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Eine unheimliche Untergrundorganisation nimmt Recht und Gesetz in die eigenen Hände, um entlassene oder vermeintliche Straftäter nach eigenem Ermessen abzuurteilen. Als die Münsteraner Gastronomin Mira Lammers von der Staatsanwaltschaft verdächtigt wird, ihren Ex-Freund ermordet zu haben, übernimmt Ron Blocksdorf ihren Fall. Bald schon geraten beide ins Visier der selbsternannten Richter und Henker ...
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Hendrik Davids
Henkersnacht über der Aa
Münster-Thriller 4
Handlung und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit wäre rein zufällig. Insbesondere sind auch die unmittelbar von der Romanhandlung betroffenen Betriebe und Unternehmen sowie die Vorgänge um sie reine Erfindung des Autors. Sie haben nichts mit Betrieben und Unternehmen zu tun, die tatsächlich existieren oder existierten.
Hendrik Davids
ImPrint eBook. Münster 2012
© 2008 ImPrint Verlag, Münster
www.imprint-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-936536-88-1
Teil I
Sie kamen mitten in der Nacht, um mich abzuholen. Es war wie in einem billigen Krimi. Ihre Tat war mit teuflischer Perfektion geplant, und sie gingen mit der Präzision von Profis vor. Ich hatte gegenüber meinen Entführern nicht den Hauch einer Chance.
Ungefähr eine Stunde nach Mitternacht war es gewesen, und ich befand mich allein in der Wohnung, da meine Lebenspartnerin Sonja zu einer Freundin gefahren war, als zwei schwarz Maskierte mit Stemmeisen die altersschwache Tür unserer Kellerwohnung aufbrachen und mit gezogenen Schußwaffen hereinstürmten, bevor ich es verhindern konnte, denn ich war im Schlaf überrascht worden. Diese verdammte Tür! war mein erster Gedanke. Wie oft hatte ich Herrn Geyermann, der nun mal unser Hauswirt ist, bearbeitet, um ihn davon zu überzeugen, daß Menschen wie ich heutzutage eine einbruchssichere Eingangstür brauchen. Aber es war, wie man so schön sagt, vergebliche Liebesmüh. Nun ja, es mochte ja sein, daß andere Reparaturen wichtiger waren. Und woher sollte dann das verdammte Geld kommen, um auch noch eine stabilere Tür einzubauen? Nun, wie auch immer, von einem armen schriftstellernden Privatdetektiv, der kaum die Miete aufbringen konnte, jedenfalls nicht.
»Los! Steig in deine Klamotten! Wird’s bald?« herrschte mich eine der beiden gänzlich schwarz gekleideten und vermummten Gestalten an. »Und versuch bloß keine Tricks! Mit Schurken wie dir machen wir nämlich kurzen Prozeß! Stimmt’s?« Das letzte war an seinen Gefährten gerichtet.
Der andere nickte.
»Moment mal!« protestierte ich. »Mit Schurken wie mir? Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«
Ich hatte das verdammte Gefühl, daß der Kerl unter seiner Gesichtsmaske grinste. »Das weißt du nur zu gut! Einer, der so viel auf dem Kerbholz hat wie du!«
»Ich habe gar nichts auf dem Kerbholz!« rief ich, und es war für mich die reine Wahrheit. »Was wollen Sie überhaupt von mir?«
Der Maskierte warf seinem Komplizen einen Blick zu und lachte höhnisch. »Hast du das gehört? Es ist wirklich zum Kichern. Nichts auf dem Kerbholz! Das sagen alle.«
Inzwischen hatte ich mir hastig meine Kleidung übergestreift. »Sie schulden mir immer noch eine Erklärung! Was haben Sie mit mir vor?« setzte ich noch einmal an und knöpfte dabei meinen Kragenknopf zu.
»Wir bringen dich dorthin, wohin Leute wie du gehören.« Wie hingezaubert, hatte der Kerl plötzlich ein Paar Handschellen in der Hand und hielt sie mir unter die Nase. Da mich der andere mit seiner Pistole in Schach hielt, zog ich es vor, keinen Widerstand zu leisten. Die stählerne Acht schnappte um meine Handgelenke.
Sie zogen mir einen schwarzen Sack über den Kopf und zerrten mich in den Hof. Dort zwangen sie mich, in ein Fahrzeug einzusteigen und mich vor der Rückbank auf den Fahrzeugboden zu legen, wo ich mit Stricken festgezurrt wurde. Dann begann die Fahrt.
Nach meiner Schätzung fuhren wir etwa eine Dreiviertelstunde. Es ging, wie mir mein Eindruck sagte, zunächst aus der Stadt hinaus und dann über zweitklassige Landstraßen. Was die zurückgelegte Entfernung anging, so wußte ich, daß ich mit Schätzungen vorsichtig sein mußte, denn es war ja möglich, daß sie Umwege machten oder im Kreis herumfuhren, um mich zu täuschen.
Wir bogen schließlich in einen allem Anschein nach schlecht in Schuß gehaltenen Weg ein, eine Zufahrt offenbar, denn kurz darauf stoppte das Fahrzeug. Meine Entführer befreiten mich aus meiner unbequemen Lage und zerrten mich ein paar Schritte weit zum Eingang eines Gebäudes und in dieses hinein. Hinter mir wurde ein schweres Schiebetor zugerollt. Nachdem es ins Schloß gefallen war, wurde mir unsanft der Sack von meinem Kopf gerissen.
Das Gebäude, in dem ich stand, schien eine Scheune zu sein. Es war nur spärlich erleuchtet. Vor mir befand sich ein Tisch, der auf mich wie eine Art Richtertisch wirkte. Dahinter saßen drei in schwarze Roben gehüllte Männer. Auch sie trugen Masken, so wie die beiden, die mich entführt hatten. Der mittlere der drei schien eine Art Vorsitz zu führen, falls so ein Wort hier angebracht war. Er hatte vor sich ein Mikrofon, das seine Stimme merkwürdig verfremdete.
Obwohl die Situation mehr als beängstigend war, hielt ich es taktisch für das beste, mich selbstsicher zu geben. »Ich glaube, ich spinne!« rief ich. »Wenn nicht laut Kalender die Karnevalssaison schon lange vorbei wäre, könnte man denken, ich stände vor dem berühmten Tennengericht. Ich …«
Der Mann, den ich für den Vorsitzenden hielt, schnitt mir harsch das Wort ab. »Angeklagter, Ihre Unverschämtheiten sind nicht gerade dazu angetan, Ihre Lage zu verbessern!« brüllte er in einem Tonfall, der die schlimmsten Assoziationen weckte und einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. »Was glauben Sie eigentlich, wo Sie hier sind!«
Er machte eine Pause.
»Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht«, sagte ich.
»Sie stehen vor dem Sondergericht für besonders schwere Strafsachen, tagend bei Münster. Unsere Organisation ist der Stoßtrupp des Rechts, die Speerspitze der Gerechtigkeit«, sagte der mittlere der drei schneidend, und auch seine Stimme war durch das Mikrofon grotesk verzerrt. »Mein Name tut nichts zur Sache. Man nennt mich ›Richter Gnadenlos‹. An meiner Seite sitzen meine beiden Beisitzer, Richterkamerad Brummer und Richterkamerad Strößler.«
»Nun gut«, sagte ich »Dann kommen Sie mal zur Sache. Was wird mir vorgeworfen?«
»Das werden Sie gleich erfahren, wenn das Verfahren eröffnet ist und die Anklageschrift verlesen wird.« Richter Gnadenlos sah auf einen Zettel. »Sie sind Herr Jan Brockdorf, ledig und derzeit wohnhaft in Münster?«
»Ich heiße nicht Jan Brockdorf!« protestierte ich. »Mein Name ist Ron Blocksdorf. Mit einem Jan Brockdorf habe ich nichts zu tun!«
»Ja, ja, solche Ausflüchte kennen wir.« Der Mann unter der Maske deutete ein häßliches Lachen an. »Uns können Sie nicht für dumm verkaufen. Es ist uns bekannt, daß Sie unter verschiedenen Decknamen auftreten.«
»Ich trete nicht unter einem Decknamen auf! Ich heiße wirklich Ron Blocksdorf! Es ist mein amtlicher Name.«
»Ach? Tatsächlich? Ja, wenn das so ist ...« Richter Gnadenlos sah auf seinen Zettel. »Schlamperei! Wir werden das gleich ändern. Richterkamerad Strößler, tragen Sie ins Protokoll ein: Der Angeklagte führt nach seinen Angaben den amtlichen Namen Ron Blocksdorf.« Der Beisitzer machte einen Vermerk. Ich wollte erneut Einspruch erheben, kam aber nicht dazu, weil Richter Gnadenlos mich gar nicht erst zu Wort kommen ließ. »Fahren wir also fort«, sagte er, wieder an mich gewandt. »Sie sind, wie ich somit feststelle, Ron Blocksdorf, Schlachtergeselle?«
»Wie bitte?« Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Wenn die Situation nicht so bedrohlich gewesen wäre, hätte ich möglicherweise laut aufgelacht. »Wie sich leicht überprüfen läßt, bin ich als Schriftsteller und Privatdetektiv tätig.«
»Nun ja. Aber Ihr erlernter Beruf ist Schlachtergeselle?«
»Nein!«
»Was haben Sie dann gelernt?«
»Ich habe eine Weile herumstudiert. Ein wenig Publizistik, ein bißchen Literaturwissenschaft, etwas Kriminologie. Ich habe dann versucht, bei der Polizeiakademie zu landen, bestand aber die Aufnahmeprüfung nicht. Und so versuche ich, mich als Krimiautor und Privatdetektiv über Wasser zu halten.«
»Nun gut. Gelernter Schlachtergeselle oder nicht, das wird sich feststellen lassen. Sie sind also Ron Blocksdorf, geboren am 13.11.1970?«
»Moment mal!« rief ich. »Geboren bin ich nicht am 13.11.1970, sondern am 3.2.1973!« Es war wie ein plötzlicher Hoffnungsschimmer.
Richter Gnadenlos stutzte bei meinen Worten. »Was? Nicht am 13. November 1970?« fragte er, jetzt leicht verunsichert. »Aber Sie haben selbstverständlich nichts dabei, um es zu beweisen?«
»In der Tat, meinen Ausweis konnte ich nicht mehr einstecken«, gab ich zu, »weil die beiden Herren mir gar keine Zeit dazu ließen. Doch halt! In meiner Brusttasche müßte mein Führerschein sein.«
»Her damit!« Da mich die Handschellen behinderten, gab er einem seiner Helfershelfer einen Wink. Der griff mir roh in die Brusttasche und förderte tatsächlich das gesuchte Dokument zutage. Richter Gnadenlos warf einen langen Blick darauf. »Nun, jeder weiß, daß Ausweise gefälscht sein können«, meinte er dann. »Wie denken Sie über die Sache, meine Herren?« Die Frage war an die beiden sogenannten Beisitzer gerichtet.
»Ich schließe mich selbstverständlich Ihrer Auffassung an, Euer Ehren«, antwortete der zu seiner Rechten. »Ich sehe übrigens, zum Glück, sogar eine Möglichkeit, uns Gewißheit zu verschaffen. Stand da nicht in den Unterlagen diese Sache mit der Hand?«
»Ja, richtig, die Sache mit der Hand.« Richter Gnadenlos wandte sich wieder mir zu. »Wie aus den uns vorliegenden Personenbeschreibungen hervorgeht, sind seit einem Arbeitsunfall, bei dem einige Sehnen durchtrennt wurden, die beiden äußeren Finger Ihrer linken Hand nur eingeschränkt beweglich.«
»Ich hatte nie einen solchen Arbeitsunfall! Bitte überzeugen Sie sich!«
Ich hielt dem Maskierten meine Hand unter die Nase und demonstrierte die Beweglichkeit meiner Finger. »Eine solche Sache müßte außerdem Narben hinterlassen haben, meinen Sie nicht?«
»Ja, in der Tat ...« Die Wucht meiner Argumente schien bei Mr. Gnadenlos nun tatsächlich Wirkung zu zeigen. »Richterkamerad Brummer«, wandte er sich schneidend an seinen Beisitzer zur Linken, und trotz des durch das Mikrofon verzerrten Klangs seiner Stimme war ein ungläubiger Unterton unverkennbar. »Kann in unseren Unterlagen ein solcher Irrtum hinsichtlich der Angaben zur Person des Angeklagten vorliegen?«
»So gut wie ausgeschlossen.« Der Angeredete schüttelte energisch den Kopf.
Richter Gnadenlos schien auf einmal völlig außer sich zu sein. »Zum Teufel noch mal! Verdammte Schlamperei!« tobte er. »Dann haben wir ja den Falschen erwischt! Das wird für die Verantwortlichen Konsequenzen haben.« Er wandte sich an mich. »Sie haben verdammtes Glück gehabt. Dann werden wir Sie mal kostenlos zurückkutschieren.« Er wandte sich an meine beiden Entführer. »Vergeßt nicht, ihm wieder die Augen zu verbinden. Schafft ihn zurück, wie ihr ihn hergebracht habt.«
»Was, einfach so, als wäre nichts gewesen?« wagte ich, leicht verwundert, zu fragen.
»Ja, so, als wäre nichts gewesen. Nehmen Sie einfach an, es handelte sich um einen makabren Spaß. Gehen Sie davon aus, daß wir mal testen wollten, wie sich ein Krimiautor verhält, wenn er wirklich mal in eine verdammt beängstigende Lage gerät. Stellen Sie sich vor, daß es sich um eine Wette handelte. Verstanden?«
»Okay. Aber wieso soll ich dann mit verbundenen Augen zurückgebracht werden, wenn das Ganze nur ein sehr eigenartiger, mieser Scherz war?« wandte ich ein.
»Um ganz sicher zu sein, daß die Sache keine Konsequenzen für uns hat. Für den Fall, daß Sie zu den Zeitgenossen gehören sollten, die keine eigenartigen Späße verstehen ...«
Wo einst die knusprigsten halben Hähnchen des Stadtviertels serviert worden waren, huschten Ratten über das verwilderte Grundstück. Die alte Villa stand noch, und mit ihren efeubewachsenen Backsteinwänden und den spinnwebenverhangenen Erkern hatte sie etwas von einem verwunschenen Schloß. Und dabei war vor einem Jahr noch alles ganz anders gewesen, und nichts hatte darauf hingedeutet, daß einmal so schnell der Zeitpunkt kommen würde, an dem hier nichts mehr so war wie bisher, bis zu einem kalten, grauen Tag im Februar, jenem verfluchten Tag, an dem Mira die Welt nicht mehr verstand.
Es schien in ›Lama’s Restaurant‹ ein Abend wie jeder andere zu sein, auf den ersten Blick wirkte alles wie immer.
Ein in der Ecke auf einer Art Gebetstisch stehendes Bild des Dalai Lama war das beherrschende Element des Thekenraums, der in warmen Orangetönen gehalten war, den Farben des geistlichen Oberhaupts der Tibeter. In der anderen Ecke stand die Nachbildung eines tibetischen Tempels. Die sanfte fernöstliche Musik, die während des Abends den Raum erfüllt hatte, war bereits abgeschaltet. Früher als sonst waren in dieser dunklen Winternacht die letzten Gäste gegangen. Der Koch hatte bereits Feierabend gemacht. Wenn jetzt noch jemand den Wunsch verspürte, sich mit »Hähnchen tibetanisch«, als besondere und unnachahmliche Gaumenfreude des Hauses weithin ein Begriff, und dazu ein paar »kühlen Blonden« verwöhnen zu lassen, mußte er bis zum übernächsten Abend warten, denn morgen war Ruhetag.
Mit einem entschlossenen Griff nahm Mira einen Besen und fegte das Lokal aus. Zur Zeit war in der Nähe wieder einmal eine dieser verdammten Straßenbaustellen, die in der Stadt so zahlreich waren, und es wurde ziemlich viel Dreck hereingetragen. Ein paar festgetretene Lehmklumpen mußten von den alten Steinplatten abgekratzt werden. Sie nahm dafür das Messer, das sie auch nahm, wenn Spuren von diesem verfluchten Teersplitt sich in der Sohle ihres Stiefels festgesetzt hatten und entfernt werden mußten. Das Messer lag immer in der untersten Schublade hinter der Theke und diente sonst dazu, Spuren von heruntergeflossenem Kerzenwachs von den Tischen zu kratzen.
Hauptinhaberin des Restaurants, hinter dem auch ein Verein stand, dessen Mitglieder sich als Anhänger des vom Dalai Lama, dem Friedensnobelpreisträger und religiösen Oberhaupt der Tibeter, vertretenen Gedankenguts fühlten, war eine Frau Lammers. Mira war ihre Tochter. Bei den Gästen war Elvira Lammers oft eher unter dem Namen ›Mama Lama‹ bekannt. Manche bevorzugten es allerdings, von ihr als ›Mutter Courage‹ zu sprechen. Auch Miras Großmutter, von den Gästen ›Oma Lama‹ genannt, mischte als Teilhaberin mit. Und seit einigen Jahren war nun die schöne Mira, jetzt knapp fünfundzwanzig, die Dritte im Bund.
Seit einiger Zeit schon rankte sich eine Legende um das Restaurant, dessen Betreiberinnen das nicht ungern sahen. Es hieß, daß kein Geringerer als der Dalai Lama selbst bei seinem ersten Besuch in der Westfalenmetropole im Juni 1998 aus spontanem Entschluß der damals bereits von Frau Lammers betriebenen Gastwirtschaft einen Besuch abgestattet habe, um mit seinen Begleitern einen kleinen Imbiß einzunehmen, und daß es daraufhin mit der Gaststätte stetig aufwärts gegangen sei und man ihm zu Ehren aus ›Restaurant Lammers‹ kurzerhand ›Lama’s Restaurant‹ gemacht und »Hähnchen tibetanisch« kreiert habe. Manche behaupteten sogar, einer der Vertrauten des religiösen Oberhaupts aus dem Fernen Osten habe als Dank für die hervorragende Bewirtung das Rezept hinterlassen. Aber das war, wie gesagt, nur eine Legende.
Die Kasse stimmte, die Tageseinnahmen waren verbucht. Mira steckte das Geld in eine Geldbombe und verstaute diese in ihrer Handtasche, nur das übliche Wechselgeld blieb in der Kasse. Die Tasche war nicht gerade neu und schon mehrfach geflickt, und Lothar, ihr Freund, hatte ihr bereits zugeredet, sich doch endlich von ihr zu trennen. Aber dazu konnte sie sich bislang nicht entschließen, denn mit der Tasche verbanden sich Erinnerungen. Die Tasche war ein Geschenk gewesen. Von Max, jetzt ihr Ex-Freund. Er hatte das edle Stück genau nach ihren Vorstellungen, die sie einmal beiläufig geäußert hatte, ausgesucht und sie damit überrascht. Irgendwann war dann die Beziehung auseinandergegangen, so, wie auch andere Beziehungen auseinandergehen, ohne daß man klar sagen kann, aus welchem Grund. Und dann war Lothar auf der Bildfläche erschienen, gerade rechtzeitig, um sie vor dem Singledasein zu bewahren, er hatte sich so lange um sie bemüht, bis er am Ziel war. Lothar, ihr neuer Freund.
Mira warf einen letzten Blick auf das aufgeräumte Lokal und legte den Zentralschalter herum. Zwei Minuten später hatte sie die Tür verschlossen und war auf dem Weg zur Bushaltestelle. Zu dumm, daß ausgerechnet an einem Abend wie diesem mein Auto in der Werkstatt sein muß! dachte sie und hüllte sich fester in ihren Mantel. Der Umweg zur Bank, um wie sonst die Geldbombe in den Nachttresor einzuwerfen, war ihr jetzt ohne Wagen zu beschwerlich. Morgen war auch noch ein Tag. Sie war, wenn man so wollte, die Juniorchefin. Es war nicht das erste Mal, daß sie das Ding für eine Nacht unter ihr Kopfkissen legte. Sie wohnte draußen am »KÜ«, wo der Dortmund-Ems-Kanal den Flußlauf der Ems überquert, in der Nähe des Schiffahrter Damms in einer Behausung, die ausgesprochen ausgefallen und ebenso kontoschonend war: eine ehemalige Schiffskajüte, der Wohntrakt eines an Land gezogenen Kahns. Individueller ging’s wirklich nicht mehr.
An der Bushaltestelle standen ein paar Typen, die Mira nicht kannte. Der eine redete mit ausländischem Akzent. Wie Mira aus den Gesprächsfetzen schloß, unterhielten sie sich darüber, daß für den nächsten Tag ein Krankenbesuch im Herz-Jesu-Hospital geplant war, da Oma am Morgen mit einer akuten Gallenkolik dort eingeliefert worden und auch bereits unter das Messer gekommen sei und nach gelungener Notoperation nun auf der Intensivstation liege.
Am Vormittag des übernächsten Tages rief wieder die Pflicht. Zwar öffnete das Lokal erst um 18 Uhr, aber wie immer in derartigen Gaststätten gab es da eine ganze Anzahl von Dingen, die tagsüber, außerhalb der Öffnungszeiten, zu erledigen waren, wie etwa die Einkäufe, das Auffüllen der Theke, Anweisungen an die Putzfrauen, das Herrichten der Tische, das Einlassen von Lieferanten oder auch Handwerkern und die Kontrolle der Lagerbestände, und ihr Arbeitstag begann diesmal, wie immer an den Tagen, an denen sie zur Erledigung dieser Aufgaben an der Reihe war, morgens um elf.
Mira schloß die Gaststätte auf. Es wirkte alles noch so, wie sie es verlassen hatte. Mira streifte ihren Mantel ab, stieg aus den Stiefeln, legte ihre Arbeitsschuhe an und stellte ihre Handtasche hinter die Theke. Ihr erster Weg führte dann aus Gewohnheit hinunter zur Kühlkammer, um die Bestände zu überprüfen. Dort waren, neben sonstigen Vorräten, bei automatisch konstant gehaltener Temperatur nicht nur die Bierfässer gelagert, sondern es stapelten sich auf einem Regal gleich zu Hunderten die beliebten halben Hähnchen, die, fein säuberlich in Folie verpackt, darauf warteten, knusprig zubereitet nach einem vom Hause streng gehüteten Rezept, den Gaumen der Gäste zu erfreuen. Gleich am unteren Ende der Kellertreppe war die Tür, die durch ein einfaches Vorhängeschloß gesichert war. Mit der gewohnten Bewegung drückte Mira die Klinke der schweren, isolierten Metalltür herunter, holte tief Luft und zog mit einem kräftigen Ruck die Tür auf. Gleich würde ihr wie immer die Kälte entgegenschlagen. Und dann erstarrte sie, aber nicht vor Kälte. Sie fühlte, daß sich plötzlich ihre Nackenhaare sträubten. Ihre Augen weiteten sich vor fassungslosem Entsetzen, als sie in Großaufnahme die Leiche eines Mannes sah, die ihr entgegenfiel. Auf dem Boden hatte sich eine Blutlache gebildet. Der Mann war splitternackt, und er war am ganzen Körper mit Frittieröl bestrichen und mit Grillgewürzen bestreut. Der Tote hatte offenbar auf einem Stuhl gesessen, der direkt hinter dem Eingang zur Kühlkammer aufgestellt worden war, und sein Hals war durch ein Stück Wäscheleine so mit der Tür verbunden gewesen, daß jemandem, der nichtsahnend die Tür aufzog, die Leiche entgegenfallen mußte. An seiner Kehle klaffte eine häßliche Wunde, und das blutige Messer, das auf dem Boden lag, ließ keinen Zweifel daran, wie der Mann gestorben war. Denn daß er tot war, das war Mira sofort klar. Und es gab auch keinen Zweifel, daß sie ihn kannte. Es war ihr Ex-Freund, Max.
Mit einem Schrei rannte Mira die Kellertreppe hinauf. Sie war halb von Sinnen vor panischem Schreck und nacktem Entsetzen. Eine schier unbeherrschbare Übelkeit würgte in ihr. Das letzte, woran sie sich später deutlich erinnerte, war, daß sie sich völlig verstört vor der Tür einer Nachbarin wiederfand und mit den Fäusten gegen das Türblech hämmerte, als auf ihr Klingeln niemand öffnete ...
»Es war wirklich ein großartiger Vorschlag von dir, dieses Candle-Light-Dinner hier in dem neuen Restaurant mal auszuprobieren«, schwärmte Tatjana, eine attraktive, sehr tatkräftig wirkende Frau in den Vierzigern, meine langjährige gute Freundin und von Beruf Hauptkommissarin. »Wie hieß es doch in der Broschüre? ›Bombastisches Gastronomieerlebnis im Bunker, ein bombensicherer Tipp für Genießer!‹ Durchaus nicht zu viel versprochen! Naja, die Stadt hat ja auch lange genug nach einem Investor gesucht, der eine neue Verwendung für das alte Ding an der Lazarettstraße hat. Und wie ich lese, kann man hier sogar übernachten. Ein Angebot für Touristen: ›Stadtführung durch Münsters Geschichte, inklusive zwei Übernachtungen im Bunker‹.«
»Ideen muß man haben«, grinste ich und bestellte zum Dessert »Eisbombe, brennend serviert«.
»Um auf dein Erlebnis zurückzukommen«, nahm Tatjana nach dem Essen das Gespräch wieder auf, »so muß ich dir ehrlich gestehen, deine Geschichte klingt so phantastisch, daß jemand, der dich nicht so gut kennt wie ich, sie vermutlich für erfunden halten würde. Aber ich weiß, daß ich deinen Bericht ernst nehmen muß, und außerdem lehrt uns die Kriminalgeschichte, daß schon so manches Verbrechen nur deswegen passieren konnte, weil die Polizei vorher irgendjemandem irgendetwas nicht geglaubt hat.«
»Ich wußte, daß du der Sache nachgehen würdest«, meinte ich erfreut. »Ihr habt also nachgeforscht, ob in den einschlägigen Dateien etwas über den Typ, mit dem man mich verwechselt haben muß, bekannt ist?«
Tatjana nickte. »Selbstverständlich haben wir nachgeforscht. Und es war, wie du schon sagtest: In Telefonregistern und im Internet war er nicht zu finden, es gab zwar einen Jan Brockdorf, aber der war ein pensionierter Oberregierungsrat. Keine Spur von dem, den wir suchten.«
»Es ist klar, daß ihr das zunächst noch einmal überprüft habt. Aber es muß den Kerl doch geben! Und wie jeder weiß, habt ihr doch aufgrund eurer Datenbanken ganz andere Möglichkeiten ...«
»Sehr richtig«, bestätigte Tatjana. »Und so haben wir dann auch schließlich, als wir die Sucherei schon fast aufgeben wollten, zu guter Letzt doch noch einen Jan Brockdorf gefunden, geboren am 13. November 1970, der ursprünglich mal Schlachtergeselle war.«
Meine Augen waren bei den letzten Worten immer größer geworden. »Dann gibt es ihn also tatsächlich!« rief ich.
»Ja, es gibt ihn«, fuhr Tatjana fort. »Aber das Ergebnis unserer Suche blieb dennoch enttäuschend. Er war mal angeklagt, der Drahtzieher eines größeren Betrugsdelikts zu sein, man mußte ihn aber am Ende wegen Mangels an Beweisen laufen lassen, weil die Indizien nicht ausreichten und auch seine vermutlichen Helfershelfer eisern schwiegen. Ein Fall von Wirtschaftskriminalität, wie es schien, der von den zuständigen Stellen eher als Routinefall eingestuft wurde. Nach allem, was du mir erzählt hast, wohl kaum ein Fall für einen selbsternannten ›Richter Gnadenlos‹, der sich anmaßt, angebliche Strafverfahren eines sogenannten ›Sondergerichts‹ für Fälle von Schwerstkriminalität abzuhalten.«
»Es paßt tatsächlich nicht ins Bild«, gab ich zu. »So hat es jedenfalls den Anschein. Konntet ihr eigentlich auch feststellen, worum es bei der Betrügerei damals ging?«
»Das ist vielleicht der Punkt«, sagte Tatjana langsam. »Es handelte sich um einen Fleischskandal. Er wurde verdächtigt, Drahtzieher eines Betrugs zu sein, bei dem es darum ging, daß man Fleisch, das zur Entsorgung durch eine Spezialfirma bestimmt war, Fleisch, bei dem sich nicht ausschließen ließ, daß es mit BSE infiziert sein könnte, umdeklarierte und an Döner-Fabriken verkaufte.«
»Dann sieht die Sache natürlich etwas anders aus«, stellte ich fest. »Kann es nicht sein, daß dem Kerl nun vorgeworfen wird, durch sein Verhalten verschuldet zu haben, daß Menschen sich mit dem BSE-Virus infizierten und daraufhin die furchtbare Kreutzfeld-Jacob-Krankheit bekamen oder sogar schon an ihr gestorben sind?«
»Ja, das wäre möglich«, sagte Tatjana vage.
»Es wäre jedenfalls ratsam, ein wachsames Auge auf den Kerl zu haben«, meinte ich. »Dieser Richter Gnadenlos und seine Leute werden nach dem peinlichen Irrtum, der ihnen unterlaufen ist, ihre Suche nach ihm fortgesetzt haben. Mit dem Ziel, ihn in ihre Fänge zu kriegen, so bald wie möglich.«
»Nicht unbedingt«, widersprach Tatjana. »Diese Leute müssen sich ja gesagt haben, daß du möglicherweise mit deinem Wissen zur Polizei gehen würdest und daß man dir vielleicht sogar glaubt und damit rechnet, daß da etwas passieren wird.«
»Na, dann werden sie eben warten, bis etwas Zeit verstrichen ist«, mutmaßte ich. »Wie ich diesen Richter Gnadenlos und seinen Verein kenne, werden sie ihr Vorhaben auf keinen Fall aufgegeben haben. Und was immer einem Menschen zur Last gelegt wird, es ist verbrecherisch, wenn jemand bei Nacht und Nebel entführt und vor eine solche Art von Femegericht gezerrt wird, wo ihm ein sogenannter Richter den Prozeß macht, völlig außerhalb der Legalität, ein Verfahren, das mit einem fairen rechtsstaatlichen Strafverfahren nichts, aber auch nicht das geringste zu tun hat. In der Haut von diesem Jan Brockdorf möchte ich jedenfalls nicht stecken. Ich nehme an, ihr konntet seinen Wohnsitz ermitteln?«
»Ja. Er ging nach der Sache damals ins Ausland. Das wäre dann auch eine Erklärung dafür, daß diese Leute ihn nicht fanden. Und vielleicht hat er ja mal als Decknamen den Namen ›Blocksdorf‹ benutzt, er könnte irgendwo durch Zufall auf den Namen gestoßen sein, wer weiß es schon. Es sind allerdings viele Möglichkeiten denkbar, wie es zu der Verwechslung gekommen sein kann.«
»Wie dem auch sei, es wäre wohl sinnvoll, daß die zuständige Polizei einmal ein Gespräch mit ihm führt«, stellte ich fest. »Nicht nur um ihn vor einer geplanten Entführung zu warnen. Es wäre auch interessant, seine Reaktion zu sehen, wenn er erfährt, daß da ein paar Gerechtigkeitsfanatiker anscheinend der Ansicht sind, die Sache von damals müßte noch einmal aufgerollt werden.«
»Das wird wohl nicht mehr möglich sein«, erwiderte Tatjana. »Er ist vor zwei Tagen bei einem Badeurlaub auf Mallorca plötzlich spurlos verschwunden. Die spanische Polizei nimmt einen Badeunfall zu vorgerückter Stunde an. Zeugen gibt es nicht. Auch sonst keinerlei Hinweise.«
»Na, dann bleibt euch wohl nichts anderes übrig als zu warten, ob irgendwann die Leiche dieses Brockdorf auftaucht«, sagte ich trocken.
»Fassen wir noch einmal zusammen«, bellte Richter Gnadenlos. »Sie sind der Jurastudent Armin Henke, und Sie wurden überführt, den Ihnen als Nachhilfeschüler anvertrauten vierzehnjährigen Osnabrücker Industriellensohn Markus Wissmann zum Zwecke der Lösegelderpressung entführt zu haben. Sie sperrten Ihr Opfer in den Hohlraum einer Autobahnbrücke, dieser Soundso-Talbrücke, ein, wo Sie den Jungen mit einer Kette, an der ein eisernes Halsband angeschweißt war, an der Betonwand festschlossen, und ließen ihn in seinem Brückenverlies verschmachten. Das Beweismaterial gegen Sie ist erdrückend. Das einzige, was Ihre Situation mildern könnte, wäre ein umfassendes Geständnis.«
Das Gesicht des jungen Mannes wurde aschfahl. Kaum noch etwas an ihm erinnerte an den jungen Mann, der einst in einem bis zum Bersten vollbesetzten Gerichtssaal in lässiger Haltung, in Jeans und Turnschuhen, nägelkauend die Begründung des von der Zweiten Großen Strafkammer des zuständigen Schwurgerichts gegen ihn gefällten Urteils angehört hatte, eines Urteils, das für ihn als Erststraftäter mit vorher völlig einwandfreiem Ruf nicht zuletzt auch dank einer erfolgreichen Strategie der Verteidigung relativ milde ausgefallen war, mit der Aussicht, bei tadelloser Führung nach einigen Jahren in den offenen Strafvollzug zu gelangen und vielleicht sogar eines Tages noch sein Examen machen zu können, falls das überhaupt nötig war, denn immerhin war das Lösegeld so raffiniert versteckt, daß sich die Aussicht bot, damit eines Tages, nach seiner Entlassung, ein relativ sorgenfreies Leben zu führen, auf einem anderen Kontinent selbstverständlich. Und mit all diesen Aussichten sollte es nun aus sein, aus und vorbei, weil er kurz nach seiner langerhofften, von allen psychologischen Gutachtern befürworteten Überstellung in den offenen Strafvollzug von zwei schwerbewaffneten Maskierten entführt und vor diesen Haufen wildgewordener Gerechtigkeitsfanatiker gezerrt worden war, die sich »Sondergericht« nannten ...
Richter Gnadenlos schien seine Gedankengänge zu ahnen. »Zu einem umfassenden Geständnis gehört selbstverständlich auch die Preisgabe des Lösegeldverstecks«, legte er nach. »Keine Sorge, wir bekommen das Geständnis so oder so.«
Das Gesicht des jungen Mannes war jetzt leichenblaß. »Als angehender Jurist appelliere ich an Ihren Sinn für Recht und Gesetz ... auch für einen Angeklagten gelten die Menschenrechte«, stammelte er.
»Ach, und das Kind, das Sie auf so bestialische Weise umgebracht haben, hatte wohl keine Menschenrechte?« höhnte Richter Gnadenlos. »Aber keine Angst, bei uns gelten die Menschenrechte. Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen. Bei uns gibt es keine Folter, um Geständnisse zu erpressen. Bei uns wird man nur ganz lieb gebeten, doch bitte mal die Wahrheit zu sagen.« Er sah die beiden Entführer an. »Ist es nicht so? Bei uns wurde noch nie gefoltert. Bei uns werden die Geständnisse nur ganz zärtlich herausgekitzelt.«
»Ich beschwöre Sie ... meine Menschenrechte ...«, stotterte der des Mordes Beschuldigte.
»Das einzige, was Ihre Situation noch verbessern kann, ist ein umfassendes Geständnis!« brüllte Richter Gnadenlos. Mit gespielter Sanftheit fügte er hinzu: »Sie können auch durchaus darauf hoffen, daß Ihnen danach eine jahrzehntelange Haftstrafe erspart bleibt.« Er wandte sich an die beiden Entführer. »Gerichtsassistent Kunz und Gerichtsassistent Schlüter, führen Sie den Angeklagten ab. Ich wette, daß es gar nicht lange dauern wird, bis wir ihn zur Vernunft gebracht haben.«
