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Eigentlich sollte Ron Blocksdorf lediglich im Auftrag des Architekten und Ratsherrn Kreutzer gegen einen Erpresser ermitteln. Dann aber hält Schinderhannes von Lamberti Münster in Atem; eine Jugendgang, die Reiche drangsaliert und Arme mit ihrer Beute beschenkt. Das geht kurze Zeit gut - bis die Mafia die Situation für sich ausnutzt und ihre Verbrechen den Jugendlichen in die Schuhe zu schieben versucht. Und was als "Robin-Hood-Romantik" begann, wird bald zu einem Spiel mit tödlichem Ausgang ... Plötzlich steckt Blocksdorf mitten in einem mörderischen Bandenkrieg!
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Hendrik Davids
Schinderhannes von Lamberti
Münster-Thriller 5
Handlung und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit wäre rein zufällig. Insbesondere sind auch die unmittelbar von der Romanhandlung betroffenen Betriebe und Unternehmen sowie die Vorgänge um sie reine Erfindung des Autors. Sie haben nichts mit Betrieben und Unternehmen zu tun, die tatsächlich existieren oder existierten.
Hendrik Davids
ImPrint eBook. Münster 2012
© 2010 ImPrint Verlag, Münster
www.imprint-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-936536-87-4
Teil I
Als Sari erwachte, drang ein winziger Strahl der über der münsterländischen Tiefebene aufgegangenen Septembersonne durch das kleine, vergitterte Kellerfenster herein und spielte auf den nackten Wänden des engen, schäbigen Kellerraums, den sie seit einer Woche mit zwei Landsleuten teilte. Sari erhob sich von der zerfledderten Matratze, auf der sie die Nacht verbracht hatte, und schlüpfte in ihre Kleidung. Noch immer hatte sie Albträume, wenn sie daran dachte, was hinter ihr lag, das Eingepferchtsein in einem Container zusammen mit einem halben Dutzend weiterer Armutsflüchtlinge aus ihrer nordafrikanischen Heimat, unter denen sich auch Kinder befanden, die Todesangst, die sie dabei ausgestanden hatten, bei der abenteuerlichen Überfahrt in dem engen Behältnis, für die sie das Wenige geopfert hatten, was sie besaßen, aber auch die Angst davor, entdeckt zu werden, und die Angst vor dem, was dann kam. Nur eines sagte sie sich immer wieder: Es konnte nicht schlimmer werden als das Leben, das hinter ihr lag, ein Leben, das in den Elendsgebieten ihrer Heimat schon seit langem kaum mehr als nur noch ein Dahinvegetieren ohne jede Hoffnung auf Besserung war, in einem von Dürrekatastrophen, Seuchen und marodierenden Bürgerkriegsmilizen gepeinigten Land.
Selbstverständlich hatte Sari sich keinerlei Illusionen darüber gemacht, dass auch das Leben, das in ihrer neuen Umgebung auf sie wartete, ein hartes Leben sein würde und dass der Start in ein besseres, hoffnungsvolleres Dasein schwer für sie sein würde, wenigstens am Anfang. Und so war es dann auch. Canotta, der Mann, für den sie sich hier von morgens bis spät abends abschinden mussten und der ihnen dafür Unterkunft und Brot gab, der Mann, den alle hier respektvoll den »Patron« nannten, behandelte sie fast wie Sklaven. Aber es gab vorerst kein Entrinnen. Allein und auf sich gestellt in einem Land, dessen Sprache sie nicht beherrschte, ohne gültige Papiere und ohne Arbeitserlaubnis, da gab es keine Alternative zu dem Leben, das sie hier führte, im Moment jedenfalls. Man hatte ihr unmissverständlich gesagt, was sie draußen zu erwarten hatte, falls sie vorhaben sollte, von hier abzuhauen. Und Sari fürchtete in ihrer jetzigen Situation nichts so sehr wie eine Abschiebehaft. Und so verrichtete Sari an sieben Tagen der Woche ohne Widerstreben von früh bis spät die niedrigsten Dienste als Küchenhilfe in der Gaststätte, die dieser Mann dort oben betrieb, ein Job, zu dem Gemüseputzen ebenso gehörte wie das Wegschaffen der Abfälle und die Beseitigung der Rattenkadaver. Ihre beiden Mitbewohner, ein Pärchen, das sich schon etwas länger in Deutschland befand, wurden auch für Putz- und Reinigungsdienste und im Service, zum Kellnern, eingesetzt. Nichtsdestoweniger glaubte Sari, bessere Karten zu haben, was die Zukunft betraf. Ihr Vorteil war, wie sie wusste, dass sie nicht nur weiblich, sondern auch noch sehr jung war und in etwa dem entsprach, was man, auch nach europäischen Begriffen, ein ausgesprochen attraktives dunkelhäutiges Mädchen nennen konnte. Das war das Kapital, mit dem sie wuchern konnte, dachte sie. Canotta hatte ihr Hoffnung gemacht, dass man sie, wenn sie erst einmal mit den Anfangsgründen der deutschen Sprache etwas vertraut war, in einem von seinem Bruder betriebenen Nachtclub einsetzen werde, und das bedeutete deutlich besseren Lohn und eine bessere Unterkunft. Und angeblich hatte es schon junge Frauen wie sie gegeben, die sich in der gleichen Situation befunden hatten wie sie jetzt und denen es gelungen war, als Nachtclubtänzerinnen Karriere zu machen oder als Models.
Canotta war ein Mann, über dessen nationale Herkunft verschiedene Versionen zu hören waren. Einige glaubten zu wissen, dass er ein Grieche sei, andere behaupteten, er sei ein Russe. Wieder andere wollten sogar erfahren haben, dass er sizilianischer Herkunft wäre, eine Sache, die Canotta nicht ungern hörte, sie schien ihm irgendwie zu schmeicheln. Die Ausrichtung seines Restaurants war, wie es schlichtweg hieß, mediterran.
Die billige elektrische Uhr, die an der Kellerwand hing, zeigte Viertel vor sieben. Sari bürstete vor dem verschossenen, halb blinden Spiegel, dem einzigen, den es in dieser elenden Behelfsunterkunft gab, ihr Haar und stieg über die ausgetretenen Stufen der Kellertreppe hinauf zum Restaurant. Es roch nach Knoblauch, gebratenen Zwiebeln, Käse und schalem Bier. Es war Montagmorgen, und zunächst stand endloses Gemüseputzen auf dem Programm. Canotta befand sich vermutlich schon in seinem Büro, wo er meistens zu dieser Stunde, erregt im Raum auf und ab gehend, mit dem Mobiltelefon am Ohr die ersten Anordnungen zu treffen pflegte, mit denen er seine Leute, soweit sie noch nicht persönlich anwesend waren, aber auch Lieferanten und Handwerker auf Trab hielt. Und es war unter seinen Angestellten auch ein offenes Geheimnis, dass er um diese Zeit gelegentlich Besuch erhielt. Von einem jungen Mann, der in der Hand immer den gleichen Aktenkoffer trug und kam, um Instruktionen zu empfangen. Angeblich suchte er in Canottas Auftrag Geschäftspartner auf. Er hatte ein gepflegtes Äußeres und fuhr in einem sündhaft teuren Sportwagen vor.
Als Sari die Vorbereitungsküche betrat, war Malu, ihre Kollegin, dort bereits tätig. Sari fühlte sich mit Malu durch Herkunft und Sprache verbunden, und da diese sich im Gegensatz zu ihr bereits seit rund einem halben Jahrzehnt in Deutschland befand, hatte es sich ergeben, dass sie für Sari eine Art mütterliche Freundin geworden war. Sari warf beim Hereinkommen einen missmutigen Blick auf den Gemüseberg und wollte wie gewohnt zum Schälmesser greifen, als sie sah, dass Malu ihre Arbeit unterbrach und ihr einen Wink gab, ihr in Canottas Büro zu folgen.
Der »Patron« ging zu Saris Überraschung diesmal nicht wie üblich um die Zeit telefonierend auf und ab, sondern thronte hinter seinem Schreibtisch und hatte die beiden bereits erwartet. Er war ein großer, kräftiger Mann mittleren Alters mit Glatze und sein Blick besaß für gewöhnlich etwas von dem einer Schlange, die ihr Opfer fixiert hat und auf den richtigen Moment wartet, um zuzustoßen. Aber heute schien er bei guter Laune zu sein. Das Gespräch fand in gebrochenem Englisch statt und manchmal dolmetschte Malu. Wie Sari schnell begriff, ging es um einen Sonderauftrag, zu dem sie eingeteilt waren und der ihm sehr am Herzen lag. Es ging darum, bei einem seiner Bekannten, der seinen Geburtstag feierte, den Partyservice zu versehen. Vor Sari lag ein Bündel mit einem blitzsauberen Kellnerinnendress, der ihr einigermaßen passte. Um siebzehn Uhr würde man sie beide hinbringen, zuvor mit allem Nötigen versehen. Sie sollten für das leibliche Wohl der Gäste sorgen.
Der Fotograf Lars Oldendrup war ein mit seinen vierzig Jahren eher wie knapp fünfunddreißig wirkender Mann von hoher, schlanker, aber kräftiger Statur mit knochigem Gesicht und einer Pferdeschwanzfrisur, was seinem Aussehen etwas Hippiehaftes verlieh. Er hatte eine sympathisch klingende, sonore Stimme, und es lag eine gewisse väterliche Ausstrahlung in seiner Erscheinung. Eine Sache, die bei Frauen gut ankam, und er wusste das auch zu nutzen. Oldendrup betrieb sein Atelier in einem Gebäude an der Grevener Straße, bei dem es sich ursprünglich einmal um die Verkaufshalle einer kleinen Gärtnerei gehandelt hatte. Die Gärtnerei existierte schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Das Gebäude war dann längere Zeit von einem Antiquitätenhändler genutzt worden, und dann war jemand auf die Idee gekommen, in dem Bau, nachdem dieser architektonisch aufpoliert worden war, ein Nobelrestaurant einzurichten, eines von denen, die in Münster meistens recht kurzlebig sind. Und nun befand sich also Oldendrups Fotoatelier in dem alten Firmengebäude, dessen Abriss nur noch eine Frage der Zeit war.
Vor einiger Zeit hatte Oldendrup von sich reden gemacht, weil er für eine Fotoserie verantwortlich zeichnete, die verschiedene Personen an markanten Stellen in Münsters Innenstadt zeigte. Das Außergewöhnliche an dem Projekt: Die Personen waren splitternackt. Oldendrup hatte sie zur Sommerzeit in aller Herrgottsfrühe beim ersten Tageslicht aufgenommen, als Münsters Innenstadt noch menschenleer und wie ausgestorben war. Aber die Sache lag nun schon einige Jahre zurück, und beim kulturbeflissenen Münsteraner Bildungsbürgertum galt Oldendrup als gesellschaftsfähig, wenn auch unter gewissen Vorbehalten.
Lars Oldendrup galt als exzentrisch und als einer, der sich auf Künstlerpartys wohlfühlte. Zur Feier seines vierzigsten Geburtstags hatte er vierzig Personen vorwiegend aus der Künstlerszene, nebst Anhang, eingeladen. Und er hatte den Gastronom Canotta damit beauftragt, für ihn den Partyservice zu organisieren, da er zu dessen Bekanntenkreis zählte und die beiden seit Jahren eine Art Freundschaft verband, ein Umstand, aus dem manche den Schluss zu ziehen wagten, dass auch Oldendrup mit der Mafia verbrüdert sei, und vielleicht hatten sie sogar recht.
Für die Geburtstagsfeier hatte man das Atelier mit Blumen und Girlanden ausstaffiert, und Kerzenleuchter verbreiteten ein warmes, flackerndes Licht. Ein angenehm aromatisch duftender Rauch, bei dem nicht hundertprozentig klar war, ob er wirklich nur von harmlosen Duftkerzen kam, durchzog den Raum. Die Stimmung war heiter bis ausgelassen. Ein eigens zu dem Anlass beschaffter Barmixer hatte alle Hände voll zu tun, die notwendige Anzahl von Cocktails bereitzustellen. Malu und Sari standen hinter dem riesigen Buffet, das man an einer Seitenwand aufgebaut hatte, und versorgten die Gesellschaft mit Hummersuppe, Straußenfilet, gefüllten Früchten, erlesenen Salaten und tausend anderen Köstlichkeiten.
Als die beiden jungen Afrikanerinnen die aus fritierten Bananen und griechischem Joghurt mit Honig bestehende Süßspeise ausgaben, passierte es. »Wie ich gehört habe, sind Sie Sudanesin oder sowas ähnliches?«, fragte Oldendrup beiläufig Saris Kollegin, während er sich reichlich mit Nussraspel und Honig bediente. »Ich habe gehört, dass einige Frauen dort Bauchtanz können, so wie in Ägypten. Gehören Sie etwa dazu?«
Malu verneinte. Die Frage schien ihr sogar ein wenig peinlich zu sein.
»Na, war ja nur so ne Frage«, sagte Oldendrup. »Sie sind jung, und eine geeignete Figur hätten Sie schon.«
»Nun ja, ich finde durchaus, Bauchtanz, das wär doch jetzt was«, schaltete sich Oldendrups derzeitige Lebenspartnerin ein, eine attraktive Portugiesin, die neben ihm stand und auf den Namen Paola hörte.
»Ja, Bauchtanz! Wir hätten Lust, jetzt Bauchtanz zu sehen!«, tönte es aus dem Kreis der Gäste.
»Sie haben es gehört«, erklärte Oldendrup. »Schade, dass Sie es nicht können. Eine Cassette mit orientalischer Musik hätte ich schon, und in meinem Fundus findet sich auch ein altes Bauchtanzkostüm.« Er sah in die Runde. »Ist unter den hier anwesenden Damen wirklich keine, die schon mal Bauchtanz ausprobiert hat?«
»Doch, ich. Habe es als Kind manchmal geübt.« Sari wusste selbst nicht, woher sie den Mut genommen hatte, das zu sagen, und schon im nächsten Moment, als sich plötzlich alle Blicke auf sie richteten, bereute sie ihre Worte, aber es war nun einmal gesagt, und sie hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen.
»Ja, wirklich?« Dem Gastgeber schien die Sache zu gefallen. »Sie sollten uns hier eine Kostprobe geben.«
»Ja, wir wollen eine Kostprobe sehen!«, riefen einige Gäste.
Sari machte eine abwehrende Handbewegung, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Bauchtanz? Und vor den Leuten? Nein, das kam nicht in Frage. Nicht für eine junge Frau wie sie.
»Ich verstehe nur zu gut, dass du nicht willst«, sprang ihr Malu bei. »Ich an deiner Stelle täte es auch nicht. Obwohl … du weißt ja … vielleicht wäre es auch eine Chance für dich … eine Chance, diese Leute darauf aufmerksam zu machen, dass du dich noch für was Besseres eignest als Küchenarbeit.«
»Ja, eine Chance!«, erscholl es aus dem Kreis der Partygäste. Und Sari fühlte, dass das Wort in ihrem Kopf nachdröhnte. Eine Chance! Eine Chance! Sari stand wie erstarrt. In ihrem Kopf war alles durcheinander. Und auf einmal verstand sie selbst nicht mehr, was sie tat. Sie setzte an, um energisch abzulehnen. Und dann waren es plötzlich ganz andere Worte, die über ihre Lippen kamen.
Zwanzig Minuten später fand Sari sich in einem Bauchtanzkostüm wieder. Oldendrup hatte eine Cassette eines namhaften marokkanischen Popsängers aufgelegt, die er einmal während einer Nordafrikareise erstanden hatte. Sari biss die Zähne zusammen und machte hilflos ein paar zaghafte Bewegungen, wobei sie ihren ganzen Mut zusammennehmen musste. Fieberhaft versuchte sie sich zu erinnern, wie es gewesen war, wenn sie in ihrer Jugend zum Vergnügen die Bewegungen der Bauchtänzerinnen übte, die sie manchmal auf Hochzeitsfeiern und Dorffesten gesehen hatte. Und mit der Erinnerung kam die Selbstsicherheit. Sari wunderte sich über sich selbst. Und plötzlich tanzte sie wie im Rausch.
Oldendrup verfolgte ihre Improvisationen mit wachsendem Wohlwollen im Blick. Die Sache schien ihm zu gefallen.
Als die Musik geendet hatte, erhob sich Applaus.
»Da hören Sie es ja«, stellte Oldendrup fest. »Ich muss gestehen, dass auch mir Ihre Darbietung gefallen hat. Sie wissen, dass ich Fotograf bin. Was hielten Sie davon, wenn wir ein paar Probeaufnahmen von Ihnen machen? Ich schlage vor, dass wir es gleich im Anschluss an die Party tun, da Sie nun einmal hier sind. Es dauert höchstens eine halbe Stunde.«
»Geht nicht«, wehrte Sari ab. Sie wirkte jetzt wieder verängstigt. Ihre Kollegin verdolmetschte ihre Worte. »Sie befürchtet, dass es Canotta nicht recht ist.«
»Ja, wenn es nur das ist … Sie wissen, Canotta und ich sind gute Freunde, und fragen kostet ja nichts.« Er ergriff sein Handy und telefonierte, reichte das Handy schließlich an Malu weiter. »Canotta erlaubt es dir«, sagte sie, nachdem das Gespräch beendet war, ermunternd zu Sari.
Der war anzumerken, dass sie mit sich kämpfte. »Trotzdem, ich habe Angst. Es ist da plötzlich ein ungutes Gefühl in mir, das mir sagt, ich soll es nicht tun.«
»Ich verstehe deine Bedenken, aber ich kann dich beruhigen«, erklärte Malu. »Wie Canotta mir sagte, hat er mit Oldendrup abgesprochen, dass außer ein paar Probeaufnahmen nichts laufen wird. Und wenn Canotta es so entschieden hat, ist es auch so, Oldendrup wird sich daran halten. Er hat zu großen Respekt vor Canotta. Und außerdem bleibe ja auch ich die ganze Zeit in deiner Nähe.«
Zwei Stunden waren vergangen, die Uhr zeigte Viertel nach zwei in der Nacht. Die letzten Partygäste hatten sich verabschiedet, und auch Paola war gegangen, da bei ihr am nächsten Tag ein Flug nach Mailand zu Probeaufnahmen für einen Werbespot auf dem Programm stand. Außer Oldendrup und den beiden Afrikanerinnen befand sich niemand mehr im Atelier. Er hatte ein paar Fotos von Sari im Bauchtanzkostüm gemacht, zunächst Fotos in Posen, wie er sie bei Anfängerinnen meistens machte. Und irgendwie schien er Gefallen an der Arbeit mit ihr zu finden. Der Fotograf betrachtete die Bilder auf dem Monitor, und sein Lächeln drückte Zufriedenheit aus. Sieht so aus, als ob seine Aufmerksamkeit für mich geweckt ist, dachte Sari, und sie fühlte, dass ihr Herz vor Freude höher schlug.
Vom Vorraum her ertönte ein »Ding-dong«. Ein später Besucher jetzt noch in der Nacht? Nun ja, es war ganz normal, dass es nach einer Party wie dieser manchmal Leute gab, die auf dem Heimweg feststellten, dass sie etwas liegengelassen hatten, etwas Wichtiges vergessen hatten, was sie dringend brauchten, zum Beispiel eine Jacke, in deren Tasche die Hausschlüssel steckten, oder eine Handtasche mit Scheckkarte und Ausweispapieren. Kein Grund also, sich Gedanken zu machen.
Oldendrup schien dasselbe zu denken, denn es war ihm nichts Besonderes anzumerken, als er schnurstracks den Vorraum durchschritt, um dem späten Besucher die Tür zu öffnen. Im nächsten Moment jedoch prallte er zurück, als habe ihn eine Riesenfaust getroffen. Vor der Tür stand ein muskulöser Mann mit harten Augen und kantigem Gesicht, von dem etwas Genaueres nicht zu erkennen war, da der Mann eine Strumpfmaske trug. Und Oldendrup starrte in den Lauf einer Pistole.
Nur wie in einem bösen Traum nahm Sari durch die geöffnete Studiotür wahr, dass der Mann, nachdem der Fotograf ihm geöffnet hatte, sofort das Feuer auf ihn eröffnete. Oldendrup stürzte nieder. Der Unbekannte schleuderte eine Flasche über ihn hinweg, die klirrend zerbarst und eine Flüssigkeit verspritzte, von der eine bläuliche Stichflamme aufzuckte. Ein Brandcocktail!, schoss es Sari durch den Kopf. Für einen Moment, einen langen Moment, war sie vor Entsetzen und Todesangst wie gelähmt, dann siegte ihr Lebenswille. Mit der Kraft der Verzweiflung nahm sie ihre ganze Geistesgegenwart zusammen und stieß Malu, die immer noch wie vom Blitz getroffen dastand, in die Seite, immer wieder, bis diese laut aufschrie, schleifte sie zum Fenster hin und riss es auf. Nichts wie raus!, hieß es jetzt.
Wie es weiterging, daran erinnerte sich Sari später nur noch undeutlich, es waren nur noch Erinnerungsfetzen. Sie fand sich wieder auf der Straße, die vom zuckenden Schein der Flammen gespenstisch erhellt war. Es war die Grevener Straße. In wilder Panik lief sie, fast nackt, wie sie war, den Straßenzug hinunter, unfähig, sich zu orientieren, nur weg, möglichst weit weg, das war der einzige Gedanke, zu dem sie noch fähig war. Sie nahm gar nicht mehr wahr, ob Malu ihr folgte. Erst als sie schließlich völlig erschöpft stehenbleiben musste, um nach Atem zu ringen, versuchte sie, sich darüber klar zu werden, wo sie war. Eine verzweifelte Hoffnung sagte ihr, dass sie bei den Anwohnern Hilfe finden würde. Ihre Augen irrten wild und hilflos wie die eines gehetzten Tieres umher, suchten etwas zu finden, was Schutz versprach. Und dann war es da plötzlich, etwas, woran ihr Blick haften blieb, es war auf einmal da, wie aus dem Nichts erschienen, und es wirkte wie ein Geschenk des Himmels auf sie, als sie durch Nebelschwaden eine Fassade auftauchen sah, die sich vor ihr erhob, es war die Fassade eines alten Hauses, die einigermaßen einladend und irgendwie vertrauenserweckend wirkte. Eine in warmen Farbtönen gestrichene Fassade eines hohen, altehrwürdig wirkenden Hauses, das wie ein Bollwerk in einer Straßenecke aufragte. Mit letzter Kraft warf sich Sari gegen die verschnörkelte alte Tür und hämmerte verzweifelt auf das Klingelbrett, immer mehrere Klingeln auf einmal drückend.
Das bunte Treiben der Mittelaltermesse in der Halle Münsterland hatte wieder Scharen von Besuchern angelockt. Sogar aus Holland waren sie mit Bussen gekommen. Es war ein Samstagabend Ende September. Seit dem Vormittag wälzten sich die Menschenströme dicht gedrängt an den unzähligen Ständen vorbei, an denen es so ziemlich alles gab, was geeignet war, das Herz von Mittelalterfans höher schlagen zu lassen: Da fanden sich Stände mit malerisch wirkenden Gewändern, Waffenattrappen, Schmuck und mittelalterlicher Handwerkskunst jeglicher Art, Met und Lebkuchen und andere Leckereien und altertümlich anmutende Gewürze, daneben aber auch Bücher, Schallplatten, Videos und sogar Elektronikspiele, die den Spieler in virtuelle Welten des Mittelalters entführten, Angebote von Reiseveranstaltern, die für Erlebnisurlaub in mittelalterlicher Kulisse mit Candle-Light-Dinner und Ritterspielen warben. Junge Männer in Gauklergewändern und Mädchen, die als Burgfräulein kostümiert waren, liefen herum, Kinder vergnügten sich an Klettermauern und auf Springburgen. An Imbissständen wurde am Spieß geröstetes Spanferkel und Schwarzbier im Trinkhorn serviert, es roch nach Gegrilltem, Knoblauch und allerlei Kräutern, nach gebratenen Äpfeln, Glühwein und Met. In einer der riesigen Hallen spielte eine Minnerockgruppe ein schwermütiges Lied, eine Ballade von Liebe, Sehnsucht und Tod.
»Darf ich diese Teufelsmaske mal aufsetzen?«, fragte ein junges Mädchen und betrachtete fasziniert die Masken an einem Ständer.
»Nein, bitte nicht.«
»Was kostet dieses Buch über Hexenwahn und Hexenverfolgung?«, wollte neben ihr ein junger Mann wissen und beugte sich über eine Bücherauslage. Er war von schlanker, durchtrainierter Statur, trug Motorradkleidung und hatte kurze dunkle Haare und harte braune Augen mit leicht schwermütigem, etwas verträumtem Blick. Er schien etwa achtzehn oder neunzehn zu sein, vom Alter her vielleicht ein Abiturient.
»Neunundsiebzig Euro. Es ist eine bibliophile Rarität.« Die Verkäuferin hinter dem Stand war ein attraktives, etwa siebzehn-, höchstens achtzehnjähriges Mädchen mit einem Madonnengesicht, langen mittelblonden Haaren, Engelsfrisur und schlanker Figur in einem schlichten langen, altmodisch geschnittenen Gewand. »Wir haben aber selbstverständlich jede Menge günstigere Bücher«, fügte sie hinzu, weil sie sah, dass er weitergehen wollte. »Das hier zum Beispiel. Ich lese es gerade selbst, es ist faszinierend geschrieben: ›Robin Hood und Co. Der Mythos vom edelmütigen Räuber‹. Es ist zur Zeit unser Renner.«
»Nein, danke, es ist nicht das, worauf ich zur Zeit stehe.« Er wandte sich der Nachbarauslage zu.
»Hilfe, mir wird schlecht!«, war plötzlich die schrille Stimme einer Frau zu hören. »Mein Baby! Helft mir! Ich bin im sechsten Monat! Mein Baby! So helft mir doch! Ich will nicht mein Baby verlieren!«
Ein etwa fünfunddreißigjähriger Mann schälte sich aus dem Besucherstrom. »Welch ein Glück, dass ich zufällig in der Nähe war, ich bin Dr. Cerny aus Dortmund«, stellte er sich vor. »Gynäkologe! Was ist vorgefallen?«
»Ihr muss plötzlich schlecht geworden sein, sie ist einfach umgekippt und hat wohl starke Schmerzen«, informierte ihn ein Passant. Die Frau wand sich stöhnend am Boden und wurde offensichtlich von Wehen geschüttelt. Der Arzt aus Dortmund beugte sich über sie und untersuchte sie kurz. »Wir müssen einen Notarzt rufen. Sofort!« Mit Zufriedenheit nahm er zur Kenntnis, dass bereits jemand zum Handy gegriffen hatte und telefonierte. »Gut. Ich werde mich in der Zwischenzeit um sie kümmern. Allerdings sollten wir die Patientin für die Erstversorgung an eine geschützte Stelle legen. Am besten hier an diesem Stand hinter die Theke. Kann mir mal jemand helfen?«
»Ja, ich«, erbot sich ein Herr mit grauem Anzug und Krawatte, der stehengeblieben war. Er hatte eine dicke Brille auf der Nase und trug seinen zusammengelegten Mantel über dem Unterarm. »War mal ehrenamtlich als Hilfssanitäter bei einer humanitären Einrichtung tätig.«
»Ja, selbstverständlich helfe ich auch!«, meldete sich der junge Mann in Motorradkleidung, der sich vorher für die Bücherauslage interessiert hatte. »Habe gerade erst einen Erste-Hilfe-Kurs besucht. Ich bin übrigens Marko.«
»Mein Baby!«, war wieder die schrille Stimme der Frau zu vernehmen.
»Na, dann wollen wir mal«, meinte Dr. Cerny. Nach seinen Anweisungen hoben sie die Frau mit aller Behutsamkeit vom Boden auf und schafften sie mit vereinten Kräften hinter die Theke. Er überprüfte nochmals ihren Puls. Die Frau stöhnte jetzt bei jeder Berührung. »Der Kreislauf macht schlapp! Ich muss zunächst den Kreislauf stabilisieren!«, rief der Arzt. »Ich habe zum Glück immer was dabei, allerdings nur in Tablettenform.« Er wandte sich an die junge Verkäuferin. »Sie kennen sich am besten hier aus. Können Sie mir mal ein Glas Wasser holen? Ich brauche unbedingt jetzt sofort ein Glas Wasser.«
Das Mädchen wirkte etwas hilflos. »Ja, aber … ich kann hier nicht weg!«, wandte sie ein. »Es wird das Beste sein, wenn jemand sich an einem der Getränkestände ein Glas Leitungswasser geben lässt.«
»Die sind alle ziemlich weit weg und dicht umlagert, ein schnelles Durchkommen ist da praktisch unmöglich!« Der Arzt sah sie ungehalten an. »Bitte, Sie kennen sich hier aus! Die Zeit drängt! Diese Frau braucht ein Glas Wasser, sofort!«
»Na ja, ausnahmsweise! Aber nur wenn Sie mir versprechen, dass Sie ein wachsames Auge auf den Stand haben, bis ich zurück bin.«
Sie warf noch einen Blick auf den Stand und entfernte sich eilig. Der Arzt wandte sich wieder der vor ihm liegenden Frau zu. »Tief durchatmen!«, rief er. »Immer tief durchatmen!« Es schien tatsächlich zu helfen, denn ihr Stöhnen wurde weniger. »Ich glaube, es geht schon wieder«, sagte die Frau und richtete sich mit dem Oberkörper auf.
»Sie bleiben besser liegen, bis der Notarzt mit einer Trage kommt, er ist schon unterwegs!«, erklärte Dr. Cerny streng.
Die Patientin wurde plötzlich sehr aufsässig. »Mein Mann! Ich muss ihn unbedingt verständigen, er ist mit den Kindern in der anderen Halle beim Spielzeug! Wirklich, es war nur ne vorübergehende Schwäche.« Bevor sie jemand daran zu hindern wagte, war sie aufgesprungen und versuchte, im Gedränge unterzutauchen.
»Das ist doch nicht zu fassen!«, rief der Arzt außer sich, sprang ebenfalls auf die Beine und setzte ihr nach. Auch der Herr mit dem grauen Anzug und dem über dem Unterarm hängenden Mantel entfernte sich in dieselbe Richtung.
Das Mädchen mit der Engelsfrisur erschien, in der Hand ein Glas Wasser. »Ach du Scheiße!«, rief sie. »Bin ich etwa umsonst gelaufen? Man hat sie doch nicht etwa schon weggebracht? Das gibt’s doch nicht!«
»Nein, es schien nur ein sehr vorübergehender Anfall gewesen zu sein, und sie wollte nicht auf den Krankenwagen warten, sondern weg, und der Arzt ist hinterher«, berichtete Marko.
»Oh, verdammt!«, fluchte das Mädchen. Sie stellte das Glas ab und griff aufgeregt mit der Hand unter den Tresen, ihr Gesicht wurde plötzlich sehr blass, sie ging auf die Knie, überflog den Unterbereich der Thekenrückseite mit immer fassungsloser werdendem Blick und kramte wie wild darin herum. »Verdammte Scheiße! Das darf doch nicht wahr sein!«, rief sie. »Hab’ ich’s doch geahnt! Meine Geldkassette ist weg!« Sie wandte sich an Marko und deutete auf eine freie Stelle unter der Theke. »Kann hier jemand dran gewesen sein?«
»Da war der Typ mit dem über den Arm gehängten Mantel. Hatte wie ich seine Hilfe angeboten, und nachdem er mitgeholfen hatte, die Frau hinter den Tresen zu legen, stand er eine Zeitlang da hinten herum, als ob er erwartete, dass er noch mal gebraucht würde. Ich habe kaum auf ihn geachtet.«
»Verflucht! Jetzt ist mir alles klar! Wenn du mich fragst, der Anfall der Frau war nur vorgetäuscht, die stecken alle unter einer Decke, das Ganze war ein abgekartetes Spiel. Wir müssen sofort die Security alarmieren! Vielleicht sind die Diebe noch auf dem Gelände. Verdammt, und ich kann hier nicht weg!«
»Bin gleich wieder da!« Marko rannte los, in die Richtung, in die das mutmaßliche Diebestrio verschwunden war. Er versuchte, sich in deren Lage hineinzuversetzen. Wenn sie so raffiniert vorgingen, wie es den Anschein hatte, würden sie versuchen, nicht fluchtartig, weil das auffallen würde, sondern so unauffällig wie möglich, wie ganz normale Messebesucher, den Hallenkomplex zu verlassen. Und darin lag die Chance, sie doch noch zu finden. Aber selbstverständlich musste ihnen das Risiko bekannt sein, dass die Leute von der Ausgangskontrolle bereits telefonisch informiert waren und sie ihnen in die Arme liefen. Was würden sie also tun? Wenn sie wirklich so gerissen waren, dann gab es bei der Bande vermutlich einen weiteren Komplizen, einen, der bei dem Diebstahl nicht in Erscheinung getreten war. Ihm würden sie das Diebesgut unauffällig übergeben. Wenn man sie dann, bevor sie das Hallengelände verlassen hatten, ausfindig machte, würde man nichts bei ihnen finden, und ohne das Diebesgut würde es schwer sein, ihnen etwas nachzuweisen, denn wahrscheinlich war man beim Entwenden der Kassette so geschickt vorgegangen, dass der Vorgang des Diebstahls selbst, der entscheidende Moment, von niemandem unmittelbar beobachtet worden war, und die bloße Anwesenheit am Tatort bedeutete schließlich nicht viel.
Marko wusste, dass es die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen war, als er in Richtung Ausgänge stürmte.
Er gelangte in die mittlere der drei Messehallen. Auf einer dicht umlagerten Bühne spielte eine Minnerockgruppe heiße Rhythmen auf mittelalterlich wirkenden Instrumenten. Vor einem alten Karussell mit Holzpferden drängten sich Kinder. Und auch ein Stand, an dem Elektronikspiele mit Rittern und mittelalterlichen Szenarien zum Ausprobieren aufgebaut waren, war dicht gedrängt von Neugierigen umlagert.
»Wissen Sie, ob hier in der letzten Minute eine schwangere Frau durchgekommen ist oder vielleicht ein Mann, der einen zusammengefalteten Mantel auf dem Arm hatte?«, wandte sich Marko an einen Herrn mittleren Alters, der an einem Getränkestand ein Schwarzbier trank und den Blick in Richtung auf den Durchgang zur nördlichen der drei Messehallen gerichtet hatte.
Der Angeredete schüttelte den Kopf. »Schwangere Frau? Herr mit Mantel auf dem Arm? In diesem Menschenstrom? Tut mir leid, da kann ich Ihnen nicht helfen. Aufgefallen sind sie mir jedenfalls nicht.«
Marko versuchte es noch bei einigen anderen, immer mit dem gleichen Ergebnis. Er hatte schon fast den Durchgang zur Eingangshalle erreicht, als er an der Seite einen älteren Mann mit graumeliertem schwarzem Haar stehen sah, der aus der Ferne den Stand mit den Elektronikspielen und den sich an diesem vorbeiwälzenden Menschenstrom aufmerksam zu beobachten schien. Er schien irgendeine maßgebliche Funktion zu haben und das Treiben an dem Stand mit scharfem Blick zu überwachen. Sein Gesicht drückte Zufriedenheit aus.
»Entschuldigen Sie, können Sie sich erinnern, ob hier in den letzten Minuten eine schwangere Frau durchgelaufen ist? Oder ein Herr mit einem zusammengelegten grauen Mantel über dem Arm?«, wiederholte Marko zum soundsovielten Mal seine Frage, obwohl er die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte.
Der Mann schien nachzudenken. »Schwangere Frau? In den letzten Minuten? Kann sein. Oder auch nicht. Habe nicht drauf geachtet. Für unseren Stand interessiert hat sie sich jedenfalls nicht. Aber … warten Sie mal. Sie sagten, ein Mann mit einem zusammengelegten grauen Mantel? Über dem Unterarm? Ja, der ist mir allerdings aufgefallen, jetzt erinnere ich mich wieder, wo Sie es sagen. Fand es etwas merkwürdig, man sieht sowas ja nicht allzu oft.«
»Können Sie mir auch sagen, in welche Richtung er gegangen ist?«, fragte Marko atemlos.
Der Mann dachte eine Sekunde nach. »Ja. In Richtung Südfoyer, glaube ich.«
Marko rannte los. Bis zum Durchgang zum Südfoyer waren es etwa fünfzig Meter, und er musste sich seinen Weg an einer dichten Menschentraube vorbei bahnen, die sich um einen Getränkestand scharte. Dann aber hatte er den Durchgang erreicht und bog um die Ecke. Und plötzlich sah er den Mann. Sah mit ungläubigem Blick, wie er gerade auf eine rothaarige Frau in einer Steppjacke zutrat und die beiden sich in die Arme fielen. Sie wirkten dabei wie zwei, die sich aus Freude über ein Wiedersehen umarmen. Für einen Moment bekam Marko Zweifel. Hatte er sich geirrt, einen harmlosen Messebesucher für ein Mitglied einer Diebesbande gehalten? Doch halt, was war das? Marko wollte seinen Augen nicht trauen. War es nicht so, als ob bei der zärtlichen Umarmung die Hand des Armes, der den zusammengelegten Mantel trug, für einen ganz kurzen Moment unter die Steppjacke der Dame geglitten war? Es war eine Bewegung, die Außenstehende für eine vertrauliche Zärtlichkeit halten konnten. Aber für Marko gab es kaum Zweifel: Da hatte soeben ein Stück Diebesgut den Besitzer gewechselt. Und tatsächlich: So zärtlich die Umarmung gewesen war, so abrupt endete sie, und die Frau wandte sich unvermittelt ab und strebte ziemlich eilig dem Südfoyer zu, so, als hätte es das zärtliche Intermezzo nicht gegeben. Marko setzte ihr nach. Aus den Augenwinkeln nahm er noch wahr, dass der Mann den Mantel vom Arm nahm, offenbar im Begriff, ihn nun anzuziehen.
Am Ausgang im Südfoyer stauten sich Menschenschlangen. Die Rothaarige hatte den Ausgang fast erreicht. »Haltet diese Frau auf, sie hat vermutlich etwas unter der Jacke versteckt!«, schrie Marko den Ordnern zu und drängte sich an der Schlange vorbei.
»Eine Unverschämtheit!«, zeterte die Frau. »Sehen Sie nicht, dass der Kerl mich bloß belästigen will? Er stellt mir schon länger nach!«
Der vor ihnen stehende Mann vom Ordnungsdienst warf einen prüfenden Blick auf Marko, dann auf die Frau, er schien nicht recht zu wissen, was er von der Sache halten sollte.
»Es handelt sich um eine entwendete Geldkassette, vermutlich wurde sie der Dame zugesteckt und befindet sich jetzt unter ihrer Jacke«, erklärte Marko.
»Sie glauben hoffentlich nicht seinen Frechheiten!«, schrie die Frau, die außer sich vor Wut zu sein schien. Der Ordner schickte sich an, sie durchzuwinken.
»Moment mal, ich würde die Sache nicht so einfach abtun«, kam Marko von hinten die Stimme eines älteren Mannes zu Hilfe. Marko fuhr herum. Er sah, dass der Herr von dem Computerspiele-Stand ihm nachgekommen war. »Zufällig habe ich die Dame schon mal auf einer anderen Messe gesehen. Auch in anderen Fällen werden Leute überprüft, warum sollte man nicht bei ihr eine Stichprobe machen? Wenn die Dame im Recht ist, kann sie sehr schnell für Klarheit sorgen – was ist schon dabei, wenn sie mal einen Blick auf die Innenseite der Jacke gestatten soll?«
