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Das Verderben lauert im Moor – in Form einer abgekapselten Dorfgemeinschaft mit archaischen Riten und Gesetzen, die nur auf Kosten ihrer Mitglieder überleben kann, und in Form der alten Leichen, die noch immer die Erreger früherer Epidemien konservieren. Obwohl der Ältestenrat für ihren noch ungeborenen Sohn ein Lebendbegräbnis im Moor vorgesehen hat, beschließt seine Mutter: "Jeremias sollst du heißen und du wirst überleben." Getrieben von Rachegelüsten, Sexualität und der Gier nach Geld suchen sie und ein anderer verstoßener Moorbewohner nach Gerechtigkeit und Menschlichkeit – und sorgen für gewaltige Umwälzungen, als die Pest erneut ihre Arme nach den Lebenden ausstreckt.
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Seitenzahl: 536
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
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© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-950-4
ISBN e-book: 978-3-99131-951-1
Lektorat: Falk-Michael Elbers
Umschlagfotos: Volodymyr Tverdokhlib, Olha Rohulya | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
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Kapitel 1
Unter einer dicken Nebeldecke verschlief der Tag sein Dasein, dämmerte lustlos vor sich hin. Kein Ereignis, das es wert gewesen wäre, erwähnt zu werden. Was man jedoch erst Jahre später erkannte, war, dass der wohl größte Sohn des Dorfes an ebenjenem düsteren Tag geboren worden war. Er, der bereits vor seiner Geburt zum Tode Verurteilte, dessen erster Schrei nicht aus seinem Geburtshaus zu dringen vermochte und dessen ersten Laut nach seinem Eintritt in sein ereignisreiches Leben die Nebelbrühe ertrinken ließ. Gewöhnliche Menschen werden unspektakulär geboren, um ebenso die Welt zu verlassen; hat ihr Leben jedoch einen gewissen Bekanntheitspegel überschritten, wird das Ende solcher Menschen, aufgrund besonderer negativer oder positiver – sagen wir einmal Taten, in der heutigen Zeit durch Rundfunk oder Fernsehen hinausposaunt in eine Welt, die gierig, allzu gierig nach solchen Ereignissen, geradezu süchtig, das Wer und Wann und Wie zu erfragen und zu hinterfragen. Die Geburt von Jeremias im Jahre des Herrn 1685, drei Tage vor dem Vollmond der dritten Dekade des Jahres, war gemessen an der Anzahl der Geburten des vom Moore umgebenen Dorfes eine von vielen. Denn viel zu viele wurden in das Dorf hineingeboren, als dass sie das Dorf ernähren konnte und die Torfstecherei mit ihren Torfziegeln, die sie weit ins Umland verkauften als Brennmaterial, denn Holz war rar in dieser Gegend. Nur ein Stück des sich nach allen Seiten ausdehnenden Moorgeländes blieb unberührt, und das seit Generationen, denn hier begrub man die Toten, die Kleinen und die Großen, die Alten und die Jungen. Aber am meisten Neugeborene, so die Wahl auf sie fiel, und das beschloss der Ältestenrat, wer von den Kindern überleben durfte und wer dem Moore anvertraut wurde. So war Jeremias schon vor seiner Geburt dazu ausersehen, im Moore erstickt und versenkt zu werden. Denn war die Kinderschar, welche man den Familien zuschrieb, überschritten, wurde jedes Nachfolgende, wie man sagt, dem Moorgott geopfert, und das schon seit archaischen Zeiten, so das Dorf, welches sich seit undenklichen Zeiten vor Feinden auf dieses Stück Land von erhobenem Boden, umgeben von einer riesigen Moorlandschaft, geflüchtet und überlebt hatte. Kaum war der Namenlose aus dem Schoß seiner Mutter geschlüpft, mit einem kräftigen Geschrei seine Ankunft in eine für ihn tödliche Welt kundtuend, um nun im Stillen zu verharren, als wüsste er, dass die Schlächter bereits die Klinke zu seinem Leben in der Hand, um ihn in der Tiefe des Moores zu versenken, wo schon hunderte – wenn nicht gar tausende – solch Neugeborener hinabgesunken und Schicht um Schicht der kleinen Leiber sich zusammengefunden hatten. Denn diese kleinen Menschlein wurden immer an der gleichen Stelle dem Moore übergeben und außer ein paar Luftblasen nach ihrem Wegsinken lag das Moor ebenso ruhig da und nichts zeugte von der frevelhaften Tat. Die Mutter, die gerade das Kindlein aus ihrem Schoß gepresst hatte, flüsterte: „Jeremias sollst du heißen und du wirst überleben“, und sie wickelte ihn in ein Stück grobes Linnen und säugte ihn, denn morgen würden sie wieder kommen in aller Früh, die alten Frauen, und schauen, ob ihr Bauch noch voll. Und sie band sich den Bauch voll mit altem Gewande und alle Tage wieder und wieder, bis sie sich kräftig genug fühlte, mit ihrem Kind die Flucht durch das nächtliche Moor anzutreten. Sie kam an der Stelle vorbei, wo ihr Mann in der Tiefe versunken und ihn seine Begleiter nicht retten konnten, trotz der langen Stangen, die sie immer bei sich führten. Es war, als sie eine neue Stelle für den Torfabbau erkunden sollten und ihnen sich die Hölle öffnete. Da sie nun alleine, ihres Ernährers beraubt, beschloss der Rat der Alten, das Kind, das sie in ihrem Schoße trug, dem Moorgott zu opfern, denn sie waren noch von den Ideen ihrer Vorgänger beseelt, die sie bis jetzt überleben ließen. Und sie wartete, bis der Vollmond ins Moor fiel, denn zu dieser Zeit wandelte laut Überlieferung der Moorgott über das Moor und die Bäume, die vereinzelt dort wuchsen, warfen keine Schatten auf das durchschimmernde Gewässer, wurden aufgesogen von der Schwärze des Moorwassers. So eilte sie, das in Tuch gehüllte Kind an ihre Brust gedrückt, durch die Pfade. Kein Mensch würde sich heute aus den Häusern wagen außer ein paar vom Ältestenrat, um die zur Tötung vorgesehenen Kinder von den Häusern zu holen und sie der Vernichtung preiszugeben. Um Mitternacht klopften sie ihre Rituale an die Türen der Verfemten, ungeachtet der Wehklagen der Mutter, um ihr das Kind zu entreißen. Und der Moorgott tanzte mit seinen Moorleichen in den irrlichternden Flammen, die da und dort aus der Tiefe stiegen. So manches spielende Kind, das umgeben von einer Schar ebenso vieler Kinder, versank vor den Augen der hilflosen Meute, wenn sie sich allzu weit in das Moor hinausgewagt hatten. Und so wurde das versunkene Kind zum Lebensrecht eines neuen, noch nicht geborenen. Sie kämpfte sich den schlängelnden Weg entlang, klammerte sich an manchen Baum, der ihren Weg querte. Als der Mond noch nicht das Firmament verlassen, jedoch die Sonne bereits mit ihren Strahlen um einen weit entfernten Horizont anfing, des Mondes Geleuchte zu überstrahlen, die Erde unter den Füßen sich erhob und sie trockenen Fußes festen Boden unter sich verspürte, wusste sie, dass sie angekommen war. Entflohen einer archaischen Gesellschaft, die mit Kindesmord ihre Bevölkerung konstant zu erhalten versuchte.
Bei einer ihres Weges liegenden Keusche einer Kräuterhexe hatte sie ihn vor die Türe gelegt, ihm vorher noch die Brust gereicht und in die Keusche geschrien: „Das ist Jeremias, zieh ihn auf, bis ich wiederkomme“, und war daraufhin im Morgengrauen wieder verschwunden. Denn von den Moormännern hatte sie erfahren, dass kurz vor der Stadt eine Keusche stand, deren Bewohnerin die karrenfahrenden Moorziegelverkäufer mit Tee labte, als ob sie ein guter Mensch sein müsste, und sie überließen der Frau um ein paar Kreuzer ein paar der Ziegeln. Jolanda, so hieß seine Ziehmutter, als sie noch ihrem Gewerbe nachgegangen war, um von ihrer Gönnerin in Barbara umgetauft zu werden. Barbara, die Heilige, die eine ihrer vierzehn Nothelfer war, zu denen sich wohl auch ihre Wohltäterin selbst zählte. Denn es war der 4. Dezember, als sie die durchfrorene Dirne Jolanda nach Hause nahm, mit einem Zweig, den sie vom auf dem Weg stehenden Kirschbaum geschnitten hatte, um ihn zu Hause in der Hütte in einen mit Wasser gefüllten Topf zu stellen, in Erwartung eines blühenden Zweiges zu Weihnachten. Sie wollte sich wahrscheinlich als fünfzehnte Nothelferin in die Kirchengeschichte einbringen, wie sie mit dem erschnittenen Zweig Jolanda Wärme in ihrem Leben in der Hütte gab. Diese Hütte war aus massivem Holz gebaut, sodass der Wind, der über die Ebene zog, die dichten Holzpfosten nicht zu durchdringen vermochte. Sie wies ihr dann auch ihr eigenes Bett zu, nachdem sie ihr vorher eine heiße Suppe gekocht hatte. Und Jolanda, nachdem sie diese im Heißhunger gelöffelt hatte, verschlief daraufhin die ganze Nacht, während sie selbst auf der harten Ofenbank dem Morgen entgegenschlief. Es hatte bereits am Abend angefangen zu schneien und dichte und dicke Flocken hatten das Land in der Nacht vereinnahmt, sodass die Heide wie ein riesiger zugefrorener See dalag, aus dem hie und da ein Strauch sich dem Auge erbot. Die Dirne Jolanda schwor damals, sollte auch einmal jemand an ihre Türe klopfen, sie würde ihn nicht wegschicken und ihm eine Herberge geben. Das Kräuterweib, fortan als Barbara benannt, damals schon eine Frau mittleren Alters, rollte das in grobes Linnentuch gehüllte Kind, um es samt dem Linnen in eine mit Heu gefüllte Futterkrippe ihres Geißleins zu legen. Denn dieses kleine Etwas hatte sie aus dem Ziegenstall genommen, da die Mutter ihr Euter verweigerte, und sie versuchte mit der Milchflasche die Milch, die sie von der Mutter gemolken, ihm einzuflößen und es an das Heu zu gewöhnen. Sie legte ihn dazu in das Heu, wo er den Daumen in den Mund gesteckt sogleich verschlief. Das Zicklein jedoch, das scheinbar noch hungrig, knabberte an dem Heu, sodass es über das Gesicht strich und dem Knaben ein Lächeln entlockte. Und auch die Alte lächelte glücklich vor sich hin, die auch als Wahrsagerin bekannt war und die edle Größe dieses Knaben aus ihren Karten zu lesen verstand, um mit gütiger, leiser Stimme das unverhoffte Kind zu besingen. Das Kräuterweib, das am Ende der großen Heide ihr Dasein fristete, mit ein paar Ziegen, einem großen Garten, wo sie Kräuter züchtete, und mit Kräutern, welche sie von der Heide einbrachte, die sie in der nahen Stadt verkaufte, um Zukunft heischenden Gläubigen ihr Schicksal vorauszusagen, um von ihr nicht selbst zu Produzierendes dafür einzukaufen. Sie sah den Knaben als ein Geschenk des Himmels an, war sie doch ehelos und kinderlos geblieben. Und der Knabe wuchs heran, geführt von einer weisen Frau, die weise genug und wohlwissend, dass ohne alle Schulbildung die Fähigkeiten dieses aufgeweckten, intelligenten, aber wilden Kindes verloren gehen könnten. Und so wurde sie ihm die Magierin, die Rechen- und Schreibkünste so nebenbei zu lehren, ohne seinen Widerstand dagegen zu wecken, im Gegenteil: Immer wissbegieriger wurde er, aber sie, eine Verstoßene aus gutem Hause, hatte eine vorzügliche Schulbildung genossen, bevor sie sich in ihres Vaters Stallburschen verliebt hatte und mit ihm des Hauses beziehungsweise des Schlosses verwiesen wurde, ihn jedoch eines anderen Dienstgebers Pferd erschlug. Sie, aller Mittel beraubt, verdingte sich zuerst als Prostituierte, bei zunehmendem Alter und Verfall ihrer Schönheit wurde sie von einer alten Frau, ebendieser hatte vormals diese Hütte gehört, mit viel Liebe aufgenommen. Diese hatte eines Abends, als sie mit ihrer Butte auf einem krummen Rücken heimwärts ging, zu ihr, der Prostituierten, die nun keiner mehr haben wollte, die in einer Mauernische kauerte, einfach gesagt: „Komm mit!“ Und sie ging mit in diese Keusche, die nicht allzu fern von der großen Stadt lag, und sie blieb viele lange Jahre, das heißt bis heute. Und sie hatte ihr die Wahrsagerei und das Wissen über all die Kräuter beigebracht, bevor sie sich dem Tode ergab. Die Hinterlassene trauerte lange Zeit um die Verblichene und sie gedachte ihrer alle Tage, indem sie deren Grab, das sie selbst gegraben und die Frau darin bestattet hatte, ein in der Stadt von einem Tischler hergestelltes hölzernes Kreuz am oberen Ende des Grabes in die Erde geschlagen, alle Tage mit frischen Blumen der anstehenden Heide schmückte. So wurde sie die Ziehmutter des ihr anvertrauten Kindes und erzog Jeremias trotz ihrer Armut zu einem edlen Menschen.
Ra, die Mutter Jeremias, lief jedoch nun kinderlos der bereits von der Sonne eingefangenen Turmspitze mit einem ebenfalls riesigen Turm entgegen, so wurde alsbald eine riesige Steinmauer von den Strahlen der Morgensonne erfasst, mit einem riesigen, bereits offenen Tor, durch das viele beladene Wagen fuhren, gezogen von Pferden, die sie durch das ihrem Moorgott zur Seite gestellte Tier erkannte, aber manche waren von weißem Fell und weißer Mähne, Wagen, die von beidseits der Mauern scheinbar auf den Straßen heranfuhren, um durch das große Tor zu verschwinden.
Nach Öffnung des Stadttores, unter der Plane eines Bauernwagens versteckt, fand sie einen noch schlafenden Zirkus vor, wobei sie erstmals einen Löwen hinter Gittern sah, der, wahrscheinlich von dem Lärm geweckt, verschlafen und den Bauernwagen entgegenblinzelnd, während er seine gewaltige Mähne schüttelte, um gähnend sein Maul aufzureißen. Sie war entsetzt gewesen beim Anblick dieser riesigen Tiere, von denen nie jemand etwas erzählt hatte. Aber es war auch das erste Mal, dass ein Zirkus der Stadt seine Aufwartung machte, was einer Sensation glich. Sie kroch geschockt unter der Plane hervor, nicht ohne noch ein paar transportierte Äpfel und Birnen einzustecken. Sie fiel in dem nun erwachenden Getümmel auf dem Marktplatz nicht sonderlich auf, denn jeder war so mit sich beschäftigt, dass kaum ein Blick auf sie fiel. So trieb sie sich unbeachtet von den Bauern herum, die Kühe und Pferde ausspannten, die Planen von ihren Wagen nahmen, die ersten Kunden begrüßten und das Mitgebrachte zu verkaufen sich anschickten. Ein Zelt, was sie noch nie gesehen hatte, spannte sich über einen Teil des Marktplatzes, von Schnüren gefestigt, die allseits im Boden verankert waren. Der erste Anblick der Stadt, von den hohen Mauern umspannt, hinterließ einen bleibenden Eindruck in ihr. Einen Eindruck der Geborgenheit trotz der schrillen Hektik, die sie umgab. Der Pegel des Feilschens stieg, wuchs mit der Menge der kaufenden Leute. Manches fast getätigte Geschäft wurde unterlassen, da sich Käufer und Verkäufer um den Preis nicht einigen konnten, und der Käufer enteilte dem nun stehen gelassenen Verkäufer, jener jedoch rannte ihm nach, um endlich mit dem Herrn einig zu werden. Mit neugierigen Augen beobachtete sie das Geschehen um sich, die vielen Frauen und Mädchen, die mit Körben in den Händen das und jenes von den Bauern erwarben. Viele mit irgendeiner Milchkanne, mit großen, obigen Öffnungen, um Milch von dem Bauern zu kaufen. Sie war fasziniert von dem Schwall der Laute, die sie zu erdrücken schienen. Aber viele der Wörter vermochte sie zu verstehen, waren sie doch durch ihre weiblichen Ahnen in den Wortschatz ihres nun zu einem gemischten Volkes eingeflossen.
Sie stand an einer Mauer, an einem der aus Stein errichteten Häuser am Rande des Marktplatzes, als ein kleiner Mann mit ganz kurzen Füßen in ihr Blickfeld trat, um seinen Hut vor ihr ziehend und sich verbeugend ihr die Ehre zu erweisen, wie sie zu erkennen glaubte. Sie hatte so etwas von einem hässlichen Menschen noch nie gesehen, obwohl ihr viele der Bauern als solche erschienen, mit runden Köpfen, aus ihren Froschaugen schauend, mit großen, nach unten gebogenen Nasen, mit wenig Haaren unter den Hüten, so sie diese erst entfernten, um die enthaarte Fläche darunter zu bekratzen. Der Gnom setzte seinen Hut wiederum auf seinen riesengroßen Schädel, lächelnd, wie sie vermeinte. Er hatte buschige Augenbrauen und dunkelschwarze Augen, die sie wichtig betrachteten. „Du bist nicht von hier“, was sie versuchte zu übersetzen. Doch die Worte von ihren Urvätern überwogen wohl die ihrer Urmütter und sie machte eine hilflose Geste, dass sie es nicht verstehe. Er machte eine wegwerfende Handbewegung, was wohl hieß: „Macht auch nichts. Wir verstehen uns auch anders.“ Er nahm sie an der Hand, um sie mit sich fortzuziehen, Richtung Zirkus, wo er als Clown arbeitete. In einem breit unterschlagenen Wagen verschwand der kleine Mann. Man hörte sie, nachdem der Kleine mit seiner dünnen Stimme strudelnd zu einer dunklen, tiefen Stimme etwas sagte, die daraufhin für sie Unverständliches wohl dem kurzbeinigen Gnomen entgegnete. Unterdessen erschien die dunkelbärtige Stimme, ein Gesicht von ungläubiger Länge, mit einer riesigen Nase bestückt, in der Türe, durch die vorher der Gnom verschwunden war. Das Gesicht wurde immer länger, bis an seinem unteren Ende ein Pferdegebiss erschien, das vor Freude ihr laut entgegenzuwiehern schien. Ob das wohl ein Ausdruck freudiger Überraschung war? Er trat aus dem Wagen, verschlafen und die Treppe heruntersteigend und beide Hände vor ihr ausbreitend, um sie in seinem Zirkus willkommen zu heißen. Der Gnom hatte wohl schon die Streunerin, wie er sie aufgrund seiner angestammten Menschenkenntnis einordnete, an seinen Direktor vermittelt. Doch er hatte diese Frau, die aufgrund ihrer Schönheit sofort seine Aufmerksamkeit erregte, schon lange beobachtet, bis er sie anzusprechen wagte. Der Direktor lud sie ein, mit ihm die Treppe hinaufzusteigen und in das Allerheiligste eines direktorischen Zirkuswagens einzutreten. In einer Ecke des durch kleine Glasfenster erhellten Innenraumes, stand ein zerwühltes Bett, in welchem wohl eine halbnackte Frau schlief, die ihr Gesicht jedoch noch in einem Polster vergraben hatte, sodass man davon nichts sah, außer dass sie lange, schwarze Haare hatte. Der Direktor bot ihr einen Sessel an mit seiner Gestik, die sie verstehen musste und die auch keinen Widerspruch duldete. Also setzte sie sich auf einen Sessel, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Der Gnom scharwenzelte um sie herum, was jedoch den Pferdekopf zu stören schien, denn er verwies ihn in rauen Worten des Direktorenwagens. Er griff in ihre Haare, welche von wahrer Fülle, und leckte sein Gesicht, was diesem wohl einen Ausdruck von Wohlwollen verleihen sollte. Die Frau im Bett erhob ihren Kopf mit noch schlaftrunkenem Gesicht, um, als sie die Situation erfasst hatte, ihre Nacktheit zu bedecken und ihr Gesicht wieder in dem Polster zu vergraben. Die große Nase des Großkopfes beatmete ihre Haare, was das Riechorgan im Gegensatz zum vorgefundenen Augenschmaus nicht zu delektieren schien, denn sie rümpfte sich, einigermaßen von dem Geruch angewidert, um sich wieder in voller Größe darzustellen. Es war ein ungewöhnlicher Geruch, den diese Nase nicht gustierte, denn dieses Haar verströmte wohl nichts von dem, was in der ganzen Zirkuswelt nach Schweiß und Tieren roch: Es war der Geruch des Moores, den sie in sich trug, und nicht nur die Haare, sondern auch ihr Gewand und ihre Haut hatten den Geruch des Moores angenommen. Er öffnete die Tür, um nach dem Gnomen zu rufen, welcher jedoch sowieso am unteren Treppenende verharrte. So wollte er sie nicht in seinem Bett haben, der Gnom, der nicht nur als Clown im Zirkus mit seiner narrenhaften Gestalt Zuschauer erfreute, sondern auch der Butler des rossköpfigen Direktors war. Der Direktor machte eine unmissverständliche Geste und der Gnom verstand, nachdem ihm der Pferdekopf noch ein Kleid nachwarf, das der in seinem Bett Liegenden gehörte. Aber was solls, diese im Bett liegende und nackte Frau brauchte derzeit sowieso nichts zum Anziehen, da war er willens, sie noch einmal zu beglücken, bis die andere gewaschen sein und mit dem Kleid der im Bett Liegenden zurückkommen würde, um Bett und Kleider auszutauschen. Nachher würde der Gnom ein Stück Garderobe aus dem Garderobenwagen holen, um ihre Schönheit noch zu unterstreichen, da sie ab jetzt dem Direktor zur Verfügung stehen sollte. Das also war ihre Zirkusgeschichte. Sie wurde dann lange Zeit die Geliebte des obersten Zirkusmannes, zog mit ihm und den vielen Pferdewagen von Stadt zu Stadt, ja, bis er sich an ihr genug Güte getan hatte und sie eines Tages in einer großen Stadt an einem großen Fluss an einen Besitzer eines Badehauses, wie man damals die Häuser genannt hatte, um viel Geld verkaufte. Man merkte ihm an, dass er es nicht leichten Herzens tat, aber die Neue, die noch dazu die etwaigen Nummern im Zirkus ansagte, war auch eigentlich eine sehr hübsche Person und dazu noch ungebraucht und daher unverbraucht. So beschloss er, das mit viel Geld verbundene Angebot anzunehmen und sie dem Bordellbesitzer zu übergeben. Und es war ihre bisher übelste Erfahrung, die Behandlung, die ihr von diesem Ganoven zuteilwurde. Doch zwischendurch, da sie noch dazu eine äußerst intelligente Person war, erlernte sie schnell die gängige Umgangssprache, mitsamt der fäkalischen Wortspielereien, welche ihr die Freier ins Ohr flüsterten und ins Ohr geflüstert haben wollten. Dem Badestubenbesitzer zahlten seine Benutzer die Benutzungsgebühr, das andere kassierte sie.
Es war die Zeit, wo sie zur Nobelnutte aufstieg, wenn sie den reichen, alten Männern ihnen ungeahnte Wörter in fäkalischer Präferenz ins Ohr flüsterte, sie gleichzeitig mit ihren Lenden zu besteigen und doch manchmal der gewünschte Erfolg sich einzustellen vermochte. So wurde sie zum Geheimtipp der vor sich hin alternden ehemaligen Lebemänner, die sie dafür auch ordentlich bezahlten, die bereits ihr Pulver verschossen, denen sie aber zu manchem sexuellen Höhenflug verholfen hatte. Durch die Mundpropaganda beflügelt hatte sie sich durch sämtliche Betten des alten Hots volle sich gevögelt. Als jedoch einer der alten Herrschaften – noch dazu, wie sie wusste, ein Honoratior öffentlichen Amtes und dazu verheiratet, denn er war bei ihr als Stammkunde bereits registriert – auf dem Höhepunkt seiner Lust auf ihr sein Leben vergab, um von dem derzeitigen, ein paar Sekunden dauernden Nirwana hoffentlich ins ewige Nirwana zu wechseln, und als er tot auf ihr zu liegen kam, warf sie ihn von sich, um mit dem bereits Angesparten, das sie in ihrem Köfferchen als Menge von Golddukaten hatte, bei Nacht und Nebel aus der Stadt zu verschwinden.
Sie flüchtete Hals über Kopf, um in einem Schiff als blinder Passagier, das gerade stromabwärts dahintrieb, von einem Matrosen entdeckt zu werden, der sie erst auf dem Schiff versteckte, wofür sie jede Nacht mit ihm schlafen musste. Dafür versorgte er sie auch mit Essen und Trinken, wenn er heimlich nächtens in den Laderaum sich schlich. Der Laderaum war vollgefüllt mit transportierten Kleidern und Schuhen, sodass sie sich neu einkleiden konnte.
Dazu nahm sie noch einen Koffer mit ausgesuchtem Kleidungsmaterial und Schuhen mit, als sie bei der nächsten Anlegestelle, eben einer neuen Großstadt, das Schiff, nachdem der Matrose im Morgengrauen wieder in seine Kajüte sich geschlichen hatte, die er mit mehreren teilte, zu verlassen.
Und bei ihrer Schönheit war es nicht schwer, wiederum ein betuchtes Stammklientel aufzubauen, nur eben in einer anderen Stadt. Wenn sie erneut eine Stadt verließ oder verlassen musste, war der Geldkoffer wieder praller geworden oder musste bereits gegen einen größeren ausgetauscht werden. Aber jedes Mal zog der Hass mit ihr. Von vielen Golddukaten könnte sie jede Menge Landsknechte anheuern und, wie sie errechnete, eine ganze Kompanie, um das Dorf des Moorgottes mitsamt seinen Diener zu befreien.
Aber nichtsdestoweniger vergaß sie nie ihr Kind und ging regelmäßig zu den verschiedensten Wahrsagerinnen und Wahrsagern, die ihr alle, und das immer, die Nachricht überbrachten, dass ihr Sohn wohlbehütet sei und es ihm großartig gehen würde. So verließ sie immer freudig tänzelnd den Überbringer oder die Überbringerin der guten Nachricht, nicht ohne ihm oder ihr ein fürstliches Trinkgeld zu hinterlassen. So zog sie vögelnd durch die am Fluss liegenden Städte und häufte Gold und Silber in einer eisernen Truhe, die dreifach versperrt und deren Schlüssel sie um ihren Hals gebunden hatte. Und jedes Mal, wenn sie der eisernen Kiste wieder ein größeres Silber- oder Goldstück anvertrauen konnte, sagte sie: „Wieder ein Dragoner bezahlt.“ Sie trieb sich auch in anrüchigen Spelunken der Städte herum, so sah sie eines Tages einen Bischof inkognito, der sich in sie verliebte.
Und Barbara nahm, wenn sie mit ihren Kräutern in die Stadt ging, den Buben eingewickelt und vor sich hängend, auf den Rücken die Butte mit den Kräutern, die Flasche mit Ziegenmilch in den noch mitgetragenen Ranzen. Nachher kaufte sie einen hochrädrigen Kinderwagen, wo sie mit ihm des Weges fuhr, einen Sonnenschirm darüber gespannt, dass weder Regen noch Sonne dem Kind etwas anhaben konnte, bis er schon als etwas größer wurde – und er war von Geburt an schon ein großes Kind – und an der Hand gehalten neben ihr herging. Er erlernte auch schnell das Sprechen, da er von Neugier geplagt wissen wollte, wie das und dieses heißen möge. Und sie war nicht nur eine geduldige Frau, sie liebte das Kind als wäre es ihr eigenes. Abends, bevor sie schlafen gingen, erzählte sie ihm ein Märchen, ein solches, das ihr als Kind und ihren Geschwistern das Kindermädchen als Schlafgeschichte erzählt hatte. So bekam er schon von klein auf viel Wissenswertes von ihr übermittelt. Im Hof war ein Hügel mit Blumen bewachsen angelegt, und als er wissen wollte, was das Holzkreuz wohl sei, erzählte sie ihm von der wundervollen Frau, die sie aufgenommen hätte, wie sie ihn, und die unter dem Blumenhügel ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte.
„Wer ist da drinnen?“, fragte der Bub immer wieder, als er noch klein war und kaum sprechen konnte. Aber wenn sie mit ihm über die Heide ging, sagte er Blümchen pflückend: „Für die Frau“, später sagte er „Für die gute Frau, der du und ich unser Leben verdanken“, nachdem sie ihm von der Güte dieser weisen Frau erzählt hatte. Wenn er auf das, was sie ihm gesagt hatte, einen Strauß von Heidekraut, Alpenrosen und Azaleen in seinen Händen und ihn am Grab der Gewürdigten eingrub, wusste sie, was für einen edlen Charakter der Knabe besaß, von dem sie nichts anderes wusste als seinen Namen. Ob seine Mutter ebenfalls eine Verstoßene aus gutem Hause, sie hatte sie nicht gesehen, nur ihre Stimme gehört: „Jeremias ist sein Name.“ Aber das grobe Leinen, in das der Knabe gewickelt, sprach dagegen oder auch nicht. Vielleicht war es ein Kind der Liebe, ungewollt und hastig weggelegt. „Zieh ihn auf, bis ich wiederkomme!“ Aber wenn sie ihre Karten befrug, und sie befrug sie oftmals nächtens beim Schein einer Kerze, wenn der Junge schlief, und immer wieder vermeinten es die Karten, dass sie wiederkehren würde. Sie drückte dem schlafenden Knaben noch einen Kuss auf die Stirne, bevor sie selbst unter die Decke kroch, um einem traumlosen Schlaf sich zu ergeben.
Wie alle Jahre zogen die Torfhändler, es waren viele an der Zahl, mit ihren zweirädrigen Karren auf dem Weg zur Stadt mit ihren Torfziegeln nahe ihrer Hütte vorbei, wenn es herbstelte, und sie bekam für ein paar Kreuzer eine hübsche Anzahl von der torfigen Erde, die im Winter besonders die Nacht durchwärmte. Es waren schaurige Gesellen, fand sie, finster dreinblickende Gestalten. Und sie hatte bei keinem auch nur einen Schimmer des Lächelns auf ihren Gesichtern erkennen können, nicht einmal einen Funken von Dankbarkeit in ihren Augen zu lesen vermocht, als sie gierig und ausgefroren den heißen Tee schlürften, jedoch bekundeten sie jedes Mal, wenn jene ein paar Ziegel von ihren Karren auf ihren Karren legten, damit ihre Dankbarkeit. Man sagte, sie seien direkt dem Moor entstiegen, denn eine Straße führe nicht dahin in das Moor und in der Heide wären keine Spuren Übergehender zu finden. Außerdem ging das Gerücht, dass sie keine Christen wären, sondern noch Heiden und kein Christenmensch je ihr Dorf betreten hätte und sie doch einen heidnischen Gott verehren, sogar anbeten würden und mitten im Moor mit dem Moor und von dem Moor leben würden. Ausgemergelte Gestalten, die wer-weiß-wie-lang von einem weit entfernten und berüchtigten Moor herbeigezogen kamen, um ihr Heizgut zu verkaufen, um in der Stadt für sich wichtige Dinge einzukaufen. Ihre Gesichter waren braun wie die Moorziegeln, die sie verkauften, und sie trugen Hüte, die aus Baumrinde gefertigt und die auf hohe Handwerkskunst schließen ließen. Ansonsten grauschwarze Hemden mit Röcken und mit Schnüren umschlungen und dazu aus Leder gefertigte Sandalen, wenngleich schon morgens ein Hauch von Reif über der Heide lag. Als sie eines Tages die zweirädrige Kolonne wieder die Straße entlangziehen sah, nahm sie ihren Schubkarren und trieb Jeremias, der die Kolonne ebenso wie sie gesehen hatte, da beide gerade dabei waren, mit dem Heidekraut die Ziege zu füttern. Sie wusste, dass sie jedes Mal am Abend des Tages des Vollmondes im dritten und neunten Monat mit ihren Karren erschienen, mit hoch aufgeschichteten Torfziegeln beladen. Und sie hatte schon immer einen Kessel von Tee gekocht, um sie damit zu laben. Sie fuhren den Torfhändlern entgegen, jene jedoch zogen, nachdem sie einen Schöpfer aus dem Kessel entnommen, je einen Torfziegel auf den Karren gelegt hatten, unbeirrt weiter gegen die Stadt, die sie bereits mit ihren Augen vereinnahmt hatten. Einer jedoch blieb stehen, während die anderen mit ihren Karren jenem ausweichend weiterzogen. Der Knabe jedoch lief davon nach Hause, wo er sich verkroch, und erst nachdem sie ihm glaubhaft versichert hatte, alle wären bereits weitergezogen, und sie auf das Brennmaterial auf ihrem Schubkarren verwies, war jener bereit sein Versteck aufzugeben und aus dem Haufen aus Reisig, in dem er sich verkrochen hatte, hervorzukommen. Noch zitternd am ganzen Körper, obwohl eine warme Herbstsonne sich über die Heide breitete. „Was ist mit dir?“, fragte eine verunsicherte Ziehmutter mit Sorge unterlagerter Stimme. Doch dieses Kind, das verstört vor ihr stand und zitternd sich nicht rühren konnte, konnte nur Unverständliches stammeln und immer wieder der sich immer weiter entfernenden Kolonne nachdeuten. „Ich weiß“, sagte daraufhin seine Ziehmutter, „sie sind etwas sonderbar, aber man hat noch nie gehört, dass sie jemandem etwas zu Leide getan oder etwas gestohlen oder sonst etwas Unanständiges getan hätten. Wirklich nicht!“, setzte sie nach. Aber er, der die Liebe bei seiner Zeugung erfuhr, war er doch das erste Kind der jungen Liebe seiner Eltern und daher als Überlebensmensch in der Dorfgemeinschaft willkommen. Die Freude und das Glücksgefühl, im Schoße seiner Mutter geborgen zu sein, und dann der plötzliche Tod seines Vaters, die Trauer, die seine Mutter auf ihn übertrug, und die Erkenntnis, dass er, sobald er das Licht der Welt erblicken würde, kurz darauf sterben würde. Im Moor seine Mutter, die vor Verzweiflung nächtens schreiend im albenen Traume erwachend, wo man ihn bereits dem Moor übergeben hatte und die Fasern des moorigen Wassers ihn erstickten, bevor er zu jenen herabsank, die vorher dasselbe Schicksal erlitten hatten wie er, und er die anderen toten Kinder umarmte, die bereits mumifiziert von dem säurehaltigen Moor konserviert, und er sah den Moorgott, wie er die Kleinen in Empfang nahm mit seinen dürren Fingern, die sich in ihr weißes Fleisch gruben, um sie auf die anderen zu legen. All die fürchterlichen Träume hatte er während seines Wachsens im Bauche seiner Mutter miterlebt, in seinem Gehirn all das Furchtbare gespeichert, er wusste um den Ältestenrat, die Kindestötung und den Moorgott, der sie nur beschützen konnte, wenn sie ihm die Kinder gaben, um so die ganze Sippe überleben zu lassen. Aber er wusste nichts mehr, seit ihn seine Mutter geboren, das heißt, seit er von ihr abgenabelt und in diese für ihn tödliche Welt entlassen wurde, seit er nicht mehr verbunden mit ihr. Aber sie hatte – das wusste er – ihn vor der Vernichtung und vor dem Tode errettet. Seine Mutter, wo war sie hingegangen? Vielleicht zurück ins Moor? Seine jetzige Mutter, sie bestand darauf, dass er sie mit „Mutter“ anredete. War auch erklärlich, wenige Tage sei er alt gewesen, meinte sie, als sie ihn wimmernd vor ihrer Tür fand und die Unbekannte seinen Namen kundtat, bevor sie verschwand. Angeblich hätte sie auch gesagt, sie käme wieder. Nur heute, als er die verlumpten, starren Gestalten sah, erkannte er sich wieder als einer der ihren, wäre es geworden, aber man hatte ihn eben schon für den Tod im Moore vorgesehen, den die Mutter in albenen Träumen hundertmal erlebte, und er erzählte seiner Ziehmutter all sein Wissen über seine Vergangenheit und seine Träume und dass er einen vom Ältestenrat erkannt habe. Als Mutter vor den Ältestenrat geladen wurde, um über ihn Gericht zu halten. Sein oder Nichtsein in Frage gestellt und über ihn wurde das Todesurteil gesprochen. Er sah durch die Augen seiner Mutter die elende runde Holzhütte, die als Versammlungsraum diente, und die im Kreise sitzenden Räte mit ihren langen Bärten, dem Rindenhut auf dem Kopf, unter denen die grauen schulterlangen Haare hervorbrachen, und deren oft gemurmelte Rechtfertigung für seinen Tod erhörend. Es gab keinen Vater mehr; und wer sollte für das Kind sorgen? Die Mutter, eine bisherige Ziegenhüterin und Melkerin, könne das Kind nicht alleine großziehen. Da gibt es Männer, die mit ihrer Schaffenskraft viele der Kinder aufzuziehen vermochten, aber auch ihnen wurden nur zwei zugeteilt, die sich dem Gesetz nicht widersetzten, und er hörte das Urteil durch die Ohren seiner Mutter vermittelt: „Tod, Tod, Tod“, bis auch der letzte seinen Schuldspruch gesprochen, um nacheinander das runde Haus zu verlassen und seine Mutter, die vorher in dem von den Männern gebildeten Kreis stand, so ihrem und ihres Kindes Schicksal zu überlassen. Fassungslos stand sie mit dem ungeborenen Kind, unfähig sich zu bewegen. Nachher strich sie über den Bauch, der bereits anfing sich zu bewegen, und sagte zu ihm: „Ich werde dich nicht sterben lassen, das schwöre ich dir!“ Und sie fasste den Entschluss, zu fliehen durch das Moor mit seinen alles verschlingenden Tümpeln und verräterischen, Sicherheit vorgaukelnden Pfaden und Inseln. Das ganze Land war Moor. Es gebe auch feste Böden, die Erde drauf trugen und dadurch, obwohl von karger Vegetation, als Böden für die Landwirtschaft und Viehzucht sich darboten, aber der Weg zu ihnen war von trügerischer Natur, wo mancher Mann kurz vor dem Ziel verschlungen zu werden drohte, ob er nun mit viel Mühe von den anderen, die mit langen Stangen bewaffnet, aus dem Sumpf gezogen werden konnte, wenn nicht die ganze Gruppe von dem nachgebenden Boden verschlungen wurde. Bei solchen Unglücksfällen wurde die Zahl der zum Überleben ausgewählten Kinder um die Anzahl ebendieser getöteten Männer erhöht. Manchmal mussten von dem wenigen Holz, das im Moore wuchs, Brücken geschlagen werden, um den einsinkenden Boden zu queren und wieder festeren Boden unter den Füßen zu verspüren. Manchmal musste man schwimmende Brücken errichten, wenn das Moorwasser an die Oberfläche drängte, um Insel um Insel zu erreichen. Jedes Stück Land, das im Moorwasser versank, verminderte die Überlebenschancen dieses Überbleibsels eines längst ausgestorbenen Volkes. Jahrhunderte-, wenn nicht jahrtausendlang ermöglichten die Gesetze ihnen ressourcenbedingt das Überleben, so gab es ein dichtes Netz von mehr oder minder sicheren Wegen, das sich über das gesamte Moor erstreckte, für Uneingeweihte ein tödlicher Mix trügerischer Präferenz. Aber die Ziegenhirtin wusste die Pfade, die sich durch all das verschlingende Moor zogen, um unversehens im Nichts zu enden, aber an anderer Stelle weiterzulaufen. Wenn im Winter der kalte Nordwind über das Moor blies, sich in Sträuchern oder Bäumen verheddernd, ließ er das schwarze Moorwasser kaum gefrieren, denn die Wärme des Sommers, in seinen Tiefen gespeichert, ließ die Eisdecke alsbald schmelzen und machte das Moor ebenso unbegehbar wie in den Sommertagen.
Während seine Mutter am Marktplatz Kräuter und Kräutertee verkaufte und man daraus Tee brauen konnte, Wehwehchen auszukurieren, zog es Jeremias vor, die Stadt zu erkunden, um Fremdes in sich aufzusaugen. Die Stadt, die von breiteren und auch engen Straßen und Gassen durchzogen, mit großen Granitblöcken belegt, auf denen die Räder der Karren oder der Pferdekutschen mehr oder weniger stolpernd dahinfuhren. Manche Gässchen so eng, dass sie nicht befahrbar waren, weder mit dem zweirädrigen Karren, geschweige denn mit einer Kutsche, und es gab viele Wege in der Stadt, die auch mit kleinen vierrädrigen Wagen zu durchfahren waren. Und da gab es die Kirche, deren Inneres mit Stuck überzogen und die mit Bildern bemalt war, die einen großen gelben Schein um ihre Köpfe trugen, von Statuen, die vergoldet auf Sockeln standen, einen großen, zusammenhängenden, aus Marmor geschlagenen Altar und ein Musikinstrument, das viele Pfeifen in sich trug. Und im Sommer, solang das Licht vom Himmel fiel, konnte er einer Messe beiwohnen, bei der die Pfeifen vor sich hin orgelten, dass es eine Freude war, hineinhören zu können. All das Gesehene erzählte er ihr beim Heimgang immer in seiner Kindheitssprache und sie erklärte ihm, dass das Musikinstrument Orgel hieß oder dass der zusammenhängende, bis an die Decke reichende Block, in dessen Nischen Figuren standen, Altar hieße und der gelbe Kreis, der Jesus und die heiligen Köpfe umgrenzte, Mitra hieße. Er fühlte sich zu den Kirchen hingezogen, zu diesen düsteren Gesängen, gregorianischen Gesängen, die nur von Männern gesungen werden durften. Er hörte zwar die Glocken läuten, hat nur noch nie eine gesehen, wie der Klöppel aus Eisen an die bronzene und vor sich hin schwingende Glocke schlug, wie es ihm seine Mutter erklärte. Und die großen, aus Stein gemauerten Häuser, deren Fenster mit weißer Farbe gestrichen und deren Läden mit den verschiedensten bunten Farben das Auge erfreuten. Und wenn die Turmuhr im Kirchturm ihre Stunde schlug, um die Zeit zu verkünden, die bisher in ihrem Leben nicht die geringste Rolle gespielt hatte. Zeit – was war das überhaupt? Es gab den Morgen zum Aufstehen und dann und wann war die Zeit zum Mittagessen, und wenn die Sonne hinter einem weiten Horizont hinübersank, es also Abend war, wurde wieder gegessen, bevor man sich unter die Decke auf einen Strohsack liegend verkroch. Es ging alles ganz ohne Eile ab und er hätte schon des Lesens kundig sein sollen, wäre es eigentlich auch schon, aber seine Ziehmutter hatte ihm den Spruch, obwohl sie ihn wusste, vorenthalten.
So war das Leben, wie er es von Klein auf erlebt hatte und wie es ihm Barbara vorgelebt hatte, wenn sie Kräuter suchend die Heide durchstreiften.
