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Ein Kloster. Drei Frauen. Eine Wahrheit, die niemals ans Licht kommen darf. Minera Galantris ist jung, zu jung für den Titel der Hohepriesterin des Wanderers. Und doch wurde sie auserwählt – nicht aus Glauben, sondern aus Berechnung. In Ghal Nareth, dem abgelegenen Kloster der Galantris und zeitgleich dem religiösen Zentrum des heiligen vereinten Reiches von Leone, versucht sie, den Erwartungen zu genügen – während ihrer Träume von Blut und Schatten sie Nacht für Nacht in den Wahnsinn treiben. Als eine Fremde erscheint, mächtig, schön – und zu vertraut –, beginnt Mineras Fassade zu bröckeln. Zwischen alten Ritualen, verborgenen Schriften und einem Buch, das nie hätte gefunden werden dürfen, stößt sie auf ein Geheimnis, das alles infrage stellt: ihre Herkunft, ihren Glauben – und das Kloster selbst. Doch in den Hallen Ghal Nareths regieren Schweigen und Schuld. Und wer die Wahrheit sucht, muss bereit sein, an ihr zu zerbrechen.
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Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2025
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T. D. HERRFURTH
Die Tränen der Galantris
1. Fragment
Roman
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Rechtlicher Hinweis
Vorwort
Aus den Archiven von Leone
Kapitel I Ghal Nareth
Kapitel II · Idris van Talwyn
Nachwort des Autors
Schlusswort
Charakterverzeichnis – 1. Fragment
Danksagung
© 2025 T. D. Herrfurth
Alias der „Schlamaritter“
Alle Rechte vorbehalten.
Erstveröffentlichung 2025
1. Auflage – Oktober 2025
Herstellung und Verlag: epubli GmbH, Berlin
Satz und Layout: T. D. Herrfurth
Titelillustration: T. D. Herrfurth
Druck und Vertrieb: epubli GmbH, Berlin
ISBN: [wird von epubli vergeben]
Kontakt: [email protected]
Instagram: schlamaritter.books
Pinterest: schlamaritter.books
Die Handlung, Namen, Charaktere und Orte dieses Buches sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
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Dieses Werk ist ein künstlerisches und fiktionales Erzeugnis. Jede religiöse, politische oder historische Anspielung dient ausschließlich der Dramatik der Handlung und erhebt keinen Anspruch auf Realität.
Es gibt Geschichten, die beginnen mit einem Schrei. Mit einer Flucht. Mit einer Lüge, die zu lange gelebt wurde. Dies ist eine jener Geschichten.
Minera Galantris ist jung, zu jung für den Titel, den sie trägt, und zu zerbrechlich für die Welt, die sie erwartet. Und doch hat der Wanderer, das Oberhaupt des Heiligen Vereinten Reiches von Leone, oder zumindest jemand, der sich hinter seinem Licht verbirgt, sie auserwählt.
In einem Kloster, das Heiligkeit verspricht und Schweigen verlangt, beginnt ihr Weg. Ein Weg, der nicht durch Gewissheiten führt, sondern durch Zweifel, durch Träume aus Blut und durch Fragen, die niemand zu stellen wagt. Ein Weg, der nicht fragt, ob du bereit bist, sondern dich dazu zwingt, ihn zu gehen.
„Die Tränen der Galantris“ ist das erste Fragment eines größeren Mosaiks. Eine Reise, die dich hineinführt in eine Welt aus Glauben, Verrat und leisen Rebellionen. Tritt ein. Aber wisse: Wer Minera begleitet, wird mehr als nur Antworten finden.
„Es heißt, die Priesterinnen der Galantris beteten nicht zum Licht, sondern zu dem, was im Licht verborgen war. Manche nennen es Glauben. Andere nennen es Schuld.“
— Chronik der Siebten Säule, Jahr 621 n.d.W.
Dies ist nur ein Fragment aus unzähligen Aufzeichnungen, die das, was wir heute „Leone“ nennen, überdauert haben.
Die Chroniken sprechen von Reichen und Völkern,von Gesichtern, deren Namen längst im Staub verloren sind, und von den Wegen, die sich im Schatten kreuzen.
Jedes Fragment erzählt eine andere Wahrheit.Doch zusammen formen sie ein Bild – unvollständig,flüchtig und lebendig zugleich.
Der Wind tastete mit kalten Fingern über die Klostermauern von Ghal Nareth. Es war eine dieser Nächte, in denen selbst der Schlaf flüchtig wurde, als ahne der Körper etwas, das der Geist noch nicht begreifen konnte. Die Rhavonar-Ebene im Herzen des Heiligen Vereinten Reiches von Leone lag still, doch über dem Kloster lastete etwas, wie schwerer Nebel, der sich nicht auflösen wollte.
Im Schlafgemach einer der Hohepriesterinnen durchbrach ein Schrei die Stille. Minera Galantris saß kerzengerade in ihrem Bett. Ihr Atem ging stoßweise, ihre Haut klebte vor Schweiß, ihre feinen Hände klammerten sich an das Leinen ihres Kissens, als hinge ihr Leben daran. Zum zweiten Mal in dieser Nacht hatte sie denselben Traum. Diese Träume verfolgten sie nun seit Monaten, seit ihrer Ernennung zur Hohepriesterin. Und sie wurden mit jedem Mal klarer und grausamer. Sie wagte kaum zu blinzeln, denn sobald sie die Augen schloss, kehrte sie zurück. Diese dunkle, albtraumhafte Silhouette. Dieses Wesen. Es war eine Frau – oder etwas, das wie eine Frau wirkte. Schwarzer Rauch bildete ihren Körper, Schatten formten ihre Gestalt. Ihr Gesicht blieb verborgen, doch ihre Augen – diese flammend roten, glühenden Augen – brannten sich tief in Mineras Seele.
In ihrem Traum rannte Minera über ein endloses Schlachtfeld. Dunkelheit drückte von allen Seiten, so dicht, dass selbst der Mond kein Licht spendete. Überall lagen Leichen – doch es waren nicht Fremde. Es war sie selbst. Minera erkannte sich immer wieder. In zerrissenen Priesterinnengewändern, mit offenem, schneeweißem Haar, das sich blutgetränkt über den Boden zog. Ihr eigenes Gesicht starrte sie mit offenen, toten Augen an. Ihre glasklaren blauen Augen. Sie hörte das Echo ihrer eigenen Stimme – aber es war nicht sie, die schrie. Es war der Tod, der durch sie sang.
Und dann sah Minera sie wieder. Die Frau aus Schatten, ihr Leib von dunklen Flammen durchzogen, stieg aus dem Blut empor wie ein Ungeheuer aus alten Mythen. Um sie herum stürzten Templer – starke Männer und Frauen mit glänzenden Rüstungen aus Leone – einer nach dem anderen. Sie wurden zerrissen, zerfetzt, niedergemäht mit einer Eleganz, die unnatürlich war. Fast wie ein Tanz. Fast wie Hingabe. Minera wollte wegrennen. Doch ihre Beine gehorchten nicht. Und dann, wie jedes Mal, hielt das Wesen plötzlich inne. Es sah Minera direkt an. Diese unheimlichen roten Augen durchbohrten sie wie Klingen aus Licht. Minera spürte, wie sie etwas von innen berührte – nicht körperlich, sondern mit einer fremden, kalten Macht. Und dann sprang es. Der Moment, in dem sich Schatten wie ein Sturm über sie warfen, war der Moment, in dem sie schreiend aufwachte.
Jetzt, im Dunkel ihres Schlafgemaches, kauerte sie unter ihrer Decke. Sie zitterte am ganzen Körper und rang nach Luft. Die feinen Stickereien ihres Gewandes klebten an ihrer Haut. Ihre langen, schneeweißen Haare waren zerzaust, einzelne Strähnen klebten an ihrer Stirn. Ihr Atem bebte, als wolle er ihren zerbrechlichen Körper sprengen. Sie konnte nicht mehr schlafen. Nicht diese Nacht. Vielleicht keine mehr. Minera schüttelte den Kopf, als wolle sie die Dunkelheit in ihrem Inneren abschütteln. „Nein. Derartige Gedanken helfen mir jetzt nicht weiter…“, flüsterte sie heiser und legte die zitternden Finger an die Schläfen. „Was würde Al-Thira jetzt tun?“
Die Frage hallte in ihrem Kopf wider, wie ein Echo, das in sich selbst ertrank. Al-Thira würde vermutlich in die Quellen steigen. Dorthin, wo das Wasser der Galantrisquelle selbst die Schatten aus der Seele waschen konnte. Tief unter dem Hauptgebäude, verborgen vor allen, lag dieser Ort – halb rituelles Heiligtum, halb seelischer Abgrund. Doch Minera schüttelte erneut den Kopf, heftiger diesmal. Die Vorstellung, sich jetzt, in dieser dunklen Nacht, durch die Gänge zu schleichen, in diese Tiefe zu steigen – allein – ließ ihre Haut prickeln. „Verdammt… das trau ich mich nicht“, hauchte sie und krallte sich in das Kissen, das noch immer den Abdruck ihrer Angst trug.
Dann hörte sie es. Ein Geräusch. Schaben. Kratzen. Als würde etwas Schweres über Stein gezogen. Dumpf, schleifend. Und viel zu nah. Ihr Atem stockte. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen, als wolle es fliehen, bevor sie es konnte. Langsam kroch sie rückwärts bis zur hölzernen Kopfseite ihres Bettes, presste sich gegen das geschnitzte Holz und starrte auf ihre zitternden Beine. Ihre Finger tasteten nach einem weiteren Kissen – das Einzige, womit sie sich bewaffnen konnte. Ihre Lippen formten stumm Gebete, doch ihre Gedanken waren zu laut für jeden Trost. Das Geräusch kam näher. Langsam. Beständig. Ein Kratzen, als würden Fingernägel über Stein fahren.
Dann… Stille. Minera wusste: Es stand direkt vor ihrer Tür. „Habe ich… habe ich die Tür verschlossen?“, flüsterte sie kaum hörbar. „Nein… nein, verdammt, ich hab’s wieder vergessen…“ Panik griff nach ihr wie kalte Hände. „Leona hatte recht“, dachte sie. „Sperr dein Zimmer ab, Minera.“ Immer wieder hatte sie es gehört – wie eine Mahnung, die nun zur Todesmelodie wurde. Die Tür knarrte. Nicht hastig. Langsam. Quälend langsam. Das Holz ächzte unter einem unsichtbaren Druck, als würde es widerwillig aufbrechen. Der Riegel war nicht vorgelegt. Der Spalt wuchs – und Schatten tasteten sich in den Raum, schoben sich über den Boden wie Krallen aus Dunkelheit. Minera spannte sich an. Ihr Blick starr auf den Türrahmen geheftet. Ihre Muskeln zuckten, ihr Atem stoppte. Wie eine fauchende Katze duckte sie sich zitternd, aber bereit. Dann – ohne zu denken, ohne zu zögern – schleuderte Minera das Kissen mit der ganzen Panik ihrer aufgewühlten Seele in die Schatten der Tür. Es flog in hohem Bogen, durchquerte mit wehendem Stoff den schwach erleuchteten Raum – und traf mit einem gedämpften „Pffsch“ etwas… oder jemanden.
Ein erstickter, überraschter Laut erklang. Kein Kreischen. Kein Fauchen. Sondern menschlich. Minera gefror das Blut in den Adern. Oh nein. Es… es kann sprechen. Kaum hatte sie den Gedanken gefasst, tasteten ihre Hände bereits nach dem nächsten Kissen. Noch einmal – als ob gefiederte Baumwolle gegen das Grauen ihrer Träume helfen könnte. Sie schleuderte es mit bebender Entschlossenheit durch den Raum. Doch diesmal kam es nicht zum Aufprall. Ein zischender Luftstoß – das Kissen wurde abgewehrt und flog in hohem Bogen zurück. Es war, als hätte der Schatten es verspottet. Mit voller Wucht traf es Minera im Gesicht, ließ sie nach hinten taumeln. Ihr Hinterkopf krachte gegen das hölzerne Kopfteil des Bettes. Ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem schmerzhaften Keuchen. Dann wurde der Raum mit einem Mal in warmes Licht getaucht. Eine flackernde Kerze wurde hereingetragen, ihr goldener Schein schob die Dunkelheit zurück, enthüllte die Realität – und mit ihr das wahre Gesicht ihres nächtlichen Besuchs.
„Hohepriesterin Minera“, erklang eine wohl-vertraute, schneidende Stimme, „mit Verlaub – dürfte ich erfahren, weshalb Ihr mitten in der Nacht herumschreit, als würde Euch jemand nach dem Leben trachten… und mich dann auch noch mit Eurem Bettwerk bewerft?“ Im Lichtschein stand Leona Galantris. Ihr schneeweißes Haar mit einigen schwarzen Strähnen war zu einem notdürftigen Zopf gebunden, über ihrem schlichten Nachtgewand hing ein blauer Umhang, achtlos über die Schultern geworfen.
Ihr Blick – von unerschütterlicher Müdigkeit und dezenter Gereiztheit geprägt – hätte selbst die dunklen Götter zum Innehalten gezwungen. Minera erstarrte.
