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Am 6. Januar des Jahres 2013 versammelte der Delfinkönig von Atata im menschlichen Königreich Tonga die schwimmenden und fliegenden Tiere zu einer Versammlung. Am gleichen Tage lud der Löwenpräsident Leonidas von Namib aus der menschlichen Republik Namibia die Vertreter der Landtiere ein, zeitlich natürlich um ein paar Stunden versetzt, um die unterschiedlichen Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge in ihren Ländern und Regionen zu berücksichtigen. Ziel der Versammlung war die Gründung von tolympischen Komitees, in der die Vertreter der wichtigen oder sich für wichtig haltenden Tierarten gewählt, bestimmt oder ernannt werden sollten. Insgesamt waren 35 tolympische Vertreter der Tiere in das tolympische internationale Komitee entsandt. Zweck der Zusammenkunft war es, einen Brief an das menschliche olympische Kommitte zu senden und den Vorschlag einer gemeinsamen Veranstaltung zu unterbreiten: der Tolympiade. Als die abschließende Fassung des Briefes in der Runde der Tiere verlesen wurde, beschien die afrikanische Abendsonne, reflektiert von orangenen, gelben und rötlichen Wolken, eine prächtige Halbrunde.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Johann D.W. George
Die Tolympiade
Tiere fordern die Menschen zum Wettbewerb - Den Menschen ihre Grenzen zeigen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel - Die Herausforderung
2. Kapitel - Die Veranstalter
3. Kapitel - Die Eröffnungsfeier
4. Kapitel - Erstes Ereignis - „Der 100 Meter Lauf“
5. Kapitel - Zweites Ereignis - „Weit springen“
6. Kapitel - Drittes Ereignis - „Den Diskus werfen“
7. Kapitel - Viertes Ereignis - „Dreifach springen“
8. Kapitel - Fünftes Ereignis - „Hoch springen“
9. Kapitel - Sechstes Ereignis - „400 m schnell laufen“
10. Kapitel - Siebtes Ereignis - „400 m über Hürden laufen oder springen“
11. Kapitel - Achtes Ereignis - „Sich eingraben“
12. Kapitel: Vorgeschichte - Tiere die Weltgeschichte machten: Der Maulwurf Egmont 1831
13. Kapitel - Neuntes Ereignis - „Baumwipfelrennen“
14. Kapitel - Zehntes Ereignis - „Sanddünenrennen“
15. Kapitel - Elftes Ereignis - „Sich elegant bewegen“
16. Kapitel - Zwölftes Ereignis - „Über den Schnee fliegen“
17. Kapitel - Dreizehntes Ereignis - „Lasten tragen“
18. Kapitel - Vierzehntes Ereignis - „Sich finden“
19. Kapitel - Fünfzehntes Ereignis - „Weit und hoch und schnell fliegen“
20. Kapitel - Tiere, die Weltgeschichte machten: Die Störchin Ciconia (1839)
21. Kapitel - Sechzehntes Ereignis - „Eine Geschichte tanzen“
22. Kapitel - Siebzehntes Ereignis - „Tauziehen oder an einem Strang ziehen“
23. Kapitel - Achtzehntes Ereignis - „Auf Berge steigen“
24. Kapitel - Neunzehnter Wettkampf und Ereignis - „Tieftauchen“
25. Kapitel - Tiere, die Weltgeschichte machten - Der Pottwal Pot Sam (1889)
26. Kapitel - Zwanzigstes Ereignis - „Beine und Bälle“ (Fußball) Zufälle und Gesetzmäßigkeiten
27. Die Abschlussfeiern
Impressum neobooks
Am 6. Januar des Jahres 2014 versammelte der Delfinkönig von Atata im menschlichen Königreich Tonga die schwimmenden und fliegenden Tiere zu einer Versammlung. Am gleichen Tage lud der Löwenpräsident Leonidas von Namib aus der menschlichen Republik Namibia die Vertreter der Landtiere ein, zeitlich natürlich um ein paar Stunden versetzt, um die unterschiedlichen Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge in ihren Ländern und Regionen zu berücksichtigen. Ziel der Versammlung war die Gründung von tolympischen Komitees, in der die Vertreter der wichtigen oder sich für wichtig haltenden Tierarten gewählt, bestimmt oder ernannt werden sollten. Im Vorfeld hatte es natürlich lange Diskussionen gegeben, welche Tierarten vertreten sein sollten. Da war es schon ein guter Kompromiss, die Landtiere, sowie die Seetiere und die fliegenden Tiere zunächst einmal in verschiedenen Versammlungen einzuladen. Ein großer Erfolg war es, dass für die Zeit dieser Versammlungen auch ein allgemeines Auffressverbot akzeptiert worden war, entsprechend dem Verbot Kriege zu führen bei der olympischen Bewegung.
Die Kleintiere, die überwiegend gefressen werden, wären sonst überhaupt nicht gekommen.
Das Reich des Delfinkönigs von Atata erstreckt sich über alle Meere und Ozeane und war damit mehr als doppelt so groß wie das Land des IOC-Präsidenten Thomas Bach. Die Landtiere und ihr Löwenpräsident repräsentierten die sechs Kontinente, wobei Pinguine der Antarktis lange geschwankt hatten, ob sie nun zu den Landtieren oder zu den Wassertieren zu rechnen seien und so hatten sie, klug wie sie sind, Vertreter zu beiden Versammlungen geschickt.
Zur Begrüßung der Vertreter und Repräsentanten der Wasser und der Lufttiere hatte der Delfinkönig mit dem Namen Taunuku der V. eine Delfinsippe von Atata zur Vorführung ihrer Schwimmkünste zu einer Schwimmshow gebeten:
Eine Stunde vor Sonnenuntergang begann die Vorführung vor der Lagune von Atata mit einer Gruppe von zwölf kräftigen und gleichmäßig gewachsenen Delfinen, die elegant und fast wirbelfrei, und einige Sonnenstrahlen reflektierend, durch das inzwischen beruhigte Meer glitten. Starker Wind, ja fast Sturm hatte Tage zuvor hohe Wellen aufgetürmt, durch die alle Fischerboote und Yachten aus der Gegend vertrieben waren. Das hatte der Delfinkönig klug vorausgesehen, schließlich hatte er jahrelange Erfahrung aus seinem Reich, und mit uralten Signalen (deutlich effizienter als das Internet) hatten die Mitglieder verschiedener Meerestiergruppen signalisiert, wann es wohl einen größeren Sturm geben würde und wann dieser beendet wäre. Mit höchster Synchronität schnellten die Vertreter der Delfinschule sich aus dem Wasser und glitten spritzerfrei wieder in die Wellen zurück. Diese Übergänge vom Wasser und Luftleben führten sie 7-mal durch und verschwanden dann in etwas tieferes Wasser, um die Erwartung der Zuschauer zu erhöhen, was jetzt folgen würde. Es folgte eine Zeit der Ruhe.
Dann begann die zweite Vorführung, bei der einzelne Delfine einen Salto vorführten, dabei auch die Richtungen wechselten und nicht mehr ganz synchron blieben, aber das war so beabsichtigt. Auch nach diesem Abschnitt folgte eine Zeit der Ruhe.
Der dritte Teil der Vorführung bestand aus der Aufteilung der Schwimmschule: zwei Gruppen schwammen mit großer Geschwindigkeit aufeinander zu und glitten berührungsfrei aneinander vorbei, wendeten und wiederholten dieses Kunststück mehrere Male. Nach 10 Minuten war diese Vorführung beendet und alle Vertreter der Meerestiere und der Lufttiere signalisierten ihre Freude und Zustimmung über dieses Schauspiel.
Als Vertreter folgender sich selbst wichtig nehmender Tiergruppen wurden in das tolympische Komitee der Seetiere und Lufttiere folgende Damen und Herren
gewählt:
Herr Pot Antarktikus als Vertreter der Pottwale, Frau Orca Mangaia als Vertreterin der Schwertwale, Herr Apteno von Falk (er behauptete adelig zu sein) als Vertreter der Pinguine, Frau Hollandia Dam als Vertreterin der fliegenden Fische (ihre Eltern waren fest davon überzeugt, dass es den fliegenden Holländer gib), Herr Schnapp Zu als Vertreter der Krokodile, Frau Beauty Bunt als Vertreterin der Papageienfische, Frau Lydia Maenas als Vertreterin der großen und der kleinen Krebse, der Krabben und Garnelen, Herr Schwabinus Hall als Vertreter der behausten Meeresschnecken, der den Auftrag seiner Wählergruppe hatte, für behauste Schnecken ein Wohngeld vorzuschlagen, auch wenn das tolympische Komitee dafür nicht zuständig war. Frau Tridacna Barrier als Vertreterin der Riesenmuscheln, Frau Sepia Arcachon als Vertreterin der Tintenfische und Kraken, Herr Sokrates Korfu als Vertreter der Pelikane, Herr Max Müller als Vertreter der Albatrosse aller Länder mit Ausnahme von Nordkorea, die keine Erlaubnis zur Mitwahl bekommen hatten und schließlich Frau Sterna Oceana als Vertreterin der Seeschwalben, einschließlich der Sturmseeschwalben, der Küstenseeschwalben, der Raubseeschwalben und der Rußseeschalben. Es hatte tagelanger Flugkonferenzen bedurft, ehe sich alle Arten auf Sterna Oceana geeinigt hatten.
Der einladende Delfinkönig, zugleich Vertreter der Delfine, wurde selbstverständlich sofort zum Präsidenten gewählt, und verpflichtete alle tierische Vertreter, auch die Interessen der nicht genannten Tierarten, der kleinen wie der mittleren, der großen sowieso, zu vertreten. Alle, mit Ausnahme von Herrn Schnapp Zu, stimmten zu.
Am gleichen Tag versammelte Leonidas von Namib im westlichen Teil des Etoscha -Pfanne, da wo die Menschen am wenigsten stören, die Vertreter der Landtiere, die mit mehr oder weniger Mühe angekommen waren. Die Landtiere hatten sich darauf verständigt, zur Festigung der Freundschaft, sich nur mit Vornamen anzureden. Der Präsident bot allen das „DU“ an und sagte: “Ich heiße Leo.“
Um geografische Streitereien zu vermeiden sollten sich alle Vertreter einen ostfriesischen Vornamen wählen, da dadurch mehr als 99,99 % der Länder und Regionen dieser Erde gleich behandelt wurden, was sonst ja sehr selten war.
Versammelt waren
Bowe - als Vertreter der Geparde
Lanna - als Vertreterin der Impalaantilopen
Elmert - als Vertreter der Leoparden
Altgelt - als Vertreterin der Springböcke
Siggo - als Vertreter der Zebras
Wyske - als Vertreterin der Riesenkängurus
Lywert - als Vertreter der Strauße
Jele - als Vertreterin der Schakale
Watze - als Vertreter der Paviane
Sibelke - als Vertreterin der Maulwürfe
Syrt - als Vertreter der Meerkatzen
Iwa - als Vertreterin der Kamele
Gedo - als Vertreter der Sandnattern
Onsta - als Vertreterin der Nashörner
Erbelt - als Vertreter der Wildesel
Bewke - als Vertreterin der Kaffernbüffel
Scheltko - als Vertreter der Elefanten
Aibo - als Vertreter der Giraffen und
Hitke - als Vertreterin der Termiten und der vielen anderen kleinen Tiere.
Insgesamt waren also 35 tolympische Vertreter der Tiere in das tolympische internationale Komitee entsandt. Auf beiden Versammlungen in Tonga wie in Namibia gab es zunächst eine Diskussion darüber, in welcher Sprache der Brief an den menschlichen Präsidenten des olympischen Komitees versandt werden sollte. Watze, der Vertreter der Paviane, war der Ansicht, dass seine Sprache die geeignetste sei, was Onsta, die Delegierte der Nashörner sofort lautstark kritisierte und mit historischen Argumenten angereichert bezweifelte. Schließlich einigte man sich auf Englisch, da dass natürlich alle Tiere sowieso verstanden.
Die Verständigung zwischen den See- und Lufttieren und den Landtieren klappte reibungslos mit Hilfe einer Videokonferenz zwischen dem Löwenpräsidenten und seiner Landversammlung und dem Delfinkönig und seiner Meerestagung. Die Tintenfische hatten einige Schwierigkeiten die Maulwürfe mit ihren Argumenten und Beiträgen wirklich zu verstehen, was allerdings erstaunlich war, da beide sich im Dunkeln am wohlsten fühlten. Besonders die Sturmseeschwalben drängten auf eine rasche Verabschiedung des Briefes an den menschlichen IOC-Präsidenten, da sie in dieser Woche noch mehrere Tausend Kilometer zurücklegen wollten und darauf hinwiesen, dass bei Ihnen eine Stunde im menschlichen Zeitmaß mindestens fünf mal so lang war, wie bei den Elefanten. Scheltko stimmte dem ausdrücklich zu.
Als die abschließende Fassung des Briefes in der Runde der Tiere verlesen wurde, beschien die afrikanische Abendsonne, reflektiert von orangenen, gelben und rötlichen Wolken, eine prächtige Halbrunde. Wie in einem griechischen Amphitheater mit kleineren und größeren Abständen, damit sich die Vertreter nicht gegenseitig ins Gehege kamen und auf der etwas erhobenen Mittelpunkt –Sandbühne, stand Leo, der Löwenpräsident. Eine Symphonie von Stimmen wechselnder Lautstärke und Modulation aller anwesenden Tiere untermalte akustisch die Szene, in der die Vertreter abwechselnd ruhig da standen oder lagen, und sich dann wieder natürlich bewegten. Dies unterschied sich deutlich von menschlichen Versammlungen, wo erwartet wurde, dass die Vertreter ruhig da sitzen und sich möglichst unbeweglich verhalten.
In der am gleichen Tag versammelten Endrunde zur Verabschiedung des Briefes rings um den Delfinkönig von Tonga, war dies noch viel deutlicher. Alle Vertreter waren in Bewegung, und auch die nicht mit einem eigenen Vertreter berücksichtigten Tiere waren präsent, sozusagen als beteiligte Lebewesen. Die Schwertwale, die märchenhaft durch das Wasser gleitenden Seehunde, Nacktschnecken mit ihren Schleierflügeln, die am Himmel kreisenden Seeadlern, die auf und ab wandernden Pinguine, die durch die Felsspalten flitzenden Taschenkrebse und die rhythmisch ihre riesigen Öffnungen bewegenden Riesenmuscheln. Nur die Krokodile machten auch hier eine Ausnahme. Sie lagen absolut regungslos am Ufer, als ob sie schon 70 Tage ihre Eier bewacht hätten. Die Symphonie der unterschiedlich hohen Wellen und Brandungen untermalte die Szene, die auch hier von einem farbig bewölkten Abendhimmel beleuchtet wurde. Die Wolkenfiguren bewegten sich schnell über den Abendhimmel hinweg und unterstrichen die lebhafte Bewegungsfreudigkeit der Szene, die auch auf den Delfinkönig übergriff, der die Reihe der großen Vertreterrunde abschwamm und zustimmend nickte, wenn er die Antworten verstanden hatte.
Der Brief an den menschlichen Präsidenten des IOC hatte nun folgenden Text
„Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kollegen vom IOC,
Die Tiere dieser Erde, des Meeres und der Luft fordern die Olympiasieger der letzten Olympischen Spiele und alle anderen Menschen zu einer Tolympiade heraus. Acht Wettbewerbe stammen aus dem Programm ihrer Olympischen Spiele, zwölf Wettbewerbe werden von uns vorgeschlagen. Für jeden Wettbewerb werden drei Vertreter unserer Tiere genannt, sie können drei menschliche Vertreter benennen, wobei sie aus Ihren acht Disziplinen am einfachsten die drei Olympiasieger der letzten Olympiade nennen. Aber natürlich steht es Ihnen frei, auch noch bessere Vertreter herauszusuchen.
Wir, das tolympische Komitee der Tiere, sind die Veranstalter dieser Tolympiade. Fair und gerecht wie wir sind, wollen wir aber die Einkünfte dieser Veranstaltung mit Ihnen zur Hälfte teilen. Mehr als 100 Fernsehanstalten dieser Erde haben bereits ihr Interesse bekundet, diese Veranstaltung zu übertragen. Daneben soll ein unterhaltsamer Film darüber gedreht werden, der die Höhepunkte der Tolympiade enthält. Unsere Spiele sind einfacher als Ihre Olympischen Spiele. Wir brauchen deshalb auch nicht 50 Seiten, um sie zu beschreiben, wie Sie es für richtig halten.
An erster Stelle steht Freude, vor allem die Freude an der schnellen, oder geschickten, oder der eleganten, oder der überraschenden Bewegung.
An zweiter Stelle steht der Wettbewerb. Es ist die Spannung, wer gewinnt?
An dritter Stelle steht die Fairness. Es geht nicht darum, winzige Unterschiede von Hundertstelsekunden oder wenigen Zentimetern festzustellen, und deshalb brauchen wir auch keine Stoppuhren oder Bandmaße. Mit dem bloßen Auge der Zuschauer sollte erkennbar sein, wer gewonnen hat.
Nur in groben Zweifelsfällen, wenn auch eine Wiederholung kein Ergebnis bringt, wollen wir diese Hilfsmittel zulassen. Zur Fairness gehört natürlich auch die Ächtung verbotener Mittel (Sie nennen das wohl Doping). Wir haben einige Vertreter in unseren Reihen, die schon mit ihren Spürnasen erkennen können, ob ein Teilnehmer oder eine Teilnehmerin zu verbotenen Mitteln greift. In unseren Reihen wird es nicht vorkommen, denn wer nicht gut genug ist mit seinen natürlichen Veranlagungen, der bekommt auch nicht die Ehre, an der Tolympiade teilzunehmen.
Wir wollen aber zugeben, dass wir auch eigene Ziele mit dieser Tolympiade verfolgen. Es geht um das Gleichgewicht zwischen den Menschen und den übrigen Geschöpfen dieser Erde. Die Menschen sind inzwischen so eingebildet, dass sie sich uns in jeder Hinsicht überlegen fühlen, weil sie unbelebte Maschinen benutzen, sich sehr groß vorkommen, weil sie in hohen Häusern wohnen, sich sehr stark vorkommen, weil sie viel Energie verbrauchen, und insgesamt glauben, dass sie fast alles beherrschen können. Wir dagegen vermuten, dass wir den Menschen deutlich überlegen sind. Diese Vermutung wollen wir aber mit unserer Tolympiade prüfen.
Zum Austragungsort haben wir uns auch etwas ausgedacht. Während sie überwiegend die großen oder sogar die ganz großen Länder berücksichtigen, wollen wir unsere Tolympiade in zwei sehr kleinen Ländern veranstalten (Sie könnten das auch tun, denn, wenn bei Ihren Olympiaden die Medaillen pro Einwohner zählen, stehen Länder wie Jamaika und Slowenien ganz vorne und Länder wie Russland und die Vereinigten Staaten von Nordamerika ziemlich am Ende, aber das ist nur eine Nebenbemerkung, die uns eigentlich nichts angeht). Weder in Tonga, noch in Namibia werden große Stadien oder Sportstädten gebaut, sondern wir nehmen das Gelände überwiegend so, wie es sich dort befindet, und die Landschaft wird nur wenig verändert werden müssen, um ungefähr gleiche Bedingungen für alle Teilnehmer zu schaffen. Es ist viel natürlicher, über einen Steppenboden zu laufen, als auf einer, die kleinsten Unebenheiten beseitigenden Tartanbahn, deren Oberfläche-Reibungskoeffizienten optimiert wurden, um wenige Hundertstelsekunden zu produzieren. Dies liegt uns fern.
Die Wettbewerbe, die im Wasser und in der Luft stattfinden, wollen wir im Königreich Tonga veranstalten. Durch die moderne Technik, die wir natürlich auch begrüßen und benutzen, die auch Unterwasserkameras mit einschließt, können wir die Veranstaltungen für alle Menschen und Tiere dieser Erde gut sichtbar machen. Wer als Zuschauer persönlich dabei sein will, kann sich ein Auslegerboot mieten oder kaufen, oder selber herstellen (auch Katamarane sind geeignet, oder Kanus und Kajaks). Ausdauerhafte Schwimmer können auch zu den Austragungsorten schwimmen, die innerhalb und außerhalb der Lagunen des Königsreiches veranstaltet werden. Wir hoffen, dass das Wetter, sowohl in Namibia in der Etoscha, wie auch an den Inseln von Tonga, uns und Ihnen wohl gesonnen ist. Aber auf das Wetter haben Sie ja bisher, soweit wir wissen, auch keinen Einfluss, und das finden wir in Ordnung. Sie werden vielleicht noch fragen, was die veranstaltenden Orte in Tonga und in Namibia den Mitgliedern des tolympischen Komitees geschenkt haben, damit wir uns für sie entscheiden. Die Antwort heißt: nichts.
Wir möchten noch einige persönliche Bemerkungen von Vertretern einzelner Tierarten hinzufügen, da wir glauben, dass die Meinung von jedem zählt und nicht nur die von einer Mehrheit.
Die Vertreter der Tintenfische und Kraken sind sehr daran interessiert, die Gräuel-Legenden über ihrem Lebenswandel in der Tiefsee zu widerlegen und einfach nur zu demonstrieren, dass sie ziemlich schnell sein können.
Die fliegenden Fische legen Wert darauf, besser als Luftgleitfische bezeichnet zu werden, da sie sich nicht einbilden, dass sie es mit den Albatrossen und Seeadlern und Sturmschwalben aufnehmen könnten. Die Termiten möchten auch als Einzeltiere, und nicht nur als Massenansammlung, wahrgenommen werden.
Die Nashörner möchten speziell manchen Wunderheilern ihr Horn einmal so richtig in die Eingeweide stoßen, um zu zeigen, dass es einfach nur hart und ausgesprochen ungesund ist.
Die Zebras schließlich sind immer noch unglücklich darüber, dass aus ihrer Tarnfarbe Zebrastreifen bei den Menschen geworden sind.
Schließlich wollen wir noch darauf hinweisen, dass die meisten Mitglieder des IOC gar nicht, oder deutlich verändert, existieren würden, wenn wir Tiere ein wenig anders gelebt hätten, als wir es taten. Das werden Sie im Verlauf der Ereignisse und Wettkämpfe besser verstehen. Der Maulwurf Egmont, die Störchin Ciconia und der Pottwal Sam haben nämlich die Weltgeschichte beinahe so verändert, wie kein einzelner Mensch. Auch wenn das keiner von Ihnen glaubt.
Wir hoffen, dass durch viele persönliche Begegnungen und Gespräche bei den Tolympischen Spielen von Tonga und Namibia viele diese Vorurteile ausgeräumt werden können und freuen uns auf drei Festtage.“
Obwohl das IOC mehr als doppelt so viele Mitglieder wie das tolympische Komitee der Tiere hat, kam die Antwort des IOC-Präsidenten überraschend schnell. Er lautete:
„Sehr geehrter Herr Delfinkönig,
Sehr geehrter Herr Löwenpräsident,
Das Internationale Olympische Komitee des Planeten Erde hat Ihren Brief erhalten, ihn an die IOC-Mitglieder verteilt und auf der letzten allgemeinen Sitzung beredet und besprochen.
Obwohl wir davon nicht begeistert sind, müssen wir Ihr Recht anerkennen, eine eigene Tolympiade der Tiere zu veranstalten und die menschlichen Olympiasieger herauszufordern. Wir haben auch die Seitenhiebe auf unsere Probleme beim IOC verstanden, wollen darauf aber hier nicht weiter eingehen. Wir haben unsere Olympiasieger gefragt, und sie haben zugestimmt. Das olympische Komitee nimmt die Einladung des tolympischen Komitees der Tiere an. Wir erwarten noch genauere Angaben darüber, wie die Namen Ihrer Wettkämpferinnen und Ihrer Wettkämpfer heißen, aus welchen Tierarten (Ländern) sie stammen, und wie die ganze Veranstaltung ablaufen wird. Vielleicht können wir von Ihren Regeln auch etwas lernen und es für die natürlich weiter stattfindenden Olympischen Spiele als Anregung mit aufnehmen.
Einen Konflikt könnte es in Zukunft darüber geben, ob bei unseren Olympischen Spielen Pferde weiterhin teilnehmen dürfen, denn Pferde gehören unzweifelhaft zum Tierreich. Reiterwettbewerbe ohne Pferde sind aber kaum aufrechtzuerhalten. Die Reiter müssten dann selber über die Hindernisse springen. Dafür müssen die Hindernisse dann natürlich sehr viel niedriger aufgestellt werden, und auch die Sportkleidung der Reiter müsste man ändern.
Wir möchten noch hinzufügen, dass wir uns sehr darüber freuen würden, wenn alle IOC-Mitglieder Freikarten zu den Veranstaltungen der Tolympischen Spiele bekommen würden. Andere Geschenke möchten wir nicht annehmen.
Die Mitglieder des IOC und die übrigen Menschen der Erde würden die Antworten auf folgende Fragen interessieren:
- Welche Hymnen werden für die Sieger gespielt?
- Wer ist so mutig und hängt einem Nashorn eine Medaille um?
- Ist sichergestellt, dass Ihre Teilnehmer unsere Teilnehmer auch respektieren und keineswegs angreifen?
- Gibt es an den Meeresständen der Tonga-Atolle auch Duschen, mit denen unsere Athletinnen und Athleten das Salzwasser abduschen können?
- Gibt es in den Etoscha-Städten genug Sonnenschirme für unserer Athletinnen und Athleten oder genug belaubte Bäume für einen Schattenplatz?
Mit den allermenschlichsten Grüßen
Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees der Menschen der Erde“
Der Palast des Delfinkönigs von Tonga lag südlich der Inseln Tongalapu und bestand natürlich nur aus Wasser. Eine Grenze des Palastes waren die Wasserfontänen, die an der zerklüfteten südlichen Korallenküste wuchtig in die Höhe schossen, wenn die Flut gegen das Land rollte. Am liebsten hielt er sich aber in seinen Sommerpalästen rings um die Inselgruppen Foa und weiter nördlich in Tafua auf, wo er stundenlang mit seiner Familie und seinen Freunden durch die blau- grün-türkisfarbenen Korallenriffe schwamm und sich am ungestörten Leben der Korallengesellschaften freute. Blaue, blaugelbe, rote, orange, schwarzblaue, grüngraue, dunkelrote, pechschwarze, weißgelbe, silbergrüne und fast goldene Fischschwärme patroulierten durch die Riffe und wichen der Delfinfamilie respektvoll aus. Seegurken und Seeigel pumpten fleißig das klare aber doch hinreichend ernährende Meereswasser durch sich hindurch und waren von der Durchreise der Königsfamilie ziemlich unbeeindruckt.
Weitere Sommerpaläste hatte der Delfinkönig auf den Cook-Inseln, dann auf einigen Inseln, die französisch Polynesien genannt wurden auch auf den Fidschi-Inseln und den Salomon-Inseln. Das gesamte Reich erstreckte sich über alle Ozeane und Meere. Über den Pazifischen Ozean war der Delphinkönig noch nie hinausgekommen aber er hatte sich berichten lassen, wie der Atlantische Ozean und der Indische Ozean aussahen. Die Pinguine hatten ihm erzählt, wie eindrucksvoll die Gletscherküsten des Antarktischen Ozeans waren, wenn sie in gewaltigen Brocken aus dem Land ins Meer hinein glitten und damit zu seinem Reich gehörten.
Eine dritte und weitere Meeresregion, die ihm mit eindrucksvollen Bildern dargestellt wurde, war die Sargassosee, wo riesige Meereswälder von Tangen und Algen hin und her wogten und einem großen Artenreichtum von Krebsen und Fischen Lebensraum boten, weitgehend ungestört von diesen großen Monstern, die die Menschen Schiffe nannten.
Über diese drei Regionen, die Korallenriffe der Meere, die Gletschermeere, mit ihren kalten Strömungen, mit reichem Tierleben, sowie über die Sargassosee, wurden Videofilme angefertigt, um sie den Menschen zur Verfügung zu stellen, damit sie etwas über die Lebensräume der Tolympioniken erfahren konnten.
Ein weiterer Teil dieses Einladungsfilms zeichnete die Wolkenbildungen über den Meeren, den Küsten und den Ländern auf, um das Reich der Lufttiere zu beschreiben. Jeweils eine Minute zeigten die Silber- und Lachmöwen ihre Flugkünste, die Kormorane an den Küsten von Namibia (die Beziehungen zum Löwenpräsidenten von Etoscha waren ausgezeichnet), wie sie ihre Tauchkünste vorführten, die Albatrosse, die tagelang und pausenlos die Ozeane überquerten und mit ihren gewaltigen Schwingen Weltmeister im Gleiten waren, sowie die Formationen von Wildgänsen auf dem Flug in ihre Winterquartiere.
Dann folgten die Flugkünste der Tagspfauenaugen, die sich auf dem Sommerflieder versammeln, die riesigen Ulyssesschmetterlinge von Queensland, die ihre Blütenwirte besuchen, und einen Schwarm gelber Zitronenfalter, der sich langsam in der tiefdunklen grünen Vegetation eines dicht belaubten Waldes auflöste.
Am Ende dieser Szenen fliegt ein einzelner Zitronenfalter in den blauen Sommerhimmel, ein einzelner Ulyssesfalter in einen rötlichen Abendhimmel und ein einzelnes Tagspfauenauge in eine dunkle Wolkenwand im Hintergrund.
Aus dieser Wolkenwand entwickelt sich ein Gewitter, das mit strömenden Regengüssen das Luftreich und das Wasserreich miteinander verbindet. Die rasenden Windböen zwingen einen Schwarm Silbermöwen auf das Wasser herunter, die sich auftürmenden Wellen vertreiben die Möwen aber wieder, bis sie an einer schroffen Felsküste eine geschützte Bucht finden. Der Sturm entwickelt sich zu einem Orkan, der die Wellen Meter für Meter höher auftürmt. Die weißen Wellenkämme vermischen sich mit den dunklen Wolkenfetzen des Gewitters zu einem schwarzen und weißen Schauspiel der zwei Elemente, mit Wolkenjagden und Wellenbergen, die ineinander übergehen und miteinander verschmelzen und die Gewalt ihrer Kräfte demonstrieren. Von einem nahegelegenen Hafen läuft eine große Passagierfähre aus, gerät in bedrohliche Schaukelbewegungen und kehrt in den Hafen zurück. Auf einer großen Ölplattform peitscht der Orkan die Wellen zu einer Höhe, dass die in gelbe Overalls gehüllten Arbeiter in ihre Unterkünfte flüchten.
Mit der machtvollen Darstellung der Kräfte seines Reiches nicken die Delegierten des Wasserreiches und des Luftreiches zufrieden dem Delfinkönig zu.
Die Darstellung der Austragungsregion der Landwettbewerbe in der Etoscharegion von Namibia setzt einen anderen Schwerpunkt. Während im Reich des Delfinkönigs das Wasser ein unbegrenzt verfügbares Element war, bilden hier die weit zerstreuten Wasserlöcher den Attraktionspunkt für die Wanderung der Herden der einzelnen Tierarten. Ein von einer natürlichen Quelle gespeister Teich mit einer dichtbewachsenen Insel in der Mitte glänzt unbeweglich in der Nachmittagssonne, als sich eine Gruppe von Weißbartgnus dem Loch vorsichtig nähert und mit einigem Abstand davon zunächst sichernd verharrt. Ein Rudel schwarzer Schweine ist weniger vorsichtig und rennt in geschwungenen Linien, zum Teil im Zickzack, auf die Grenze des Loches zu, suhlt sich darin, scheint wenig zu trinken und trollt sich wieder davon. Noch bevor die Gnus die Wasserlinie erreichen, kommt eine Herde von Springböcken näher und besetzt die zum Trinken geeigneten Ränder. Sie machen respektvoll Platz als vier unterschiedlich große Giraffen mit ihren langsam schlendernden aber tatsächlich schnellen Bewegungen auf der Szene erscheinen und sich zum Trinken präparieren. Sie breiten die Vorderbeine im weiten Spagat und trinken durstig und lange, aber immer im Wechsel, so dass mindestens ein oder zwei der Artmitglieder sichernd zu verschiedenen Seiten in den Busch hineinschauen. Als die Giraffen so einigermaßen ausgetrunken haben, erscheinen die Zebras und auch hier trinken nur Teile der Herde, während die anderen sichernd am Rande stehen. Ein Marabu schreitet heran und wartet, bis er an der Reihe ist. Ein kaum hörbarer Warnruf aus einer der Herden verschreckt fast alle Tierarten, die Giraffen, die Gnus, die Springböcke und die Zebras, nur die schwarzen Schweine bleiben entfernt in ihrer Suhle liegend und stellen sich tot.
Nach einiger Zeit stellt sich heraus, dass es wohl ein Fehlalarm war und das Trinkgelage geht weiter. Als die Dämmerung weiter hereinbricht, ziehen die Giraffen und die Zebras ab, nur eine neue Gruppe von Springböcken ist am Ufer, als sich aus dem nahen Busch in schnellen Schritten eine Elefantenherde nähert, sieben ältere und zwei junge Tiere, und das Wasserloch komplett in Beschlagt nimmt. Die Trinkgeräusche sind lauter als bei allen anderen Tierarten, und als der erste Durst gestillt ist, werden die Rüssel auch als Dusche benutzt, oder als Hilfsseil für die Jungtiere, die sich etwas unvorsichtig zu weit in das Wasser hineingewagt haben. Die Leitkuh trinkt besonders vorsichtig und wechselt immer wieder ihren Platz, um die unterschiedlichen Himmelsrichtungen des Buschgeländes im Auge zu behalten.
Die nächste Sequenz des Einladungsfilms der Versammlung der Landtiere zeigt ihre Wanderungen zu den frisch begrünten Savannen Ostafrikas nach einem längeren die Trockenperiode beendenden Regen: die Gnus und die Kaffernbüffel, gefolgt von den Thompsongazellen und Antilopen, den Straußenvögeln und Sekretären, dahinter folgt eine Gruppe von Löwen, eine Familie von Geparden und ein einzelner Leopard, der seinerzeit verfolgt wird von einer Hyänenschar, was ziemlich lästig erscheint, ein Nashorn läuft auch einige Schritte mit und legt sich dann nieder, so dass es im hohen abgestorbenen Altgras fast unsichtbar wird.
Ein von Lichtflecken durchfluteter dichter Randwald zeigt im dritten Teil des Einladungsfilms das Reich der Paviane und Meerkatzen, die auf ihren Wohnbäumen mit einem hohen Lautpegel auf und ab turnen. Junge Paviane sind besonders bemüht, ihre Kletterkünste zu demonstrieren. Sie werden aber noch deutlich übertroffen von einigen Sippen von Meerkatzen, die ein Wettrennen durch die Kronen der Urwaldriesen veranstalten und .einen Protest der dort auch beheimateten Vögel auslösen. Als die Meerkatzen verschwunden sind, nimmt auch die Lautstärke wieder ab und geht über in das vom Wind bewegte Geflüster der Baumarten, deren Blätter von der gleichen Windstärke in unterschiedlicher Heftigkeit bewegt werden.
Der vierte Teil der Einladung zeigt das Reich der unterirdischen Tiere, die nur ab und zu an die Oberfläche kommen, und deshalb oft übersehen werden. Dabei ist unter der Erde viel mehr Platz als auf der Erde. Die Blattschneiderameisen transportieren auf ihren im Laub verborgenen Straßen ihre wie Fahnen im Wind wehenden Blattstücke in großer Eile und eilen zielstrebig in ihr Nest hinein, wo sie sorgfältig ihre Pilzgärten pflegen. Nach einem kurzen Einblick in die Höhlen der Termiten lädt eine ihrer Königinnen zu einer Ausstellung der Architekturgeschichte ihrer Burgen und Häuser ein.
Sie schreibt an den Löwenpräsidenten:
„Sehr geehrter Herr Löwenpräsident,
die Menschen sind sehr stolz darauf, dass sie große Häuser bauen und im Laufe ihrer Geschichte viele Arten von Häusern und Baustilen entwickelt haben, wobei aber doch sehr viele Häuser der Menschen langweilig gleich aussehen. Wir haben mit unseren Bauhäusern erreicht, dass auf der ganzen Welt nicht eines unserer Bauwerke dem anderen gleicht und alle in der Höhe und Breite, Länge und Tiefe unterschiedlich sind. Selbst Bussarde und Falken nutzen unsere Häuser als Stützpunkte und Aussichtsplattformen, was beweist, dass auch die Kleintiere Großes leisten können. Wir geben aber neidlos zu, dass im Reiche des Delfinkönigs die Riffkorallen noch viel gewaltigere Bauwerke errichten, aber sie haben es auch einfacher, denn sie brauchen nicht alles, so wie wir, mühsam heranzutransportieren, was zum Bauen notwendig ist. Das Landleben ist doch schwieriger als das Wasserleben.“
Die Szenen der Einladungsfilme wurden professionell bearbeitet, redigiert und mit einer Filmmusik begleitet, die aus den Lauten der Elemente und der Tiere zu einer Natursymphonie zusammenklangen. Der Krauskopfpelikan Crispus Donau nahm die Kassette in seinen Schnabel, prägte die genaue Anschrift des internationalen Olympischen Komitees der Menschen in Lausanne in der Schweiz ein und machte sich auf den Weg. Als er müde war, händigte er die Kassette dem Wanderalbatros Diogenes Atlantik aus, der mit höherer Reisegeschwindigkeit ein Großstück des Weges schaffte. Die letzte Etappe übernahm der Seeadler Hali Aetus, der die Kassette pünktlich, wie geplant und wie vorgesehen, am 10. Juni 2014 ablieferte und sich den Empfang bestätigen ließ.
Die Sonne stand noch tief im Morgenhorizont der Etoscha-Steppe, als die Teilnehmer einzogen. Vorne gingen als Teilnehmer für den100m Lauf drei Geparden über den harten Steppenboden, der an einzelnen Stellen von trockenen, stark abgefressenen Gräsern bedeckt war. Prüfend schauten sie sich nach allen Seiten um und begutachteten dabei die Ihnen in einigen Abständen folgenden drei menschlichen Olympiasieger bzw. Weltmeister, alle in den blau-weißen Trainingsanzügen der Menschenmannschaft. Sie versuchen auch Optimismus auszustrahlen, aber beim Anblick der Geparde verging ihnen die gute Laune und sie schauten ziemlich verbissen.
Wiederum in einigen Abständen folgten drei ausgewachsene Impalas für die Disziplin Weit Springen. Sie gingen sehr gemächlich, sicherten nach allen Seiten, blieben einige Sekunden stehen und trabten dann wieder an. Ihnen folgten die drei menschlichen Olympiasieger“. Unsere größte Chance besteht wohl darin, dass diese Impalas den Absprungbalken nicht treffen und übertreten“ meinte der Olympiasieger.
Danach folgte die Mannschaft für das Baumwipfelrennen: drei Makaken, denen drei Zirkusartisten als Vertreter der menschlichen Mannschaft folgten. Die Makaken schnitten Grimassen, da sie doch ziemlich aufgeregt schienen, während die Zirkusartisten als erfahrene Show-Leute nach allen Seiten ruhig lächelten und sich dabei offenbar doch Chancen in ihrem Wettbewerb ausrechneten. Begleitet von einem langsam wieder anschwellenden Konzert von Zuschauerrufen folgten für den Wettbewerb 400m Hürdenlauf drei Springböcke, die als Beweis ihres Könnens mehr sprangen als liefen, dabei in der Luft einige Drehungen und Wendungen vollführten, um anzudeuten, dass Hürden zu überspringen für sie ein Kleinigkeit war. Die Menschenkämpfer versuchten auch ein bisschen zu hüpfen, was Ihnen aber nicht überzeugend gelang.
Die Teilnehmer für „ Drei mal Springen“ waren drei Kängurus aus dem Norden Australiens, die noch etwas unter dem Jetlag litten, aber doch mit der einen oder der anderen Sprungbewegung andeuteten, dass sie keine Minderwertigkeitsgefühle gegenüber den Ihnen folgenden menschlichen drei Wettbewerbern hatten.
Kaum auszumachen war, was die Strauße dachten, die den 400 m Lauf bestreiten sollten und sich problemlos die Ihnen folgenden drei menschlichen Teilnehmer durch Wenden ihres beweglichen Halses ansehen konnten. Der letzte der Strauße beugte den Hals nach unten und sah unter den Flügeln hindurch sich die folgenden schnellsten Menschen dieser Strecke an. Vor jedem der Wettbewerbsgruppen wurde ein Schild bewegt. Da man sich nicht einigen konnte, ob es von einem Menschen oder einem tierischen Vertreter getragen werden sollte, hatte man kleine vierräderige Roboter dafür eingesetzt, die problemlos auch die Unebenheiten des Steppenbodens überwanden und ferngesteuert wurden. Der nächste Wettbewerb gehörte zu den neu eingeführten Disziplinen und lautete „Sich finden““, indem drei Ulysses-Schmetterlinge gegen die drei in Orientierungsläufen siegreichen menschlichen Vertreter kämpfen wollten. Die tolympischen Vertreter waren in der Luft kaum zu erkennen, was die Zuseher zu dem voreiligen Schluss kommen ließ, die Menschen hätten hier gar keine Gegner. Auch die nächste Gruppe war bei den tierischen Teilnehmern kaum zu erkennen, da sie schwarz und klein sich durch das Gras wühlten. Der Wettbewerb hieß „sich eingraben“.
Bei genauem Hinsehen war es dann doch zu erkennen, dass sich hier um drei Maulwürfe handelte, die auch nichts eiligeres zu tun hatten, als sich schnell an einer geeigneten Stelle in den Boden einzugraben. Die ihnen folgenden menschlichen Sieger (vom Beruf Gräberarbeiter) sahen mit Erstaunen sich ihre Konkurrenten genau an.
Beim Wettbewerb Tauziehen, dessen Teilnehmer jetzt folgten, waren für die tolympische Mannschaft viele Tiere gemeldet. Welche davon antreten würden blieb geheim.
Es marschierten ein: Esel, Giraffen, Faultiere (ganz langsam), Sekretär-Vögel, Madenhacker-Vögel, Nashörner, Füchse, Kodiakbären und Wühlmäuse. Ihnen folgten sechs menschliche Teilnehmer, die im Hauptberuf Sumo-Ringer waren und wegen ihrer starken Muskelpakete besonders gründlich bei den Doping-Kontrollen untersucht worden waren.
Zahlreiche weitere Mitglieder der menschlichen und tierischen Mannschaften hatten eine Genehmigung, dass sie an der Einweihungsfeier nicht teilnehmen mussten, um sich ganz auf die Wettbewerbe konzentrieren zu können.
Die Eröffnungsfeier der Wasser- und Luftwettbewerbe zwischen den Atollen von Tonga hatte naturgemäß einen anderen Charakter. Begleitet von einer wechselnden Mischung zwischen Meeresbrandung und Seevögelgesang und der Wassermusik von Händel zeigten tierische und menschliche Teilnehmer in bunter Mischung ihre Schwimmkünste, während die Morgensonne ihre Lichtspiele auf den flachen Wellenkämmen strahlte: Delphine und Schwertwale, Haifische und Thunfische, Kaiserfische und Karettschildkröten zeigten, was sie an Beweglichkeit leisten konnten. Übertroffen wurden sie natürlich von den Flugkünsten der Möwen und Albatrosse, der Kormorane und Seeadler. Die Pinguine und die Tintenfische wirbelten mit durch die Licht- und Schattenbänke der Korallenriffe, die die Symphonie ihrer Strukturen und Farben in bestem Licht erstrahlen ließen.
Den Wunschbildern von „Spielen“ kam die Eröffnungsfeier der Wasser- und Lufttiere näher, als die stärker eingeordnete Veranstaltung der Landtiere. Bei den menschlichen Olympiaden hatten Sommer- und Winterolympiaden aber auch eine sehr unterschiedliche Umgebung und Flair. Durch ausgezeichnete Unterwasseraufnahmen konnte auch die Eröffnungsfeier von Tonga mit gleicher Qualität den zuschauenden Menschen und Tieren auf diesem Planeten nahe gebracht werden und die Bild- und Tontechniker konnten zeigen, dass sie ihr Fach gelernt hatten.
„Tierisch schnelle Läufer und bärenstarke Werfer“
Wolf Dieter Poschmann
bei einer Übertragung vom Leichtathletik-Weltcup in Johannisburg 1998.
Die Laufstrecke war eine relativ ebene Fläche, ohne größere Wellen und Anstiege, mit kurz gemähtem Gras, frei von Erdlöchern, nach natürlichem Maßstab eine gute Laufebene, aber eben ein natürliches Gelände und nicht so ein Kunstprodukt, wie regendichte Tartanbahnen der menschlichen Olympiastadien. Da weniger als 1% der Oberfläche dieser Erde geglättet war, mit Laufbahnen und Straßen und ähnlichen Flächen, war diese Laufbahn also zu 99% natürlich.
Von den menschlichen Teilnehmern gab es deshalb auch keine Einwände. Die Wettbewerbsregel sah vor, dass im Vorlauf drei tierische Teilnehmer und drei menschliche Teilnehmer gegeneinander liefen. Die drei Besten sollten dann nochmals in einem Endlauf gegeneinander laufen.
Auf der ersten Bahn lief Fredi Ferlemann, ein Gepard aus Namibia, auf der zweiten Bahn der Goldmedaillengewinner von London, auf der dritten Bahn Guna Manscharo, ein Gepard aus Kenia, auf der vierten Bahn der Silbermedaillengewinner von London, auf der fünften Bahn Ugan Dada, ein Gepard aus Ruanda und auf der sechsten Bahn der amtierende Welt meister auf dieser Strecke.
Die Bahnen und die Ziellinien waren mit weißem Sand markiert, unterbrochen nur von einigen Leguminosenkräutern, die auf dem mageren Boden gut wuchsen. Als Zielrichter waren zwei scharfäugige menschliche Sportschützen (ohne Gewehr aber mit Gewähr) sowie zwei Wanderfalken aus Apulien eingeteilt.
Bereits zwei Stunden vor dem Wettkampfbeginn hatten sich die drei menschlichen Olympiasieger durch ein Aufwärmtraining gelockert, waren von ihren Masseuren behandelt worden, von ihren Trainern mit dem neuesten High Tech Programm zusätzlich gelockert und aufgewärmt und von dem Mannschaftspsychologen gestärkt worden.
Die drei Gepardenteilnehmer, Fredi, Guna und Ugan, dagegen, liefen nur locker in ihrem etwas erhöhten Lager zur Startlinie und nahmen dort Aufstellung.
„Glaubt ihr, dass die drei Olympiasieger gegen uns eine Chance haben?“
Fredis Frage ging auch Guna durch den Kopf.
„Wenn sie uns nicht durch irgendeine Masche ablenken oder betrügen, oder uns einen Verstoß gegen die Regeln nachweisen, glaube ich das nicht“ antwortete Guna.
„Ich weiß nicht, ob den Menschen das schnelle Laufen eigentlich Spaß macht. Sie sehen dabei immer so verbissen aus, sowohl vor dem Start, beim Starten selber, auch beim Laufen und nur auf den allerletzten Zentimetern und Metern geht manchmal ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. Das zeigt doch, dass ihnen das Laufen kein Spaß macht.“
Ugan Dada war sich seiner Sache ziemlich sicher.
