Die Tochter roter Erde - Julie Leuze - E-Book

Die Tochter roter Erde E-Book

Julie Leuze

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Beschreibung

Die Liebe einer Mutter überdauert die tödliche Wildnis … 1859: Emma Scheerer hat mit ihrem Mann Carl ein neues Heim im australischen Regenwald gefunden – gemeinsam erforschen sie die faszinierende Wildnis und das Leben der Ureinwohner. Doch als ihre Freundin Purlimil Zwillinge bekommt, verlangt Dayindi – der grimmige Traditionshüter des Clans –, dass das zweitgeborene Mädchen den Geistern geopfert wird. Um der verzweifelten Mutter zu helfen, adoptiert Emma das Baby und zieht damit den Zorn Dayindis auf sich. Dunkle Wolken brauen sich über dem Busch zusammen – hat Emma wirklich die Naturgeister verärgert? Doch sie liebt die kleine Bella bereits wie eine Tochter – auch wenn ihr eigenmächtiges Handeln eine stetig wachsende Kluft zwischen ihr und Carl öffnet. Zahlreiche Gefahren lauern in den Schatten – diesmal muss Emma nicht nur für sich allein kämpfen … Der ebenso spannende wie emotionale zweite Band der historischen Australiensaga – für Fans von Barbara Wood.

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Seitenzahl: 512

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

1859: Emma Scheerer hat mit ihrem Mann Carl ein neues Heim im australischen Regenwald gefunden – gemeinsam erforschen sie die faszinierende Wildnis und das Leben der Ureinwohner. Doch als ihre Freundin Purlimil Zwillinge bekommt, verlangt Dayindi – der grimmige Traditionshüter des Clans –, dass das zweitgeborene Mädchen den Geistern geopfert wird. Um der verzweifelten Mutter zu helfen, adoptiert Emma das Baby und zieht damit den Zorn Dayindis auf sich. Dunkle Wolken brauen sich über dem Busch zusammen – hat Emma wirklich die Naturgeister verärgert? Doch sie liebt die kleine Bella bereits wie eine Tochter – auch wenn ihr eigenmächtiges Handeln eine stetig wachsende Kluft zwischen ihr und Carl öffnet. Zahlreiche Gefahren lauern in den Schatten – diesmal muss Emma nicht nur für sich allein kämpfen …

eBook-Neuausgabe Februar 2026

Dieses Buch erschien bereits 2013 unter dem Titel »Der Ruf des Kookaburra« beim Wilhelm Goldmann Verlag.

Copyright © der Originalausgabe 2013 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Taras Vyshnya, Nutnare Saingwongwattana, Dmitr1ch; Adobe Stock/ana; istock/The Nature Notes

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)

 

ISBN 978-3-69076-259-5

 

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Julie Leuze

Die Tochter roter Erde

Australien-Roman

 

Er wartete.

Das Warten zermürbte ihn, doch er wusste, er musste Geduld haben. Was waren schon ein paar Monate mehr? Am Ende würde er siegen, und nur darauf kam es an.

Er lachte leise, als er an sie dachte. Sie waren so dumm, so unbesorgt und ahnungslos! In ihrer grenzenlosen Arroganz fühlten sie sich, als seien sie unverwundbar. Dabei war es lediglich eine Frage der Zeit, bis sie Teil seines Spiels sein würden.

Bald, sagte er sich.

Bald würde es so weit sein

Teil I

Kapitel 1

 

OKTOBER 1859

 

»Oh nein!«

Emma Scheerer hob abwehrend die Hände und trat einen Schritt zurück.

»Das kannst du nicht von mir verlangen, Purlimil!«

»So eitel bist du, Emma?«, lachte die schwangere Schwarze, die mit einem Steinmesser auf dem Boden hockte. Ein zweites Mal klopfte sie einladend neben sich. »Setz dich schon hin. Du willst doch alles über uns lernen, oder? Nun, diese Erfahrung darfst du sogar selbst machen, anstatt uns nur dabei zuzusehen. Willst du dir das wirklich entgehen lassen?«

Seufzend ließ Emma die Hände sinken. »Du weißt genau, wie du mich kriegst, nicht wahr?«

»Natürlich.« Purlimil grinste. »Ich kenne dich wie meine kleine Schwester.«

»Und du kommandierst mich genauso herum«, grummelte Emma. Doch dann grinste auch sie. »Also gut, bringen wir es hinter uns. Aber schneid mir nicht den Hals durch, ja?«

Purlimil zog eine Augenbraue hoch, was ihrem schönen Gesicht einen spöttischen Ausdruck verlieh. Kurze Zeit später lagen die ersten hellblonden Locken auf dem mit trockenen Blättern bedeckten Boden des Eukalyptuswaldes. Emma betrachtete sie mit gemischten Gefühlen und versuchte, nicht zurückzuzucken, wenn Purlimils Steinmesser besonders unsanft an ihren Haaren ziepte. Sie würde sich zusammenreißen, auch wenn es schmerzte. Sie war schließlich Forscherin. Und sie hatte in den letzten Monaten weiß Gott schon Unangenehmeres durchgemacht als das hier.

Emma hatte geröstete Maden gekostet, die Männer stundenlang beim Fischfang beobachtet und von den Frauen gelernt, wie man aus bestimmten Pflanzen des Regenwaldes in einer langwierigen Prozedur Medizin machte. Sie hatte beim Herstellen von tödlichen Speerspitzen zugesehen, und sie hatte wieder und wieder Nüsse gewässert, um vor dem Verzehr die Giftstoffe auszuschwemmen. Emma wusch sich im kalten Bach, sie lebte in einem Zelt statt in einem Haus, und sie unterhielt sich täglich mit splitterfasernackten Männern und Frauen, ohne rot zu werden.

Da würde sie es ja wohl überleben, wenn Purlimil ihr die Haare schnitt, damit Emma diesen Alltagsbrauch am eigenen Leibe erfahren konnte! Eigentlich sehr umsichtig von ihrer schwarzen Freundin, sagte sich Emma tapfer.

Eine weitere Locke fiel mit leisem Rascheln auf die trockenen Blätter. Eine sehr lange Locke.

»Reicht es nicht bald?«, fragte Emma und konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme kläglich klang.

»Noch nicht«, war die unerbittliche Antwort.

Erst als so viel blondes Haar auf dem Boden lag, dass Emma sich fragte, ob sie überhaupt noch welches auf dem Kopf hatte, ließ Purlimil von ihr ab. Emma war froh, dass es hier im Busch keinen Spiegel gab – und ihr der eigene Anblick somit noch eine Weile erspart bleiben würde.

 

Die Frauen des Clans waren aufgekratzt und gut gelaunt, als sie nach dem gemeinschaftlichen Verschönerungserlebnis den lichten Eukalyptuswald verließen und mit den Kindern zurück in den Regenwald wanderten. Das abgeschnittene Haar hatten die Frauen sorgfältig zusammengesucht und in einem eigens dafür entfachten Feuer verbrannt.

»Ein fremder Wirrinun, ein Hexenmeister, könnte Übles damit anfangen«, erklärte Purlimil ihrer weißen Freundin und strich sich dabei schützend über den runden Leib.

»Hier lebt doch nur ihr.« Emma runzelte die Stirn. »Wie sollte ein fremder Wirrinun an eure Haare gelangen?«

Nachsichtig blickte Purlimil sie an.

»Ab und zu gibt es Besuche zwischen den Clans, das weißt du doch. Da kann immer mal einer dabei sein, der mit bösen Geistern paktiert. Und dann ist es schlecht um diejenige bestellt, deren Haare er findet.« Purlimil hob belehrend den Zeigefinger. »Wir müssen stets vorsichtig sein, Emma. Mit den Geistern ist nicht zu spaßen.«

»Hmhm«, machte Emma vage.

Wieder einmal wurde ihr bewusst, wie fremd ihr die Welt der Menschen war, deren Alltag sie nun schon seit Monaten teilte. Die Vorstellung, von Hexenmeistern und bösen Geistern umgeben zu sein, ließ Emma schaudern.

Um sich zu beruhigen, machte sie sich in Gedanken eine Notiz für ihre Forschungsunterlagen.

 

Verbrennung von Haar aus Angst vor Schadenszauber. Funktion prüfen: Förderung der Hygiene? Stiftung von Gemeinschaft durch Abgrenzung von anderen Clans? Böse Geister/Schadenszauber als Erklärung für Krankheiten?

 

Der distanzierte Blick, zu dem ihre Arbeit als Forscherin sie zwang, tat Emma gut, und ihr Herzschlag normalisierte sich. Sie nahm sich vor, mit Carl über das Thema zu sprechen. Vielleicht eignete der Glaube an Schadenszauber sich ja für ihren nächsten wissenschaftlichen Bericht an die Kolonialregierung.

Allmählich machten die spärlich stehenden, silbergrünen Eukalypten saftig aussehenden Palmen und riesenhaften Farnen Platz. Die Luft bekam diese unwirklich grünliche Färbung, die den Regenwald ankündigte und die Emma von Anfang an verzaubert hatte.

Sie erinnerte sich an ihren allerersten Ausflug in den Urwald, damals, als sie noch die unterbezahlte Assistentin des grässlichen Oskar Crusius gewesen war. Oskar, dessen größter Wunsch darin bestanden hatte, Emma zu unterwerfen ...

Nur nicht mehr an ihn denken!, ermahnte sie sich scharf. Oskar war Vergangenheit, er war schon vor Monaten nach Deutschland zurückgekehrt, und Emma würde ihn niemals wiedersehen. Schon gar nicht mitten im Regenwald.

Unwillkürlich musste sie lächeln. Wieder einmal wurde ihr das Ungeheuerliche ihrer Lebensweise bewusst: Statt in einem zivilisierten Haus in einer zivilisierten Stadt an einem zivilisierten Herd zu stehen, lebte sie frei wie ein Vogel in der australischen Wildnis. Teilte ihren Alltag mit den Eingeborenen des Cunninghams Gap Scrub, eines Teils des subtropischen Regenwaldes auf der Great Dividing Range. Und wurde für das bezahlt, was sie am liebsten tat: wissenschaftlich arbeiten. Denn vor einigen Wochen hatte sie den offiziellen Bescheid der Kolonialregierung bekommen, dass die Gelder für ihr unkonventionelles Forschungsprojekt bewilligt worden waren.

Noch immer kam Emma diese Tatsache wie ein Wunder vor.

Sie dachte daran, wie skeptisch die zuständigen Herren in Sydney gewesen waren, als Emma und Carl ihnen im Juli ihr Projekt vorgestellt hatten – und wie sich der Zweifel in ihren Mienen langsam, aber sicher in Faszination verwandelt hatte, als sie begriffen, wie revolutionär und wie zukunftsweisend das Scheerer-Projekt war. Denn Emma und ihr frischgebackener Ehemann wollten nicht nur die Heilmittel der Eingeborenen erforschen, wie es bereits so mancher weiße Arzt vor ihnen versucht hatte.

Emma und Carl würden sich nicht damit begnügen, die medizinische Wirkung von Säften und Pasten zu beschreiben; sie wollten auch die Rituale beobachten, die sich darum rankten. Bei den Eingeborenen, das hatten sie schnell gelernt, gab es keine isolierten Handlungen, keine einfachen Ursachen mit klaren Wirkungen. Stattdessen hing alles mit allem zusammen, und Heilung auf der körperlichen Ebene konnte nur dann erfolgen, wenn auch die geistige und spirituelle Ebene berücksichtigt wurde.

Das klang für weiße Ohren erst einmal verrückt, so viel war auch den Scheerers klar. Aber Carl hatte seine ganze Autorität als renommierter Forscher in die Waagschale geworfen, um die Herren trotzdem von dem Projekt zu überzeugen, so wie Emma wenige Wochen zuvor ihn überzeugt hatte. Sachlich und doch voller Feuer hatte er ihnen erklärt, wie immens der Nutzen sein würde, den die Weißen aus der Kenntnis neuer Heilsysteme ziehen konnten – und dass diese Kenntnis nur zu erlangen sei, wenn man das tägliche Leben der Schwarzen beobachtete, in ihren Glauben eintauchte, ihre Sitten und Rituale analysierte, kurz: mit ihnen zusammenlebte.

Dank Carls gutem Ruf hatten die Herren ihnen schließlich eine Chance gegeben. Die Scheerers hatten einen gemeinsamen Vertrag auf unbestimmte Dauer erhalten und dazu die erleichternde Information, dass ihr ehemaliger Kollege Oskar Crusius nach Deutschland zurückgekehrt sei. Seither arbeitete Emma hochoffiziell als Forscherin im Auftrag der englischen Kolonialregierung.

Sie, eine Frau.

Es war unerhört.

Und so wundervoll, dass Emma es in manchen Momenten kaum fassen konnte, welch glückliche Wendung ihr Schicksal genommen hatte.

 

Sie lächelte immer noch, als sie zusammen mit den schwarzen Frauen und Kindern das Lager des Clans betrat, eine Ansammlung einfacher Hütten, die in der Nähe eines breiten Baches standen. Die Hütten waren aus Rinde, Gras und Zweigen gebaut worden, und obwohl Emma anfangs gedacht hatte, dass solch wackelige Behausungen gewiss keine vier Wochen halten würden, hatten sie sich als erstaunlich standfest erwiesen.

Zwischen den Hütten wucherten Farne und hohe, schlanke Feuerpalmen; hier und da knisterte ein Feuer im grünen Dämmerlicht. Auf dem Boden hockten die Männer, die nicht auf der Jagd waren, und bearbeiteten mit scharfen Steinen ihre Speere, Werkzeuge und Messer. Dazwischen sprangen junge Dingos herum, die älteren Tiere lagen träge bei den Männern. Ansonsten gab es – nichts.

Doch obwohl es dem Lager an jeglicher Bequemlichkeit mangelte, von Geschäften oder kulturellen Einrichtungen ganz zu schweigen, hatte Emma diesen Ort mit seinem ursprünglichen Zauber lieben gelernt. Sie war glücklich hier, und nur darauf kam es an.

Mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit schritt sie durch die Hütten auf ihr Zelt zu.

Carl hatte ihr gemeinsames Zelt im Schutze eines riesigen, immergrünen Nadelbaumes errichtet, einer hoop pine, deren Zweige sich weit oben im dichten Blätterdach verloren. Auch diese schmucklose Behausung hatte Emma lieben gelernt, barg sie doch die Erinnerung an etliche Stunden voller Zärtlichkeit und Leidenschaft. Stunden der puren Freude am Dasein und aneinander.

Unversehens überfiel Emma die Furcht, dass das immense Glück, das sie in den letzten Monaten erfahren hatte, nicht von Dauer sein könnte. War es nicht zu viel für einen Menschen allein? So viel Lebenslust, so viel Befriedigung durch ihre Arbeit und, bei Gott, so unendlich viel Liebe ... würde ihr nicht irgendwann einmal ein Preis dafür abverlangt werden?

Doch in diesem Moment sah sie Carl, und ihre Ängste lösten sich in Luft auf.

Mit den Händen in den Hosentaschen stand er neben dem Zelt, lässig gegen die dunkle Borke der hoop pine gelehnt. Beim Anblick ihres breitschultrigen und braun gebrannten Ehemannes, der ihr entspannt entgegenlächelte, bekam Emma auf der Stelle Herzklopfen. Wie gut er aussah! Das schwarze Haar, die meerblauen Augen ... und der Blick darin. Zärtlich und selbstbewusst, verletzlich und stark, alles zugleich.

All das, seine Gefühle, seinen Körper und sein Herz, hatte er ihr geschenkt, als er sie geheiratet hatte.

Dankbarkeit durchrieselte Emma wie ein Schauer des warmen, sanften Regens, der hier so oft fiel, seit die winterliche Trockenzeit vorüber war. Unwillkürlich beschleunigte sie ihren Schritt.

»Carl!« Mit einem Wohlgefühl, das sich beinahe unanständig anfühlte, schmiegte sie sich in seine Arme.

Er zog sie an seine Brust. »Hallo, Amazone«, flüsterte er ihr ins Ohr, und sie hörte das Lachen in seiner dunklen Stimme.

Fragend hob Emma den Kopf. »Amazone?«

Carls Hand strich ihren Rücken hinauf, legte sich kurz auf ihren Nacken und griff dann sanft in ihre Locken.

»Dass du streitbar sein kannst, weiß ich ja schon lange«, neckte er sie. »Aber dass du so weit gehen würdest, dir die Haare abzuschneiden, um wie eine weibliche Kriegerin auszusehen, das erstaunt mich doch.« Carl grinste.

Oh, ihre neue Frisur – die hatte sie ja ganz vergessen. Herrje, sie musste schrecklich aussehen! Ihr Haar konnte kaum mehr länger sein als Carls.

Emma wurde rot.

»Ich hatte die einmalige Gelegenheit, den Brauch des gemeinschaftlichen Haareschneidens mitzuerleben«, verteidigte sie sich. »Das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen! Dieses Erlebnis verhilft mir zu vielen, äh ... authentischen Aufzeichnungen.«

»Sehr authentischen Aufzeichnungen«, nickte Carl. »Emma Scheerer, eine Forscherin mit Haut und Haar. Wenn auch kurzem.« Er gluckste.

Emma runzelte die Stirn. »Wenn dieses Wortspiel ein Scherz sein sollte, dann war er nicht sehr gut!«

»Das ist dein Haarschnitt aber auch nicht«, sagte Carl, zog Emma jedoch enger an sich, als diese sich empört aus seinen Armen winden wollte.

Liebevoll sagte er: »Weißt du was? Selbst mit einem Amazonenhaarschnitt bist du die anziehendste Frau von allen.«

Das hörte sich schon besser an.

Versöhnt verschränkte Emma die Finger in Carls Nacken und zog sein Gesicht zu sich herab. Mit gespielter Strenge fragte sie: »Woher willst du überhaupt wissen, wie die sagenumwobenen Amazonen ihr Haar trugen? Sehr unwissenschaftlich, mein Lieber, hier einfach irgendetwas zu erfinden! Predigst du mir nicht ständig, dass es der höchste und unantastbarste Grundsatz für einen Wissenschaftler sei, niemals ...«

Er verschloss ihr den Mund mit einem Kuss. Mit einem sehr langen Kuss, bei dem Emma unweigerlich Lust auf mehr bekam.

Carl offensichtlich auch.

»Vergiss die Wissenschaft, Amazone«, raunte er. »Komm lieber mit ins Zelt und erinnere dich daran, dass wir nicht nur zusammen arbeiten, sondern auch miteinander verheiratet sind.«

Die Liebe in Emmas Körper breitete sich warm und verlangend aus, und plötzlich konnte es ihr gar nicht schnell genug gehen, mit Carl in ihr Zelt zu gelangen. Der Gedanke durchzuckte sie, dass die Lust, die sie in dieser Ehe so oft und heftig überfiel, einer jungen Dame eigentlich nicht anstand. Aber eine Dame war sie ja sowieso nicht mehr, seit sie in Australien lebte.

Sie war eine Frau.

Eine arbeitende, verliebte und durch den ständigen Aufenthalt im Freien ziemlich abgehärtete Frau. Gut, vielleicht hatte Carl recht, sie war mitunter auch eine streitbare Frau – wenn es um Dinge ging, die ihr wirklich wichtig waren. Mehr als einmal hatte sie in den letzten Monaten mit den Schwarzen über Bräuche diskutiert, die sie hart oder ungerecht fand, und nicht immer hatte sie sich dadurch Freunde gemacht.

Aber daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie ließ sich auf die Decken fallen, die auf dem Boden des Zeltes lagen.

Carl wandte sich zu ihr um, und sie streckte die Arme nach ihm aus.

Kapitel 2

 

Am späten Nachmittag verließen Emma und Carl ihr Zelt, um ein dringend nötiges Bad im nahen Bach zu nehmen.

Sie hatten sich ihre gemeinsamen Bäder schon bald nach der Hochzeit angewöhnt. Versteckte Plätze dafür gab es am Laufe des wilden Baches genug. Emma liebte es, mit Carl das frische Wasser zu genießen, und mehr noch liebte sie das Gefühl von Intimität und Vertrauen, das sich dabei zwischen ihnen einstellte.

Purlimil, die vor ihrer Rindenhütte hockte und im Feuer stocherte, den riesigen Babybauch zwischen den Knien, grinste ihr wissend zu. Emma grinste zurück. Sich zu schämen, weil sie sich mit Carl am helllichten Tag der körperlichen Liebe hingegeben hatte – und jeder hier es ahnte –, hatte sie längst aufgegeben. Sexualität galt im Clan schließlich als ebenso natürlicher Teil des Alltags wie Schwangerschaft und Geburt. Alles gehörte zum Kreislauf des Lebens, das mit dem Tod endete und in eine Wiedergeburt mündete.

Es war eine völlig andere Sichtweise als die, die man Emma in ihrer strengen schwäbischen Heimat beigebracht hatte, und so hatte sie eine Weile gebraucht, bis sie die Unbekümmertheit der Eingeborenen hatte übernehmen können. Aber Deutschland und Emmas Erziehung waren weit, weit weg; die Mutter war tot, und der Vater hatte nie auf Emmas Brief geantwortet; Carl und die Schwarzen hingegen waren ständig um Emma herum. Warum sollte sie sich mit deutscher Prüderie belasten, wenn es niemanden gab, der dies von ihr forderte?

Außerdem, dachte Emma, als sie nun mit Carl durchs Lager schlenderte, außerdem will ich mich ja anpassen.

Deshalb lebte sie schließlich hier: um das Clanleben von innen kennenzulernen und zu begreifen.

Sie fand, dass sie in ihren Bemühungen schon ziemlich weit gekommen war. Allerdings musste sie auch zugeben, dass es ganz ohne die Errungenschaften der modernen Welt doch nicht ging. Mit der Hütte zum Beispiel, in der sie ganz zu Anfang gewohnt hatten, hatte Emma sich einfach nicht anfreunden können. Nichts als Rindenstreifen und Gras um sich herum zu wissen war nichts für sie. Deshalb wohnten sie und Carl inzwischen in einem großen, weißen Zelt, das nicht nur wasserdicht war, sondern vor allem auch komplett geschlossen werden konnte und ihnen so das Gefühl gab, unbeobachtet zu sein.

Anders als die Schwarzen besaßen Emma und Carl auch keinen Dingo als Wärmespender, sondern warme Decken. Und auch Kleidung trugen sie weiterhin, Anpassung hin oder her. Lediglich auf Krinoline und Korsett verzichtete Emma gerne.

In regelmäßigen Abständen ritten sie außerdem gemeinsam nach Ipswich, um zur Post zu gehen, ihre Berichte an die Kolonialregierung abzuschicken und sich mit den unabdingbaren Gütern der Zivilisation zu versorgen wie Zahnpulver, Seife, Papier und Tinte. Emma besaß Haarbürsten und einen kleinen Spiegel, und Carl rasierte sich alle paar Tage.

Man konnte nicht alles ablegen, was einem einmal wichtig gewesen war, da waren die beiden sich einig.

Immerhin hatten sie ihre Essgewohnheiten geändert. Morgens frühstückten sie Mehlfladen oder Früchte, aßen manierlich vom Teller und tranken Wasser aus Zinnbechern; das Abendessen jedoch nahmen sie mit dem Clan in großer Runde ein. Sie aßen dann das, was alle aßen – und vor allem, wie sie es aßen: mit der Hand, ob es nun roh oder gekocht war, trocken oder triefend vor Blut und Fett. Ein bisschen eklig fand Emma das noch immer, versuchte aber, es sich nicht anmerken zu lassen.

Wo man es ihr gestattete, nahm Emma auch an den Bräuchen und Alltagsverrichtungen der Frauen teil, so dass sie detaillierte Berichte an die Kolonialregierung schreiben konnte, mit Erkenntnissen, die jedem männlichen Forscher verschlossen geblieben wären. Denn die »Frauenangelegenheiten«, wie die Schwarzen es nannten, waren in großen Teilen strikt von den »Männerangelegenheiten« getrennt. Oh ja, dachte Emma zufrieden, sie war der Regierung als Forscherin von Nutzen! Wenn sie auch manchmal unsicher war, wie sie ihre Beobachtungen in eine wissenschaftlich verwertbare Form bringen sollte, so stellte dies doch kein ernsthaftes Problem dar. Denn Carl stand ihr in allen Fragen, die sie als Forscherin hatte, mit Rat und Tat zur Seite.

Was täte sie nur ohne ihn? Carl war nicht nur ihr Geliebter und Ehemann, sondern auch ihr Lehrer. Alles, was sie über wissenschaftliches Arbeiten wusste, wusste sie von ihm; alle Schwierigkeiten ihres neuen Lebens meisterte sie nur, weil Carl bei ihr war. Manchmal machte Emma seine Überlegenheit fast ein bisschen Angst. In solchen Augenblicken dachte sie, dass sie Carl nicht minder lieben würde, wenn er einmal nicht stark, sondern schwach und unvollkommen wäre. Aber noch hatte sie keine Gelegenheit bekommen, ihm das zu beweisen.

Ihm – und sich selbst.

Carl fiel ihr nachdenklicher Ausdruck auf, und er lächelte sie an. »Wir sind da, Amazone. Bereit für den Sprung ins kalte Wasser?«

Sie hob die Hand und strich ihm eine schwarze Locke aus der Stirn. »Mit dir immer, Carl.«

Nach einem Blick auf das schäumende Wasser setzte sie ehrlich hinzu: »Na ja, vorausgesetzt, es ist nicht allzu kalt.«

»Ach, die gnädige Frau will eine Badewanne?« Carl grinste. »Soll ich dir zu Weihnachten eine schenken, hm?«

»Gute Idee! Wir stellen sie einfach hier neben dem Bach auf.« Emma lachte. »Dann badest du im kalten Wasser und ich im heißen.«

Amüsiert nahm Carl die Herausforderung an. »Umgekehrt, Emma. Schließlich bin ich der Mann, und du musst als gute Ehefrau alles dafür tun, dass ich es behaglich habe. Da haben deine Lehrer in Deutschland wohl einige Lektionen ausgelassen?«

»Kaum«, versetzte sie und stemmte die Hände in die Hüften. »Wahrscheinlich habe ich bloß nicht zugehört, sondern mir meine Konzentration für die wirklich interessanten Dinge aufgespart.«

»Was könnte interessanter sein als dein Ehemann?«

»Zum Beispiel folgende Lektion: Wer sich mit seiner Frau kabbelt und dabei zu nahe am Uferrand steht ...«

Emma versetzte ihm einen Schubs. Es platschte laut, als er vollständig bekleidet in den Bach fiel.

»... der liegt schneller im Wasser, als er gucken kann«, ergänzte sie grinsend.

Prustend tauchte Carl wieder auf. Mit einer schnellen Kopfbewegung warf er sich das schwarze Haar aus der Stirn. »Na warte, Amazone!«, schnaubte er, stemmte sich hoch und griff nach ihr.

Keine Sekunde später war auch Emma im Wasser.

Die Kälte ließ sie nach Luft schnappen, doch dann schoss ein Energiestoß durch ihren Körper, und sie fühlte sich, als müsse sie vor Lebensfreude bersten. Warum hatte sie sich auch nur eine Sekunde lang mit Grübeleien aufgehalten? Herrgott, sie war einfach glücklich! So glücklich, hier mit Carl im Bach herumzualbern, den Augenblick zu genießen und gleichzeitig eine gemeinsame Ewigkeit vor sich zu haben ... so glücklich, dass sie überzuströmen schien.

Etwas keuchte im Dickicht.

Emma runzelte die Stirn, abrupt aus ihrem Freudentaumel gerissen. Sie starrte in die grüne Wildnis am Ufer.

Niemand.

Natürlich nicht!, schalt Emma sich und atmete tief durch. Hatte sie wirklich geglaubt, da verstecke sich jemand?

Fest entschlossen, das seltsame Keuchen zu ignorieren, schlang sie ihre Arme um Carls Hals. Sie nahm den nassen Hemdstoff wahr, der sich um seinen Oberkörper schmiegte und jeden Muskel überdeutlich zur Geltung brachte, und ihr fiel ein, wie sie vor vielen Monaten ebenfalls klatschnass voreinandergestanden hatten. Damals hatten sie gemeinsam Carls Pferd aus einem reißenden Fluss gerettet ... und hätten sich danach am liebsten geküsst. Was sie natürlich nicht getan hatten, war sie doch noch Fräulein Röslin gewesen und er ihr unnahbarer Forschungsleiter.

Sie lächelte kokett. »Mit nassen Kleidern hatten wir es von Anfang an, erinnerst du dich?«

»Und wie ich mich erinnere. Aber ohne nasse Kleider fühlt man sich noch besser, finde ich.«

Carl fing an, Emma auszuziehen, öffnete Haken, Ösen und Bänder und warf die schwere, mit Wasser vollgesogene Kleidung achtlos ans Ufer. Dann entledigten sie sich beide ihrer Schuhe, Carls Hemd und seine Hose folgten, bis sie nackt und eng umschlungen im Bach standen.

»Wir wollten uns doch waschen«, murmelte Emma an Carls Mund.

»Ja«, sagte er rau und hob sie auf seine Hüfte. »Aber das kann noch eine Weile warten.«

Sie schlang die Beine um ihn, knabberte an seinem Ohr. »Unersättlich, was?«

Carl schwieg. Abrupt hielt er in seinen Bewegungen inne.

Hatte sie etwas Falsches gesagt? Emma biss sich auf die Unterlippe. Sie löste sich von Carl und sah ihm forschend ins Gesicht.

Sein Gesichtsausdruck hatte sich vollkommen verändert, keine Spur mehr von Lust. Wachsam und angespannt blickte er um sich.

»Carl, was ist denn los?«

»Hast du nicht auch das Gefühl«, fragte er leise, »dass wir beobachtet werden?«

Du lieber Gott! Peinlich berührt spähte Emma in das Farndickicht. »Das sähe den Schwarzen aber gar nicht ähnlich. Sie neigen ja eigentlich nicht dazu, heimlich zuzuschauen, wenn man ... ähm ...«

»Du hast recht. Trotzdem, da ist irgendetwas, das spüre ich.«

»Ich auch«, gab sie zu.

Carl rührte sich nicht, sondern starrte konzentriert zum Ufer hinüber und lauschte. Auch Emma versuchte herauszufinden, was anders war als sonst.

Alles war still und friedlich, nicht einmal das Rascheln eines Tieres war zu hören.

»Vielleicht haben wir es uns nur eingebildet«, sagte Carl verunsichert.

»Das denke ich auch.« Halbherzig schlug Emma vor: »Möchtest du trotzdem lieber zurück ins Lager gehen?«

Einen Wimpernschlag lang zögerte Carl. Dann schüttelte er entschlossen den Kopf. »Nein. Das wäre albern. Von einem vagen Gefühl sollten wir uns nicht ins Bockshorn jagen lassen.«

Emma lächelte erleichtert und schlang ihre Beine erneut um seine Hüften. »Ganz meine Meinung.«

Kapitel 3

 

»Hoppla, nicht so schnell, mein Großer! Sonst verlierst du mich noch unterwegs.«

Emma zügelte Orlando, bis er schnaubend auf der Stelle tänzelte.

»So, das war’s«, sagte sie und schwang sich aus dem Sattel. Ihre Knie zitterten, als sie auf dem steinigen Boden zu stehen kam. »Reite deinen schwarzen Teufel wieder selbst, Carl, und gib mir meinen sanften, wenn auch lahmen Engel wieder.«

Carl saß von Princess ab und verkniff sich ein Grinsen. »Tja, einen Versuch war es wert, oder?«

»Solange es bei dem einen bleibt«, murmelte Emma.

Sie schämte sich. Carl hatte sie gewarnt, dass Orlando zu wild für sie sei, und eigentlich wusste sie das auch selbst.

Aber hatte sie nicht in dem Jahr, das sie nun schon in Australien lebte, richtig gut reiten gelernt? Hatte sie ihre Angst vor großen Rössern nicht spätestens verloren, als sie Orlando aus dem Fluss gerettet hatten?

Also hatte sie Carl darum gebeten, bei ihrem heutigen Ausritt die Pferde zu tauschen; ihre brave weiße Stute gegen seinen feurigen schwarzen Hengst.

Sie seufzte. Das Ergebnis war eindeutig: Dass sie und Princess perfekt zusammenpassten, sie und Orlando hingegen überhaupt nicht, stimmte nach wie vor. Vielleicht sogar mehr denn je, wurde Orlando doch nur noch ein-, zweimal pro Woche geritten und genoss ansonsten ungestört sein freies Koppelleben mit Princess.

Die beiden Pferde gehörten Emma und Carl fast so lange, wie sie beide einander kannten. Sie hatten ihre erste gemeinsame Expedition mit den Pferden gemacht, und sie behielten sie auch, nachdem sie beschlossen hatten, fortan im Regenwald ihr Zelt aufzuschlagen. Während die Scheerers beim Clan lebten, blieben die Pferde einfach auf ihrer Weide im ehemaligen Forschungslager. Alle paar Tage kamen Emma und Carl, um nach den Tieren zu sehen, sie zu pflegen und zu reiten. Sie brauchten Orlando und Princess schließlich, um nach Ipswich zu kommen; das freie, einsame Leben der Tiere durfte auf keinen Fall in gänzlich ungezähmte Wildheit abgleiten. Orlando und Princess waren Reittiere, und das sollten sie auch bleiben.

Der schwarze Hengst schien da allerdings anderer Meinung zu sein. Emma stieg in den Steigbügel und schwang sich auf ihre stets gefügige Stute. Faul oder nicht, mit Princess lief man wenigstens nicht Gefahr, sich den Hals zu brechen.

»Machen wir uns auf den Rückweg«, sagte sie und drückte Princess die Fersen in die Flanken.

 

Die Pferde wieherten, als sie endlich auf ihre Weide zutrabten – oder vielmehr auf das Stück notdürftig bereinigte Wildnis, das ihnen als Weide diente. Emma, die längst ihre gute Laune wiedergefunden hatte, tätschelte Princess den Hals. Verwöhnt waren die Pferde wahrlich nicht: Ein einfacher Holzzaun hinderte sie am Weglaufen, das Gras auf der Weide war eher dürr als saftig, und das, was Emma und Carl als Bächlein zu bezeichnen pflegten, war bloß ein Rinnsal. Doch besser als im Regenwald war es allemal, denn dort konnten die Pferde auf Dauer nicht sein. Hier hingegen hatten sie sich von Anfang an wohlgefühlt; schon damals, als Emma und Carl mit ihrer kleinen Forschergruppe die verlassenen Hütten des Straßenbauingenieurs Mr Hay in Besitz genommen hatten.

Ihre Gedanken schweiften zurück.

Damals hatten die Pferde ihre Weide noch mit den Lastochsen teilen müssen. Die Forscher hatten im Haupthaus und in den Hütten Pflanzenstudien betrieben, hatten wochenlang hier gelebt und gearbeitet, hatten den Eukalyptuswald und schließlich den Regenwald erkundet. In dieser Zeit hatte auch Emma, obwohl sie eine Frau war, ihren Forschergeist entdeckt, und Carl hatte sie darin unterstützt. Alles war gut gegangen – bis der eifersüchtige Oskar sein wahres Gesicht gezeigt hatte.

Bis die Situation eskaliert war.

Bis Oskar Emma fast vergewaltigt hätte und sie zu den Schwarzen geflohen war ...

Oskars gehässige Stimme, während seine Hände ihren Körper besudeln. Sein Atem, stinkend wie Pesthauch. Seine Drohung, dass sie es niemals vergessen würde.

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, um die demütigende Erinnerung zu vertreiben. Warum musste sie bloß immer wieder daran denken? Vorbei, dachte sie, es war ein für alle Mal vorbei! Doch erst als sie Carls liebevollen Blick auf sich spürte, wich die Erinnerung der Gegenwart. Wenn Carl bei ihr war, war alles gut. Dann konnte ihr nichts und niemand etwas anhaben.

Emma ließ sich von Princess’ Rücken auf den Boden gleiten. Sie dachte daran, dass es leider auch die anderen Momente gab. Diejenigen, in denen sie fürchtete, sich niemals von Oskars Schatten befreien zu können – wenn Hass und Gewalt nur darauf zu lauern schienen, erneut über sie herzufallen. Würde sie je darüber hinwegkommen?

»Alles in Ordnung bei dir, Liebste? Du siehst ein bisschen blass aus.«

Carl saß ebenfalls ab. Er trat auf sie zu, und Emma spürte, dass seine bloße Existenz dazu imstande war, den Schatten in Schach zu halten. Dankbar lächelte sie.

»Alles in Ordnung.«

Carl legte ihr die Hand in den Nacken und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Die Dunkelheit wich dem Geschmack der Liebe, und als Emma den schweren Sattel von Princess’ Rücken hievte, die Stute festband und sich daranmachte, ihr den Staub aus dem Fell zu striegeln, war die Vergangenheit ein weiteres Mal gebannt.

Mit Carl zusammen war sie unverwundbar.

Auf dem Heimweg ins Lager der Schwarzen wurden Emma und Carl nass bis auf die Knochen.

Es kümmerte sie kaum. Sie hatten es sich abgewöhnt, sich vor den zahllosen Schauern zu schützen, die in den Frühjahrsmonaten im Regenwald niedergingen; im Sommer, ab Dezember, würde es noch schlimmer werden. Aber so schnell man nass wurde, so schnell trocknete man auch wieder. Ohnehin herrschte schon jetzt eine solche Hitze, dass feuchte Kleidung am Körper kein Ärgernis war, sondern eher eine Wohltat.

Hand in Hand liefen sie unter tropfenden Riesenfarnen, Palmen und mammutartigen Nadelbäumen den Weg entlang, den sie mittlerweile besser kannten als jede Straße der zivilisierten Welt. Wobei »Weg« ein arg beschönigender Ausdruck war, dachte Emma belustigt, handelte es sich doch um nichts als Wurzeln, Sträucher und Tümpel, die zusammen eine Art Netz aus Hinweisen bildeten. An ihnen konnten Emma und Carl sich orientieren. Und je müheloser sie das vermochten und je vertrauter ihnen die Natur um sie herum wurde, desto besser verstanden sie auch die Schwarzen und deren Art, die Welt zu sehen.

Für die Eingeborenen hatte alles, was sie umgab, eine tiefere Bedeutung. Jeder Stein hatte seine Identität, jeder Erdwall, jeder Baum und jedes Tier war ein Beweis für die Traumzeit. Alles zeugte von den Taten der mächtigen Ahnenwesen, die in mythologischen Zeiten das Land durchstreift und gestaltet hatten. Was Emma teilweise wie ein kindlich-unschuldiges Märchen vorkam, das nahmen die Schwarzen als gegeben: die Schöpferkraft der Regenbogenschlange; die Allgegenwärtigkeit der Geister; die Heiligkeit der Erde.

Und so war der Geröllhaufen, an dem Emma und Carl gerade vorbeikamen, eben keine zufällige Ansammlung von Steinen, sondern hier hatten die Ahnen Früchte angesammelt, und diese waren zu Steinen geworden. Auch die Höhle neben dem Wasserloch war nicht einfach eine Laune der Natur, sondern ein felsgewordener Unterschlupf der Himmelsschwestern.

Aus dem allerdings, wie Emma in diesem Moment mit Schrecken feststellte, äußerst irdische Klagelaute drangen.

»Carl, hörst du das? Da weint doch jemand!«

Carl runzelte die Stirn und lauschte konzentriert. »Ist das nicht Birrinbirrin?«

»Du hast recht. Komm schnell, wir müssen nachsehen, was er hat. Vielleicht ist er verletzt!«

Sie rannten auf die Höhle zu, aus der das Jammern kam.

»Ob es mit seiner bevorstehenden Initiation zu tun hat?«, keuchte Emma. »Ich habe ihn seit Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen.«

»Wir werden es gleich erfahren.«

Das Jammern schwoll zu einem durchdringenden Schrei an. Emmas Gedanken überschlugen sich. Sie wusste, dass Birrinbirrin wie alle Halbwüchsigen die Rituale der Mannwerdung durchlaufen musste, zu denen es beispielsweise gehörte, eine Zeitlang außerhalb des Lagers zu leben. Was allerdings sonst noch für notwendig erachtet wurde, um ein vollwertiger Erwachsener zu werden, darüber wurde im Clan nur geflüstert. Es gehörte zu den Geheimnissen, die Außenstehenden nicht verraten wurden; selbst die Frauen wussten nicht genau, was die jungen Männer über sich ergehen lassen mussten. Klar war nur, dass die meisten von ihnen nach der Heimkehr ins Lager Trost und emotionalen Beistand brauchten.

Als ein weiterer Schrei erklang, begann Emma zu ahnen, warum das so war. Die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf, und sie rannte schneller.

Wenn sie ihn foltern, schoss es ihr durch den Kopf, gehe ich dazwischen, Initiation hin oder her!

Carl erreichte die Höhle Sekundenbruchteile vor ihr. Schwer atmend wollte er das dunkle Loch im Felsen betreten, als er zurückprallte und bleich wurde. Und als Emma ihn erreicht hatte und sah, was er sah, wich auch aus ihrem Gesicht alle Farbe.

Fünf erwachsene Männer, unter ihnen Purlimils Mann Yileen, hockten um Birrinbirrin herum, der mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rücken lag. Die Männer hielten ihn an Armen und Beinen fest auf den steinernen Boden gedrückt, so dass er nichts als seinen Kopf bewegen konnte. Im hinteren Teil der Höhle brannte ein kleines Feuer und sandte eine dünne Rauchfahne in die feuchtkühle Luft. Es roch nach Qualm, Angstschweiß und Moder.

Und über allem hing der Übelkeit erregende Gestank verbrennenden Fleisches.

»Um Gottes willen!«, flüsterte Emma entsetzt.

Carl griff nach ihrer Hand und drückte sie so fest, dass es wehtat.

»Was habt ihr hier zu suchen?«, fragte Yileen erschrocken.

»Macht euch davon, das geht euch nichts an!«

Auch in die anderen Männer kam nun Leben.

»Fremden ist die Teilnahme an Initiationsritualen bei Strafe verboten!«, drohte einer und warf ihnen einen wütenden Blick zu. Es war Dayindi, der law man des Clans, der für die Einhaltung der Gesetze zuständig war.

Birrinbirrin starrte Emma einen Augenblick lang an, als wisse er nicht, ob er sich seiner hilflosen Position auf dem Felsboden schämen oder Emma und Carl um Hilfe anflehen sollte. Dann aber presste er den Mund zu einem schmalen Strich zusammen und drehte abrupt den Kopf zur Seite.

Emmas Mund war staubtrocken. Sie brauchte zwei Anläufe, bis sie die Worte verständlich herausbrachte.

»Ihr ... ihr tut ihm weh. Dayindi, Yileen ... ihr könnt ihm doch nicht die Brust verbrennen! Er ist noch beinahe ein Kind!«

»Er wird dadurch zum Mann«, sagte Yileen mit verschlossener Miene. »Geht jetzt. Es ist, wie es ist. Ihr habt hier nichts zu suchen.«

Emma schaute Yileen direkt ins Gesicht. Der Schwarze war, genau wie Purlimil, von Anfang an ihr Freund gewesen. Sie schätzte und respektierte ihn. Wie konnte es sein, dass er sich hieran beteiligte?

»Aber ihr quält ihn!« Fassungslos schaute sie zwischen Birrinbirrin, den Männern und den Marterwerkzeugen in deren Händen hin und her. »Ihr brennt ihm mit glühenden Feuerstöcken tiefe Wunden in die Brust!« Sie schüttelte den Kopf, als ihr aufging, warum sie das taten. »Nur damit er diese grotesken Narben bekommt, auf die ihr alle so stolz seid? Verdammt noch mal, das ist ja barbarisch!«

»Emma«, warnte Carl sie leise. »Pass auf, was du sagst. Zumal Birrinbirrin deine Hilfe offensichtlich gar nicht will.«

Ihr Blick flog zu dem jungen Mann, der mit angespanntem Kiefer an die Höhlenwand starrte. Obwohl die anderen Männer abgelenkt waren, niemand ihn mehr festhielt und er leicht hätte aufstehen und fliehen können, machte er keinerlei Anstalten dazu.

»Das glaube ich einfach nicht«, flüsterte Emma, als sie es begriff: Birrinbirrin erlitt jede Sekunde seines Schmerzes freiwillig.

Dayindi richtete sich zu seiner vollen Größe auf, und Emma wich einen Schritt zurück. Der law man war ein sehniger Mann mit kriegerischem Gesichtsausdruck, in dessen Nasenscheidewand ein weiß bemalter Knochen steckte. Emma war schon des Öfteren mit ihm aneinandergeraten; aus Erfahrung wusste sie, dass mit Dayindi nicht gut Kirschen essen war, wenn man sich ihm widersetzte.

»Ihr brecht das Gesetz der Ahnen, wenn ihr verhindert, dass wir das Ritual zu Ende bringen«, herrschte er sie an. »Ihr habt es sogar schon gebrochen, indem ihr uns beobachtet habt! Ich sollte den Knochen auf euch richten!«

Yileen und die anderen Männer begannen aufgeregt zu murmeln. Selbst Birrinbirrin setzte sich erschrocken auf.

»Tu das nicht, Dayindi!«, beschwor Yileen den law man. »Sie sind keine von uns, sie wissen nicht, was sie verbrochen haben. Sie müssen noch so viel lernen!«

»Dann sollten sie schleunigst damit anfangen«, knurrte Dayindi und schoss einen weiteren bösen Blick in ihre Richtung.

»Lass uns gehen, wir haben sie schon genug verärgert«, sagte Carl leise zu Emma. »Birrinbirrin will unsere Hilfe nicht. Wir sind hier fehl am Platze.«

»Aber ...«

»Nichts aber«, schnitt Carl ihr mit ungewohnter Schärfe das Wort ab. Er nahm sie bei der Hand und wollte sie mit sich fortziehen.

Doch nach ein paar Schritten riss Emma sich los.

Mit festem Schritt ging sie zurück in die Höhle. Oh nein, sie würde sich ihrer menschlichen Verantwortung nicht entziehen! Nicht in dem sicheren Wissen, dass die Männer mit ihren Feuerstöcken weiterhin Birrinbirrins Brust malträtieren würden. Wer wusste schon, ob alles gut gehen würde? Vielleicht würden die Wunden sich später entzünden, vielleicht würde der Junge daran sterben ... und das sollte sie zulassen?

Zwar war sie Forscherin und als solche dazu angehalten, einen neutralen Beobachterinnenstatus einzunehmen. Aber, bei Gott, sie war auch ein Mensch mit einem gesunden Verstand, einem mitfühlenden Herzen und einem äußerst aktiven Gewissen.

Deshalb suchte sie nun mit den Augen das Einverständnis Birrinbirrins. Wenn er selbst ihr unmissverständlich bedeutete, dass sie gehen solle, dann, sagte Emma sich, würde sie dem Befehl der Männer Folge leisten.

Nur dann.

»Geht«, stieß Birrinbirrin hervor. »Lasst es uns endlich zu Ende bringen!«

Emma sog scharf die Luft ein.

Dann nickte sie knapp, drehte sich um und verließ die Höhle.

 

Den restlichen Heimweg über schwieg sie.

Sie hatte das Gefühl, verloren zu haben, auch wenn sie nicht genau hätte sagen können, welchen Kampf. Sie hatte doch nur so gehandelt, wie ihr Gewissen es ihr eingegeben hatte! Konnte das denn falsch sein?

Sosehr Emma auch darüber grübelte, ob sie sich richtig verhalten hatte oder ob ihre Einmischung in das uralte Ritual ein unverzeihlicher Frevel gewesen war, kam sie doch zu keinem Ergebnis. Sie ahnte, dass ihr Gewissen in der Welt des Clans, wo völlig andere Regeln galten als in der vertrauten Welt der Weißen, kein zuverlässiger Ratgeber mehr war.

Wenn ich nicht einmal mehr auf mein Herz hören darf, dachte sie aufgebracht, worauf denn dann?

Verdrossen stapfte sie neben Carl in Richtung Lager. Trotz aller guten Absichten hatte sie wohl nur Schlechtes bewirkt. Sie hatte Birrinbirrins Angst und Qual, die zu ertragen er fest entschlossen gewesen war, nicht gelindert, sondern unnötig verlängert.

»Wir sollten mit dem Schamanen sprechen«, drang Carls Stimme in ihre düsteren Gedanken. »Nicht dass diese Sache noch ein böses Nachspiel hat.«

Emmas Gewissen zwickte noch stärker. »Wir haben lediglich getan, was das Mitgefühl gebietet«, verteidigte sie sich trotzig.

»Mag sein.« Carl blieb stehen und sah sie eindringlich an. »Aber das sehen die Schwarzen anders. Emma, Dayindi wollte sogar den Knochen auf uns richten!«

Diese Drohung hatte Emma schon vorhin nicht verstanden. »Und?«, fragte sie. »Was ist daran so schlimm?«

Carl steckte die Hände in die Hosentaschen und musterte sie.

»Weißt du das wirklich nicht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Es ist ein Todesurteil«, sagte Carl. »Die Eingeborenen sind überzeugt davon, dass ein Mensch, auf den der Knochen gerichtet wird, innerhalb kürzester Zeit sterben muss.«

»Oh«, meinte Emma schwach.

»Und auch wenn ich sicher bin, dass diese Strafe nur funktioniert, wenn man fest daran glaubt«, fuhr Carl ernst fort, »sollte ihre Androhung uns zumindest eine Warnung sein.«

Emma brauchte einen Moment, bis sie antworten konnte. »Vielleicht ist ein Gespräch mit Birwain gar keine so schlechte Idee«, sagte sie schließlich.

Kapitel 4

 

Es überraschte Emma nicht, dass man in der Hütte kaum die Hand vor Augen sah. Sie wusste um die Vorliebe des alten Schamanen für geheimnisvolle Dunkelheit. Die abendliche Dämmerung vor den anderen Hütten wurde von zahlreichen Feuern erhellt; Birwains Hütte aber stand wie stets im Schatten. Er behauptete, auf diese Weise besser in Kontakt mit den Marmbeja treten zu können, die angeblich überall herumschwirrten.

Als Carl zum ersten Mal davon gehört hatte, hatte er Birwains Aussage mit distanzierter Professionalität zur Kenntnis genommen und umgehend in einem Bericht an die Regierung verwertet. Emma hingegen war ein sehr unwissenschaftlicher Schauder über den Rücken gelaufen. Auch jetzt sah sie sich, nachdem ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, mit leichtem Unbehagen in der Hütte um.

Vor Monaten hatte sie selbst eine Erfahrung mit den Marmbeja, den australischen Baumgeistern, gemacht, und diese war so eindrücklich gewesen, dass Emma den Glauben der Schwarzen seitdem nicht mehr auf die leichte Schulter zu nehmen vermochte. Natürlich wusste sie, dass es übernatürliche Wesen wie die Marmbeja nicht gab und dass man den Glauben an sie als Aberglauben bezeichnete, sonst wäre sie schließlich keine ernstzunehmende Forscherin. Aber dass sie, Emma, nicht an Geister glaubte, hieß ja noch lange nicht, dass diese nicht trotzdem existierten ...

»Emma! Carl! Es ist immer schön, euch in meiner Hütte begrüßen zu dürfen.« Der alte Schamane hockte auf dem Boden und bedeutete ihnen mit der Hand, sich ebenfalls niederzulassen.

»Wie ich sehe, wächst dein Haar langsam nach«, krächzte er und deutete lächelnd auf Emmas Frisur, wobei er etliche Zahnlücken entblößte. Sein Gesicht legte sich in tausend kleine Falten.

Emma lächelte schief. Sie wusste selbst, dass sie immer noch seltsam aussah; Purlimils Haarschneidekünste zeitigten langfristig verunstaltende Folgen. Aber sie war nicht gekommen, um über ihre Locken zu sprechen.

»Birwain«, sagte sie stockend, »ich glaube, wir haben etwas Dummes angestellt.«

»So, so«, antwortete der Schamane gelassen. »Heute?«

Sie nickte.

»Hat es zufällig mit Birrinbirrin zu tun?«

Emma starrte ihn überrascht an. »Woher weißt du das?«

Der Alte grinste. »Es gibt wenig, was die Geister mir nicht enthüllen. Manchmal missverstehe ich sie, aber das ist dann mein Fehler. Sie enthalten mir nichts vor.«

Emma warf einen flüchtigen Blick auf Carl, der mit konzentrierter Miene neben ihr saß und aussah, als machte er sich in Gedanken bereits Notizen für den nächsten Bericht.

Sie räusperte sich. »Was«, sagte sie zu Birwain, »soll ich dir dann überhaupt noch erzählen?«

»Eure Sicht der Dinge«, sagte er ruhig.

Emma musste lächeln. Das war es, was sie so an Birwain mochte: Er verurteilte nicht, sondern hörte zu, er war weise, aber niemals rechthaberisch, er drängte niemandem seine Sichtweise auf.

Ganz im Gegensatz zu dir selbst, wenn dein Herz sich im Recht fühlt.

Zerknirscht sagte sie: »Wir haben Birrinbirrins Initiation gestört. In einer Höhle, nicht weit vom Forschungslager entfernt.«

Zum ersten Mal, seit sie die Hütte betreten hatten, ließ auch Carl sich vernehmen: »Es geschah in bester Absicht, Birwain. Wir hörten Schmerzenslaute und dachten, der Junge hätte sich verletzt.«

»In Wirklichkeit wurde er verletzt«, sprudelte es aus Emma hervor. »Die Initiation, diese ganze Quälerei ... das ist so grausam, Birwain! Warum glaubt ihr nur, das sei nötig? Schau dir Carl an! Ist er etwa kein Mann? Und er trägt keine Narben auf der Brust.«

»Langsam, langsam«, sagte der Schamane beschwichtigend. »Carl ist keiner von uns. Also untersteht er nicht unseren Gesetzen. Wir aber müssen sie befolgen, ob es uns gefällt oder nicht.«

»Gesetze, Gesetze!«, rief Emma. »Gesetze sind wandelbar, Birwain. Wenn man erkennt, dass sie falsch sind, muss man sie eben ändern.«

Carl, der merkte, dass sie sich bereits wieder in Rage redete, warf ihr einen warnenden Blick zu.

Birwain jedoch sagte gelassen: »Siehst du, genau das ist der Unterschied zwischen euch Weißen und uns. Eure Gesetze sind von Menschen gemacht. Unsere aber kommen von den Ahnen. Sie sind unwandelbar und unantastbar. Sie gelten für immer und ewig.«

»Auch wenn sie grausam sind?«, beharrte Emma.

Er nickte. »Sogar dann. Lasst mich euch eine Geschichte erzählen.«

Carl zog sein Notizbuch und einen Bleistift hervor; der Wissenschaftler in ihm hatte die Führung übernommen. »Wenn’s recht ist, würde ich gerne mitschreiben. Darf ich?«

Birwain lachte krächzend. »Du kannst nicht aus deiner Haut, was?«

»Ertappt.« Carl zuckte mit einem verlegenen Lächeln die Schultern.

Birwain signalisierte Carl mit einem Nicken sein Einverständnis, dann wandte er sich wieder an Emma. »Und du, Emma, hör gut zu. Es sind die Ahnen selbst, die durch diese Geschichte zu dir sprechen.«

 

Blitzmann flog in den Himmel hinauf, denn es war der Beginn der Regenzeit. Am Himmel lag die Regenbogenschlange. Um sie herum türmten sich die Sturmwolken, die siegeschaffen hatte.

In ihnen nahm Blitzmann Platz.

Er begann, Blitze und Donner über den Himmel zu schicken. Doch erst als die Regenbogenschlange es erlaubte, schickten die Wolken ihr Wasser zur Erde.

Blitzmann ließ seinen Blick über Wüsten, Busch und Wälder schweifen. Er sah alle Menschen, alles, was sie taten, und alles, was sie unterließen. Blitzmann überprüfte, ob sie die Rituale und Zeremonien, die er und die anderen Ahnen ihnen gegeben hatten, sorgfältig ausführten; ob sie die alten Geschichten erzählten und ob sie die Gesetze der Traumzeit befolgten. Meistens war er zufrieden, denn die Erde ist ein guter Ort, und die Menschen wissen das und ehren ihre Ahnen.

Aber manchmal sah Blitzmann auch etwas, das ihn erzürnte.

 

Birwain machte eine bedeutungsvolle Pause, und Emma hielt die Luft an. Sie ahnte, dass jetzt der Teil der Geschichte folgte, auf den es ankam.

 

Blitzmann riss eine Axt von seinem Knie und schleuderte sie nach dem Gesetzesbrecher. Auf dem Weg zur Erde wurde die Axt zu einem gleißenden, todbringenden Blitz, und unten auf der Erde barst ein Baum ... denn Blitzmann hatte den Menschen verfehlt und stattdessen den Baum gespalten.

Doch Blitzmann konnte so viele Äxte schleudern, wie es ihm beliebte. Also riss er weitere Äxte aus seinem Körper, sandte sie als Blitze zur Erde und tötete den Gesetzesbrecher. Und nicht nur ihn: Alle, die sich schuldig gemacht hatten, wurden von den vielen Äxten des Blitzmannes getroffen, gespalten und verbrannt.

Wie der Baum.

 

»Aha.«

Skeptisch blickte Emma den Schamanen an. Meinte er das ernst? Wegen dieses Schauermärchens sollte sie akzeptieren, was die Menschen im Hier und Jetzt einander antaten? Aus Angst vor einem Blitzmann?!

Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Tut mir leid, Birwain, aber das überzeugt mich nicht. Logisch betrachtet rechtfertigt der Glaube an Ahnen und ihre Kräfte keineswegs verwerfliche Taten im ...«

»Lass gut sein, Emma«, unterbrach Carl sie leise und legte ihr die Hand auf den Arm. »Ich glaube nicht, dass Birwain uns diese Geschichte erzählt hat, damit du ihre Botschaft nach Art der Weißen zerpflückst.«

Emma presste die Lippen aufeinander.

»Du musst nicht mit unserer Sicht der Welt übereinstimmen«, sagte Birwain, der sie aufmerksam beobachtet hatte. »Wir wollen sie dir nicht aufdrängen. Du allerdings«, er klang nun sehr ernst, »solltest das umgekehrt auch nicht tun.«

Betroffen schwieg sie. So also kam ihr Engagement bei ihm an – nicht als Eintreten für das Wohlergehen und die Unversehrtheit eines Menschen, sondern als überhebliche Einmischung in etwas, das sie nichts anging und von dem sie nichts verstand.

Emma erhob sich. Bitter sagte sie: »Ich dachte, du würdest meine Beweggründe verstehen. Es tut mir leid, dass ich mich geirrt habe.«

Carl folgte ihr, als sie vor Birwain und seinen unbequemen Wahrheiten aus der Hütte floh. In schweigendem Einverständnis machten sie sich auf den Weg zu ihrem Lieblingsplatz auf die andere Seite des Baches.

Es war ein Ort, den Emma als verwunschen bezeichnete. Aus einem Meer von Farnen erhoben sich majestätisch zwei black booyongs, turmhohe Bäume, deren Wurzeln sich wie die Falten weiter Röcke auf der Erde ausbreiteten. Die Baumriesen standen so nahe beieinander, dass sie auf Emma wie ein Liebespaar wirkten. Nirgendwo im Regenwald ließ sie sich so gerne mit Carl nieder wie hier.

»Diese Axt-Geschichte ist lächerlich«, grummelte Emma, als sie es sich am Fuße des black booyong gemütlich gemacht hatte.

Carl setzte sich ebenfalls, stützte das Kinn in die Hand und sagte nachdenklich: »Lächerlich finde ich sie nicht. Fremd vielleicht.

Aber ob diesen Mythen eine tiefere Wahrheit zugrunde liegt, können wir nicht beurteilen, oder?«

»Carl, wir sind Forscher! Wahrheit ist Wahrheit, Märchen ist Märchen. Wir leben nicht in der Welt der Gebrüder Grimm.«

Carl lächelte. »Ich mochte die beiden alten Herren immer gern. Ob sie noch leben?«

»Lenk nicht ab«, sagte Emma energisch. »Mir geht es nicht um Zwerge und Hexen oder den deutschen Wald, sondern um unsere sehr realen Probleme hier!«

»Das ist mir klar.« Er wurde wieder ernst. »Aber Emma, ebenso wenig wie du unsere deutschen Zwerge auf die Great Dividing Range versetzen kannst, so wenig kannst du unsere Maßstäbe dessen, was moralisch gut oder verwerflich ist, an die Menschen des Clans anlegen.«

Emma schüttelte heftig den Kopf. »Das sehe ich anders. Einen Jungen zu verletzen ist immer falsch, ob hier oder in Deutschland oder auf dem Mond.«

»Hast du denn gar kein Verständnis dafür, dass die Schwarzen sich vor unseren Einmischungen fürchten?«

»Fürchten? Vor mir? Was könnte ich schon gegen ihren Willen ausrichten, außer dass ich klar und deutlich meine Meinung kundtue?«

»Es geht nicht nur um dich. Es geht um die grundsätzliche Frage, ob wir verändern dürfen, was wir als Forscher beobachten.«

Erregt rief Emma aus: »Wenn ich einen Jungen sehe, der gerade gequält wird, sind mir grundsätzliche Fragen herzlich egal! Dann muss ich handeln.«

»Du handelst aber nicht isoliert! Du darfst deine Einmischungen nicht von den Geschehnissen in diesem Land trennen. Herrgott, Emma, du weißt doch, was überall passiert! Die Weißen nehmen den Eingeborenen das Land weg und holen sie dann als billigste aller Arbeitskräfte auf ihre Farmen. Was glaubst du, warum es in der Umgegend nur noch so wenige Clans gibt?«

Carl hatte sich in heiligen Zorn geredet, etwas, das sie von ihm nicht kannte. Emma schwieg.

Er bemühte sich um einen ruhigeren Tonfall, als er hinzufügte: »Verstehst du denn nicht, dass unsere Freunde das Gefühl haben, sich mit Händen und Füßen gegen weitere Veränderungen wehren zu müssen? Die Gesetze der Traumzeit sind alles, woran sie sich noch klammern können. Wir sollten wirklich nicht dazu beitragen, dass ihnen dieser letzte Halt wegbricht.«

Sie furchte die Stirn. War sie wirklich so sehr im Unrecht?

Ganz falsch fand sie es nicht, was Carl gesagt hatte. Dennoch hatte das, was die Weißen mit den Schwarzen anstellten, nichts damit zu tun, ob irgendwelche urtümlichen grausamen Gesetze befolgt wurden oder nicht. Aber wie sollte sie das den Schwarzen klarmachen? Wie ihnen beibringen, dass das Festhalten an brutalen Ritualen rein gar nichts zum Besseren wendete?

Mutlos fragte sie: »Dann glaubst du also, wir können nichts tun?«

»Gegen das Narbenritual? Nein.«

»Das meinte ich nicht. Ich meinte, gegen das ... das alles.« Sie machte eine weit ausholende Handbewegung. »Alles, was uns erbarmungslos erscheint. Alles, was unserem Empfinden nach gegen die Menschlichkeit verstößt. Soll ich wirklich nicht mehr dagegen aufstehen, soll ich mein Herz so sehr verleugnen?«

Carl seufzte, sein Zorn war verflogen. Er strich Emma eine kurze Locke aus dem Gesicht und sagte: »Stehst du denn gegen die Schafzüchter auf, Emma? Gegen die Männer, die unzählige Wilde erschießen, wenn sie auch nur den Verdacht haben, ein einziger von ihnen könnte ein Stück Vieh geraubt haben?«

»Nein«, flüsterte sie. »Aber mit den Schafzüchtern lebe ich auch nicht zusammen.«

Carl sah ihr in die Augen. Eindringlich sagte er: »Ich liebe dich. Und am meisten liebe ich dein gutes Herz. Aber wenn wir hierbleiben wollen, Emma, dann müssen wir uns zurückhalten! So schwer es uns auch fallen mag.«

Sie rückte näher an Carl heran, fühlte die tröstliche Wärme seines Körpers und legte ihren Kopf auf seine Schulter.

»Manchmal ist es so schwierig«, sagte sie leise. »Wissenschaftlerin zu sein, neutral zu bleiben. Als Weiße unter Schwarzen zu leben.«

Kaum waren die Worte heraus, hätte Emma sie am liebsten zurückgenommen. Sie verabscheute Selbstmitleid und wollte nicht klagen. Sie war doch gerne Forscherin!

Aber Carl verurteilte sie nicht. Er rieb ihr auch nicht unter die Nase, dass sie selbst es gewesen war, die darauf bestanden hatte, dauerhaft bei den Schwarzen im Clan zu leben.

Stattdessen sagte er sanft: »Wir wussten doch, dass es nicht leicht werden würde. Aber haben wir zwei bisher nicht alle Schwierigkeiten gemeistert?«

Sie lächelte. »Doch. Das haben wir.«

Die tröstliche Gewissheit machte sich in ihr breit, dass sie es schaffen würde – alles schaffen konnte, solange sie nur mit Carl zusammen war. Er war ihr Halt und ihre Stütze, ihr Fels in der Brandung.

Hoffentlich werde ich niemals gezwungen sein, ohne ihn zurechtzukommen.

Kapitel 5

 

Birwain saß mit geschlossenen Augen in seiner Hütte. Er musste nichts sehen, um zu wissen, dass die Marmbeja um ihn waren.

Birwain bat sie inbrünstig, es ihm nicht übelzunehmen, dass er der jungen Weißen so viel verzieh.

Von Anfang an hatte der Schamane das Gefühl gehabt, dass Emma für eine große Aufgabe bestimmt war. Er vertraute den Geistern, dass sie ihm enthüllen würden, worin diese Aufgabe bestand, wenn es an der Zeit war. Noch war es nicht so weit. Aber lange, das spürte er, würde es nicht mehr dauern.

Ob sie bereit wäre für das, was die Geister von ihr erwarteten? Oder ob sie ihre Seele, ihre Ohren und ihre Augen verschließen würde, wie es die Art der meisten Weißen war?

Der meisten, aber nicht aller, sprach Birwain sich Mut zu.

Der Schamane mochte die Weißen, er hatte in jungen Jahren sogar eine Zeitlang bei einem ihrer Ärzte gelebt, um mit ihm Wissen auszutauschen. Es war eine gute Erfahrung gewesen, eine, nach der er die Eindringlinge nicht mehr mit der furchtsamen Verachtung betrachtete, die so viele der Seinen ihnen entgegenbrachten. Dayindi zum Beispiel.

Birwain strich sich müde über die Augen. Menschen wie Dayindi waren es, die Emma gegen die uralten Sitten und Gesetze aufbrachten, und er konnte es ihr nicht einmal verdenken. Dayindi hatte einen scharfen Verstand und liebte die Gerechtigkeit. Aber er war hart. Sein Herz war zu einem festen Klumpen zusammengeschrumpft, seit der Unfall geschehen war. Der Unfall, der wahrscheinlich gar keiner gewesen war.

Nun, es war, wie es war. Sie alle würden mit Dayindi leben müssen, mit ihm und mit den Gesetzen, die die Ahnen ihnen gegeben hatten. In der Traumzeit, die vergangen war und doch allgegenwärtig.

Mühsam erhob sich der Schamane, seine alten Gelenke knackten. Ein sanfter Lufthauch wehte durch die dämmrige Hütte, als die Marmbeja sich zurückzogen, auf ihre Feuerpalmenblätter hoch in der Luft.

Birwain streckte sich, dann trat auch er hinaus ins Freie.

Kapitel 6

 

NOVEMBER 1859

 

Dass sie sich falsch verhalten hatte, als sie in den Vollzug des Narbenrituals geplatzt war, ließen die Männer Emma in den nächsten Wochen deutlich spüren.

Birrinbirrin, der mittlerweile zum Lager zurückgekehrt war, sah Emma nicht einmal mehr an; offensichtlich schämte er sich seiner Klagelaute, die Emma und Carl in die Höhle gelockt hatten. Seine Mannwerdung wurde stetig vorangetrieben, doch Emma hütete sich, noch einmal in ein Ritual einzugreifen. Ohnehin wurden die einzelnen Schritte streng vor den Frauen und Uneingeweihten geheim gehalten, und Emma begann zu ahnen, welches Sakrileg ihr Auftritt in der Höhle bedeutet hatte.

Als sie Birrinbirrin wieder einmal ein paar Hütten weiter erblickte und er brüsk den Kopf abwandte, sobald er ihrer ansichtig wurde, fragte Emma seufzend: »Ach, Purlimil, wird er mir nie verzeihen? Ich habe es doch nur gut gemeint.«

Es war Spätnachmittag. Die Freundinnen hatten stundenlang wilden Honig und kleine Vogeleier gesammelt und waren nun dabei, ihre Ausbeute kindersicher in Purlimils Hütte zu verstauen; sonst, so wussten sie aus Erfahrung, wäre beim Abendessen schon nichts mehr davon übrig.

»Er wird darüber hinwegkommen«, sagte Purlimil leichthin. »Aber gut gemeint oder nicht – noch einmal solltest du unseren Ritualen nicht im Wege stehen. Gibt nur böses Blut.«

»Das habe ich gemerkt.« Emma hatte die letzten Eier verstaut, setzte sich müde vor die Hütte und zog ihre Schuhe aus. Sie rieb sich die schmerzenden Füße. »Dein Mann ist freundlich wie eh und je, aber die anderen sind ziemlich zurückhaltend geworden. Und Dayindi scheint mich regelrecht zu hassen.«

»Ach, Dayindi.« Purlimil machte eine wegwerfende Handbewegung, als sie sich neben Emma auf den Boden fallen ließ. »Der ist nicht gerade eine Frohnatur, oder? Er kennt sich gut mit den Gesetzen aus, deshalb ist er unser law man, und wir achten ihn sehr. Aber mögen ... nein, ich glaube nicht, dass Dayindi gute Freunde im Lager hat.«

Emma verkniff sich die Bemerkung, dass diese Tatsache sie kein bisschen wunderte. Denn wenn es im Clan einen Menschen gab, für den Nächstenliebe, Mitgefühl und Gnade absolute Fremdwörter waren, dann war das Dayindi.

Jedes Mitglied der Gemeinschaft hatte, wie Emma inzwischen wusste, seine ganz bestimmte Funktion: So war Birwain der Schamane, Purlimil war für die Pflanzenmedizin zuständig, die alte Gu- nur leitete die Rituale der Frauen, Yileen war geschickt im Herstellen von Gebrauchsgegenständen ... und Dayindi war eben für das Gesetz zuständig. Ihn befragte man, wenn man sich einer bestimmten Regelung unsicher war, er verhängte die Strafen für Gesetzesbrüche, und obwohl Dayindi kaum mehr als vierzig Jahre zählen mochte, war er bereits einer der eldest. Emma wusste, welch hohes Ansehen diese »Ältesten« genossen, zu denen außer Dayindi auch Birwain und Gunur gehörten. Anfangs hatte es Emma erstaunt, dass die Ältesten gar nicht unbedingt alt sein mussten; sie waren einfach diejenigen, die aufgrund ihrer Lebenserfahrung, ihrer herausragenden Fähigkeiten oder ihrer natürlichen Autorität das höchste Ansehen im Clan genossen. Der Rat der Ältesten war bei allen Entscheidungen maßgeblich, und die Schwarzen schenkten ihnen ihr uneingeschränktes Vertrauen.

Emma hingegen vertraute zumindest dem law man nicht. Sie hatte ihn von Anfang an merkwürdig gefunden: seine abweisende Art; seinen Tick, kleine Kinder mit einem fauchenden Geräusch anzuhauchen, so dass sie anfingen zu weinen, und, zugegeben, auch den gruseligen Knochen in seiner breiten Nase. Außerdem lebte Dayindi abgesondert am äußersten Rande des Lagers, mochte keine Geselligkeiten und zog sich häufig allein in den Regenwald zurück.

Und er war ein erklärter Freund harter Strafen. Dass er den Knochen auf sie und Carl hatte richten wollen, passte genau zu ihm.

»Sieh mal, Nowalingu kümmert sich schon wieder um Birrinbirrins Verletzungen«, drang Purlimils Stimme in ihre Gedanken. »Wie selbstlos von ihr!«

Emma sah zu den jungen Schwarzen hinüber. Tatsächlich, Nowalingu hatte begonnen, mit Hingabe und Sorgfalt schwarze Asche auf Birrinbirrins Brustwunden zu reiben.

Und das sollte heilend wirken?

»Wird durch die Asche nicht alles nur noch schlimmer?«, fragte Emma stirnrunzelnd.

»Nun ja, die Asche heilt nicht. Aber sie führt zu den wulstförmigen Narben, die unsere Männer anstreben. Ließe man die Brandwunden einfach zuwachsen, blieben mehr oder weniger glatte Narben zurück. Und die will natürlich keiner haben!«

»Natürlich nicht«, murmelte Emma. In Gedanken machte sie sich eine Notiz, dass sie diese Information unbedingt in ihrem nächsten Forschungsbericht verwenden musste. Aufmerksam beobachtete sie die beiden Schwarzen weiter.

»Nowalingu schaut Birrinbirrin ja ziemlich verliebt an«, bemerkte sie.

Purlimil lachte. »Nowalingu schaut viele Männer verliebt an. Und glaub mir, es bleibt nicht beim Schauen!«

Emma dachte daran, wie ein solches Verhalten in Deutschland beurteilt werden würde, und zuckte unwillkürlich zusammen.

»Wie weit, ich meine ...« Sie räusperte sich. »Wie weit gehen denn ihre, ähm, Zuneigungsbezeugungen?«

»Das wissen nur sie und der jeweilige Glückliche.« Purlimil grinste. »Aber warum sollen wir uns den Kopf darüber zerbrechen? Solange ihr Zukünftiger nichts davon ahnt, ist alles in Ordnung.«

»Sie ist verlobt?« Das fand Emma angesichts Nowalingus Freizügigkeit nun doch seltsam.

»Wenn du es so nennen willst: ja. Mit einem alten Mann aus dem Wasserfall-Clan. «

Emma wusste, dass der Wasserfall-Clan ihren Freunden eng verbunden war. Die beiden Clans gehörten zum selben Stamm: Seine Mitglieder sprachen dieselbe Sprache, bei Schwierigkeiten half man sich aus, und es bestanden diverse verwandtschaftliche Beziehungen, die jedoch mehr als kompliziert geregelt waren.

»Wie alt ist er denn?«

Purlimil zuckte die Schultern. »Er mag sechzig Sommer gesehen haben ... vielleicht auch mehr.«