Die Tochter der Domina - Hendrik Davids - E-Book

Die Tochter der Domina E-Book

Hendrik Davids

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Beschreibung

Als man der Münsteraner Medizinstudentin Sonja Freudenberg eines Tages mitteilt, daß ihre Mutter Gloria als Domina in einem Sex-Club gearbeitet hat und dort ermordet aufgefunden wurde, bricht ihre heile Welt zusammen, zumal sie feststellen muß, daß sich für eine geheimnisvolle Hinterlassenschaft ihrer Mutter auch Gangster interessieren. In dem Privatdetektiv Ron Blocksdorf findet sie jedoch einen Freund, der auch dann noch zu ihr hält, als Sonja, die sich von der Polizei im Stich gelassen fühlt, sich schließlich zu einem verzweifelten Schritt entschließt, um das Verbrechen aufzuklären ... Ein Hauch von "Pretty Woman" durchweht seinen packenden neuen Münster-Thriller Die Tochter der Domina, in dem sich Davids, wie schon in seinem Roman-Debüt "Der Fluch der �Madonna�", als brillanter und phantasiereicher Erzähler erweist.

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Seitenzahl: 210

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Hendrik Davids

Die Tochter der Domina

Münster-Thriller 2

Handlung und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit wäre rein zufällig. Insbesondere sind auch die unmittelbar von der Romanhandlung betroffenen Betriebe und die Vorgänge um sie reine Erfindung des Autors. Sie haben nichts mit Betrieben zu tun, die tatsächlich existieren oder existierten.

Hendrik Davids

ImPrint eBook, Münster 2012

© 2005 ImPrint Verlag, Mü[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

eISBN 978-3-936536-93-5

Teil I

Erstes Kapitel

»Du bist die beste Mama der Welt!« sagte Sonja und hauchte Gloria einen Kuß auf die Wange. Zwei traumhaft schöne Wochen auf Teneriffa lagen hinter ihnen. Zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren hatten Mutter und Tochter wieder richtig Zeit füreinander gehabt, und verstanden hatten sie sich besser als je zuvor.

Mit einer Spur von Wehmut dachte Sonja an den Urlaub zurück, der nun Vergangenheit war, die Tage am Swimmingpool unter der heißen Sonne des Südens, die langen Abende, an denen man auf der Strandpromenade von Musiklokal zu Musiklokal zog, Nächte, deren heiße Flamencorhythmen sie noch in sich spürte, und herrlich unbeschwerte Tagesausflüge. Zum berühmten Loro-Tierpark etwa, oben im Norden, zu einer einsamen Bucht, in der auf einem Piratenschiff ein fröhliches Gelage stattfand, oder zum Teide, dem riesigen Vulkan, der sich unheimlich und drohend über der Insel erhob, die ihm ihr Dasein verdankte. Und da waren auch Erinnerungen an Tage, an denen das Aufstehen schwerfiel, an denen man das Frühstück im Bett einnahm mit frisch gepreßtem Orangensaft, Toast mit Rührei und gebratenem Speck, Waffeln mit Honig und einer Auswahl tropischer Früchte.

Und schließlich waren da die vielen lustigen und anregenden Gespräche an der Hotelbar gewesen, in einem Kreis interessanter und geistreicher Leute. Da war zum Beispiel Frank, ein Geschäftsmann aus Greven, der Sonja anhimmelte, weil sie mit ihren langen blonden Haaren und der atemberaubend schlanken Figur in dem enganliegenden, glänzendweißen Hosenanzug seinen Vorstellungen von einer Traumfrau entsprach. »Du siehst wie ein Filmstar aus! Dich haben und dann sterben, das wär’s!« hatte er einmal zu vorgerückter Stunde in Champagnerlaune geschwärmt. Und grinsend hinzugefügt: »Mal im Ernst, ich würde glatt zehntausend Kröten opfern, um mit einer solchen Klassefrau wie dir die Liebesnacht meines Lebens zu verbringen …« Sonja hatte ihn ausgelacht, und Gloria hatte später mit vielsagendem Lächeln bemerkt: »Ja, ja, so sind die Männer.«

Und einmal, an einem der letzten Tage der Reise, war da ein Moment gewesen, wo Gloria sehr ernst wurde. »Wenn du mit dem Studium fertig bist, mein Engel, werde ich dir eine Arztpraxis einrichten, mit allem, was dazugehört«, hatte sie ihrer Tochter eröffnet. »Du bist ein gutes Mädchen und sollst es einmal besser haben als ich. Und für den Fall, daß mir vorher etwas zustößt, habe ich bei unserem Rechtsanwalt – du weißt, Dr. Adamcek – einen Umschlag für dich deponiert. Er enthält Unterlagen, die sehr wertvoll sind – so wertvoll, daß es für mehrere Praxiseinrichtungen reichen würde.« Als Sonja das hörte, war sie ihrer Mutter um den Hals gefallen und hatte ihr einen liebevollen Kuß auf die Wange gedrückt.

Und nun waren sie wieder in Greven gelandet, und es hieß Abschied nehmen. »Ich habe wieder Nachtdienst«, sagte Gloria noch, bevor sich ihre Wege trennten. Sonja wußte nicht viel über die berufliche Tätigkeit ihrer Mutter seit der Scheidung vor etwa fünf Jahren. Das wenige, was Gloria ihr erzählt hatte, lief darauf hinaus, daß sie im südöstlichen Münsterland, eine halbe Autostunde entfernt, als Fachpflegekraft in einer exklusiven Privatklinik für Suchtkranke arbeitete, ein Job, der gut bezahlt wurde, dafür aber mit häufigem Nachtdienst verbunden war sowie mit der Verpflichtung zu strengster Diskretion, denn die Patienten kamen durchweg aus den besseren Kreisen. Sonja war nie dort gewesen, wo ihre Mutter arbeitete. »Laut Klinikleitung sind Besuche am Arbeitsplatz unerwünscht«, hatte Gloria erklärt.

An der großen Drehtür der Eingangshalle sah Sonja ihren Freund Oliver stehen, der gekommen war, um sie vom Flughafen abzuholen. Gloria fuhr mit dem Vorortbus in eine andere Richtung. »Macht’s gut, Kinder«, sagte sie zum Abschied, umarmte ihre Tochter, drückte Oliver mit einem freundlichen Lächeln die Hand und stieg in den Bus. Es waren die letzten Worte, die Sonja von ihrer Mutter hörte.

Regen peitschte gegen die Windschutzscheibe, als sie in Richtung Münster fuhren. Sonja und Oliver wohnten zusammen auf einer Studentenetage im Hansaviertel. Die Wohnung wirkte jetzt kalt und ungemütlich.

Eine halbe Stunde später, als Sonja bereits ihren Koffer ausgepackt hatte und sich in der spärlich eingerichteten Küche einen Kaffee gönnte, war ein Signalton ihres Handys zu hören. »Eine SMS von meiner Mutter!« rief Sonja. »Sie ist in ihrem Appartement eingetroffen, und heute abend geht’s wieder zum Nachtdienst in die Klinik.«

Oliver grinste. »Deine Mutter arbeitet nicht in einer Privatklinik für Suchtkranke. Weiß der Teufel, wo sie arbeitet, die Geschichte von der vornehmen Suchtklinik stimmt jedenfalls nicht. Ich hab’ einen Kumpel, der sich auf dem Gebiet auskennt. Es gibt keine Privatklinik dieser Art im Münsterland.«

Aus finsterer Nacht kehrte mein Bewußtsein zurück. Ich stellte fest, daß ich tief, sehr tief geschlafen hatte. Noch ziemlich benommen, schlug ich die Augen auf.

Eine junge Frau, die mit ihren langen blonden, unter dem grünen Häubchen zu einem Pferdeschwanz zusammengerafften Haaren, ihrem vollen, fraulichen Gesicht, den großen türkisblauen Augen und den weichen sinnlichen, jetzt zu einem mütterlichen Lächeln geöffneten Lippen wie eine gute Fee auf mich wirkte, beugte sich über mich und drückte mir eine Sauerstoffmaske auf die Nase.

»Hallo, Herr Blocksdorf, nun haben Sie ja alles glücklich überstanden«, sagte die gute Fee mit einer angenehmen, beruhigend klingenden Stimme. »Mein Name ist übrigens Sonja Freudenberg. Ich bin Medizinstudentin und arbeite zur Zeit als Praktikantin hier in der Chirurgie.«

»Was ist passiert?« fragte ich verwirrt.

»Das wissen Sie nicht mehr? Sie sind doch so etwas wie der Held des Tages, die Zeitungen haben ganz groß darüber berichtet.«

Langsam kam die Erinnerung wieder. Eine belebte Passage in Bahnhofsnähe. Ich war zufällig vorbeigekommen, als ein gutgekleideter junger Mann mit gepflegtem Äußerem, auf den ersten Blick ein völlig unauffälliger, scheinbar harmloser Passant, einer alten Dame gewaltsam die Handtasche entriß. Kurzerhand hatte ich mich entschlossen, dem Täter nachzusetzen, und es war mir schließlich gelungen, den mit einem Messer bewaffneten Handtaschenräuber, Mitglied einer seit langem von der Polizei gesuchten Bande, im Bahnhofstunnel zu stellen und nach zähem Widerstand zu überwältigen, wobei ich mir eine Stichverletzung an der Schulter einhandelte, die nach Ansicht der Ärzte operativ versorgt werden mußte. Und nun war ich also hier in der alten chirurgischen Klinik soeben aus der Narkose erwacht.

Auf einen Wink der guten Fee kam der Arzt herein und grinste. »Zu Ihrer robusten Natur kann man Ihnen wirklich nur gratulieren«, stellte er nach kurzer Untersuchung fest. »So, wie es aussieht, können wir Sie schon in zwei bis drei Tagen nach Hause schicken, vorausgesetzt, der Heilungsprozeß verläuft problemlos. Es ist auch keine weitere Intensivüberwachung angeordnet, Sie kommen gleich auf eine normale Station. Als erstes werde ich Ihnen mal die Arteriennadel herausziehen, sie diente nur der Blutdruckkontrolle, und wie man sieht, ist bei Ihnen alles stabil.«

Er preßte einen Tupfer auf die Einstichstelle am Handgelenk und zog mit einem Ruck die Nadel heraus. »So, Sonja, jetzt fünf Minuten lang die Arterie abdrücken, damit sich der Einstich soweit schließt, daß die Blutung gestillt ist«, sagte er noch und ließ uns allein. Die gute Fee verharrte regungslos neben meinem Bett, leicht über mich gebeugt, und sie hielt die schlanken Finger ihrer schmalen, gepflegten Hand fest auf den Tupfer gepreßt. »Nichts auf der Welt wird mich jetzt dazu bringen, von Ihnen wegzugehen«, versprach sie, »bei mir ist noch keiner verblutet.«

»Sieht ganz danach aus, daß jetzt mein Leben völlig in Ihrer Hand liegt«, stellte ich grinsend fest.

»Bei mir ist es ja auch in guten Händen«, versicherte sie mir, und da war wieder dieses liebevolle Lächeln.

»Schade, daß es nur fünf Minuten sind«, flachste ich. »Eigentlich könnte ich es fünfhundert Jahre so aushalten.«

»Geht nicht«, wehrte sie ab, »andere Patienten brauchen mich auch noch, und ich denke, Ihre Klienten brauchen Sie genauso. Was macht eigentlich so’n Privatdetektiv den ganzen Tag, wenn er nicht in der Klinik liegt?«

»Er beschattet zum Beispiel Ehepartner, um Beweise für ihre Untreue zu finden.«

Sie lachte. »Gut, daß ich solche Probleme nicht habe! Was meine privaten Lebensverhältnisse betrifft, so ist die Welt noch völlig in Ordnung. Mein Freund – naja, eigentlich schon mein Verlobter – würde es gar nicht wagen, mir untreu zu sein …« Sie sah auf die Uhr, nahm den Tupfer von meinem Handgelenk und drückte ein Pflaster auf die Einstichstelle. »Aber ich merke mir trotzdem mal Ihren Namen, man kann ja nie wissen, was kommt.«

Bildfetzen aus dem Hollywood-Klassiker ›Moulin Rouge‹, einem Streifen über das Leben und Sterben des Malers Henri de Toulouse-Lautrec, gingen Kommissar Altenburg durch den Kopf, als er seinen Einsatzort ansteuerte, eine Institution mit dem Namen ›Die Goldene Mühle‹.

Altenburg kannte die Gegend recht gut, es war eine Landschaft, die vor allem an Sommerwochenenden nicht wenige Münsteraner zu Spaziergängen und Familienausflügen anlockte oder zum Picknick mit Kind und Kegel. Die Straße führte in einer Kurve über eine sanfte Bodenerhebung hinweg und senkte sich leicht abwärts, man hatte einen herrlichen Blick über die Davert und das Venner Moor, über dem noch Frühnebel hing. Aber der Mann hinter dem Lenkrad hatte an diesem Samstagmorgen keinen Sinn für die Schönheit der Umgebung. »Warum muß sowas ausgerechnet während meiner Wochenendbereitschaft passieren!« fluchte der bärbeißige, etwa fünfzigjährige Kommissar und unterdrückte ein Gähnen.

Von seinem Mitarbeiter, der ihn durch einen Anruf aus dem Bett geholt hatte, war er mit einer genauen Anfahrtsbeschreibung versehen worden. Noch ca. zwei Kilometer, dann würde vor ihm die Kreuzung auftauchen, an der er abbiegen mußte. Richtig, da war sie. An der Kreuzung befand sich eine alte Landgaststätte, der ›Kreuzkrug‹. Vor dem Eingang stand eine Ritterrüstung in Lebensgröße. Das Schwert des Recken zeigte auf eine hölzerne Tafel, auf der sich die Speisekarte befand.

Nach etwa einem halben Kilometer führte die Seitenstraße an einer alten Fabrik vorbei. Weiß der Teufel, was dort einmal hergestellt wurde, dachte Altenburg. Blinde Fensterscheiben mit schwarzen Löchern grinsten ihn gespenstisch an. Neben dem Fabrikgelände zweigte ein asphaltierter Weg ab, der in den Wald hineinführte. Wie einem Hinweisschild zu entnehmen war, handelte es sich um die Zufahrt zur ›Goldenen Mühle‹.

Der Wagen holperte über eine Brücke und wich einem Reh aus, das verstört das Weite suchte. Nach einigen hundert Metern tauchten im diffusen Licht des wolkenverhangenen Morgens die roten Fachwerkgiebel eines alten ländlichen Anwesens auf – wie es schien, eine liebevoll restaurierte ehemalige Wassermühle mit riesigem Dach, einem Mühlteich und einigen Nebengebäuden, idyllisch in einer kleinen Senke gelegen. Aber Altenburg wußte, daß der friedliche Eindruck täuschte. Auf dem Parkplatz etwa fünfzig Meter vom Eingang entfernt stand der Streifenwagen der beiden Kollegen, die als erste am Tatort gewesen waren. Daneben der Kastenwagen der Experten von der Spurensicherung.

Am Eingang des niedrigen Gebäudes empfing ihn neben dem Klingelknopf ein Schild mit einem vergoldeten Mühlrad, dem Wahrzeichen des Unternehmens, mit den Worten: »Willkommen in der Goldenen Mühle«. Das Innere des Domizils, dessen Restaurierung und Umbau sicherlich mehr als eine Million gekostet hatte, war dezent mit Antiquitäten und Kunstgegenständen ausgestattet. Der geräumige Flur wurde von einer raffiniert angebrachten indirekten Beleuchtung schwach erhellt, es war ein angenehmes, orangefarbenes Licht. Altenburgs Blick fiel auf eine Art Empfangstresen, der, wie aus ein paar davorstehenden Barhockern zu schließen war, auch als Bartheke benutzt werden konnte. Er war jetzt unbesetzt. Weiter hinten, neben dem Durchgang zum Treppenhaus, stand in einer Ecke die lebensgroße Nachbildung einer römischen Venusstatue. Über den Türen zu den Räumen hingen Schilder mit den Namen antiker Kultstätten. Die gediegen eingerichteten Schlafzimmer und die luxuriösen Badezimmer verliehen dem Ganzen eine gewisse Ähnlichkeit mit einer vornehmen Pension, einer Fünf-Sterne-Herberge.

Altenburgs Assistent Kalli Klostermann war schon vor Ort. »Sie liegt im Studio«, sagte er anstatt einer Begrüßung.

»Wer hat sie gefunden?« fragte der Kommissar.

»Ihre Chefin Madame Claudine, die Geschäftsführerin des Unternehmens. Sie ist morgens immer als erste hier, und heute kam sie besonders früh, um mit der Abrechnung rechtzeitig fertig zu werden. Bei der üblichen Inspektion der Räume sah sie dann den ganzen Schlamassel. Die Frau hat einen Schock erlitten.«

Sie betraten das Studio. Es war der größte Raum der umgebauten Mühle, vermutlich war dort früher einmal das Mahlwerk gewesen und das Lager wohl auch. Der Architekt hatte daraus eine Räumlichkeit geschaffen, die in jeder Hinsicht die architektonischen Qualitäten eines ausgesprochen großzügig konzipierten Wohnzimmers besaß. Ein Hauch von Luxussuite, Arztpraxis und Folterkammer schlug ihnen entgegen.

Die Ermordete lag auf dem Bett, das die Ausmaße einer Tanzfläche hatte. Man sah noch jetzt, daß Gloria Freudenberg eine außergewöhnlich gutaussehende Frau gewesen war, trotz ihrer vierzig Jahre. Lange rötlichblonde Haare, ein voller, sinnlicher Mund und eine Figur, die keine Wünsche offen ließ.

»Blutspuren im Raum deuten darauf hin, daß ein Kampf stattgefunden hat, in dessen Verlauf sie dann vom Täter erstochen wurde«, informierte Klostermann den Kommissar. »Vermutlich wurde sie erst danach auf das Bett gelegt, vielleicht sollte es auf den ersten Blick so aussehen, als ob sie nur eingeschlafen wäre. Nach den Feststellungen des Arztes trat der Tod gegen Mitternacht ein, vielleicht eine Stunde früher, vielleicht eine Stunde später, mehr nicht. Zum Geschlechtsverkehr scheint es bei dem für sie tödlichen Treffen nicht gekommen zu sein, aber das werden die Gerichtsmediziner endgültig klären. Auch ein Raubmord scheidet aus, wir fanden im Studio die Handtasche mit dem Geld der Ermordeten. Und die zum Teil recht wertvollen Einrichtungsgegenstände, mit denen die Räume hier ausstaffiert sind, scheinen den Täter ebenfalls nicht interessiert zu haben.«

»Ist ihre Chefin schon vernehmungsfähig?« fragte Altenburg.

»Ja, sie besteht sogar ausdrücklich darauf, voll vernehmungsfähig zu sein.«

Zehn Minuten später saß Altenburg in dem kleinen Büro des Clubs einer etwa fünfundvierzigjährigen Dame mit Dauerwelle und imposantem Dekolleté gegenüber. Unter ihrer etwas zu stark aufgetragenen Schminke wirkte sie sehr blaß.

»Sie sind Frau Claudine Runold, geboren am 12. September 1959 in Düsseldorf-Unterrath und seit fünf Jahren hier die Geschäftsführerin?« eröffnete der Kommissar das Gespräch und blätterte in den Notizen, die sein Mitarbeiter ihm in die Hand gedrückt hatte.

Die Frau nickte. »So ist es. Geschäftsführerin bin ich schon seit fünf Jahren, seit der Gründung des Clubs.«

»Wer ist der Eigentümer des Unternehmens?«

»Mr. Herzog – ein Geschäftsmann namens Herzog, in unseren Kreisen als ›Mr. Herzog‹ bekannt.«

Nach einigen einleitenden Fragen kam Kommissar Altenburg zum Kern der Sache. »Nach unseren Informationen schloß der Club gestern wie immer um 23 Uhr, und es befand sich niemand mehr im Gebäude, als Sie gegen 23.10 zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen, die Spätdienst gehabt hatten, in einem Taxi die ›Goldene Mühle‹ verließen. Der Mord wurde nach unseren Erkenntnissen gegen Mitternacht im Studio verübt. Wie ist es zu erklären, daß Frau Freudenberg sich zu diesem Zeitpunkt außerhalb der Öffnungszeiten mit jemandem … dem Täter … im Studio aufhielt?«

»Gloria hatte eine Vertrauensstellung. Sie besaß einen Schlüssel, und ihr Vertrag räumte ihr das Recht ein, für Treffen nach Vereinbarung auch außerhalb der Öffnungszeiten das Studio zu benutzen. Es handelte sich in solchen Fällen meistens um gutbetuchte oder bevorzugte Gäste. Ihnen stand Gloria auch für kurzfristig vereinbarte Treffen außerhalb der Öffnungszeiten zur Verfügung. Solche Treffen sind dann in der Regel nicht im Terminkalender dokumentiert. Auch auf einen Termin in der Mordnacht findet sich dort kein Hinweis. Ihre Mitarbeiter haben das Buch ja bereits sichergestellt.«

»Haben Sie eine Ahnung, wer als Täter in Frage kommen könnte? Fiel Ihnen in der letzten Zeit irgendeine Veränderung an Frau Freudenberg auf? Hatte sie irgendwelche persönlichen Feinde, fühlte sie sich bedroht? Gab es Streit mit Gästen?«

»Nichts von alledem. Soweit ich es überschauen kann, war Gloria bei allen beliebt.«

»Fällt Ihnen wirklich nichts ein, was uns bei der Suche nach dem Mörder vielleicht weiterhelfen könnte?«

»Doch.« Die Geschäftsführerin schien sich ihrer Sache sehr sicher zu sein. »Als ich die grausige Entdeckung machte, fiel mir die Flasche Amaretto auf, die am Bett steht. Gloria muß den Amaretto vor ihrer Ermordung ins Studio geholt haben. Sie trank den nur mit guten Bekannten oder besonders bevorzugten Gästen. Ihr halbvolles Glas steht ja auch noch da, der Täter hat das von ihm benutzte Glas wohl verschwinden lassen, damit ihn die Fingerabdrücke und Speichelspuren nicht verraten, es scheint jedenfalls ein Glas zu fehlen.«

»Mit Ihrer Beobachtungsgabe hätten Sie Aussichten gehabt, es in meinem Job ziemlich weit zu bringen«, grinste Kommissar Altenburg. »Können Sie mir auch sagen, ob es einen bevorzugten Gast gab, der mit Frau Freudenberg regelmäßig solche Treffen außerhalb der Öffnungszeiten hatte oder sich gelegentlich schon mal nach 23 Uhr in einer Nacht von Freitag auf Samstag mit ihr getroffen hat?«

»Davon weiß ich nichts.« Die Geschäftsführerin schüttelte den Kopf.

»Ich brauche eine Liste aller Stammgäste der Frau Freudenberg«, erklärte Altenburg, »und dazu eine möglichst vollständige Zusammenstellung ihrer bevorzugten Gäste, eine Liste ihrer Freunde, soweit man von ihnen weiß, und eine Liste aller Personen, die, soweit bekannt, mit ihr gelegentlich auch außerhalb der Öffnungszeiten im Studio zusammen waren oder für ein solches Treffen in Frage gekommen wären. Mein Assistent Klostermann wird mit Ihnen und den Kolleginnen der Ermordeten das Terminbuch durchgehen. Es ist dabei auch darauf zu achten, in welchen zeitlichen Abständen ein Stammgast Frau Freudenberg aufsuchte, ob er an bestimmten Wochentagen kam, ob die Damen sich an irgendwelche Auseinandersetzungen mit ihm erinnern. Jede Kleinigkeit ist wichtig. Ich hörte, daß einige der Damen bereits im Hause anwesend sind. Darf ich Sie bitten, mich nun zu ihnen zu bringen?«

»Die Mädchen sind in der Küche, sie dient nämlich als Aufenthaltsraum für unsere Mitarbeiterinnen«, erklärte Madame Claudine und führte den Kommissar über den Flur.

Altenburg mußte ein paarmal schlucken, als sie den Raum betraten, dessen Gestaltung als großzügige Landhausküche die Hand eines erfahrenen Architekten verriet. Die gediegene rustikale Ausstattung und die Einbauten aus hochwertiger Eiche wären für jemanden mit dem Gehalt eines Kriminalkommissars unerschwinglich gewesen.

Auch das personelle Angebot entsprach dem exklusiven Erscheinungsbild des Clubs. Im trüben Licht, das durch die kleinen Fenster hereinfiel, sah Altenburg an dem langen eichenen Küchentisch ein halbes Dutzend Mädchen sitzen, allesamt bildhübsch, wie er sich eingestehen mußte, und fast alle sahen ihn aus verweinten Augen an. Altenburg wußte aufgrund früherer Tätigkeit beim Sittendezernat, daß die Mädchen, die in solchen renommierten Sexclubs wie der ›Goldenen Mühle‹ arbeiteten, nur wenig gemeinsam hatten mit ihren Standesgenossinnen, die draußen im Industrieviertel hinter der Halle Münsterland am Straßenrand standen. Er wußte auch, daß in dieser, unserer Zeit mit ihren ständig auf neue Rekordhöhen kletternden Arbeitslosenzahlen zunehmend auch schon ganz normale junge Frauen, die gut aussahen, modern eingestellt waren und vielleicht auch ein bißchen abenteuerlustig, in der Arbeit in Sexclubs wie diesem – geschützt durch ein Kondom – ihre einzige berufliche Perspektive sahen, die einzige realistische Alternative zu lebenslanger Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit vom Sozialamt oder zu einem Leben zwischen Arbeitslosenunterstützung und schlechtbezahlten Übergangsjobs. Und er wußte, daß von allen Damen des horizontalen Gewerbes die Mädchen, die in solchen renommierten Einrichtungen wie der ›Goldenen Mühle‹ tätig waren, noch am ehesten die Chance hatten, ins normale bürgerliche Leben zurückzukehren, nicht selten mit Hilfe eines gutbetuchten Mannes, den sie bei ihrer Arbeit kennengelernt hatten und den eine solche Vergangenheit bei einer Frau nicht störte, und manchmal wurden sogar gute Ehefrauen aus ihnen – na ja, mehr oder weniger gute.

All das ging Kommissar Altenburg durch den Kopf, als er an den Tisch trat und ihm die Mädchen der Reihe nach vorgestellt wurden. Eine von ihnen schien besonders heftig geweint zu haben, eine zierliche Blondine mit Pferdeschwanz und hagerem, aber nicht unattraktivem Gesicht. Sie hielt ihr Taschentuch in der Hand, und ihr Make-up war völlig verlaufen.

»Es sieht so aus, als ob Ihnen die Ermordete besonders nahegestanden hat«, wandte sich Altenburg an die junge Frau. »Noch einmal Ihren Namen, bitte.«

»Ich bin Leila … Leila Brinks.«

»Waren Sie ihre besondere Freundin?«

»Ich war ihre Zofe«, antwortete die zierliche Blondine nicht ohne Stolz.

Der Blick des Kommissars wanderte von ihr zur Geschäftsführerin hinüber, Altenburg wußte nicht recht, was er von der Antwort halten sollte. »Die Zofe ist in unserer Branche die Dienerin der Domina«, erklärte Madame Claudine. »Sie hilft ihrer Herrin zum Beispiel beim Anlegen und Verschnüren der Stiefel, und sie ist ihre Mitarbeiterin bei allen Behandlungen im Domina-Studio, bei denen die Hinzuziehung einer Mitarbeiterin erforderlich ist.«

»Gloria war die Domina des Clubs, ich arbeitete oft im Studio mit ihr zusammen – allerdings nur innerhalb der Öffnungszeiten«, ergänzte Leila. »Wissen Sie, es ist eine Ehre, die Zofe einer namhaften Domina sein zu dürfen. Aber wir waren auch die besten Freundinnen, wenn man so will.«

Altenburg entschloß sich, bei der weiteren Vernehmung der Damen mit ihr zu beginnen. »Ich denke, gerade Sie als Freundin werden mir einiges über Gloria Freudenbergs private Lebensumstände erzählen können«, begann er, als ihm Leila in dem kleinen Büroraum des Clubs gegenübersaß. »Gab es da zur Zeit – ganz privat, meine ich – einen Mann in ihrem Leben? Einen Partner?«

»Nein. Ausgeschlossen.« Leila schüttelte heftig den Kopf. »Sie wissen ja, wie das in unserem Beruf ist. Das hält keine Beziehung aus, meinte Gloria. Von Ausnahmen natürlich abgesehen.«

»Gab es sonst eine Person, die ihr nahestand?«

»Nur eine einzige. Ihre Tochter. Ich habe Sonja nie persönlich kennengelernt, aber Gloria sprach sehr viel von ihr. Sie liebte ihre Tochter über alles. ›Ich arbeite hier, damit Sonja es einmal besser hat als ich‹, hörte ich sie oft sagen. Sie wollte ihrer Tochter später mal eine Arztpraxis einrichten. Sonja studiert nämlich Medizin, sie ist jetzt gerade 21 und im dritten oder vierten Semester. Und ich glaube, sie weiß bis jetzt nichts davon, daß Gloria in den letzten Jahren ihr Geld als Domina in einem Sexclub verdiente. Gloria war sehr jung, erst 19, als sie ihre Tochter bekam. Mit 35, nach ihrer Scheidung, fing sie als Domina an. Ein Alter, in dem es für eine normale Tätigkeit in einem Sexclub wie diesem zu spät ist, als Domina aber hat eine Frau auch mit 40 noch Chancen, wenn sie so gut aussieht wie Gloria bis zuletzt.«

Die Ermittlungen in der ›Goldenen Mühle‹ nahmen den ganzen Tag in Anspruch, ohne daß eine heiße Spur sich auch nur andeutete. Als Altenburg gegen Abend den Ort des Geschehens verließ, hatte er das unschöne Gefühl, daß wieder einmal mühsame und zeitraubende Kleinarbeit bevorstand.

Auf dem Weg zum Parkplatz wäre er fast mit einer jungen Frau in Polizeiuniform zusammengestoßen, die auf das Gebäude zueilte. »Hallo! Wohin so stürmisch, Frau Kollegin?« rief der Kommissar und zückte seinen Ausweis. »Altenburg, Kriminalpolizei. In welcher Angelegenheit sind Sie denn hier, wenn die Frage erlaubt ist?«

Die junge Frau lachte, es klang etwas verlegen. »Ach, es ist wegen meiner Dienstkleidung? Bitte nehmen Sie mich nicht fest, Herr Kommissar! Das ist nämlich alles nur Kostümierung. Ich bin Angy aus der ›Mühle‹ und besonders auf Gäste spezialisiert, die auf jungen Frauen in Polizeiuniform stehen.«

Zweites Kapitel

Man merkt, daß man nicht mehr zwanzig ist, sondern schon vierzig, und auch das Rauchen sollte ich besser lassen, es ist nicht gut für meine Kondition, dachte Tatjana, als sie etwas atemlos den vierten Stock, die oberste Etage des angegrauten alten Mietskastens, erreichte. Tief unten rumpelte der Verkehr über den Hansaring. Die rußgeschwärzte Fassade schien seit dem Bau des Hauses keinen Pinsel mehr gesehen zu haben und das Treppenhaus ebensowenig. In den Fünfzigerjahren, in der Wiederaufbauzeit, hatte man solche Kästen wie diesen reihenweise hochgezogen, oft mit Mitteln des sozialen Wohnungsbaus. Die Sozialbindung war wohl längst erloschen, und wegen der lauten Lage am mittleren Tangentensystem, noch dazu unweit der Bahnunterführung, hatte der Hausbesitzer die meisten Wohnungen an Studenten vermietet, in der Regel Pärchen oder Wohngemeinschaften.

Es gab auch im vierten Obergeschoß zwei Wohnungen, eine rechts und eine links, wie auf jeder Etage. Drei Namen standen an der rechten Wohnungstür, an der linken zwei. Der Name, den sie suchte, war darunter.

Eine schlanke junge Frau mit langen blonden Haaren und Jeansfigur öffnete auf ihr Klingeln.

»Mein Name ist Lodde«, stellte Tatjana sich vor und zeigte ihren Ausweis, »Hauptkommissarin Tatjana Lodde, Kriminalpolizei. Sie sind Frau Sonja Freudenberg?«

Die junge Frau wirkte etwas verunsichert. »Ja. Aber sind Sie sicher, daß kein Irrtum vorliegt? Kann mir nicht vorstellen, was Sie zu mir geführt haben könnte. Und die Kriminalpolizei kommt sicher nicht wegen Falschparkens.«

»Nein, natürlich nicht. Obwohl ich wünschte, es wäre wegen Falschparkens«, seufzte Tatjana. »In einem Punkt kann ich Sie allerdings beruhigen: Es liegt nichts gegen Sie vor. Auch nicht gegen Ihren Freund. Aber können wir uns vielleicht setzen, bevor ich zur Sache komme?«

»Ja gut. Aber es ist nicht aufgeräumt.«

Sie führte Tatjana hinein. Es war eine mit einfachen Mitteln, aber liebevoll eingerichtete Drei-Zimmer-Wohnung, die – in Anbetracht der Tatsache, daß es sich um eine Studentenwohnung handelte – relativ ordentlich wirkte, wie Tatjana sofort feststellte. Sonja und ihr Freund Oliver benutzten das kleine Wohnzimmer gemeinsam, ansonsten hatte jeder sein Zimmer. Zur Zeit war Oliver nicht da, er war wegen der Silberhochzeit seiner Eltern für ein paar Tage nach Hause gefahren.

In einer Vitrine im Wohnzimmer standen ein paar Fotos. Sonja und ein gutaussehender junger Mann zusammen auf einem Kamel an einem südländischen Strand. Kinderbilder der beiden. Ein Klassenfoto. Und an einem besonderen Platz das Bild einer Frau. Obwohl die Frau auf dem Foto lächelte, war es für Tatjana nicht schwer, das Gesicht wiederzuerkennen. Sie hatte das Gesicht bereits gesehen. Auf den Tatortfotos in der Akte, die ihr Mitarbeiter Altenburg ihr übergeben hatte, als sie nach dem Abbruch ihres verlängerten Wochenendes die Leitung der Ermittlungen zu dem Prostituiertenmord in der ›Goldenen Mühle‹ übernahm.