Die tödlichen Gedanken - Bouxsein Stefan - E-Book

Die tödlichen Gedanken E-Book

Bouxsein Stefan

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Beschreibung

Frau Wahn und Frau Sinn kennen nur ein Ziel: Sie wollen einen unter Schizophrenie erkrankten Abiturienten in den Wahnsinn treiben. Als die Lehrerin eines Frankfurter Gymnasiums ermordet wird, lassen die Tatumstände auf einen Täter aus dem Schülerkreis schließen. Die Kommissare Siebels und Till ermitteln und decken ein kompliziertes Beziehungsgeflecht zwischen Lehrerinnen und Schülern auf. Die Ermittlungen werden erschwert, als sich herausstellt, dass zwei der verdächtigen Schüler in psychologischer Behandlung sind und als vernehmungsunfähig eingestuft werden. Mit Hilfe der Polizeipsychologin kommen Siebels und Till dem Wahnsinn aber Schritt für Schritt auf die Spur.

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Montag, 16. Juli 2013

Stefan Bouxsein

Die tödlichen Gedanken

Kriminalroman

Der Autor

Stefan Bouxsein wurde 1969 in Frankfurt/Main geboren. Studium der Verfahrenstechnik und des Wirtschaftsingenieurwesens an der FH Frankfurt. Seit 2006 verlegt er seine Bücher im eigenen Traumwelt Verlag.

Bisher erschienen von Stefan Bouxsein:

Krimi-Reihe mit Siebels und Till:

Das falsche Paradies, 2006

Die verlorene Vergangenheit, 2007

Die böse Begierde, 2008

Die kalte Braut, 2010

Das tödliche Spiel, 2011

Die vergessene Schuld, 2013

Die tödlichen Gedanken, 2014

Die Kronzeugin, 2015

Projekt GALILEI, 2018

Seelensplitterkind, 2021

Der böse Clown (Kurzkrimi), 2014

Außerdem:

Kurz & Blutig (Vier Kurzkrimis), 2015

Humor: Idioten-Reihe mit Hans Bremer:

Der nackte Idiot, 2014

Hotel subKult und die BDSM-Idioten, 2016

Erotischer Roman von Susann Bonnard:

Die schamlose Studentin, 2017

Mein perfekter Liebhaber, 2019

Erfahren Sie mehr über den Autor und zu seinen Büchern auf:

www.stefan-bouxsein.de

© 2021 by Traumwelt Verlag

Stefan Bouxsein

Johanna-Kirchner-Str. 20 · 60488 Frankfurt/Main

www.traumwelt-verlag.de · [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Stefanie Reimann

Umschlaggestaltung und Titelbild:

Nuilani – Design und Kommunikation, Ralf Heller

www.nuilani.de · [email protected]

Titelbild: fotolia

ISBN 978-3-939362-13-5

3. Auflage, 2021

1

Mein Lehrerinnenbuch

Es war Sommer. Es war ein heißer Tag. Kein Wölkchen stand am Himmel, kein Lüftchen wehte durch die Straßen. Die Stadt war ein großer Backofen. Es war mein 17. Geburtstag. Zum Feiern war mir nicht zumute. Ich fühlte mich müde und schlapp. Die Zeiger der Uhr drehten sich so langsam. Die Zeit schien stillzustehen. Oder kurz vor dem Stillstand angekommen zu sein. Mühsam schleppte sich der Sekundenzeiger vorwärts. Tick. Tack. Tick. Ich starrte auf die Uhr und wartete darauf, dass der Sekundenzeiger endlich aufgab. Dass er einfach stehen blieb. Rien ne va plus. Nichts geht mehr.

»Du musst dich konzentrieren«, hörte ich sie sagen. Der Klang ihrer Stimme schien von weit her zu kommen. Ich wollte ihr etwas entgegnen, aber mir fiel nichts ein.

»Hörst du mir überhaupt zu? So kann das nicht weitergehen. Wirklich nicht. Schau mich doch wenigstens an, wenn ich mit dir spreche.«

Ich sah sie an. Sie war wunderschön. Leicht gewelltes, kurzes, hellblondes Haar. Ein grünlicher Schimmer in den Augen. Sie hatte Katzenaugen. Gefährliche Augen. Ich fühlte mich wie hypnotisiert, wenn ich in ihre funkelnden Augen sah. Oder wie gelähmt. Ihr Blick raubte mir die letzte Kraft.

»Wo bist du nur mit deinen Gedanken?«, seufzte sie. Ihr Seufzen hörte ich ganz deutlich. Zu deutlich. Sie pflanzte ihren Seufzer in mein Ohr, von dort rauschte er wie ein kleiner Tornado durch meine Gehörgänge. Ihre rot geschminkten Lippen formten sich zu einem Herzen. »Wo bist du nur mit deinen Gedanken?« Ihr Seufzen wirbelte mit atemberaubender Geschwindigkeit durch meinen Kopf. Sie nahm Besitz von mir und ich konnte nichts dagegen tun. Das Rauschen ihres Seufzers hatte sich in meinem Kopf ausgebreitet. Ich war ihr völlig ausgeliefert. Sie stand vor mir, jetzt nahm ich auch ihre Konturen wahr. Sie trug einen kurzen Rock. Ihre blassen Beine schimmerten elfenbeinartig, als würde Milch durch ihre Adern fließen. Ich spürte das Verlangen, ihre Beine zu berühren. Sie kam noch einen halben Schritt näher auf mich zu. Nun konnte ich sie auch riechen. Sie duftete nach Rosenöl. Sie betörte alle meine Sinne. Mein Verlangen, sie zu berühren, wuchs ins Unermessliche. Aber ich konnte mich nicht bewegen. War nicht in der Lage, diese kleine Distanz zwischen uns zu überwinden. Meine Hand lag wie festgenagelt auf meinem Knie. Nur wenige Zentimeter von ihren zarten Oberschenkeln entfernt. Mein Verlangen wurde so groß, dass es durch meine Hautporen drang. Ich schwitzte.

»Warum bist du nur so verschlossen?«, fragte sie mit einer leichten Enttäuschung in der Stimme. Der liebliche Klang ihrer Stimme elektrisierte mich. Durchfuhr mich von Kopf bis Fuß wie ein Stromschlag. Es kribbelte überall in mir. Sie beugte sich zu mir herunter. Sah mich direkt an mit ihren funkelnden Katzenaugen. Ihre roten Lippen formten sich zu einem sanftmütigen Lächeln. Sie sah direkt in meinen Kopf. Sie konnte meine Gedanken lesen. Nichts blieb ihr verborgen. Ich war ihr hilflos ausgeliefert. Ich konnte ihrem Blick nicht eine Sekunde standhalten. Meine Augen suchten nach einem Ausweg. Aber da war nur sie in ihrer vollkommenen Reinheit. Auf der Flucht vor dem direkten Blickkontakt glitten meine Augen an ihrem Hals herab. Und von dort direkt in den Ausschnitt ihrer Bluse. Die Wölbungen ihrer apfelförmigen Brüste lagen wie ein Versprechen vor mir, das niemals eingelöst werden würde.

»Du willst doch nicht sitzen bleiben, oder?« Sie richtete sich wieder auf, betrachtete mich skeptisch und kehrte mir dann den Rücken zu. Sie verließ den Raum. Das Klacken ihrer Stöckelschuhe auf dem gefliesten Gang hinter der Tür hallte noch lange in meinem Kopf nach. Dann war ich ganz allein im Klassenzimmer. Eine gespenstische Ruhe kehrte ein. Meine Lehrerin war fort.

Donnerstag, 5. Juli 2013

Hauptkommissar Steffen Siebels saß in seinem Büro. In seinen Händen hielt er sein neues Smartphone. Völlig konzentriert beschäftigte er sich mit den bunten Bildchen auf der Bedieneroberfläche. Es ging alles ganz einfach, auch ohne Tasten. Seine Fingerspitze tippte zielgerichtet auf die Apps. Neue Fenster öffneten sich, neue Inhalte kamen zum Vorschein. Siebels schürzte die Lippen und suchte im Hauptmenü die Einrichtung zur Wahl des Klingeltons. »Da bist du ja«, rief er erfreut aus, als er fündig geworden war.

Sein Kollege Till Krüger saß ihm gegenüber und beobachtete ihn skeptisch.

Siebels ließ den Blick von seinem Smartphone schweifen und blickte ratlos zu Till. »Was nehme ich bloß? Irgendwas Außergewöhnliches wäre gut. Hast du nicht eine Idee?«

Till atmete geräuschvoll aus. »Etwas Außergewöhnliches? Aber es sollte doch bestimmt auch irgendwie zu deinen bisherigen Klingeltönen passen. Was hatten wir denn da so alles? Die Bonanza-Melodie, die Mundharmonika aus Spiel mir das Lied vom Tod, Jingle Bells, den Pippi Langstrumpf-Song. Habe ich was vergessen?«

»Babygeschrei«, sagte Siebels verschmitzt und dachte wehmütig an die Zeit zurück, als sein Sohn Dennis noch ein Baby war. Jetzt ging er schon in den Kindergarten und hatte eine kleine Freundin. Marie und Dennis waren unzertrennlich.

»Babygeschrei«, bestätigte Till. »Wie wäre es denn zur Abwechslung mal mit dem Rauschen einer Klospülung?«

Siebels ignorierte den Vorschlag von Till geflissentlich und hörte sich ein paar Klangproben aus der Vorschlagsliste seines Smartphones an. Er konnte aber an keinem der Vorschläge Gefallen finden.

»Vielleicht ein lustvolles Stöhnen?«, schlug Till provokant vor.

»Das höre ich oft genug«, tat Siebels mit einer Handbewegung lapidar ab.

Till grinste frech, verbiss sich aber den Kommentar, der ihm gerade auf der Zunge lag.

»Ich glaube, ich habe eine Idee«, murmelte Siebels vor sich hin. »Wie kann ich das hier denn runterladen? Ah, hier.«

»Und, was hast du dir ausgesucht?«, fragte Till neugierig.

»Du wirst es bald hören, sowie der nächste Anruf kommt.« Siebels legte sein Smartphone theatralisch in der Mitte seines Schreibtisches ab. »Ich habe mich für etwas entschieden, das unseren Berufsstand repräsentiert. Eine sehr traditionsreiche Melodie, die als Synonym für professionelle Ermittlungsarbeit steht und auch einer breiten Gesellschaftsschicht bekannt ist.« Kaum hatte Siebels den Satz ausgesprochen, als sich auch schon der erste Anruf mit dem neuen Klingelton ankündigte. Strahlend saß Siebels an seinem Schreibtisch und betrachtete sein Smartphone, aus dem die Tatort-Melodie erklang.

»Super«, sagte Till und zeigte den erhobenen Daumen. »Da fühlt man sich doch gleich wie ein richtiger Kommissar.«

»Hauptkommissar Siebels, Mordkommission Frankfurt«, meldete sich Siebels ordnungsgemäß. Dann wurde sein Gesichtsausdruck ernst und er notierte etwas auf seinem Schreibblock. »Wir kommen«, beendete er das Gespräch.

»Klingt nach Arbeit«, seufzte Till.

»Weibliche Leiche, Diesterwegstraße in Sachsenhausen. Anscheinend ein etwas bizarrer Mordfall.«

Der betreffende Hauseingang war mit rotweißen Absperrbändern abgeriegelt. Auf der Straße standen mehrere sowie Fahrzeuge von der Spurensicherung und der Wagen der Gerichtsmedizinerin Anna Lehmkuhl, der Lebenspartnerin von Till, in zweiter Reihe. Siebels stellte seinen Wagen dazu.

»Zweites Stockwerk«, sagte eine junge Beamtin, die am Hauseingang stand.

In der Wohnung herrschte noch emsiges Treiben. Die Leute von der Spurensicherung taten ihre Arbeit. »Zieht euch die Schutzanzüge über«, rief einer von ihnen und warf Till einen Beutel mit der entsprechenden Ausrüstung zu.

Während die beiden sich im Treppenhaus in die Plastikanzüge zwängten, erschien Anna Lehmkuhl in der Wohnungstür. »Ah, da seid ihr ja endlich.«

»Wir sind ja anscheinend auch die Letzten, die informiert wurden«, schimpfte Siebels und versuchte dabei krampfhaft sein Gleichgewicht zu halten, während er mit dem zweiten Bein in den Schutzanzug stieg.

»Ist viel Blut geflossen?«, erkundigte sich Till bei seiner Freundin und wurde bei dem Gedanken etwas blass im Gesicht.

»Nein, keine Sorge. Blut ist überhaupt nicht geflossen. Aber ein schöner Anblick ist es trotzdem nicht. Aber macht euch selbst ein Bild.«

Anna Lehmkuhl verschwand wieder in der Wohnung und Siebels fluchte, weil er nicht in diesen Plastiküberzug reinkam. Till hatte damit weniger Probleme und folgte seiner Freundin Anna in die Küche. »Verena Jürgens, 32 Jahre alt«, klärte Anna ihn auf.

»Wurde sie etwa gefoltert?«, fragte Till verwundert und ging näher auf das Mordopfer zu.

Mittlerweile steckte auch Siebels in der Schutzkleidung und betrat die Küche. »Oh je«, stöhnte er und trat neben Till. Etwa eine Minute lang ließen die beiden stillschweigend das Bild, das sich ihnen bot, auf sich einwirken. Verena Jürgens saß auf einem Holzstuhl in der Mitte der Küche. Ihre Beine und Arme waren mit Paketklebeband an den Stuhlbeinen und Armlehnen festgeklebt. Mit dem gleichen Band war ihr der Mund zugeklebt worden. Und ihre Nasenlöcher waren zu. Alle Atemwege waren verstopft. Ihr Gesicht war bläulich verfärbt. Sie trug einen kurzen Rock und eine Bluse. Ihre Kleidung war unversehrt. Auf ihrem Schoß lag ein handgeschriebenes Blatt Papier. Sitzen geblieben stand mit Kugelschreiber in großen Blockbuchstaben darauf geschrieben.

Siebels beugte sich dicht zu ihrem Gesicht. »Was hat sie in den Nasenlöchern?«

»Klebstoff«, sagte Anna Lehmkuhl. »Es könnte sich um handelsüblichen Pattex handeln. Wenn ich sie auf dem Tisch liegen habe, werde ich mich eingehender damit beschäftigen.«

»Wurde sie denn gefoltert?«, wiederholte Till seine Mutmaßung.

Anna schüttelte den Kopf. »Nein, nach Folter sieht das nicht aus. Sie hat keine äußeren Verletzungen. Sie wurde ganz gezielt getötet. Ob er ihr ein Nasenloch noch eine Weile freigelassen hat, bevor er ihr die Luftzufuhr völlig zugeklebt hat, um ihre Todesangst noch ein wenig zu genießen, kann ich im Moment noch nicht sagen.«

»Kannst du schon etwas zum Todeszeitpunkt sagen?«, erkundigte sich Till und nahm nun auch die verklebten Nasenlöcher etwas näher in Augenschein.

»Gegen Mitternacht. Plus minus ein bis zwei Stunden.«

»Sitzen geblieben« murmelte Siebels und betrachtete sich den Zettel auf dem Schoß der Toten. »Klingt irgendwie ziemlich abgebrüht. Der Täter hat sich vorher genau überlegt, was er mit ihr vorhat. Wer hat sie denn gefunden?«

Anna zuckte mit den Schultern. »Das musst du deine Kollegen fragen. Die stehen unten auf der Straße und warten, bis hier die Arbeit erledigt ist.«

»Da solltet ihr jetzt auch hingehen.« Der Chef der Spurensicherung hatte die Küche betreten. »Wir brauchen noch eine gute Stunde. Dann könnt ihr euch hier austoben.«

Anna, Siebels und Till verließen die Wohnung. Anna verabschiedete sich. Till bekam einen Kuss, Siebels bekam den Rücken getätschelt. »Bis später, Jungs.«

Siebels quälte sich wieder aus der Schutzkleidung. Till schlüpfte leichtfüßiger heraus. Zurück auf der Straße winkte Siebels Polizeiobermeister Meier zu sich. »Na, Meier, wie läuft es?«

Meier steckte sich eine Zigarette an und hielt Siebels sein Päckchen hin. »Auch eine?«

Siebels zählte im Geiste nach, wie viele Zigaretten er heute schon geraucht hatte. Er kam auf vier. Und griff mit gutem Gewissen zu. Es war bereits nach zwei Uhr mittags. Er bezeichnete sich nun als Gelegenheitsraucher. Die Gelegenheit war gut und Meier gab ihm Feuer. Gemeinsam pafften die beiden vor sich hin. Ab und zu schimpfte Meier mit den Passanten, die sich zu nah an das Absperrband wagten und gafften. »Weitergehen, hier gibt es nix zu sehen«, rief er ihnen ärgerlich zu. »Den Täter dürftet ihr ja schnell haben«, sagte er dann zu Siebels.

»Wie kommst du denn darauf?«

»Die Frau war Lehrerin. Sie unterrichtete Deutsch und Geschichte am Sigmund-Freud-Gymnasium. Und dann der Zettel auf ihrem Schoß. Sitzen geblieben.« Meier schüttelte angewidert den Kopf. »Schülerstreich kann man das ja wohl nicht mehr nennen.«

»Klingt tatsächlich nach einem Täterprofil«, antwortete Siebels nachdenklich. »Wer hat sie denn gefunden?«

»Eine Kollegin von ihr. Sie sitzt dahinten im Notarztwagen und wird behandelt. Sie steht unter Schock.«

»Na, dann schauen wir mal nach ihr. Sag mir Bescheid, wenn die Spurensicherung abzieht.« Siebels schaute nach Till, konnte ihn aber nirgendwo sehen. Er rief ihn an. Till war im Haus und befragte schon die Nachbarn. Siebels ging allein zu dem Notarztwagen.

Sybille Jäger war wie ihre Freundin Verena Jürgens Lehrerin am Sigmund-Freud-Gymnasium und ebenfalls 32 Jahre alt. Der Notarzt hatte ihr etwas zur Beruhigung gegeben und Siebels einige Minuten für eine Befragung zugestanden. Siebels setzte sich im Notarztwagen neben die Patientin und stellte sich vor. Sybille Jäger hatte rotblondes Haar, trug eine Brille und schniefte in ein Taschentuch.

»Sie haben Ihre Freundin in deren Wohnung gefunden?«, erkundigte sich Siebels behutsam.

Sybille Jäger nickte bedächtig. »Ja, Verena kam heute nicht in die Schule. Ans Telefon ist sie auch nicht gegangen. Die Schulferien beginnen ja jetzt und an den letzten beiden Schultagen sollte es noch besondere Veranstaltungen geben. Kleine Feiern mit den Schülern. Als Verena um 11.00 Uhr immer noch nicht in der Schule aufgetaucht war, bin ich kurzentschlossen zu ihr gefahren.«

»Sie haben einen Schlüssel zu ihrer Wohnung?«

»Ja, ich wohne ganz in der Nähe, in der Textorstraße. Als Verena sich zum zweiten Mal aus ihrer Wohnung ausgeschlossen hatte und den Schlüsseldienst rufen musste, hat sie mir einen Ersatzschlüssel gegeben.«

»Wann haben Sie die Wohnung bei Frau Jürgens betreten?«

»Das war ungefähr um halb zwölf.« Die junge Frau hatte wieder das Bild von ihrer toten Freundin im Kopf und fing an zu schluchzen.

»Haben Sie irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt? Spuren am Schloss der Wohnungstür?«

»Nein, da ist mir gar nichts aufgefallen. Auch nicht, als ich die Wohnung betreten habe. Ich stand im Flur und habe nach ihr gerufen. Dann bin ich völlig ahnungslos in die Küche gegangen. Das war so ein furchtbarer Anblick. Und dann auch noch dieser Zettel auf ihrem Schoß.«

»Welche Fächer hat Frau Jürgens denn unterrichtet?«

»Deutsch und Geschichte. Ich unterrichte Biologie und Chemie. Wir sind beide als Lehrkraft in der Oberstufe tätig.«

»Gab es irgendwelche Probleme in der Schule? Schwierigkeiten mit Schülern?«

Sybille Jäger starrte ausdruckslos vor sich hin. »Probleme gibt es immer. Aber nichts Gravierendes. Schon gar nicht so kurz vor den Sommerferien.« Sie drehte sich abrupt zu Siebels. »Sie glauben doch nicht etwa, dass das ein Schüler von ihr gewesen ist?«

Siebels zuckte mit den Schultern. »Der Zettel auf ihrem Schoß gibt mir zu denken. Sitzen geblieben. Das klingt nach der Rache eines Schülers.«

»Nein, auf keinen Fall«, wehrte Sybille Jäger ab. »Verena war beliebt bei ihren Schülern.«

»Die Ferien stehen vor der Tür. Ein Schuljahr ist also beendet. Gibt es denn Schüler, die die Versetzung nicht geschafft haben und bei Frau Jürgens in den Unterricht gegangen sind?«

Sybille Jäger nickte zaghaft. »Ja, es gibt zwei Schüler. Aber die haben damit ganz sicher nichts zu tun.«

»Das wird sich herausstellen«, sagte Siebels und legte sachte seine Hand auf den Arm der Lehrerin. »Ich muss auf jeden Fall in die Schule fahren und mit den beiden sprechen. Wie sind ihre Namen?«

»Muss das sein?«

»Leider ja. Wir müssen einen Mord aufklären. Einen grausamen Mord, der im Vorfeld gut geplant wurde. Wenn diese zwei Schüler damit nichts zu tun haben, finden wir das schnell heraus.«

»Daniel Bach und Lukas Batton«, flüsterte die Lehrerin und schloss dann die Augen. Der Notarzt gab Siebels zu verstehen, dass die Befragung nun beendet sei.

2

Mein Lehrerinnenbuch

Ich war enttäuscht. Ich dachte, ich würde sitzen bleiben und das Schuljahr wiederholen müssen. Dann würde sie mich nicht mehr unterrichten, meine Lehrerin. Dann würde sie sich weiter um die anderen Schüler kümmern, aber nicht mehr um mich. Mich würde sie ganz schnell vergessen. Aber ich würde immer an sie denken.

Ich war an den See gefahren, an die Kiesgrube, und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Ich saß am Ufer auf meinem Handtuch und starrte auf das Wasser. Einige Leute schwammen, andere standen bis zu den Knien im Wasser und warfen sich einen Plastikball zu. Ich saß wie festgeklebt auf meinem Handtuch. Ich fühlte mich völlig erschöpft und ausgelaugt, obwohl ich noch nichts weiter unternommen hatte. Außer dazusitzen und auf den See zu starren.

»Darf ich mich zu dir gesellen?«

Erstaunt blickte ich nach oben. Da stand sie vor mir, meine Lehrerin, und lächelte mich an. Sie trug schwarze Hot Pants und ein weißes Top. In der Hand hielt sie eine Stofftasche. Sie stellte die Stofftasche neben mir ab, kniete sich hin und holte ein Badetuch aus der Tasche. Sie breitete ihr Handtuch neben mir aus. Ich musste schlucken. Sie schlüpfte aus ihrem Top und ihrer kurzen Hose. Darunter kam ein blütenweißer Bikini zum Vorschein. Sie legte sich bäuchlings auf das Handtuch. »Bald sind Ferien, dann komme ich öfter hierher«, sagte sie. »Du solltest aber bis dahin besser noch etwas lernen. Noch zwei Prüfungen, das kannst du noch schaffen. Du glaubst doch an dich, oder?«

Mir waren die Prüfungen eigentlich ziemlich egal. Ich wollte nur in ihrer Nähe sein. Wollte sie anschauen. Ihr zuhören. Und jetzt lag sie tatsächlich neben mir. Nur mit einem knappen Bikini bekleidet. Mein Herz schlug mir bis zum Hals.

Sie richtete sich wieder auf. »Ich gehe schwimmen. Kommst du mit?«

Ich schüttelte den Kopf. »Das Wasser ist noch so kalt«, stammelte ich hilflos.

»Eine kleine Abkühlung tut bestimmt richtig gut bei dem warmen Wetter«, sagte sie und lief auch schon los. Ich schaute ihr nach. Vorsichtig setzte sie einen Fuß nach dem anderen ins kalte Nass. Dann machte sie ein paar schnelle Schritte, bis ihr das Wasser bis zur Hüfte reichte. Schließlich verschwand ihr ganzer Körper unter der Wasseroberfläche, nur ihr hellblondes Haar war noch zu sehen. Sie schwamm einige Meter, drehte sich im Wasser, blieb flach mit dem Rücken auf dem Wasser liegen und winkte mir zu. Wie gerne wäre ich zu ihr ins Wasser gesprungen. Aber mir fehlte die Kraft. Ich konnte mich einfach nicht aufraffen, es war wie verhext. Ich blieb sitzen und winkte ihr scheu zurück. Wenigstens das schaffte ich. Kurz darauf kam sie wieder zurück. »Wirklich schade, dass du nicht mitgekommen bist«, bedauerte sie. »Es war wirklich herrlich erfrischend.«

»Vielleicht später«, wiegelte ich mit leiser Stimme ab.

»Vielleicht später«, äffte sie mich nach. »Du bist doch ein attraktiver junger Mann. Du solltest überschäumen vor Lebensfreude. Die Chancen nutzen, die sich dir bieten. Keine Gelegenheit auslassen. Wer weiß, ob ich später noch mit dir ins Wasser gehen will.«

Ich bewunderte sie. Sie war so offen und direkt. Und so voller Lebensfreude. Ich schämte mich für meine Zurückhaltung und fragte mich, wie sie es wohl gemeint hatte, als sie sagte, ich wäre ein attraktiver Mann.

»Es stört dich doch hoffentlich nicht, wenn ich die nassen Sachen ausziehe?«, fragte sie mich, ohne meine Antwort abzuwarten. Vor meinen Augen legte sie erst ihr Oberteil ab und schlüpfte dann aus ihrem Bikinihöschen. Beide Teile legte sie sorgfältig zum Trocknen auf ihrer Stofftasche ab. Meine Augen wanderten ungläubig über ihren nackten Körper. Die Sonnenstrahlen tauchten ihre Silhouette in helles Licht. Ich musste die Augen zusammenkneifen, um sie betrachten zu können. Plötzlich drehte sie ihren Kopf zu mir und zwinkerte mir zu. »Gefalle ich dir?«, fragte mich meine Lehrerin.

»Sehr sogar«, gestand ich mit rotem Kopf.

Siebels plauderte vor dem Hauseingang noch einen Moment mit Polizeiobermeister Meier. Der Leichenwagen kam vorgefahren und ein Journalist von der lokalen Presse hatte sich unter dem Absperrband durchgemogelt. Zwei Männer hievten einen Blechsarg aus dem Fond des schwarzen Wagens und der Journalist fragte Siebels nach Details zu dem Mord.

»Die Absperrung gilt auch für Sie«, ereiferte sich Meier.

»Die Leiche bitte in die Gerichtsmedizin zu Frau Lehmkuhl«, wies Siebels die Männer in den schwarzen Anzügen an.

»Nur ein kurzes Statement von der Mordkommission«, bat der Journalist und schaute Siebels fragend an.

Till kam gerade aus dem Hauseingang heraus. Er setzte seine Sonnenbrille auf und schlenderte zu Siebels und Meier.

»Fragen Sie ihn«, beschied Siebels und zeigte auf Till.

»War es ein Raubmord?«, fragte der Journalist und ging zwei Schritte auf Till zu.

Till blickte argwöhnisch zu Siebels. Dass der einen Journalisten an ihn verwies, war eher ungewöhnlich. Siebels stand lächelnd und mit verschränkten Armen da und beobachtete die Szene.

»Wir ermitteln in alle Richtungen«, sagte Till und täuschte vor, einen Kaugummi zu kauen.

Der Journalist zog eine Grimasse. »Wurde das Opfer sexuell missbraucht?«, stocherte er weiter im Trüben.

Till verstärkte seine imaginären Kaubewegungen. Durch seine dunkle Sonnenbrille war sein Blick nicht zu deuten. »Wir werten alle Spuren aus und erwarten in den nächsten Tagen einen ausführlichen Obduktionsbericht. Dann können wir mehr dazu sagen.«

»Ist viel Blut geflossen?«, versuchte der Journalist es erneut mit deutlich weniger Euphorie in der Stimme.

Till winkte den Journalisten mit einer verschwörerischen Geste näher zu sich heran. Ein Hoffnungsschimmer erschien auf dessen Gesicht. Till beugte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr. »Nein.«

Der Journalist war etwas verwirrt, als sonst nichts weiter kam. Zu allem Überfluss legte Till einen Finger auf seine Lippen. »Das bleibt aber noch unter uns.«

Der Journalist drückte Till seine Visitenkarte in die Hand. »Rufen Sie mich an, wenn Sie etwas Neues haben.«

»Aber klar doch«, sagte Till und nahm die Karte entgegen. Der Journalist suchte nach anderen Gesprächspartnern, wurde jetzt aber von Polizeiobermeister Meier aus der abgesperrten Zone befördert.

»Was hast du ihm denn zugeflüstert?«, fragte Siebels neugierig.

»Seit wann schickst du aufdringliche Pressefritzen zu mir?«, startete Till die Gegenfrage.

»Seit heute. Ich habe mich entschlossen, dir noch mehr Verantwortung zu übertragen. Was hast du ihm also zugeflüstert?«

»Dass ich ihm die Eier abschneide, wenn er ohne meine Erlaubnis etwas in der Zeitung bringt.«

»Das hast du ihm gesagt?«, fragte Siebels belustigt.

»Ich habe es in einem Wort zusammengefasst. Nein habe ich gesagt. Damit ist doch alles gesagt, oder?«

»An dir ist ein Diplomat verlorengegangen. Was sagen denn die Nachbarn?«

»Es waren nur zwei Partien anwesend. Heute Nacht haben sie weder was gesehen noch gehört. Die ältere Dame im Erdgeschoss wusste aber zu berichten, dass in den letzten Wochen hin und wieder ein Mann bei Frau Jürgens übernachtet hat. Ein deutlich jüngerer Mann.«

»Ein Schüler?«, hakte Siebels nach.

»Das bliebe uns jetzt noch zu beweisen. Jedenfalls fährt er ein lautes Moped. Ein grünes. Könnte auch blau sein. Da war sich die Dame nicht so ganz sicher.«

»Daniel Bach und Lukas Batton«, las Siebels von seinem Notizblock ab. »Das sind die einzigen Schüler von Frau Jürgens, die dieses Jahr die Versetzung nicht geschafft haben.«

»Sitzen geblieben«, stellte Till den Zusammenhang her. »Trotz nächtelanger Nachhilfe.«

»Was jetzt zu beweisen wäre. Wie ich den Herrn Staatsanwalt kenne, wird er unter diesen Bedingungen auf äußerste Diskretion pochen. Pass also auf, was du so von dir gibst, wenn du Interviews gibst.«

»Ich befürchte, diese Aufgabe sollte in Zukunft doch wieder der Ranghöhere übernehmen«, versuchte Till sich wieder aus der neu gewonnenen Verantwortung zu stehlen und schob seine Sonnenbrille über die Stirn.

Siebels klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. »Du hast mein vollstes Vertrauen. Jetzt fahren wir zum Sigmund-Freud-Gymnasium. Die machen morgen nämlich die Schotten dicht. Sommerferien.«

Das Sigmund-Freud-Gymnasium gehörte zu den ältesten Schulen in Frankfurt. Vor dem Haupteingang an der Friedrich-Ebert-Anlage trafen Siebels und Till auf eine rauchende Schülergruppe. Siebels erkundigte sich nach dem Weg zum Sekretariat und musste sich beim Anblick der rauchenden Schüler beherrschen. Er verkniff sich aber den Griff zur Zigarette und begab sich schnurstracks in das Schulgebäude.

»Keine Zigarette im Kreis der Jugend?«, fragte Till provokant.

»Nö, habe doch vorhin schon eine geraucht«, tat Siebels lässig ab. Till betrachtete sich neugierig die vereinzelten Schüler, die ihnen auf dem Weg zum Sekretariat noch über den Weg liefen. Mit dieser Generation hatte er gar keinen Kontakt, stellte er fest und kam sich plötzlich richtig alt vor. Siebels hatte das Sekretariat gefunden und betrat es, ohne anzuklopfen. Till schloss die Tür wieder von innen. Nachdem Siebels die Dame hinter dem Schreibtisch vom Mordfall Verena Jürgens unterrichtet hatte, wurden die beiden Kommissare umgehend in das Zimmer der Leiterin der Oberstufe geführt.

Siebels schilderte, was geschehen war, und erntete einen verstörten Blick. »Wir müssen uns umgehend mit diesen beiden Schülern unterhalten«, drängte Siebels und las die Namen noch einmal von seinem Notizbuch ab. »Mit Daniel Bach und Lukas Batton. Sind die beiden noch auf dem Schulgelände anzutreffen?«

»Wahrscheinlich nicht. In den Klassen dieser beiden ist jetzt kein Unterricht mehr. Das sind aber beide ordentliche Jungs. Die haben zwar die Versetzung nicht geschafft, aber das war weder für Daniel Bach noch für Lukas Batton eine Tragödie und schon gar kein Grund für einen heimtückischen Mord. Ich kann das noch gar nicht glauben.«

»Frau Jürgens war Single?«, erkundigte sich Till.

Die Oberstufenleiterin sah ihn skeptisch an. »Sie war ledig. Mehr kann und will ich Ihnen dazu im Moment auch gar nicht sagen.«

»Wie war ihr Status bei den Schülern? War sie beliebt?«, wollte Siebels wissen.

»Sie war sehr engagiert und setzte sich für ihre Schüler ein. Und so, wie es in den Wald hineinschallt, so ruft es auch wieder heraus. Verena Jürgens war bei den Schülern eine geachtete Lehrerin. Es gab nie Probleme. Das gilt auch für die beiden Schüler auf Ihrem Notizblock.«

Siebels nickte verständig. »Wir müssen uns aber auf jeden Fall mit den beiden unterhalten. Je eher, desto besser. Zurzeit spricht halt alles für einen Schüler, der die Versetzung nicht geschafft hat. Dabei kann es sich natürlich auch um einen Schüler vergangener Generationen handeln. Einer, der sich erst jetzt an seiner Lehrerin gerächt hat. Gab es in den vergangenen Jahrgängen einen auffälligen Schüler, der nicht versetzt wurde?«

»Darüber muss ich in Ruhe nachdenken«, sagte die Oberstufenleiterin nachdenklich.

»Tun Sie das. Wir benötigen zunächst neben den Adressen der beiden genannten Schüler eine Liste aller Schüler von Frau Jürgens sowie eine Liste aller Lehrer, die in der Oberstufe unterrichten. Mit Adressen und Telefonnummern.«

Die Oberstufenleiterin nickte gedankenverloren. »Glauben Sie, dass sich auch andere Kolleginnen oder Kollegen in Gefahr befinden?«

»Das kann ich momentan leider nicht ausschließen. Daher benötigen wir Ihre volle Unterstützung bei unseren Ermittlungen.«

Till glaubte, eine Verängstigung bei seiner Gesprächspartnerin erkannt zu haben. »Befürchten Sie, dass der Täter es auch auf Sie abgesehen hat?«, fragte er geradeheraus.

»Wie gesagt, ich halte die beiden Schüler, die in diesem Schuljahr die Versetzung nicht geschafft haben, für rechtschaffen. Das sind ordentliche Jungs, die die Prioritäten nicht ganz in der richtigen Reihenfolge gesetzt haben. Bei keinem von beiden habe ich Bedenken, dass sie das Abitur mit einem Jahr Verzögerung nicht schaffen werden. Aber es gab natürlich in den zurückliegenden Jahren immer mal wieder sogenannte Problemschüler. Schüler, die die Schule vorzeitig verlassen haben. Und zwar nicht im Guten. Manche hatten Probleme mit Drogen, andere familiäre Probleme. Wieder andere hatten psychische Probleme. Bei den schlimmsten Fällen kommt das alles zusammen. Dann können wir Lehrer leider auch nur noch hilflos zusehen, wie ein junger Mensch immer stärker in den Abwärtsstrudel gleitet.«

»Dann denken Sie jetzt über diese schlimmsten Fälle der vergangenen Jahrgänge mal gut nach und erstellen mir bis morgen Mittag eine entsprechende Namensliste. Die Namen und Adressen der beiden aktuellen Fälle möchte ich jetzt gleich haben, genauso die Liste mit den Lehrkräften.«

Die Oberstufenleiterin griff zum Telefonhörer und gab der Dame im Sekretariat die entsprechende Anweisung. »In zehn Minuten bekommen Sie die Unterlagen«, konnte sie ihren Besuchern anschließend versichern.

»Seit wann unterrichtete Frau Jürgens hier an der Schule?«, erkundigte sich Siebels.

»Sie hat ihr Referendariat hier gemacht und nach bestandener zweiter Staatsprüfung die Stelle bekommen. Das war vor fünf Jahren.«

»Die Sitzenbleiber der letzten fünf Jahre dürften ja überschaubar sein«, mutmaßte Till.

»Bis morgen Früh haben Sie Ihre Liste«, beschwichtigte ihn die Oberstufenleiterin. »Wollen Sie sie hier abholen?«

Siebels reichte ihr seine Karte. »Bitte per E-Mail oder Fax an mich senden.«

Die Dame vom Sekretariat erschien und übergab der Oberstufenleiterin die gewünschten Papiere. Diese überflog die ausgedruckten Daten, bevor sie das Material Siebels übergab.

»Werden Sie in den Sommerferien verreisen?«, erkundigte Siebels sich.

»Die nächsten drei Wochen bin ich zuhause. Dann sind zwei Wochen auf Kuba geplant. Ich hoffe, der Mord an meiner Kollegin ist bis dahin aufgeklärt.«

»Wir werden Sie in den nächsten Tagen bestimmt noch mal behelligen müssen. Ihre Adresse steht ja auf der Liste hier?«, hakte Siebels nach und wedelte mit dem Papier aus dem Sekretariat.

»Selbstverständlich. Ich wohne im Westend, nicht weit von der Schule entfernt.«

Zurück auf dem Schulhof nahmen die Kommissare auf einer Bank Platz und warfen einen Blick auf die ausgehändigten Daten. Daniel Bach wohnte in der Robert-Mayer-Straße in Bockenheim. Sein Vater war Programmierer bei einer Versicherung, die Mutter arbeitete als Kindergärtnerin. Lukas Batton war in der Feuerbachstraße im südlichen Westend zuhause. Lukas‹ Vater betrieb eine Zahnarztpraxis im gleichen Haus, die Mutter war dort als Zahnarzthelferin tätig.

»Teilen wir uns auf?«, schlug Till vor. »Ich übernehme Daniel, du besuchst Lukas.«

»Okay, aber vorher sollten wir uns gemeinsam die Wohnung der ermordeten Lehrerin genauer anschauen. Die Spurensicherung dürfte mittlerweile mit allem durch sein. Ich habe den Wohnungsschlüssel von der Kollegin des Opfers bekommen.« Siebels schaute in seinem Notizblock nach dem Namen der Frau. »Sybille Jäger heißt sie. Sie unterrichtet Biologie und Chemie.«

Zurück in der Wohnung des Opfers durchsuchten Siebels und Till die Schränke und Schubladen nach Hinweisen auf den Täter. Auf der Fahrt dorthin war Siebels der Gedanke gekommen, dass der Täter im Vorfeld vielleicht Drohbriefe oder Schmähbriefe an sein Opfer geschickt hat. Oder es gab Notizen von Frau Jürgens, die auf einen entsprechenden Schüler hindeuteten. Die Wohnung war eindeutig nur von einer Person bewohnt. Die Altbauwohnung hatte neben Küche und Bad drei geräumige Zimmer. Eines diente als Schlafzimmer, eines als Wohnzimmer und eines als Arbeitszimmer. Siebels nahm sich die Schränke im Wohnzimmer vor, Till das Mobiliar im Arbeitszimmer. Die Ausbeute für Siebels beschränkte sich auf einen Stapel Frauenzeitschriften, Urlaubspostkarten von Freundinnen der Ermordeten, Unterlagen über eine abgeschlossene Lebensversicherung zugunsten der Eltern, Urlaubskataloge von den Kanaren und Balearen und viel bedeutungslosen Krimskrams. »Die Eltern wohnen in Gießen«, fasste Siebels seine Erkenntnisse zusammen. »Die muss wohl auch noch jemand informieren.«

»Hier gibt es hauptsächlich Deutsch und Geschichte«, gab Till seine Ausbeute preis. »Bücher, Lehrpläne, Kommentare zu Referaten, Vorbereitungen für den Unterricht und so weiter. Der Computer ist passwortgeschützt. Ich baue die Festplatte aus, da soll Charly mal einen Blick drauf werfen.«

»Du kannst Festplatten ausbauen?«, staunte Siebels.

»Wenn ich einen Schraubenzieher finde. Wo könnte eine Deutschlehrerin einen Schraubenzieher aufbewahren?«, überlegte Till laut und sah sich um.

»Im Flur, in der Kommode«, riet Siebels und überprüfte das auch gleich. »Volltreffer«, freute er sich und reichte Till einen Satz Schraubenzieher. »Hier liegt auch ihr Handy.« Siebels nahm das angeschaltete Mobiltelefon zur Hand und betrachtete sich Nachrichten und Bilder, während Till den Rechner im Arbeitszimmer auseinanderschraubte. »Hier habe ich doch noch etwas gefunden«, sagte Siebels und zeigte Till ein Foto auf dem Handy.

»Sieht noch ziemlich jung aus«, murmelte Till. »Ein Schüler?«

Das Foto zeigte einen schlafenden jungen Mann mit nacktem Oberkörper in einem Bett. Der Unterkörper war von einer Bettdecke verdeckt.

»Das werden wir hoffentlich bald wissen.«

»Das Foto wurde bei Tageslicht gemacht. Sieht aber eher aus wie ein Liegenbleiber als wie ein Sitzenbleiber«, witzelte Till.

»Vielleicht hat er im falschen Fach die Nachhilfe bekommen und in Geschichte hat es dann nicht mehr gereicht. Werfen wir doch mal einen Blick ins Schlafzimmer.«

»Passt«, befand Till, als er das Bett auf dem Foto mit dem Bett im Schlafzimmer der Lehrerin verglich.

»Passt exakt«, bestätigte Siebels. »Pack das Handy zur Festplatte und ab damit zu Charly. Der findet bestimmt noch mehr.«

3

Mein Lehrerinnenbuch

Ich war spazieren gewesen. Bin einfach ziellos zwischen den Häuserreihen umhergelaufen und habe versucht, klare Gedanken in meinen Kopf zu bekommen. Es war wieder ein heißer Sommertag. Die Sonne brannte auf den Asphalt der Straßen. Ich hatte das Gefühl, als würde die Sonneneinstrahlung giftige Dämpfe aus dem Straßenbelag lösen. Dämpfe, die ich einatmete. Mit jedem Atemzug drang eine neue Dosis Gift in meinen Körper. Gift, das mich lähmte. Es lähmte meine Schritte und es lähmte meine Gedanken. Und nirgendwo konnte ich Schatten entdecken. Die pralle Sonne hatte alle Schatten getilgt. Überall löste sich ungehindert das Gift aus dem Asphalt und breitete sich flächendeckend aus. Langsam stieg es höher. Unsichtbar, aber unaufhaltsam. Ich atmete tief ein. Füllte meine Lungen mit den giftigen Dämpfen. Sog sie in mich ein. Und spürte ihre lähmende Wirkung. Mir wurde schwindelig. Die Häuser um mich herum fingen an sich zu bewegen. Fast unmerklich, aber es entging mir trotzdem nicht. Wenn ich noch länger umherlief, würde ich bald tot umfallen. Ich musste zurück. Zurück in die Wohnung. Dort war es kühl. Die Jalousien waren heruntergelassen.

Ich hatte einige Mühe, bis ich den richtigen Schlüssel für die Haustür an meinem Schlüsselbund gefunden hatte. Schnell drückte ich die Tür hinter mir wieder zu, damit die reine Luft im Treppenhaus nicht kontaminiert wurde. Schwerfällig stieg ich die Treppenstufen bis zur zweiten Etage hoch. Der Spaziergang hatte seine Spuren an mir hinterlassen. Vor meiner Wohnungstür verschnaufte ich einen Moment, bevor ich sie öffnete und die Wohnung betrat.

»Du hast Besuch«, tönte die Stimme meiner Mutter aus der Küche.

Etwas ratlos blieb ich im Flur stehen. Meine Zimmertür war angelehnt. Ich hatte sie bestimmt zugezogen, als ich mein Zimmer verlassen hatte. Mit kurzen Schritten näherte ich mich dem offenen Spalt meiner Zimmertür. Ich war viel zu erschöpft, um jetzt Besuch empfangen zu können. Vorsichtig drückte ich mit zwei Fingerspitzen meine Zimmertür auf. Da sah ich sie. Sie saß auf der Kante meines Bettes. Neugierig und erwartungsvoll blickte sie mich an. Ich wusste nicht, was sie nun von mir erwartete, meine Lehrerin.

»Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen«, sagte sie und lächelte mich an. Ich versuchte zurückzulächeln, doch das misslang mir gründlich. Mein Gesichtsausdruck glich wohl eher einer säuerlichen Grimasse.

»Deine Mutter hat gemeint, dass du nicht lange fort sein würdest und hat mir erlaubt, hier auf dich zu warten.«

Ich blieb wie angewurzelt an der Schwelle meiner Zimmertür stehen. Sie war wieder sommerlich gekleidet, mit einem pastellfarbenen Kleid. Sie lehnte sich zurück und stützte sich mit nach hinten gestreckten Händen auf meinem Bett ab. Ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte und blieb vor ihr stehen.

»Hast du ihr was zum Trinken angeboten?«, hörte ich meine Mutter aus der Küche fragen. »Bei der Hitze muss man viel trinken.«

»Haben Sie Durst?«, fragte ich zaghaft.

»Ein Glas Wasser nehme ich gerne.«

Ich nickte, war aber nicht imstande, das Zimmer zu verlassen.

»Ich dachte, wir nutzen die Ferien und holen gemeinsam deine Wissenslücken nach«, ließ sie mich dann wissen.

»Ich hole das Wasser«, sagte ich schnell und schaffte es nun doch, mich wieder zu bewegen. Schnell ging ich in die Küche und füllte zwei Gläser. Ich fragte mich, von welchen Wissenslücken sie gesprochen hatte, als ich mit den gefüllten Gläsern wieder in mein Zimmer zurückkam. »Ziehen Sie sich auch wieder aus, so wie am Badesee?«, fragte ich sie und stellte die gefüllten Wassergläser auf meinem kleinen Nachttischchen ab.

Es war bereits früher Abend, als sich die Kommissarenwege trennten. Siebels besuchte Familie Bach, Till machte sich auf den Weg zu Familie Batton.

In der Robert-Mayer-Straße wurde Siebels von Frau Bach an der Haustür empfangen. Daniel saß mit seinem Vater im Wohnzimmer. Die beiden hingen ausgelassen über einer Spielekonsole. Weder Vater noch Sohn bemerkten den Besucher, der von der Mutter ins Wohnzimmer geführt wurde.

»Wir haben Besuch«, unterbrach Frau Bach die Spielfreude ihrer Männer. »Das ist Herr Siebels von der Kriminalpolizei.«

Jetzt hatten Siebels und Frau Bach die volle Aufmerksamkeit der Spielgemeinschaft. Vater Bach trug seine schulterlangen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Der Programmierer erhob sich vom Fußboden und schaute seine Frau fragend an. »Kriminalpolizei?«

»Ich würde mich gerne kurz mit Ihrem Sohn unterhalten«, bestätigte Siebels und zeigte dem Vater seinen Polizeiausweis.

Jetzt stand auch Daniel auf. Der Junge hatte hellblonde Haare und war definitiv nicht der junge Mann, den die ermordete Lehrerin in ihrem Bett fotografiert hatte.

»Worum geht es?«, fragte Vater Bach und legte einen Arm um seinen Sohn.

»Zunächst um eine reine Routinebefragung.« Siebels wandte sich an Daniel. »Ich müsste wissen, wo du letzte Nacht gegen Mitternacht gewesen bist.«

»Er war natürlich hier«, schaltete sich sein Vater ein. »Was soll das?«

»Ja, ich war hier«, bestätigte Daniel schüchtern. »Nach dem Fußballtraining bin ich direkt nach Hause gefahren.«

»Er kam kurz nach neun hier an. Dann hat er noch etwas gegessen und anschließend haben wir gemeinsam vor dem Fernseher gesessen«, klärte Frau Bach Siebels auf.

Siebels machte sich einige Notizen und wandte sich dann wieder an Daniel. »Du hast dieses Schuljahr die Versetzung nicht geschafft. Woran lag es denn?«

»Was soll das denn jetzt?«, regte sich Vater Bach auf. »Ermitteln Sie jetzt gegen Schüler, die die Versetzung nicht geschafft haben?«

»Nur wenn sie ihre Lehrerin deswegen umbringen«, antwortete Siebels trocken. »Wir ermitteln im Mordfall Verena Jürgens, der Deutschlehrerin von Daniel.«

»Frau Jürgens wurde umgebracht?«, flüsterte Daniel ungläubig. Seine Eltern sahen ihn erschrocken an.

»Leider ja«, bestätigte Siebels.

»Und da fällt Ihnen nichts Besseres ein, als unseren Sohn zu verdächtigen? Nur weil er sitzen geblieben ist?«, schimpfte nun Frau Bach.

»Weil er sitzen geblieben ist und weil der Mörder einen Zettel bei der toten Frau Jürgens zurückgelassen hat. Sitzen geblieben hat auf dem Zettel gestanden.«

»Ach du Scheiße«, stammelte Daniel.

»Das ist schrecklich«, murmelte Frau Bach und streichelte ihrem Sohn übers Haar. »Aber Daniel hat damit nichts zu tun. Er war die ganze letzte Nacht über zuhause. Und die Nächte davor auch. Hat sich die Sache damit für uns erledigt?«

»Fürs Erste, ja. Wahrscheinlich habe ich aber in den nächsten Tagen noch weitere Fragen an Daniel. Haben Sie vor, in den Sommerferien zu verreisen?«

»Ja, das haben wir«, sagte Vater Bach. »Übernächste Woche fahren wir für zwei Wochen nach Südfrankreich.«

Siebels machte sich wieder eine Notiz. Dann holte er sein Smartphone hervor. Er und Till hatten sich das Foto vom Handy der Lehrerin jeweils auf ihr eigenes Smartphone geschickt. Siebels zeigte Daniel jetzt das Foto. »Weißt du, wer das ist?«

Daniel schaute nur kurz auf das Foto. Dann schaute er hilfesuchend zu seinem Vater. Auch der Vater betrachtete sich nun das Foto. »Das ist ein Klassenkamerad von meinem Sohn. Was hat es mit dem Foto auf sich?«

»Das wurde anscheinend im Bett von Frau Jürgens aufgenommen.«

Nun betrachtete sich auch Frau Bach das Foto eingehend. »Das beweist ja nun gar nichts«, sagte sie dann ungerührt.

»Es erweckt nur den Eindruck, als hätte Frau Jürgens ein Verhältnis mit einem Schüler gehabt«, erläuterte Siebels. »Dem müssen wir jetzt natürlich nachgehen. Spätestens morgen werden wir es in der Schule erfahren. Sie können es mir also getrost auch schon jetzt verraten.«

»Das ist Lukas Batton«, kam Frau Bach ihrem Sohn zuvor. Sie wollte verhindern, dass ihr Sohn den Namen seines Freundes verraten musste.

»Wusstest du von der Beziehung?«, fragte Siebels Daniel.

»Das spielt doch wohl keine Rolle.« Herr Bach stellte sich schützend vor seinen Sohn.

»Ob eine Beziehung vorlag, ist anscheinend ja nur Ihre Mutmaßung. Es gibt vielleicht auch eine ganz andere Erklärung für das Foto«, stellte Frau Bach klar.

»Wie wurde sie umgebracht?«, fragte Daniel.

»Dazu darf ich momentan leider noch keine Auskunft geben.«

»Ich mochte sie. Ich habe zwar nur drei Punkte in der Deutschprüfung bei ihr bekommen, aber ich hatte deswegen überhaupt kein Problem mit ihr.«

»Das habe ich in der Schule schon gehört«, verriet Siebels und erntete damit ein erleichtertes Aufatmen der Eltern.

»Kannst du mir sonst noch irgendetwas Hilfreiches sagen? Hatte sie Probleme mit anderen Schülern? Oder mit anderen Lehrern? Oder hat sie sich in letzter Zeit anders benommen als üblich?«

Herr und Frau Bach schienen nun weniger Vorbehalte gegen die Fragen von Siebels zu haben. Der Vater klopfte seinem Sohn aufmunternd auf die Schulter. »Gibt es da etwas, was die Polizei wissen müsste?«

Daniel druckste erst etwas herum. Sah sich unschlüssig zwischen seinen Eltern um, bevor er wieder Siebels ansah. »Lukas hat bei ihr gewohnt. Seit ungefähr drei Wochen. Es sollte nur vorübergehend sein. Spätestens nach den Ferien wollte er was anderes gefunden haben. Er hat Stress mit seinen Eltern, müssen Sie wissen.«

Die Wohnung von Familie Batton befand sich im zweiten Stockwerk in einem Mehrfamilienhaus in der Feuerbachstraße im Westend. Im Erdgeschoss lag die Zahnarztpraxis von Robert Batton. Till hatte das Ehepaar bei einem lautstarken Streit gestört. Nun stand er im Wohnzimmer und versuchte rauszufinden, wo sich Lukas Batton befand.

»Dem hat es bei uns nicht mehr gefallen«, sagte Robert Batton unwirsch.

»Du hast ihn aus dem Haus geekelt«, verbesserte Monika Batton seine Aussage.

»Ich? Da verwechselst du was, meine Liebe. Dein ewiges Gezeter wegen seiner Unordnung hat ihn doch immer zur Weißglut getrieben.«

Monika Batton stemmte die Hände in die Hüften und baute sich kampfeslustig vor ihrem Mann auf. »Dass ich nicht lache. Er hatte es einfach satt, von dir immer nur als Träumer und Spinner und Faulpelz beschimpft zu werden. Du hast doch immer noch nicht kapiert, wie sensibel und feinfühlig dein Sohn ist.«

Till fragte sich, was die Patienten auf dem Zahnarztstuhl von Robert Batton durchmachen mussten, wenn seine Frau ihm assistierte. »Er wohnt hier also nicht mehr?«, fragte er dann leicht genervt.

»Vor drei Wochen hat er seine Sachen gepackt«, sagte Monika Batton.

»Und wo hat er sie wieder ausgepackt?«

»Vermutlich bei einem Freund. Genau weiß ich es auch nicht. Aber er geht regelmäßig zur Schule, deswegen stehe ich in ständigem Kontakt mit seiner Lehrerin.«

»Mit Frau Jürgens?«

»Nein, mit Frau Jäger. Sie unterrichtet Physik. Das ist sein Leistungsfach. Warum fragen Sie?«

Till berichtete in Kurzform von dem Mord an Frau Jürgens.

»Das ist ja furchtbar«, schrie Monika Batton auf.

»Sie verdächtigen doch nicht etwa Lukas?«, fragte Robert Batton pragmatisch.

»Ich würde ihm jedenfalls gerne ein paar Fragen stellen, aber dazu müsste ich wissen, wo er sich aufhält.«

»Morgen ist der letzte Schultag. Da werden Sie ihn bestimmt antreffen. Sagen Sie ihm, dass er sich hier mal wieder blicken lassen soll. Es gibt einiges zu besprechen.«

Till zeigte nun auch das Foto vom Handy der Lehrerin. »Ist das Lukas?«

Monika Batton schaute sich das Bild zuerst an. »Ja, das ist er. Wo ist er da?«

»Bei seiner Lehrerin. Bei Frau Jürgens.«

»Bei der, die jetzt ermordet wurde?« Monika Batton wurde kreideweiß im Gesicht. »In was ist er da nur reingeschlittert?«

»Zeig mal«, forderte ihr Mann sie auf.

Monika Batton gab ihrem Mann das Smartphone. »Wurde sie in ihrer Wohnung umgebracht?«, wollte sie wissen.

Till bestätigte das.

»Wie?«, fragte Monika Batton leise.

»Dazu kann ich noch keine Auskunft geben.«

»Wie alt war sie?«, wollte Robert Batton wissen und gab Till das Smartphone zurück.

»Anfang dreißig.«

Lukas‹ Vater nickte anerkennend. »Sah sie gut aus?«

»Unser Sohn steht scheinbar unter Mordverdacht«, fauchte Monika Batton und schlug ihrem Mann wütend gegen die Brust.

»Mein Sohn ist mit Sicherheit kein Mörder. Er kann nicht mal einer Fliege etwas zuleide tun. Sehen Sie sich doch das Foto an. Das ist gut getroffen. Er ist ein Träumer.«

»Er hat die Versetzung ins nächste Schuljahr nicht geschafft«, merkte Till an.

»Ja, ja, ich weiß«, winkte Robert Batton ab. »Dafür war sein Auszug hier wohl zu spät. Meine Frau und ich streiten uns schon seit einiger Zeit. Das war für Lukas leider nicht einfach.«

»Wir streiten wegen der Scheidung«, ergänzte Monika Batton.

»Wir arbeiten nämlich auch zusammen. Unten, in meiner Zahnarztpraxis«, erklärte Robert Batton.

»In unserer Zahnarztpraxis«, stellte Monika Batton klar.

»Es ist meine Praxis«, zischte Robert Batton wütend.

»Die Hälfte davon, wenn überhaupt«, kam sofort Widerspruch.

Till konnte sich vorstellen, was Lukas hier durchgemacht hatte. »Sie sollten sich jetzt um Ihren Sohn kümmern. Er hat jetzt keine Bleibe mehr. Außerdem ist er vielleicht in einen Mordfall verwickelt. Ich werde versuchen, ihn morgen in der Schule zu befragen. Wenn er keinen festen Wohnsitz hat, müssen wir ihn vielleicht in Untersuchungshaft stecken.«

»Ich ziehe vorübergehend in ein Hotel. Sagen Sie ihm das bitte. Er kann dann hier in aller Ruhe mit seiner Mutter wohnen, bis wir eine andere Lösung gefunden haben.«

»Ich werde es ihm ausrichten«, versprach Till.

»Stecken Sie ihn ja nicht in den Knast«, schluchzte Monika Batton.

Till nickte. Er wollte keine falschen Versprechungen machen.

Freitag, 6. Juli 2013

Siebels war wie gewöhnlich vor Till im Büro. Um kurz nach sieben saß er an seinem Schreibtisch und fuhr den Rechner hoch. Während die Kaffeemaschine ihre Arbeit verrichtete, prüfte Siebels den Posteingang seiner E-Mails. Der Fotograf hatte ihm gestern Abend noch einen Link gesendet, auf dem die Fotos vom Tatort im internen System hinterlegt waren. Siebels klickte sich in das Verzeichnis. 49 Bilder gab es dort. Siebels öffnete eines nach dem anderen. Auf den meisten Bildern war die auf dem Stuhl festgeklebte Leiche von Verena Jürgens zu sehen. Von hinten, von vorne, von der Seite und aus allen möglichen Blickwinkeln. Dazu gab es Nahaufnahmen von den am Stuhl mit Paketklebeband fixierten Armen und Beinen des Opfers sowie von der verstopften Nase. Mehrere Fotos dokumentierten den handgeschriebenen Zettel auf dem Schoß der Toten. Sitzen geblieben. Außerdem gab es noch Fotos von den anderen Zimmern, vom Treppenhaus und von der Außenfassade des Hauses in der Diesterwegstraße. Siebels druckte drei Fotos aus. Zwei Fotos, die Verena Jürgens aus verschiedenen Blickwinkeln auf dem Stuhl zeigten und eine Nahaufnahme von dem Papier auf ihrem Schoß. Während der Drucker druckte, goss sich Siebels den ersten Kaffee des Tages ein. Dann heftete er die ausgedruckten Fotos an die bis dahin leere Pinnwand. Mit der Kaffeetasse in der Hand setzte er sich vor den Fotos auf seinen Stuhl, trank bedächtig seinen Kaffee und ließ die Bilder auf sich einwirken.

»Guten Morgen«, grüßte Till und stellte sich neben Siebels vor die Fotowand. »Und, was sagt dein Bauchgefühl zum neuen Fall?«

»Guten Morgen. Mein Bauchgefühl sagt: Hunger. Sonst nix.«

Till legte seinen Motorradhelm ab und verstaute seine Jacke im Schrank. Anschließend kramte er Handy und Festplatte von Frau Jürgens aus seinem Rucksack. »Ich bringe den Kram erst mal zu Charly und gehe auf dem Rückweg in die Kantine. Wonach verlangt dein Bauch?«

»Frikadellenbrötchen mit Senf. Zwei Stück.«

Nachdem Till sich auf den Weg gemacht hatte, setzte Siebels sich an seinen Schreibtisch und beschrieb ein Blatt Papier mit den ersten Informationen zum Opfer. Verena Jürgens, 32 Jahre, Lehrerin für Deutsch und Geschichte in der Oberstufe am Sigmund-Freud-Gymnasium. Wohnhaft in der Diesterwegstraße in Sachsenhausen. Ledig. Aktuell zwei Schüler, die sitzen geblieben sind: Daniel Bach, 17 Jahre, Alibi: Befand sich zur Tatzeit in elterlicher Wohnung in Anwesenheit der Eltern. Lukas Batton, 17 Jahre. Alibi:?

Siebels nahm den Zettel, heftete ihn zu den Fotos an der Pinnwand und war gespannt, was Till von seinem Besuch bei Familie Batton berichten würde.

Charly Hofmeier war der IT-Experte im Frankfurter Polizeipräsidium und unterstützte Siebels und Till bei deren Arbeit mit seinen Fachkenntnissen. Als Till sein Büro betrat, warf Charly gerade einen Pfeil auf seine Dartscheibe.

»Hi, Charly.«

»Ach, der Till. Hab gehört, ihr habt eine tote Lehrerin und macht jetzt Jagd auf fiese Schüler.«

»Du bist ja bestens informiert. Wer ist der Maulwurf?«

»Deine Herzallerliebste. Ich habe Anna gestern in der Gerichtsmedizin getroffen.«

Till setzte sich auf den Stuhl von Charly und beobachtete ihn bei seinen Pfeilwürfen auf die Dartscheibe. »Was treibt dich denn in die Gerichtsmedizin?«

»Die Leichenfledderer hatten einen Systemabsturz. Annas Computer hatte schon Verwesungserscheinungen. Ich konnte Anna gerade noch daran hindern, den Rechner mit einem Y-Schnitt zu öffnen und die Innereien herauszuholen. Sie war schon ganz gierig auf eine blutige Grafikkarte.« Charly lachte über seinen Witz und warf den nächsten Pfeil.

»Ich habe dir die Innereien vom Computer der Lehrerin mitgebracht. Und ihr Handy. Wir sind besonders an Informationen über fiese Schüler interessiert.« Till zeigte Charly das Foto auf dem Handy. »Das ist einer der Schüler. Kannst du mir das Bild noch schnell ausdrucken?«

Charly nickte und betrachtete sich das Foto. »Schaut aber gar nicht fies aus, der Knabe. Eher unschuldig.«

»Liegt aber im Bett seiner Lehrerin, der unschuldige Knabe.«

»Ts, ts, ts. Davon habe ich früher auch immer geträumt.«

»Sie hat Informatik unterrichtet, stimmt’s?«

»Quatsch. Das gab es zu meiner Schulzeit doch noch gar nicht. Es war die Kunstlehrerin.« Charly seufzte theatralisch, setzte sich mit dem Handy an seinen Computer, lud das Bild herunter und druckte es aus.

»Tut mir leid, wenn ich jetzt alte Wunden aufgerissen habe«, sagte Till mitfühlend und tätschelte Charly an der Schulter.

»Alle Jungs haben von ihr geträumt«, sinnierte Charly.

»Was für eine Note hattest du denn in Kunst?«

»Eine fünf. Aber die habe ich gerne von ihr genommen. Und jetzt nimm deinen Ausdruck und hau ab. Ich muss was arbeiten.«

»Darf ich noch einen Pfeil auf die Scheibe werfen?«

»Nein!«

»Dann halt nicht. So winzige Einwurflöcher sind eh nur was für Weicheier.«

Charly nahm einen Pfeil und zielte damit auf Till. »Man würde es kaum sehen, so ein winziges Einwurfloch in deiner Stirn.«

Till schnappte sich den Fotoausdruck und verließ ohne weitere Widerworte Charlys Büro. Nachdem er vor einiger Zeit sämtliche Pfeile an der Scheibe vorbei gegen die Wand geworfen hatte, hatte Charly dermaßen über ihn gelästert, dass er mit seiner Dienstwaffe auf die Scheibe gezielt hatte. Sein ernster Gesichtsausdruck bei dieser Aktion hatte Charly tatsächlich eingeschüchtert. Seitdem war die Dartscheibe ein Tabu für Till. Anstatt Pfeile auf Charlys Scheibe zu werfen, angelte er Frikadellenbrötchen aus der Frühstückstheke der Kantine und machte sich damit auf den Weg zurück ins Büro.

Auf dem Stuhl vor der Pinnwand saß jetzt Staatsanwalt Jensen. Er beugte sich ganz nah an die Fotos und rieb sich mit der Fingerspitze über die geschlossenen Lippen.

»Heute ist der letzte Schultag vor den Sommerferien. Dann könnte es schwierig werden mit den Ermittlungen«, erläuterte Siebels von seinem Schreibtisch aus.

»Zweimal Frikadellenbrötchen mit Senf macht vier Euro«, sagte Till und lud die Bestellung auf Siebels‹ Schreibtisch ab.

»Pattexkleber in die Nasenlöcher«, murmelte der Staatsanwalt. »Ob er ihr die Nase zuhalten musste, damit das Zeug drinnen blieb?«

Till holte eine Tube Uhu aus seinem Schreibtisch. »Möchten Sie es ausprobieren, Herr Staatsanwalt?«

Jensen blickte auf die Uhutube in der Hand von Till. »Laut Gerichtsmedizin handelt es sich um Pattexkleber, nicht um Uhu. Pattex Sekunden-Alleskleber Ultra Gel von Henkel, um genau zu sein. Besorgen Sie sich mal eine Tube von dem Zeug und machen Sie einen Selbstversuch. Das könnte hilfreich für die Ermittlungen sein. Aber kleben Sie sich dabei kein Paketband über den Mund.«

Till blickte ungläubig von Staatsanwalt Jensen zu Siebels. Der kaute gerade auf seinem Frikadellenbrötchen herum. »Anna weiß ja jetzt bestimmt, wie man das Zeug wieder aus der Nase rausbekommt«, sagte er etwas undeutlich mit vollem Mund.

»Für Selbstversuche stehe ich leider nicht zur Verfügung. Überlegen wir uns lieber, ob es für den Klebertod einen bestimmten Grund geben könnte.«

»Das ist eine unblutige Sache«, überlegte Siebels laut.

Jensen hing noch konzentriert vor den Fotos. »Er musste ihr die Nase bestimmt zuhalten. Mit dem verschlossenen Mund musste sie ja mit vollem Druck über die Nase ausatmen. Da wäre das Zeug wieder rausgekommen.«

»Sie musste aber auch über die Nase einatmen und hat sich das Zeug dabei vielleicht immer tiefer in die Nasenhöhle gezogen«, gab Siebels zu bedenken.

Jensen sprang von dem Stuhl auf. »Wie auch immer, passen Sie bloß auf, dass jetzt nicht alle Verdächtigen für sechs Wochen in den Sommerurlaub verschwinden. Der Fall muss schnellstens gelöst werden, sonst spekuliert uns die Presse im Sommerloch die abenteuerlichsten Dinge zusammen.«

Till ging zur Pinnwand und heftete das Foto vom schlafenden Lukas Batton dazu.

»Was ist das?«, erkundigte sich Jensen, der schon auf der Türschwelle stand.

Till erklärte es ihm.

»Er hat bei ihr gewohnt?«, fragte Jensen dann argwöhnisch nach.

»Vorübergehend«, bestätigte Till.

»Und die hatten was miteinander?«

Till zuckte mit den Schultern. »Das ist noch unklar. Vielleicht hat sie auch auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen?«

»Aber warum hat sie ihn dann im Bett fotografiert?«, überlegte Siebels.

Till zuckte mit den Schultern. »Vielleicht als Andenken. Weil er so süß ist? Komm, fahren wir in die Schule und fragen ihn selbst.«

»Ich erwarte umgehend einen ersten Bericht«, verlangte Jensen und verließ das Büro.

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Mein Lehrerinnenbuch