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Der Tod kennt keine Auszeit … Auf strikte Anweisung seines Arztes wird Inspector Wexford nach London geschickt, um sich dort eine Auszeit von seiner Arbeit als Ermittler zu nehmen. Die beschaulichen Tage finden jedoch ein abruptes Ende, als Wexford in der Zeitung lesen muss, dass ein junges Mädchen erdrosselt in einer Gruft aufgefunden wurde. Ausgerechnet sein Neffe, der ebenfalls als Polizist arbeitet, leitet die Ermittlungen. Gegen alle Widerstände schaltet sich Wexford in die Ermittlungen ein. Und als er die Verbindung der Toten zu einer religiösen Sekte aufdeckt, deren Anführer wegen sexuellen Missbrauchs inhaftiert wurde, verfolgt er diese finstere Spur unerbittlich … »Die brillanteste Krimiautorin unserer Zeit.« Bestsellerautorin Patricia Cornwell Preisgekrönte und feingezeichnete psychologische Spannung für die Leserinnen und Leser von Robert Galbraith und Deborah Crombie – alle Bände der »Inspector Wexford«-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden. In Band 8 macht Inspector Wexford während eines Musikfestivals einen grauenvollen Fund …
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2026
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eBook-Neuausgabe Januar 2026
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1972 unter dem Originaltitel »Murder Being Once Done« bei Hutchinson Ltd., London.
Copyright © der englischen Originalausgabe 1972 by Ruth Rendell
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1996 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Frank Wagner und AdobeStock/M. Gierczyh, malik studio
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (mk)
ISBN 978-3-96898-359-2
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Ruth Rendell
Kriminalroman: Inspector Wexford ermittelt 7
Aus dem Englischen von Ilse Bezzenberger
Für Frits und Nelly Twiss
Die Kranken pflegen sie mit großer Hingabe, und sie unterlassen nichts, wodurch sie ihnen wieder zur Gesundheit verhelfen können, sei es durch Arzeneien oder durch Diät.
Als Wexford an diesem Morgen die Treppe hinunterstieg, war sein Neffe schon fort zum Dienst, und die Frauen bereiteten ihm mit dem teuflischen Eifer von Amateur-Diätetikern ein Rekonvaleszentenfrühstück zu. So war es bisher jeden Tag gewesen, seit er in London angekommen war. Bis zehn hielten sie ihn im Bett; sie ließen ihm das Badewasser ein, und eine von ihnen wartete am Fuß der Treppe auf ihn, die Hand ausgestreckt für den Fall, daß er fiele, ein idiotisches Lächeln der Ermutigung auf dem Gesicht.
Die andere – an diesem Morgen war es Denise, die Frau seines Neffen – thronte vor dem mageren Angebot auf dem Eßzimmertisch. Wexford nahm das »Frühstück« grimmig in Augenschein: Zwei Stück runder Zwieback, offensichtlich aus Sägemehl und Leim kreiert, ein Klecks ungesättigtes Streichfett, eine halbe Grapefruit ohne Zucker, schwarzer Kaffee und als Krone des Horrors ein Glas wabblig bleicher Substanz, von der er annahm, daß es Joghurt sein könnte. Seine eigene Frau trottete von ihrem Posten als Treppenwächter hinter ihm her und hielt ihm zwei weiße Pillen und ein Glas Wasser hin.
»Diese Diät wird noch mein Tod«, sagte er.
»Ach, ist doch gar nicht so schlimm. Stell dir mal vor, du wärst auch noch Diabetiker.«
»Wer«, deklamierte Wexford, »kann ein Feuer tragen in der hohlen Hand – allein in dem Gedanken an den Frost des Kaukasus?«
Er schluckte die Pillen, und nachdem er seine Verachtung für das Joghurt gezeigt hatte, indem er es mit seiner Serviette zudeckte, fing er unter ihren besorgten Blicken an, die saure Grapefruit zu essen.
»Wohin wirst du heute Morgen deinen Spaziergang machen, Onkel Reg?«
Er hatte bereits Carlyles Haus besichtigt; er hatte die King’s Road erkundet, wobei er gleichermaßen die Läden, als auch die Leute, die darin einkauften, bestaunt hatte,– er hatte am Eingang des Stamford Bridge-Fußballfeldes gestanden und allen Ernstes Alan Hudson gesehen; er war über jeden einzelnen der schönen kleinen Plätze von Chelsea gegangen, hatte die eindrucksvolle Größe von The Boltons bewundert und die malerischen Winkel von Walham Green,– mit schmerzenden Füßen war er durch die Chenil Galleries und den Antique-market gelaufen. Sie wollten ja unbedingt, daß er spazieren ging. An den Nachmittagen drängten sie ihn, zusammen mit der U-Bahn oder dem Taxi ins Natural History-Museum zu gehen, zum Brompton Oratory und zu Harrods. So lange er nicht zu viel nachdachte oder sein Gehirn unnötig viel belastete, spät aufblieb oder gar versuchte, in einen Pub zu gehen, schmeichelten sie ihm mit einer Art nachsichtigen Spottes. »Wo ich heute Morgen hingehe?« meinte er. »Vielleicht mal runter zum Embankment.«
»Ach ja, tu das. Was für eine gute Idee!«
»Ich dachte, ich könnte mir mal die Statue ansehen.«
»St. Thomas«, sagte Denise, die katholisch war.
»Sir Thomas«, erwiderte der nicht katholische Wexford.
»St. Thomas, Onkel Reg.« Denise nahm unauffällig das unsaturierte Streichfett weg, ehe Wexford zu viel davon essen konnte. »Und heute Nachmittag, wenn es nicht zu kalt ist, gehen wir alle zusammen und schauen uns ›Peter Pan‹ in den Kensington Gardens an.«
Aber es war kalt, beißend kalt und ziemlich neblig. Er war froh über den Schal, den seine Frau ihm um den Hals gewickelt hatte, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, wenn sie ihm dabei nicht so jammervoll mitleidig in die Augen geblickt hätte, so als fürchte sie, das nächste Mal werde sie ihn in einer Schublade des Leichenschauhauses wiedersehen. Er fühlte sich nicht krank, nur gelangweilt. Heute Morgen waren wenige der Leute unterwegs, die ihn sonst so amüsierten mit ihren flatternden Haaren, den Perlen und mittelalterlichen Eisenketten, mit ihren blumenbemalten Stiefeln und den zottigen Mänteln, die sie aussehen ließen wie zottige afghanische Hunde. An solch einem Vormittag trafen sich diese jungen Leutchen, die sonst gleichgültig an ihm vorüberwimmelten, wohl eher in den kleinen Cafés mit Namen wie Friendly Frodo und The Love Conception.
Die Theresa Street, wo das Haus seines Neffen stand, lag an der Grenze zum eleganten Chelsea oder eigentlich außerhalb, wenn man der Meinung war, daß die King’s Road im Grunde an der Beauford Street zu Ende sei. Allmählich entwickelte Wexford für solche lokalen Spitzfindigkeiten ein Gespür. Mit irgendwas mußte er ja sein Gehirn schließlich in Gang halten. Er überquerte also die King’s Road am Ende der Welt und ging zum Fluß hinunter.
Er war bleifarben heute Morgen, am 29. Februar. Der Nebel raubte dem Damm alle Farbe, und selbst die Albert Bridge, deren blau-weiße Schlankheit er so liebte, hatte ihr Wegdewood-Flair eingebüßt und schimmerte als bräunliches Gerippe durch den Dunst. Er wanderte über die Brücke hinüber und wieder zurück, überquerte dann die Straße, und er blinzelte mit dem Auge und rieb es. Aber sein Auge war in Ordnung, bloß dieser kleine blinde Fleck störte ihn. Es fühlte sich bloß so wie ein unbewegliches Staubkörnchen an, und er vermutete, so werde es wohl auch in Zukunft bleiben.
Die sitzende Statue ihm gegenüber erwiderte seinen Blick mit dunstverschleierter Freundlichkeit. Sie schien vertieft in Dinge des Staates, Dinge von Anstand und Sitte, utopische Dinge. Mit seinem Auge und bei diesem Nebel mußte er näher herantreten, um zu erkennen, daß es tatsächlich eine farbige Statue war, nicht nur aus nackter Bronze oder Stein, sondern schwarz und gold bemalt.
Er hatte sie noch nie gesehen, aber er kannte natürlich Bilder des Philosophen, Staatsmanns und Märtyrers, vor allem Holbeins Zeichnung von Sir Thomas und seiner Familie. Bis jetzt aber war ihm die große Ähnlichkeit dieses im Bild verewigten Antlitzes mit einem ihm bekannten, lebenden Gesicht noch nie aufgefallen. Man brauchte nur den heiligen Ernst dieser Augen gegen ein spöttisches Glitzern auszutauschen, dachte er, diese milde resignierten Lippen gegen die Kurven der Ironie, und schon war es Dr. Crocker, wie er leibte und lebte.
Wexford fühlte sich wie Ahab in Naboths Weinberg, und laut redete er ihn an:
»So hast du mich gefunden, oh, mein Feind?«
Sir Thomas fuhr fort, über den idealen Staat nachzudenken, oder auch über die Gefahren der Reformation. Sein Gesicht schien – ein Werk des Nebels vielleicht – noch ernster geworden zu sein, ja geradezu Strafe androhend. Es hatte jetzt genau den Ausdruck wie Crockers Gesicht an jenem Sonntag in Kingsmarkham, als er eine Thrombose im Auge seines Freundes diagnostiziert hatte.
»Weiß Gott, Reg, ich hab dich oft genug gewarnt. Ich hab dir gesagt, du sollst abnehmen, ich hab dir gesagt, du sollst die Dinge leichternehmen. Und wie oft hab ich dir gesagt, du sollst das Saufen lassen?«
»Na schön. Und was jetzt? Werd ich noch eine kriegen?«
»Wenn ja, dann kann es in deinem Gehirn passieren, wo sich ein Gerinnsel festsetzt, nicht im Auge. Du solltest dich schleunigst irgendwohin verziehen, wo du totale Ruhe hast. Einen Monat weit weg von hier, das rate ich dir.«
»Ich kann nicht für einen ganzen Monat weg!«
»Warum nicht? Niemand ist unersetzlich.«
»O ja, manch einer doch. Nimm Winston Churchill, nimm Nelson!«
»Das Schlimme bei dir ist außer dem hohen Blutdruck dein Größenwahn. Fahr mit Dora an die See.«
»Im Februar! Außerdem, ich hasse die See. Und aufs Land fahren kann ich nicht. Ich leb schon auf dem Lande.«
Der Arzt nahm sein Sphygmomanometer aus der Tasche, krempelte schweigend Wexfords Hemdsärmel auf und befestigte das Instrument an seinem Arm. »Das Beste wäre vielleicht«, meinte Crocker, ohne sich über das Meßergebnis auszulassen, »ich schicke dich auf die Gesundheitsfarm meines Bruders in Norfolk.«
»O Gott! Was soll ich da wohl den ganzen Tag mit mir anfangen?«
»Wenn du erst mal drei Tage lang nichts weiter genossen hast als Orangensaft und Saunabäder«, sagte Crocker sanft, »dann hast du gar nicht mehr die Kraft, was zu tun. Der letzte Patient, den ich dort hingeschickt habe, war zu schwach, um den Telefonhörer zu heben und seine Frau anzurufen. Dabei war er erst seit einem Monat verheiratet und sehr verliebt.«
Düster und eingeschüchtert blickte Wexford den Arzt an. »Gott schütze mich vor meinen Freunden! – Ich will dir mal was sagen, ich fahre nach London. Wie findest du das? Mein Neffe lädt uns schon dauernd ein. Du weißt, welchen ich meine, den Sohn meiner Schwester, Howard, Superintendent bei der Polizei. Der hat ein Haus in Chelsea.«
»In Ordnung. Aber keine langen Nächte, Reg. Kein süßes Leben in London. Keinen Alkohol. Ich geb dir einen Diätplan über tausend Kalorien pro Tag mit. Das klingt nach viel, aber glaub mir, das ist es nicht.«
»Glattes Verhungern ist das«, sagte Wexford zu der Statue.
Er fing an zu frösteln, während er dort herumstand und grübelte. Zeit, nach Hause zu gehen, zu der verordneten Ruhe vor dem Essen und dem Glas Tomatensaft, das sie ihm immer verpaßten. Aber so viel war sicher, an irgendwelchen ›PeterPan‹-Expeditionen beteiligte er sich hinterher nicht. Er glaubte nicht an Märchen, und eine Statue pro Tag war genug. Eine Busfahrt vielleicht. Aber nicht mit dem, den er eben die Cremore Road entlangtrudeln sah mit Zielrichtung Kenbourne Vale. Howard hatte nämlich in seiner freundlich bestimmten Art unmißverständlich klargestellt, daß dies ein Londoner Distrikt war, in dem sein Onkel nicht willkommen sei.
»Und komm mir ja nicht auf die Idee, mit deinem Neffen übers Busineß zu fachsimpeln«, waren Crockers Abschiedsworte gewesen. »Du mußt dich eine Weile aus dem ganzen Kram raushalten. Was hast du gesagt, wo sein Herrschaftsbereich ist? Kenbourne Vale?«
Wexford nickte. »Lausige Gegend, hab ich gehört.«
»Schlimmer geht’s gar nicht. Ich war dort während meiner Ausbildung am St. Biddulph’s-Krankenhaus.« Wie immer, wenn er auf seine jungen und wilden Jahre in der Hauptstadt zu sprechen kam, setzte Crocker seine Doktor-Allwissend-Miene auf, und seine Stimme wurde väterlich herablassend. »Dort gibt es einen riesigen Friedhof, größer als Kensal Green und noch bizarrer als Brompton, mit mächtigen Mausoleen – ein paar mindere Abkömmlinge aus königlichem Geblüt liegen dort begraben – und die geriatrische Abteilung des Krankenhauses geht genau auf den Friedhof hinaus, um den armen Alten zu zeigen, welches ihre nächste Station sein wird. Abgesehen davon besteht die ganze Gegend aus kilometerlangen heruntergekommenen Häuserreihen, in denen zwei Sorten Menschen hausen: Dreigroschenoper-Gauner und die unverdient Armen.«
»Ich glaube allerdings«, konterte Wexford leicht ironisch, »das hat sich in den dazwischenliegenden dreißig Jahren vielleicht geändert?«
»Jedenfalls muß dich das ja auch gar nicht interessieren«, gab der Arzt barsch zurück. »Ich will auf keinen Fall, daß du deine Nase in die Kriminalität von Kenbourne Vale steckst. Du wirst dich also eventuellen Aufforderungen deines Neffen gegenüber gefälligst taub stellen.«
Aufforderungen! Wexford lachte bitter in sich hinein. Sich taub zu stellen, wo Howard in den zehn Tagen seit seiner Ankunft kein einziges Wort gesprochen hatte, das auch nur darauf hindeutete, daß er Polizist war, ganz zu schweigen etwa von einem Vorschlag, ihn mal im Revier zu besuchen oder ihn mit seinem Inspektor bekannt zu machen.
Nicht daß er unaufmerksam gewesen wäre; Howard war die Zuvorkommenheit selbst, der umsichtigste Gastgeber, den man sich denken konnte, und was die Gespräche betraf, äußerst ehrerbietig und zurückhaltend, auch bei dem Thema Literatur, trotz seines Cambridge-Examens. Bloß was das Thema betraf, welches seines Onkels Herzen (und seinem eigenen vermutlich auch) am nächsten lag, da war er entmutigend schweigsam.
Der Grund dafür lag klar auf der Hand. Ein Detective Superintendent, der bei der Londoner Kriminalpolizei eine hohe Stellung innehatte, hielt es für unter seiner Würde, mit einem Chief Inspector aus Sussex Dienstliches zu besprechen. Männer, die Häuser in Chelsea geerbt hatten, ließen sich nicht mit Leuten ein, die in der Provinz ein Häuschen mit drei Schlafzimmern bewohnten. Das war nun mal der Lauf der Welt.
Howard war ein Snob. Ein freundlicher, aufmerksamer, nachdenklicher Snob, aber eben doch ein Snob. Und das war auch der Grund, weshalb Wexford wünschte, er wäre lieber an die See gefahren oder auf diese Gesundheitsfarm. Als er in die Theresa Street einbog, fragte er sich, wie er noch einen weiteren Abend in Denises elegantem Wohnzimmer ertragen sollte, wo die Frauen über Kleider und Küche tratschten, während er und Howard Belanglosigkeiten über das Wetter und die Sehenswürdigkeiten von London austauschten, hie und da vermengt mit ein paar Bröckchen Eliot.
»Du mußt dir unbedingt ein paar Kirchen der City ansehen, während du hier bist.«
»St. Magnus Martyr, weiß und golden ...?«
»St. Mary Woolnoth, die die Stunden zählt mit hohlem Klang auf dem letzten Schlag der Neun ...!«
O Gott, und das noch nahezu vierzehn Tage!
Ohne ihn wollten sie auch nicht zu ›Peter Pan‹ gehen. Dann ein andermal, meinten sie und begnügten sich ohne allzu großes Bedauern damit, stattdessen zu Harvey Nichols Modenschau zu gehen. Er schluckte seine Pillen, aß seinen gedünsteten Fisch und den Obstsalat und sah ihnen nach, wie sie das Haus verließen, jede angemessen herausgeputzt, wie es sich für dreißig und für fünfundzwanzig Jahre geziemte. Denise in dunkelrotem Samt mit Federn und Bilderbuchhut, Dora in dem Zuchtnerz, den er ihr zur Silberhochzeit geschenkt hatte. Sie kamen gut miteinander zurecht, die beiden. Abgesehen von ihrer gemeinsamen Entschlossenheit, ihn wie einen zurückgebliebenen Sechsjährigen mit erblich bedingter Krankheit zu behandeln, schienen sie auch in allem, was weiblichen Geschmack betraf, übereinzustimmen.
Alle kamen sie gut zurecht, bloß er nicht: Crocker mit seiner Siebzig-Zentimeter-Taille; Mike Burden im Kingsmarkhamer Polizeipräsidium, der sich an das Gefühl gewöhnte, Last und Würde seines – Wexfords – Amtes auf den Schultern zu spüren und Geschmack daran fand; Howard, der jeden Morgen zu seinem sorgsam verschwiegenen Job aufbrach, der wohl mehr mit Whitehall zu tun hatte als mit den Knästen von Kenbourne Vale, trotz allem, was er seinem Onkel erzählte, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen.
Aber Selbstmitleid führte zu nichts. Er mußte dies hier eben nicht als Urlaub betrachten, sondern als Erholungskur. Es war Zeit, all die schönen Visionen zu vergessen, die er im Zug nach London gehabt hatte, Bilder, wie er Howard bei seinen Ermittlungen half, wie er ihm gar – er errötete bei der Erinnerung daran – diesen und jenen kleinen Ratschlag erteilte. Crocker hatte recht gehabt, er litt wirklich an Anfällen von Größenwahn.
Und in dieser Hinsicht hatte er hier einiges einstecken müssen. Allein schon das Haus hatte gereicht, einen Provinzler auf das rechte Maß zusammenzustauchen. Es war nicht mal ein großes Haus, aber schließlich war auch das Taj Mahal nicht sehr groß. Was ihn so verunsicherte und ihn wie auf Katzenpfötchen umhertappen ließ, war die exquisite Ausstattung: das fragile Mobiliar, chinesisches Porzellan, das auf winzigen Tischchen balancierte, Wandschirme, die er immer um Haaresbreite umwarf, und dann Denises Blumenarrangements – unirdisch, exotisch, befremdlich zusammengestellt, irritierten sie ihn, denn nahezu täglich erschien ein frisches Gesteck. Nie konnte er sicher sein, ob eine Rosenknospe absichtlich in so nachlässiger Weise auf der Marmorplatte eines Tisches liegen sollte, oder ob er selbst sie womöglich mit seinen plumpen Händen versehentlich aus dem Strauß ihrer Schwestern in der Majolicavase herausgerissen hatte.
Die Temperatur des Hauses war – so konstatierte er, leicht übertreibend, im Stillen – wie an einem griechischen Strand im August um die Mittagszeit. Wenn man die Figur dazu besaß, hätte man glatt im Bikini herumlaufen können. Er wunderte sich, daß Denise, die sie hatte, es nicht tat. Und wie bloß die Blumen das überlebten, die Narzissen, die gequält zwischen den Avocadopflanzen standen?
Nachdem er seine Ruhestunde mit hochgelagerten Füßen hinter sich hatte, nahm er die beiden Bibliotheksausweise, die Denise ihm hingelegt hatte und ging die Manresa Road hinunter. Bloß raus aus diesem Haus! Es deprimierte ihn mit seiner wunderschönen, warmen, langweiligen Stille.
Warum fuhr er eigentlich nicht nach Hause?
Dora konnte ja noch hierbleiben, wenn sie mochte. Er dachte an zu Hause mit einem Knurren in den Eingeweiden, das nur zum Teil vom Hunger herrührte. Zu Hause ... Die grünen Wiesen von Sussex, der Kiefernwald, die High Street, wimmelnd von Leuten, die er kannte und die ihn kannten, das Polizeipräsidium und Mike, der sich freute, daß er wieder da war,– sein eigenes Haus, kalt wie ein englisches Haus sein mußte, außer unmittelbar vor dem einzigen, großen, prasselnden Feuer,– anständiges Essen, anständiges Bett und im Kühlschrank die heimlichen Bierdosen.
Immerhin, ein paar Bücher konnte er sich ja trotzdem ausleihen, etwas zum Lesen für die Zugfahrt. Später konnte er sie per Post an Denise zurückschicken. Er suchte sich einen Roman aus und außerdem, weil er jetzt das Gefühl hatte, den alten Burschen persönlich zu kennen, nachdem er so eine Art Unterhaltung mit ihm geführt hatte, Thomas Mores ›Utopia‹. Danach hatte er rein gar nichts mehr zu tun, und so ließ er sich für eine ganze Weile in der Bibliothek nieder, ohne jedoch die Bücher auch nur aufzuschlagen. Er dachte an zu Hause.
Es war beinahe fünf, als er fortging. Er kaufte sich eine Abendzeitung, mehr aus Gewohnheit als aus dem Bedürfnis, sie zu lesen. Auf einmal wurde ihm klar, daß seine Müdigkeit der schleppende Stumpfsinn eines Menschen war, der nichts anderes zu tun hatte, als die Stunden zwischen dem Aufstehen und dem Schlafengehen irgendwie totzuschlagen.
Zu Fuß bis zur Theresa Street, das war ein langer Weg – zu lang. Er hielt ein Taxi an, sank in die Polster und faltete die Zeitung auseinander.
Von der Mitte der Titelseite her starrte ihn das knochige, fast kadaverhafte Gesicht seines Neffen an.
Man errichtet ein Denkmal auf der Grabstätte mit den Ehrentiteln des Verstorbenen.
Die Frauen waren noch nicht zurück. Die lähmende Hitze, die ihm wie ein tropischer Luftschwall entgegenfuhr, als er das Haus betrat, machte ihm zu schaffen. Er setzte sich, nahm seine neue Brille und las die Zeilen unter dem Zeitungsfoto.
Detective Superintendent Howard Fortune, Chef der Kriminalpolizei des Distrikts Kenbourne Vale, der den Fall übernommen hat, bei der Ankunft auf dem Kenbourne Vale-Friedhof, wo die Leiche des Mädchens gefunden wurde.
Der Fotograf hatte Howard geknipst, als er aus seinem Wagen stieg, eine Frontalaufnahme. Darunter war ein weiteres Foto, makaber und abstoßend. Wexford blickte rasch weg, um sich nicht vereinnahmen zu lassen, und wandte seine Aufmerksamkeit der Reportage zu, dem Aufmacher des Blattes. Er las ihn langsam und bedächtig.
Heute Morgen wurde in einem Mausoleum des Friedhofs von Kenbourne Vale, West London, die Leiche eines jungen Mädchens entdeckt. Die Tote wurde später als die etwa zwanzig Jahre alte Miss Loveday Morgan aus der Garmisch Terrace, W. 15 identifiziert.
Gefunden wurde sie von Mr. Edwin Tripper aus dem Kensington Lane, einem Friedhofswärter, der das Grabgewölbe einer monatlichen Routineinspektion unterzog. Detective Superintendent Fortune erklärte: »Es handelt sich hier mit Sicherheit um ein Verbrechen. Mehr kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht sagen.«
Mr. Tripper berichtete folgendes: »Das Grabgewölbe ist Eigentum der Familie Montfort, das waren früher mal wichtige Leute in Kensington. Irgendein Geldbetrag wurde einem Treuhänder übergeben, um das Mausoleum instandzuhalten, aber das Schloß an der Eingangstür zum Gewölbe ist schon seit Jahren kaputt. Heute Morgen wollte ich also, wie immer am letzten Dienstag eines Monats, reingehen, um den Boden zu fegen und ein paar Blumen auf den Sarg von Mrs. Viola Montfort zu legen. Die Tür war fest zu, und sie klemmte. Ich mußte Werkzeug benutzen und sie mit Gewalt öffnen. Als ich sie offen hatte, ging ich die Stufen runter, und da sah ich die Leiche dieses Mädchens zwischen den Särgen von Mrs. Viola Montfort und von Captain James Montfort liegen.
Ich kriegte einen entsetzlichen Schreck. Das ist ja schließlich auch der letzte Ort, wo man ’ne Leiche vermuten würde!«
Wexford mußte darüber ein wenig schmunzeln, aber das Foto des Grabgewölbes ließ ihn gleich wieder frösteln. Es war ein monströses Mausoleum, erbaut offenbar während der Blütezeit der Neugotik. Auf seinem Dach lagen zwei riesige getötete Löwen, über denen sich triumphierend die Statue eines Kriegers aufreckte, das Ganze ausgeführt in schwarzem Eisen. Möglich, daß einer der Montforts ein Großwildjäger gewesen war. Unterhalb dieser Figurengruppe stand die mit heroischen Fresken bemalte Tür halb offen, dahinter gähnte undurchdringliches Dunkel. Stechpalmen, diese Bäume, von denen Friedhofsarchitekten so viel hielten, wölbten ihre staubigen, immergrünen Wedel über dem Mausoleum und verhüllten des Kriegers Haupt.
Es war ein gutes Foto. Beide Fotos waren gut, auch das von Howard. Es zeigte in seinen Augen jenen Scharfblick und jene leidenschaftliche Entschlossenheit, die jeder gute Polizeibeamte haben sollte, die Wexford jedoch bisher an seinem Neffen noch nie bemerkt hatte. Und auch nie bemerken würde, dachte er, und ließ die Zeitung seufzend sinken. Er traute sich gar nicht, auch noch den Rest der Reportage zu lesen. Wetten, daß Howard zum Abendessen nach Hause kam, seine Frau küßte, sich erkundigte, was seine Tante eingekauft hatte und besorgt nach der Gesundheit seines Onkels fragte, als ob nichts geschehen sei? Wenn einer diese Abendzeitung schlichtweg ignorieren würde, dann er. Er würde sie einfach klammheimlich verschwinden lassen, und der Status quo wäre wiederhergestellt, für immer und ewig.
Aber jetzt wäre es noch schlimmer. Jetzt konnte Howard ihm nun wirklich nichts mehr vormachen, und sein fortgesetztes Schweigen würde nur beweisen, was Wexford bereits vermutete, nämlich daß er seinen Onkel für einen ausrangierten Altvorderen hielt, eben noch gut genug vielleicht, einen ländlichen Ladendieb zu schnappen oder eine Bande von Gaunern bei ihren heimlich veranstalteten Hahnenkämpfen in den South Downs aufzustöbern.
Er mußte eingedöst sein, und er hatte wohl ziemlich lange geschlafen. Als er aufwachte, war die Zeitung fort, und ihm gegenüber saß Dora mit seinem Abendessen auf einem Tablett, kaltes Huhn und schon wieder von diesem verdammten Zwieback, und dann dieser Quark und die beiden weißen Pillen.
»Wo ist Howard?«
»Er ist gerade erst nach Hause gekommen, Liebling. Wenn er mit dem Essen fertig ist, will er herkommen und mit dir den Kaffee trinken.«
Und übers Wetter reden?
Tatsächlich, es war das Wetter, womit er anfing.
»Zu dumm, daß wir gerade jetzt diese Kältewelle haben, Reg.« Er nannte seinen Onkel nie Onkel, und es hätte wohl auch in die Höhe gezogene Augenbrauen gesetzt, wenn er es getan hätte, denn Howard Fortune mit seinen sechsunddreißig Jahren sah aus wie fünfundvierzig. Die Leute interessierten sich verstohlen für den Altersunterschied zwischen ihm und seiner Frau, nicht ahnend, daß er bloß sechs Jahre betrug. Howard war ungewöhnlich groß, außerordentlich dünn, und sein hageres, knochiges Gesicht war voller Falten, aber wenn er lächelte, wurde es charmant und nahezu schön. Man sah, daß sie Onkel und Neffe waren. Auch hier das Wexford-Gesicht, der gleiche Knochenaufbau, obgleich diese Knochen im Fall des Jüngeren beinahe fleischlos, beim Älteren dagegen unter Polstern und schweren Kinnbacken verborgen waren. Jetzt, als er Wexford Kaffee einschenkte und ihm die Tasse hinstellte, lächelte Howard.
»Ich sehe, du hast da die ›Utopia‹.«
Nicht gerade eine Bemerkung, die man von einem Mann erwartete, der seinen Tag mit den ersten Ermittlungen eines Mordfalls zugebracht hatte. Aber danach sah Howard auch ganz und gar nicht aus. Sein silbergrauer Anzug und das Beale-and-Inman-Hemd waren doch sicherlich die Kleidung, die er heute Morgen angezogen hatte, dabei sahen sie aus, als kämen sie frisch aus der Hand eines Kammerdieners. Seine dünnen, geschmeidigen Finger, die über den Ledereinband von Mores Klassiker fuhren, sahen aus, als hätten sie nie mit derberen Dingen zu tun als mit alten Büchern. Nachdem er seinem Onkel ein Kissen hinter den Kopf gestopft hatte, fing er an, sich über ›Utopia‹ auszulassen, über die Übersetzung von Ralph Robinson von 1551, über Mores Freundschaft mit Erasmus von Rotterdam, gelegentlich innehaltend, um bescheidene Artigkeiten wie »was du natürlich längst weißt, Reg« einzuflechten. Er sprach über andere ideale Gesellschaften in der Literatur, über Andreaes ›Christianopolis‹, über Campanellas ›Stadt der Sonne‹ und über Butlers ›Eriwan‹. Sein Monolog war angenehm und zeugte von Belesenheit, und manchmal machte er eine Pause, um Wexford Gelegenheit zu einem Kommentar zu geben, aber Wexford sagte nichts.
Er kochte innerlich vor Wut. Dieser Howard war nicht bloß ein Snob, er war ungeheuer grausam, ein Sadist. Hier zu sitzen und wie ein Professor über idealistische Philosophie zu dozieren, wo sein Gehirn mit dem Gegenteil voll sein mußte, wo er doch wußte, daß sein Onkel nicht nur die ›Utopia‹ mitgebracht hatte, sondern auch jene »Dystopia«, über die sich die Zeitung lang und breit ausgelassen hatte! Und das war nun der kleine Junge, dem er, Wexford, beigebracht hatte, Fingerabdrücke zu nehmen!
Das Telefon klingelte draußen in der Diele, und Denise nahm ab, aber Wexford sah sehr wohl, wie Howard auf dem Sprung war. Er sah, wie sich das Gesicht seines Neffen spannte, und als Denise hereinkam, um ihrem Mann zu sagen, es sei für ihn, da bemerkte er sehr wohl das stumme Signal zwischen ihnen, das winzige Kopfschütteln auf Howards Seite, welches bedeutete, daß dieser Anruf und alles, was damit zusammenhing, vor ihrem Gast geheimgehalten werden mußte. Natürlich war es jemand von Howards Untergebenen, der da anrief, um ihm irgendwelche neuen Entwicklungen mitzuteilen. Trotz seiner Verstimmung brannte Wexford darauf zu wissen, was für neue Entwicklungen das wohl sein mochten. Er lauschte auf Howards murmelnde Stimme in der Diele, aber er konnte keine Worte unterscheiden. Alles, was er tun konnte, war, sich zu beherrschen und nicht die Tür aufzumachen, und später, wenn Howard zurückkäme, ihn direkt zu befragen. Aber er wußte schon, wie die Antwort ausfallen würde.
»Du wirst dir doch mit diesem Kram nicht den Kopf belasten wollen.«
Er wartete gar nicht, bis Howard zurückkam. Er nahm ›Utopia‹ und ging rasch zur Treppe, wobei er Denise ein kurzes »Gute Nacht!« zurief und seinem Neffen zunickte, als er an ihm vorüberging. Das Bett war heute der beste Ort für einen alten Trottel wie ihn. Er kroch zwischen die Laken und setzte seine Brille auf. Dann schlug er das Buch auf. Seine Augen fühlten sich wieder so seltsam verändert an, aber solch einen Streich konnten ihm die Augen doch wohl nicht spielen ...? Er starrte in das Buch und knallte es zu.
Es war lateinisch.
Er träumte eine Menge in dieser Nacht. Er träumte, Howard hätte nachgegeben und ihn höchstpersönlich zum Kenbourne Vale-Friedhof gefahren, um gemeinsam mit ihm die Montfort-Gruft zu inspizieren, und als er aufwachte, erschien es ihm ganz und gar unmöglich, nach Hause zu fahren, ohne sie tatsächlich gesehen zu haben. Dieser Mord würde, eine Weile wenigstens, selbst in Kingsmarkham Gesprächsthema sein. Wie sollte er Mike erklären, daß man ihn von allem, was damit zusammenhing, ausgeschlossen hatte? Daß er bei dem Mann gewohnt hatte, der dafür zuständig war, und doch nicht mehr erfahren hatte als ein beliebiger Zeitungsleser? Sollte er vielleicht lügen? Sollte er sagen, es habe ihn nicht interessiert? Sein Temperament revoltierte bei dem bloßen Gedanken.
Sollte er also die Wahrheit sagen, nämlich daß Howard sich geweigert hatte, ihn einzuweihen?
Um zehn an diesem Morgen ging er nach unten, wo sich die übliche Pantomime abspielte. Geschroteter Weizen und Orangensaft und diesmal Denise, die am Fuß der Treppe wartete. Ansonsten war es dasselbe wie jeden Morgen.
Ohne daß er es ihr erzählt hatte, war Dora dahintergekommen, daß die ›Utopia‹ lateinisch war, und die beiden machten bereits Pläne, ihm eine englische Übersetzung zu verschaffen. Denises Schwägerin arbeitete in einer Buchhandlung und würde ihm eine Taschenbuchausgabe besorgen, und – doppelt hält besser – sie selbst würde in die Bibliothek gehen und die Ralph Robinson-Übersetzung bestellen.
»Ihr braucht euch nicht all die Mühe für mich zu machen«, sagte Wexford.
»Wohin gehst du heute Vormittag spazieren, Onkel Reg? «
»Victoria«, antwortete er, ohne hinzuzufügen, daß er zum Bahnhof wollte, um die Zugverbindungen zu erkunden, und ebenso schweigend nahm er ihr basses Erstaunen hin, daß er so weit laufen wolle.
Laufen würde er natürlich nicht. Da fuhr bestimmt ein Bus. Der Elfer, dachte er, Elfer fuhren ja zu Dutzenden in der Gegend rum – bloß nicht, wenn man einen brauchte. Heute schienen sich Elfer und Zweiundzwanziger im Streik zu befinden, während Dutzende in Richtung Kenbourne Vale über die King’s Road herankamen und den Gunter Grove hinunterfuhren.
Er verspürte so eine verdammte Lust, diesen Friedhof einmal zu sehen. Howards Leute würden inzwischen dort fertig sein, und schließlich konnte jeder, der wollte, Friedhöfe besuchen. Dann konnte er, wenn er nach Hause kam, Mike doch wenigstens die Gruft beschreiben und sagen, es sei doch zu dumm gewesen, daß er gerade zu diesem Zeitpunkt hätte abfahren müssen. Victoria Station konnte warten. Außerdem konnte er dort ja auch telefonisch anfragen.
KENBOURNE LANE STATION stand auf dem nächsten Bus. Wexford traute sich nicht, nach dem Friedhof zu fragen, damit der lächelnde Schaffner von den westindischen Inseln ihn nicht für einen der sensationslüsternen Gaffer hielt – in London fühlte er sich irgendwie unsicher, gewissermaßen eines Quentchens seiner Identität beraubt –, deshalb verlangte er: »Endstation bitte«, und lehnte sich in seinen Sitz zurück, damit es aussähe, als beherzige er den abgedroschenen Ratschlag für Touristen, nämlich, die beste Art, London kennenzulernen, sei vom Oberdeck eines Busses aus.
Dieser hier fuhr zur Holland Park Avenue hinauf und dann den Ladbroke Grove entlang. Kaum war der Bus in den Elgin Crescent eingebogen, verlor Wexford die Orientierung. Er fragte sich, wie er merken sollte, ob sie North Kensington oder Notting Hill oder was sonst immer verlassen hatten und sich schon in Kenbourne Vale befanden? Die Gegend hier paßte jedenfalls schon zu Crockers Beschreibung von den kilometerlangen, verkommenen Häuserzeilen, aber inzwischen waren dreißig Jahre vergangen, und es gab hier auch Hochhäuser und Wohnblöcke.
Dann sah er ein Schild: LONDON BOROUGH OF KENBOURNE. COPELAND HILL. Sämtliche Schilder mit den Straßennamen – Copeland Terrace, Heidelberg Road, Bournemouth Grove – trugen die Postbezirksnummer West 15.
Gleich mußten sie da sein. Seine Unsicherheit machte seiner Aufregung Platz. Der Bus war um einen von Häusern umstandenen runden Platz gerumpelt und bog jetzt in den Kenbourne Lane ein, eine breite, baumlose Durchgangsstraße, die leicht anstieg, eine Straße mit asiatischen Lebensmittelhandlungen, niedrigen kleinen Kneipen, Pfandleihen und engen Tabaklädchen. Er überlegte gerade, wie er den Friedhof finden sollte, da fuhr der Bus über die Kuppe des Hügels, und links vor ihm erhob sich ein riesiger, von Säulen getragener Portikus aus gelbem Sandstein. Die schmiedeeisernen Gittertüren, mächtig wie die Pforten einer von Mauern umschlossenen orientalischen Stadt, standen offen und ließen den Arbeiter, der den schwarzen Anstrich der Pfosten ausbesserte, geradezu zwergenhaft erscheinen.
Wexford drückte auf die Klingel, und als der Bus daraufhin anhielt, stieg er aus. Ein scharfer Wind fuhr ihm an diesem ungeschützten Ort entgegen, und er stellte den Mantelkragen auf. Der schwere, bleifarbene Himmel sah nach Schnee aus. Nirgends waren Schaulustige zu sehen, auch keine Polizeiwagen, und weder der Arbeiter noch ein Wärter – Mr. Tripper womöglich? –, der an der Tür des Pförtnerhäuschens stand, sagten ein Wort zu ihm, als er unter dem Torbogen hindurchging.
Kaum war er innerhalb des Friedhofs, da fiel ihm ein, was Crocker gesagt hatte, wie riesig und bizarr er sei. Das war keine Übertreibung, aber was Crocker nicht gesagt hatte, war, daß er, vielleicht wegen seiner Größe und wegen Personalmangels, grauenhaft vernachlässigt war. Wexford blieb stehen und ließ den Blick über das wild wuchernde Panorama gleiten.
Direkt vor ihm stand eines jener Gebäude, mit denen sich alle großen Friedhöfe brüsten und deren Funktion zweifelhaft war. Es war weder eine Kapelle noch ein Krematorium, wahrscheinlich beherbergte es Büros für die Angestellten und Toiletten für die Trauernden. Im Stil war es ähnlich wie der Petersdom in Rom, natürlich nicht so groß, aber immerhin groß genug. Pech für die Bewohner von Kenbourne Vale, daß sein Architekt kein Bernini gewesen war: die Kuppel war zu klein, die Säulen zu dick, und der gesamte Bau war in dem gleichen gelben Sandstein ausgeführt wie der Portikus.
Gleichfalls aus diesem Material waren die beiden Kolonnaden, die wie umfangende Arme von der rechten Seite des St. Peter-Bauwerks ausgingen und etwa hundert Meter weiter an einem Torbogen zusammentrafen, der eine geflügelte Victoria trug. Zwischen ihnen und der Außenmauer, über die hinweg man das St. Biddulph’s Hospital sehen konnte, erstreckte sich das tiefer gelegene Friedhofsareal, völlig verwildert, ein Dschungel aus Buschwerk und Bäumen, aus dem hier und da die verwitterten Spitzen von Grabmälern sichtbar wurden.
Zwischen den umlaufenden Kolonnaden hatte man wenigstens den Versuch unternommen, Ordnung herzustellen. Das wuchernde Gras war gekürzt worden, die Büsche ein wenig zurückgeschnitten. Schmutzverkrustete Monumente waren dabei zum Vorschein gekommen, Engel mit Schwertern, Geschützlafetten, geborstene Säulen, weinende Niobes, ägyptische Obelisken, und direkt neben St. Peter zwei Grabmäler von der Größe kleiner Häuser. Als Wexford genauer hinsah, erkannte er, daß eines davon das der Prinzessin Adelberta von Mecklenburg-Strelitz war und das andere das seiner Durchlaucht, des Großherzogs Waldemar von Retz.
Der Ort hatte etwas Lächerliches, eine grandiose Nekropole, die unnötig Land verschlang, die den Obdachlosen von Kenbourne Vale nützlicher gewesen wäre. Außerdem war sie zutiefst unheimlich; sie konnte einen das Gruseln lehren. Noch nie, weder in einer Leichenhalle noch an einem Tatort, hatte Wexford so buchstäblich den erdrückenden Hauch des Todes verspürt. Die geflügelte Victoria zügelte ihre sich aufbäumenden Rösser vor einem Himmel, der nahezu schwarz war, und unter den Wölbungen der Kolonnaden waberte unstetes Zwielicht. Er mußte sich eingestehen, daß er um nichts in der Welt dort unter diese Bögen und Säulen vor den Mausoleen treten würde, etwa um die Schrift der alten Bronzeplatten auf dem feuchtgelben Gemäuer zu entziffern. Nicht um den Preis neuerlicher Gesundheit und Jugend würde er eine Nacht an diesem Ort verbringen.
Er war die Stufen hinaufgestiegen, um den Friedhof besser überblicken zu können. Aber genug war genug. Zum Glück mußte das Mausoleum der Montforts zwischen der Außenmauer und den Kolonnaden liegen,– er vermutete das, weil nur dort Stechpalmen wuchsen, und er war geradezu kindisch erleichtert bei dem Gedanken, nicht das innere Areal absuchen zu müssen, wo die monströsesten und abwegigsten Grabmäler standen und die geflügelte Victoria wie ein finsterer gefallener Engel alles beherrschte.
Aber kaum war er die Stufen wieder hinabgestiegen und hatte einen Weg eingeschlagen, der ihn auf die rechte Seite des Friedhofs führte, da wurde ihm klar, daß der tiefer gelegene Teil kein bißchen angenehmer war als der hoch gelegene. Gewiß, die geflügelte Victoria und die Kolonnaden waren jetzt unsichtbar und hinter Bäumen verschwunden, aber diese Bäume, dicht bei dicht stehend, unbeschnitten und fast ausnahmslos immergrüne Nadelhölzer, hielten ihre eigenen Schrecken bereit. Sie verdunkelten den Weg. Die Stämme waren bis in Schulterhöhe verborgen durch Efeu und dicke Dornenranken, und zwischen diesem Gestrüpp begannen sich vage Umrisse abzuzeichnen, von Grabsteinen zuerst und dann, als der Weg parallel zur Außenmauer verlief, von immer größeren Familiengruften.
Wexford versuchte, über ein paar allzu schwülstige Inschriften zu lachen, aber das Gelächter blieb ihm im Hals stecken. Das Unheimliche siegte über das Absurde: die Bronzefiguren und Steinskulpturen, bösartig entstellt durch wucherndes Moos und den Schmutz von Dezennien, lauerten hämisch zwischen wedelnden Ranken und schienen sich gar, als der Wind über ledrige Blätter und bröckelndes Steinmetzwerk fuhr, zu bewegen. Über seinem Kopf sah er nur einen schmalen Korridor des Himmels, stürmisch, schwarz und wie von Turner gemalt. Er ging weiter, stur geradeaus blickend, den abfallenden Weg entlang.
Gerade, als er das Gefühl hatte, nun ertragen zu haben, was Fleisch und Blut ertragen konnte, stieß er auf das Mausoleum der Montforts. Es hatte die Ausmaße eines kleinen Hauses und wirkte in Wirklichkeit noch viel schrecklicher als auf dem Bild. Der Fotograf hatte ja den Modergeruch nicht vermitteln können, der einem aus der halboffenen Tür entgegenschlug, oder etwa den schauerlichen Effekt des sauer-grünen Mooses, das über das Gesicht des Kriegers und über die Pranken der toten Löwen kroch.
Auch war die Inschrift nicht in der Zeitung erschienen. Sie war anders als alle Grabinschriften, die Wexford je auf einem Friedhof gelesen hatte. Sie enthielt keinerlei Information über die Toten, die in der Gruft ruhten. Die Kupferplatte war von hellem Grünspan überzogen, aber die Buchstaben waren aus irgendeinem nichtoxydierenden Metall – Goldblatt vielleicht – und hoben sich klar und deutlich ab.
Wer Fragen stellt, der ist ein Narr. Wer darauf Antwort gibt, ein größ’rer noch. Was ist Wahrheit? Was der Mensch entscheidet, daß sie sei. Was ist Schönheit? Was des Menschen Auge dazu macht. Und was ist richtig, was ist falsch? Heut ist’s das eine, das andere schon morgen. Der Tod allein ist Wirklichkeit. Lies des letzten Montfort mahnendes Gebot und gib es weiter, ohne Kommentar.
