fahrzeug und ohne eigene Konzession. Die die eigene Frau zum Putzen schickten, aber auf die faulen Studenten schimpften, die bei KaRo als Aushilfsfahrer beschäftigt waren. Nur: Eines Tages zogen die Studenten weiter, während sich diese Typen bis in alle Ewigkeit hinters Steuer klemmten. Chris dachte an eine Veränderung.

Und vielleicht war die Veränderung – unbemerkt – ja längst eingetreten. Etwas war anders geworden, und begonnen hatte es an jenem Morgen im Fahrerraum, als ihr Radarfallen-Bild an der Wand hing und die ganze Bande davor herumstand und sich wegschmiss vor Lachen. Seit der Alte die Ablösung am Halteplatz abgeschafft hatte, ließen sich diese Begegnungen bei Schichtwechsel kaum vermeiden. Klar, die Feindseligkeit hinter der vermeintlich nur dämlichen Anmache war nicht neu, weswegen sich Chris normalerweise mit einem Vakuum umgab, in dem blöde Sprüche den Kältetod starben. Doch was sollte sie unternehmen gegen das Gekrakel auf ihrem Foto, Buchstaben in rotem Filzstift wie flatternde Regenhieroglyphen. Jemand hatte etwas auf ihr Foto geschrieben, das alle im Fahrerraum offenbar unheimlich komisch fanden, das sie, Chris, jedoch nicht entziffern konnte. Eines der Wörter, eines mit vier Buchstaben, da war sie sicher, hatte sie sogar schon einmal irgendwo gesehen. Aber wo? An unterschiedlichen Orten begegnete man immer auch unterschiedlichen Wörtern. Beispiel: Straßennamen. Sie hatte 6.000 Straßen im Kopf, allerdings nach einem System, das nur sie verstand, obwohl es so einleuchtend war. Schau in den Nachthimmel. Vom Bekannten zum Unbekannten, über Virgo zum Haar der Berenike.

Sie spürte, wie ihr sogar in der Erinnerung an den Vorfall das Blut in den Kopf schoss und sich dort zu einer grau verrauschten Galaxie dehnte, in der sie kaum noch etwas wahrnahm. Wie damals in der Schule, wenn alle sie auslachten, wenn der Lärm in ihrem Kopf zunahm und die Wörter auf dem weißen Blatt anfingen zu tanzen wie eine kleine hässliche Boygroup – push, hit, turn, kick –, alle diese Buchstaben, denen ständig neue Arme wuchsen und sie, Chris, je länger sie starrte, in ein Gespinst einwoben, das sie fast nur mit einem Schrei zerreißen konnte. Und einem Schmerz, der so scharf war, dass er sogar durch das graue Rauschen in ihrem Kopf schnitt. In diesen Momenten verlor sie jede Kontrolle über sich, geschahen Dinge mit ihr, mit denen niemand rechnen konnte, schon gar nicht diese dummen Säcke von KaRo. In diesen Momenten, wenn der Lärm in ihrem Kopf anschwoll wie im Inneren einer Turbine (oder wie bei den Nahaufnahmen fliegender Streitäxte in ihrer Lieblingsserie Xena), in diesen Momenten hätte sie sterben können. Später, wenn alles vorbei war, war ihr oft so schlecht, dass sie sich übergeben musste. Aber wessen Schuld war das? Sie, Chris, hatte ja nicht angefangen.

Sie hätten sie eben nicht anfassen dürfen. Diese widerlichen Hände. Pack, eklig wie Algen. Feige Bande. Wichser. Rötliche Gesichter, speckige Lederwesten, nikotingelbe Augen, die in Kölsch schwammen, und diese Schnurrbärte, ihr Stammeszeichen. Irgendetwas an ihr, Chris, musste ihnen verraten haben, dass sie reif war. Und in diesem Punkt hatten sie sogar Recht. Sie war Antimaterie, die letzte ihrer Art, aber an schlechten Tagen ahnte sie längst, dass sie nicht mehr allzu viel von diesen Ärschen unterschied. Sie war nicht mehr unberührbar, und das hatten sie gespürt, eher als Chris selbst. Die Kräfte des Bösen hatten alle Zeit der Welt.

Sie trat das Gaspedal bis zum Anschlag nieder, und der Diesel meldete sich nagelnd, die Tachonadel begann zu beben, aber von Beschleunigung keine Spur. Dieser Wagen war ein Zustand, kein Fortbewegungsmittel, eine Zeitkapsel, in der die Gespenster von tausenden Fahrgästen mitreisten. Er war der Strafwagen. Den Strafwagen hatte immer einer, auch der Coyote hatte ihn schon gehabt, weil er während der Schicht heimlich seiner Frau hinterhergefahren war und keinen Umsatz gemacht hatte, so wurde jedenfalls geredet. Mit seinem eigenen Auto, einem antiken, mittelgroßen Ami-Schlitten aus den Sechzigern, wäre es auch schlecht gegangen. Viel zu auffällig.

Um das Radio einzuschalten, musste sie mehrmals gegen die Blende schlagen. Manchmal half auch nur ein Tritt.

«Glückwunsch, Sandra, du hast gerade 150 Mark gewonnen. Freust du dich?»

«Ja.»

«Was wirst du mit dem Geld machen?»

«Ich weiß noch nicht …»

Sie drehte am Senderknopf.

«Achtung, Autofahrer, auf der A 3 kommt Ihnen ein …»

«… the queerest of the QUEER … the strangest of the STRANGE …»

Dann hatte plötzlich der Coyote im Fahrerraum gestanden. Chris weigerte sich zu sagen «zum Glück», denn sie wollte ihm nichts schuldig sein, und mit dem Gesindel wurde sie allemal fertig. Aber alles war auf einmal so still gewesen, dass man sogar hören konnte, wie der Pirelli-Wandkalender im Luftzug seine Titten schwenkte. Der Coyote gehörte nicht zum Kölschen Klüngel, er war, wie Chris, eine Klasse für sich, doch anders als Chris respektierten ihn die Männer. Und niemand erhob Einspruch, als er wortlos, mit einer Zigarette zwischen den Lippen, deren Rauchsäule fast unbewegt vor den grünen Gläsern seiner Sonnenbrille emporstieg, Chris’ bekritzeltes Foto von der Wand nahm und in seiner hellbraunen Wildlederjacke verschwinden ließ. Ein Typ von unbestimmbarem Alter, lang, schlaksig, mit schwarzen gelgetränkten Haaren, die wie gefärbt wirkten, mit seinen ewigen grünen Shades, die er selbst in geschlossenen Räumen nie absetzte, und mit Cowboystiefeln, die völlig daneben waren. Doch ein Blick von ihm (durch seine grünen Shades) hatte genügt, dass selbst diese hirnlose Meute im Fahrerraum betreten zu Boden schaute.

… the queerest of the QUEER …

Der Coyote schien zu wissen, dass er aussah wie das Klischee von etwas, das es eigentlich nicht mehr geben durfte. Genau wie sein Auto mit dieser seltsamen Sonnenblende aus grünem Plexi, die, wie bei südländischen LKWs, außen angebracht war. (Ein Auto mit Shades!) Auf Chris wirkte er wie ein Mann mit einer Mission, die nicht das Geringste mit seinem Taxijob zu tun hatte, ja, nicht einmal, was nahe gelegen hätte, mit der Tatsache, dass er wochenlang seine Frau beschattet hatte – falls diese Geschichte überhaupt stimmte. Dafür sprach auch seine gleich bleibende, gewissermaßen hintergedankenfreie Freundlichkeit, die Chris besonders dubios fand. Sie war daran gewöhnt, dass die Kerle sie anstarrten. Dass sie aussah wie ein Junge, war nämlich überhaupt kein Schutz, im Gegenteil. Genauso wie ihre stoppelkurzen Haare von Männern nicht selten als Einladung verstanden wurden, mit der Hand darüber zu streichen. Nicht so der Coyote. Trotz seiner Shades, das spürte sie, gehörte er nicht zu den Glotzern, er schien einfach anderes, Wichtigeres zu tun zu haben. Und doch traute sie ihm noch weniger als all den anderen. Wäre sie ihm auf der Straße begegnet, hätte sie vermutlich nur gedacht: schräg.

Der Coyote wusste übrigens nicht, dass er der Coyote war. Coyote hieß er allein in Chris’ persönlichem System – nach dem Schriftzug CAJUN COYOTE auf der Sonnenblende (Shades!) seines antiken Autos. Die Entzifferung hatte sie mehrere Wochen gekostet, denn Wörter, die zwei oder mehrere identische Buchstaben enthielten, waren für sie wie rotierende Asteroiden, die jeweils nur für Sekunden von der Sonne beschienen wurden. Immerhin, ihre Vermutung bestätigte sich, der Name passte wie kein zweiter. Alles an ihm war Coyote, und das war sehr verschieden von Hund, Bär oder Stier, Sternen und Nebelobjekten.

«… monstermäßig gefloppt. Der Neueinsteiger der Woche in den Hörercharts, nach Scheidung und Drogenexzessen von null auf Platz vierzehn …»

 

«… von 6–38. Hat jemand noch Wechselgeld?»

«Dieter, alter Funkquäler, geh nach Hause …»

Der Stau begann schon, für einen Samstag eher ungewöhnlich, in der Auslaufzone – mit jeder Menge auswärtiger Kennzeichen, Phantasialand-Aufklebern, Katzengesichtern in den hinteren Seitenscheiben. Alles Leute, die sich das Hochwasser ansehen wollten. Arschlöcher. Der Flughafen war für Chris die erste vernünftige Fahrt an diesem Morgen gewesen, aber es sah so aus, als sollte dies erst einmal so bleiben. Dabei hätte sie fahren müssen, ohne Pause bis zum Umfallen. Es war das Einzige, was jetzt noch half, um nicht wahnsinnig zu werden. Außerdem brauchte sie Geld, dringend. Gestern war schon wieder ein Brief von der Wohnungsgesellschaft gekommen, unten auf der Seite eine fett gedruckte Zahl, die mit jedem Mal größer wurde. Und mit Zahlen konnte sie. Sie hätte eben Yve nie vertrauen, sie schon gar nicht bei sich aufnehmen dürfen. Sie wusste doch, was für ein Miststück sie war. An welches Wunder hatte sie denn geglaubt?

Wo steckte eigentlich der rote Maverick? Sie wünschte sich ein Killer-Auto, mit dem man sich ein Schneise durch so viel sinnloses Blech hätte bahnen können. Oder so ein Monstertruck wie die im Fernsehen, die alles platt walzten, was ihnen im Weg stand, und so blöd grinste wie diese Katzengesichter. Das hatten sie dann davon.

Später, nach der Sache im Fahrerraum, als alles vorbei war, als sie auf den nassen Stufen vor der Zentrale saß und gegen eine Grundsee von Übelkeit anwürgte, stand plötzlich wieder der Coyote vor ihr (sie hatte ihn gar nicht kommen sehen), in der Hand ihre Lederjacke, die sie abgestoßen hatte wie etwas heillos Besudeltes, nachdem eines dieser Schweine versuchte, ihren Arm nach hinten zu biegen. Er wartete, bis sich ihre Augen in seinen grünen Shades verfingen, und kniff die Lippen zusammen.

«Alles in Ordnung?»

Chris nickte und schaute hoch in den gelblichen Himmel, wo ein Schwarm Möwen stets ein und denselben Punkt umkreiste. Ein Kodak-Moment: Möwen und ihr wundervolles Navigationssystem.

«Hey, ich soll dir sagen, es tut ihnen Leid. Sie entschuldigen sich. Es war nicht böse gemeint, jedenfalls nicht so, wie es …»

Chris schnaubte durch die Nase und vermied den Blick in die spiegelnden Gläser. Nur jetzt nicht anfangen zu heulen.

«… vielleicht … ich meine, wie gesagt, es tut ihnen Leid. Okay? Okay?» Wobei er auf mitfühlende Art, wie man sie in amerikanischen Serien immer sah, das Gesicht verzog und Chris die Jacke hinhielt, ohne dass Chris den Kopf wandte. Dann sagte er: «Mann, ist die schwer. Sag mal, was schleppst du eigentlich alles mit dir rum?»

«Gib her.»

«Was ist das?»

«Gib her!»

«Mensch, das ist ja ein ganzes Arsenal! Wozu brauchst du das?»

«Ich brauche es eben. Gib her, verdammt noch mal!»

Aber er hatte ihren Elektro-Stunner bereits in der Hand und betrachtete ihn kopfschüttelnd. Und das war noch längst nicht alles. Eine Gaspistole, ein CS-Spray, eine Rettungsschere, ein Weltempfänger, ein Teleskopschlagstock, eine Taschenlampe, ein Springmesser und ihr Handy steckten in den anderen Taschen.

«Du lieber Himmel!»

«Gib her. Nicht auf den roten Knopf drücken, da kommen 320.000 Volt raus.»

Aus der Hand des Coyoten antworteten ihr knatternde Lichtblitze.

«Oops! Wow! Woooow!» Er zuckte zurück. «Sehr beeindruckend!»

«Ich hab gesagt, gib her, verdammt.» Sie war aufgesprungen und riss erst den Stunner, dann die Jacke an sich. Die Jacke war noch warm und fühlte sich gut an, merkwürdig unbesudelt. Sie liebte den Druck von schweren Gegenständen auf ihrem Körper, und es beruhigte sie, als der Stunner wieder an seinen Platz glitt. Mit all den Sachen darin war ihre Lederjacke wie ein Kokon. Mit so einer Lederjacke konnte sie tagelang durchfahren, wenn es sein musste, das machte Chris gar nichts.

Der Coyote sah sie an und strich sich über sein gelverklebtes Haar. «Frau, in was für einer Welt lebst du eigentlich?», sagte er.

«In eurer, was dachtest du?» Sie schluckte und atmete, bis sie den kühlen Morgen schmecken konnte. «In einer, in der nie etwas so gemeint ist.» Sie dachte an Yve.

«Tut mir Leid.»

«Warum sagst du das? Warum sagt ihr dauernd, es tut euch Leid?» Sie dachte an den Mann hinter dem Bankschalter, der auch gesagt hatte, es täte ihm schrecklich Leid, aber so, wie die Dinge stünden, hätte sie sicher Verständnis dafür, dass … Und daran, dass sie dem Kassierer einen Augenblick lang sogar geglaubt hatte, so treuherzig, wie er sie ansah, immerhin auch nur ein Mensch. Doch diese Wichser kriegten das in speziellen Lehrgängen so beigebracht.

«Na ja …» Der Coyote hob die Hände in Unschuld.

«So Leid, dass du nachts nicht schlafen kannst oder was?»

Komisch, aber der Coyote sah morgens manchmal tatsächlich so fertig aus, als hätte er in seinem Auto übernachtet. Ein gestrandeter Rockabilly, ein zerzauster, hungriger Coyote unter einem blauen Mond in einem Auto mit Shades. Immer noch über ein und demselben Punkt schraubten sich die Möwen höher in den Februarhimmel. Die verebbende Übelkeit hinterließ eine riesige angenehme Leere.

Der Coyote setzte sich auf die Treppe und hielt ihr eine Schachtel Zigaretten hin, aber Chris schüttelte den Kopf.

«Wo hast du eigentlich gelernt, so zuzuschlagen?», fragte er.

«Wieso?»

«Ich meine nur.» Er grinste. «Ein paar von denen haben richtig was abgekriegt.»

«Ich fasse diesen Abschaum nur nicht an, das ist mir zu eklig …»

«Verständlich.»

«Aber wenn sie es unbedingt so wollen, kriegen sie einen in die Fresse …»

Wie bei Xena, der Kriegerprinzessin, ihrer Lieblingsheldin. Nur dass die Wirklichkeit immer viel hässlicher war als das, was sie in Xena sah. Nicht grell, sondern wie hinter grauem Nebel. Nicht schnell, sondern mit jener alptraumhaften Langsamkeit, aus der sie nur ein starker Schmerz erlösen konnte. Das lag daran, dass Xena immer sie selbst war, stark und von düsterer Schönheit, und dass selbst in der tiefsten Hölle die Kräfte des Bösen keine Macht über sie hatten. Während ihr, Chris, immer nur schlecht wurde, wenn sie anfing um sich zu treten und ihr Turnschuh auf etwas unerwartet Weiches traf. Xena fing Speere noch in der Luft. Sie konnte Götter töten.

«Cool. Cool.» Der Coyote hob einen Daumen, doch sein schmales Gesicht blieb vollkommen unbewegt. «Das beantwortet aber meine Frage noch nicht.»

«Wie war die Frage?»

«Wo du das gelernt hast?»

«Wieso?»

«Interessiert mich eben.»

«In der Schule. Da, wo man all die nützlichen Sachen lernt.»

«Ist nicht wahr!»

«Doch», sagte Chris und zögerte einen Moment. «Anti-Gewalt-Programm. Vom Jugendamt.»

«Verstehe ich nicht.»

«Wegen Selbstbewusstsein und so. Sie geben dir einen Karatekurs und reden darüber, wie man Probleme löst.» Sie zögerte. «Aber da waren nur die Blöden drin.»

«Verstehe ich nicht. So kommst du mir gar nicht vor.»

«Tja, so kann man sich täuschen.»

«Und hat es die Probleme gelöst, dieses Anti …?»

«Wie du siehst. Aber das Anti bedeutet einen Scheiß.»

«Nein, was ich sagen wollte: Ist denen nichts anderes eingefallen für dich?»

«Warum sollte ihnen? Den Blöden fällt nie etwas anderes ein, deswegen sind sie ja so.»

«Nein, ich meinte wegen deiner …»

«Hör mal, was soll die Fragerei? Ich habe dich nicht um deine Hilfe gebeten, okay? Also kümmer dich um deinen eigenen Scheiß. Damit hast du genug zu tun.»

«Schon gut, schon gut.»

«Warum könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen?»

«Okay, kein Problem, überhaupt kein Problem.» Abermals diese Unschuldsgeste.

«Lasst mich doch einfach in Ruhe.»

«Kein Problem. Ein Wort von dir und …» Er beugte sich nach vorn und sah über seine Shades hinweg zum Tor, wo, mit einer Schürze aus Regenschmutz, Wagen 4–09, das ungeliebte Straf- und Ersatzfahrzeug, auf den Hof rollte und weiter zur Waschstation. «Da kommt ja mein Luxusauto», sagte er und zog, aufstehend, die Worte in die Länge. «My … very own … very private … limo … service.»

«Das kommt davon», rief sie ihm hinterher. «Das kommt davon, wenn man sich um Sachen kümmert, die einen nichts angehen.»

Okay, das war gemein, aber es tat ihr nicht Leid. Was wollte dieser Kerl eigentlich von ihr? Immer war er irgendwie in der Nähe. Sogar wenn sie fuhr. Wenn sie draußen überhaupt jemandem von ihrer Firma begegnete, dann ihm. Warum?

Als sich der Coyote daraufhin noch einmal umdrehte, waren seine Shades wie zwei Schwarze Löcher, die alles Licht verschluckten. Sein ewiges Grinsen war versiegt. Wortlos und mit steifen Schritten ging er auf Nr. 4–09 zu.

Unterdessen schob sich die Blechschlange mit ihren Grinsekatzen und ihrer Gier nach einer Katastrophe für die ganze Familie auf den Ausgang des Arena-Tunnels zu. Leute, die Beifall klatschten, wenn das Wasser über die Barriere schwappte wie über den Rand eines übervollen Brunnens. Angeblich hatte die Flut ihren Höchststand bereits überschritten, aber die Nerven «lagen blank», wie sie im Radio sagten. Erst sagten es nur die Reporter, dann sogar die, deren Häuser unter Wasser standen. Überall lagen die Nerven blank, selbst der Diesel döste nur scheinbar in jener satten Vibration, die Chris manchmal bis in den Schlaf verfolgte. In Wirklichkeit brodelte es in seinem verrußten Herz. Sie hielt den zitternden Spiegel fest und schaute hinein. Ihre kräftigen Brauen, gerade wie ein Strich, die ihre Augen größer machten, als sie waren, und irgendwie weniger blau, so wenig blau, dass sich vermutlich nicht einmal ihre Mutter daran erinnerte. Sie sah auf ihren großen Mund mit den zweifelnden Lippen. Mit der linken Hand fuhr sie sich durch ihr Stoppelhaar. Gott, das sah aus wie Sigourney Weaver in Alien 3. Aber es musste sein, es war ihr Zeichen dafür, dass sie sich im Krieg befand gegen die Kräfte des Bösen und dass sie sich nie, nie geschlagen geben würde, auch wenn es bedeutete, wie ein Tier zu leben. Nachdem sie sich allerdings seit vierzehn Tagen nur von trockenen Cornflakes ernährte und im Schlafsack in ihrer kahlen Wohnung übernachtete, verlor solche Entschlossenheit zunehmend an Bedeutung, und alles ging mehr oder weniger über in eine einzige große Scheiße. Außerdem glänzte ihre Haut wieder so fettig, dass die nächste Akne eigentlich nur noch eine Frage der Zeit war. Aber was konnte sie schon groß tun, wenn sie zwölf Stunden in dieser Karre saß? Mit einem Fingerknöchel rieb sie an ihren Nasenflügeln entlang.

«… kriegt offenbar den Hals nicht voll. Jetzt hat sie auch noch ihren Manager verklagt. Angeblich geht es um die stolze Summe von …»

Sie drehte am Senderknopf. So, wie diese Affen fuhren, kamen auf der Linksabbiegerspur jedes Mal höchstens fünf Autos über die Kreuzung.

«… vergisst dabei, dass die Entwicklung des Fortschritts exponentiell verläuft, das heißt, wir sprechen mittlerweile von einer Verdopplung des Wissens innerhalb von vier Jahren. Es ist daher gar nicht mehr ausgeschlossen, dass die Menschheit bereits in naher Zukunft auch genetisch in zwei Hälften zerfällt, und zwar in …»

Chris sah das ähnlich. Eines führte zum anderen. Beispiel: Der kleine Modeladen, der direkt gegenüber ihrem Halteplatz an der Kirche lag und dessen Schaufenster nachts noch leuchtete, lange nachdem die Scheinwerfer, die die Fassade der Kirche anstrahlten, erloschen waren. Die Kleider dort im Fenster waren nie im Leben für jemanden wie sie gemacht, und selbst mit Taschen voller Kohle hätte Chris sich nicht in einen solchen Laden getraut. (Anders als Yve übrigens, die sich sehr veränderte, wenn sie Geld hatte, vermutlich weil sie viel besser wusste, wie sehr es alles veränderte.) Und trotzdem hätte sie, die nur Jeans und Sweatshirts und Joggingklamotten kannte, nur zu gern gewusst, wie es war, sich in einem solchen Kleid zu bewegen, wie sich der Stoff auf der Haut anfühlte, wenn man fast nackt war, jedenfalls ohne ihre gewohnte Lederjacke und ohne einen Haufen schwerer Sachen am Leib, die einen beschützten. Oder überhaupt, wie sehr sich ein Leben von ihrem, Chris’ Dasein, unterscheiden musste, damit man ein solches Geschäft betreten konnte. Aber der Gedanke war ohnehin absurd. Sie hatte es im Fernsehen gesehen: Es gab Wüstentiere und solche, die in einer Oase lebten. Trotzdem herrschte dort kein Gedränge, und beide Arten von Tieren begegneten sich selten.

Der Wagen auf der Mittelspur starrte interessiert zu ihr herüber – wie lange eigentlich schon?

«Was willst du? Meine Flirtnummer?»

Der fremde Blick klebte aber weiter an ihr.

Vielleicht dachte er ja, sie wäre am Heulen.

«Was gibt’s denn da zu gucken? … Wichser.»

Sie rieb ihre Nase heftiger, tat dann so, als müsse sie den Innenspiegel einstellen, fummelte abermals am Senderknopf, zündete sich eine Zigarette an (womit sie ihr selbst gesetztes Limit für die Schicht bereits überschritt) und blies, als die Ampel immer noch nicht umschaltete, genervt den Rauch gegen das Armaturenbrett. Nach der darauf folgenden Grünphase fuhr sie über Rot.

Auf der anderen Seite der Unterführung, Fahrtrichtung Süden, brach die Sonne durch den graugelben Himmel und verwandelte die Straße in ein gleißendes Band. Sie kurbelte die Seitenscheibe herunter, kühle Luft, Wasserluft vom Fluss, strömte herein, schauerte eisig über ihre Kopfhaut. Sie mochte das Geräusch der Reifen auf dem regennassen Asphalt. Es klang so sauber und frisch.

 

Im Gegenlicht hätte sie beinahe den alten Mann übersehen, der winkend am Straßenrand stand. Sie bremste scharf und kam etwa zehn Meter hinter ihm zum Stehen. Doch der Alte, in seinem braunen Anzug und offenen weißen Hemd, gestikulierte nur und lief mit steifen Schritten wieder auf den Bürgersteig.

«Ja was denn nun?»

Chris setzte langsam zurück und sah ihn weiter hinten vor der Markise eines italienischen Cafés fuchtelnd auf eine junge Frau einreden. Die junge Frau trug einen dunklen Mantel und stand still neben einer Art Geigenkasten, ein Ding so groß wie ein Tanzbär, so groß wie ein Sarg. Der alte Mann zeigte dann auf sie, Chris und das Taxi, und wollte der jungen Frau mit diesem Ungetüm behilflich sein. Die junge Frau hingegen, weit entfernt, sich den Geigenkasten aus der Hand nehmen zu lassen, schob den Alten energisch, aber nicht unfreundlich fort und beendete die Unterhaltung mit einer Gebärde, die aussah wie ein komplizierter Segen.

«Na, komm schon, Lady, mach vorwärts. Ich kann hier nicht ewig warten.»

Die Frau näherte sich, den riesigen Kasten in der Hand und ohne den Radfahrer zu beachten, der klingelnd und schimpfend ausweichen musste. Chris stieg aus dem Wagen und öffnete den Kofferraum.

Es war ein Kontrabass, in dem Kasten war ein Kontrabass. Ein Kontrabass war nicht schlechter als jeder andere Bass, das Kontra bedeutete einen Scheiß.

Und natürlich passte er nicht in den Kofferraum. Misstrauisch verfolgte die Frau, wie Chris sich abmühte. Mehrmals zitterte ihre Oberlippe, als wolle sie etwas sagen. Dieser wie hingehauchte Flaum auf den Wangenknochen, der unter der Märzsonne aufleuchtete und den Chris, sie wusste es, nie vergessen würde! Doch die junge Frau blieb stumm, nur ihre Hände waren immer wieder im Weg, feingliedrig, ängstlich vorschnellend, sobald Chris mit dem Kasten irgendwo aneckte, jedoch ebenso schnell zurückschreckend, wenn sie Chris’ Hand zu nahe kamen, vor allem dem Skorpion-Tattoo auf ihrem rechten Handrücken. Auch das würde sie nie vergessen. Ein Kodak-Moment: Zwei Hände, die sich nie berührten, weil sie zu verschieden waren.

Die junge Frau konnte nicht älter sein als Chris, aber sie kam von einem anderen Planeten. Eine von denen, die jederzeit jeden Modeladen betreten konnten, als sei es das Normalste der Welt. In diesem Augenblick schämte sich Chris für ihr Tattoo. Sie tat das eigentlich nie, aber vor der jungen Frau war die Botschaft, die es enthielt, vollkommen lächerlich.

«Okay, so müsste es gehen.»

Das schmale Ende des Geigenkastens ragte über die Ladekante hinaus wie eine Zigarre. Passte irgendwie zu dem alten Stinker. Was bedeutete es noch einmal, wenn schwarzer Qualm aus dem Auspuff kam? Schließlich gab es auch weißen, blauen, braunen Qualm. Und jeder erzählte eine andere Geschichte aus dem Inneren des Motors.

Chris wickelte die alte Decke um den Hals des Kastens und schloss die Kofferraumklappe mit einem Zurrgurt. Wortlos stieg die junge Frau hinten ein.

«Und wohin?», fragte Chris in den Rückspiegel, als der Diesel ansprang.

Die junge Frau, die langen Beine eng aneinander gepresst, schrieb mit einem winzigen goldenen Kuli etwas auf einen Block. Sie riss den Zettel ab und reichte ihn Chris.

Nein! Nicht schon wieder. Nicht schon wieder!

Sie spürte, wie ihr Herz anfing zu klopfen. Von einer Sekunde auf die andere, wie böse Kobolde, veränderten die Buchstaben auf dem Zettel ihr Aussehen, setzten sich Hüte auf und lange Nasen, zauberten Spazierstöcke hervor (zähl sie!), standen auf einem Bein, renkten sich Arme aus. So würde sie das nie entziffern können.

«Hören Sie, ich … ich kann Ihre Schrift so schlecht lesen. Wo soll das sein?»

Diese Scheiß-Lügerei.

Die junge Frau antwortete mit einer Salve von Gebärden, wies abwechselnd auf ihre Ohren und ihren Mund, was anfangs komisch aussah, ohne es zu sein, denn sie endeten jedes Mal entschieden und mit einem feingliedrigen Finger auf dem Zettel in Chris’ Hand.

«Nein, so geht das nicht. Sie müssen mir schon sagen, wo Sie hinwollen.»

«…»

«Können Sie mich verstehen? Verstehen Sie, was ich sage? Can you … understand? Understand?»

«…»

Dieselbe Reaktion wie zuvor. Chris ahnte, dass sich hier der größte annehmbare Unfall überhaupt anbahnte. Die Frau konnte nicht sprechen. Und wahrscheinlich auch nicht hören. Die junge Frau war taubstumm.

«Ach du Scheiße.»

Wider Erwarten zeigte die Frau auch nicht die geringste Einsicht in ihre Lage. Nicht einmal der Anflug von Hilflosigkeit. Im Gegenteil, sie verdrehte ungeduldig die Augen, wandte ihr sogar das Profil zu und schaute einfach aus dem Fenster. Das half zwar nicht weiter, machte aber eines klar: Sie dachte nicht daran, sich für irgendetwas zu entschuldigen, sondern verhielt sich, als sei ihre Behinderung nicht ihr Problem, sondern das der anderen, und das wiederum war etwas, das Chris zutiefst respektierte. Außerdem war ihr Hals, gerade in dieser Drehung, so wunderschön, dass Chris ihn hätte anfassen mögen. Ein Hals für Serientäter.

«… cause I grab the mic and flip my tongue like a dyke …»

Was tun? Denk nach. Denk nach.

«… ding ding dong, ring-gading ding ding dong …»

Sie hatte den Zettel in der Hand. So viele identische Buchstaben. Welche Straßen hatten identische Buchstaben? Aachener, Neusser, Nesselrode, Statthalterhofallee, Klapperhof. Das brachte nichts, sie war umzingelt von Straßen mit identischen Buchstaben.

«… keep their headz ringing …»

Sie wühlte im Seitenfach nach dem Stadtatlas und schaffte es, die Aufmerksamkeit der jungen Frau zu erregen.

«Hier, zeigen Sie mir die Straße. Zeigen Sie mir, wo Sie hinwollen.» Wozu hatte sie sechstausend Straßen im Kopf? Die Orientierung im Stadtatlas war leicht. Erst kamen die Seitenzahlen (mit Zahlen konnte sie), dann die markanten Punkte wie Parks, Brücken, Tiefgaragen, Kirchen, Postämter, grau unterlegte Häuserblocks, an denen die Straßen hingen wie Tang. Also nicht anders wie beim Blick in den Nachthimmel, vom Bekannten zum Unbekannten, über Virgo zum Haar der Berenike. Auch Sternbilder galten ja nicht überall, sondern nur auf der Erde.

Aber die Frau zuckte nur gleichgültig die Schultern. Eine, die auch taubstumm jeden Modeladen betreten, sich mit einem Nicken alles zeigen lassen konnte, ohne dass irgendwer die Chance hatte, sie zuzulabern, sondern abwarten musste, wie sie entschied.

Venus war nicht länger Abendstern.

Gerade als Chris sich wieder umdrehen wollte, spürte sie hinter ihrem Rücken die Aura eines fremden Parfums wie eine Berührung. Die junge Frau hatte sich nach vorn gebeugt und hielt ihr etwas hin, das aussah wie ein Stapel Werbeflyer oder Autogrammkarten. Das kam vor, besonders zu Messezeiten. Ob Chris die Dinger später an den Mann brachte, entschied das Trinkgeld. Sie streckte die Hand danach aus, doch die junge Frau drehte die Karten um und zeigte mit einem roten, extrem kurzen Fingernagel auf eine Kolonne von Zahlen, die später in Buchstaben übergingen, die Chris nicht lesen konnte.

Sie musste jetzt etwas sagen, auch wenn die Frau sie nicht verstand.

«… keep their headz ringing …»

«Okay, aber linksrheinisch oder rechtsrheinisch, das wissen Sie doch, oder?», fragte sie und deutete mit den Händen eine Brücke an. «Andere Seite …? Bridge …? River …?»

Die Frau schüttelte den Kopf. Chris legte die Karten auf die Ablage über dem Handschuhfach.

O Mann, wo sollte das enden?

«… keep their motherfuckin headz ringin …»

«Gut, dann … Aber sagen Sie Bescheid, wenn ich abbiegen muss, okay?»

Dröhnend reihte sich das Taxi in den Verkehr ein. Chris schwamm mit, Richtung Messekreisel, das war nie verkehrt, und auf diese Weise hatte sie wenigstens etwas Zeit gewonnen. Aber es musste etwas geschehen, denn es war kaum anzunehmen, dass die junge Frau begriffen hatte, was sie meinte, geschweige denn den Weg wusste. Die junge Frau sah reglos aus dem Fenster, allein in ihrer Stille.

Dann steckten sie im Stau. Eine endlose Schlange bis zum Rhein hinunter, mit Baby an Bord, Phantasialand-Aufklebern, Grinsekatzen, das volle Programm.

«An alle Fahrzeuge: Folgende Straßen und Ortsteile sind nach wie vor gesperrt: Altstadt mit Rheinufertunnel und Rheinuferstraße bis Rodenkirchen …»

Chris blickte geradeaus in den Spiegel und in das bernsteinfarbene Gesicht der jungen Frau, dessen Ebenmaß, umrahmt von einem hohen, präzisen Pony, beinahe wehtat.

«… Poll, Kasselberg, BAB-Abfahrt Wiesdorf, BAB-Abfahrt Rheindorf …»

Eine Schönheit, eins mit der Stille und auch nur dort möglich. Sie musste sich eben nicht jeden Mist anhören, das merkte man gleich.

«… von 6–38: auch die Schönhauser?»

«Hab ich doch gesagt. Schönhauser frei bis Antonius.»

Chris ließ den Wagen einige Meter vorrollen und musterte nach einem Blick auf die Temperaturanzeige wieder das Gesicht dieser Frau. Biss sich auf die Lippen, als sie unter dem roten Pulli und den Ausläufern tiefdunkler Haare diese großen, sinnlichen, wundervollen Titten sah, die sie in ähnlicher Gestalt, bei Yve etwa, immer als ziemlich ordinär empfunden hatte. Aber die Schweigsamkeit der jungen Frau veränderte alles. Und ihre Titten gaben auch nicht so an, sondern waren einfach nur da. Wie ja überhaupt schöne Sachen nie laut waren. Sie beobachtete den Temperaturzeiger, der sich stetig dem roten Bereich näherte. Wenn sie hier noch länger standen, fing der Motor an, Kühlmittel herauszudrücken.

Vielleicht war das die Lösung. Einfach warten, bis der Kühler kochte, dann wegen Motorschaden die Fahrt abgeben. Gut möglich auch, dass sie dann endlich einen besseren Wagen bekam. Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Wahrscheinlich erhöhte sich durch so eine Sache nur die Einlage auf ihrem Sündenkonto. Sah außerdem blöd aus. Und tausend Leute, die an ihr vorbeifuhren und sie anstarrten, hätte sie an diesem Tag nicht ertragen.

Die Ampel war noch nicht einmal ganz gelb, da trat Chris aufs Gas, zog vorbei an Phantasialand und grinsenden Katzengesichtern, dann über den schraffierten Bereich auf die Busspur. Endlich. Kühle Luft, Wasserluft vom Fluss drang bis tief in das verrußte Herz des Motors, und jetzt rauschten sie nur so dahin. Gewiegt von den abgenutzten Stoßdämpfern, die Hand mit dem Skorpion-Tattoo tätschelnd locker am Steuer, glitt sie im vierten Gang an der Schlange vorbei und streichelte jede Kurve. Bis sie zwei Kreuzungen weiter, etwa in Höhe dieses neuen Skateboardladens, von einer heftig rüttelnden Kopfstütze geweckt wurde.

«Hgnnnnn hgnnnnn hgnnnnn!»

«He, was soll das …»

«Hgnnnnn!»

Im nächsten Moment riss es den Wagen nach rechts, ohne dass Chris das Vorschnellen einer feingliedrigen Hand aufgefallen wäre. Sie sah nicht einmal den schweren roten Schatten dicht hinter ihrer rechten Schläfe, obwohl sie diesen wundervollen Titten in ihrem ganzen Leben niemals mehr so nahe kommen würde. Aber sie konnte eben ihre Augen nicht überall haben.

«Verdammt, was …»

O nein, nicht schon wieder ein Crash. Ihre Prämie für unfallfreies Fahren hatte sie schon verloren. Chris stieg mit aller Gewalt auf die Bremse, und irgendetwas am Fahrwerk ächzte erbebend wie unter dem Griff der Schrottpresse. Immerhin kam sie zum Stehen, eine Handbreit vor der Metalliclackierung eines vorschriftswidrig parkenden Audi.

Das war knapp. Es stimmte übrigens, was der Coyote gesagt hatte. Der Wagen zog bei Vollbremsung tatsächlich extrem nach links. Ihr Glück.

Chris fuhr auf ihrem Sitz herum. «Hören Sie mal, Sie sind wohl verrückt? Sie greifen hier nicht ins Steuer, ist das klar? Egal, was ist, Sie behalten Ihre Hände bei sich!»

«Hgnnnn hgnnnn hgnnnnn.»

«Ist das klar? Oder Sie gehen zu Fuß! Scheiße, verdammt. Wegen Ihnen hätte ich fast einen Unfall gebaut.»

Sie gab wieder Gas.

Ihre wundervollen, stillen Titten.

«Hgnnnn hgnnnn hgnnnnn.»

«Ja ja, schon verstanden. Aber das kann man auch anders sagen, oder?»

«Hgnnnn hgnnnn.»

«Verdammt, ich weiß, dass wir falsch sind! Aber ich kann hier nicht wenden, das hier ist eine Einbahnstraße.»

«Hgnnnn hgnnnn.»

«Ein. Bahn. Straße. One way, understand? No go, Scheiße.»

«Hgnnnn hgnnnn.»

Abermals bremste sie hart.

«Gut, Sie wollen aussteigen? Steigen Sie aus, hauen Sie ab. Nehmen Sie Ihren Geigenkasten und hauen Sie ab.»

Sie blickte voller Wut in den Innenspiegel, wartete auf eine Antwort. Die junge Frau hatte die Arme unter ihren wundervollen Titten verschränkt und blickte mit glänzenden Augen starr geradeaus. Ihre Unterlippe zitterte.

«Na was ist, hat es Ihnen die Sprache verschlagen?»

Dann kurbelte sie die Seitenscheibe herunter und trommelte mit der flachen Hand von außen gegen die Tür. Doch als sie abermals in den Spiegel sah, sagte sie nur: «Auch das noch.» Und wühlte im Handschuhfach nach dem Päckchen Papiertaschentücher, die man jedes Mal in der Apotheke dazubekam, wenn man diese Tabletten kaufte.

Und alle diese winzig kleinen, goldenen Sonnenstrahlen – Wellen, denn Quanten mochte sie nicht, schon das Wort klang bescheuert –, die sich vor acht Minuten, also etwa zu dem Zeitpunkt, an dem die junge Frau in Chris’ Wagen gestiegen war, auf ihre 150.000.000 Kilometer lange Reise gemacht hatten, zusammen mit ihren Ionen, Alpha-Teilchen und Elektronen, um sich hier in Tränen zu brechen, die so hell waren, dass Chris sich fragte, ob sie auf ihren stillen Titten eher nach Salz schmeckten oder nach Sonne. Auch so eine kosmische Ungerechtigkeit: Manche Frauen sahen beim Heulen schön aus, andere sahen einfach nur so aus, wie es ihnen ging: schlecht.

«Keine Angst, ich will Sie nicht entführen, okay?»

Sie hätte sowieso nicht schreien können.

«… aber ich kann hier nicht stehen bleiben.»

Oder konnten Taubstumme schreien?

«… the motherfucking D-R-E will keep their motherfuckin’ heads ringin.»

Bei der nächsten Gelegenheit hielt sie an und sprang aus dem Wagen. (Den Zündschlüssel zog sie ab, denn wer wusste, auf was für Ideen diese Verrückte noch kam?) Und dem dauerhupenden 5er-BMW, der die ganze Zeit so dicht auf den Geigenkasten aufgefahren war, jetzt aber nicht weiterkam, rief sie zu: «Lauter! Sie kann dich nicht hören, Blödmann. Sie kann dich nicht hören!»

Fluchend, den Zettel in der Hand, lief sie quer über die Straße auf den Halteplatz zu, wo ein einzelnes Taxi stand, glücklicherweise nicht von KaRo. Sie klopfte an die getönte Scheibe, und surrend kam das Gesicht des Kölschen Klüngel zum Vorschein, die Vollversion, komplett mit Handy- und Kaffeetassenhalter, Bild-Zeitung und Meteorismusverdacht. Der Mann kaute sie durch ein krümelndes Brötchen an.

«Hör mal, ich habe da eine Ausländerin im Wagen», begann Chris. «Die hat mir hier was aufgeschrieben. Kannst du was damit anfangen?» Sie reichte ihm den Zettel.

«Wieso, was ist denn daran unklar?», erwiderte er krümelspeiend nach kurzem Blick. Und setzte hinzu: «Mädchen, da hast du dich aber verfranst.»

«Ich weiß, aber darum geht es jetzt nicht, ich …»

«Bei euch lassen sie am Wochenende wohl auch jeden fahren, was?»

«Nein, pass auf, ich will nur …»

«Und jetzt weißt du nicht, wo das ist? Tja, schlecht.»

«Nein, ich …»

«Es ist doch immer dasselbe.»

«Nein, die Sache ist die, ich …»

«Sei froh, dass dein Fahrgast noch nicht ausgestiegen ist.»

«Mann, hör mir doch mal zu …»

«Große Schnauze habt ihr, aber dann …»

«Mensch, ich will doch nur wissen, was hier steht. Wenn ich weiß, was da steht, weiß ich auch, wo es ist.»

«Wie soll denn das gehen? Kannst du nicht lesen?»

«Ich kann zählen, reicht das?»

Das schmutzige Weiß seiner Augen inmitten von so viel gedunsenem Rot. Dummheit war magnetisch, nahm ein Leben lang zu.

«Mann, sag mir bloß, was da steht. Mehr will ich doch nicht, verdammt.»

«Aber nicht in diesem Ton, Mädchen, nicht in dem Ton.»

«Dann eben nicht. Vielen Dank auch.» Sie riss ihm den Zettel aus der Hand und lief zurück über die vierspurige Straße, wobei sie sich vor einem heranbrausenden Lieferwagen nur knapp auf den Mittelstreifen retten konnte.

«Leck mich.»

Dann diese Stimme von hinten. Der Kerl vom Halteplatz hing halb aus dem Fenster und schrie ihr durch den tosenden Verkehr etwas zu. Sein rotes Kürbisgesicht schien beinahe zu platzen.

«Was?»

«Neue Langgasse.»

«Leck mich!»

«Neue Langgasse! Das ist hinter der Oper!»

Chris hob die Hand zum Zeichen, dass sie verstanden hatte. Ein Wort mit vielen identischen Buchstaben.

«Leck mich!»

Als Chris zu ihrem Fahrzeug zurückkam, saß die junge Frau nicht mehr hinten, sondern vorne auf dem Beifahrersitz und klappte, als Chris einstieg, ihre Puderdose mit einer Entschlossenheit zu, die Chris anrührender fand als ihre wundervollen Titten. Nicht einmal zwei Minuten später standen sie wieder in ihrem alten Stau.

«Geht’s wieder?», fragte Chris, obwohl die junge Frau nur reglos geradeaus starrte.

Sie kann dich nicht hören, Blödi.

«I can never be your woman …»

Erst als sich Chris eine Zigarette aus der Packung klopfte und diese anschließend auch der jungen Frau hinhielt, wandte sie den Kopf. Zu Chris’ Überraschung nahm sie die Zigarette an, nur der flackernden Spritflamme des Zippo und dem blauen Skorpion misstraute sie offenbar, denn sie hielt Chris’ Hand vorsichtig auf Abstand, indem sie mit beiden Händen eine Art Dreieck bildete.

Chris probierte daraufhin ein Lächeln und suchte den Blick der jungen Frau, drang aber nicht durch die gesenkten Wimpern. Sie versuchte, sich eine Stille vorzustellen, in der sich sogar Blicke verloren, und ihr fiel nur der Weltraum ein. Nachts, wenn sie auf dem Dach saß, auf ihrer aus zusammengeschraubten Euro-Paletten improvisierten Dachterrasse, wenn sie in den schwarzen Himmel schaute und mit dem Walkman diese Kassetten vom Planetarium hörte, mit der Space-Musik zwischendurch, bei der man durch endlose leere Räume driftete und meinte, die Stille anfassen zu können wie zerbrechliche Planetoiden. Manchmal waren diese Nächte auf dem Dach, Nächte wie hinter immensen schwarzen Wimpern, ihr einziger Trost.

«I can never be your woman …»

«Tut mir Leid wegen eben», sagte sie. «Sie können nichts dafür.»

Die junge Frau stieß den Rauch aus den feinen Nüstern, lehnte sich in ihrem Sitz zurück und besah sich die Zigarette, die Chris ihr gegeben hatte. Sie hatte so weiches Haar. Weiter hinten, in der lang gezogenen Kurve vor der Brückenrampe, hatten Blaulichter zwei ganze Fahrspuren dichtgemacht. Chris warf einen Blick auf das Display mit dem Fahrpreis und seufzte. Die Tour war schon jetzt deutlich teurer, als sie hätte sein müssen.

«I can never be your woman …»

«Auf jeden Fall sind wir diesmal richtig», sagte sie und wies mit dem Kopf in Richtung Messekomplex, hinter dem jetzt die beiden Domspitzen auftauchten.

Die junge Frau drehte ihr das Gesicht gerade in dem Augenblick zu, in dem Chris in den Außenspiegel schaute.

Im Schritttempo fuhren sie an der Unfallstelle vorbei, wo ein grüner Golf, älteres Modell, auf einen gelben Abschleppwagen gezogen wurde wie ein verendendes Tier. Die rechte Seite war regelrecht aufgeschlitzt, Blech hing herab wie Hautfetzen. Dann dieser gequälte, metallische Schrei, als die Winde das Kabel straffte und das Tier seine gebrochenen Vorderläufe gegen den Abtransport stemmte.

Die junge Frau konnte all das nicht hören, aber niemand machte ihr einen Vorwurf daraus. Es war eben so und im Grunde auch nicht so schlimm, dachte Chris. Es gab Nachrichten in Gebärdensprache, Filme mit Untertiteln, und man konnte direkt neben der Autobahn wohnen, ohne durchzudrehen. Alles Vorteile. Aber wenn man nicht schreiben konnte, verlor man seinen Job.

Chris nahm die Autogrammkarten von der Ablage und betrachtete das Bild. Es zeigte eine Art Tanzkapelle zusammen mit mehreren Tänzern und Tänzerinnen in spanischen Kostümen. Chris hatte so etwas schon im Fernsehen gesehen.

«Hey, das sind ja Sie.»

Sogar ganz im Hintergrund war sie unschwer zu erkennen, schlank wie ein Pfeil neben ihrer Bassgeige.

«I can never be your woman …»

«Ich verteile das für Sie, wenn Sie wollen», sagte sie zu der jungen Frau, die nicht reagierte.

Aber wie spielte sie dieses Instrument, wenn sie doch taub war. Vibration? Schwingung? Schall-Wellen? Wie auf diesen House-Partys, auf die Tina sie immer mitgeschleppt hatte und wo sich jedes Mal tief in ihren Eingeweiden etwas Weiches zu bewegen begann, das sie war und zugleich nicht sie, Wellen minus Schall, ein Gefühl, als wäre sie schwanger. Aber was blieb von Musik dann noch übrig? Man musste schon sehr allein sein in der Stille, um so etwas schön zu finden. So allein wie der Mensch im schwarzen Weltraum. Der war am Ende auch froh über ein paar Röntgen- oder Gammastrahlen, die er von fernen Galaxien erhielt.

«Wie gesagt, mach ich gerne …»

«I can never be your woman …»

Aber die junge Frau blieb gänzlich unbeeindruckt. Sie kurbelte die Seitenscheibe einen Spaltbreit herunter und warf die Zigarette hinaus. Von da an sah sie nur noch aus dem Fenster.

So etwas musste man können.

Und diese Scheiß-Billigzigaretten von Strabo. Sahen aus wie Marlboros, waren aber keine. Warum nahm sie sich kein Beispiel und hielt endlich die Schnauze, hatte sie sich nicht genug blamiert?

Der braune Fluss kam in Sicht, noch breiter als sonst, lichtlos ohne die Spiegelung dieses immensen gelblichen Himmels. Chris trieb den grimmigen Diesel die Rampe hoch. Die Brücken waren das Schönste an dieser Stadt. Ein Gefühl, als könne der Wagen fliegen, wenn mitten über dem Strom negative Schwerkräfte auftraten. Aber an diesem Tag waren die Geländer gesäumt von bunten Menschentrauben, was jede Illusion von Freiheit zerstörte. Offiziell ging das Hochwasser zwar zurück, doch der Durchzug eines neuen Regengebiets war angekündigt, und das Prollvolk stand bis auf die Fahrbahn, spritzte mit Dosenbier und sang «Jetzt geht’s lo-hos». Chris schaltete die Scheibenwischer ein und wünschte sich einen Monstertruck, mit dem sie diesen Abschaum von ihrer Brücke schieben konnte.

 

Eilig legte die junge Frau später mehrere Scheine auf die Mittelkonsole und stieg aus, ohne auf das Wechselgeld zu warten. Nachdem sie mit vereinten Kräften den riesigen Geigenkasten aus dem Kofferraum gehievt hatten – die junge Frau mit ihren furchtsamen Händen, Chris mit ihrem Skorpion-Tattoo –, würdigte sie Chris keines Blickes mehr.

Chris faltete die Decke zusammen, schloss den Kofferraum und sah der jungen Frau nach, bis diese unter den Kolonnaden verschwand. Ihr Blick fiel auf das Straßenschild Neue Langgasse, aber sie unternahm gar nicht erst den Versuch, eine Verbindung zwischen Buchstaben und Laut herzustellen. Neue Langgasse, hgnnnnn, hgnnnnn, hgnnnnn. Sie rieb den Handrücken mit dem Skorpion an ihrer Trainingshose und spürte auf einmal diesen sengenden Stich in der Brust, der gut tat nach der Demütigung, weil er etwas Existenzielles war und sie nicht runterzog wie beispielsweise die Tatsache, dass ihr Wagen schon wieder so dreckig war und offenbar auch viel schneller dreckig wurde als alle anderen, Kleinscheiß letztlich, für den sie jedoch bei alledem immer noch Zeit und Energie übrig hatte, Tochter ihrer Mutter. Und da sie hielt, was sie versprach, steckte sie die Autogrammkarten der Taubstummen kurzerhand in den Broschürenhalter hinter dem Beifahrersitz.

Sie hatte keine Lust, sofort an ihren Halteplatz zurückzukehren. Dort lief zurzeit ebenso wenig wie über Funk. Sie kurvte ein bisschen herum, stellte sich dann in einer dunklen Seitenstraße der Fußgängerzone zwischen zwei Müllcontainer und hoffte, dass kein Kollege sie sah. Aber auch hier war die Chance, an eine Fahrt zu kommen, um halb zwei Uhr nachmittags ziemlich gering. Alle Welt war mit Einkaufen beschäftigt und hatte danach garantiert kein Geld mehr fürs Taxi.

Sie zündete sich eine neue Zigarette an und schaute den Menschen zu, die vorn durch den Ausschnitt der Straße liefen. Der Rastaman mit dem Silberschmuck-Stand, umstrudelt von Mädchen in einem Alter, in dem die Unterschiede am größten waren. Die einen mit weiblichen Hüften und heftigen Titten, die anderen mit langen staksigen Beinen und einer ersten Vorstellung von den Kräften des Bösen. Der Luftballon-Mann, der lange Luftballon-Würste in erstaunlicher Geschwindigkeit zu allen möglichen Tieren knautschte, Dackel, Spinnen, Playboy-Häschen. Ein Kodak-Moment: Alle diese Tiere, die an Schnüren über dem Menschengewimmel tanzten, ehemalige Würste, die nun als Tiere endeten und nicht gefragt worden waren, ob sie das auch werden wollten, Dackel, Spinne oder Playboy-Häschen, gefüllt mit Helium, dem zweithäufigsten Element im Universum.

«Spiderman is having you for dinner tonight …»

Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal durch diese Straßen gegangen war, sie wusste nur, es war mit Tina gewesen. Tina war ein manischer Shopper.

«Sind Sie frei?» Der Typ mit dem amorph gelockten Haar steckte seinen Kopf durch die hintere Beifahrertür und stützte sich dabei auf den Aktenkoffer, den er, zugleich mit seinem Regenmantel, auf dem Sitz platzierte, als müsse er jemandem zuvorkommen. Chris nickte.

«Die Lessingstraße, kennen Sie die?»

«Welche? In Rodenkirchen?» Sie startete den Motor.

Es gab Leute, die gerne redeten, und andere, die lieber den Mund hielten. Es gab Leute, die hatten zu tun, und es gab die Handy-Quatscher, Wichtigtuer, Angeber, Lügner. Bei Chris waren alle willkommen, solange sie nicht mit ihr redeten. Oder mit sich selbst. Wie dieser Widerling am Morgen, Schauspieler angeblich (Chris hatte noch nie von ihm gehört), der sich ewig über das Hotel beschwerte, in dem sie ihn untergebracht hatten. Mit «sie» meinte er den Sender. Chris hatte versucht, ihn zu beruhigen, hatte auf die beginnende Möbelmesse verwiesen und darauf, dass man zu Messezeiten schon froh sein konnte, wenn man überhaupt ein Zimmer bekam.

«… his arms are all around me and his tongue in my eyes …»

Aber dann sagte er etwas, das ihr den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gehen sollte. Er sagte: «Ach, schweigen Sie. Schweigen Sie! Fahren Sie! Mehr wird von Ihnen nicht verlangt.»

Viel zu spät fiel ihr auf, dass er nicht mit ihr, sondern mit sich selbst gesprochen hatte. Chris hätte es zwar nie zugegeben, aber solche Typen machten ihr Angst. Sie konnte mit Besoffenen. Sie konnte mit Leuten, die am Fahrtziel plötzlich kein Geld dabeihatten. Sie konnte mit Leuten, die dringend kotzen mussten oder die sich auf diese gönnerhafte Art aufgeilten an der Frage, was so eine hübsche junge Frau in einem Taxi machte. (Was wohl?) Aber schon ein sekundenschneller Blick in den Rückspiegel und in in unerreichbare Fernen verbohrte Augen verriet ihr, dass dies einer von den Typen war, die gefährlich werden konnten. Vielleicht noch nicht hier, vielleicht noch nicht jetzt, aber der Tag würde kommen, wenn sich diese grauen Augen ein Ziel suchten, und dann wollte sie nicht dabei sein.

Der hier mit dem Aktenkoffer hingegen, mit der wollenen, halb geöffneten Krawatte unter einem Pullover, der aussah wie ein Testbild, der hier war nur ein Wichtigtuer. Den Koffer aufgeklackt, das Handy gezückt, hatte er im Nu sein halbes Büro auf der Rückbank verteilt.