Der Fluch der 'Madonna' - Hendrik Davids - E-Book

Der Fluch der 'Madonna' E-Book

Hendrik Davids

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Beschreibung

Ron Blocksdorfs erster Fall: Als der Münsteraner Privatdetektiv Ron Blocksdorf zu einem Fall in eines seiner Lieblingsrestaurants an der Aa gerufen wird, nimmt er den Auftrag des Gaststättenbesitzers nur zu gerne an. Er wittert Abwechslung von dem langweiligen Geschäft tagelanger Ehegattenbeschattungen, mit denen er sich üblicherweise herumschlagen muß. Berkovic, Besitzer der Gaststätte "Madonna an der Aa", erhält seit einigen Tagen anonyme Drohbriefe, deren Zweck er sich nicht erklären kann, denn offensichtlich handelt es sich hierbei um keinen Erpressungsversuch der Gaststättenmafia, wie Blocksdorf zunächst vermutet. Vielleicht einfach nur Konkurrenz, die Berkovic verunsichern will? Doch der zunächst relativ harmlos scheinende Fall entwickelt sich sehr schnell zu einer ausgewachsenen Mordserie, in die Blocksdorf beruflich und auch privat durch sein Liebesverhältnis zu der in vieler Hinsicht außergewöhnlichen Halbägypterin Solea immer tiefer hineingezogen wird ... Dr. Hendrik Davids ist hier ein Roman-Debüt gelungenen, in dem er es versteht, die Kurzweiligkeit eines guten Krimis mit dem Geschehen der Weltpolitik und der Spannung eines Thrillers zu kombinieren.

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Hendrik Davids

Der Fluch der ›Madonna‹

Münster-Thriller

Handlung und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit wäre rein zufällig. Insbesondere sind auch die unmittelbar von der Romanhandlung betroffenen Betriebe und Unternehmen sowie die Vorgänge um sie reine Erfindung des Autors. Sie haben nichts mit Betrieben und Unternehmen zu tun, die tatsächlich existieren oder existierten.

Hendrik Davids

ImPrint eBook. Münster 2012

© 2004 ImPrint Verlag, Münster

[email protected]

www.imprint-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-936536-89-8

Teil I

Der einsame Baggersee glänzte in der Sonne des milden Frühlingsmorgens. Aus dem Autoradio drangen die Meldungen über neue Anschläge in Bagdad und nahe Kabul. Sonja Meinhold, eine selbstbewußte, attraktive Frau in den Vierzigern und zur Zeit noch mit dem Chef einer renommierten münsterischen Steuer- und Finanzberatersozietät verheiratet, öffnete mit einem Ruck den Verschluß ihres Kleides und ließ es langsam von ihrem durchtrainierten, sonnenstudiogebräunten Körper gleiten, auf dem sie bereits einen spärlichen Bikini trug.

Sie liebte es, an so einem schönen Frühlingsmorgen wie diesem eine Runde zu schwimmen, bevor sie ihr Tagewerk als Leiterin einer Modeagentur begann. Schade, daß ihr neuer Liebhaber sie an diesem Morgen nicht begleiten konnte, Arif, ein aus Saudi-Arabien stammender Geschäftsmann, den sie erst vor kurzem kennengelernt hatte, als er in ihrem Stammrestaurant über ihre Handtasche gestolpert war. Die lebenslustige Frau erinnerte sich gut an das erste Zusammentreffen mit dem weltgewandten Businessman, von dem so eine faszinierende Aura ausging. Ein offenbar wichtiger Termin hatte ihn in das Restaurant geführt. Sie interessierte sich nicht für seine Termine.

Sonja Meinhold holte tief Luft und ließ sich entschlossen ins Wasser gleiten. Nach kurzer Zeit hatte sie sich an die Kälte gewöhnt, und sie schwamm mit gleichmäßigen, kraftvollen Bewegungen weit hinaus. Hoch oben donnerte eine Urlaubermaschine über sie hinweg, die dieser Tage die ersten Sommertouristen vom nahegelegenen Flughafen zu den kanarischen Inseln beförderte oder an die türkische Riviera. Sonja Meinhold sah der Maschine nach, die in der Sonne des Frühlingsmorgens silbrig glänzte und langsam am Horizont entschwand, und schloß die Augen, um zu tauchen. Sie bemerkte nicht den Froschmann, der von hinten heranglitt. Zwei starke Arme, denen die schwarze Hülle aus Neopren ein unheimliches Aussehen verlieh, ergriffen ihre Unterschenkel und zogen sie in die Tiefe …

Eine halbe Stunde später dudelte das Autoradio immer noch. Der Baggersee schimmerte einsam in der mittlerweile schon etwas höher stehenden Sonne, und am Ufer lag das rote Kleid …

Erstes Kapitel

»Man droht uns damit, daß es hier aussehen wird wie nach einem Erdbeben«, eröffnete mir Berkovic, der seinen kroatischen Akzent auch nach all den Jahren nicht ganz losgeworden war. Er war ein Mann Ende Vierzig, von stattlicher Statur, der einen etwas schwermütigen Gesichtsausdruck hatte und auf den ersten Blick leicht verschlossen wirkte.

Der Tag, an dem ich ihn aufgesucht hatte, war ein wolkenloser Junitag. Die Domuhr schlug zwölfmal, ihre Schläge hallten über den Wochenmarkt auf dem Domplatz, wo die Händler aus dem Umland ihre Waren feilboten, während Schwärme von Studenten am Landesmuseum vorbei von Vorlesung zu Vorlesung radelten, und mischten sich am Prinzipalmarkt und am Drubbel mit den Schlägen von St. Lamberti, hallten hinunter über den Roggenmarkt und die Fußgängerpassage hinter dem Kiepenkerl bis zu dem Biergarten etwas abseits entlang der Ufermauer der Aa, an dessen Ende eine aus schwerer Eiche geschnitzte Gaststättentür zum Verweilen einlud, jetzt kaum zu sehen hinter dem Wald von Sonnenschirmen. Eine junge Kellnerin, die mit ihrem schmalem, ebenmäßigen Gesicht, der langen, pechschwarzen Mähne und der schlanken, rassigen Figur eine etwas südländische Ausstrahlung hatte, eilte auf Rollschuhen von Tisch zu Tisch.

Ich hatte das instinktive Gefühl, daß Gefahr in der Luft lag, als ich mein Rad am Rande des Biergartens an einem Laternenpfahl festschloß. Berkovic hatte mich schon erwartet. »Gehen wir hinein«, sagte er, schob eigenhändig ein paar Stühle aus dem Weg und führte mich zwischen den Tischen durch, wobei es mir gelang, ein hinreißendes Lächeln der attraktiven Dunkelhaarigen zu erhaschen. »Bei diesem Wetter sind wir drinnen ungestört.«

Wir gingen durch einen schlauchartigen Gang zwischen düsteren Nischen hindurch, auf die Theke zu und dann rechts herum. Das Innere des Restaurants mit seinen weitläufigen, verschachtelt gebauten Gasträumen war in Halbdunkel getaucht und angenehm kühl. An einem Sommertag wie diesem ein Gefühl, als ob man in eine Höhle käme, dachte ich und mußte mich zusammenreißen, um nicht in Urlaubsträume zu verfallen.

Ich war schon einige Male hier gewesen. Gerade nach Überwachungsjobs im Großstadtgewühl war die gemütliche »Madonna an der Aa« mit ihrem liebevoll gestalteten Interieur aus roh gemauerten Bögen und grottenartigen Nischen, ihrem verwinkelten Klinkermauerwerk mit fensterartig in die Wände eingelassenen Spiegeln und Lämpchen davor, der tavernenartigen Pergola und dem friedlich plätschernden Springbrunnen immer eine Oase der Ruhe, in der ich mich fühlte wie in einer entlegenen Welt. Ein Bild erinnerte daran, daß vor langer Zeit hier einmal ein Armenhaus stand, das auf eine Stiftung einer vornehmen Dame zurückging und in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts einem modernen Büro- und Gewerbekomplex weichen mußte, weil die Grundstückseigentümerin, eine kirchliche Organisation, auf die Idee gekommen war, daß sich das Stück Innenstadt so gewinnbringender nutzen ließ. Und außerdem glaubte man damals nach dem »Wirtschaftswunder«, daß Armenhäuser in Deutschland endgültig ausgedient hätten.

»Das hier nennen wir den ›Spiegelsaal‹, da halten wir für gewöhnlich unsere Konferenzen ab«, erläuterte Berkovic und entfernte ein dickes Hanfseil, das einen bogenförmig gemauerten Durchgang abgesperrt hatte, hinter dem sich der Nebenraum mit den in die Wände eingelassenen Spiegeln befand. Eine raffiniert angelegte, indirekte Beleuchtung erhellte die Decke, unter der eine an mediterrane Tavernen erinnernde Pergola den Raum überdachte. Eine alte Standuhr tickte friedlich in einer Mauerecke. Wir setzten uns an einen Tisch in der Nähe des Durchgangs, von wo aus man die Theke im Auge behalten konnte. Ich warf einen kritischen Blick auf die gewagte Deckenkonstruktion über uns.

»Beim Umbau stand uns ein erfahrener Statiker zur Seite«, versicherte mir Berkovic.

Die dunkelhaarige Rollschuhläuferin erschien, setzte ihr schönstes Lächeln auf und fragte nach unseren Wünschen.

»Danke, Solea, ich mach’ das schon, geht selbstverständlich auf Kosten des Hauses«, sagte Berkovic. Sie entfernte sich mit elegantem Schwung, wobei es mir gelang, noch einmal ein strahlendes Lächeln zu erhaschen.

Wir entschieden uns für ein kühles alkoholfreies Bier, und Berkovic ging hinter die Theke, um zwei Flaschen und zwei eisgekühlte Tulpengläser zu holen. Leise klang aus einer Stereoanlage am Tresen die monotone Stimme des Nachrichtensprechers von ›Antenne Münster‹ zu mir herüber, der meldete, daß die Ermittlungen zum rätselhaften Tod einer 44jährigen Münsteranerin in einem Baggersee noch nicht abgeschlossen seien, aber vieles auf einen Badeunfall hindeute. Ich konzentrierte mich darauf, meine Umgebung noch einmal genauer zu betrachten. Vier gewaltige aus rohen Ziegelsteinen gemauerte Bögen, die aus allen Himmelsrichtungen kamen, überspannten den vorderen Teil des Hauptraums, in dem sich auch der Springbrunnen befand, und liefen zusammen in einer wuchtigen Säule, auf der ein Tonkübel stand, in dem Grüngewächse wucherten. Weiter hinten bildeten gemauerte Bögen die Zugänge zu den unzähligen Nischen. An dem mächtigen Bogen, der über die Theke hinwegging, war ein riesiger Rotor aufgehängt, wie man ihn aus südlichen Ländern kennt. Glücklicherweise kam Berkovic zurück zu unserem Tisch, bevor ich mich ein zweites Mal zusammenreißen mußte, um nicht in Urlaubsträume zu versinken.

»Um es kurz zu machen: Es geht darum, daß ich Drohbriefe erhalte«, begann Berkovic, als wir uns gegenübersaßen.

»Gaststättenmafia?« war meine erste Vermutung.

Der Gaststättenunternehmer schüttelte energisch den Kopf. »Das ist nicht deren Handschrift. Die würden sich hüten, etwas schriftlich von sich zu geben. Außerdem ginge es denen um Geld. Aber gerade darum, um Schutzgeld-Erpressung, handelt es sich hier offenkundig nicht. Es handelt sich nur um Drohungen. Mal droht man, mir die Bude in Brand zu stecken, mal damit, mir die Steuerfahndung auf den Hals zu hetzen. Es ist bis jetzt noch keine Geldforderung gestellt worden.« Er beugte sich vor zu mir. »Nein, nein, wer auch immer die Briefe schickt, er will nicht mein Geld, er will mich einschüchtern, terrorisieren, in Angst und Schrecken versetzen.«

»Kann ich die Briefe einmal sehen?« fragte ich.

Berkovic zog ein paar zusammengefaltete Papiere aus dem Revers seines schwarzen Anzugs. Die Schreiben entsprachen seinen Angaben und waren vermutlich mit Hilfe einer handelsüblichen PC-Anlage produziert worden. Auch das Papier war sicherlich handelsüblich, und nach Fingerabdrücken des Täters würde man natürlich vergeblich suchen. Gemeinsam war allen Briefen außerdem, daß sie höchstens aus ein paar Sätzen bestanden.

»Der ist erst heute gekommen.« Berkovic deutete auf einen der Briefe, und mir war, als ob er – eine sicherlich hartgesottene Unternehmernatur – dabei ein leichtes Zittern seiner Finger zu unterdrücken versuchte. »Haben Sie gestern in den Nachrichten die Bilder von dem Restaurant nach dem Bombenanschlag gesehen?« stand auf dem Papier. »Keine Angst, Berkovic, so was machen wir nicht. Wir haben uns für Leute wie Sie was viel Besseres ausgedacht.«

»Haben Sie eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte?« wollte ich wissen.

Berkovic schüttelte abermals den Kopf. »Nein, überhaupt nicht. Ich habe natürlich Konkurrenten, auch Neider. Aber wirkliche Feinde, denen so etwas zuzutrauenwäre, habe ich nicht. Weder privat noch in Gastronomen-Kreisen.«

Ich hatte plötzlich eine Idee. »Wie ist eigentlich Ihr Pachtverhältnis? Alles in Ordnung damit? Oder ist es gespannt?«

»Sie meinen, es könnte sein, daß man mich hier herausekeln will? Fehlanzeige. Gebäudeeigentümerin ist eine kirchennahe Organisation, da ist bekanntlich in geschäftlichen Dingen nicht gerade christliche Milde zu erwarten, aber unseriöse oder gar kriminelle Praktiken sind ihnen nicht zuzutrauen, auf keinen Fall. Auch die Brauerei ist da über jeden Verdacht erhaben.«

Ich kratzte mit dem Kugelschreiber über meinen Notizblock. »Eine andere Frage: Wie war Ihre Haltung während des Balkankrieges?«

Berkovic wirkte etwas ratlos. »Wie Sie wahrscheinlich schon wissen werden, bin ich gebürtiger Kroate. Natürlich habe ich während dieses unglückseligen Krieges Geld nach Hause geschickt, soweit es im Rahmen meiner Möglichkeiten lag, aber politisch engagiert war ich nie. Es war für mich auch eine Selbstverständlichkeit, daß mein damaliger Oberkellner, obwohl er Serbe war, bei mir bleiben sollte – er war mein bester Mann, vom Chefkoch einmal abgesehen –, aber er ist von sich aus gegangen.«

»Die Sache mit den Drohbriefen könnte auch etwas mit Gästen Ihres Restaurants zu tun haben«, erklärte ich. »Was können Sie mir dazu sagen?«

»Meine Gäste kommen aus allen Altersgruppen und aus allen sozialen Schichten«, antwortete Berkovic nicht ohne Stolz. Dem behäbig wirkenden Mann war anzumerken, daß er wieder ganz in seinem Element war. »Sogar ein früherer Bundespolitiker – Sie wissen, der mit den vielen Skandalen – kam schon mal her. Oft werden auch Tische bestellt für größere Gesellschaften – Kegelclubs oder Leute, die was zu feiern haben, zum Beispiel Betriebsjubiläen, Geburtstage oder Promotionen. Ich habe sogar ein paar Nischen wieder herausgerissen, um Platz zu schaffen für größere Tafeln. Nur der Anteil junger Leute ist nicht mehr so wie früher.« Er machte eine Handbewegung. »Wissen Sie, als das hier neu war, strömten die Pärchen in Scharen herein, um in einer Nische bei Kerzenlicht feurige Balkanspezialitäten zu genießen. Böse Zungen behaupteten damals sogar, hier werde einem gleich nach dem letzten Bissen der Teller weggerissen, um möglichst bald den Platz wieder frei zu haben für wartende Gäste. Das ist nun schon lange her. Aber wir arbeiten daran, durch preisgünstige Studententeller, Fitnessteller und vegetarische Gerichte unsere Beliebtheit bei jungen Leuten zurückzugewinnen.«

Die Dunkelhaarige erschien, in ihrem Schlepptau ein alter Herr. Mit ihrem entzückendsten Lächeln wandte sie sich an ihren Chef. »Opa Bäumer würde gerne noch ein Bier trinken, aber seine Rente ist noch nicht gekommen. Darf ich für ihn einen Deckel anlegen?«

»Wir geben ihm ein Bier aus«, entschied Berkovic und wischte sich mit einem Taschentuch über sein rotes Gesicht. »Auch hier drinnen wird’s jetzt langsam heiß. Kannst du mal den Venti anstellen, mein Engel?«

Die Dunkelhaarige, jetzt nicht mehr auf Rollschuhen, warf ihm einen sorgenvollen Blick zu und entfernte sich in Richtung Theke. Täuschte ich mich, oder war da so etwas wie eine engere Vertrautheit zwischen beiden? War er ihr väterlicher Freund und sie so eine Art Adoptivtochter für ihn? Oder war es mehr? Man erzählte sich, daß Berkovic Witwer sei und ein Mann ohne Angehörige. Es war ihm zu gönnen, wenn er einen Menschen hatte, der ihm das Gefühl gab, nicht allein im Leben zu stehen.

Mir blieb keine Zeit für weitere Spekulationen. Solea hatte den Schaltkasten hinter der Theke erreicht und betätigte einen Kippschalter. Mit leisem Surren setzte sich über ihr der riesige Rotor des Ventilators in Bewegung, er schien schlecht ausgewuchtet zu sein und geriet gefährlich ins Trudeln, und dann passierte es – verdammt, war in dem Bier doch Alkohol gewesen, oder schwankte nicht ich, sondern der mächtige gemauerte Bogen unter der Decke? Und dann sah ich es – waren da nicht auf einmal zwei häßliche Risse? Mit wenigen Sätzen war ich an der Theke, packte die dunkelhaarige Schönheit und riß sie aus der Gefahrenzone. Mit ohrenbetäubendem Krachen brach der riesige gemauerte Bogen herunter und begrub die Theke unter seinem Schutt. Einige Brocken hatten die schwere eichene Thekenplatte durchschlagen. Eine mächtige Staubwolke zerstob über dem Schutthaufen.

Berkovic war aschfahl im Gesicht geworden und wirkte wie gelähmt. Die junge Kellnerin zitterte am ganzen Körper und klammerte sich, noch unter einem Schock stehend, an mich. Ich konnte ihren rasenden Herzschlag spüren. Ihr Gesicht war jetzt ganz nah bei mir, und alles Lächeln war daraus gewichen. Ich sah, daß sie wirklich ein sehr hübsches Mädchen war. Ich glaubte in ihrem Antlitz ein exotisch-fremdländisches Moment entdecken zu können, vielleicht hatte sie türkische oder arabische Vorfahren. Jetzt, da sie nicht lächelte – und bisher lächelte sie sehr viel –, war es ein sehr ernstes Gesicht, und es war sogar eine ganz leise Andeutung eines harten Zuges darin. Eine junge Frau, die schon viel durchgemacht hat, sagte mir meine Erfahrung – langjährige Erfahrung als Privatdetektiv wie auch als Mann. Ich mochte solche jungen Frauen, die durch das Leben gereift waren. Nun ja, vielleicht hing es mit ihrer ausländischen Herkunft zusammen.

»Verdammt, die haben Ernst gemacht!« hustete sie, während ich kurzerhand ein paar in Reichweite der Theke liegende Fenster aufriß. »Bitte, Sie müssen uns helfen, Herr Blocksdorf!«

Ich wandte mich Berkovic zu, der voller Staub und leichenblaß war und immer noch wie erstarrt. »Kann es sein, daß beim Einbau gepfuscht wurde?« fragte ich.

Der Gaststättenunternehmer schüttelte mit Nachdruck den Kopf. »Die Umbauarbeiten waren von einem Architekten geplant und wurden von einer Spezialfirma unter der Aufsicht eines Statikers durchgeführt, Genehmigung und Bauabnahme waren ordnungsgemäß. Alles einwandfrei. Die waren bombenfest, die Bögen. Es gibt für mich im Moment nur eine Erklärung: Jemand muß sich heimlich Zutritt zu meinem Restaurant verschafft und womöglich mit einer Mauersäge den Bogen angesägt haben, so daß er durch die vom Ventilator verursachte Erschütterung zusammenbrechen mußte. Eine teuflische Falle. Wahrscheinlich war sogar der Ventilator präpariert – haben Sie gesehen, daß er beim Anlaufen eine ziemliche Unwucht hatte? Die Schwingungen waren dadurch stärker als gewöhnlich.«

Ich ließ meinen Blick über den Trümmerhaufen schweifen, der sich dort befand, wo bis vor wenigen Minuten noch die Theke gewesen war. »Es ist wohl überflüssig, zu fragen, wer normalerweise dahintersteht.«

»Ich selbst«, sagte Berkovic, dessen Gesicht langsam wieder seinen früheren, geröteten Farbton annahm. »Da besteht gar kein Zweifel, der Anschlag galt mir.« Er wirkte nun wieder völlig gefaßt und drückte mir mit einer etwas hilflos erscheinenden Geste die Hand, es war ein fester Händedruck. »Wir haben wahnsinniges Glück im Unglück gehabt, weil Sie so geistesgegenwärtig waren. Wie furchtbar, wenn es Solea an meiner Stelle erwischt hätte! Und Glück im Unglück war es auch, daß sich wegen des märchenhaften Biergartenwetters keine Gäste in den Innenräumen aufgehalten haben, als es passierte!«

Wir konnten unser Gespräch nicht fortsetzen, denn einige der wie immer an einem gewöhnlichen Mittwoch nicht allzu zahlreichen Mittagsgäste waren nach dem bis in den Biergarten hörbaren Krachen, von Neugier getrieben, allmählich hereingekommen und blickten mit erschreckter Miene auf den Schutthaufen, von dem sich die Staubwolken nur langsam verzogen. Berkovic, der seine alte Selbstsicherheit wiedergefunden zu haben schien, zögerte nicht lange und tat, was in einer solchen Situation von ihm erwartet wurde. Langsam begann ich, diesen Mann zu bewundern, der offenkundig gerade erst einem Mordanschlag entgangen war und es trotzdem schaffte, etwas auszustrahlen, was die Gäste beruhigte. Er soll ja noch unter dem alten Tito einmal Offizier der jugoslawischen Armee gewesen sein, dachte ich. Kein Wunder, daß er so schnell wieder alles im Griff hat!

»Sie sehen es ja«, erklärte der Gaststättenunternehmer mit fester Stimme und trat vor die Gäste hin. »Es ist nichts Schwerwiegendes passiert, obwohl das Ganze auf den ersten Blick so wirkt wie nach einem Bombenangriff. Bei Stemmarbeiten eines Handwerkers an einem Belüftungskanal ist ein Stück der Deckendekoration heruntergekommen. Glücklicherweise wurde dabei aber niemand verletzt. Wir müssen allerdings für ein paar Tage schließen, um den Schaden zu beheben und um alles gründlich überprüfen zu lassen.«

Während seiner Worte hatten sich die Mienen der Gäste sichtlich entspannt, auf den Gesichtern machte sich Erleichterung bemerkbar. »Wir werden Tag und Nacht arbeiten und die Wiedereröffnung rechtzeitig bekanntgeben«, fügte Berkovic hinzu. »Und natürlich wäre es uns ein Vergnügen, Sie in unserem Restaurant, das dann genauso schön sein wird wie bisher, wieder als Gäste begrüßen zu dürfen. Als kleine Entschädigung für den Schrecken, den Ihnen die ganze Sache – bedauerlicherweise – wohl doch eingejagt hat, geht selbstverständlich alles, was Sie heute verzehrt oder getrunken haben, auf Kosten des Hauses. Und für den Fall, daß Sie etwas Besonderes zur Beruhigung brauchen, gibt’s dazu noch ein paar Probefläschchen von einem guten Tropfen aus meiner Heimat, der Wunder wirken soll. Das Lager ist geöffnet. Solea?«

Zehn Minuten später waren alle Gäste verschwunden, und ein Schild »vorübergehend geschlossen« hing an der Tür.

»Wir sollten die Polizei holen«, stellte ich fest, als wir unter uns waren.

Berkovic schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Um Himmels Willen, Polizei! Dann kommt die Sache mit Sicherheit in die Presse, und Sie wissen, was das bedeutet! Es ist doch niemand zu Schaden gekommen, dank Ihrer Geistesgegenwart! Selbstverständlich werde ich sofort einen Statiker bestellen und jeden Quadratzentimeter meiner Einbauten genauestens unter die Lupe nehmen lassen, ich will schwarz auf weiß haben, daß in dieser Hinsicht alles Menschenmögliche für die Sicherheit meiner Gäste getan worden ist. Aber Polizei zum jetzigen Zeitpunkt…? Übrigens ist ja bei genauerer Betrachtung der Angelegenheit auch gar nicht sicher, daß eine Straftat verübt wurde, wie wir sie vermuten. Es kann auch eine andere Erklärung geben.«

Er ging zu einem Fenster und wies mit der Hand auf die andere Straßenseite. »Direkt gegenüber befindet sich, wie Sie wissen, die Tibus-Tiefgarage. Als damals die großen Tiefgaragen in Münsters Innenstadt gebaut wurden, war in der Presse ziemlich viel darüber zu lesen, daß dabei der Grundwasserspiegel abgesenkt wurde, wodurch in der Innenstadt erhebliche Bauschäden entstanden, auch verschiedene Kirchen und Universitätsgebäude bekamen Risse. Und außerdem stellt der Fließsand ein Problem dar für die Statik der Gebäude, die hier stehen. Der gemauerte Bogen hatte vielleicht schon seit langer Zeit Haarrisse, die niemand bemerkte.«

Er machte eine Pause. »Und die Drohbriefe können auch ein ziemlich übler Scherz gewesen sein. Aber Sie werden das schon herausfinden, Herr Blocksdorf. Immerhin sind Sie von mir mit den Ermittlungen beauftragt, und Sie können sicher sein, daß von meiner Seite alles getan wird, um Ihre Ermittlungen zu unterstützen.«

Mir war klar, daß man die Sachen, die vorgefallen waren, auch so sehen konnte, wie er gesagt hatte. »Gut – wenn Sie unter diesen Umständen die Polizei vorerst aus dem Spiel lassen wollen, so ist das Ihre Entscheidung, die Sie zu verantworten haben«, lenkte ich ein, obwohl mir nicht ganz wohl dabei war. »Auf jeden Fall werde ich mich mal in der Nachbarschaft und oben im Hause umtun, um festzustellen, ob jemand etwas Verdächtiges gehört hat.«

»Dabei werden Sie vermutlich kein Glück haben«, meinte Berkovic bedauernd. »Lauter Einzelhandelsfirmen, Versicherungsbüros, Holdinggesellschaften, Ärzte, Rechtsanwälte und ein Architekturbüro, da oben im Dachstudio. Nicht einmal der Hausmeister hat seine Wohnung hier im Haus oder wenigstens nebenan, und ich selbst wohne ja auch nicht hier, wie Sie wissen, es war uns einfach zu laut. Vor allem meiner Frau, die damals noch lebte.« Er unterbrach sich. »Doch halt, vielleicht haben Sie Glück! Da ist dieses komische Institut, direkt über uns! Institut für alternative Völkerkunde oder so ähnlich. Gehört zur Universität. Der Professor, der das Institut leitet, hätte, wenn Sie mich fragen, ‘nen Ehrenplatz in der Galerie der münsterischen Originale verdient. Ein Sonderling. Aber sagen Sie ihm bloß nicht, daß ich so über ihn geredet habe, er kommt gelegentlich zum Essen hierher. Sein Hobby ist die Indianer- und Westernforschung. Seit dem Tode seiner Frau geht Prof. Degenhart manchmal, wenn er bis in die späten Abendstunden an seinem Forschungsvorhaben gesessen hat, gar nicht nach Hause. ›Büroübernachtung‹ nennt man sowas.«

Der Hinweis schien mir wichtig zu sein.

»Sie können direkt von hier aus ins Treppenhaus«, erklärte mir Berkovic, weil er sah, daß ich den Ausgang anpeilte. Er führte mich zu der Wand gegenüber der Theke und schob einen Wandteppich zur Seite, hinter dem sich, wie ich vermutet hatte, eine Stahltür verbarg. Hinter ihr lag ein kleiner Korridor. Rechts war eine Tür mit der Aufschrift »Büro« und vor uns wieder eine Stahltür, die Berkovic nun aufschloß. »Viel Glück, Mr. Sherlock Holmes«, wünschte er mir noch, und ich fand mich im Treppenhaus wieder.

Zweites Kapitel