Die Töchter Egalias - Gerd Brantenberg - E-Book

Die Töchter Egalias E-Book

Gerd Brantenberg

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Beschreibung

Das Buch begleitet Petronius, den Sohn der geachteten Direktorin Bram, durch die Stationen und Hürden, die viele junge Männer Egalias nehmen müssen, wenn sie einmal ein glücklicher und umsorgender Familienvater und Hausmann werden wollen. Doch Petronius und seine Freunde bedrückt der von Ungleichheit geprägte Alltag zunehmend und sie beginnen, sich zu organisieren. Die Auseinandersetzungen machen auch vor ihrem Privatleben nicht Halt und im Spannungsfeld zwischen Liebe, Schmerz und politischem Aktivismus sucht der werdende Mann nach seinem Platz in einer von Frauen dominierten Gesellschaft. Gerd Brantenberg schaffte es, mit ihrer Umkehrung der Geschlechterverhältnisse Dinge zu verdeutlichen, die offensichtlich sein müssten, aber auch Strukturen offenzulegen, die nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich sind. Manche mögen behaupten, dass es heute über Ungleichheit zwischen den Geschlechtern nichts mehr zu regeln gäbe, da die rechtliche Gleichstellung erreicht sei und Frauen (bzw. Männer in Egalia) alles werden können, was sie wollen. Der Alltag sieht jedoch ganz anders aus und dieses Buch bietet einen guten Anlass, auch für Männer, die sich selbst möglicherweise als fortschrittlich sehen, zu hinterfragen, auf welche Art und Weise im Kapitalismus Geschlechterdiskriminierung immer wieder reproduziert wird. Es wird hoffentlich als Ermutigung für Männer, Frauen und Menschen jeden Geschlechts wirken, den gemeinsamen Kampf gegen Unterdrückung und ein System, das diese braucht, um die Mehrheit auszubeuten, aufzunehmen.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Ein Roman für alle Geschlechter

Offene Fragen

Gemeinsam kämpfen

Direktorin Bram und ihre Familie: Kristoffer, Petronius und Ba

Herrlein Uglemose bringt den Kindern etwas über das Unrecht der Natur bei

Der Frühlingsball

Egalsund – die Perle in der Meeresbucht

Direktorin Bram und Gatte bei Kabale und Liebe

Der Frauenklub „Freiheit“

Rektorin Barmerud räumt auf

Der Strand, die Steinstatue und der Eichenwald

Petronius als Seefrau

Die kleine Rose aus dem Barackenviertel

Herrlein Uglemose führt seinen Unterricht nach dem Rundschreiben Nr. 287 durch

Petronius wird im Herbst 16 Lenze

Er wird der Ihre

Gro Maitochter und ihre stolzen Ahnen

Im Inneren des Gebärpalastes

Stillzeit und Jünglingsträume

Klassenarbeit in Geschichte

Die Villa auf dem Plattenberg

Die Maskulinisten brechen ein Tabu

Männerunterdrückung – eine historische Notwendigkeit

Fische und Romantik

Die Tragödie der Zuchttiere

Die Maskulinisten auf neuen Abenteuern

Der gerechte Zorn einer Mutter

Volksabstimmung in Egalia und der freche Männercoup

PH-Verbrennung und andere Männeraktionen greifen um sich

Warum Männerkampf?

Gro und Petronius – Frau und Mann

Vater und Sohn

Selbsterfahrung in der Männergruppe ,,Der Streithahn“

Die großen Menstruationsspiele

Wanderung durch die egalitäre Stadt

Die Söhne der Demokratie

Impressum

Die Töchter Egalias

Ein Roman für alle Geschlechter

Die Töchter Egalias ist ein Buch, das von der norwegischen Autorin Gerd Brantenberg verfasst und bereits 1977 erstmals auf deutsch erschien. Die späten 70er und die 80er Jahre waren von einer breiten Politisierung geprägt und es wurde schnell zu einem vielgelesenen Buch der linken und besonders der feministischen Bewegung. Der damalige Verlag Olle & Wolter produzierte 15 Auflagen der Erstausgabe in einer Stückzahl von 150.000 Exemplaren - durchaus ein Bestseller auch nach heutigem Maßstab. Seit der letzten Auflage des mittlerweile eingestellten Verlags Frauenoffensive sind zwei Jahrzehnte vergangen.

Bei der Planung des Titels, stellte sich nicht nur der Verlag selbst die Frage, ob der Roman noch zeitgemäß ist, auch andere warfen dies auf. In vielen Online-Kommentaren zu dem Buch wird gesagt, dass die Zeit vorbei wäre. Die Begründung? Das Thema habe sich erledigt.

Was ist eigentlich das Thema? Es geht um eine Gesellschaft - Egalia - die der Verfassung nach demokratisch und in der alle Bürger*innen gleichberechtigt sind. Unschwer lassen sich Anleihen an skandinavische oder andere wohlhabende Länder des Westens erkennen. Dementsprechend ist Egalia eine kapitalistische Gesellschaft mit Unterdrückung, Klassenunterschieden und einer ausgeprägten politischen und bürokratischen Schicht, die sie verwaltet. Schnell lernen wir den Alltag des jungen Petronius Bram und seiner Familie kennen und mit ihnen, dass es mit der Gleichbehandlung von Frauen und Männern auch nicht weit her ist.

Immer noch sind Männer in Egalia ökonomisch benachteiligt, verrichten den größten Teil der reproduktiven Arbeit, werden Opfer von Gewalt, müssen sich in Rollen zwängen, denen sie niemals gerecht werden können - und das trotz formaler rechtlicher Gleichstellung!

Die geneigten Leser*innen mögen an dieser Stelle stutzen - Männer sind das unterdrückte Geschlecht? In Egalia schon. Und darin liegt schon das erste Verdienst des Romans. Indem die Geschlechterverhältnisse umgedreht werden, wird das Bild von der Gesellschaft, das uns, bzw. den Einwohner*innen von Egalia, vermittelt wird, herausgefordert. Schnell wird klar, dass es sich hierbei um ein gesellschaftliches und keinesfalls natürliches Verhältnis von den Geschlechtern zueinander handelt.

So sollte sich die Frage schnell beantworten lassen, ob ein derartiger Roman noch zeitgemäß ist: Natürlich ist er das. Soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und Gewalt jeder Art, der Frauen tagtäglich ausgesetzt sind, sind keine Erscheinung längst vergangener Tage. Die Pandemie und Monate des Home-Offices haben selbst vermeintlich aufgeklärten Nationen wie Deutschland deutlich vor Augen geführt, auf wessen Schultern die Hauptlast der Krise liegt. Errungenschaften wie das Recht auf freien Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen sind in der BRD weiterhin nicht voll durchgesetzt, bzw. wurden in anderen Ländern in den letzten Jahren angegriffen. Aus Widerstand dagegen formierten sich Massenproteste, die vor allem, aber nicht nur von Frauen getragen wurden, sondern an denen sich Menschen jedes Geschlechts anschlossen.

An dieser Stelle soll nicht ausführlich auf die erschreckenden Statistiken eingegangen werden. Zahlen wie die, dass jeden Tag in Deutschland ein Mordversuch und jeden dritten Tag ein wirklicher Mord an einer Frau, vor allem durch Expartner, verübt wird, gehen immer wieder durch die Medien.

Dann ist da noch die Sache mit der Sprache. In unserer formal gleichberechtigten Gesellschaft ist es scheinbar nicht möglich, einfach zu akzeptieren, dass Leute sich bezeichnen, wie sie es für richtig halten und in ihrer Ausdrucksweise durch Gendersternchen oder andere Mittel eine Inklusion aller Geschlechter deutlich machen. Es reicht nicht aus, dass dies von vielen Kräften weit über das rechte und konservative Milieu hinaus nicht umgesetzt wird. Jeden Tag kann man eine große bürgerliche Zeitung aufschlägen, in der prominent gegen das sogenannte “Gendergaga” und die Verhohnepipelung der deutschen Sprache durch das Gendersternchen zu Felde gezogen wird. Die Verwendung der allgemein männlichen Form reiche demnach aus, damit alle “mitgemeint” sind. Warum jedoch bei einer genderinklusiven Sprache, die wirklich alle mitmeint, Männer (und so manche Frau) sich aufregen, scheint erst einmal unverständlich.

In Die Töchter Egalias gibt es dieses Problem zum Glück nicht. Bei der Verwendung der allgemein weiblichen Form sind Männer mitgemeint, ein Gendersternchen oder ähnliches wird nicht verwendet. Der Kampf um die Sprache entscheidet nicht den Kampf für ein Ende der Geschlechterdiskriminierung, was jedoch nicht heißt, dass er unwichtig ist, weil er Teil einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung und um Sichtbarmachung ist. Es geht unter der Oberfläche gar nicht um diese oder jene Schreibweise. Es geht im Kern um die Aufrechterhaltung eines der wirkungsvollsten Spaltungsmechanismen, derer sich die Herrschenden bedienen können. Durch den täglichen Sexismus wird Männern vorgegaukelt, dass es in ihrem Interesse wäre, wenn Frauen schlechter gestellt sind. Oberflächlich gesehen mag das stimmen, man macht weniger Hausarbeit, hat mehr Zeit für gesellschaftlich anerkannte Tätigkeiten - Karriere, Sport, Selbstverwirklichung. Die wenigsten Männer werden jedoch Staranwälte oder Profifußballer. In Wirklichkeit nutzt diese Spaltung den Herrschenden, ihre Herrschaft aufrecht zu erhalten. Wenn der Mann in der Frau keine gleichgestellte Partnerin im Leben und Kampf sieht, sitzen die Herrschenden sicherer im Sattel. Sie haben erfolgreich die Millionen von Lohnabhängigen in zwei nahezu gleich große Teile gespalten. Dazu kommen noch weitere spaltende Ideologien wie Rassismus, Nationalismus, LGBTIQ*-Feindlichkeit usw.

Offene Fragen

Der Lehrer Uglemose, der sich als älteres Herrlein der Maskulinistenbewegung anschließt, hat sich im Laufe der Jahre seine Gedanken darüber gemacht, ob der Stoff, den er den Schüler*innen beibringt, wirklich der Wahrheit entspricht. Die natürliche Ordnung, in der Frauen die klügeren, stärkeren und rationaleren Menschen sind, ist offizielle Ideologie im Lehrplan Egalias. Er hat selbst Nachforschungen angestellt und ist auf Literatur gestoßen, die von Männeraufständen und einer Zeit berichtet, in der Frauen nicht das dominante Geschlecht waren. Natürlich war das nicht durch die offizielle Wissenschaft belegt und die Archäologie ist mindestens tendenziös. Letztendlich belegt sie nur durch ihre Funde, dass alles schon immer so war, wie es ist.

Seine Ausführungen erinnern an die Diskussion, die Friedrich Engels mit seinem Werk Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats angestoßen hat. Dabei war Engels durchaus klar, dass seine Theorie thesenhaft ist und bei neueren Erkenntnissen einer Überprüfung bedarf. Ebenso darf man die Aussage des Herrleins Uglemose nicht direkt übersetzen, seine Behauptung, dass die Frauen ursprünglich schwächer als Männer waren und es ein Patriarchat gab, würde bedeuten, dass Männer ursprünglich schwächer waren und es eine Phase des Matriarchats gab. Forscher*innen sprechen heutzutage jedoch viel mehr von einer egalitären (also gleichen), aber matrilinearen, als der mütterlichen Erblinie folgenden, Urgesellschaft. Die Unterschiede in der physischen Kraft wurden erst ein Ergebnis von Jahrtausenden der Unterdrückung.

Die Frage nach der Entstehung des Patriarchats (bzw. des Matriarchats in Egalia) ist eng verbunden mit dem Kampf dagegen. Die bis heute andauernde Dominanz des männlichen Geschlechts ist nur im Zusammenhang mit der Entstehung von Klassengesellschaften zu verstehen. Der Kapitalismus bediente sich dieses bereits vorher existierenden Geschlechterverhältnisses und gab ihm eine spezifische Prägung. Wie die untergeordnete Stellung der Frau etwas ist, das in egalitären Urgesellschaften unbekannt war, gehen Marxist*innen davon aus, dass die Diskriminierung ein Ende finde, wenn die Klassengesellschaft überwunden wird.

Petronius und seine Mitstreiter durchlaufen in ihrem Kampf gegen ihre Unterdrückung verschiedene Stationen und radikalisieren sich. Von der Bewegung der Matraxiatinnen hin zu radikalmaskulinistischen Organisationsformen und offensiveren Aktionen und dem politischen und ökonomischen Kampf. Das Buch beendet die Geschichte nicht und gibt keine endgültigen Antworten. Es wirft jedoch die richtigen Fragen auf: Ist der Kampf gegen Diskriminierung ein Kampf von Mann gegen Frau, bzw. Frau gegen Mann? Ist der Männerkampf (Frauenkampf) nicht Klassenkampf und welche Rolle spielt er in diesem Zusammenhang?

Gemeinsam kämpfen

Der Roman ist ohne Frage ein Klassiker des Feminismus. Das heißt jedoch nicht, dass er keine lohnenswerte Lektüre für Männer wäre. Viele Männer sehen sich durchaus als fortschrittlich und modern an und würden behaupten, mit dem althergebrachten Rollenbildern aufgeräumt zu haben. Gerade politisch aktive Männer mögen der Vorstellung unterliegen, dass ihnen die Grundzüge der oft als “Frauenfrage” betitelten Geschlechterdiskriminierung geläufig sind und das etwas wäre, das sie nicht reproduzieren. Gerade die Verkehrung der Rollen in den Töchtern und die dadurch überspitzt erscheinende Darstellung verdeutlicht viele mehr oder weniger unterschwellige Gewohnheiten und Mechanismen, die die Verhältnisse sehr wohl jeden Tag auf das Neue wiederherstellen. Das ist keine rein individuelle Verantwortung der Männer - in einer Gesellschaft, die um für die Herrschenden zu funktionieren, diese Spaltung braucht, gibt es keinen herrschafts- und ideologiefreien Raum. Diese Erkenntnis hat sich in linken Kreisen mittlerweile durchgesetzt, würde man jedoch in Mann-Frau-Beziehungen die Zeit messen, wer den größten Teil der Hausarbeit oder Kinderbetreuung oder Beziehungsarbeit übernimmt, käme ein ziemliches Ungleichgewicht heraus. Einmal gewonnene Erkenntnisse müssen auch wieder erkämpft werden, bestimmte Gewohnheiten und Rollenbilder schleichen sich ein, vor allem, wenn das erste Kind kommt.

Wir sehen in der Geschichte, wie der junge Petronius mit der dominanten Gro Maitochter zusammen kommt. Gro ist eine sehr selbstbewusste Matraxiatin. Als ihr kleiner Freund beginnt, gemeinsam mit seinen Leidensgenossen, erste politische Schritte zu machen, leitet sie die Gruppe an. Sie treffen sich bei ihr, sie führt Matraxias Werke in der Diskussion ein. Als sich Petronius von ihrer Dominanz befreien will, wittert Gro den Kontrollverlust über die Beziehung und wird gewalttätig.

Wer Matraxia ist und für welche Gruppen Gro steht, ist dabei unschwer zu erraten. Sie stehen für die marxistischen Gruppen der 70er Jahre. Dabei war die Auseinandersetzung real - während die marxistisch gebildeten Herrschaften vor allem der Studierendenbewegung den politischen Ton angaben, kam den vor allem Genossinnen die Aufgabe zu, sich um Kinderbetreuung und andere organisatorische Aufgaben zu kümmern. Bis aus der sexuellen Revolution der 68er eine sexuelle Selbstbestimmung der Frau werden konnte, musste ein langer Kampf geführt werden, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Auch wenn marxistische Gruppierungen damit ein Spiegel ihrer Zeit sind, darf nicht vergessen werden, dass Frauen auch zu dieser Zeit zentrale Rollen in Kämpfen wie bei der Abschaffung der Leichtlohn- oder Frauenlohngruppen spielten.

Nicht wenige Gruppen sprachen von einem Hauptwiderspruch in der ökonomischen Unterdrückung der Arbeiter*innen durch das Kapital und einem Nebenwiderspruch bei der Diskriminierung von Frauen. Das hatte zur Folge, dass die spezifische Situation von Frauen nachrangig behandelt oder gar ignoriert wurde. Der Kampf für Gleichstellung wurde schlimmstenfalls auf die Zeit nach der sozialistischen Revolution verschoben. Letztendlich erschwerte diese Herangehensweise, dass Frauen über den Kampf gegen ihre spezifische Lebens- und Arbeitssituation Teil eines gemeinsamen Kampfes der gesamten Klasse wurden. Wirtschaftliche Fragen wie Lohnhöhe oder Arbeitszeit hatten Vorrang vor Kampf gegen sexistische Gewalt, Ausgrenzung, Mehrfachbelastung durch Haushalt, Kinderbetreuung und Lohnarbeit usw. Dies bildete unter anderen eine Voraussetzung, unter der sich eine vermeintliche Gegner*innenschaft zwischen Männer und Frauen, auch unter Linken, verfestigen konnte.

Während der Kapitalismus ohne Frage auf der Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital, bzw. die Kapitalist*innenklasse, beruht, gibt es keine Trennung zwischen politischen und sozialen Fragen. Frauen werden als Arbeiterinnen ausgebeutet, ihre Ungleichbehandlung hat eine soziale Dimension durch geringere Löhne, Renten usw. Die Ausbeutung der Arbeit ist gerade das verbindende Element, das, was allen Unterdrückten gemeinsam ist, egal, woher sie kommen, an was sie glauben, als was sie sich sehen. Solange sie nichts zu verkaufen haben, als ihre Arbeitskraft, macht sie das in ihrer wirtschaftlichen Stellung gleich. Das bedeutet aber auch, dass, um gemeinsam gegen dieses Verhältnis, den Kapitalismus, kämpfen zu können, der Sexismus als Spaltung der Arbeiter*innenklasse im Hier und Jetzt bekämpft werden muss. Eine wirkliche Befreiung kann erst erreicht werden, wenn die ökonomischen Voraussetzungen geschaffen wurden, doch der Kampf gegen Diskriminierung beginnt vor der Revolution und hört danach nicht auf. Die revolutionäre Theorie für diesen Kampf bleibt der Marxismus - Fehlverhalten bestimmter Gruppen oder Personen ändern daran nichts, noch sind sie eine Folge des Marxismus.

Seit jeher waren Frauen ein unverzichtbarer Teil von Protesten und Revolutionen und standen oft in der ersten Reihe. Der Sturz des russischen Zaren im Februar 1917 wurde durch eine Revolte von Frauen in Petrograd eingeleitet. In den Jahren nach der 68er-Bewegung erkämpften sie sich ihre politische Stellung. Auch wenn sich innerhalb der politischen Linken mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass man nicht draußen für die Befreiung der Frau kämpfen und zuhause seine Partnerin schlagen kann, ist die Auseinandersetzung damit nicht beendet.

Der Kampf um gesellschaftliche Fortschritte war immer mit Diskussionen in der politischen Linken verbunden und einer Überprüfung der eigenen Herangehensweise an Fragen von Verhalten in den eigenen Reihen. Trotzdem ein möglichst hohes politisches Bewusstsein im Umgang mit Sexismus und Diskriminierung eine notwendige Voraussetzung ist, um Organisationen zu schaffen, in denen alle auf Augenhöhe miteinander für eine bessere Zukunft kämpfen können, existieren linke und revolutionäre Gruppen nicht außerhalb der Gesellschaft. Sie sind - bis zu einem gewissen Grad - Spiegelbilder dieser, womit sie sich fortwährend auseinandersetzen müssen.

Über vierzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in Deutschland besitzt der Roman von Gerd Brantenberg noch explosives Potential. Dieses Potential besteht darin, dass Frauen, Männer, alle, sich bei der Lektüre grundlegende Fragen über die Gesellschaft stellen werden, in der sie leben. Wenn nur ein Teil von ihnen sich entscheidet, den Kampf gegen Kapitalismus als unterdrückerisches System und den Sexismus als spaltende Ideologie aufzunehmen, hat sich die Wiederveröffentlichung bereits gelohnt.

René Arnsburg im Oktober 2021

TEIL I

Direktorin Bram und ihre Familie: Kristoffer, Petronius und Ba

,,Schließlich sind es noch immer die Männer, die die Kinder bekommen“, sagte Direktorin Bram und blickte über den Rand der Egalsunder Zeitung zurechtweisend auf ihren Sohn. Es war ihr anzusehen, daß sie gleich die Befrauschung verlor. ,,Außerdem lese ich Zeitung.“ Verärgert setzte sie ihre Lektüre fort, bei der sie unterbrochen worden war.

„Aber ich will Seefrau werden! Ich nehme die Kinder einfach mit‘‘, sagte Petronius erfinderisch.

,,Und was glaubst du wohl, wird die Mutter des Kindes dazu sagen? Nein, mein Lieber. Es gibt gewisse Dinge im Leben, mit denen du dich abfinden mußt. Du wirst allmählich lernen, auch das zu mögen, womit du dich abfinden mußt. Selbst in einer egalitären Gesellschaft wie der unseren können es nicht alle Wibschen gleichhaben. Es wäre zudem tödlich langweilig. Grau und trist.“

,,Es ist viel grauer und trister, nicht werden zu dürfen, was dam will.“ „Wer hat denn gesagt, daß du nicht werden darfst, was du willst? Ich sage nur, du sollst realistischer sein. Keine kann das Ei essen und zugleich das Küken haben wollen. Bekommst du Kinder, so bekommst du Kinder. Hör mal zu, Petronius. In meiner Jungmädchenzeit hatte ich auch eine Menge hochfliegender Träume von dem, was ich werden wollte. Seefrauenromantik. Daran leidest du. Du solltest aufhören, all die abenteuerlichen Erzählungen über die Taten von Frauen zu lesen, und dich lieber in Jünglingsromane vertiefen. Dabei bekommst du viel realistischere Vorstellungen. Außerdem ist das kein richtiger Mann, der zur See fahren will.“

,,Aber die meisten Seefrauen, die ich kenne, haben doch auch Kinder!“ „Das ist doch etwas ganz anderes! Eine Mutter, Petronius, kann nie Vaterstelle bei einem Kind vertreten.“ Seine Schwester lachte gemein. Sie war anderthalb Jahre jünger als er und ärgerte ihn immer. ,,Haha! Ein Mann soll Seefrau werden? Denkste!“ Neunmalklug fügte sie noch hinzu, daß der Widersinn doch schon in den Wörtern liege. ,,Eine männliche Seefrau! Der blödeste Ausdruck seit Wibschengedenken. Ho, ho! Vielleicht solltest du Schiffsjunge werden? Oder Zimmermann? Oder Steuermann?! Ich lach‘ mich tot. Alle Männer, die zur See gehen, sind entweder Prostis oder Fallüster.“ ,,Fallüster?“

„Fallüster, ja! Sicher! Und in jedem Hafen stehen die Prostis in Reih mit Glied, um die Seefrauen zu empfangen!“ Sie zog ihn an den Haaren.

,,Papa, Ba ziept mich!“

„Meine Göttin noch mal! Gibt es denn nie Frieden hier?“ Der Gatte der Direktorin Bram kam aus dem Badezimmer gestürzt, den Bart auf Lockenwickler gerollt. ,,Befrauscht euch endlich, Kinder! Ba, merk dir,

Petronius ist haarempfindlich.“

,,Empfindlich an den Haaren und empfindlich überall. Merk dir, Petronius gehört dem empfindsamen Geschlecht an!“ Das klang wie ein Refrain. Kess fuhr Ba fort: ,,Papa, muß Petronius nicht bald einen PH tragen?“ Petronius wurde puterrot.

,,Ruhe! Ich lese!“ brummte die Direktorin.

„Noch etwas Kaffee, Rut?“ fragte der Direktorinnengatte ablenkend und freundlich.

„Hmmmmmm“, kam es geistesabwesend, ,,heilige Luzia! Nun fordern die jüngeren Jahrgänge schon wieder höhere Gehälter. Vielleicht sollte ich mich aber dennoch befruchten lassen, Kristoffer. Der war übrigens viel zu stark.“

,,Wir haben doch schon zwei.“

,,Der Kaffee war zu stark, sage ich.“

,,Soll ich neuen machen?“

„Dafür ist es viel zu spät! Ich habe nicht die Zeit zu warten, bis du dich bequemst, neuen zu machen“, sagte sie beleidigt und schluckte den Rest mit verzogenem Gesicht herunter.

,,Ich will Taucher werden!“

,,Hohoho! Taucher! Es gibt ja gar keine Taucheranzüge für Männer! Eine männliche Froschfrau!“ Ba schlug sich auf die Schenkel, zeigte auf den Bruder und amüsierte sich drohnenmütterlich.

,,Gibt es denn schon Taucheranzüge für Männer, Mama?“ Die Direktorin antwortete nicht.

,,Vielleicht könnte Papa einen machen“, sagte Petronius.

,,Machen? Was könnte ich machen? Mehr Kinder?“ ·

,,Nee, einen Taucherinnenanzug für Männer.“

„Toller Einfall! Hier, meine Herren und Damen, zum ersten Mal: ein Taucherinnenanzug für Männer! Absolut reißfeste Isolierung! Was für eine Sensation! Daß ich darauf nicht eher gekommen bin!“ Die Direktorin jubelte. ,,Ich bin die erste Frau, die mit Klischeevorstellungen und landläufigen Konventionen bricht. Jawohl, denn eigentlich, eigentlich steht dem doch überhaupt nichts im Wege, daß ein Mann Taucherin werden kann.“

Kristoffer und Petronius fingen an, den Frühstückstisch abzuräumen.

Sie gingen in die Küche. Dort war es viel angenehmer. Petronius machte die Tür zu, so brauchten sie wenigstens nicht zuzuhören, wenn Mama oder Ba etwas sagte.

,,Ich begreife nicht, daß du dir bei Mama unbedingt das Vaterschaftspatronat verschaffen wolltest. Du kannst dich noch so anstrengen, und doch erntest du in 62 % aller Fälle nur Tadel. Das habe ich in den letzten drei Monaten gezählt.“

,,Was hast du gesagt?“

,,Ja, 62 %! Das habe ich ausgerechnet. Ich führe nämlich Protokoll darüber, wie oft sie dich zurechtweist.“ ,,Was ist denn das für ein Einfall?!“

,,Mama sagt doch, dam müßte ihre Behauptungen immer beweisen können. Darüber habe ich nachgedacht. Das bedeutet, daß dam alles aufschreibt, und sonst noch alles mögliche. Ich habe nun damit angefangen, alles aufzuschreiben, was hier im Hause vor sich geht..“

,,Und was willst du damit machen?“

,,Machen? Das weiß ich nicht. Aber ich verstehe nicht, warum du mit ihr zusammen sein willst.“ ,,Aber ich liebe sie doch!“

Petronius dachte nach. Auf eine Art war das ja verständlich. Mama war eine stattliche Frau. Sie hatte einen feinen, markanten Kopf, der sich unter den kurzgeschnittenen, immer hochstehenden schwarzen Haaren wölbte. Gerade Nase, ernster Gesichtsausdruck, kleine, stechende, helle blaue Augen, entschlossener Mund, gerade Schultern, kräftige Bewegungen. Wenn Mama sich bewegte, war es stets angemessen und effektiv. Die Stimme, hart und durchdringend, ließ immer auf eine sichere Kenntnis dessen schließen, wovon sie sprach, selbst wenn sie nichts davon verstand. So sollte eine Frau sein. Außerdem war sie stets elegant gekleidet: ein schicker brauner Kittel über locker sitzenden weiten Hosen und dicksohlige braune Gesundheitsschuhe. Gewöhnlich trug sie um den Hals ein weißes Seidentuch. Sie war stets adrett. So wie Männer es sich erträumten. Eine sehr elegante Frau war sie. Das wußte Petronius.

Darüber hinaus hatte sie eine Spitzenstellung in der staatlichen Direktorinnen-Kooperative und damit auch ein Spitzengehalt und eine Traumwohnung mit Dachterrasse auf der Insel Luksus, die einen weiten Blick über Egalsund im Osten und über das Meer im Süden und Westen bot. Petronius wußte, daß er sich glücklich schätzen konnte, wenn er im Leben so begünstigt sein würde wie sein Vater und es ihm gelänge, sich ein solches Vaterschaftspatronat zu verschaffen. Aber das würde er wohl nie erreichen.

,,Petronius?“

Er zuckte zusammen. Am Tonfall erkannte er, daß er kaum Lust verspürte, über das zu reden, worüber der Vater jetzt mit ihm reden wollte. „Ich habe schon längere Zeit darüber nachgedacht. Es ist richtig, was Ba gesagt hat. Ist es nicht an der Zeit, daß du mit einem PH anfängst?“ Petronius spürte, daß ihm warm wurde. Er antwortete nicht. ,,Ich habe festgestellt, daß du dich in letzter Zeit kräftig entwickelt hast.“

„Ja, danke.“ Das hatte auch Petronius mit immer größerem Schamgefühl bemerkt. Es war entsetzlich. Seine Stimme konnte sich ebenfalls nicht entscheiden, ob sie in die Höhe oder in die Tiefe wollte. Warum konnte er nur nicht für immer Kind bleiben.

„Der Kaufmann, Herr Monatochter, hat sich in der letzten Woche nach deinem PH erkundigt. Die Leute erwarten es einfach.“

„Sollen sie es doch erwarten. Vielleicht glauben die sogar, ich hätte überhaupt keinen Pimmel.“ ,,Petronius! Kannst du nicht aufhören, solche Ausdrücke zu benutzen?“ „In der Klasse gibt es viele, die noch keinen PH tragen.“ Das war eine glatte Lüge. In Wirklichkeit war es nur Syprian, und der war viel kleiner als er. Aber er hatte keine Lust darauf. Die Jungen erzählten sich, daß er kratze und immer im Wege sei. Sie haben gesagt, es sei unangenehm und unpraktisch, den Pimmel immer in so einen blöden Halter mit Stäbchen zu stecken. Und es sei so unpraktisch beim Pinkeln. Denn sie mußten zuerst den Bauchgürtel, der den PH hielt, losbinden, und der war unter dem Hemd festgemacht, so daß sie oft lange fummeln mußten, besonders zu Anfang. Der Bauchgürtel war meist zu eng und hinterließ auf der Haut Abdrücke. Außerdem mußten sie in ihre Hemden Schlitze machen, damit der PH locker und frei hängen konnte. Einige behaupteten, ein PH kratze immer. Andere meinten, es komme darauf an, welchen Stoff dam aussuche. Es gab richtig weiche Stoffe, die nicht so reizten. Aber solche PHs waren teuer. Petronius traute sich nicht, seinen Vater um einen solchen zu bitten.

Einige waren auch stolz darauf, einen PH zu tragen. Baldrian sah richtig nett damit aus. Petronius seufzte. Wenn ich doch bloß ein Mädchen wäre, dachte er zum x-ten Male. Dann hätte er so eine kesse Klappe in der Hose oder im Overall haben können, die er eins, zwei, drei aufknöpfen konnte, wenn er aufs Klo mußte. ,,Ich werde doch dabei sein“, sagte der Papa tröstend. Noch schlimmer. Das wollte Petronius am liebsten allein durchstehen. Wie sollte er es nur fertigbringen, in ein Geschäft für Herrentrikotagen zu gehen, den Verkäufer anzustarren und sein Anliegen vorzubringen! Für ihn gab es nichts Schlimmeres. Und nun wollte auch Papa dabei sein! Er und der Verkäufer würden ausführlich über Länge, Farbe und Stärke diskutieren. Muß er Größe 5 mit B-Röhre oder Größe 6 mit A-Röhre haben, würden sie überlegen und ihn vom Scheitel bis zur Sohle taxieren und so tun, als sei es das Natürlichste auf der Welt, daß dam einen Penis hat. Petronius kannte das, denn er war dabei gewesen, als Papa sich einen PH kaufte (den er immer erst nach endlosen Diskussionen mit Mama über den Stand der Haushaltskasse bewilligt bekam). Papa und der Verkäufer konnten sich stundenlang darüber auslassen, welches Modell Papa am besten stand. Der Verkäufer flitzte rein in die Garderobe, raus aus der Garderobe und befühlte Papas Penis, um zu prüfen, ob der PH zu stramm oder zu locker saß.

,,Da gibt es noch etwas, worüber wir reden müssen, bevor du zum Einführungsball gehst. Merk dir, du sollst ein begehrenswerter junger Mann sein. Da gibt es etwas, worauf du achten mußt, wenn du dich wäschst. Du mußt die Vorhaut des Penis gut zurückschieben, so daß dort nichts Schmieriges mehr zurückbleibt. Verstehst du? Das ist wichtig. Wasch dich unten gründlich. Du kannst ruhig einen Tropfen aus meiner Rosenölflasche um den Pimmel und den Schambeutel verreiben, damit es nicht riecht. Du mußt wissen, keine Frau mag mit einem Mann schlafen, der nicht frisch gewaschen, adrett und wohlduftend ist. Männer müssen sich nun einmal oft waschen, sie riechen sonst so stark.“

Petronius überkam die Angst. Er malte sich aus, welches Unheil ihn hier in dieser Welt ereilen würde, wenn er nicht darauf achtete, einen sauberen Pimmel zu haben.

,,Ich habe ferner bemerkt, daß dir auf der Brust Haare sprießen ... „ Wieder errötete Petronius. Mit Grauen hatte auch er das kürzlich festgestellt. Er hatte gehofft, Papa werde es nicht sehen. Er selber hatte es nicht wahrhaben wollen. Je mehr er aber hinstarrte, desto deutlicher war es. Unübersehbar und unwiderruflich kräuselten sich Haare auf seiner Brust. Sie waren einfach da und gingen nicht mehr weg, so sehr er sich auch das Gegenteil erhoffte. Nicht genug damit, daß sie nicht mehr weggingen, es wurden sogar immer mehr. ,,Nicht alle haben das Pech, daß ihnen da Haare wachsen“, sagte der Papa. ,,Doch einigen Männern sprießen eben Haare auf der Brust, und die müssen weg. Ich weiß gar nicht, woher du das hast. Ich hatte nie Haare auf der Brust und mein Vater auch nicht. Ich glaube aber, er erzählte einmal, daß sein Bruder große Probleme damit hatte. Vielleicht ist das der Grund. Nur heute ist das ja nicht so schlimm wie damals. Du brauchst dir ja nur ein Enthaarungsmittel zu kaufen. Das wird das beste sein. Es brennt zwar ein bißchen, und dam kriegt davon wunde und empfindliche Haut. Das ist aber trotzdem besser, als so herumzulaufen. Dam muß eben für die Schönheit leiden. Mama sagt immer, Männer hätten deshalb Haare auf der Brust, weil sie so primitiv sind und eher Tieren ähneln. Es sei eine Art Pelz, sagt sie ... „

,,Das finde ich aber gar nicht lustig ... „

,,Petronius, ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich in deinem Alter war. Es war gar nicht so leicht. Doch dam kommt da durch.“

,,Für dich war es wohl nicht so schlimm, oder?“ sagte Petronius.

,,Wie meinst du denn das?“

„Ich meine – ich meine, du brauchtest doch keine Angst zu haben. Du warst ja klein und mollig, hattest kurze Beine und schmale Schultern, helle Locken und ein hübsches Gesicht ... „

Petronius warf das Handtuch hin, stürmte in sein Zimmer und schloß die Tür ab. Er schämte sich. Er schämte sich dieses Gesprächs. Er schämte sich dessen, was er gesagt hatte. Er schämte sich, überhaupt eingestanden zu haben, daß dies ein Problem war. Es war ja nicht Papas Schuld. Petronius hatte alle möglichen Fettkuren ausprobiert. Er konnte noch soviel essen und nahm trotzdem nicht zu. Und dann die Mädchen! Die stellten sich vor dem Schultor auf und riefen ihm im Sprechchor nach: „Bohnenstange! Bohnenstange!“ Auch wenn er sie überhaupt nicht kannte und noch nie mit ihnen geredet hatte. Öfters hatte er Umwege gemacht, um den Mädchenbanden nicht zu begegnen. Die konnten sich schlimme Sachen für einen ausdenken. Und nur zu gern suchten sie sich nicht ganz so wohlgeratene Jungen als Opfer aus. Zum Beispiel so einen wie ihn. Den dickeren Jungen brachten sie mehr Respekt entgegen. In die verliebten sie sich. Petronius dachte an Baldrian. Ja, in solche verliebte dam sich. Und außerdem wuchs er immer weiter. Er war erst fünfzehn, und es bestand die Gefahr, noch weiter zu wachsen. Wenn es in diesem Tempo weiterging – und vor allem in die Höhe statt in die Breite -, war bald alle Hoffnung auf ein Vaterschaftspatronat dahin. Und er würde so einer wie Herrlein Uglemose werden, den alle zum Narren hielten und zwar nicht nur hinter seinem Rücken.

Papa stand da, dick, rund und schön, und sprach vom PH, vom Einführungsball und vom Spray für den Schambeutel. So als gebe es nichts Schöneres auf der Welt, als sich endlich zurechtmachen zu dürfen. Kein Kunststück, zu glänzen, wenn dam so glänzend aussah wie Papa oder Baldrian!

Begriff Papa denn wirklich nicht, daß Petronius‘ Chancen gleich Null waren – auch wenn er sich für den Einführungsball noch so ausstaffierte, mit türkisfarbenem PH und Tüll? Glaubte er denn wirklich, daß es da auch nur eine gab, die Lust hatte, ihn auf ein Einführungszimmer einzuladen? Am ersten Einführungsball nicht auf ein Einführungszimmer mitgenommen zu werden, war für einen Jüngling die größte Schmach. Er schaute sich im Spiegel an. Kämmte ein bißchen seine Haare. Lächelte. Versuchte verschiedene Möglichkeiten. Sah ernst aus. Drehte sich um und bemühte sich zu beurteilen, wie er im Profil aussah. Eigentlich war er ja gar nicht so unansehnlich. An seinem Gesicht gab es nichts auszusetzen. Es war schmal mit ebenmäßigen Zügen. Allerdings eine langweilige Haarfarbe. Doch hatte er gehört, es sehe hübsch aus, wenn sie geflochten seien. Papas Mund hatte er geerbt, einen runden, weichen, etwas nach oben geschwungenen Mund. Die Augen waren zu klein. Das wußte er. Aber sie hatten genau die richtige tiefblaue Farbe. Das hatte Baldrian gesagt. Der hatte so große blaue Gucklöcher. Die Augenbrauen waren jedenfalls schmal, ziemlich schmal und gleichmäßig geschwungen. Wenigstens waren es nicht solche zerzausten Büschel, mit denen Männer vereinzelt geplagt waren. Er lächelte sich noch einmal an. Weiß blitzten seine Zähne. Naja. Vielleicht hatte er doch eine Chance, trotz allem auf ein Einführungszimmer mitgenommen zu werden.

Der Gedanke an die Frau, die ihn auf das Einführungszimmer mitnehmen würde, gab ihm neuen Mut. Sie war keine der Frauen, denen er bislang begegnet war. Keine aus der Schule. Keine von der Straße. Keine von irgendwoher. Am besten nicht einmal aus Egalsund, sondern von weit her. Sie glich keiner, die er früher gesehen hatte. Sie war einfach wunderschön und stark und nahm ihn in das Einführungszimmer mit. Hinein in das Geheimnisvolle, fort vom Alltag mit seinen Sorgen und seiner Schmach wegen körperlicher Gebrechen. Sie zog ihn in höhere Gefilde, in geistige Gefilde, wo er keinen Penis hatte, keine Haare auf der Brust oder sonst irgend etwas, was anstößig war. Nur sie und er und eine Welt, die sich in Liebe ergoß und verströmte.

Petronius stand auf und sah aus dem Fenster. Über dem Egalsunder Schärengarten ging gerade die Sonne unter. Die Farben kämpften gegen die Dunkelheit, wurden stärker. Gleich über den roten Streifen war der Himmel leuchtend grün. Dort würden sie sein. Sie und er. Mitten im Sonnenuntergang und hinunterschauen, dem Horizont zuwinken, in einem Bett aus roten Matratzen mit einem Schleier aus leuchtendgrünem Himmel darüber. Er richtete seinen Blick auf den Fjord und dachte an das weite Meer, das hineinströmte, die ganze Zeit über hineinströmte und nie aufhörte, hineinzuströmen. So würde es mit der Frau und ihm sein. Es würde nie aufhören. Eine geheimnisvolle Verwandlung würde sich in ihm vollziehen. Sie würde ihn verwandeln. Sein Körper würde

verwandelt werden, sein Inneres. Eine tiefe, durchdringende Verwandlung, nach der sich jeder Junge sehnte und die nur eine Frau in ihm vollbringen konnte; jene Verwandlung, die es ermöglichte, daß er sich vollständig hingeben und die Wahrheit und Erfüllung der Worte ,ich bin ein Mann‘ fühlen konnte.

Plötzlich empfand Petronius heftige Sehnsucht nach einer Frau im Zimmer. Er sehnte sich nach der, die ihn zum Manne machen konnte. Und in seinem Innersten wußte er, es gab tatsächlich etwas, auf das er stolz sein konnte; etwas, was ihm klarmachte, daß seine Chancen gar nicht so schlecht standen, wenn es soweit war: Er hatte einen ungewöhnlich kleinen Penis.

Herrlein Uglemose bringt den Kindern etwas über das Unrecht der Natur bei

„Die Aufgabe einer jeden Zivilisation besteht darin, das Unrecht der Natur auszugleichen“, sagte Herrlein Uglemose und sah über seine Brille hinweg auf die Schülerinnen, um zu prüfen, ob das Eindruck auf sie gemacht

hatte. Einige stierten zurück. Andere glotzten auf die Schultische. Ba malte irgend etwas auf einem Stück Papier. ,,Ba!“ rief das Herrlein. „Was machst du denn da?“ Sie fuhr zusammen und legte automatisch die Hände über das Blatt. ,,Nichts“, log sie. Aber sie war gerade dabeigewesen, vom Herrlein eine Karikatur anzufertigen: kleine, knubbelige Nase; toupiertes rötliches Haar mit Haube und Band drauf – das trugen sie bestimmt in der Jugendzeit des Herrleins - , gekräuselter Bart; großgeblümter Bolero mit geblümtem PH, zueinander passend; selbstgestricktes, enganliegendes Hemd und Hausschuhe mit blauen Troddeln. Wie einer nur so unmodern sein konnte!

Für Ba verkörperte Herrlein Uglemose alle Einfältigkeiten dieser Welt. Altmodisch, jungherrlich, steif und theatralisch. Er war der Sohn der verstorbenen Rektorin Uglemose. Und das war der einzige Grund, warum er da oben stand und auf dem Katheder herumschwänzelte. Hatte es da nicht ein Verhältnis zwischen ihm und der nachfolgenden Rektorin gegeben, der Rektorin Barmerud? Das hatte Ba jedenfalls gehört. Viele behaupteten, Syprian Barmerud aus Petronius‘ Klasse sei dem Herrlein wie aus dem Gesicht geschnitten. Haha! Er hatte also seine Rektorin nicht abgekriegt. Sicher hatte er schon davon geträumt, Rektorinnengatte zu werden. Syprian, das Wiesel. Der war bestimmt sein Sohn.

„Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe, Ba?“ erklang die Stimme vom Katheder.

,,Doch“, antwortete Ba.

,,Was habe ich denn gesagt?“

Unsicher starrte Ba zurück. Ein Kichern brach zugunsten des Herrleins aus. Ann Plattenberg flüsterte hinter Bas Rücken etwas von Zivil und Natur.

,,Na, Ba?“

„Die Aufgabe einer jeden Zivilisation besteht darin, auf die Torheit der Natur zu hören“, sagte Ba. Die Klasse grölte. Die Schülerinnen nutzten die Gelegenheit, sich in den Bänken zu flegeln, lächelten und winkten sich zu und reichten untereinander längst geschriebene Zettel weiter, bis ein energisches Händeklatschen zu hören war. Das Herrlein brauchte ein paar Minuten, bis die Ruhe einigermaßen hergestellt war. Freilich noch länger dauerte es, bis er sich selber wieder beruhigt hatte. Immer regte er sich auf, wenn er sie auszanken mußte.

,,Nun, was habe ich gesagt?“ wiederholte er. Der kleine mollige Fandango meldete sich. Typischer Streber. ,,Die Aufgabe einer jeden Zivilisation besteht darin, das Unrecht der Natur auszugleichen“, antwortete Klein-Fandango. ,,Das ist richtig“, sagte das Herrlein, schrieb den Satz an die Tafel und fuhr fort: ,,Diesen Satz nennen wir eine Grundthese. Eine Grundthese ist ein Lehrsatz, auf dem sich alles Weitere aufbaut. Diese Grundthese war es, die unsere Mütter im Jahre 213 nach Donna Klara auf dem Demokraberg vereinte. Dank diesen Wibschen können wir heute ... „

Hier blieb Herrlein Uglemose stecken. So gut er konnte, hatte er sich auf diese Zivilisationskundestunde vorbereitet. Zivilisationskunde war nicht sein stärkstes Fach. Eigentlich gab es kaum noch ein Fach, in dem er sich sicher fühlte. Die Welt hatte sich sehr verändert, seit er gelernt hatte, was dam lernen mußte, als er damals studierte. Und die Erinnerung war mit den Jahren verblaßt. Aber er wußte, daß dieser Stoff mit zum Wichtigsten gehörte, was er den Jugendlichen beibringen mußte. Verzweifelt versuchte er, sich zu erinnern, was er vorbereitet hatte. ,, ... dank diesen Wibschen, diesen Gründermüttern“, sagte er, um Zeit zu gewinnen, ,,können wir heute ... „

,, ... danken!“ ergänzte Ba vergnügt und erhielt sofort von allen Seiten Applaus, den sie mit übertriebenem Nicken, Lächeln und Winken entgegennahm. ,,Raus!“ schrie Herrlein Uglemose, und augenblicklich, wie auf Befehl, stand Ba auf und ging hinaus – über den großen Onkel. Das Herrlein ging nämlich über den großen Onkel. Sein Gesicht lief dunkelrot an, er sagte aber nichts mehr. Es war still in der Klasse, als Ba draußen war.

„Herrlein?“ Wieder. War es der kleine, mollige Fandango. ,,Was heißt ,Unrecht der Natur‘, Herrlein?“ Das war genau die Frage, die dem Herrlein aus der Patsche half. Er faßte Mut und erweibte sich. ,,Das Unrecht der Natur besteht darin, daß die Starken die Schwachen unterdrücken. In der Natur frauscht, wie wir es nennen, das Gesetz des Dschungels. Das ist Krieg alle gegen alle, wobei die Stärkere immer gewinnt und die Schwächere immer hungert oder stirbt. Nun weißt du ja, Fandango – und ihr anderen ja wohl auch - , daß es bei uns nicht so ist. Wenn dies bei uns nicht so ist, so liegt es daran, daß wir so etwas wie eine Zivilisation haben. Seit dem Jahre 213 n.Kl. Haben die Wissenschaftlerinnen alle Aspekte des Unrechts der Natur untersucht. Es handelt sich um ein sehr kompliziertes Fachgebiet, das tiefe Einsichten in das Wesen der Unterdrückung verlangt.“ Das war ein bekanntes und beliebtes Thema. Das hatte das Herrlein als Kind gelernt. Er redete sich warm. Die meisten Schülerinnen waren mittlerweile in einen leichten Schlummer gefallen, als sich leise die Tür öffnete und Ba unversehens die Nase hereinsteckte: ,,Nun bin ich wieder artig, Herrlein. Darf ich wieder hereinkommen?“ Alle wußten, dies war eine unerhörte Frechheit. Hinaus auf den Flur bedeutete hinaus auf den Flur. Und wenn dam sich dem nicht fügte, ging es schnurstracks zur Rektorin. Der bloße Gedanke, sich vor ihrem Schreibtisch rechtfertigen zu müssen, erfüllte alle Schülerinnen mit Schrecken. Herrlein Uglemose dachte jedoch an etwas anderes. Er dachte daran, daß Ba die Tochter von Direktorin Bram war. Auch dachte er daran, daß ihm die Rektorin peinliche Fragen nach seinen Fähigkeiten als Lehrer stellen würde, wenn er sich in diesem Semester erlaubte, mehrere kleine Mädchen wegen Aufsässigkeit zu ihr zu schicken. Er wußte, daß schon einige ernst zu nehmende Mütter bei der Rektorin angerufen und sich erkundigt hatten, ob Herrlein Uglemose ihren Töchtern einen zeitgemäßen Unterricht erteile.

„Ja, bitte“, sagte das Herrlein zu Ba, ,,wenn du dich jetzt ordentlich benehmen kannst.“ „Vielen Dank, das ist sehr freundlich“, sagte Ba. Gespreizt spazierte sie zu ihrer Bank. Die Klasse kicherte, das Herrlein tat so, als habe er nichts gesehen. Er wollte fortfahren, wo er stehengeblieben war, hatte aber den Faden verloren. Ba malte an ihrer Karikatur weiter. Er tat so, als sehe er auch das nicht. Klein-Fandango meldete sich.

,,Ja?“

,,Wer sind die Schwachen in unserer Gesellschaft?“

,,Wie?“

,,Sie haben gesagt, daß die Starken die Schwachen beschützen sollten. Wer sind die Schwachen?“ ,,Das sind die Frauen“, antwortete das Herrlein.

Zum ersten Mal blickten ihn alle Schüler an. Auch Ba hörte mitten bei einem Kräuselstrich seines Bartes auf.

„Das ist doch Unsinn“, sagte Ann. Sie war so etwas wie die Anführerin der Klasse. Sie war die erste, die ihre Menstruation bekommen hatte, und fühlte sich deshalb immer zu allgemeinen Äußerungen berufen, ohne zu fragen, was die anderen meinten. Ihre Mutter saß in der Volksburg. Ann sollte Agrarexpertin werden.

„Ich verstehe sehr gut, daß du dies so siehst, Ann“, antwortete das Herrlein. ,,Aber wenn wir einmal darüber nachdenken, so ist die Frau die Schwächere, auch dann, wenn sie als das unempfindsame Geschlecht bezeichnet wird. Die Zivilisation hat die Frauen zum unempfindsamen und die Männer zum empfindsamen Geschlecht gemacht. Das ist das Geniale an unserer Zivilisation.“ Er hielt kurz inne. Ja, sie hörten zu. Sie hörten wirklich zu. Das Herrlein schöpfte Mut. ,,Von Natur aus – rein biologisch gesehen nämlich – ist die Frau schwächer als der Mann.“ Das Herrlein fand sich kühn. Doch gleichzeitig hatte er das vage Gefühl, daß dieses Thema in ein anderes Fach gehörte. Es war schwer, an den eigentlichen Kern der Sache heranzukommen. Hatte er sich vergaloppiert? Sollte dam darüber nicht lieber im Sexualkundeunterricht reden?

Es war, als würden diese für das Wibschenleben so wichtigen Dinge in überhaupt kein Fach fallen. Sie waren kaum faßbar, so daß sie von einem Fachgebiet zum nächsten geschoben werden konnten, ohne je in eines integriert zu werden.

,,Was bedeutet biologisch?“

„Biologisch, das ist das Leben, wie Göttin es zu ihrer Zeit erschuf: Frau und Mann im Naturzustand. Und alle Tiere. Zuerst erschuf Sie die ganze Welt, und ganz zum Schluß erst erschuf Sie die Wibsche. Eigentlich sollte dies die Krönung Ihres Werkes sein, und Sie wollte nichts mehr erschaffen. Sie hatte aber nicht damit gerechnet, daß sich die von Ihr erschaffene Wibsche einsam fühlte. Sie hatte sicherlich auch nicht richtig darüber nachgedacht, wie die Wibsche sich vermehren sollte, wenn es nur ein Exemplar von ihr gab. Die Wibsche klagte der Göttin ihre Not, und Göttin nahm ein Glied von der Wibsche und machte daraus den Mann. Das ist die Erklärung dafür, daß es der Frau erspart blieb, das empfindsamste und verletzbarste Glied aller Glieder zu tragen. Das ist ihre Stärke geworden. Und weil ihre Entwicklung fortgeschritten ist, hat sie verstanden, sich das zunutze zu machen.“

„Ich begreife das nicht richtig ... „, sagte Ann. Die ganze Klasse spürte ebenfalls sofort, daß niemand das richtig verstanden hatte. Denn wenn der Mann physisch stärker war als die Frau, warum übernahm er dann nicht die Macht?

,,Typisch Mann! Er ist einfach zu dumm!“ rief Ba.

,,Nein, genau hier tritt Göttins großartige und gerechte Schöpfungsordnung ins Bild. Nachdem der Mann erschaffen worden war, erkannte er sofort, daß er der Frau angehörte. Er sah ein, wenn sie es wünschte, wäre er genötigt ... „

Es klingelte. Ein Glück, dachte das Herrlein, denn er war nun überzeugt, daß er sich weit über den Rahmen des Faches Zivilisationskunde hinausgewagt hatte. Er griff nach seinem lachsroten Koffer, in dem er immer seine Schulbücher trug. Plötzlich bemerkte er, daß nicht eine einzige Schülerin aufgestanden war. Das erste Mal in seinem zwanzigjährigen Herrlein-Dasein waren die Schülerinnen beim Klingeln nicht mitten im Satz aus der Klasse gestürmt.

„Wozu wäre er genötigt gewesen?“ fragte Ba. Das Herrlein hatte am Hals rote Flecke bekommen.

Der Frühlingsball

Das große 25 Frau starke Orchester spielte auf. Der Frühjahrseinführungsball hatte begonnen. Petronius stand etwas eingeklemmt in einer Ecke des Ballsaales dicht neben seinem Klassenfreund Wolfram Saxe. Er hatte rote Wangen und schwitzte. Dann besah er sich kurz die Achselhöhlen, ob möglicherweise etwas zu sehen war, und erschrak. Die türkisfarbene Bluse hatte unverkennbar eine dunklere Farbe angenommen. Bei diesem Anblick schwitzte er noch mehr. Sie saß einfach zu eng. Er konnte den Stoff auf den Rippen fühlen, die sich wohl auch etwas abzeichneten. Trotz allem, er sah gar nicht so übel aus. Und nun sollte der Tanz beginnen. ,,Wolfram“, flüsterte er, ,,ich geh‘ nur mal für einen Augenblick runter.“ Wolfram griff nach dem Goldband, das Petronius um die Taille trug. ,,Hat sich dein PH gelockert?“ ,,Nein, ich will nur ... „ „Dann beeil dich“, unterbrach ihn Wolfram, ,,alle gucken schon zu uns hin. Du darfst den Gesamteindruck jetzt nicht verderben. Ich jedenfalls will die Sache heute abend hinter mich bringen.“

Petronius rannte in den Waschraum und suchte in seinem Handköfferchen nach Watte. Er stürzte in eine Toilette, denn er wollte unter keinen Umständen gesehen werden, und trocknete sich die Achselhöhlen. Papa hatte gesagt, daß das Deodorant völlig sicher sei. Doch Nervosität konnte es wohl nicht bannen.

Mit Grausen hatte Petronius monatelang auf den Einführungsball gewartet. Über nichts anderes hatten die Jungen mehr gesprochen. Die meisten hatten bereits auf die eine oder andere ein Auge geworfen. Lillerio Monatochter, der Nachbarssohn, war hinter einer mit Pferdeschwanz her, sie hieß Liv Kraft und war die Beste im Stabhochsprung. Baldrian Ödeschär war verrückt nach Eva Barmerud, der Tochter der Rektorin, und Wolfram war unsterblich in Ann Plattenberg verliebt. Es war eine ganze Clique. Sie beteten ihre Heldinnen an und schrieben ihnen Liebesbriefe, die sie jedoch trotz ihrer großen Liebe und trotz ihres Herzeleids nicht abzuschicken wagten. Petronius wußte eigentlich nicht genau, in wen er verliebt war.

Er schob zwei Wattebäusche in jeden Ärmel und rannte wieder nach oben. Es war nicht leicht, in den engen Schuhen zu laufen. Außerdem scheuerten sie auch noch. Er merkte, daß er das kleine Ballköfferchen vergessen hatte, das dam an den Gürtel schnallte, und mußte noch einmal zurück. Das Orchester war gerade beim Schluß der Kantate angelangt. Wolfram hielt schon nach ihm Ausschau. Als er wieder hoch kam, hakte er sich sofort bei ihm ein, und so marschierten sie mit den anderen Jungen aufs Parkett.

„Wo ist Baldrian? Wollte er nicht in unserem Trio tanzen?“ Petronius spürte eine Hand unter dem Arm. ,,Hier!“ Baldrian strahlte ihn an und sah einfach blendend aus. Er war so kühn und hatte einen tiefblauen Anzug mit breitem Goldgürtel angezogen, der auf seinem rundlichen Körper knackig und wie angegossen saß. Er konnte sich stets solche Raffinessen leisten. Petronius starrte ihn fasziniert an. Seinetwegen würde dam sich nach dem Trio reißen.

Die Zeremonienmeisterin ging auf das Podium, nickte und fuchtelte mit der Hand. , ,,Willkommen, meine Herren und Damen! Wieder einmal kann die Egalsunder Jugend den Frühjahrs-Einfülirungsball erleben. Alle Jahre wieder gibt es wohl nichts, was wir so herbeisehnen wie dieses Ereignis. Der Frühling ist eben jene leuchtende und unbeschwerte Zeit, da der Wind zärtlich verspielt die Blusen und Hemden unserer Knaben streift und wir neuen Mut schöpfen. Die Bäume schlagen aus und alles wird grün. Und wer von uns möchte sich da nicht dem Ungestüm der Lebenslust hingeben und einen Knaben in den Arm nehmen! Können wir uns einen lieblicheren Anblick vorstellen als so viele reizende junge Herren auf einmal?“

Die Jungen sahen sich beschämt an oder blickten verlegen zu Boden. „Unser Festarrangement wird wie alle Jahre zuvor verlaufen. Zuerst tanzen die süßen jungen Herren Trio für uns. Währenddessen kann dam an der Bar Getränke und Knabberzeug kaufen. Danach folgen wie immer Rundgang und Kuschelpause, das heißt, wir fordern die Damen auf zu zirkulieren. Das Orchester spielt einschmeichelnde Musik, es ist die Zeit für diejenigen, die Lust auf nähere Bekanntschaft mit den Herren verspüren. Zudem sind verschiedene Spieltische aufgestellt, oder dam kann sich in den diversen Salons entspannen.“

Zurufe und Gelächter von den Barhockern. Irgendwer rief pfui.

„Ha, ha, ha“, ließ sich die Zeremonienmeisterin mit galantem Lächeln vernehmen. ,,Ja, und jene Damen, die sich noch nicht orientiert haben, möchte ich darauf hinweisen, daß die verschiedenen Einführungszimmer in der zweiten Etage des Galerieflügels liegen. Und so wird der Ball mit Tanz und Unterhaltung bis halb zwei weitergehen.“ Die Zeremonienmeisterin klatschte in die Hände und holte flott mit dem einen Arm aus. ,,Und nun, meine Herren! Nur zu! Nehmen Sie Ihre Nebenfrau und fangen Sie an!“

Trommelwirbel und Fanfarenstöße. Die Leute klatschten. Der Triotanz begann. Die Jungen, die immer zu dritt tanzten, hatten sich eingehakt. Es war ein Tanz mit leichten, graziösen Hüpfern auf den Zehenspitzen und mit seitlichen Verbeugungen; monatelang hatten sie die in der Schule während der Gymnastikstunde eingeübt. Es war ein langsamer Boogie-Woogie. Unter dem Kronleuchter rauschte und wogte es von farbenprächtigem Chiffon, von Seide und Tüll. Von oben hätte sich Petronius und den anderen ein ganz entzückender Anblick geboten. Doch das einzige, was er im Gedränge des Ballsaales erlebte, war ein schwitzendes, brodelndes Chaos, in dem alles darauf ankam, nicht das rechte Bein zu setzen, wenn die anderen das linke nahmen. Er wiederholte für sich die Mahnung aus der Gymnastikstunde: ,,Merk dir, links immer zuerst. Links immer zuerst!“

Petronius hob das rechte Bein und kollidierte mit Wolfram, der wiederum Syprian anstieß. Dieser falsche Schritt übertrug sich auf mehrere andere Trios. Petronius warf einen verzweifelten Blick nach oben. Hatten die auf der Galerie etwas bemerkt? Aber dort war alles verschwommen, außerdem war er gerade bei einer Seitenverbeugung, so daß er den ganzen Ballsaal um einen Winkel von neunzig Grad verdreht sah. Baldrian drückte seinen Oberarm. Das gab ihm ein sicheres und gutes Gefühl. Baldrian sorgte dafür, daß das Trio wieder in den richtigen Rhythmus kam.

An den Wänden des Ballsaals, an den zur Bar führenden Türen und an das Geländer der Galerie gelehnt standen Frauen in ihren dunklen Kitteln und Hosen und weißen Seidentüchern. Sie tranken einander zu und starrten gebannt auf die Tanzenden. Bisweilen zeigten sie auf den einen oder anderen und sagten irgend etwas zur Nebenfrau. Petronius bemerkte eine große dunkelhaarige Frau gleich neben der Eingangstür. Sie sah ihn unverwandt an. Reglos, die Hände in die Hüften gestemmt, stand sie mit gekreuzten Beinen da und blickte mit ernster, gleichbleibender Miene in seine Richtung. Sie war allein. Er schaute weg. Die Beine gingen nun im Takt, ganz automatisch. Baldrians Wärme an seiner Seite gab ihm ein Gefühl der Geborgenheit. Er warf noch einmal einen flüchtigen Blick zur Eingangstür. Als er die Augen der Dunkelhaarigen abermals auf sich ruhen sah, verspürte er einen Stich.

Die Musik hörte auf. Die Jungen verbeugten sich. Die Leute klatschten. In den mächtigen Kronleuchtern wurde das Licht etwas gedämpfter. Für einen Augenblick entstand um Petronius herum ein völliges Durcheinander. Wolfram und auch Baldrian waren verschwunden. Er wußte nicht, wohin er sich wenden sollte. Und obendrein sollte er auch noch eine strahlende Miene aufsetzen. Noch immer fühlte er den Blick der Unbekannten. Wollte ihn loswerden. Er mußte fort. Er wollte ihn abschütteln. Er drehte sich rasch um und sah zur Tür, um den Blick der Frau zu verscheuchen. Sie war verschwunden.

„Hallo, Petronius! Wollen wir uns setzen?“ Das war Syprian, der Sohn der Rektorin Barmerud, ein kleiner, magerer Bursche. Genau das hatte er befürchtet. ,,Ja“, sagte er und schämte sich bis unter die Haarwurzeln.

Plötzlich faßte eine Hand hart von hinten um seine Taille. Sein Rücken stieß an etwas Weiches. Ihm wurde warm. Er drehte sich um. Sie war etwa einen halben Kopf größer als er und blickte mit einem kleinen ironischen Lächeln in den Mundwinkeln auf ihn herab. Sie hatte blaue Augen. Aber schon war sie wieder verschwunden. Es überraschte ihn, daß sie blaue Augen hatte. Aus der Ferne haben sie braun ausgesehen, dachte er. Er wußte nicht, warum. Ihre Augen hätten braun sein sollen. Petronius und Syprian gingen zu einer Nische. Er wußte, das war das Dümmste, was sie tun konnten, denn hier riskierten sie, den ganzen Abend hängenzubleiben. Sie setzten sich und starrten gedankenverloren auf all die festlich gekleideten Wibschen, die überall herumschwirrten. Die Frauen waren eifrig dabei, den Jungen etwas zu trinken zu holen. Einige standen jedoch nur da und redeten miteinander in Gruppen oder zu zweit und taten so, als hätten sie überhaupt kein Interesse an den Individuen des anderen Geschlechts. Petronius dachte bei sich, wenn ich eine Frau wäre, würde ich ganz emsig sein und den Dünnsten, den Häßlichsten und den Langweiligsten der hier Anwesenden auffordern und mit ihnen tanzen und reden.

,,Wo sind denn Wolfram und Baldrian geblieben?“ frage Syprian, als hätte er das nicht ganz genau gewußt.

,,Was?“

„Wo Wolfram und Baldrian geblieben sind, habe ich gefragt“, sagte Syprian.

„Tja, wenn ich das wüßte“, antwortete Petronius, als hätte nicht auch er das ganz genau gewußt. Wolfram und Baldrian waren natürlich sofort weggeschnappt worden. Bestimmt waren beide schon in ihrem Einführungszimmer. Und Petronius und Syprian saßen da und versuchten, sich das vorzustellen.

,,Die sind aber schnell verschwunden, was?“

,,Ja, das kann dam wohl sagen.“

Sie schämten sich dieses Gesprächs. Sie schämten sich, daß sie dort zusammen saßen. Sie bemühten sich kramphaft, so zu tun, als säßen sie nicht dort, als wären sie überhaupt nicht auf den Einführungsball gekommen, um eine Frau abzukriegen. Sie wußten aber nicht richtig, wie dam aussah, wenn dam so auszusehen versuchte. Petronius und Syprian schämten sich.

Dann stand sie plötzlich da, drei Meter von der Nische entfernt. Jetzt nur noch mit der einen Hand in der Hüfte und einem Zigarillo im Mundwinkel.

Sie streckte die Hände nach ihm aus. Petronius war völlig verwirrt.

Er drehte sich halb zur Seite, um zu sehen, ob sie die Hand nicht nach einem anderen ausstreckte. Doch hinter ihm gab es nur noch die Wand.

---ENDE DER LESEPROBE---