Die Tochter des Schmieds - Selim Özdogan - E-Book

Die Tochter des Schmieds E-Book

Selim Özdogan

4,8
7,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

„Glanz meiner Augen“ nennt der Schmied seine Lieblingstochter Gül. Weil ihre Mutter, die schön war wie ein Stück vom Mond, früh stirbt, glaubt das Mädchen, besonders auf seine jüngeren Schwestern achtgeben zu müssen. Gül ist klein, aber stark, vor allem jedoch kann sie lieben und weiß, daß man sich von nichts schrecken lassen darf. Schlicht und poetisch erzählt Selim Özdogan vom Leben in einem anatolischen Städtchen, vom Geschmack der Sorglosigkeit im Sommer, von Sprüchen der Ahnen und ungeduldigen Wünschen der Jungen. Die Geschichte von Gül ist voll Zärtlichkeit, Leid und Sehnsucht wie der anatolische Blues.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 479

Bewertungen
4,8 (24 Bewertungen)
18
6
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Selim Özdogan

Die Tochter des Schmieds

Roman

Aufbau-Verlag

[Menü]

Impressum

ISBN E-Pub 978-3-8412-0100-3ISBN PDF 978-3-8412-2100-1ISBN Printausgabe 978-3-7466-2734-2

Aufbau Digital,veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, 2011© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, BerlinDie Erstausgabe erschien 2005 bei Aufbau

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau DiStefano, Berlinunter Verwendung eines Fotos von ©getty-images/Vincenzo Lombardo

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Menü

Buch lesen

Innentitel

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Inhaltsübersicht

I

II

III

Der Autor dankt

[Menü]

|5|Es ist natürlich zweifelhaft, ob es wirklich so war, aber was wir nicht wissen, das wissen wir nicht.

Michail Bulgakow

Unser Leben ist endlich, das Wissen ist unendlich. Mit dem Endlichen etwas Unendlichem nachzugehen ist gefährlich.

Dschuang Dsi

[Menü]

|7|I

– Mach meinen Mann nicht zum Mörder, habe ich ihm gesagt, halt an, mach meinen Mann nicht zum Mörder. Halt an, und laß mich raus, und dann verpiß dich, so schnell du kannst.

Timur atmet hörbar aus und wendet kurz seinen Kopf ab, damit Fatma nicht sieht, wie seine Augen feucht werden. Sein Atem geht noch schwer. Er ist dankbar, er ist so dankbar dafür, daß das Schicksal diese Frau für ihn bestimmt hat. Sie muß am Tag seiner Geburt schon in sein Buch des Lebens geschrieben worden sein. Er weiß nicht, wie ihm geschehen ist, wo die Zeit geblieben ist.

Gestern noch war er ein kleiner Junge, der barfuß in zerschlissenen Hosen mit seinen Freunden Birnen aus dem Garten des Nachbarn klaute. Der Nachbar hatte die Diebe entdeckt, alle hatten es gemerkt und waren geschwind über die Mauer gesprungen, die Hosentaschen und das Hemd voller Birnen. Alle bis auf Timur, der mal wieder etwas zu langsam gewesen war. Er konnte genauso schnell laufen wie die anderen, doch er verpaßte stets den Zeitpunkt, sich aus dem Staub zu machen. Nun stand er da, starr vor Schreck, und der Nachbar lief an Timur vorbei bis zur Mauer und brüllte den Flüchtenden hinterher:

– Kommt zurück. Kommt zurück, und gebt Timur wenigstens eine Birne ab. Tolle Freunde seid ihr.

Dann drehte er sich zu Timur um und sagte nur: Lauf. Und Timur traute sich nicht an dem Nachbarn vorbei und lief einmal quer durch den Garten und sprang auf der anderen Seite über die Mauer.

Gestern noch war er ein kleiner Junge gewesen, nicht besonders gut in der Schule, nicht besonders geschickt, nicht |8|besonders angesehen unter seinen Freunden. Bis er anfing, seinem Vater in der Schmiede zu helfen, den schweren Blasebalg zu bedienen und große Eimer voller Wasser zu holen, in das Necmi die glühenden Eisen tauchte. Dort hatte Timur Muskeln bekommen, in der Werkstatt hatte er sich als tüchtig und unermüdlich erwiesen. Er hatte schnell gelernt, und es hatte ihm gefallen, den ganzen Tag bei seinem Vater zu sein. Es hatte ihm auch gefallen, seine neuen Kräfte auszuprobieren. Er, der früher Rangeleien aus dem Weg gegangen war, ließ nun keine Gelegenheit mehr aus, um seine Überlegenheit zu beweisen.

Timur hatte eine Schwester, Hülya, und er konnte sich noch gut der Nacht entsinnen, in der sie geboren wurde, obwohl er damals gerade mal fünf Jahre alt war. Er erinnerte sich an die Aufregung im Haus und vor allem an das entschlossene Gesicht seines Vaters und dessen Schwur, er würde die Füße dieses Mädchens öffnen lassen, koste es, was es wolle. Öffnen, das war das Wort, das er gebrauchte. Hülyas Füße zeigten nach innen, die großen Zehen berührten sich, und niemand, der es sah, glaubte, daß sich das auswachsen würde.

– Gott will uns prüfen, hatte Timurs Mutter Zeliha mit tränenerstickter Stimme gesagt, und Necmi hatte geantwortet:

– Wenn es eine Möglichkeit gibt, werde ich sie finden.

Doch der Arzt hatte gesagt, daß er hier nichts für das Kind tun könne, Necmi müsse Hülya nach Ankara bringen, wenn er wolle, daß ihr geholfen werde. Dort gab es Spezialisten. Er mußte sie nach Ankara bringen, und das würde nicht billig werden.

Necmi hatte Geld, und obwohl Zeliha sich sträubte, setzten sie sich schließlich in den Zug und fuhren in die große Stadt.

– Das ist Gottes Wille, daß ihre Füße geschlossen sind, hatte Zeliha zu ihrem Mann gesagt, doch er hatte sie einfach ignoriert.

In Ankara erklärte ihnen der Arzt, das Mädchen sei noch zu klein, sie sollten in zwei, drei Jahren wiederkommen, dann |9|würde er sie operieren, aber versprechen könnte er nichts. Und es würde kosten.

Unauffällig stieß Zeliha Necmi an. Sie saßen nebeneinander im Behandlungsraum, die Kleine auf Zelihas Schoß. Necmi trat seiner Frau auf den Fuß, erhob sich und verabschiedete sich mit seiner Mütze in der Hand. Draußen auf dem staubigen Gang sagte er:

– Frau, ich kann nicht mit einem Arzt feilschen, ich bin kein Teppichhändler, ich bin Schmied. Und auch er ist kein Teppichhändler. Mir ist jeder Preis recht, wenn dieses Mädchen gesund wird. Ich habe einen Schwur getan.

– Wir werden noch Hunger leiden, nur weil du dir etwas in den Kopf gesetzt hast. Hätte der Herr dir zu deiner Sturheit doch auch noch etwas Verstand gegeben, fügte sie leise hinzu.

Sie schliefen in einem billigen Hotel und fuhren am nächsten Tag mit einem Lastwagenfahrer, der aus ihrer kleinen Stadt kam, zurück. Zeliha hatte das eingefädelt. Es dauerte noch länger als mit dem Zug und war auch unbequem, doch es war billiger.

Ihr Mann war nahezu wohlhabend zu nennen, aber nur weil sie es immer wieder schaffte, seine Verschwendungssucht einzudämmen, und hier und da mit ein paar kleinen Geschäften etwas dazuverdiente. Am Abend vor der Heimfahrt hatte Necmi sie in ein Lokal ausgeführt und hatte eine kleine Flasche Rakı getrunken, und sie hatten Kebab gegessen. Als würden Brot und Käse und Tomaten und Zwiebeln und ein Glas Wasser nicht reichen. Nein, dieser Mann konnte nicht mit Geld umgehen, nur sie wußte, wie man es zusammenhielt und vermehrte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!