Sturm über Rosefield Hall - Julie Leuze - E-Book

Sturm über Rosefield Hall E-Book

Julie Leuze

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Beschreibung

Sturmwolken ziehen auf über der englischen Countryside … Die Grafschaft Devon, 1913: Die junge Lady Ruby Compton sieht einem strahlenden Sommer entgegen und freut sich auf den Besuch ihres Bruders Edward, der die letzten Jahre in der afrikanischen Kolonie Gambia verbracht hat. Dann trifft sie auf den attraktiven Londoner Cyril Brown, der dem Trubel der Stadt entkommen und auf dem Land etwas Ruhe finden will – vor allem für seine Schwester Alice, die von einem mysteriösen Leiden geschwächt zu sein scheint. Sofort ist es um Ruby geschehen – doch nicht nur sind ihre Eltern strikt gegen eine Verbindung mit einem Kaufmann niederen Standes, Cyril selbst scheint ein Geheimnis zu verbergen, das ihn immer wieder zögern lässt, seine Zuneigung offenzulegen. Fest entschlossen für ihre Liebe zu kämpfen, beginnt Ruby ein Geflecht aus Schweigen und Gefahr zu entwirren – und findet Fäden, die zurück nach Rosefield Hall führen … »Spannend, mitreißend und emotional.« – Hamburg Woman Ein faszinierender historischer Schicksalsroman für Fans von Lucinda Riley.

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über dieses Buch:

 

Die Grafschaft Devon, 1913: Die junge Lady Ruby Compton sieht einem strahlenden Sommer entgegen und freut sich auf den Besuch ihres Bruders Edward, der die letzten Jahre in der afrikanischen Kolonie Gambia verbracht hat. Dann trifft sie auf den attraktiven Londoner Cyril Brown, der dem Trubel der Stadt entkommen und auf dem Land etwas Ruhe finden will – vor allem für seine Schwester Alice, die von einem mysteriösen Leiden geschwächt zu sein scheint. Sofort ist es um Ruby geschehen – doch nicht nur sind ihre Eltern strikt gegen eine Verbindung mit einem Kaufmann niederen Standes, Cyril selbst scheint ein Geheimnis zu verbergen, das ihn immer wieder zögern lässt, seine Zuneigung offenzulegen. Fest entschlossen für ihre Liebe zu kämpfen, beginnt Ruby ein Geflecht aus Schweigen und Gefahr zu entwirren – und findet Fäden, die zurück nach Rosefield Hall führen …

eBook-Neuausgabe Januar 2026

Copyright © der Originalausgabe 2015 by Wilhelm Goldmann Verlag,München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Tomas Picka, Natalia-P, Kathy SG; AdobeStock/Alin, PSCL RDL

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mm)

 

ISBN 978-3-96148-631-1

 

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected] .

 

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Julie Leuze

Sturm über Rosefield Hall

Roman

 

Für meine Mutter in Liebe

Prolog: Sommer 1913

 

Er musste sie fortbringen.

Sonst würde sie sterben.

Noch nie hatte er sie zu etwas gezwungen, doch diesmal würde er es tun. Er würde sie an einen Ort bringen, wo es friedlich und idyllisch war, und vielleicht würden sie dort verblassen, die Ängste und die schlechten Träume, all die Erinnerungen, die sie nicht aus dem Kopfbekam und die es schon fast geschafft hatten, sie zu zerstören.

Erfühlte sich ohnmächtig angesichts ihrer Qual, ratlos und wütend, obgleich ihm nicht ganz klar war, wem seine Wut eigentlich galt. Trug nicht jeder von ihnen ein Stück der Schuld an dem, was ihr geschehen war – sogar er? Vor allem er. Denn das Übel wurzelte tief.

Grimmig presste er die Lippen zusammen. Die Vergangenheit konnte er nicht ändern, aber möglicherweise die Zukunft.

Devon, dachte er.

Devon wäre schön.

Kapitel 1: Ruby

 

Nur wenn sie auf Pearls Rücken über die spätsommerlichen Wiesen flog, konnte Ruby Compton vergessen, wer sie war und was ihr in nicht allzu ferner Zukunft bevorstand.

Auch heute hatte Ruby sich gleich nach dem Lunch ihre Stute satteln lassen, und nun galoppierte sie an dem Waldrand entlang, der die Grenze des Compton’schen Besitzes bildete. Einen Satz nach rechts auf die Obstbaumwiese, und Ruby hätte den Grund und Boden ihrer Familie verlassen.

Doch das war ihr streng untersagt worden. Wenn seine Tochter schon darauf bestehe, mutterseelenallein auszureiten, so der Baron, dann müsse sie zumindest auf dem Anwesen der Familie bleiben, groß genug sei es ja.

Pearl fiel in einen gemächlichen Trab, als Ruby links in den Waldweg einbog, der sie zurück nach Rosefield Hall führen würde. In einer Stunde war Teezeit, und sie tat besser daran, sich nicht zu verspäten. Denn obgleich ihre Mutter sich wenig für sie interessierte, bestand sie eisern darauf, dass Ruby sich dem festgelegten Tagesablauf ohne zu murren unterwarf.

Ruby konnte der Teezeit wenig abgewinnen, musste sie sich mithilfe von Florence doch extra umkleiden, nur um dann schweigend mit der Mutter vor Kirsch-Scones und Gurkensandwiches zu sitzen. Lord Compton ließ sich erst zum abendlichen Dinner blicken, und auch Basil, Rubys ältester Bruder, hatte erklärtermaßen Besseres zu tun, als sich mit Mutter und Schwester am Teetisch zu langweilen.

Immerhin würde die verhasste Mahlzeit heute kürzer ausfallen als üblich: Edward, ihr zweiter Bruder, würde mitsamt seiner Entourage noch vor dem Dinner auf Rosefield Hall eintreffen, und das war Lady Compton doch wichtiger als ihre Gurkensandwiches. Schon seit dem frühen Morgen scheuchte Rubys Mutter den Butler und die Hausdame herum, damit diese dem übrigen Personal Beine machten. Für Edwards Ankunft sollte alles perfekt sein, schließlich war er seit einer Ewigkeit nicht mehr zu Hause gewesen.

Ruby musste lächeln.

Edward war ihr Lieblingsbruder. Er war sieben Jahre älter als sie, doch er war sich nie zu schade dafür gewesen, seiner kleinen Schwester die Zeit zu vertreiben. Solange Ruby denken konnte, hatte er sich um sie gekümmert. Zuerst hatte er ihr vorgelesen, später mit einer Engelsgeduld das Bogenschießen beigebracht. Edward tröstete Ruby, wenn ihre Gouvernante mit ihr schimpfte, weil sie sich im Park Kleid und Schuhe beschmutzt hatte. Und wenn sie zur Strafe kein Abendessen bekam, schlich Edward sich hinunter in die Küche und stahl eine extragroße Portion für sie.

Als Ruby älter wurde, besorgte Edward ihr aus der Bibliothek ihres Vaters verbotene Bücher von Autoren wie Charles Dickens oder Oscar Wilde, die Ruby dann in ihrem Geheimversteck im Park – einem weit abgelegenen, maroden Pavillon, den außer ihr nie jemand freiwillig betrat – begierig las. Edward ritt stundenlang mit Ruby aus und zeigte ihr, wie man über Hindernisse sprang, die auf den ersten Blick unüberwindlich zu sein schienen. Wenn er am Ende seiner Ferien zurück nach Eton und später nach Oxford musste, so versprach er seiner Schwester stets, ihr regelmäßig zu schreiben.

Das innige Band zwischen ihnen zerriss erst, nachdem Edward nach Afrika geschickt worden war. Das lag inzwischen über zwei Jahre zurück.

Der Wald lichtete sich. Ruby zügelte ihre Stute und blickte nachdenklich auf Rosefield Hall hinunter: ein graues elisabethanisches Schlösschen in einer Talsenke zwischen steil aufragenden Hügeln. Warum nur hatte man Edward von hier verbannt? Denn etwas anderes als eine Verbannung war es nicht gewesen. Lord Compton hatte von einem Tag auf den anderen beschlossen, sein jüngerer Sohn solle die Erdnussplantagen der Familie in Gambia führen, und er hatte keinen Widerspruch geduldet, weder von Edward noch von der entsetzten Ruby.

Sein Sohn, hatte der Baron verkündet, sei nun dreiundzwanzig, und es sei höchste Zeit, dass er von seiner weibischen Weichherzigkeit kuriert werde. Auf der Plantage nach dem Rechten zu sehen und zu lernen, »das Regiment über eine Horde arbeitsscheuer Schwarzer zu führen«, so der Baron, eigne sich dafür ganz vorzüglich.

Edward hatte nicht kuriert werden wollen. Doch danach hatte sein Vater nicht gefragt.

Wochenlang war Ruby untröstlich gewesen. Mit ihren sechzehn Jahren war sie bei Edwards Abreise längst kein Kind mehr gewesen, doch den geliebten Bruder so weit fort zu wissen bescherte ihr Gefühle tiefster Verlassenheit. Monate verstrichen, und der Abstand zwischen Edwards Briefen wurde immer größer, ihr Inhalt immer oberflächlicher. Das machte es für Ruby, die Daheimgebliebene, noch schlimmer. Hatte ihr Bruder sie etwa vergessen? Oder erging es ihm schlecht in Gambia? Wollte er sie bloß nicht beunruhigen? Aus den Monaten wurde ein Jahr, aus dem einen Jahr wurden zwei. Eine lange, einsame Zeit ohne Antworten.

Doch heute war es so weit, heute würde Ruby ihren Bruder endlich wiedersehen! Aufregung, Vorfreude und ein Hauch von Furcht stiegen in ihr auf, als sie ihr Pferd wieder antrieb und rasch auf Rosefield Hall zuritt. Ob Edward noch so lustig und liebevoll war, wie sie ihn in Erinnerung hatte? Oder ob das raue Leben in den Kolonien ihn – gemäß den Wünschen des Barons – tatsächlich verändert hatte?

Ruby betete inbrünstig darum, dass der Plan ihres Vaters nicht aufgegangen war. Sie wollte ihren Bruder am liebsten ganz genau so wiederhaben, wie er sie vor über zwei Jahren verlassen hatte. Zugleich war Ruby bewusst, dass dieser Wunsch recht kindisch war. Sie war inzwischen achtzehn, und er fünfundzwanzig. War es da nicht völlig natürlich, dass sie beide sich verändert hatten, und möglicherweise nicht nur zum Guten? Sie atmete tief durch und wischte ihre Grübeleien beiseite. Schon bald würde sie wissen, ob sich die alte Vertrautheit zwischen Edward und ihr wiederherstellen ließ. Es hatte keinen Sinn, sich vorher schon Sorgen zu machen.

In gestrecktem Galopp ritt sie den Hügel hinab und zügelte Pearl erst, als sie die von Pappeln und Ebereschen gesäumte Auffahrt erreichte. In damenhaftem Schritt näherte sie sich den Stallungen, dabei steckte sie sich eine vorwitzige schwarze Strähne zurück unter den Hut. Wenn sie schon ganz allein ausritt, so musste sie zumindest in tadellosem Aufzug nach Hause kommen. Denn dass sie am liebsten wie ein Berserker durch die Wildnis preschte, erfuhren ihre Eltern besser nicht.

Sie übergab ihre Stute dem Stallknecht und betrat das Haus. Sie fragte sich gerade, ob sie die Köchin wohl bitten durfte, einmal etwas anderes zu backen als die ewigen Kirsch-Scones, da hörte sie ihn.

Abrupt blieb sie stehen. Ihr Herz machte einen Sprung. War das wirklich, jetzt schon, vor dem Tee, Edward?

Mit einem Freudenschrei riss sie die Tür zum Salon auf, stürzte auf ihren Bruder zu und fiel ihm um den Hals.

»Edward! Du bist es!«

Sowohl das Kopfschütteln ihres Vaters als auch das indignierte »Ruby, benimm dich gefälligst!« ihrer Mutter prallten an ihr ab. Ruby sah nur Edwards Lächeln, sein braun gebranntes Gesicht und seine blauen Augen, in denen kein Tadel stand und kein Befremden, sondern die reine Wiedersehensfreude – und sie war glücklich.

Der einzige Mensch, der sie wirklich liebte, war nach Rosefield Hall zurückgekehrt.

 

Nach dem Tee ging sie mit Edward im Park spazieren. Bald schon würde die Sonne hinter den steilen Hügeln verschwinden, aber noch fielen ihre milden Strahlen in den Park, vergoldeten den Rasen und stahlen sich durchs Geäst der Eichen und Libanonzedern.

»Wenn du mir deine neuesten Geheimnisse erzählen willst, musst du dich beeilen, Schwesterherz. Eine halbe Stunde, länger will Mutter mich nicht entbehren.« Edward grinste. »Ganz neue Töne, was? Früher habe ich sie kaum interessiert.«

»Tja, der verlorene Sohn.« Ruby blickte Edward von der Seite an. »Sie weiß nicht, ob du noch der bist, der du warst. Doch sie brennt darauf, es herauszufinden.«

»Mutter brennt niemals auf etwas«, sagte Edward trocken. »Sie ist das disziplinierteste Wesen, das ich kenne. Gottlob kommst du nur im Aussehen nach ihr, Schwesterherz.«

Ruby biss sich auf die Unterlippe. Dann musste sie doch lachen und gab Edward einen Klaps auf den Arm. »So respektlos warst du früher aber nicht!«

Er grinste auf sie herab. »Zu irgendetwas muss diese Verbannung ja gut sein, oder? Wenn auch nur dazu, die englische Förmlichkeit abzulegen. Es weitet den Blick, wenn man eine Zeit lang keine Briten zu sehen bekommt.«

»Lebst du denn in Gambia nicht in Gesellschaft anderer Engländer?«, fragte Ruby neugierig.

Edward schüttelte den Kopf. »Ich verbringe meine Zeit fast ausschließlich mit den Schwarzen, die auf der Plantage arbeiten.«

»Wie bitte?« Ruby blieb stehen. »Du meinst ... du isst auch mit ihnen? Gehst mit ihnen jagen? Lädst sie in dein Haus ein? Das kann nicht dein Ernst sein!«

Edward zog eine Augenbraue hoch. »Und warum nicht?«

Weil du ein Weißer bist und damit ihr Herr.

Der Satz lag Ruby auf der Zunge, doch etwas in Edwards Blick hinderte sie daran, ihn auszusprechen.

Für einige Sekunden sahen sie einander stumm an, dann lachte Edward und zog Ruby am Arm weiter. »Wir wollten spazieren gehen, nicht spazieren stehen, oder? Komm, ich habe nur Spaß gemacht. Selbstverständlich unterhalte ich keine freundschaftlichen Beziehungen mit meinen Schwarzen. Aber mit Weißen eben auch kaum, weil unsere Besitzungen recht isoliert liegen. Wen will man zum Lunch einladen, wenn der arme Gast dafür einen Zweitageritt auf sich nehmen müsste?«

Ruby runzelte die Stirn. »Aber dann musst du furchtbar einsam dort sein!«

»Mach dir keine Sorgen um mich, Ruby. Es geht mir gut in Gambia.«

»Das hoffe ich von Herzen.« Verunsichert ging sie neben ihm her. »Ich weiß so gar nichts mehr von dir, Edward. Deine Briefe waren immer vollkommen nichtssagend. Wenn überhaupt mal einer kam.«

»Nun ja, ich habe viel zu tun. Eine Erdnussplantage unterhält sich nicht von selbst, und unser Verwalter ist kurz nach meiner Ankunft gestorben. Einen neuen konnte ich auf die Schnelle nicht finden. Also habe ich seine Arbeit selbst übernommen. Da bleibt wenig Zeit für anderes, und wenn es nur das Briefeschreiben ist.«

Edward, ein geborener Compton, hatte die Arbeit des Verwalters übernommen? Das wurde ja immer seltsamer!

»Es tut mir gut, eine Aufgabe zu haben«, fuhr Edward fort. »Ich weiß, es klingt verrückt, aber es macht mir Spaß zu arbeiten! Richtig zu arbeiten, meine ich. Nicht nur als Oberhaupt anwesend zu sein, sondern die Plantage am Laufen zu halten. Die Erträge zu verbessern. Neue Absatzmöglichkeiten für unsere Erdnüsse aufzutun.«

»Du hast recht, das klingt wirklich verrückt. Lass das bloß unsere Eltern nicht hören!« Um zu überspielen, wie verblüfft sie war, fügte Ruby neckend hinzu: »Sie werden dich verdächtigen, eine bürgerliche Krämerseele geworden zu sein, und dann werden sie sich aus Verzweiflung über deinen Ladengeruch vor das nächste Automobil werfen!«

»Und du?«, fragte Edward, ohne auf Rubys scherzenden Tonfall einzugehen. »Stört es dich, dass ich arbeite?«

Unbehaglich blickte sie ihm in die Augen. »Mich? Nun, ich ...«

Sie brach ab. Dass ein Compton sich jemals mit etwas anderem beschäftigt hatte, als die verschiedenen Besitzungen zu verwalten, zur Marine zu gehen oder vorteilhaft zu heiraten und ein Leben in aristokratischem Müßiggang zu führen, war schlichtweg noch nie vorgekommen. Handel zu treiben wie ein kleiner Kaufmann? Unmöglich!

Eigentlich.

Trotzdem hörte Ruby sich sagen: »Nein, Edward, es stört mich kein bisschen. Nicht, wenn es dich glücklich macht.« Im selben Moment wusste sie, dass das die Wahrheit war.

»Das ist meine Ruby, an die ich in Afrika so gerne denke!« Ihr Bruder lächelte dankbar.

Bevor Ruby ihn jedoch weiter ausfragen konnte, setzte er munter hinzu: »Aber jetzt genug von mir geredet. Wie sehen deine Zukunftspläne aus? Du hast doch deine erste Saison in London hinter dir und bist nun bei Hofe eingeführt. Ich müsste mich sehr wundern, wenn du keinen Verehrer am Haken hättest, so hübsch, wie du geworden bist!«

Rubys Miene verdüsterte sich. »Es sind zwei, um genau zu sein.«

»Das klingt nicht gerade begeistert.«

Sie seufzte. »Wärst du begeistert, wenn du die Wahl zwischen Lord Grinthorpe und Lord Hangsworth hättest? Sei ehrlich!«

»Lord Grinthorpe – ist das der dürre Kerl mit den Fischaugen? Er muss schon an die fünfzig sein.«

»Dreiundfünfzig.«

»Uh.« Edward verzog das Gesicht. »Und der andere ... Lord Hangsworth, sagtest du? Den kenne ich auch, aus meiner Zeit in Oxford. Arroganter Zeitgenosse. Nun, immerhin ist er jung, und er sieht gut aus.«

»Beides trifft auch auf unseren Bruder Basil zu«, entgegnete Ruby. »Dennoch bemitleide ich seine Verlobte Matilda von Herzen.«

»Ich auch.«

»Eben.«

Sie hatten eine steinerne Bank erreicht und ließen sich darauf nieder. Beide blickten sie auf Rosefield Hall, dessen graue Mauern im Abendlicht rosa schimmerten. Fast fühlt es sich an wie früher, dachte Ruby.

»Gott sei Dank bist du wieder da«, sagte sie leise. »Du bist der Einzige, der mich versteht, Edward. Weißt du, manchmal denke ich, wir beide gehören gar nicht wirklich hierher ... zu unseren Eltern und zu Basil. Als würde irgendetwas nicht stimmen mit uns. Mit mir.«

Edward griff nach ihrer Hand und drückte sie.

»Zumindest mit dir, Ruby, stimmt alles«, sagte er warm. »Und wenn du weder Lord Grinthorpe noch Lord Hangsworth heiraten möchtest, dann lass es bleiben. Es war deine erste Saison in London. Du hast noch mehr als genug Zeit, um den Richtigen zu finden.«

Aber hatte sie die wirklich?

In Edwards Augen las sie, dass er davon überzeugt war. Schließlich war sie erst achtzehn und weder hässlich noch arm. Doch Lady Compton hatte ihr während der Saison deutlich zu verstehen gegeben, dass sie Ruby so rasch wie möglich verheiratet sehen wollte. Nicht auszudenken, wie die Mutter reagieren würde, wenn einer der beiden Lords um Rubys Hand anhielte und sie ihm einen Korb gäbe!

Ob auf Pearls Rücken oder an Edwards Seite: Lange würde sie es nicht mehr schaffen, ihrem Schicksal zu entfliehen.

Kapitel 2: Florence

 

Müde und hungrig nahm Florence ihren Platz am Dienstbotentisch ein. Als oberstes Hausmädchen saß sie stets zwischen Lady Comptons Kammerzofe und Mabel, einem der jüngeren Hausmädchen. Es war halb zehn, die Herrschaften oben hatten ihr Dinner beendet, und so war hier unten endlich Essenszeit.

Nachdem sie einige Gabeln Fleisch mit Erbsen zu sich genommen hatte, fühlte Florence sich besser. Ach, es ging doch nichts über ein nahrhaftes, gut zubereitetes Mahl! Florence fühlte Dankbarkeit in sich aufsteigen. Obgleich sie von frühmorgens bis spätabends auf den Beinen war, vergaß sie nie, welch großes Glück es war, etwas zu beißen und ein Dach über dem Kopf zu haben.

Keine Selbstverständlichkeit für eine wie sie.

Florence war erst dreizehn gewesen, als ihre Eltern kurz nacheinander gestorben waren. Sie hatte weder Geschwister noch nähere Verwandte, und so hatte sie eine schreckliche Woche lang nicht gewusst, wohin. Doch dann hatte Mrs Ponder, die Hausdame der Comptons, ihr angeboten, als Hausmädchen auf Rosefield Hall zu arbeiten. Das war nun elf Jahre her, und Florence war Mrs Ponder immer noch dankbar dafür. Denn wo wäre sie gelandet, wenn die Hausdame sich ihrer nicht erbarmt hätte? Florence mochte gar nicht daran denken.

Langsam entspannte sie sich von den Mühen des Tages, und während sie ihren Teller bis auf den letzten Bissen leer aß, ließ sie sich von dem fröhlichen Geplauder, das im Dienstbotenraum herrschte, einhüllen wie von einer warmen Decke. Dies hier war ihre Familie. Die ersten Jahre waren zwar hart gewesen, aber nun fühlte sie sich wohl und kam mit den anderen gut aus. Oh ja, sie hätte es wirklich schlechter treffen können.

»Ich verstehe einfach nicht, warum er laufen musste«, drang Mr Lyams missmutige Stimme in ihre Gedanken. »Er hätte doch vom Postamt aus anrufen können, um Bescheid zu geben, dass er mit einem früheren Zug ankommt! Dann hätte ich ihn abgeholt. Ich meine, wozu besitzt dieses Haus ein Telefon, wenn kein Mensch es benutzt und nie jemand hier anruft?«

Florence hob erschrocken den Kopf und blickte über den Tisch zu Mr Lyam hinüber. Jeder wusste, dass der Chauffeur sich als etwas Besseres fühlte, weil er das Autofahren beherrschte und Lord Compton seine Dienste sehr zum Verdruss des Kutschers öfter und öfter in Anspruch nahm. Doch dass Mr Lyam sich erdreistete, offen das Verhalten eines Compton zu kritisieren, war selbst für ihn mit seinem übersteigerten Selbstbewusstsein ein starkes Stück.

Mr Hurst, der als Butler unangefochten über die Dienerschaft herrschte, versetzte auch sogleich: »Es steht Ihnen wohl kaum zu, Master Compton vorzuschreiben, wie er sich verhalten soll, Lyam. Wenn er zu Fuß gehen möchte, so geht er zu Fuß. Punkt.«

»Aber es ist exzentrisch!«, murrte Mr Lyam.

»Exzentrisch zu sein ist Master Comptons gutes Recht«, sagte Mr Hurst würdevoll. »Und nun möchte ich kein Wort mehr über die Angelegenheit hören.«

Folgsame Stille herrschte am Tisch, während eines der Küchenmädchen das Dessert auftrug. Es gab Reispudding, und da die Köchin dieses Rezept besonders gut beherrschte, sah man bald wieder zufriedene Gesichter.

Im Stillen musste Florence jedoch zugeben, dass Mr Lyam nicht ganz unrecht hatte: Als adeliger Herr den langen Marsch vom Bahnhof nach Rosefield Hall auf Schusters Rappen zu absolvieren war exzentrisch. Master Compton hatte sein gesamtes Gepäck am Bahnhof gelassen – Mr Lyam hatte es vor dem Dinner dort abholen müssen – und hatte die Familie mit seiner frühen Ankunft völlig aus dem Konzept gebracht. Weder war Miss Compton von ihrem Reitausflug zurück gewesen, noch hatte die Dienerschaft vor dem Eingang Aufstellung beziehen können, wie es sich gehört hätte. Stattdessen war Master Compton einfach in den Salon spaziert.

Florence verkniff sich ein Lächeln. Der junge Herr hatte schon immer einen Hang zu unkonventionellem Verhalten gehabt. Vielleicht hatte sie Master Compton deshalb so gern gemocht, als er noch hier gelebt hatte, obgleich sie ihm natürlich selten begegnet war. Hausmädchen hatten in den Räumen, in denen die Herrschaften sich aufhielten, nichts zu suchen; geputzt wurde grundsätzlich, wenn die Lords und Ladys außer Sicht waren. Dennoch, von ferne war Master Compton ihr sympathisch gewesen.

Mr Lyam aß den letzten Löffel seines Puddings, dann lehnte er sich zurück.

»Dass er Neger mitgebracht hat«, sagte er und blickte Mr Hurst provozierend in die Augen, »das ist wohl auch sein gutes Recht, was?«

Florence zuckte zusammen, Mabel und Kate kicherten, und Mr Hurst fehlten die Worte, was bei ihm äußerst selten vorkam.

Rasch schaltete sich Mrs Ponder ein. »Selbstverständlich ist es das, Mr Lyam«, sagte die Hausdame scharf. »Menschen wie diese ... Afrikaner mögen uns fremd erscheinen, doch wenn Master Compton in Gambia keine weißen Bediensteten auftreiben konnte, so steht es ihm ohne Frage frei, auch schwarze Diener mitzubringen.«

»Neger auf Rosefield Hall!«, knurrte Mr Yorks, Lord Comptons Kammerdiener. »Gut finde ich das ja nicht! Er hätte sie im Busch lassen sollen, wo sie hingehören. An Dienern herrscht auf Rosefield Hall schließlich kein Mangel. Wir hätten ihm John zur Seite stellen können, oder Charles.«

»Wenn die Neger jetzt hierbleiben, sollen sie dann etwa auch mit uns essen?«, fragte Mr Lyam und verzog den Mund.

»Du lieber Himmel. Dann muss unsere gute Mrs Bloom von nun an wohl Heuschrecken braten!«, witzelte Mr Yorks.

Alle lachten, nur der Butler und die Hausdame blieben ernst, und auch Florence konnte an Mr Yorks’ Bemerkung nichts komisch finden. Als der Kammerdiener ihr vergnügt zugrinste, brachte sie nur mit Mühe ein Lächeln zustande.

Sie konnte sich nur allzu gut daran erinnern, wie sie selbst sich anfangs auf Rosefield Hall gefühlt hatte: einsam, auf der untersten Stufe der Hierarchie, von allen umhergescheucht und oft genug das Ziel derber Späße. Mit der Zeit war es besser geworden, aber in den ersten Jahren hatte Florence oft heimlich geweint. Nein, das wünschte sie niemandem, mochte er nun weiß sein oder schwarz. Deshalb würde sie sich auch nicht daran beteiligen, wenn die Dienerschaft auf den Afrikanern herumhackte, selbst wenn diese gar nicht anwesend waren.

Mr Hurst fand endlich seine Stimme wieder und mit ihr seine gesamte machtvolle Autorität als Butler.

»Schluss jetzt!«, bellte er in die Runde. »Noch ein Wort von irgendjemandem, und alle gehen auf ihre Zimmer!«

Das saß. Die gemeinsame Zeit nach dem Abendessen, wenn Karten gespielt, auf dem Klavier musiziert oder gesungen wurde, war der Höhepunkt eines jeden Tages, und niemand war gewillt, darauf zu verzichten. Also vergaß man weiße Exzentrik und schwarze Essensvorlieben, widmete sich wieder dem alltäglichen Klatsch und genoss den kurzen, aber fröhlichen Feierabend.

Nur Florence war nachdenklicher als sonst.

Zwei Stunden später half sie Miss Compton, sich zum Schlafengehen bereit zu machen.

»Ist es nicht wunderbar, dass er wieder zu Hause ist?«, fragte ihre junge Herrin sie mit leuchtenden Augen. »Das Leben in Afrika scheint ihm gutzutun. Edward sieht hervorragend aus, findest du nicht auch?«

Florence, die hinter Miss Compton stand und ihr mit langen, sanften Strichen das Haar bürstete, musste lächeln. Glück und Aufregung zeichneten sich auf Miss Comptons Zügen ab, und Florence registrierte wieder einmal, wie hübsch ihre junge Herrin war. Alles, was bei der Mutter und dem ältesten Bruder kühl und einschüchternd wirkte – das glänzende schwarze Haar, die tiefgrünen Augen, die helle Haut –, erschien ihr bei Miss Compton anziehend und weich.

»Sie haben recht, Madam, Ihr Bruder ist wirklich sehr ansehnlich«, pflichtete Florence ihr bei.

Das war nicht gelogen: Master Compton war zwar ebenso semmelblond wie sein Vater, aber nicht feist und rotgesichtig wie dieser, sondern groß, schlank und braun gebrannt. Es war fast unmöglich, fand Florence, nicht von seinem Äußeren eingenommen zu sein. Früher einmal hatte sie sogar geglaubt, sich ein wenig in den Herrn verliebt zu haben. Doch da ihre Gefühlsverwirrung nicht nur absolut unangemessen gewesen war, sondern auch mit Master Comptons Abreise in die Kolonien ein jähes Ende gefunden hatte, war es Florence nicht schwergefallen, diese dumme Vernarrtheit zu vergessen. Herren wie Master Compton, das wusste sie nur allzu gut, waren nichts für eine wie sie.

Außerdem, dachte Florence und unterdrückte ein Seufzen, war da ja noch Mr Yorks. Dass Florence etwas zu rundlich war – das einzig Zarte an ihr waren ihre Hände –, ihr Gesicht nur durchschnittlich hübsch und ihr Haar von langweiliger mittelbrauner Farbe, schien den Kammerdiener nicht zu stören. Er machte ihr seit Wochen den Hof, und er wäre eine gute Partie, das wusste sie.

Plötzlich fühlte sie sich unbehaglich.

»Ich finde es sehr mutig von Edward, einen schwarzen Diener hierher mitzubringen«, erklärte Miss Compton, und Florence ließ den Gedanken an Mr Yorks bereitwillig fallen. »Und dazu noch dessen Ehefrau! Das ist wirklich ungewöhnlich. Aber Edward sagt, der Diener, Jacob heißt er, glaube ich, hätte seine Frau niemals alleine in Gambia zurückgelassen. Die Familienbande seien dort sehr stark, und der männliche Beschützerinstinkt auch.«

»Es ehrt Master Compton, dass er Jacob nicht einfach gezwungen hat, die Frau zurückzulassen«, erwiderte Florence.

Sofort biss sie sich auf die Zunge und schalt sich innerlich einen Dummkopf. Ungefragt seine Meinung kundzutun war für ein Mitglied der Dienerschaft ein schwerer Fauxpas. Schon lange war er ihr nicht mehr unterlaufen, und nun das, eine wertende Bemerkung über Miss Comptons Bruder! Wie ihre Herrin wohl reagieren würde?

Doch Miss Compton nickte nur lächelnd, und Florence atmete auf.

Trotzdem nahm sie sich vor, zukünftig noch vorsichtiger zu sein. Seit sie zu ihren normalen Pflichten, die aus Putzen, Kaminstellen-Reinigen und nochmals Putzen bestanden, die Aufgabe übernommen hatte, der jungen Lady beim An- und Auskleiden behilflich zu sein, hatte sich zwischen ihr und Miss Compton zwar fast so etwas wie eine Freundschaft entwickelt. Manchmal hatte Florence sogar das Gefühl, dass ihre Herrin genauso unfrei war wie sie selbst, mit dem einzigen Unterschied, dass Florence’ Gefängnis aus der täglichen Tretmühle harter Hausarbeit bestand, während Miss Compton eher in einem goldenen Käfig umherflatterte.

Dennoch, niemals durfte Florence vergessen, dass sie keine Freundinnen waren, selbst wenn es ihr immer wieder so vorkam. Sie mochten einander sympathisch sein und miteinander plaudern, aber ihre Herrin lebte oben und sie selbst unten, und das würde sich niemals ändern. Besser also, Florence vergaß das nicht. Keinen Augenblick lang.

Sonst würde sie nämlich schneller auf der Straße sitzen, als sie Luft holen konnte.

 

Als Florence sich endlich auf ihrem Bett ausstrecken durfte, war es weit nach Mitternacht. Sie zog die Decke bis unter das Kinn. Todmüde blickte sie durch das kleine Dachfenster in den nächtlichen Augusthimmel und fragte sich, ob sie in ihrem Leben wohl ein Mal, nur ein einziges Mal, mehr als fünf Stunden Schlaf am Stück bekommen würde.

Wahrscheinlich nicht.

Bevor ihr die Augen zufielen, fragte sie sich noch, wo eigentlich die Schwarzen untergebracht waren, warum sie nicht mit der übrigen Dienerschaft gegessen hatten und ob sie ihren ersten Abend auf Rosefield Hall wohl freiwillig so isoliert verbracht hatten.

Doch Florence war zu erschöpft, um länger darüber nachzudenken. Morgen, nahm sie sich schon halb im Traum vor, morgen würde sie die Afrikaner aufsuchen und sie herzlich auf Rosefield Hall willkommen heißen.

Keine Sekunde später war sie eingeschlafen.

Kapitel 3: Ruby

 

»Ich sehe nicht ein, mein lieber Edward, weshalb diese Exoten eine solch unglaubliche Sonderbehandlung genießen sollen!«, bemerkte Lady Compton beim mittäglichen Lunch spitz.

Ruby warf ihrer Mutter einen resignierten Blick zu. Edward war noch keine vierundzwanzig Stunden daheim, und Lady Comptons Wiedersehensfreude hatte sich bereits beträchtlich abgekühlt.

»In den Zimmern der Dienstboten«, fuhr die Hausherrin verschnupft fort, »stehen genügend leere Betten herum. Du weißt, dass wir immer auf Besuch eingerichtet sind, und was gut genug für die Dienerschaft unserer adeligen Freunde ist, wird ja wohl tausendmal gut genug sein für zwei Neg ...«

»Mutter«, unterbrach Edward sie ärgerlich. »Ich habe dir die Gründe für meine Entscheidung gestern Abend dargelegt, und heute früh habe ich sie wiederholt. Müssen wir das Thema wirklich ein drittes Mal diskutieren?«

»Das müssten wir nicht, wenn du dich an die hiesigen Gepflogenheiten halten würdest«, versetzte Lady Compton. »Noch nie, noch niemals habe ich gehört, dass ein Kammerdiener und eine ... eine ... was ist diese Virginia überhaupt?«

»Sie ist Jacobs Frau.«

»Natürlich ist sie seine Frau, du liebe Güte! Aber was tut sie?«

Edward zögerte. »Sie hat auf der Reise dafür gesorgt, dass wir saubere Wäsche haben. Als wir noch in Afrika waren, hat sie unterwegs auch gekocht, und zudem ... ach, Mutter, lassen wir das doch. Jacob wollte Virginia nicht allein auf der Plantage zurücklassen. Reicht das nicht?«

»Nein!« Lady Compton spießte böse ein Stück Hasenbraten auf. »Wo kommen wir denn hin, wenn wir diese Leute derart verwöhnen? Und noch einmal: Dass ein Diener und seine Frau in einem Gästezimmer schlafen, in einem Raum, in dem wir sonst nur unsere Freunde unterbringen, das raubt mir noch den Verstand!«

»Denkst du denn gar nicht an unsere Dienerschaft, Edward?«, schaltete Lord Compton sich ein. »Was müssen sie alle denken, wenn Jacob und Virginia derart bevorzugt werden?« Er wandte sich an den Butler, der mit unbewegter Miene im Hintergrund bereitstand. »Hurst, klären Sie uns auf: Wird unten schon getuschelt?«

Der Butler räusperte sich. »Ein wenig, Mylord. Doch ich bemühe mich, es zu unterbinden.«

Daraufhin herrschte beredtes Schweigen am Tisch. Lord und Lady Compton warfen vorwurfsvolle Blicke in Edwards Richtung. Basil, der die ganze Diskussion stumm verfolgt hatte, lachte amüsiert in sich hinein.

Ruby biss die Zähne zusammen. Je länger sie alle beisammensaßen, desto unwohler fühlte sie sich. Draußen flimmerte die Augusthitze, und obwohl sie nur ein leichtes Tageskleid aus puderrosa Seide trug, war ihre Haut unter Korsett und Unterwäsche schweißnass. Doch es war nicht die Hitze, die Ruby zu schaffen machte, sondern die Tatsache, dass Edward sich schon wieder rechtfertigen musste, genau wie früher.

Ihr Bruder war nun kein unerfahrener Jüngling mehr. Er war ein Mann, der ganz allein – und sehr erfolgreich, wie es ihr schien – eine afrikanische Plantage leitete. Dennoch wurde er von ihren Eltern zusammengestaucht wie ein Schulbub, noch dazu vor dem Butler. Das war nicht nur unpassend, sondern entwürdigend.

Kühl beschied Edward der Familie: »Ich bestehe darauf, Jacob und Virginia in meiner Nähe zu haben. Nur so können sie mir ständig zur Verfügung stehen.« Mit einem Seitenblick auf Hurst fügte er hinzu: »Außerdem fürchte ich, dass es den Afrikanern nicht sonderlich gut ergehen würde, wenn sie mit den anderen Dienern zusammen wären. Neue und Außenseiter haben es in einer eingespielten Gemeinschaft immer schwer.«

Basil schüttelte den Kopf. »Herrje, Bruder, du hast dich wirklich kein bisschen verändert. Immer noch weich wie ein kleines Mädchen, genau wie damals, als du in Eton ständig verprügelt worden bist. Zu Recht übrigens.«

»Basil!«, mahnte Lady Compton. »Nenn deinen Bruder nicht so.«

»Warum denn nicht?«, fragte Basil unschuldig. »Was hast du gegen niedliche kleine Mädchen, Mutter?«

Lord Compton lachte, Lady Compton verkniff sich erfolglos ein Grinsen.

Und da reichte es Ruby.

Abrupt schob sie ihren Stuhl zurück und stand auf.

»Mir ist nicht wohl, ich brauche ein wenig frische Luft. Sicher ist die Hitze schuld.« Dramatisch fasste sie sich mit der Hand an die Stirn. »Edward, würdest du so lieb sein, mich nach draußen zu begleiten? Ich fürchte, ich habe einen starken Arm nötig, auf den ich mich stützen kann.«

 

Wenige Augenblicke später hatten Ruby und Edward das Esszimmer verlassen. Durch die großen, bodentiefen Fensterflügel waren sie auf die Terrasse getreten und strebten nun quer über den Rasen auf eine Schatten spendende Gruppe von Eichen zu. Dort war das Gras höher, es blühten Margeriten, und die Gefühllosigkeit ihrer Familie schien ein bisschen weiter entfernt.

»Danke, dass du mich gerettet hast.« Edward lächelte schief.

»Gern geschehen«, erwiderte Ruby grimmig. »Aber es war eine rein egoistische Entscheidung: Ich wäre geplatzt und somit gestorben, wenn ich den dreien noch weiter hätte zuhören müssen.«

»Geplatzt? Das sind die doch gar nicht wert.« Edward seufzte. »Was für eine Familie! Wenn man für eine Weile weg war, kommen sie einem noch schlimmer vor, als wenn man sie jeden Tag um sich hat.«

»Oh, ich habe sie jeden Tag um mich, und mir kommen sie sehr schlimm vor, das kannst du mir glauben!«

Sie lachten beide, doch es klang nicht fröhlich. Im Schatten der mächtigen Bäume setzten sie sich ins Gras. Edward nahm einen langen gelben Halm zwischen die Lippen, und Ruby pflückte gedankenverloren eine Margerite.

»Manchmal«, sagte Ruby schließlich, die Augen fest auf die Margerite geheftet, »frage ich mich, ob ich nicht schrecklich undankbar bin. Ich meine, ich bin die Tochter eines Barons und führe ein Leben, um das mich gewiss so manch einer beneidet. Aber ich, Edward«, Ruby schluckte hart, »ich beneide dich. Weil du eine Aufgabe hast, frei bist und in ein paar Wochen schon wieder fort von hier. Ich hingegen ... Mein Leben besteht doch aus lauter Nichtigkeiten! Daraus, mich viermal am Tag umzuziehen, Basil zu ertragen, mich im Stillen über unsere Eltern zu ärgern und auf eine Hochzeit zu warten, deren einziger Vorteil es wäre, dass ich Rosefield Hall verlassen darf. Herrgott, meine Zukunft ist genauso langweilig wie meine Gegenwart!«

Edward schwieg.

Etwas gefasster fügte Ruby hinzu: »Da hast du es. Ich bin undankbar.«

Edward lehnte sich zurück und stützte sich auf seine Unterarme. Nachdenklich blinzelte er zu ihr hoch. »Sehnst du dich denn nicht danach zu heiraten?«

Ruby pflückte die nächste Margerite und zupfte an ihr herum. »Nicht, wenn ich einen der beiden Lords nehmen muss, die in London um mich geworben haben.«

»Aber grundsätzlich? Die Liebe ist doch etwas Schönes, Ruby.«

»Ist sie das?« Ruby blickte ihrem Bruder in die Augen. »Woher willst du das denn wissen? Du bist doch gar nicht verheiratet.«

Edward lächelte. »Nein. Doch ich stelle es mir schön vor.«

»Aber Liebe und Ehe gehen so selten zusammen!«, hielt sie stirnrunzelnd dagegen. »Schau dir Mama und Papa an: Sie führen zwei völlig getrennte Leben! Nun ja, abgesehen von den Mahlzeiten, da sitzen sie sich gegenüber. Und manchmal pflichtet er ihr bei irgendetwas bei, um sich ihre wohlwollende Gleichgültigkeit zu erhalten. Aber ansonsten? Sie gehen miteinander um, als seien sie Fremde.«

»Und das ist nicht das, was du dir wünschst?«

»Nein!«

»Dann erzähl mir, wovon du träumst.«

»Von gar nichts.« Ruby seufzte. »Da es sowieso nicht in meiner Macht liegt, meine Träume zu verwirklichen, verbiete ich sie mir lieber gleich ganz.«

»Das habe ich auch getan«, erwiderte er. Dann lachte er leise auf. »Aber weißt du, meinen Träumen war das egal. Sie haben mich einfach eingeholt.«

Voller Zuneigung sah Ruby ihn an. Dass Edward, obgleich er England nie hatte verlassen wollen, in Afrika so glücklich geworden war, lenkte sie von ihrer eigenen Unzufriedenheit ab und erfüllte sie mit warmer Freude.

»Warum erzählst du mir nicht davon, Edward? Ich bin so neugierig. Ich möchte alles über dein Leben in Afrika wissen! Ach ja, und ich möchte endlich Jacob und Virginia kennenlernen, da du doch so viel von ihnen zu halten scheinst.«

Edward warf ihr einen merkwürdigen Blick zu, und Ruby schob verunsichert nach: »Oder findest du das unangemessen? Weil sie doch ... nun ja, bloß Diener sind.«

»Nein. Es ist nicht unangemessen«, sagte Edward ernst. »Ganz im Gegenteil, Schwesterherz.«

 

Als sie wenig später alle zusammen in Edwards Zimmer standen, war es dennoch ein wenig sonderbar.

Ruby musste sich nicht lange fragen, woran das lag: Herrschaft und Dienerschaft wurden einander nun mal nicht vorgestellt. Und dass die Diener dunkelbraune Haut hatten und fremdartige Gesichtszüge, machte die Sache noch außergewöhnlicher. Nie zuvor hatte Ruby Menschen gesehen, die von weiter her kamen als von der irischen Insel, und sie musste sich zwingen, Jacob und Virginia nicht unverhohlen anzustarren.

Unbeschwert wirkten die Eheleute, die kaum älter zu sein schienen als sie selbst, jedenfalls nicht. Obwohl sie in einem komfortablen Gästezimmer untergebracht waren und damit einen Luxus genossen, der englischem Personal grundsätzlich verwehrt blieb, sahen sie nicht glücklich aus, sondern angespannt und misstrauisch. Ob das an der ungewohnten Kleidung lag, die sie auf Rosefield Hall tragen mussten? Virginia jedenfalls schien sich in ihrem schwarzen Dienstbotenkleid mit der weißen Schürze äußerst unwohl zu fühlen. Sie zupfte verstohlen daran herum, und das Häubchen auf ihrem kompliziert geflochtenen Haar saß bereits schief. Auch Jacob wirkte nicht, als sei er das Tragen von Anzügen gewohnt. Stocksteif stand der junge Mann vor ihr, das gestärkte Hemd und der hohe Kragen schienen ihm die Luft zum Atmen zu nehmen. Vielleicht, überlegte Ruby, erlaubte der gutherzige Edward es seinem Kammerdiener ja, sich in Gambia anders zu kleiden, weniger formell, weniger britisch. Oder war es gar nicht die Kleidung, die den Afrikanern solches Unbehagen bereitete? Hatten sie am Ende Angst?

Vor ... ihr?

Entschlossen räusperte Ruby sich. Es wurde Zeit, dass sie etwas sagte, um das Eis zu brechen und den Eheleuten zu beweisen, dass sie ihnen wohlgesinnt war.

Also fragte sie freundlich, langsam und sehr deutlich: »Gefällt – es – euch – hier – bei – uns – in – Devon?«

»Die Landschaft ist wunderschön, Madam. So grün und friedlich«, antwortete Jacob in tadellosem Englisch.

Seine Frau ergänzte: »Die Temperaturen sind auch sehr angenehm, Madam. Es ist nicht so schwül wie bei uns. In Gambia herrscht ja gerade Regenzeit.« Ihre Worte waren gefärbt von einem leichten, charmanten Akzent.

»Oh ... ja«, stotterte Ruby. »Regenzeit. Natürlich.«

Edward neben ihr grinste, und Ruby schämte sich. Warum bloß hatte sie die Schwarzen angesprochen wie dumme kleine Kinder? Ihr Bruder lebte seit Jahren mit ihnen zusammen, und überhaupt waren die Engländer nicht erst seit gestern in Gambia. Selbstverständlich beherrschten Jacob und Virginia die Sprache ihrer Kolonialherren!

Die Afrikaner standen mit regungslosen Mienen vor ihr. Ruby hatte die beiden nicht demütigen wollen, mit ihrer Gedankenlosigkeit aber genau das getan. Verflixt.

Zerknirscht sagte sie: »Am besten fangen wir noch einmal von vorne an. Gut. Also, ähm ...«

Sie knetete betreten ihre Finger. Worüber unterhielt man sich mit schwarzen Bediensteten, um ihnen sein Wohlwollen zu demonstrieren? Was konnte sie sie fragen, ohne wieder in irgendein Fettnäpfchen zu tappen?

»Ihr, äh ... Vermisst ihr eure Heimat sehr? Nach allem, was ich von Edward gehört habe, muss Gambia ein wunderbares Land sein. Mangrovenwälder, Palmen, Affen, Flusspferde ... Ich kann mir vorstellen, dass England euch dagegen sehr fade vorkommen muss.«

War das unverfänglich genug gewesen?

Jacobs Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen. »England ist vielleicht fade, Madam, aber dafür weniger gefährlich als Gambia. Hier gibt es keine Krokodile. Nur Füchse und Hasen, und die können einem nicht das Bein abbeißen. Ihr Land hat also nicht nur Nachteile.«

Ruby lachte erleichtert, und Jacob stimmte in ihr Lachen ein. Aus den Augenwinkeln sah Ruby, dass Edward sie zufrieden betrachtete.

Nur Virginias Ausdruck blieb abwartend und ernst.

Kapitel 4: Florence

 

Durch die Hintertür trat sie in den Hof, und für einen kurzen Moment schloss Florence in der Nachmittagssonne die Augen.

Es war Anfang September, die Hitze hatte deutlich nachgelassen und auf Rosefield Hall war wieder der Alltag eingekehrt. Lady Compton hatte sich mit den Schwarzen im Gästezimmer abgefunden, ohne dass es ihr den Verstand geraubt hätte. Lord Compton ging täglich mit seinem jüngeren Sohn fischen, Miss Compton ritt mit ihm aus, und Mister Compton geriet, ganz wie zu alten Zeiten, ständig mit ihm aneinander. Jacob und Virginia hielten sich weiterhin fern von der übrigen Dienerschaft, und so gab es zwar keinen Anlass für die Bediensteten, mit den Afrikanern zu streiten, dafür aber viel Nahrung für Gerüchte und Klatsch.

Florence seufzte. Sie mochte Mabel, Kate, Mrs Ponder und all die anderen gern, schließlich waren sie so etwas wie eine Familie für sie. Aber dass man sich auf Rosefield Hall, unten genauso wie oben, ständig das Maul zerriss über jeden, der auch nur eine Spur von dem abwich, was man hier gewohnt war, das gefiel Florence nicht.

Einerlei. Was zerbrach sie sich den Kopf über die anderen? Sie hatte ohnehin zu viel zu tun, als dass sie sich um deren Getratsche hätte kümmern können. Gerade erst war sie damit fertig geworden, Miss Comptons seidene Unterwäsche zu waschen, davor war sie ihr dabei behilflich gewesen, ihre Reitkleidung anzuziehen. Gleich würden Florence, Mabel und Kate in allen Räumen, die die Herrschaften am Vormittag benutzt hatten, aufräumen müssen. Sie würden Staub wischen, Kissen aufschütteln und Teppiche bürsten, Aschenbecher leeren und Feuer schüren, und dann begannen auch schon die Vorbereitungen für die Teezeit.

Florence atmete tief durch. Nur für eine oder zwei Minuten in der Sonne stehen, dachte sie. Nur ganz kurz einmal gar nichts tun. Ausruhen. Kraft schöpfen. Danach würde es wieder gehen.

Es ging ja immer irgendwie, bei ihnen allen.

Im Laufe der Jahre hatte Florence gelernt, sich in Windeseile zu erholen, und so fühlte sie sich, als sie nach einigen Atemzügen die Augen wieder öffnete, bereits besser. Sie straffte die Schultern und schickte sich an, zurück an die Arbeit zu gehen, doch als sie ins Dämmerlicht des Dienstbotenflurs treten wollte, fiel ihr Blick auf eine dunkle Gestalt, die unbeweglich und stumm auf der Bank an der Hauswand saß.

»Virginia«, sagte Florence erstaunt. »Was machst du denn hier?«

Florence hatte die Schwarzen vor einigen Tagen begrüßt und ihnen ihre Hilfe angeboten, ganz so, wie sie es sich in der ersten Nacht nach Master Comptons Ankunft vorgenommen hatte. Seitdem hatte sie allerdings keine Gelegenheit mehr bekommen, mit ihnen zu sprechen.

Doch nun ging sie kurz entschlossen zu Virginia hinüber und setzte sich neben sie.

»Hast du nichts zu tun?«, fragte sie die Schwarze.

»Nein.«

Florence runzelte die Stirn. »Wofür hat Master Compton dich denn mitgenommen, wenn er dir keine Arbeit gibt?«

Virginia hob das Kinn und sah ihr direkt in die Augen. Sie ist schön, schoss es Florence durch den Kopf, fremdartig zwar, aber unleugbar schön.

»Ich bin nicht Master Comptons Dienerin, sondern Jacobs Ehefrau«, sagte Virginia fest. »Ohne mich hätte mein Mann Master Compton nicht nach England begleitet.«

So selbstbewusst, wie Virginia es vorbrachte, klang das Argument beinahe logisch. Dennoch fiel es Florence schwer zu glauben, dass Master Compton die junge Afrikanerin untätig herumsitzen und in einem feinen Zimmer schlafen ließ, bloß weil er so viel Wert auf die Anwesenheit ihres Mannes legte.

Nun, wie Master Compton mit seinen Dienern umging und welches deren Aufgaben waren, wenn sie welche hatten, das ging sie, Florence, nichts an. Die Afrikaner waren nur für ein paar Wochen hier, danach würden sie wieder nach Gambia verschwinden, und ob sie in der Zwischenzeit geputzt oder in der Sonne gesessen hatten, machte für Florence schließlich keinen Unterschied.

Sie lehnte sich mit dem Rücken an die angenehm warme Hauswand.

»Ich bin noch nie aus Devon herausgekommen, geschweige denn aus England, kannst du dir das vorstellen?«, sagte sie zu Virginia. »Ich würde zu gerne wissen, ob es in Afrika tatsächlich Löwen gibt.«

Aus Virginias Zügen wich die Spannung. Sie lehnte sich neben Florence zurück, blickte in den milchblauen Himmel und sagte: »Oh ja, Löwen gibt es bei uns. Allerdings werden es immer weniger, und auch die Giraffen und Elefanten verschwinden. Zu viele Trophäenhändler, verstehst du? Und zu viele Großwildjäger. Die englischen Herren lieben es zu jagen, selbst wenn sie gar keinen Hunger haben.«

»In den Wäldern um Rosefield Hall«, sagte Florence, »gibt es nur Füchse, Hasen und Fasane. Die Füchse und Hasen können niemals verschwinden, denn sie vermehren sich wie verrückt. Und die Fasane werden in Lintingham gezüchtet.«

Als sie Virginias fragenden Blick sah, fügte Florence erklärend hinzu: »Lintingham ist das Dorf, das Rosefield Hall am nächsten liegt. Dort gibt es ein Zuchtgehege für die Fasane des Barons. Im späten Frühjahr werden die Tiere ausgewildert, und Lord Compton und seine Jagdgäste können sie dann im Herbst schießen.«

»Man zieht die Fasane auf, um sie dann freizulassen und totzuschießen?«

»Genau.«

»Aber man könnte sie doch auch direkt aus dem Gehege holen und schlachten.« Virginia sah Florence verständnislos an. »Warum der Umweg?«

Florence hatte den Sinn der alljährlichen Auswilderung der Fasane nie in Frage gestellt, doch mit einem Mal kam der alte Brauch ihr absurd vor.

Sie zuckte mit den Schultern. »Du hast es doch selbst gesagt: Die englischen Herren lieben es nun einmal zu jagen.«

»Master Compton ist nicht so«, sagte Virginia mit einer Inbrunst, die Florence überraschte. »Er hat noch nie einen Löwen geschossen. Er kümmert sich lieber um die Erdnusspflanzen.«

»Du hast großes Glück, dass dein Mann gerade ihm dienen darf, Virginia.« Florence dachte an seinen älteren Bruder, den schönen, kalten Mister Compton, und fügte hinzu: »Nicht alle Mitglieder der Familie sind so, nun ... eben so wie er. Rücksichtsvoll. Und gütig.«

Etwas Wildes blitzte in Virginias Blick auf, und für den Bruchteil einer Sekunde erschien es Florence, als seien die Augen der jungen Frau nicht mehr braun, sondern schwarz wie die Nacht. Abrupt erhob sich Virginia. Sie richtete ihr Häubchen und strich sich die Schürze glatt, dann riss sie grob an den Ärmeln ihres Kleides, um sie sich weit über die Handgelenke zu ziehen.

»Auf Wiedersehen, Florence. Ich muss nachsehen, ob Master Compton etwas braucht.«

So plötzlich? Virginia war doch gar nicht Master Comptons Dienerin, das hatte sie selbst gesagt. Erschrocken fragte Florence sich, was sie falsch gemacht hatte. Welches ihrer gut gemeinten Worte hatte die Schwarze wohl derart erzürnt?

Ohne Florence noch einmal anzusehen, lief Virginia über den Hof, schlüpfte durch das hölzerne Tor in den Gemüsegarten und verschwand.

Florence starrte ihr verwirrt nach.

Erst als auch sie aufstand, wurde ihr bewusst, dass sie mindestens zehn Minuten lang untätig in der Sonne gesessen hatten. Sie zuckte zusammen. Du lieber Himmel, vielleicht suchte man bereits nach ihr! Ob Mrs Ponder sie wegen ihrer Pflichtvergessenheit rügen würde? Mabel und Kate waren gewiss schon fleißig bei der Arbeit, während sie selbst hier draußen herumtrödelte!

Florence nahm die Beine in die Hand und rannte ins Haus.

Kapitel 5: Ruby

 

Ungewohnt langsam ritt Ruby durch den spätsommerlichen Wald. Die Sonne funkelte durch das verstaubte Grün der Blätter. Ihre Stute schnaubte abenteuerlustig, doch Ruby war nicht nach einem fröhlichen Galopp zumute. Was für ein Tag! Mit einer Verlobungsanzeige hatte er begonnen, und mit einem bösen Streit.

Die ganze Familie hatte nichts ahnend beim Frühstück gesessen, als Lord Compton plötzlich entrüstet die Zeitung hatte sinken lassen.

»Was ist?«, hatte Lady Compton gelangweilt gefragt. »Ist die Zeitung nicht ordentlich gebügelt?«

»Schlimmer. Viel schlimmer!« Lord Compton hatte finster die Augenbrauen zusammengezogen. »Er hat sich verlobt! Nicht zu fassen. Lord Hangsworth hat sich doch tatsächlich verlobt.«

Ein freudiger Schrecken hatte Ruby durchzuckt.

Einer weniger. Gott sei Dank!

Doch als die Blicke ihrer Eltern sich anklagend auf sie gerichtet hatten, hatte sie ihre Gefühle sorgfältig verborgen. Statt zu jubeln, hatte sie gesagt: »Was für ein Jammer. Wer ist denn die Glückliche, auf die seine Wahl gefallen ist?«

»Das tut doch nichts zur Sache!« Ihre sonst so kühle Mutter war rot geworden vor Zorn. »Du bist es jedenfalls nicht! Dabei habe ich dir hundertmal gesagt, du müsstest dich mehr um Lord Hangsworth bemühen. So ein schöner junger Mann, und so vermögend und ... ach, ist doch alles vergebene Liebesmüh mit dir!«

Ruby hatte ein reuevolles Gesicht aufgesetzt, den Blick gesenkt und sich ihren Teil gedacht. Bemühen hätte sie sich sollen, um diesen selbstherrlichen Gecken? Ganz sicher nicht! Im Gegenteil, sie war zutiefst erleichtert, dass der Kelch, diesen jungen Lord heiraten zu müssen, an ihr vorbeigegangen war.

Den ganzen Vormittag über war ihre Mutter böse auf sie gewesen, und Rubys Erleichterung hatte sich nur allzu rasch in ein schlechtes Gewissen verwandelt. Hätte sie Lord Hangsworth nicht doch umgarnen sollen? War es nicht ihre Pflicht, sich einen vermögenden Ehemann zu angeln, mochte er nun nett sein oder nicht?

Aber eine Ehe ohne Liebe ... Alles in Ruby sträubte sich dagegen. Niedergeschlagen schalt sie sich selbst eine romantische Gans.

Selbst beim Lunch hatte Lady Comptons Zorn angehalten: Sie hatte während des gesamten Essens kein einziges Wort mit Ruby gewechselt. Ihr Vater hatte sie ebenfalls mit Schweigen gestraft, und Basil war ihr noch überheblicher begegnet als sonst. Nur Edward hatte ganz normal mit ihr gesprochen und ihr ab und zu aufmunternd zugezwinkert.

Auf ihren Ausritt hatte Edward seine Schwester nach dem Lunch allerdings nicht begleiten können, denn er musste sich mit Basil im Tennisspiel versuchen. Erst letztes Frühjahr hatte Lord Compton nahe dem Haus einen Rasenplatz anlegen lassen, und Basil beherrschte den modischen Sport bereits sehr gut. Ruby verzog spöttisch den Mund. Wahrscheinlich hatte Basil seinen jüngeren Bruder lediglich zu einem Match überredet, um ihm wieder einmal seine Überlegenheit beweisen zu können.