DIE TOCHTER. Du dachtest, niemand würde es je erfahren - Megan Miranda - E-Book

DIE TOCHTER. Du dachtest, niemand würde es je erfahren E-Book

Megan Miranda

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Beschreibung

Kein Geheimnis bleibt auf ewig verborgen

Der neue Kleinstadt-Thriller der amerikanischen New-York-Times-Bestsellerautorin Megan Miranda – atmosphärisch, spannend und voller unerwarteter Wendungen.

Die Dürre hat die Kleinstadt Mirror Lake fest im Griff, als Hazel in ihre Heimat zurückkehrt. Ihr Vater, der angesehene Detective des Ortes, ist verstorben. Während die Kleinstadtgemeinde um Perry Holt trauert, fragt sich Hazel, warum er ihr das Haus am See vermacht hat. Und nicht ihren Brüdern.

Die Anspannung unter den Geschwistern wächst von Tag zu Tag, und Hazel sieht sich mit unliebsamen Erinnerungen konfrontiert. Als die Trockenheit die Wasserlinie des Sees weiter zurückdrängt, gibt dieser Geheimnisse preis, die jahrelang unter der Oberfläche verborgen lagen. Wird der See auch eine Antwort auf die Frage geben, was mit Hazels Mutter geschah – einer Kriminellen, die einst spurlos verschwand?

»Mirandas sehnsüchtig erwarteter neuer Thriller ist schlicht unaufhaltsam in seiner sich langsam, aber unerbittlich aufbauenden Spannung ... Ein weiterer, ungemein atmosphärischer Hit der Autorin!« Elle über »Die Tochter««

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Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kein Geheimnis bleibt auf ewig verborgen

Der neue Kleinstadt-Thriller der amerikanischen New-York-Times-Bestsellerautorin Megan Miranda – atmosphärisch, spannend und voller unerwarteter Wendungen.

Die Dürre hat die Kleinstadt Mirror Lake fest im Griff, als Hazel in ihre Heimat zurückkehrt. Ihr Vater, der angesehene Detective des Ortes, ist verstorben. Während die Kleinstadtgemeinde um Perry Holt trauert, fragt sich Hazel, warum er ihr das Haus am See vermacht hat. Und nicht ihren Brüdern.

Die Anspannung unter den Geschwistern wächst von Tag zu Tag, und Hazel sieht sich mit unliebsamen Erinnerungen konfrontiert. Als die Trockenheit die Wasserlinie des Sees weiter zurückdrängt, gibt dieser Geheimnisse preis, die jahrelang unter der Oberfläche verborgen lagen. Wird der See auch eine Antwort auf die Frage geben, was mit Hazels Mutter geschah – einer Kriminellen, die einst spurlos verschwand?

»Mirandas sehnsüchtig erwarteter neuer Thriller ist schlicht unaufhaltsam in seiner sich langsam, aber unerbittlich aufbauenden Spannung … Ein weiterer, ungemein atmosphärischer Hit der Autorin!« Elle über Die Tochter

Megan Miranda zählt in ihrem Heimatland USA zu den erfolgreichsten Thriller-Autorinnen. Auch in Deutschland erobert sie regelmäßig die Top Ten der SPIEGEL-Bestsellerliste, zuletzt mit Sieben Stunden. Megan Mirandas Markenzeichen sind clevere Plottwists, die selbst ihre größten Fans nicht kommen sehen – bis zur letzten Seite. So garantiert auch ihr neuer großer Thriller Die Tochter atemlose Spannung mit Gänsehautfaktor. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in North Carolina.

Außerdem von Megan Miranda lieferbar:

Tick Tack

Little Lies

Bad Dreams

Das Sommerhaus

Der Pfad

Sieben Stunden

Die Tochter

Megan Miranda

DIE TOCHTER

Du dachtest, niemand würde es je erfahren

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Melike Karamustafa

Die Originalausgabe erschien 2024

unter dem Titel Daughter of Mine

bei Marysue Rucci Books, an Imprint of Simon & Schuster, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2024 der Originalausgabe by Megan Miranda, LLC

Copyright © 2026 der deutschsprachigen Ausgabe by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Annika Krummacher

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München, nach einem Entwurf von Pete Garceau

Umschlagmotiv: © iStock / shaunl; iStock / draganab; iStock/Joshua Moore

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-31632-7V001

www.penguin-verlag.de

Für meine Familie

Prolog

Die Dürre begann im Westen. Wir verfolgten in den Nachrichten, wie die Pegel in Stauseen und natürlichen Gewässern sanken und langsam deren Geheimnisse und Geister preisgaben. Der Great Salt Lake drohte plötzlich vollkommen zu verschwinden und die giftigen Stoffe freizugeben, die an seinem Grund lagerten. An den Rändern des schrumpfenden Lake Mead tauchten Skelette auf – in Fässern, in Booten oder einfach nur als Knochen, die an der ausgetrockneten Uferlinie lagen. Vermisste Personen waren endlich gefunden. Und bislang unbekannte Verbrechen waren mit einem Mal aufgedeckt.

Wir verfolgten die Nachrichten aus sicherer Entfernung in unserer Enklave an der Ostküste, wo Süßwasserflüsse den Berg hinabflossen und unsere Seen speisten. Wir schauten von den Sofas in unseren Wohnzimmern zu, vor deren Fenstern sich üppige Wälder erstreckten – das Versprechen der grünen Landschaft North Carolinas. Wir wähnten uns in Sicherheit, hielten uns für immun.

Die Dürre kam mit Verspätung zu uns, so wie alles andere auch – die neuesten Modetrends oder das Highspeed-Internet. Allmählich wurde das verfaulte Holz unter den Bootsstegen sichtbar, weich und schwarz. Boote wurden auf Trockenliegeplätze gezogen oder weiter draußen vertäut, wo sie nachts wie Geisterschiffe auf der Wasseroberfläche schaukelten.

Uns wurde gesagt, dass wir den Rasen nicht bewässern, kein Boot von Gemmas Creek aus zu Wasser lassen dürften, uns aber keine Sorgen machen sollten. Selbst als nach und nach immer mehr Dinge zum Vorschein kamen: Äste und Stämme, die sich aus dem See streckten, und Bierflaschen, die halb im Schlamm versunken waren.

Im Westen gab es Leichen. Wir hingegen waren weniger schrill, weniger anfällig für Dramen und sensationsheischende Ereignisse. Wir mochten unspektakuläre Verbrechen und gelöste Kriminalfälle – das war das Motto meines Vaters. Er war einer der Letzten einer aussterbenden Art. Ein Detective, dem weder Verfolgungsjagden noch Gerechtigkeit einen Adrenalinstoß verpassten. Ganz anders als das Verlangen, das ich in meiner Jugend verspürt hatte: Zeige mir ein Unrecht, damit ich den Täter bestrafen kann.

Als uns die Dürre schließlich einholte, überraschte es mich also nicht, dass das Erste, was die Aufmerksamkeit auf sich zog, weder eine Leiche noch ein Fass mit giftigem Inhalt oder eine Ansammlung von Knochen war, sondern etwas Leiseres. Etwas, das wir zuerst nicht verstanden.

Leiser, aber nicht weniger gefährlich.

Teil 1

Vater

Kapitel 1

62 Tage ohne Regen

Mittwoch, 15. Mai

17:30 Uhr

Niederschlagsmenge: null

Sie holten das Auto am selben Tag aus dem See, an dem die Gedenkfeier für meinen Vater stattfand, zwei voneinander unabhängige, aber gleichermaßen berichtenswerte Ereignisse: Etwas Verlorenes. Etwas Gefundenes.

Mein Vater war seit über drei Wochen tot, und ich hatte festgestellt, dass ich die Zeit seitdem auf eine andere Weise maß. Eine Neukalibrierung. Eine veränderte Realität.

Jeden Morgen hörte ich den Wetterbericht für Charlotte im Radio – zweiundsechzig Tage ohne Regen – und dachte stattdessen: Dreiundzwanzig Tage ohne ihn.

Es schien, als sei die halbe Stadt zusammengekommen, um meinen Vater zu ehren.

Sie füllten die Terrasse seines Lieblingsrestaurants und prosteten mit einem Glas (oder zwei oder drei) dem Porträt von Detective Perry Holt zu, während sich die andere Hälfte um eine kleine Bucht auf der gegenüberliegenden Seite des Mirror Lake versammelt hatte und zusah, wie das Bergungsunternehmen mithilfe eines Krans einen Haken an dem Auto befestigte, das ein paar Tage zuvor unter der Oberfläche entdeckt worden war.

Alles, was ich denken konnte, war: Natürlich passiert das genau jetzt.

Ich hatte immer vermutet, dass mein Vater die Dinge mit schierer Willenskraft zusammenhielt. Nicht nur innerhalb unserer Familie, sondern in der ganzen Stadt. Und ohne seinen aufmerksamen Blick, seine beständige Kontrolle war alles aus den Fugen geraten.

Selbst für dieses Ereignis hatte er uns Anweisungen hinterlassen. Eine Einäscherung statt einer Erdbestattung. Eine Gedenkfeier anstelle einer Beerdigung. Das Essen wurde vom Polizeirevier bezahlt. Die Getränke gingen auf ihn.

Aber die Entdeckung des Autos im See bedeutete eine große Nachricht in einer kleinen Stadt wie unserer, und niemand schien genau zu wissen, was zu tun war, während die Außenwelt gebannt zusah. Es hatte sogar in Charlotte für Schlagzeilen gesorgt: Der Pegel des Mirror Lake war auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten gesunken, und ein Fischer war mit seinem Boot praktisch auf das gesunkene Fahrzeug aufgelaufen.

Es gab keinerlei Anzeichen für einen Unfall – weder verbogenes Metall noch in Mitleidenschaft gezogene Vegetation in der Kurve oberhalb der Bucht –, weswegen das Gerücht umging, dass der alte, verrostete Kombi bereits am Grund des Sees gelegen hatte, bevor eine Leitplanke angebracht worden war. Es hieß, eine Gruppe Taucher habe das Fahrzeug an dem Tag inspiziert, an dem es entdeckt worden war, aber nichts gefunden.

Und doch schien etwas in der Luft zu liegen, was ich nicht recht benennen konnte. Gewisse Anzeichen, dass Dinge zum Vorschein kamen, sich veränderten. Eine Warnung, dass es auch hier begann.

Es lag etwas in der Luft, was alle nervös machte: das Summen von Insekten in den schlammigen Pfützen unterhalb der Terrasse, trockenes Laub, das der Wind zur falschen Jahreszeit von den Ästen gerissen hatte, und die Strahlen der untergehenden Sonne, die so scharf von der Wasseroberfläche reflektiert wurden, dass wir die Augen zusammenkneifen mussten, um uns ansehen zu können.

So war es nicht gedacht gewesen. Es hätte Geschichten geben sollen, vorgetragen am Mikrofon neben der Bar, in das jeder, der sich berufen fühlte, hineinsprechen konnte. Wir hätten Trost im Schnaps und im Lachen finden sollen – zur Erleichterung und um den Tod zu akzeptieren. Perry Holt war viel zu früh von uns gegangen, und das war nicht fair, aber mein Gott, was für ein Leben er geführt hatte.

So viele Menschen verdankten ihm ihr Leben – ob er sie nun aus einer Gefahr befreit oder ihnen gezeigt hatte, wo sie die Hilfe fanden, von der er wusste, dass sie sie benötigten. Heute hätten wir uns alle daran erinnern sollen. Doch nun forderte die Nachricht vom Auto im See die Aufmerksamkeit der Anwesenden und jeglichen Sinn für Verantwortung und Anstand.

Auf jeden Kommentar – Er war so ein guter Mann, ein guter Vorgesetzter, ein gutes Vorbild –, der aus den Lautsprechern dröhnte, folgte ein verhaltenes Flüstern in der Menge um mich herum.

Gleich haben sie es rausgeholt.

Kein Nummernschild. Keine Fahrgestellnummer.

Wahrscheinlich gestohlen und dann im See entsorgt.

Während die jüngste Tochter der Murphys, die vor einigen Jahren die Highschool abgeschlossen hatte, die Geschichte erzählte, wie mein Vater sie als Kind mitten auf dem See gefunden hatte, nachdem ihre Luftmatratze vom Steg abgetrieben war, hörte ich, wie die Gruppe neben mir Wetten abschloss, was man im Inneren des Kofferraums entdecken würde.

Eine Leiche. Diebesgut. Eine Waffe.

Ich drehte mich um und starrte sie an in der Hoffnung, sie dadurch zum Schweigen zu bringen, aber stattdessen schauten sie zum Eingang, wo sich eine Gruppe uniformierter Beamter versammelt hatte. Die Tatsache, dass viele der Anwesenden Verbindungen zu einer Strafverfolgungsbehörde hatten, entweder von Berufs wegen oder durch familiäre Bande, machte die Sache nicht gerade besser. Immer wieder trafen Männer und Frauen in Uniform ein, um ihr Beileid zu bekunden und im nächsten Atemzug die neuesten Informationen zu dem gefundenen Wagen an meine beiden Brüder weiterzugeben. Die, wie ich feststellte, gerade mal wieder verschwunden waren.

Ich nahm es ihnen nicht übel und war mir ziemlich sicher, dass ich sie auf dem Teil der Terrasse finden würde, der sich an der Längsseite des Gebäudes erstreckte – dem einzigen Ort, wo man sich von der Menschenmenge erholen konnte.

Caden, der mit frenetischer Energie auf und ab lief, sah ich zuerst. Ab und zu blieb er stehen und hielt sein Handy auf der Suche nach Empfang über das Terrassengeländer. An jedem anderen Tag wäre er selbst dort draußen gewesen. Der Erste am Tatort. Der Anruf, mit dem das Auto gemeldet worden war, kam, als er gerade auf Seepatrouille war.

Gage dagegen verharrte beinahe vollkommen regungslos. Die Arme auf das hölzerne Geländer gestützt, starrte er aufs Wasser hinaus. Aus der Ferne sah er unserem Vater so ähnlich, dass es mir bei seinem Anblick einen Stich versetzte: die scharf geschnittene Nase, das markante Kinn, das dunkle, kurz geschnittene Haar. Schräg stehende Augenbrauen, die allem, was er sagte, einen Hauch von Ernsthaftigkeit verliehen.

Ich stellte mich neben ihn und spiegelte seine Haltung. Wie viele Jahre hatte ich ihn nachgeahmt, ihn vergöttert, als den Helden meiner Jugend verehrt? Er ließ mich viel länger an seinem Rockzipfel hängen, als es die meisten anderen großen Brüder vermutlich taten, und ich sonnte mich in jedem Lob, das über seine Lippen kam: Hazel kann auf den Baum da drüben klettern. Hazel wird von der Brücke springen. Hazel läuft schneller als du. Alles, was ich tun musste, war bereitzustehen, um zu beweisen, dass er recht hatte.

In diesem Moment versuchte ich nicht nur seine Haltung, sondern auch seine Gefühle zu imitieren. Finde dein Gleichgewicht.Zeige dich der Situation gewachsen. Wie unser Vater war auch Gage stets der Verantwortungsbewusste, und nun fand er sich in einer neuen Rolle wieder. Nicht nur im Polizeirevier, sondern auch innerhalb unserer Familie. Vielleicht war das der Fluch der Ältesten.

»Verstecken wir uns?«, fragte ich, während sich Cadens Schritte entfernten.

Gage neigte den Kopf zur Seite und zwinkerte mir zu. »Wir verstecken uns.«

Dann spürte ich, wie sich Caden wieder näherte – seine Schritte klangen wie ein Metronom, das den Takt vorgab.

Er blieb hinter uns stehen. »Mel versucht gerade, mir Fotos zu schicken. Aber sie gehen nicht durch.«

Obwohl sein Gesichtsausdruck ruhig und kontrolliert blieb, spürte ich die aufgestaute Energie in seiner Haltung. Die Dinge, die er auch mit siebenundzwanzig Jahren noch hinter seinem pausbäckigen Gesicht mit den Grübchen in den Wangen verbergen konnte, als stünde er nach wie vor an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

»Was genau ist denn da draußen los?«, fragte ich.

Wenn jemand in der Lage war, die Fakten von den Gerüchten zu trennen, dann waren es meine Brüder, die beide unserem Vater voller Stolz in den Polizeidienst gefolgt waren. Wobei vermutlich nur Gage mit mir darüber sprechen würde. Caden und ich kamen am besten miteinander aus, wenn ich mir rechtzeitig auf die Zunge biss und er mich ignorierte. Heute schlugen wir uns beide ganz gut.

Gage war groß und schlank, Caden eher breitschultrig und stämmig. Die einzigen äußeren Merkmale, die sie teilten, waren die Farbe ihrer dunkelblauen Augen und ihre Baritonstimmen. Die Holt-Stimme, hatte mein Vater sie genannt, obwohl seine mit zunehmendem Alter immer rauer geworden war.

»Wahrscheinlich ein Fall von Versicherungsbetrug«, mutmaßte Gage mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Die Leitplanke wurde vor fünfzehn Jahren installiert. Das Auto muss schon eine ganze Weile am Grund gelegen haben.«

Ich kannte diesen Abschnitt der Straße, kurz vor der schmalen, einspurigen Brücke. »An der Stelle kann man leicht die Kontrolle über sein Fahrzeug verlieren«, bemerkte ich und erinnerte mich an die Warnungen meines Vaters, als ich das Autofahren lernte: Vorsicht! Fahr langsamer, Hazel. Es war schon immer eine gefährliche Kurve gewesen, besonders nachts.

Die Gemeinde Mirror Lake, so schien es, hielt nicht viel von Straßenbeleuchtung und Mittellinien oder einer regelmäßigen Überprüfung der Straßen auf Schlaglöcher. Sie hielt viel mehr davon, die natürliche Geografie der Landschaft zu respektieren, weswegen Straßen plötzlich scharf abbogen, zu einer Seite abfielen oder steil anstiegen. Die Nebenstraßen waren in den allermeisten Fällen gerade breit genug für ein Fahrzeug. Wenn man hier aufwuchs, musste man lernen, vorsichtig und aggressiv zugleich zu fahren, seinen Wagen durch schmale Zwischenräume zu manövrieren, aufs Gaspedal zu treten, bevor es jemand anderes tat. Autofahren war eine gefährliche Angelegenheit, vor allem für diejenigen, die nicht von hier kamen.

Ich stellte mir vor, wie jemand, der nicht mit den dunklen Bergstraßen vertraut war, mit hoher Geschwindigkeit die Kurve nahm, wie die Reifen die Haftung verloren, wie schnell etwas unbemerkt unter die Wasseroberfläche des Sees sinken konnte.

»Es war niemand im Auto, Hazel«, antwortete Gage. »Sie haben es überprüft.«

»Die Person könnte sich aus dem Wagen befreit haben«, wandte ich ein.

Ich schloss die Augen und sah es vor mir: jemanden, der sich aus dem Fahrzeug kämpfte, während es immer tiefer sank. Wie schließlich als Erstes der Kopf aus dem Wasser stieß. Dann der erste, ums Überleben ringende, keuchende Atemzug.

»Falls ja, hat niemand den Unfall gemeldet. Außerdem wurden die Nummernschilder entfernt. Es ist wahrscheinlicher, dass es jemand absichtlich entsorgt hat. Die Stelle eignet sich sehr gut dafür.« Gage argumentierte logisch, er war pragmatisch und besonnen. Wesenszüge, die ihn zu einem guten Detective machten, weil man ihm ohne Weiteres glaubte.

Tatsächlich war es ein Ort, an dem niemand auf die Idee kommen würde zu suchen.

Caden blickte kurz von seinem Handy auf. »Ich kann nicht glauben, dass es so lange dort unten gelegen hat. In der Highschool bin ich an der Stelle immer ins Wasser gesprungen.«

Gage rieb sich das Kinn. »Ich auch.«

Ich schauderte. Wenn die Sommersonne zu heiß brannte und wir uns trotz der Ermahnungen der Erwachsenen verzweifelt danach sehnten, dass etwas passierte, hatten wir uns von den Felsen unterhalb jener Kurve in den See gestürzt. Ich erinnerte mich gut an den Schock des kalten Wassers in dieser Ecke des Sees, die zu jeder Tageszeit im Schatten lag. Wenn ich mit den Füßen zuerst eintauchte und mir der Grund unendlich weit weg erschien.

Wie nahe waren wir herangekommen? Wie viele von uns hatten Metall gestreift und es für einen Felsbrocken oder Ast gehalten? Wie viele von uns hatten sich stattdessen etwas anderes vorgestellt?

»Jesus«, sagte Caden und hielt sich das Handy näher vors Gesicht. Einen kurzen Moment hielt er die Luft an, dann wurden seine Augen schmal. »Da drüben muss dringend jemand helfen, die Menge in Schach zu halten.«

Ich versuchte, über seine Schulter auf das Display zu spähen, aber er hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und war im nächsten Augenblick um die Ecke auf die vordere Terrasse verschwunden. Offenbar meinte er mit jemand sich selbst.

Ich konnte nicht glauben, dass er einfach so ging. »Ernsthaft?«, begann ich. »Dad würde …«

»Dad wäre selbst da draußen«, fiel mir Gage ins Wort, während er aufs Wasser hinausschaute, in dessen dunstiger Oberfläche sich die umliegenden Berge spiegelten. »Und das weißt du auch.«

Das stimmte. Im Laufe der Jahre war ich immer wieder Zeugin geworden, wie unser Vater aufgrund eines Einbruchs von jetzt auf gleich vom Abendbrottisch aufstand, wie er wegen einer Überdosis eine Geburtstagsfeier oder wegen einer Verfolgungsjagd ein Fußballspiel verließ. Er hatte sich weder herausgeredet noch entschuldigt. Und wir alle begriffen, dass seine Verantwortlichkeiten über die Grenzen unserer Familie hinausreichten.

»Du solltest auch nach Hause fahren, Hazel«, sagte Gage und wandte sich mir wieder zu. »Das hier wird nur noch schlimmer. Jeder weiß, dass du eine lange Rückreise vor dir hast.«

In Wahrheit trennten Charlotte und Mirror Lake gerade mal zwei Stunden Autofahrt, aber genauso gut hätte eine ganze Welt dazwischenliegen können. Ohne den Anker der Geschichte war ich dort ein anderer Mensch.

»Bist du sicher?«, hakte ich nach. »Ich habe das Gefühl, ich sollte bleiben und beim Aufräumen helfen …«

Doch Gage entließ mich mit einem Kopfschütteln aus meinem Pflichtgefühl. »Fahr vorsichtig«, sagte er, wie es mein Vater getan hätte. »Und, Hazel?« Er sah mir fest in die Augen. »Schau ab und zu vorbei, okay? Das würde er so wollen.«

Ich zwang mich zu einem kleinen Lächeln, obwohl mich wie aus dem Nichts eine Welle der Panik überrollte. Mit einem Mal wurde ich mir der Endgültigkeit dieses Moments bewusst. Doch ich war noch nicht bereit.

»Du solltest dich glücklich schätzen, wenn ich euch nicht ständig auf die Nerven gehe«, sagte ich, bevor ich mich mit brennenden Augen abwandte.

Und ich fragte mich, was mich als Nächstes hierher zurückbringen würde. Thanksgiving? Vielleicht der Geburtstag meiner Nichte im Sommer, sofern Caden mich einlud. Ich fühlte mich losgelöst, ohne Bodenhaftung. All die Gefühle, die ich den ganzen Tag in mir eingeschlossen hatte, drangen plötzlich an die Oberfläche.

Ich bahnte mir einen Weg durch die Menge. Den Blick nach vorne gerichtet, mit selbstbewusstem Gang, in der Hoffnung, dass mich niemand aufhielt. Es war nicht gerade hilfreich, dass ich die einzige schwarz gekleidete Person in einem Meer aus Beige und Blümchenmustern war. Oder dass ich mit meinem maßgeschneiderten Kleid in A-Linie und den hochhackigen Schuhen so aussah, als würde ich zu einem Geschäftsessen gehen, während die übrigen Gäste in einem Aufzug erschienen waren, der sich nur als lässiger Freizeitlook beschreiben ließ.

Drinnen schnappte ich mir die Tasche, die ich hinter dem Tresen verstaut hatte, und steuerte die Toiletten an, um mich vor der Heimfahrt umzuziehen, da ich unterwegs bei unserem neuesten Renovierungsprojekt vorbeischauen wollte, das nach wie vor eine Baustelle war. Ich musste mich auf etwas anderes konzentrieren, mich von meiner Arbeit ablenken lassen.

Die Toiletten gingen von einem schummrigen, holzgetäfelten Flur ab. Während sich meine Augen noch an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnten, stieß ich in der Tür beinahe mit der Person zusammen, die gerade auf dem Weg nach draußen war.

»Oh.« Eine Hand, die sich auf meiner Schulter abstützte. Ein Hauch von Kokosnuss. Ein Vorhang aus Haaren. Selbst wenn es stockdunkel gewesen wäre, hätte ich sie sofort erkannt: Jamie.

Langsam löste sie ihre Hand von meiner Schulter und fuhr sich damit durch ihre langen, honigfarbenen Haare. Ein Zeichen von Nervosität.

»Hazel«, sagte sie und sah mir in die Augen.

Ihre Stimme hatte etwas Scharfes an sich, das mich mitten ins Herz traf. Vielleicht lag es daran, dass ich mich bereits aus der Deckung gewagt hatte, oder an meinen blank liegenden Nerven oder daran, dass ich bereits so dicht am Rande des Abgrunds taumelte.

Sie sah auf die Tasche in meinen Händen. »Gehst du?«

»Ja. Ich ziehe mich nur schnell noch um.« Ich deutete auf mein Outfit. »Niemand hat mich über den Dresscode informiert.«

Jamie trug ein geblümtes Frühlingskleid und beige Sandalen.

Ein Zucken ihrer Lippen, fast ein Lächeln. Ein Portal in eine andere Zeit, bevor sie wieder wegsah. Sie trat einen Schritt zur Seite.

Und dann, weil ich nicht wusste, wie wir weitermachen sollten: »Ist Skyler auch da?« Meine sechsjährige Nichte war immer eine willkommene Ablenkung.

»Sie spielt draußen mit ein paar anderen Kindern.« Sie räusperte sich. »Kommst du am Wochenende wieder her?«

»Warum?«

Sie runzelte die Stirn und schaute zur Tür. »Caden meinte, dass sie das Haus ausräumen. Ich dachte, das wüsstest du.«

Das passierte, wenn man als Einzige weggezogen war. Ich erfuhr Dinge aus zweiter Hand, war gezwungen, mich nach den Prioritäten meiner Brüder zu richten, ihre Entscheidungen zu akzeptieren.

Ich schüttelte den Kopf, während meine Trauer sich in Wut verwandelte. Ein vertrauter, willkommener Gefühlswechsel.

»Wann?«, fragte ich, lauter als nötig.

»Sonntag.«

Ich gab mein Bestes, meine Überraschung zu verbergen. Vielleicht hatte Gage in dem ganzen Chaos vergessen, mir davon zu erzählen.

Manchmal erwähnte Jamie Dinge auf eine Art und Weise, hinter der erst auf den zweiten Blick eine Absicht zu erkennen war. Als ob sie noch immer versuchte, die Kluft zwischen mir und Caden zu überbrücken. Vielleicht war ich aber auch zu großzügig in meinem Urteil, geblendet von Nostalgie und den Jahren der Freundschaft, die uns einst verbunden hatten.

Als wir noch auf der Highschool gewesen waren, hatte Jamie immer gesagt, ich hätte einen hervorragenden Arschlochradar, der uns vor den Jungs warnte, die uns nur enttäuschen würden, vor Lehrern, die einem keine zweite Chance einräumten, und vor Mitschülern, die besonders viel Schadenfreude über unsere Fehltritte empfinden würden. Aber ich spürte, dass meine Instinkte tiefer reichten, als könnte ich erkennen, was unter der Oberfläche lag – weniger Handlung, mehr Absicht. Leider hatte der Instinkt nie auf Jamie abgefärbt, sonst hätte sie nicht meinen Bruder Caden geheiratet.

»Danke«, sagte ich, als sie sich zum Gehen wandte. »Ich werde da sein.«

Nachdem ich mich umgezogen hatte, erwog ich, Gage zu suchen, um ihm zu sagen, dass ich am Sonntag wiederkommen würde, aber der Weg zur Haustür war gerade frei. Und während die Sonne langsam hinter den Bergen versank, verwandelte sich die Feier in raschem Tempo in etwas anderes. Mich befiel das Gefühl, als kämen die Wände auf mich zu und ich müsste fliehen. Eine Erinnerung daran, warum ich diesem Ort überhaupt erst den Rücken gekehrt hatte. Blieb man zu lange hier, wurde man exakt zu dem, was Mirror Lake für einen vorgesehen hatte.

Draußen vor dem Gebäude spielten die Kinder zwischen den Bäumen Verstecken. Eine der Mütter lehnte am Holzgeländer, um sie im Auge zu behalten, so wie es meine einst getan hatte. Als ich einen Blick auf Skylers blonden Haarschopf erhaschte, sah ich plötzlich vor mir, wie wir damals durch genau diesen Wald gerannt waren.

Ich ging weiter.

Wie schnell einen hier die Vergangenheit packen und an einem zerren konnte.

Der unbefestigte Parkplatz war überfüllt. Zwischen den parkenden Wagen krochen mehrere Fahrzeuge auf der Suche nach einem freien Platz im Schneckentempo vorwärts. Während ich meinen SUV ansteuerte, hob ich eine Hand, um einem der Fahrer in der Nähe zu signalisieren, dass mein Platz frei werden würde. Bei meiner Ankunft hatte ich die letzte halbwegs brauchbare Lücke am Rande des Parkplatzes ergattert, wo mein Auto zur Hälfte im Dickicht steckte und die andere Hälfte im Schutz einer großen Eiche stand.

Als der hellblaue Wagen hinter meinem zum Stehen kam, wurde das Fenster auf der Fahrerseite heruntergelassen.

»Hi.«

Unwillkürlich erstarrte ich mit angespannten Schultern. Eine vertraute Stimme, ein vertrautes Gesicht.

Das letzte Mal, als ich Nico Pritchard gesehen hatte, war er in einem anderen Auto weggefahren und hatte sich größte Mühe gegeben, jeglichen Blickkontakt zu vermeiden.

»Hi.«

»Tut mir leid, dass ich so spät komme, ich wurde aufgehalten«, sagte er. Um dann, als ich nichts erwiderte, hinzuzufügen: »Ist eine Weile her, Hazel.«

Zwei Jahre und zwei Monate, aber wer zählte schon mit?

»Sieht ganz so aus.« Als hätte ich nicht gerade nachgerechnet. »Super Timing mit dem Parkplatz.«

Er trommelte mit seinen langen Fingern auf das Lenkrad und sah aus, als würde er darüber nachdenken, was er als Nächstes sagen könnte. »Irgendwie verpassen wir uns immer.«

Ich nickte. Wir verpassten uns seit über zwei Jahren, an Feiertagen, bei Familienbesuchen und Geburtstagspartys. Ich war mir nur nicht sicher, wer von uns beiden den aktiveren Part dabei spielte. Es handelte sich um ein regelrechtes Kunststück, wenn man bedachte, dass er Gages ältester Freund war und nach wie vor ein Haus in derselben Bucht wie mein Vater besaß. Das Handlungsmuster des gegenseitigen Aus-dem-Weg-Gehens war erst durch die Nachricht durchbrochen worden, die er mir in der Nacht geschickt hatte, in der mein Vater gestorben war: Es tut mir so leid, Hazel. Er war im Urlaub gewesen, als es passierte. Selbst zu diesem Anlass hatten wir einander verpasst.

Es hatte eine Zeit gegeben, in der Nico stets an Gages Seite gewesen war, wodurch er ein Teil meiner Kindheit war. Unsere Väter waren Partner bei der Polizei gewesen. Eine andere Art von Familie, wie ich annahm.

»Nun«, sagte ich, »schön, dass wir uns endlich mal über den Weg laufen.« Was der Wahrheit entsprach und zugleich eine Lüge war.

In meiner Jugend hatte ich mich jahrelang auf fast nichts anderes als Nico Pritchard konzentriert. Auf die Sorgfalt, mit der er Dinge tat, angefangen beim Befestigen des Köders an seiner Angel bis hin zu der Art, wie er meinen Namen aussprach: beide Silben mit großer Umsicht, anstatt wie alle anderen die zweite zu verschlucken. Auf den unschuldigen Ausdruck in seinen großen braunen Augen, die so wirkten, als wäre er stets bemüht, seine Umgebung in Ruhe und mit Bedacht in sich aufzunehmen, um die Informationen für später abzuspeichern. Auf die stets gesenkten Mundwinkel, weshalb ein plötzliches Lächeln sowohl eine Überraschung als auch einen Wendepunkt bedeutete.

Meine Verliebtheit war in einer Weise offensichtlich gewesen, die an Peinlichkeit grenzte. Als wir älter wurden, war die Tatsache, dass er sie erwiderte, nicht annähernd so offensichtlich.

»Es tut mir leid, dass es unter diesen Umständen sein muss«, sagte er. Selbst diese Worte waren sorgfältig gewählt. Er hatte es geschafft, sich zweimal innerhalb derselben Anzahl von Minuten zu entschuldigen.

»Mir auch.« Ich öffnete meine Autotür, bevor es zu spät war.

»Hazel, warte mal.«

Mein Griff um den Rahmen der Tür wurde fester.

Zu meinem Entsetzen stieg Nico in diesem Moment aus seinem Wagen: lange, maßgeschneiderte Hose, ein weißes Hemd, das er in den Bund gesteckt hatte, eine silberne Uhr, von der ich wusste, dass sie einst seinem Vater gehört hatte, eine leichte Röte, die seine Wangenknochen betonte. Es spielte keine Rolle, wie viel Zeit vergangen war oder auf welch schreckliche Weise wir uns am Ende getrennt hatten – wann immer ich ihn sah, hatte ich ein Bild von ihm als Fünfzehnjährigem auf unserer Schwimmplattform vor Augen. Von ihm mit siebzehn, wie er am Türrahmen zu meinem Zimmer lehnte. Oder wie er mit einundzwanzig in den Semesterferien zu Hause war und den Blick langsam durch den Raum schweifen ließ, bis er schließlich auf mir landete.

»Ich wollte anrufen«, fuhr er fort und trat einen Schritt näher. »Wirklich. Ich wusste nur einfach nicht, wie …«

»Nico«, unterbrach ich ihn. »Entschuldige, aber ich sollte jetzt wirklich los.«

Ich musste hier weg, bevor er etwas Schreckliches tat, wie zum Beispiel eine Hand auf meine Schulter oder einen Finger unter mein Kinn legen.

Ich ließ mich auf den Fahrersitz gleiten und versuchte mich an einem Lächeln. »Falls du Gage nicht bei den anderen finden solltest, versteckt er sich um die Ecke auf der seitlichen Terrasse.«

Mit diesen Worten startete ich den Wagen und fuhr los, ohne einen Blick zurück. Schon vor langer Zeit hatte ich gelernt, dass dies die einzige Option war, wenn ich wirklich wegwollte.

Da der Mirror Highway Ort und See ringförmig umschloss, gab es theoretisch zwei Richtungen, die Stadt zu verlassen. Nach rechts zu fahren, wäre schneller gegangen, doch links abzubiegen, würde mich an der Stelle vorbeiführen, wo das Auto aus dem See geborgen worden war.

Tut mir leid, Dad, dachte ich. Aber es war ein menschlicher Instinkt. Ich wollte es sehen – genau wie alle anderen.

Vor der Kurve schon stockte der Verkehr. Eine lange Schlange von Autos, die langsam vorwärtskrochen. Der Grund für den Stau schienen vor allem die vielen Einsatzfahrzeuge zu sein, die am Straßenrand parkten, und die Tatsache, dass an dieser Stelle nur eine Fahrspur für beide Richtungen zur Verfügung stand. In einiger Entfernung konnte ich einen Mann ausmachen, der den Verkehr an der Baustelle vorbeileitete.

Als ich mich der Stelle näherte, erkannte ich, dass es Caden war, der der Verkehr regelte. Er trug nach wie vor seine kakifarbene Hose und das hellblaue Poloshirt. Sein Hosenbein war schlammverschmiert, als hätte er sich gegen das geborgene Auto gelehnt, um ins Innere zu spähen. Neugierde – bevor er die Massen unter Kontrolle gebracht hatte.

Wie alle anderen vor mir stoppte ich meinen Wagen einen Moment lang, um die Szenerie am Ufer des Sees zu betrachten.

Die Leitplanke war entfernt worden und lehnte an eine Reihe von Bäumen. Das alte Auto stand leicht schräg am Straßenrand, mit platten Reifen, an denen sich das Gummi bereits aufzulösen begonnen hatte. Ich spürte, wie ich unwillkürlich den Atem anhielt, wie jedes Mal, wenn ich an einem Friedhof vorbeifuhr. Das Auto war von einer Schlammschicht überzogen, wie etwas Lebendiges, das sich aus dem Boden herausgegraben hatte und nun auf den Asphalt tropfte. Die ursprüngliche Farbe der Lackierung war nicht zu erkennen, aber die Form des Fahrzeugs war kastenförmig und lang, wie ein Wagen, den alte Leute fuhren. Die Fensterscheiben waren entweder heruntergelassen oder herausgebrochen, der Innenraum mit Schlamm und Schmutz überzogen. Der aufgestemmte Kofferraum erinnerte an das aufgerissene Maul eines Tieres.

Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen und in meinem Nacken aus. Das Auto schien unter der Oberfläche zu etwas anderem geworden zu sein. Zu einem lebendigen Wesen und einem Teil der Landschaft, von der es verschluckt worden war. Und es schien noch immer in demselben Rhythmus zu pulsieren wie der Ort, an dem es sich noch kurz zuvor befunden hatte.

Cadens Gesichtsausdruck veränderte sich nicht, als er mich durchwinkte. Aber als ich in den Rückspiegel schaute, hatte er den Kopf in meine Richtung gedreht und sah mir nach.

Nachdem ich die Stadt auf der kurvenreichen Straße in Richtung der Hauptverkehrsader verlassen hatte, die mich zurück nach Charlotte führen würde, vibrierte mein Handy. Ich vermutete, dass es Keira oder Luke war – meine Geschäftspartner und engsten Freunde –, die mich über die Ereignisse des Tages auf dem Laufenden halten und hören wollten, wie es mir ging.

Aber als ich einen Blick auf das Display warf, stellte ich fest, dass die Nachricht von meinem Onkel kam. Bist du schon weg?

Ich ignorierte seine Frage, doch dann ertönte der Klingelton, und der Name Roy Holt leuchtete auf. Seitdem ich aus Mirror Lake weggezogen war, hatte er sich nur selten gemeldet, aber in früheren Jahren war er manchmal bei uns zu Hause eingesprungen, wenn mein Vater besonders viel hatte arbeiten müssen.

Ich nahm den Anruf an und aktivierte den Handylautsprecher. »Hallo?« Mehr eine Frage als eine Begrüßung.

Seine Stimme klang abgehackt, als wäre die Verbindung nicht stabil. »Hazel?«, sagte er, als würde er meinen Namen zum wiederholten Male aussprechen. »Bist du noch hier?«

»Nein, schon auf dem Heimweg. Ich muss noch bei einem Projekt vorbeischauen.«

Falls er anrief, um mir einen Vortrag zu halten, war ich nicht interessiert. Auch wenn er grundsätzlich stolz auf mich zu sein schien, dass ich meinen eigenen Weg gegangen war und ein Unternehmen aufgebaut hatte, war seine Beziehung zu meinen Brüdern immer enger gewesen.

Was mir auf der Zunge lag: Caden ist auch schon weg.

»Ich hatte gehofft, dich kurz unter vier Augen zu erwischen.« Es folgte eine Pause, als überlegte er, was er als Nächstes sagen sollte. »Ich bin als Nachlassverwalter eingesetzt«, fuhr er schließlich mit gesenkter Stimme fort, als wäre er auf der Suche nach einem Ort, wo er unser Gespräch ohne Mithörer weiterführen konnte.

Das überraschte mich nicht, immerhin war er der einzige Jurist in der Familie. Er hatte seine Karriere als Staatsanwalt begonnen. Mein Vater und er hatten gerne Geschichten aus den alten Zeiten zum Besten gegeben, als die Fälle von einem Holt zum nächsten übergeben worden waren. Inzwischen hatte er eine Kanzlei, die auf Familienrecht spezialisiert war.

Ich wappnete mich innerlich.

»Hör zu«, sagte er, diesmal noch leiser. »Im Testament steht etwas, über das du Bescheid wissen solltest.«

Kapitel 2

65 Tage ohne Regen

Samstag, 18. Mai

20:00 Uhr

Niederschlagsmenge: null

Das Haus gehört dir. Mit jedem Tag, der verging, wurde die Verspannung in meinen Schultern schlimmer. Die Worte meines Onkels hallten den Rest der Woche in meinem Kopf nach – bei der Arbeit, im Schwimmbad meines Fitnessstudios, bei Drinks am Freitagabend. Das Haus gehört dir. Dir allein.

Von allen Dingen, die ich mir hätte vorstellen können, wäre dies das letzte auf der Liste gewesen.

Wissen die anderen Bescheid?, hatte ich gefragt, nachdem ich mich einigermaßen gesammelt hatte. Als wäre das die nächstliegende Frage. Anstelle von: Bist du dir sicher? Warum?

Ich habe noch nicht mit ihnen gesprochen, hatte Roy geantwortet. Es könnte trotzdem sein, dass sie es schon wissen. Perrys Testament wurde letzte Woche in seinem Büro gefunden. Ich wollte es dir zuerst sagen. Persönlich.

Inzwischen waren drei Tage vergangen, in denen er meinen Brüdern mitgeteilt haben musste, dass er mich informiert hatte. Dennoch hatte sich keiner von beiden dazu geäußert. Kein Anruf, keine Nachricht. Ich hatte ohnehin nicht erwartet, von Caden zu hören, von Gage dagegen … Ich war davon ausgegangen, dass er mir die Hand reichen würde, um mich zu beruhigen. Dass er so etwas sagen würde wie: Natürlichwollteer,dassduesbekommst,Hazel.Erhatsichimmergewünscht,dassdueinesTageszurückkehrst. Dass er nach wie vor auf meiner Seite stand. Doch keiner von beiden hatte sich gemeldet. Jamies Aussage nach trafen sie sich morgen, um das Haus zu entrümpeln. Mir hatten sie nicht mal eine Uhrzeit genannt.

Ich wusste nicht, was mich dort erwartete – und das war der eigentliche Grund, warum ich nach der Baustellenbesichtigung unseres neuesten Projekts am Samstag eine kleine Reisetasche packte, um zurück nach Mirror Lake zu fahren. Ich wollte ein wenig Zeit allein in dem alten Haus verbringen, bevor meine Brüder am nächsten Morgen mit ihren Fragen und vorgefassten Ansichten dort auftauchen würden. Ich wollte die Gelegenheit haben, alles in mich aufzunehmen, ein letztes Mal in Erinnerungen einzutauchen, bevor wir sie von den Wänden rissen, aus den Regalen nahmen und auf dem Dachboden verstauten.

Ich war mir sicher, dass mir diese Nacht in dem Haus helfen würde, mich darauf vorzubereiten. Seine Entscheidung zu verstehen. Und wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, hoffte ich darauf, etwas im Haus zu finden, das nur für mich bestimmt war. Einen Brief vielleicht, unter dem Kopfkissen meiner Kindheit versteckt, wie der von meiner Mutter, nachdem sie gegangen war. Falls er es nicht genau wie sie vorgezogen hatte, keine nachvollziehbare Erklärung für seine Entscheidung zu hinterlassen.

Als ich vom Highway abbog, wurde ich daran erinnert, warum ich die Strecke im Dunkeln normalerweise mied. Es lag an der Art und Weise, wie die Bäume mit jeder Serpentine, die man nahm, die Sicht nach hinten versperrten. Wie die Straßenbeleuchtung immer sporadischer wurde, um nach dem Schild, das einen in Mirror Lake willkommen hieß, schließlich gänzlich aufzuhören.

Der See bildete das Zentrum eines Talkessels, der zu allen Seiten von Bergen umgeben war, und jede Straße, jedes Haus, die ganze Stadt war vor dem Hintergrund dieser besonderen Landschaft entworfen worden. Kurz vor dem See teilte sich der Highway, um ab dort in beide Richtungen am Ufer entlangzuführen, wo er jeder Mündung, jeder Bucht, jeder Steigung und jedem Gefälle des Terrains folgte. Schmale Bergstraßen zweigten von ihm ab und wanden sich in Serpentinen am Rand des Kessels hinauf. Die Architektur der Häuser passte sich ebenso der Landschaft an, indem sie sich an die Hänge schmiegten, sodass man von der Straße das Erdgeschoss betrat und vom Untergeschoss in den Garten gelangte und die Anstriche der Fassaden mit den Farben der Umgebung verschwammen.

Nach stundenlangen Vorträgen meines Vaters über die Gefahren des Autofahrens im Dunkeln hatte ich es mir während meiner Highschool-Zeit zur Aufgabe gemacht, jede Kurve des Mirror Highway zu verinnerlichen, so wie ich aus dem Gedächtnis die Umrisse des Sees hätte zeichnen können. Dennoch war es viel zu leicht, in der Nacht die Orientierung zu verlieren.

Der Mond spiegelte sich auf der Wasseroberfläche, und ohne Straßenbeleuchtung hätte ich in der nächsten Kurve nicht sagen können, ob ich bergauf oder bergab fuhr. Ich spürte einen Anflug von Panik und Schwindel, bevor mir die Bäume erneut die Sicht auf den See versperrten.

Ich stellte mir das Auto vor, das sie aus der Tiefe gezogen hatten. Wie lange hatte es unentdeckt dort gelegen?

Als ich in der Entfernung etwas schwach orangefarben aufleuchten sah, fragte ich mich kurz, ob an besonders gefährlichen Stellen inzwischen doch Sicherheitsmarkierungen angebracht worden waren. Doch was kurz darauf in Sicht kam, war die schummrige Beleuchtung eines Baustellenschildes, auf dem verschwommen die Warnung Fehlende Fahrbahnbegrenzung zu erkennen war.

Instinktiv trat ich auf die Bremse – aus Vorsicht ebenso sehr wie aus Neugierde. Als ob ich im Licht meiner Autoscheinwerfer etwas Neues entdecken könnte. Doch außer einer Reihe orangefarbener Kegel, wo die Leitplanke entfernt worden war, und Schlammresten an der Stelle, wo das Auto nach seiner Bergung gestanden hatte, gab es nichts zu sehen.

Ein plötzlicher Windstoß, der von den Bergen herunterkam, rüttelte an meinem Wagen, und ich umklammerte das Lenkrad ein wenig fester.

Vorsichtig.

Eine weitere Kurve, bevor die Straße über die einspurige Brücke führte und ich spürte, wie ich mein Gewicht instinktiv ein wenig nach links verlagerte. Ganz egal, wo man in Mirror Lake unterwegs war, man umkreiste stets den See oder bewegte sich darauf zu wie eine Galaxie, die von einem schwarzen Loch angezogen wurde. Jahrelang hatte ich dabei ein Gefühl von Heimat gehabt. Als würde ich zu etwas – oder jemandem – zurückkehren. Nun kreiste ich um eine Abwesenheit. Einen Abgrund. Als würde ich statt von einem Ort zum anderen in der Zeit reisen ohne die Möglichkeit, jemals zurückzukehren.

Meine Räder knirschten auf dem Schotter, als ich unsere holprige Auffahrt hinunterfuhr. Wir wohnten im Zentrum des Kessels in einer ruhigen, privaten Bucht, die vor Blicken von außen geschützt war. Ich trat auf die Bremse, während mich die Schwerkraft näher heranzog.

Das Fernlicht meines SUVs erhellte die ebene Fläche vor dem Haus, die Doppelgarage, das Gebäude daneben. Von vorne erweckte es den Eindruck eines malerischen eingeschossigen Ranchhauses, doch es verfügte über eine weitere Ebene, die aufgrund der Hanglage im Souterrain lag und zum Garten hinter dem Haus hinausging. Alles war dunkel. Das grelle Licht meiner Scheinwerfer wurde vom Fenster der Garage zurückgeworfen.

Verschwommene Bilder meines letzten Besuchs tauchten in meiner Erinnerung auf. Ich war hergerast, nachdem ich den Anruf von Gage erhalten hatte: Es geht um Dad. Ich hatte einen Moment gebraucht, um zu begreifen, was er mit gebrochener Stimme zu sagen versuchte: Er ist nicht zur Arbeit erschienen und auch nicht ans Telefon gegangen. Caden hat ihn zu Hause gefunden. Herzinfarkt. Noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, saß ich im Auto.

Ich hatte nicht übernachtet, sondern war noch am selben Abend zurück nach Charlotte gefahren. Die Stille hatte mich abgeschreckt. Unser Haus war immer ein Zentrum von Aktivitäten gewesen, ein Treffpunkt für unsere Freunde, die Tür stand so gut wie jedem aus dem Ort offen. Es sollte hier nicht so ruhig sein.

Ich stellte den Motor ab und wartete, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bevor ich aus dem Wagen stieg und die Umgebung in mich aufnahm. Das Glühen des Mondes. Sein Spiegelbild, das verzerrt auf der Oberfläche des Sees lag. Die Sterne, die sich immer deutlicher am wolkenlosen Himmel abzeichneten.

Und noch etwas.

Ich hatte mich geirrt. Das Haus war nicht in völlige Dunkelheit getaucht. Irgendwo im Erdgeschoss brannte Licht. Erst jetzt registrierte ich den schwachen gelben Schimmer hinter den hauchdünnen Vorhängen des kleinen Lesezimmers, in dem mein Vater oft gesessen hatte.

Der Kies knirschte unter meinen Schuhsohlen, während ich mich dem Eingang näherte, um durch das Fenster zu spähen.

Das Haus gehört dir.

Plötzlich schienen sich die Erinnerungen übereinanderzuschieben. Der Moment, als ich das Haus zum ersten Mal im Alter von sieben Jahren betreten hatte, und der Moment, als ich es zwanzig Jahre später nach meinem letzten Besuch zu Hause verließ.

Eine kühle Brise wehte vom See herüber und brachte den vertrauten Duft von Immergrün und Moos mit sich. Und etwas leicht Chemisches. Die Abgase eines Bootes. Benzinreste in einem Kanister. Niemand hatte sich gekümmert, und plötzlich verspürte ich Nervosität angesichts dessen, was mich im Inneren des Hauses erwartete.

Ich benutzte die Taschenlampe meines Handys, um das Tastenfeld an der Wand neben der Garage erkennen zu können, da ich keinen Schlüssel besaß, mit dem ich die Haustür hätte aufschließen können. Was für eine Ironie: dass ich das Haus erben sollte, aber nicht mal über die geeigneten Mittel verfügte, es zu betreten. Allerdings hatte mein Vater die Tür, welche die Garage mit dem Haus verband, nie abgeschlossen. Wer würde schon versuchen, in das Haus des angesehenen Detektives Perry Holt einzubrechen? Er war eine feste Größe in der Stadt gewesen, ob bei Gemeindeveranstaltungen oder Schulevents. Ich war mir sicher, dass er sämtliche Einwohner der Stadt beim Namen hätte nennen können.

Die Ziffern der Tastatur leuchteten auf, als ich begann, den Code einzugeben. Kurz darauf wurde der Mechanismus in Gang gesetzt, der das Garagentor anhob. Das schummrige Oberlicht reichte kaum aus, um die Werkzeuge an den Wänden, die Kisten mit Konserven in den Regalen und Kästen mit Wasserflaschen zu erkennen, die in einer Ecke auf dem Boden standen.

Über Weihnachten hatte ich ihn damit aufgezogen, ob er sich gerade zu einem Prepper entwickelte, aber er hatte es mit einem Lachen abgetan und gesagt, dass er sich lediglich auf unseren Besuch eingestellt habe. Zu seiner Verteidigung musste man vorbringen, dass in unserer Kinder- und Jugendzeit nie abzusehen gewesen war, wie viele Leute zum Abendessen kommen würden.

Ich kehrte zu meinem Auto zurück und parkte es auf dem leeren Platz neben dem Pick-up meines Vaters. Sicher vor der Bedrohung durch den nächtlichen Wind, den abbrechenden Ästen und Zweigen, die bereits überall den Boden bedeckten – eine unberechenbare Landschaft. Ich starrte aus dem Garagenfenster in die Dunkelheit und beobachtete, wie sich die Äste der Bäume gen Himmel streckten. Die Dürre hatte aufgrund der tödlichen Kombination aus niedriger Luftfeuchtigkeit und böigem Wind Brandwarnungen in der Region zur Folge. Wie schnell ein Funke überspringen und sich ausbreiten konnte, wenn man nicht vorsichtig war.

Einen Moment lang ergriff mich panische Angst, dass die Verbindungstür zum Haus verschlossen sein könnte. Dass Gage hier gewesen war und alles verrammelt und verriegelt hatte. Oder Caden war vorbeigekommen und hatte den Riegel vorgeschoben, weil er wusste, dass ich keine andere Möglichkeit hatte, das Haus zu betreten. Doch als ich den Griff drehte, öffnete sich die Tür genauso knarrend wie eh und je.

Jedes Haus besitzt eine Geschichte, und jede Renovierung offenbart ein Geheimnis. Etwas, das die Vorbesitzer zu reparieren oder zu vertuschen versucht haben. Etwas, von dem sie hofften, dass es nicht bemerkt werden würde. Ein Leck, notdürftig geflickt und in einem leicht abweichenden Farbton überstrichen. Eine unprofessionell ausgeführte Arbeit an der Elektrik, die nicht den Vorschriften entspricht. Ein unzulässiger Anbau. Eine andere Art Geheimnis. Das hatte ich in meinem Beruf verinnerlicht, aber bereits vor langer Zeit am eigenen Leib erfahren.

Als wir Nico in der Woche nach dem Tod seines Vaters beim Aufräumen geholfen hatten, entdeckten wir einen verborgenen Raum. Besser gesagt, ich entdeckte einen verborgenen Raum. Es war eine kleine Kammer, die man vom begehbaren Kleiderschrank des Gästezimmers erreichte. Wie ich später erfuhr, hatte Nicos Vater vor der Scheidung in diesem Gästezimmer geschlafen. Uniformhosen verbargen den Zugang zu dem kleinen versteckten Raum – ein rechteckiges Loch in der Trockenbauwand, gerade breit genug für eine Person.

Wir spähten in die Dunkelheit. Noch immer konnte ich es vor mir sehen. Der Schein einer roten Taschenlampe, der auf eine leere Aktenbox traf. An den freiliegenden Holzbalken klebten Tatortfotos, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hatten: bleiche, verdrehte Glieder, ein Kranz aus Haaren, ausgebreitet im Schlamm, Blut an einem zerrissenen Armband, das von einem leblosen Handgelenk herunterhing. Fälle, die Nicholas Pritchard senior vermutlich nicht hatte lösen können, bevor er mit seiner Familie von Raleigh hergezogen war, um ein sichereres, ruhigeres Leben zu führen.

Mordzimmer hatte Nico es genannt.

Wir waren damals halbe Kinder gewesen – ich fünfzehn, Gage und Nico siebzehn – und hatten sprachlos dagestanden, während unsere Atemzüge in der Stille widerhallten. Damals hatte ich keine Angst. Ich hatte gespürt, wie dieser Mann geradezu besessen gewesen war von seinem Bedürfnis nach Gerechtigkeit, aber ich war in dem Alter, in dem ich selbst so intensive Erfahrungen machen wollte. Ich wollte mich tiefer in Dinge hineinbegeben und von ihnen besessen sein, als läge etwas Ehrenvolles und sogar Schönes darin.

Nico war der Erste, der aus seiner Starre erwachte. Er nahm ein Foto von der Wand, zerriss es und ließ die Fetzen auf den bloßen Estrich fallen. Ich löste ein weiteres Bild ab und dann noch eins. Bis wir wie im Rausch waren, verzweifelt an den Holzbalken kratzten, bevor jemand anderes sie entdecken konnte.

Wir sprachen nicht miteinander. Noch bevor Nicos Mutter nach Hause kam, stopfte Gage die Papierfetzen in einen Müllsack, den wir draußen in der Tonne entsorgten. Ein Geschenk, ein Versprechen, das an jenem Tag etwas zwischen uns zementiert hatte.

Wir gingen stumm nach Hause. Bis Gage schließlich das Schweigen brach.

Hazel, sagte er. Mehr war nicht nötig. Wir hatten immer so kommuniziert. Mit einem Blick hinter einem Wort.

Ich weiß, erwiderte ich. Ich verstand.

Es war unser erstes Geheimnis.

Ich stand im dunklen Flur des Hauses meines Vaters und tastete an der Wand nach dem Lichtschalter.

Ein Summen ertönte, bevor die drei Deckenlampen, eine schwächer als die andere, flackernd zum Leben erwachten.

In meinem Kopf begann ich sofort eine Liste zu erstellen – ein Reflex, der sich nur schwer abschütteln ließ: Farbe, Beleuchtung, vielleicht ein Fenster … Ich konnte das Potenzial eines Gebäudes spüren, ebenso wie ich das einer Person erkannte. Besser noch, ich konnte andere davon überzeugen, dieses Potenzial ebenfalls zu sehen.

Eine Holzdiele knarzte unter meinen Füßen, als hätte sie sich mit dem Wechsel der Jahreszeiten verzogen. Als ob sich das Haus bewegen würde. Ich klopfte mit dem Fuß auf das Parkett, um nach Anzeichen von Hohlräumen zu suchen, die durch einen Wasserschaden oder den Zahn der Zeit entstanden waren. Der Gedanke an das, was ich vorfinden könnte, wenn ich die Dielen entfernte, machte mich nervös. Die Vorstellung, dass die Probleme des Hauses nicht rein kosmetischer Natur sein könnten.

Alles fühlte sich falsch an. Das Ticken der Standuhr im Eingang, das mir zu langsam erschien. Der muffige Geruch, als würde das Gebäude zu seinen ursprünglichen Bestandteilen zurückkehren: Holz und Ziegel, Trockenbauwände und Gips. Kalt und unpersönlich.

Am Ende des Flurs entdeckte ich endlich die Quelle des Lichtscheins, den ich von draußen gesehen hatte. Er rührte von der Leselampe meines Vaters, die neben seinem Sessel stand, einem alten Möbelstück mit abgenutzten braunen Lederpolstern. Dahinter befand sich ein Bücherregal, in dem sich zerlesene Krimis stapelten. Die Lampe beleuchtete seinen leeren Sessel. Als würde sie mich verhöhnen, nachdem er jahrelang Hazel, Licht aus! hinter mir hergerufen hatte, sobald ich ein Zimmer verließ. Wenn ich jemals vermisst würde, hatte er immer gesagt, dann müsste er nur der Spur aus Lichtern folgen. In diesem leeren Zimmer zu stehen, reichte fast aus, um mich an Gespenster glauben zu lassen.

Zurück im Flur, betätigte ich einen weiteren Schalter – aus alterGewohnheit, Dad – und drang tiefer in das Haus ein. Das Wohnzimmer auf der einen Seite, in dem die Bilder auf dem Kaminsims verschiedene Versionen von uns zeigten, eingefroren in der Zeit. Mein Vater in Uniform, mit seiner Klasse von der Polizeihochschule. Noch immer hätte ich die meisten beim Namen nennen können, da ich sie in meiner Kindheit als meine Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen betrachtet hatte. Ein Foto von mir bei meiner College-Abschlussfeier. Gages Vereidigung, mein Vater neben ihm, beide mit derselben Frisur, das dunkle Haar militärisch kurz geschnitten – sie waren sich charakterlich wie äußerlich unfassbar ähnlich. Und dann die Bilder von Caden, ein paar Jahre später. Er hatte einen weniger geradlinigen Weg genommen, aber es trotzdem geschafft. Die einzigen Babyfotos waren inzwischen die von meiner Nichte, die das gleiche runde Engelsgesicht besaß wie Caden, das gleiche schüchterne Lächeln, dem er zu verdanken hatte, dass er als Kind mit allem durchkam.

In der Küche wurde offensichtlich, dass jemand ohne mich angefangen hatte, das Haus zu durchkämmen. Auf dem runden Tisch lag ein Haufen loser Bilder, die bereits auf verschiedene Stapel verteilt worden waren. Organisiert, durchdacht, und mein erster Gedanke war: Gage.

Die Schachtel mit der Medaille meines Vaters stand geöffnet an dem Platz, an dem mein Vater immer gesessen hatte. Das bronzene Metall schimmerte im Licht der Deckenlampe. Sie war ihm vor vielen Jahren verliehen worden, als er den Rauch entdeckt hatte, der von dem brennenden Woolworth aufstieg. Noch vor den ersten Löschfahrzeugen war er vor Ort gewesen und, ohne zu zögern, ins Gebäude gestürmt. Er kam mit zwei kleinen Jungen auf dem Arm und einer beschädigten Lunge wieder heraus, was zu einem anhaltenden Husten führte, der zum vertrauten Hintergrundgeräusch geworden war, mit dem ich mein Zuhause verband. Er hatte keine Medaille vorweisen müssen, um zu zeigen, wer er war, was er getan hatte. Er hatte sein Heldentum in seinem Körper getragen. Nun lag seine Dienstmarke neben der Medaille, als handele es sich um einen Tischschmuck.

Erst jetzt fiel mein Blick auf die schmale Holzkiste, die mir nicht bekannt vorkam und in deren Schloss ein silberner Schlüssel steckte. Ich hob den Deckel an.

Im Inneren lag eine kompakte Handfeuerwaffe auf einem Bett aus kastanienbraunem Samt.

»Mein Gott«, murmelte ich und ließ den Deckel zufallen. Das war nicht die Dienstwaffe meines Vaters.

Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass er eine weitere Pistole besaß. Sie sollte nicht ungesichert hier herumliegen. Sie sollte gar nicht hier herumliegen. Meine Brüder hätten beide gewusst, wie man damit umging, was die nächsten Schritte waren. Die Tatsache, dass die Waffe so offen herumlag, erweckte den Anschein, als wollte man mir eine Botschaft übermitteln.

Hier, kümmere du dich drum. Sie gehört schließlich dir.

Es musste Caden gewesen sein.

Ich schloss die Kiste ab und sah mich nach einem sicheren Ort um, wo ich sie verstauen konnte. Schließlich blieb mein Blick am Geschirrschrank hängen, in dem nie Geschirr, sondern schon immer eine Sammlung von Spirituosen und verschiedenen Gläsern aufbewahrt wurde. Mitbringsel aus dem Urlaub und Gastgeschenke. Ich verstaute die Kiste mit der Waffe außer Sichtweite in einem der unteren Fächer und warf den Schlüssel in einen mit Kleeblättern verzierten Bierkrug aus Zinn auf dem obersten Regalboden.

Der Wind fuhr pfeifend in die Ritzen der verwitterten, spröden Fensterdichtungen. Die Veranda schien zu vibrieren und sich gegen das Gebäude zu drücken, und von irgendwo hinter dem Haus ertönte ein scharfes Klirren, als hätte sich im Garten etwas gelöst. Ein Metallteil vom Grill vielleicht oder von einer der solarbetriebenen Lampen, die den geschwungenen Weg hinunter zum alten Bootssteg säumten, aber nicht mehr funktionierten.

Ich schaltete die Beleuchtung ein, die an der Außenfassade angebracht war, und starrte hinaus in die Nacht. Die Veranda leuchtete hell im Lichtschein, doch alles unterhalb wurde von tiefen Schatten verschluckt. Ich öffnete die Glasschiebetür und trat hinaus, um über das Geländer zu spähen, wo die Treppe zur darunterliegenden ebenerdigen Terrasse und in den Garten hinunterführte. Doch es waren keine Möbel zu sehen, nichts, was danach aussah, als hätte es sich gelöst oder wäre umgefallen.

Die Rasenfläche fiel zum See hin ab, der mir mit einem Mal größer und tiefer erschien. Der Wind fuhr durch die Bäume und durch meine Haare. Ein erneutes Klirren, ein Stück weiter entfernt, als ich zuerst vermutet hatte. Vielleicht war jemand draußen auf dem Wasser.

Ich stützte einen Arm auf die splitternde Holzbrüstung und kniff die Augen zusammen, um etwas zu erkennen.

Schatten, die sich im Mondlicht abzeichneten. Dinge, die aus der Oberfläche des Sees herausragten – Zweige, Wurzeln. Und das Rechteck der Badeplattform, die mir näher am Ufer zu liegen schien als in meiner Erinnerung. Als Kinder waren wir um die Wette dorthin geschwommen. Wir waren von der Wiese aus gestartet, mit großen Schritten durch das schlammige Wasser in Ufernähe gepflügt, bevor wir untertauchten. Ein verrücktes Rennen, an dessen Ende ich keuchend und triumphierend mit der Hand auf den mit Algen überzogenen Rand des Pontons geklatscht hatte.

Mit der nächsten Böe driftete die Schwimminsel nach links, wobei erneut das Geräusch ertönte, das klang, als würde Metall auf Metall schlagen. Jetzt war mir klar, woher es kam. Die Ketten, mit denen die Plattform am Boden verankert war, waren aufgrund des niedrigeren Wasserstandes nicht mehr straff gespannt, und die Kettenglieder schlugen rasselnd gegeneinander, wenn die Strömung sie hin und her trieb.

Ich rieb mir die Oberarme, die vom Nachtwind ausgekühlt waren, und ging zurück ins Haus, wo ich den Riegel der Verandatür vorschob.

Mein Vater hatte immer gesagt, man müsse die Dinge im Auge behalten, sonst würden sie sich verändern, ohne dass man es bemerkte. Als ich jünger gewesen war, hatte ich gedacht, er meinte damit andere Menschen. Ich dachte, es handele sich um eine Ermahnung, stets wachsam zu sein, sich von niemandem täuschen zu lassen. Ich dachte, er würde von meiner Mutter sprechen.

Aber jetzt begriff ich.

Wie der See stetig schrumpfte und der Garten entsprechend größer wurde, während Wurzeln, Schlamm und Felsen freigelegt wurden. Eine Landschaft in einem Zerrspiegel, jeglicher Proportionen beraubt. Als handelte es sich um einen anderen Ort als jenen, den ich einst gekannt hatte. Ich begriff, dass es nicht nur darum ging, etwas im Auge zu behalten, sondern sich auch darum zu kümmern. Wie schnell sich alles verändert hatte, ohne dass ich es gemerkt hatte. Wie schnell Dinge verschwanden. Ich hatte ihn nicht im Auge behalten, hatte die Anzeichen für sein schwächer werdendes Herz, die erst im Nachhinein offensichtlich geworden waren, übersehen – wie so vieles andere. Und nun war auch er verschwunden.

Ich trug mein Gepäck ins Haus – einen Rucksack, eine kleine Reisetasche –, während mir die Frage im Kopf herumging, was meine Brüder noch alles in Angriff genommen hatten.

Das Schlafzimmer meines Vaters lag hinter der ersten Tür, die vom Flur abging. Ich schaltete das Licht ein. Sein Schrank war bereits ausgeräumt, die Kleidung von den Bügeln gerissen und auf mehrere Stapel verteilt. Kisten, die er im obersten Schrankfach aufbewahrt hatte, standen ausgeleert auf dem Boden.

Die beiden anderen Schlafzimmer im Erdgeschoss hatten früher Gage und Caden gehört, doch das von Gage war schon vor langer Zeit zu einem Büro umfunktioniert worden. Beide Räume schienen bisher unberührt zu sein.

Während ich mich im Haus hin und her bewegte, knarrten die Dielen unter meinen Schritten unheimlich in der Leere.

Zurück in der Küche, öffnete ich noch einmal den Geschirrschrank und nahm ein Schnapsglas aus Metall heraus, das ich von einer New-York-Reise mitgebracht hatte. In die Oberfläche war eine Skyline eingraviert. Sofort hatte ich die Stimme meines Vaters im Ohr, der eine Flasche für seine Gäste öffnete. Wie kann man einen Kriminellen am besten außer Gefecht setzen?Mit einem Shot. Oder zwei, für alle Fälle. Ich nahm den Whiskey heraus, der neben der Kiste mit der Waffe stand, und schenkte mir ein Glas davon ein, wobei ich dem Rat meines Vaters folgte: erst ein Shot, dann ein zweiter, für alle Fälle.

Ich schaltete das Licht auf der Veranda aus und dann die Lampen im Haus, eine nach der anderen.

Siehst du?, wollte ich sagen. Ich habe dir zugehört.

Neben seinem Sessel im Lesezimmer blieb ich stehen, um seine Lampe auszuschalten. Das einzige Licht, das jetzt noch brannte, war das, das den Weg ins Untergeschoss wies.

Auf der Treppe nach unten war es kühler als im Rest des Hauses, und ich wusste, dass die Temperatur auf der untersten Stufe noch einmal um ein paar Grad fallen würde. Hier befand sich mein altes Schlafzimmer, von dem – wie oben in der Küche – eine Glasschiebetür direkt nach draußen führte. Es war die Idee meiner Mutter gewesen, dass ich ins Untergeschoss zog: Das Zimmer kann Hazel nehmen, sie hat vor nichts Angst. Was kein bisschen der Wahrheit entsprochen hatte, als ich sieben Jahre alt gewesen war. Jahrelang hatte ich die großen Scheiben angestarrt und mir vorgestellt, was alles passieren könnte, bis ich schließlich einschlief. Aber die behauptete Furchtlosigkeit wurde zu einer Eigenschaft, die ich mir anzueignen versuchte. Wie eine Identität, die ich schließlich zu meiner machte. Meine Mutter war stets sehr überzeugend gewesen. Ich hatte mich an das Gefühl der Verletzlichkeit hier unten gewöhnt, und je älter ich wurde, desto mehr entwickelte sich die Terrassentür zu einem Vorteil.

Mein Zimmer war das kleinste im ganzen Haus – es hatte nicht einmal einen eingebauten Kleiderschrank –, weshalb sich meine Möbel mit der Zeit über die gesamte untere Etage verteilt hatten: Eine Kommode mit einem Spiegel darüber stand im Flur und ein Schreibtisch im Hobbyraum. Schließlich hatte ich nicht nur den Platz für mich beansprucht, sondern die Räume sogar neu gestrichen, ohne jemanden um Erlaubnis zu bitten. Es war noch immer derselbe blattgrüne Farbton, der den Raum größer wirken ließ, obwohl er recht dunkel war. Im Hobbyraum gab es ebenfalls eine Glasschiebetür, durch die man nach draußen treten konnte, sodass die Wände geradezu mit dem Grün des Gartens verschmolzen, als gäbe es keine Trennung zwischen innen und außen. Schon damals hatte ich eine Vision gehabt. Die Möglichkeit erkannt, einen Ort zu optimieren, ihn in ein Zuhause zu verwandeln.

Ein Geräusch ließ mich aufhorchen. Es klang, als würde irgendwo ein Ventilator laufen, und ich brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass das Geräusch von dem alten Desktopcomputer herrührte, der auf dem Schreibtisch an der Wand gegenüber von der Terrassentür im Hobbyraum stand. Als ich die Maus bewegte, erwachte der Monitor zum Leben. Systemabsturz, lautete die Meldung auf dem Bildschirm. Ich hielt den Netzschalter gedrückt, bis sich der Computer abschaltete und der Raum in Stille versank. Angesichts der grünen Wände, des Schreibtischs, des schnurlosen Festnetztelefons neben dem Fernseher fühlte es sich an, als wäre ich in der Zeit zurückgereist.

Die hauchdünnen Vorhänge zu beiden Seiten der Glastür bewegten sich sanft, als ich vorbeiging. Die Proportionen des Raums fühlten sich verkehrt an, weil die Decke so niedrig war. Eine Sammlung von Spiegeln, die gegenüber von der Glastür an der Wand hingen, verstärkte das Gefühl der Orientierungslosigkeit. An Weihnachten waren es nur zwei gewesen – Dad hatte gemeint, sie würden den Raum heller machen, indem sie das Tageslicht reflektierten –, doch jetzt waren es fünf, die den Großteil der Wandfläche beanspruchten. Im Vorbeigehen spiegelten sie verschiedene Teile von mir wider, was meinen Körper auf verwirrende Weise verzerrte. Der Whiskey tat seine Wirkung, vielleicht lag es aber auch an diesem Haus.

Ich trug meine Tasche ins Schlafzimmer, schlüpfte in mein altes Bett und drehte mich auf die Seite, um die Schiebetür im Auge zu behalten, so wie ich es immer getan hatte. Jahrelang war ich nicht wachsam gewesen, sondern gewappnet. Regelrecht darauf brennend, dass etwas geschah. Mit der tief sitzenden Sehnsucht nach Geheimnissen, Gefahr, Abenteuer.

Damals hatte ich naiverweise angenommen, es handele sich bei allen dreien um das Gleiche.

Heute wusste ich es besser.

Kapitel 3

66 Tage ohne Regen

Sonntag, 19. Mai

9:00 Uhr

Niederschlagsmenge: null

Jemand war im Haus.

Nachdem ich meine Kindheit in diesen Mauern verbracht hatte, basierte diese Erkenntnis nicht nur auf einem Gefühl, sondern auch auf Fakten. Ein Geräusch über mir, als ich aus der Dusche kam, als hätte ein Tier durch eine Ritze den Weg ins Haus gefunden. Oder als ob etwas über den Boden rutschte.

Reglos verharrte ich und starrte mit angehaltenem Atem an die Decke. Ich war es gewohnt, Häusern zu lauschen, ihr Innerstes zu entschlüsseln. Das, was sie von anderen unterschied.

Nichts.

Und dann: Ein lauteres Knarzen wie von einer Bodendiele. Ein Schritt.

Ein Mensch.

»Hallo?«, rief ich und registrierte, dass meine Stimme heiser klang.

Ich zog mich an und ging zum Fuß der Treppe in der Er