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Notruf für die Liebe! Ein harmonisches Leben am Bodensee? Für Sarah ist das nur ein Traum. Zwar lebt sie im wunderschönen Konstanz, aber ihr Alltag versinkt im Chaos! Ihr Freund ist notorisch faul, ihr Job im Kindergarten ist von durchgeknallten Eltern geplagt und noch dazu arbeitet sie ehrenamtlich als Telefonberaterin, um den Konstanzern mit ihren Sorgen zu helfen – wobei oft sehr pikante Geschichten auf ihr offenes Ohr treffen. Als wäre das alles nicht genug, kommt ein neues Kind in ihre Betreuung – und Sarah verliebt sich Hals über Kopf in dessen Vater. Paul ist unnahbar, attraktiv … und verheiratet. Zwischen Mütter-Intrigen, eifersüchtigen Kolleginnen und anonymen Telefon-Beichten findet Sarah sich in einem Wirbelsturm der Gefühle … Ein humorvoller Liebesroman vor traumhafter Bodenseekulisse, der Fans von Alexandra Potter begeistern wird!
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Ein harmonisches Leben am Bodensee? Für Sarah ist das nur ein Traum. Zwar lebt sie im wunderschönen Konstanz, aber ihr Alltag versinkt im Chaos! Ihr Freund ist notorisch faul, ihr Job im Kindergarten ist von durchgeknallten Eltern geplagt und noch dazu arbeitet sie ehrenamtlich als Telefonberaterin, um den Konstanzern mit ihren Sorgen zu helfen – wobei oft sehr pikante Geschichten auf ihr offenes Ohr treffen. Als wäre das alles nicht genug, kommt ein neues Kind in ihre Betreuung – und Sarah verliebt sich Hals über Kopf in dessen Vater. Paul ist unnahbar, attraktiv … und verheiratet. Zwischen Mütter-Intrigen, eifersüchtigen Kolleginnen und anonymen Telefon-Beichten findet Sarah sich in einem Wirbelsturm der Gefühle …
eBook-Neuausgabe Februar 2026
Dieses Buch erschien bereits 2013 unter dem Titel »Selig am See« bei Silberburg-Verlag GmbH, Tübingen.
Copyright © der Originalausgabe 2013 by Silberburg-Verlag GmbH, Schönbuchstraße 48, D-72074 Tübingen
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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: A&K Buchcover, Duisburg, unter Verwendung eines Bildmotivs von depositphotos/[email protected], depositphotos/1xpert, depositphotos/ChristianNastase, shutterstock/Alex Gerecke
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)
ISBN 978-3-69076-450-6
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Julie Leuze
Roman
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Für Tanzi, die beste aller Hippen.
Ich war mit meinem Leben absolut zufrieden, doch, ganz ehrlich. Hatte ich nicht allen Grund dazu? Schließlich war ich eine Frau im besten Alter, nämlich siebenundzwanzig, ich hatte einen charmanten und talentierten Künstler als Freund, einen gut bezahlten Job als Erzieherin in einem privaten Kinderladen und eine hübsche Wohnung mit verwunschenem Garten. Außerdem wohnte ich dort, wo andere Urlaub machen: in Konstanz am Bodensee, auf dem malerischen Raiteberg im Stadtteil Petershausen. Wenn ich morgens zum Kinderladen lief, passierte ich auf meinem Weg oberhalb der Weinberge nicht nur den altehrwürdigen Bismarckturm, sondern konnte in der Ferne sogar die Schönheit der Schweizer Alpen bewundern. Okay, nur an sehr klaren Tagen und nur, wenn ich nicht allzu sehr in Eile war, aber trotzdem: Zumindest theoretisch war es mir vergönnt, Natur und Kultur schon auf dem Arbeitsweg zu genießen. Das war doch was! Das hatte nicht jeder! Ich konnte also nicht nur zufrieden sein, sondern sogar glücklich.
Das war es, was ich mir an guten Tagen sagte.
Dieser Montag war kein guter Tag.
Dabei fing alles ganz harmlos an. Wie immer blieb Rob liegen, als der Wecker klingelte, und wie immer gab ich ihm einen vorsichtigen Kuss auf die nackte Schulter, bevor ich aufstand, um mich für den Kinderladen fertigzumachen. Doch statt »Bis heute Abend« zu flüstern und wieder ins Koma zu fallen, öffnete Rob an diesem Morgen sein linkes Auge.
»Hab eine Überraschung für dich«, murmelte er. »Im Wohnzimmer. Hab die ganze Nacht daran gearbeitet.« Das Auge klappte wieder zu.
Von bösen Vorahnungen getrieben, sprang ich aus dem Bett. Überraschungen von Rob hatten es an sich, dass sie entweder extrem teuer waren (von meinem Geld bezahlt, denn Rob war ja Künstler und verdiente noch nichts mit seiner Kunst) oder experimentell bis zerstörerisch (denn Rob war ja Künstler und musste seine Visionen verwirklichen). Eine günstige, konventionelle Überraschung – wie etwa einen Strauß Wiesenblumen oder ein neues Gartenbuch – hatte Rob mir noch nie bereitet, und deshalb nahm ich mir nun nicht die Zeit, einen Morgenmantel überzuziehen. Nackt und panisch hastete ich durch den Flur in Richtung Wohnzimmer. Dann sah ich es.
»Mein Paravent!«, schrie ich und schlug mir entsetzt die Hand vor den Mund.
Umgeben von Acrylfarbtuben und steif verklebten Pinseln, die sich fest mit dem Parkettboden verbunden hatten, stand der Jugendstil-Paravent, den ich im letzten Sommer auf dem Flohmarkt erstanden hatte. Der Paravent war so wunderschön, dass ich den horrenden Preis des listigen Verkäufers bezahlt hatte, ohne nachzudenken oder zu feilschen. Das dunkle Holz war mit Pergament bespannt und mit Applikationen aus Messing und getriebenem Kupfer versehen – ein orientalisch anmutender Traum in Goldgelb und Schwarzbraun.
So jedenfalls hatte das Möbelstück bis gestern Abend ausgesehen.
Fassungslos starrte ich auf die dralle Nackte in Grün und Lila, die mir nun vom Mittelstück des Paravents aus zulächelte. Ihr Gesicht bestand lediglich aus einem grasgrünen Fleck mit Grinsemund, dafür war der Körper sehr plastisch und, wie mir schien, mit Tonnen von Farbe ausgearbeitet worden. Die Flügel des Paravents hatte Rob ebenfalls bemalt: Den linken zierten lila Katzen und den rechten geometrische Formen, die ich spontan als anstößig empfand.
»Gefällt es dir?«, fragte Rob hinter mir und schlang die Arme um mich. Offensichtlich hatte mein Schrei ihn doch noch gänzlich geweckt.
»Das war ein Carlo-Bugatti-Paravent«, sagte ich schwach. »Weißt du, wie lange ich nach so einem gesucht habe?«
»Hat sich doch auch gelohnt«, sagte Rob zufrieden und küsste mein Ohrläppchen. »Das ist jetzt ein doppeltes Original: ein ›Carlo Bugatti – Rob Lohmann‹. Stilechter kann man das Wohnzimmer vom Atelier kaum trennen, oder?«
Ich drehte mich um und wollte ihm einen heftigen Vorwurf ins Gesicht schleudern. Wie kam er dazu, mein herrliches Möbelstück zu versauen, noch dazu, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen?!
Doch als ich in seine vor Stolz strahlenden Augen blickte, schluckte ich den Vorwurf hinunter.
Soist es eben, wenn man einen Künstler als Freund hat, fuhr es mir durch den Kopf.
Robs rührend ungekämmte Locken und die Tatsache, dass wir beide nichts anhatten, taten ein Übriges, meine Wut zu dämpfen, und statt zu schimpfen, schmiegte ich mich seufzend an ihn. Rob war so naiv in seinem Schaffensdrang, dass er sich bei Aktionen wie dieser einfach keiner Schuld bewusst war.
»Es ist ein sehr ... ausdrucksstarkes Bild«, sagte ich. »Aber kannst du nicht einfach eine Leinwand nehmen, wenn du malen willst? Müssen es immer meine Möbel sein?«
»Das verstehst du nicht, Süße«, murmelte sein weicher Mund in meinem Haar. »Künstler richten sich nicht danach, was praktisch ist. Sondern danach, was sie inspiriert.«
»Verstehe. Und dich inspirieren nun mal Paravents und nackte Frauen.«
»Genau.« Seine Hände strichen meine roten Locken hinab, die mir fast bis auf die Hüften fielen. »Nackte Frauen inspirieren mich auf vielfältige Weise. Willst du nicht zurück ins Bett kommen?«
Verlockende Vorstellung – aber der Kinderladen wartete. Widerstrebend schob ich Rob ein Stückchen von mir weg. »Falls du es vergessen haben solltest: Ich habe eine Arbeit, zu der ich pünktlich erscheinen muss.« Ich warf einen Blick über seine Schulter hinweg auf meine große, alte Bahnhofsuhr, ein weiteres Flohmarktschnäppchen. Sanft machte ich mich von Rob los. »Und diese Arbeit beginnt in genau 45 Minuten. Deshalb werde ich jetzt nicht mit dir ins Bett springen, sondern allein unter die Dusche.«
»Na gut. Ich bin dir nicht böse.« Rob zuckte mit den Schultern. »Einer muss ja schließlich das Geld verdienen.«
Er lächelte nachsichtig, küsste mich und verschwand, um noch eine Runde zu schlafen.
Der Tag wurde nicht besser. Denn auf halbem Weg zum Kinderladen Eiertanz, den ich als studierte Sozialpädagogin leitete, traf ich Inge Muller-Beinhard und den kleinen Jeremy.
»Sarah, halloooo, warte doch, hier sind wir!«, rief sie winkend von der anderen Straßenseite aus, als sie mich erspähte.
Obwohl mir jede andere Mutter lieber gewesen wäre als Inge Muller-Beinhard, blieb mir nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben und auf sie zu warten: Der Kinderladen lag unterhalb des Raitebergs in einem Wohngebiet am Rande des Mainauwaldes, und es war so ruhig hier, dass ich unmöglich vorgeben konnte, ich hätte sie nicht gehört. Mist. Dabei war ich sowieso schon spät dran.
»Hallo, Jeremy. Guten Morgen, Inge«, sagte ich und bemühte mich um einen freundlichen Tonfall.
Inge Muller-Beinhard zu duzen, fiel mir immer noch nicht leicht. Zu ihr hätte ich gerne professionelle Distanz gewahrt, – so hätte ich ihre ständige Kritik an meiner Arbeit besser an mir abperlen lassen können –, doch ich arbeitete in einem von den Eltern getragenen, privaten Kinderladen. Und was das bedeutete, konnte man an einigen Schlagwörtern aus unserer Satzung ersehen: Gemeinsam leben und arbeiten. Sich einbringen. Aktive Gestaltung. Engagement. Mitbestimmung. Innere Demokratie. Gleichberechtigung. Erziehungspartnerschaft. Kurz: Für ein förmliches »Sie« war da kein Platz.
»Du bist also zurück aus deinem Urlaub«, sagte Inge mit verkniffenem Lächeln. Sie schaffte es, die wenigen Worte wie einen harschen Vorwurf klingen zu lassen. »War’s denn schön?«
»Nein, nein«, beruhigte ich sie schnell. »Viel zu heiß und, äh, auch zu trocken.« (Rob und ich waren eine Woche in England gewesen. Obwohl es April war, hatte das herrlichste Wetter seit Jahrzehnten geherrscht, wie man uns glaubhaft versichert hatte.) »Und es war total anstrengend. Ständig Programm.« (Wir hatten wunderschöne Gärten besichtigt, ich hatte Samentütchen für mein eigenes grünes Reich gesammelt, und Rob hatte Skizzen von hübschen Engländerinnen gemacht.) »Zu Hause hat dann jede Menge Arbeit auf uns gewartet.« (In der freien Woche daheim hatte ich die Samen ausgesät und war ausgiebig am See spazieren gegangen. Rob hatte hauptsächlich geschlafen, damit die künstlerischen Impressionen aus England sich setzen konnten.)
Offensichtlich fiel mein Bericht nach Inges Geschmack aus. »Du Ärmste, das klingt ja schrecklich.« Befriedigt wandte sie sich an Jeremy. »Na, bist du froh, dass die Sarah wieder da ist, mein Schatz?«
Jeremy schob das Kinn vor, seine Augen verengten sich. »Ich fress die Sarah auf«, knurrte er. Dafür, dass er erst knapp sechs Jahre alt war, klang es bemerkenswert gefährlich. Inge lachte entzückt und strich ihm über den Kopf.
Willkommen zurück im Alltag.
Als wir den Kinderladen betraten, waren wir dank des strammen Schrittes, zu dem ich Inge und Jeremy genötigt hatte, nur fünf Minuten zu spät. Es war noch kein Kind da, lediglich meine Kolleginnen Anna und Babsi durchbrachen die Ruhe vor dem Sturm. Sie waren gerade dabei, die Puppenecke für den Multisprachkurs herzurichten, der jeden Montag auf dem Programm stand. Jedes Utensil, vom Kinderwagen bis zum Töpfchen, bekam ein Schild mit der englischen, französischen und spanischen Bezeichnung verpasst.
Der Multisprachkurs war Inges Erfindung. Da Kindergehirne ohne weiteres in der Lage seien, so Inge, mehrere Sprachen parallel zu lernen, müsse man das Zeitfenster für diese Entwicklung unbedingt nutzen. Nicht, dass die Kinder gerne in den Multisprachkurs gingen. Aber sie hatten keine Wahl, denn Inge hatte »die Aktivität«, wie wir unsere Angebote nannten, im Elternrat durchgeboxt. Und was der Elternrat beschlossen hatte, das war verbindlich.
Während Inge ihren Sohn aus seiner Jacke schälte, rief sie Babsi fröhlich »Bonjour« zu, und Anna schmetterte sie ein enthusiastisches »Good morning« entgegen.
»Morgen«, murmelte Anna. Sie war offensichtlich nicht in Fremdsprachenlaune.
Babsi hob immerhin kurz den Kopf mit der krisseligen, mausbraunen Dauerwelle. »Ach, bonschur, Inge«, sagte sie gelangweilt. »Hi, Sarah.«
Ich stellte meine Tasche auf den Boden und begrüßte meine Kolleginnen: »Gab’s was Besonderes, während ich im Urlaub war?«
Babsi sah mich mit leerem Blick an. »Kann mich an nichts erinnern.«
Aber nun erwachte Anna zum Leben. Sie warf die restlichen Schildchen auf den Boden, zupfte an ihrem hautengen Top herum und sagte: »Oh doch, der Elternrat hat eine neue Aktivität beschlossen. Weißt du nicht mehr, Babsi? ›My kid is fit‹.«
Also Kinderturnen. Schön.
»Stimmt.« Babsis Miene hellte sich auf. »Anna und ich wollen Bodystyling daraus machen.«
Ich schaute wohl sehr dämlich, denn sie fügte ungeduldig hinzu: »Bodystyling, Bodyforming ... na, einfach Problemzonengymnastik. Bauch-Beine-Po. Das kennst du doch wohl. Ach nee, du wahrscheinlich nicht. Das hat eine wie du ja nicht nötig.« Neidisch ließ sie ihren Blick über meinen Körper gleiten.
Ich stöhnte innerlich auf. Jetzt ging das schon wieder los! Obwohl ich mich bewusst neutral kleidete, – eigentlich trug ich nie etwas anderes als Jeans und T-Shirt, darüber ein offenes Hemd –, warfen Anna und Babsi mir mein Aussehen so oft und gerne vor, als wolle ich sie persönlich damit beleidigen. Am liebsten hätten sie es gehabt, wenn ich mir meine langen Locken abrasiert, meine grünen Augen hinter einer Brille mit zentimeterdicken Gläsern versteckt und fünfzehn Kilo zugenommen hätte. Das hatte mir Christine erzählt, die nicht nur meine dritte Kollegin war, sondern auch meine beste Freundin. Dank Christine wusste ich zudem, dass Anna und Babsi mich für völlig inkompetent hielten: Die Leitung des Kinderladens sei mir nur übertragen worden, weil die Väter im Elternrat geschlossen für mich gestimmt hätten. »Haben sie ja auch«, hatte Christine gesagt. »Aber das zeigt nur, dass sie einen besseren Blick für fähige Erzieherinnen haben als ihre Frauen, oder?« Christine hielt immer zu mir, und ich dachte jeden Tag mindestens dreimal, dass ich den ganzen Zirkus ohne sie überhaupt nicht aushalten würde. Genau wie ich hielt sie Anna und Babsi für etwas seltsam, oder in Christines Worten: »It ganz bache«. (Christine stammte aus Überlingen, und obwohl sie sich redlich bemühte, hochdeutsch zu sprechen, ging in emotionalen Momenten gerne ihr seealemannischer Dialekt mit ihr durch.)
Wo war Christine überhaupt?
»... klitzekleine straffe Muskeln, ist doch total süß«, drang Annas Stimme in mein Bewusstsein.
»Ja, da lernen die Jungs und Mädels gleich, worauf es später mal ankommt.« Babsi strich sich verliebt über ihre Michelle-Obama-Oberarme.
Ich plumpste ins Hier und Jetzt und beschloss, dass es an der Zeit war, dem Kleinkind-Bodyforming einen Riegel vorzuschieben.
»Kindergartenkindern Muskeln anzuzüchten, finde ich pervers«, sagte ich fest zu Anna und Babsi und ignorierte ihr empörtes Schnauben. Dann wandte ich mich an Inge: »Was sagt denn der Elternrat zu dieser Auslegung von ›My kid is fit‹?«
»Alles, was die Kinder fördert, egal in welchem Bereich, findet die Zustimmung des Elternrates«, sagte Inge mit süßsaurem Lächeln. »Das müsstest du doch langsam wissen, Sarah.«
Klar weiß ich das, dachte ich mit einem Anflug von Resignation. Ich hatte es nur einen Moment lang verdrängt.
Ich biss die Zähne zusammen, nickte und wandte mich dann ab. Da es offensichtlich beschlossene Sache war, aus unserem Turnsaal eine Muckibude zu machen, konnte ich mich ebenso gut damit abfinden und mich dem Schriftkram zuwenden. Erfahrungsgemäß wartete im Büro nach meinem Urlaub jede Menge Arbeit auf mich. Ich wollte mir zumindest einen Überblick verschaffen, bevor gegen neun Uhr der Großteil der Kinder von ihren Eltern gebracht wurde.
»Ach, eins noch«, rief Anna, bevor ich die Tür meines Büros hinter mir schließen konnte. »Nächste Woche fängt ein neuer Junge bei uns an. Jonas Bachstein.«
Langsam drehte ich mich um. »Wie meinst du das, er fängt bei uns an?«
»He start in our childrenshop«, sagte Anna ebenso falsch wie frech.
«Il commence dans ...«, begann Babsi.
Ich unterbrach sie mit den Worten: »Aber wir haben ein Aufnahmeverfahren, das sich über mindestens vier Wochen hinzieht! Alle Eltern müssen zustimmen, alle Erzieherinnen, und ich als Leiterin natürlich auch. Warum also weiß ich nichts von diesem Jonas Bachstein?«
Anna warf das blond gefärbte Haar zurück, das in ungünstigem Kontrast zu ihrer glänzend rosa Gesichtshaut stand. »Du warst ja nicht da«, sagte sie mit unverhohlener Befriedigung. »Da mussten wir eben allein entscheiden.«
Babsi fügte unbehaglich hinzu: »Herr und Frau Bachstein haben eine ganze Menge Geld für die neuen Instrumente gespendet. Der Elternrat hat doch verpflichtenden Geigenunterricht für alle Kinder beschlossen, erinnerst du dich?«
Ja, daran erinnerte ich mich. Die Entscheidung war noch vor meinem Urlaub gefallen. Rob hatte sich schiefgelacht, als ich es ihm erzählt hatte, und mir am nächsten Tag ein Päckchen Ohropax geschenkt.
In diesem Moment wurde mir klar, was Babsi gesagt hatte. Ich starrte sie an. »Die Bachsteins haben den Elternrat bestochen?«
Wie aus dem Nichts tauchte Inge auf. Ich hatte gedacht, sie sei längst nach Hause gegangen. Stattdessen musste sie irgendwo gestanden und gelauscht haben.
»Bestochen ist ein grässliches Wort«, sagte Inge streng. »Wir haben einfach beschlossen, das Aufnahmeverfahren in diesem besonderen Fall abzukürzen, weil sich alles so wunderbar gefügt hat. Jonas ist schon fünf, und seine Eltern haben dringend einen neuen Platz für ihn gesucht, weil sein bisheriger Kindergarten geschlossen wird. Die Bachsteins brauchen einen Platz, wir brauchen Kindergeigen. Wo, bitte schön, ist da das Problem?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah mir herausfordernd in die Augen.
Ich schüttelte nur den Kopf und knallte die Tür hinter mir zu. Wozu, dachte ich frustriert, als ich mich auf meinen Bürostuhl fallen ließ, bin ich eigentlich Einrichtungsleiterin, wenn ich sowieso bei jeder wichtigen Entscheidung übergangen werde? Und wozu gibt es Regeln, wenn sie gebrochen werden, sobald die Eltern genügend Geld locker machen?
Verdammt, ich hatte es satt! In Augenblicken wie diesem wünschte ich mir einfach nur, in einem ganz normalen Kindergarten zu arbeiten. Mit geregelten Abläufen. Mit Kindern, die meine Hilfe, meine Zuwendung und mein Fachwissen wirklich brauchten. Mit Eltern, die sich nicht überall einmischen durften, und vor allem: die ihre dreijährigen Kinder nicht bereits auf der »Exzellenzuniversität« sahen, nur weil der Campus dieser Uni lediglich ein paar Minuten vom Kinderladen entfernt war.
»Hallo, Sarah.« Christine steckte den Kopf zur Tür herein. »Sorry, bin ein bisschen spät dran, Leon hat seine Schuhe wieder mal nicht gefunden.«
Leon war ihr vierjähriger Sohn. Für die alleinerziehende Christine war es Gold wert, dass er den Kinderladen besuchen durfte, in dem sie arbeitete. Gold wert war auch die gute Bezahlung im Eiertanz, denn Leon war im Urlaub entstanden, und so fielen Unterhaltszahlungen flach: Die Informationen »Giovanni« und »wohnhaft in Rom« reichten nicht aus, um den Kindsvater ausfindig zu machen und an seine finanziellen Pflichten zu erinnern.
»Schön, dass du wieder da bist!«, strahlte Christine.
»Findest du wirklich?«, fragte ich schwach.
»Natürlich! Hey, was für eine Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«
»Mehrere Läuse. Du darfst raten, wie sie heißen.«
»Ah, unsere zwei Grazien.« Christine grinste, schloss die Bürotür hinter sich und setzte sich auf den zweiten Stuhl. »So schlimm? Dabei ist doch noch gar kein Vater da, dessen Aufmerksamkeit du gefesselt hast. Die Eifersucht der beiden sollte sich also in Grenzen halten, oder?« Sie lachte und strich sich durch ihr raspelkurzes, dunkelblondes Haar.
Ratlos sagte ich: »Ich kann machen, was ich will, Babsi und Anna werden mir meine Existenz immer vorwerfen. Ich verstehe überhaupt nicht, weshalb sie das tun.«
»Weil sie sich so viel Mühe geben, sexy zu sein, und kein Mensch interessiert sich für sie. Anna sieht aus wie Miss Piggy, und Babsis nichtssagendes Gesicht kann man sich nicht mal merken, wenn man sie eine Stunde lang angestarrt hat. Du dagegen«, lächelnd legte Christine den Kopf schief und deutete auf mein altes T-Shirt, »ziehst ein Schlabberteil von Rob an und wirkst trotzdem umwerfend. Du hast das gewisse Etwas, weißt du?«
Ich wurde rot. »Aber mein Aussehen kann ihnen doch völlig egal sein! Wir arbeiten im Kinderladen, und wie der Name schon sagt: Hier geht es um Kinder! Nicht um Väter.«
»Für dich vielleicht«, sagte Christine.
»Ja, für mich. Und ich wüsste wirklich gerne, was ich machen soll, um den beiden meine Einstellung begreiflich zu machen.«
»Du könntest in der Burka zur Arbeit kommen«, schlug Christine hilfreich vor.
Ich wollte einen Bleistift nach ihr werfen, doch die Burka erinnerte mich wieder an meinen orientalischen Paravent.
Den Rob heute Nacht zerstört hatte.
Wovon er sich jetzt ausruhen musste.
Während ich in einem Kinderladen arbeitete, in dem mich niemand brauchte, und das nur, weil das Gehalt in einer städtischen Einrichtung niemals ausreichen würde, Rob und mich zu ernähren. Und die Miete unserer Wohnung zu bezahlen. Und Robs Farben. Und Robs Leinwände (wenn alle meine Möbel bemalt waren). Und Robs Aktmodelle.
Ich ließ den Bleistift sinken. »Christine, irgendetwas läuft in meinem Leben schief.«
»Ach was, Kopf hoch, ist doch alles prima«, sagte sie mit unerschütterlichem Optimismus. Sie stand auf und klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. »Jetzt trinkst du eine schöne Tasse Kaffee, danach sieht die Welt gleich ganz anders aus. Dann bringen wir den Multisprachkurs hinter uns«, Christine war für Spanisch eingeteilt, weil sie und ihr Sohn die Ferien oft an der Costa del Sol verbrachten, »du suchst währenddessen einen netten Geigenlehrer aus, und nächste Woche fängt der neue Junge an. Alles neu macht der ... äh, April. Vielleicht ist der Jonas zur Abwechslung ja mal ein nettes Kind, wer weiß? Nicht so ein verzogenes Frichtle.«
Ich hatte da meine Zweifel. Schließlich wusste ich, mit welch kostspieligen Methoden sich die Eltern des Früchtchens einen Platz bei uns gesichert hatten. Andererseits wollte ich den kleinen Jonas nicht verurteilen, bevor ich ihn kennengelernt hatte. Konnte er denn was für seine Erzeuger? Also versuchte ich, mich auf ihn zu freuen. Probeweise lächelte ich.
»Siehst du, geht doch«, sagte Christine. »Und jetzt: Hasta luego!«
»Hasta luego«, sagte ich, ohne zu wissen, was das hieß. Es klang jedenfalls fröhlich.
Als Christine weg war, befolgte ich ihren Rat und brühte mir erst einmal einen Kaffee auf. Und während ich darauf wartete, dass die Kanne sich füllte, nahm ich mir vor, meine trüben Gedanken ganz schnell zu vergessen. In meinem Leben lief nichts schief! Meine verzagte Stimmung war lediglich der Tatsache geschuldet, dass heute mein erster Arbeitstag nach dem Urlaub war. Da ging es ja wohl jedem so. Typische Montagsstimmung halt.
Genau.
To do:
› Robs Acrylfarben vom Parkett entfernen (aber wie??? Rob im Baumarkt nachfragen lassen Selbst im Baumarkt nachfragen)
› Annemarie für Sonntag zusagen (keinen Marmorkuchen backen, hat ihr beim letzten Mal nicht geschmeckt. Vielleicht Apfelkuchen?)
›Rezept für einfachen Apfelkuchen im Internet suchen
Buch über positives Denken besorgen
› lesen
› üben!!!
Nachdem die Woche so unerfreulich weitergegangen war, wie sie angefangen hatte, entspannte ich mich am Samstagnachmittag im Blumenbeet und zupfte Unkraut. Dank des schönen Aprilwetters schossen überall Giersch und Löwenzahn aus dem Boden, und ich war entschlossen, der Plage dieses Jahr Herr zu werden. Immerhin kamen die wärmenden Sonnenstrahlen auch meinen englischen Samen zugute: Liebevoll betrachtete ich die ersten Keimblätter der Sommer-Adonisröschen, die ich in langen Reihen bis zum Kräuterbeet hin ausgesät hatte.
Rob saß auf der Gartenbank an der Hauswand und schaute mir zu. Die langen Beine hatte er ausgestreckt, in der einen Hand hielt er eine Zigarette, in der anderen einen Pastis. Er schwenkte das Glas mit der milchig-grünen Flüssigkeit und nahm einen großen Schluck.
»Aaaah!«, machte er genießerisch. »Das Leben ist schön, was, Sarah?«
»Ja«, sagte ich und rückte einem Gierschpflänzchen mit besonders langen Wurzeln zu Leibe. »Aber du solltest nicht so viel rauchen. Außerdem ist die Sonne noch nicht untergegangen.« Ich hielt kurz inne und wischte mir mit dem Handrücken über die Stirn. »War das nicht mal dein Prinzip? Kein Alkohol vor Sonnenuntergang?«
»Rauch nicht, trink nicht – du hörst dich an wie Mutti«, grinste Rob. »Die hat’s auch nicht so mit dem guten Leben.«
»Apropos, deine Mutti kommt morgen zum Kaffee. Ich konnte ihr nicht schon wieder absagen.« Annemarie Lohmann stand regelmäßig bei uns auf der Matte, um zu prüfen, ob ich ihren Jungen auch gut versorgte.
»Mutti? Ach du Schreck. Dann hau ich lieber ab«, sagte Rob schnell. »Ich wollte mich sowieso mit diesem neuen Modell treffen, für meine Kreidezeichnungen. Süßes Mädchen, genau die richtigen Formen. Ich wusste sofort: Die ist für meine neue Akt-Serie wie geschaffen.«
Ich warf ihm einen verstimmten Blick zu und riss einen Löwenzahn aus der Erde. »Du amüsierst dich, und ich kümmere mich um deine Mutter, ja?«
»Amüsieren? Ich arbeite!«, rief Rob. »Ich kann schließlich nichts dafür, dass das Künstlerleben sinnenfroh ist.« Er lächelte verklärt. »Du müsstest das Mädchen mal sehen, Sarah – o là là! Wenn das keine vor Erotik sprühenden Bilder werden, dann habe ich meinen Beruf verfehlt.«
Ich richtete mich auf und stemmte die erdverschmierten Hände in die Hüften. »Ist dir eigentlich klar, dass deine sinnenfrohen Nacktmodelle den Großteil meines Gehaltes verschlingen?«
Rob sah verständnislos zu mir hoch. »Wieso regst du dich denn auf? Ist etwa kein Geld mehr auf dem Konto?«
»Doch, aber ...«
»Dann ist ja alles gut. Lass uns nicht übers Geld streiten, Süße. Das ist so spießig.«
Ich ließ die Arme sinken. »Ach, Rob.«
Er stand auf, stellte seinen Pastis auf den Boden und umarmte mich. Seine Zigarette kam gefährlich in die Nähe meines Oberarms.
»He, pass auf! Du hast mir gestern schon ein Loch ins T-Shirt gebrannt«, sagte ich. Gleichzeitig ärgerte ich mich über mich selbst: Was war bloß mit mir los? Ich nörgelte, schimpfte und keifte tatsächlich schon wie Annemarie. Und das blöde Positiv-Denken-Buch half dagegen überhaupt nicht.
»Ärger im Kinderladen?«, fragte Rob sanft und gab mir einen Rauchkuss. »Soll ich dir den Stress wegmassieren, hm? Komm, setz dich, Süße. Na komm schon.«
Er drückte die Zigarette aus und mich hinunter auf die Bank. Dann begann er, meinen Nacken zu massieren.
Ich atmete tief durch und schloss besänftigt die Augen. Wenn Rob eines konnte, dann war es das: mit seinen sensiblen und doch kräftigen Händen meinen Körper durchkneten, bis jede Spur von Anspannung nur noch eine ferne Erinnerung war.
»Bleib doch morgen zu Hause, wenn deine Mutter kommt«, murmelte ich. »Bitte, Rob.«
»Nee, ihr Frauen kommt besser ohne mich zurecht«, sagte er. »Aber weißt du was? Wenn Mutti weg ist, machen wir beide uns eine schöne Flasche Wein auf, setzen uns auf die Bank in den Frühlingsabend und quatschen.«
Ich lächelte mit geschlossenen Augen und dachte: Welche Frau hat schon einen Freund, der freiwillig einen ganzen Abend lang mit ihr plaudert? Und der so gut massieren kann ... doch, ich habe es schon gut.
Vielleicht war was mit meinen Hormonen nicht in Ordnung, und ich war deshalb so oft genervt. Dagegen half natürlich auch kein positives Denken. Armer Rob! Ich beschloss, es meinen Hormonen zu zeigen, mich zu bessern und zu allen Menschen in meiner Umgebung nur noch nett zu sein. Diesen Vorsatz würde ich gleich morgen in die Tat umsetzen: Statt Annemarie meinen Unwillen ihren Kontrollen gegenüber spüren zu lassen, würde ich ihr freiwillig ausführlich von unserem Urlaub erzählen. Und ich würde Rob verteidigen, dass er sich lieber mit einer hübschen Frau traf, statt sich zu uns zu gesellen.
»Ich liebe dein Haar, weißt du das? Du bist meine Muse«, raunte Rob in mein Ohr. Seine Hände wühlten sich in meine Locken, offensichtlich war die Massage bereits vorbei. Er zog mich hoch, so dass er mich umarmen konnte, diesmal ohne Zigarette, und ich wandte ihm mein Gesicht zu und küsste ihn. Kurz durchzuckte mich der Gedanke, dass Rob immer nur Teilen von mir eine Liebeserklärung machte – meinem Haar, meinem Mund, meinen Beinen. Hatte er je gesagt, er liebe mich? Aber ich ließ den Gedanken wieder fallen, zu verführerisch blitzten Robs Augen, als er mich an der Hand in die Wohnung zog.
Annemarie kam am nächsten Tag pünktlich um 16 Uhr. Ich hatte, eingedenk meines Vorsatzes, das gute Geschirr gedeckt (also die einzigen zwei Gedecke, die Rob nicht mit Miniatur-Akten verschönert hatte), und nun führte ich Annemarie artig an den Küchentisch, für den ich sogar eine Tischdecke gefunden hatte. Wir setzten uns. Annemarie ließ sich Kaffee einschenken und Apfelkuchen servieren. Dann musterte sie mich streng über den Rand ihrer Brille hinweg.
»Warum ist er nicht da?«, fragte sie.
»Rob?«, sagte ich leichthin und trank einen Schluck Kaffee. »Ach, der hat einen beruflichen Termin. Wir zwei können es uns doch auch allein gemütlich machen.«
»Einen beruflichen Termin am Sonntag?« Annemarie ließ sich nichts vormachen.
»Ja, er trifft eine ... Kollegin«, sagte ich.
»Wer’s glaubt. Treibst du Robert etwa aus dem Haus, Sarah?«
»Wie kommst du denn darauf? Ich lasse ihm halt seine Freiheit. Das macht man heutzutage so, Annemarie.«
»Der Professor, dem ich den Haushalt führe, hat auch seine Freiheit, weil er nämlich gar keine Frau hat. Und er arbeitet auch viel. Aber nie und nimmer am Sonntag!«
Ich biss die Zähne zusammen. Wenn Annemarie mit ihrer Tätigkeit als Perle anfing, hatte ich bereits verloren, das wusste ich aus Erfahrung. Robs Vater war vor einigen Jahren gestorben, und Annemarie hatte ihren Kummer darüber in exzessiver Hausarbeit ertränkt. Irgendwann hatte ihr die eigene Wohnung nicht mehr gereicht, und sie hatte sich eine Stelle als Haushälterin gesucht. Der fünfundvierzigjährige Professor, für den sie seither putzte, wusch und kochte, war ihr Ideal von einem Mann: wohlsituiert, hoch angesehen, attraktiv und dabei so vergeistigt, dass Annemarie kein Wort verstand, wenn er mit ihr sprach. Genauso sollte auch ihr Junge werden, und wenn Rob bisher noch keinen Schritt in diese Richtung getan hatte, dann war das ganz allein meine Schuld, fand Annemarie. Na ja, ein bisschen auch die ihres verstorbenen Gatten, da er es gewagt hatte, einen Schlaganfall zu erleiden und den Jungen so seines männlichen Vorbildes zu berauben.
»Schmeckt es Rob vielleicht nicht bei dir?«, fing Annemarie wieder an. »Geht er deshalb auswärts essen? Um zumindest sonntags satt zu werden?«
Mein guter Vorsatz, von nun an nur noch nett zu sein, geriet ins Wanken. »Er geht nicht essen, sondern arbeiten«, sagte ich. »Und es ist Robs eigene Entscheidung, ob er mit uns Kaffee trinken möchte oder sich lieber mit einem seiner Aktmodelle trifft. Schließlich ist er erwachsen.«
»Ah! Ein Aktmodell! Vorhin sagtest du noch Kollegin. Wo treffen sie sich denn?«
»Bei ihr«, gab ich widerstrebend zu.
»Ojemine. Das ist kein gutes Zeichen. Habt ihr Probleme miteinander, liebes Kind? Verschweigst du mir etwas?«
Die vor Erotik sprühenden Kreidezeichnungen fielen mir ein. »Wenn überhaupt, dann verschweigt Rob mir etwas«, sagte ich und lachte dabei. Annemarie sollte sehen, dass ich das Ganze lässig und mit Humor nahm.
Annemarie jedoch sagte tadelnd: »Misstrauen ist ein schlechter Ratgeber, Sarah. Männer mögen misstrauische Frauen nicht. Wahrscheinlich ist es dieser Wesenszug an dir, der ihn aus dem Haus treibt. Früher war mein Robert nämlich nicht so ein Mädlefiseler.«
Mädlefiseler? Ich war empört. Rob lief doch nicht den Mädchen hinterher! Wenn er jemandem hinterherlief, dann mir!
»Ich bin nicht misstrauisch«, sagte ich heftig. »Und ich weiß, dass Rob mich nicht betrügen würde. Daran habe ich überhaupt keine Zweifel.«
Annemarie schwieg beredt.
Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl hin und her. Warum sagte sie nichts? Sie als seine Mutter musste doch spüren, wie verrückt Rob nach mir war! Das mit mir, das war für ihn doch etwas ganz Besonderes.
Oder nicht?
»Er liebt mich«, sagte ich, um das mal klarzustellen.
»Lieben, na ja«, meinte Annemarie. »Das ist ein großes Wort. Aber mach dir mal keine Sorgen, mein Robert ist bequem, und deshalb wird er bei dir bleiben, schlechtes Essen hin oder her.«
Bequem?!
»Bei mir ist er schließlich auch siebenundzwanzig Jahre lang geblieben«, sagte Annemarie. »Bis er dich kennengelernt hat.«
O weh, ihre Lieblingsklage. »Es war sein Vorschlag, zu mir zu ziehen«, sagte ich. »Nicht meiner.«
»Aber mein Essen war besser als deins«, sagte Annemarie vorwurfsvoll. »Wie kochen denn eigentlich seine Aktmodelle? Hat er das mal erwähnt?«
Ich fand ihr Beharren auf dem Thema Kochkünste ein wenig kindisch. Außerdem schien sie mir unbedingt einflüstern zu wollen, dass Rob mich betrog, und das ärgerte mich mehr als alles andere.
»Nein, hat er nicht«, sagte ich kurz.
»Isst er mit ihnen?«
»Nein!«
»Liebe geht durch den Magen«, fuhr Annemarie unbeirrt fort. »Du solltest prüfen, ob Robert schon satt ist, wenn er nach Hause kommt. Biete ihm einfach ein Stück Apfelkuchen an. Ach nein, der schmeckt nicht besonders, das wäre nicht aussagekräftig. Backe ihm lieber einen schönen Gugelhupf. Und wo wir schon dabei sind: Der Kaffee ist viel zu stark, mein liebes Kind. Zählst du denn nicht die Löffel ab, wenn du Kaffee kochst?«
Plötzlich hatte ich das dringende Bedürfnis, Annemarie meinen viel zu starken Kaffee über die stahlgraue Dauerwelle zu schütten. Ich sprang so hastig auf, dass der Stuhl umfiel, und flüchtete vor meinen aggressiven Impulsen auf die Toilette. Hinter mir hörte ich Annemaries Murmeln – etwas wie »nervlich angeschlagen, kein Wunder, dass mein armer Bueb das Weite sucht« –, dann war ich im Bad und schlug mit der Faust aufs Waschbecken.
So ein Waschbecken war verdammt hart, wie mir umgehend bewusst wurde. Ich verbiss mir einen Schmerzensschrei, sah mein verzerrtes Gesicht im Spiegel und zischte mir selbst zu: »Er ist treu! Natürlich ist er treu! Lass dir nichts einreden, Sarah. Die Modelle gehören zur Kunst, und die Kunst ist sein Beruf. Ich dagegen bin seine ...« Abrupt verstummte ich.
Ja, was bin ich denn?, fragte mein Spiegelbild ruhig.
Die Antwort kam mir so blitzschnell in den Sinn, als sei sie schon immer da gewesen und hätte nur darauf gewartet, endlich auftauchen zu dürfen. In meinem Magen breitete sich ein fieses Kribbeln aus.
Nein! Nein, das lag alles nur an Annemarie und ihrer blöden Fragerei. Rasch drehte ich den Wasserhahn auf und spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Das brachte mich wieder auf den Boden, und meine Gedanken wurden klarer.
Ich würde jetzt zurück zu Annemarie gehen, mir mit unerschütterlichem Gleichmut ihr Geplapper anhören und heute Abend gemeinsam mit Rob darüber lachen. Und solche Fragen wie gerade eben würde ich mir nie mehr stellen. Was nützte es schon zu zweifeln?
Es war doch alles ganz okay so, wie es war: Rob und ich fühlten uns nicht schlecht miteinander, wir hatten einige gute Momente und selten Streit. Ich mochte es, dass er Künstler war, wenn es mich auch wurmte, dass er das Geldverdienen so selbstverständlich mir überließ. Er mochte es, dass ich gut aussah, weil es ihn zu vielen expressiven Bildern inspirierte. Und im Bett? War Rob auch ganz in Ordnung. Ob er dabei an irgendwelche Aktmodelle dachte, würde ich nie erfahren, und deshalb konnte es mir auch egal sein. Rob brauchte mich, und er hatte mich gern. So viel war sicher.
Mehr kann man von einer Beziehung wirklich nicht verlangen, versicherte ich mir selbst, als ich die Badtür öffnete. Außer man ist ein unverbesserlicher Romantiker.
Einkaufen:
Milch
Brot
Salat
Kaffee (mild)
Kochbuch (für Anfänger)
Backbuch (für Anfänger)
Guglhupf-Form
kleine große Packung Baldrian-Dragees
Ich schloss die Tür zum Kinderladen auf und war froh, an diesem Montagmorgen die Erste hier zu sein. Himmlische Ruhe empfing mich im Gemeinschaftsraum, von dem alle anderen Räume sternförmig abgingen. Die Hausschuhe der Kinder standen wohlgeordnet unter den Bänkchen, alles war aufgeräumt und geputzt, die Türen zu den Themenräumen standen einladend offen. Wenn der neue Junge, Jonas Bachstein, nicht allzu spät hier auftauchen würde, hatte er eine gute Chance, den Kinderladen in chaosfreiem Zustand kennenzulernen.
Ich ging in mein Büro und dachte flüchtig an den Rest des Sonntags.
Annemarie war nach meiner Flucht ins Bad auffallend nett zu mir gewesen, auf die Art, wie man zu gemeingefährlichen Psychopathen nett ist, um sie nicht zu provozieren. Sie hatte noch ein Stück meines misslungenen Apfelkuchens verdrückt und war dann gegangen, zweifellos mit schweren Bedenken, ihren Jungen weiterhin meiner Fürsorge zu überlassen.
Der Junge kam dann auch bald nach Hause, mit vor Inspiration blitzenden Augen und geröteten Wangen. Er sah ziemlich gut aus, wenn er so enthusiastisch war, und da er diesen Enthusiasmus nicht mir verdankte, sondern seinem freizügigen Modell, meldete sich mein Misstrauen auf der Stelle wieder zu Wort. Unverzüglich bot ich ihm ein Stück Apfelkuchen an, danach noch ein Wurstbrot und einen Salat, und erst als er sich gierig über alles hergemacht hatte, fühlte ich mich beruhigt. Annemarie mit ihren falschen Verdächtigungen! Endlich konnte ich darüber lachen, und ich erzählte Rob von diesem absurden Frauengespräch, damit er in mein Lachen einstimmte.
Was er seltsamerweise nicht tat.
Stattdessen sagte er: »Mutti war schon immer unheimlich bürgerlich. Zerbrich dir doch nicht den Kopf über Fragen wie Treue oder Untreue! Darum geht es in einer Beziehung doch gar nicht, Süße. Da sind wir uns doch einig.«
Hä? Ich wollte gerade fragen, wie er das meinte, als er einen Finger auf meinen Mund legte und sagte: »Still. Schau dir lieber den neuesten Rob Lohmann an.«
Aus seiner Stofftasche zog er eine Kreidezeichnung. Sie zeigte eine Frau in Pin-up-Pose. Man konnte alles erkennen, was die Frau als Frau auszeichnete, darüber hinaus aber fand ich die Zeichnung ...
Ordinär, flüsterte eine kleinliche Stimme in meinem Kopf. Und nicht einmal besonders gut.
»Ich denke, es ist ein kleines Meisterwerk«, sagte Rob. »Zum Beispiel diese Linienführung hier, siehst du?«
Ich lächelte unsicher und hörte mir die nächsten fünf Minuten sein Eigenlob an, ohne ihn zu unterbrechen. So blieb es mir zumindest erspart, ein Urteil zu der Zeichnung abzugeben. Am Schluss seiner kleinen Rede fragte ich lediglich: »Sollte das heute nicht nur ein Vortreffen sein?«
