Klara Chilla
Die Tränen der Waidami
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Nach der Schlacht
Entscheidungen
Ausgeliefert
Plantage
Wunden
Plantage
Zwei Jahre später ...
Plantage
Wiedersehen
Plantage
Piraten
Puerto Rico
Emilia
Gewinn und Verlust
Ein neuer Kurs
Entführt
Zusammenkünfte
Erkenntnisse
Unvorhergesehen
Vor dem Sturm
Waidami
Schicksal ?
Epilog
Nachwort
Impressum neobooks
Prolog
Die alte Frau starrte auf die Wellen, die sanft an den Strand rollten, den feinkörnigen Sand überschwemmten, um sich augenblicklich wieder davon zurückzuziehen, doch nicht, ohne etwas von sich zurückgelassen zu haben. Dort wo sich das Wasser von seiner Hinterlassenschaft trennte, färbte sich der Sand dunkel und klumpte zusammen.Merka ging in die Knie und presste ihre beiden Hände flach ausgebreitet in die kühle Feuchtigkeit. So verharrte sie für einige Atemzüge. Dann richtete sie sich schwerfällig wieder auf und betrachtete mit zusammengezogenen Augenbrauen ihre Abdrücke. Nur zögernd füllten sich die Vertiefungen mit neuen Wellen, wuschen sich aus und verschwanden, als hätten sie niemals existiert. Doch etwas hatte sich verändert. Für das menschliche Auge war es unsichtbar, aber die Ordnung der Sandkörner war durcheinandergeraten und veränderte damit den ganzen Strand und hatte Folgen für die ganze Insel. Unauffällig zwar, aber nichts würde wieder jemals so sein wie zuvor. Merka stand nun ganz auf, ihre Augen fest auf das Meer gerichtet. Die Sandkörner waren so verschieden wie die Visionen der Seher. Und genau wie der kleine Abdruck ihrer Hand das natürliche Gefüge ins Rutschen brachte, hatte der kleine Betrug an einer Vision die Schicksale vieler Menschen durcheinandergebracht.Ein tiefes Grummeln stieg aus dem Inneren der Insel, und Merka sah besorgt über ihre Schulter zu dem Vulkankegel, der majestätisch die Insel überragte. Doch alles war ruhig, und er blickte so unschuldig auf sie herab, so wie er es tat, seitdem er mit seinem heißen Atem diese Insel geschaffen hatte. Er hatte all dies Leben hier erst möglich gemacht, und er war es auch, der nun unauffällig, aber bestimmt, darauf hinzuweisen begann, dass er es genauso gut auch wieder zerstören konnte. Merka verbeugte sich tief vor dem Vulkan und murmelte eine Beschwörung an die Göttin Thethepel, wohl wissend, dass diese sie nicht erhören konnte, und lief mit eiligen Schritten zurück ins Dorf.
Nach der Schlacht
Das Meer glich einer dunklen undefinierbaren Masse, die nichts von dem verriet, was sich unter ihrer düsteren Oberfläche abspielte. Darüber erhob sich eine orangerote Sonne. Ihre Strahlen fächerten dabei wie Pfeilspitzen auseinander, als wollten sie ihr in den wolkendurchzogenen Himmel vorauseilen und die Richtung weisen.
Jess stand an der Reling auf der Backbordseite der Monsoon Treasure und betrachtete das farbenprächtige Spektakel. Langsam verwandelte sich das Meer, verlor die Dunkelheit und präsentierte sich in einem lebendigen Spiel aus Grün und Blau. Ein idyllisches Bild, wären da nicht die Wrackteile gewesen, die auf den Wellen trieben und von der Schlacht erzählten, die hier gestern noch stattgefunden hatte. Ein Segel hing zerfetzt an einem treibenden Mast und wirkte wie der gebrochene Flügel eines übergroßen Seevogels. Einige der spanischen Schiffe waren ebenfalls wie die Treasure geblieben und hatten beinahe die ganze Nacht hindurch nach Überlebenden gesucht. Die Ausbeute war nicht besonders groß gewesen. Selbst von den auf dem Riff aufgelaufenen Schiffen hatten nur wenige Männer gerettet werden können.
Tief atmete Jess die Seeluft ein, als wäre es etwas völlig Neues für ihn. Seine Hände hielt er dabei auf dem Rücken verschränkt. In der Schlacht war alles so schnell gegangen. Jess hatte das Schiff übernommen und mit Hilfe der Monsoon Treasure die Lücke in dem Riff gefunden. Nur so konnten sich die schwächeren Schiffe der Silberflotte auf die andere Seite des Riffs in Sicherheit bringen. Danach hatte er sich in die Schlacht gestürzt. Die überlebenden Waidami hatten schließlich mit ihren Schiffen wie die Hasen das Weite gesucht und seine alte Crew war wieder auf die Monsoon Treasure gewechselt. Lediglich Cale und Jintel waren mit einigen Schiffen nach Bocca del Torres aufgebrochen, um dort die versprochene Entlohnung für Tirado zu holen. Jess seufzte und dachte an Lanea, die jetzt friedlich in seiner Koje lag und schlief. Ein warmer Schauer sickerte in seine Brust und füllte sie zur Gänze. Er hatte tatsächlich keinen Gedanken mehr an die Treasure verschwendet, nachdem er sich mit Lanea zurückgezogen hatte.
Doch dieser Moment gehörte jetzt ihr. Jess löste die Hände von seinem Rücken und legte die rechte flach auf die Tätowierung. Äußerlich sah sie aus, als wäre sie nie aus ihm herausgeschnitten worden; als wäre sie nie fort gewesen. Doch unter die Oberfläche der feinen Linien fraß sich ein seltsamer Schmerz, der sich wie ein schleichendes Gift seinen Weg unter seine Haut bahnte. Der Schmerz nach der ersten Tätowierung war noch lebhaft in seiner Erinnerung. Es hatte beständig gebrannt, wie ein unsichtbar schwelendes Feuer. Er hatte sich schnell daran gewöhnt und es später gar nicht mehr wahrgenommen. Dies hier war anders. Statt der Hitze legte eine ungewohnte Kälte eine Spur über seine linke Brust. Aber vielleicht war dies so bei einer neuerlichen Tätowierung. Auch daran würde er sich gewöhnen. Jess atmete erneut ein und umschloss mit einer zärtlichen Geste das glatte Holz der Reling. Die Monsoon Treasure stürzte sich wie mit der überschwänglichen Umarmung einer Frau auf ihn und riss ihn mit sich. Überrascht von der Intensität dieser Begegnung schnappte Jess nach Luft, griff fester zu und hielt sich fest. Bilder und Empfindungen aus der Zeit mit McDermott schlugen wie Wellen über ihm zusammen, die ihm die Monsoon Treasure gestern unter der ersten Berührung vorenthalten hatte. Die Treasure hatte unter der Verbindung mit McDermott gelitten, fühlte sich als Verräterin und bat um Vergebung. Jess ließ sich fallen, folgte jeder einzelnen Geschichte, folgte jedem Schmerz und der Trauer seines Schiffes, als sie ihn verloren hatte. Nach einer Weile wurde sie ruhiger und nahm ihn mit sich in die Tiefe. Gemeinsam trieben sie dahin, sanken bis auf den Grund der See und fanden ihren Frieden.
Irgendwann lockerte Jess den Griff und ließ dann ganz los. Er war zurück. Die Monsoon Treasure gehörte wieder ihm, und die Waidami waren zumindest für dieses eine Mal geschlagen. Er war frei. Die Wände um ihn herum, die ihn seit der Trennung von den Strömungen seiner Umgebung ausgeschlossen hatten, waren gefallen.
Dennoch schmeckte der Gedanke an seine Freiheit bitter. Es hatte viel gekostet, um bis hierhin zu gelangen. Menschen waren gestorben, um ihm zu helfen oder weil sie ihm hätten helfen können. Der nächste Atemzug war tief und voll Trauer bei dem Gedanken an Hong. Der Chinese war mehr als sein Koch und Arzt hier an Bord gewesen, mehr als ein Freund. Es war das erste Mal, dass Jess den Gedanken an ihn zuließ und den Schmerz ertrug. Hong hatte verhindert, dass aus Jess Morgan ein seelenloses Monster wurde. Er war es gewesen, der ihm von seinem ersten Tag an Bord immer wieder gezeigt hatte, wie wichtig es war, seine Menschlichkeit zu bewahren, gleich, was das Schicksal für einen Mann bereithielt. Ihm war es gelungen, den maßlosen Zorn, den Jess als junger Kapitän der Waidami empfunden hatte, zu zähmen. Eine Welle hilfloser Wut überrollte ihn. Jess ballte die Hände zu Fäusten, bis seine Knöchel weiß hervortraten. Torek würde dafür bezahlen. Das war ein Versprechen an Torek und sich selbst. Und damit der unausgesprochene Beweis, dass seine Freiheit nur fadenscheinig war und nur von vorübergehender Natur sein konnte. Der Feind hatte eine Niederlage erlitten, nicht mehr. Bairani und Torek lebten noch und schmiedeten höchstwahrscheinlich längst neue Pläne. Nachdenklich glitt sein Blick über die Backbordseite der Treasure bis zum Bug. Der Anblick war vertraut, genau wie die Männer, die ihre Arbeit verrichteten, als wäre es nie anders gewesen. Als hätten sie nicht monatelang um ihren Captain fürchten müssen. McPherson, sein Schiffszimmermann, kam mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck auf ihn zu. Sein Schritt wirkte trotz des Holzbeines beschwingt. In seinem Schlepptau befand sich Kadmi, der sich jedoch unter den Niedergang verzog. Jess öffnete sich für die Strömungen seiner Crew. Die Männer wirkten angekommen, zufrieden. Jeder Einzelne von ihnen war erfüllt von dem Gefühl, wieder komplett zu sein. Der Pirat empfand tiefe Zuneigung für diese Männer, die ihm so unerschütterlich die Treue gehalten hatten.
Sie hatten sich dafür mehr als nur eine Zeit der Ruhe verdient. Ihr Kurs würde sie zunächst nach Cartagena führen. Cale und Jintel sollten ein bis zwei Tage nach ihnen dort ankommen. Sobald die Mannschaft komplett war, würden sie nach Hause segeln. Bocca del Torres wartete. Zumindest für eine Weile sollten sie sich dorthin zurückziehen.
»Captain!« McPherson blieb mit dem breiten Grinsen eines beschenkten Kindes vor ihm stehen. Das Wort betonte er, als sei es eine kostbare Gabe. »Du hast nicht die geringste Ahnung, wie sehr ich mich freue, dich hier auf diesen Planken wieder vor mir zu sehen.«
Jess lächelte unwillkürlich. Der untersetzte, aber kräftige McPherson war der älteste Mann an Bord. Sein Gesicht war gezeichnet von Wind und Wetter. Falten und Narben erzählten von den langen und harten Jahren auf See. Wenn er auch wegen seines Holzbeines nicht mehr zum Kampf taugte, war er doch der beste Schiffszimmermann, den man sich nur denken konnte. Unzählige Male hatte er die Treasure auch unter widrigsten Umständen zusammengeflickt und damit auch das Wohlergehen von Jess selbst gewährleistet.
»Ich freue mich auch, McPherson.« Dankbar klopfte er dem Älteren auf die Schultern. »Schön, dass ich dich wieder hier als Zimmermann habe. Ich kenne niemanden, dem ich sonst diese Arbeit anvertrauen wollte.«
Das Grinsen seines Gegenübers wurde noch breiter, soweit dies noch möglich war. Mit stolzgeschwellter Brust richtete er sich auf. »Deshalb habe ich unsere Lady auch bereits bis in die letzten Spanten untersucht. Außer einigen kleinen Schäden hat sie nichts abbekommen, aber das wusstest du natürlich bereits.«
»Und ich weiß auch, dass du diese Schäden noch im Licht der Laternen in der Nacht repariert hast.« Noch bevor Jess Schlaf gefunden hatte, hatten sich die leichten Verletzungen, die er davongetragen hatte, geschlossen und waren verheilt.
»Ich hoffe, es hat euch - ähem - dich nicht allzu sehr gestört.« Das wettergegerbte Gesicht verzog sich mit einer leisen Spur Schamhaftigkeit. Jess konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen. Kaum zu glauben, wie empfindlich diese Kerle doch immer wieder sein konnten. Angesichts ihrer Taten der vergangenen Jahre, wirkte es beinahe lächerlich, bewies aber auch ihre Menschlichkeit.
»Du hast nur deine Pflicht getan«, entgegnete er daher nur. So wie jeder Mann seiner Crew. »Und darüber hinaus. Ich bin euch allen zu tiefstem Dank verpflichtet. Ohne euer Zutun stände ich jetzt nicht hier.«
McPherson räusperte sich verlegen und schüttelte dann entschieden den Kopf.
»Wenn ich dich daran erinnern darf, dass ich bereits einige Jahre in einer Grube auf irgendeiner Insel verfaulen würde, wenn du mir nicht das Leben gerettet hättest.«
»Das ist lange her.«
»Und nicht vergessen. - Du schuldest uns nichts.«
Jess verschlugen die entschlossenen Worte die Sprache. Er wusste nicht, was er noch darauf erwidern sollte. Spürte er doch die ehrliche Dankbarkeit und Hingabe von McPherson so deutlich, als könnte er sie als Gewichte in eine Waagschale legen. Gerührt legte er ihm die Hand auf die Schulter. »Ich schulde dir wenigstens eine Mütze voll Schlaf, alter Freund. Während die meisten von uns die Zeit hatten, sich in der Nacht auszuruhen, hast du gearbeitet. Schlaf dich aus, solange du willst. - Wer hat dir bei den Arbeiten geholfen?«
»Kadmi, Sam und Bill, Captain.«
Gut! Sie sollen sich ebenfalls in ihre Hängematten verholen. Ich will keinen von ihnen an Deck sehen, bis sie sich ausgeschlafen haben.«
»Aye, Sir!« McPherson wandte sich zum Gehen, hielt dann aber doch inne.
»Ich habe da noch eine Bitte, Captain.«
»Was kann ich für dich tun?«
»Kadmi, Sir. Er ist wirklich sehr gelehrig, was das Zimmererhandwerk angeht. Der Junge hat da mehr in seinem Schädel als die anderen Kerle und zwei wirklich geschickte Hände. Vielleicht wäre es gut, wenn ich ihm alles beibringe, was man als Schiffszimmermann wissen muss.«
Jess lächelte unwillkürlich, als er an den Jüngsten der Crew dachte. Deshalb hatte der Junge sich gerade verdrückt und versprühte eine angespannte Strömung wie ein Skunk seinen Urin.
»Du meinst also, er hat das Zeug dazu?«
»Ich wüsste keinen Besseren, Captain.«
»Gut, dann gib Jintel bei seiner Rückkehr Bescheid, dass er Kadmi von seinen Pflichten freistellt. Und frag N’toka, ob er unter den Männern eine andere Hilfe findet. Sonst muss der Junge ihm weiterhin bei den Mahlzeiten behilflich sein.«
»Danke, Captain!«
»Und jetzt ab in die Koje, Mann.«
»Aye, aye, Sir!«
Jess sah McPherson hinterher, wie er unter dem Niedergang verschwand und kurz darauf die überschlagende Freude Kadmis darunter hervorspritzte. Er lächelte bitter. Für seine Männer schien der Kampf gegen die Waidami genau hier zu Ende zu sein.
Ihr Captain wusste es besser.
*
Der Oberste Seher stand auf dem kleinen Felsenplateau, das unterhalb des Vulkankraters aus den Höhlen führte. Von hier hatte er einen hervorragenden Überblick über die Insel und das Meer. Weit unter ihm lagen das Dorf und die Bucht, in der sich einige neue große Segler aufhielten. Doch seine Aufmerksamkeit galt den kleinen Flecken am Horizont, die sich langsam der Insel näherten. Auch ohne eines dieser Fernrohre wusste Bairani, wer dort kam. Es war der Rest der entsandten Schiffe, die unter der Führung von Captain McDermott aufgebrochen waren, um die spanische Silberflotte zu stellen.
Für einen kurzen Moment überlegte er, nach Torek rufen zu lassen, damit dieser ihm Genaueres von der Schlacht berichten konnte. Doch er verwarf den Gedanken wieder. Toreks Wissen um die Dinge war mehr als hilfreich, zumal bei ihm selbst die Visionen mit zunehmendem Alter immer schwächer wurden, aber er durfte den Jungen auch nicht unterschätzen. Seine Verschlagenheit und der Genuss der Macht, die er in der letzten Zeit gewonnen hatte, machten ihn zu einem Partner, den man nicht aus den Augen lassen durfte.
Die Flecken am Horizont wurden schnell größer und nahmen Gestalt an. Bairani konnte nun die Schiffe erkennen. Angespannt leckte er sich über die Lippen und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Die Schiffe waren beschädigt. Eins hatte schwere Schlagseite und schien sich nur noch mühsam über Wasser zu halten. Plötzlich schob sich ein anderes Bild in seinen Kopf. Bairani richtete sich auf und erstarrte. Ein Meer aus weißen Segeln fegte wie eine gewaltige Sturmfront daher. Hinter ihm erwachte der Vulkan und ein kollerndes Geräusch drang aus seinem Schlund wie das drohende Knurren eines angriffslustigen Tieres. Der Oberste Seher taumelte und fiel so plötzlich aus der Vision, wie sie gekommen war.
Hastig warf er einen Blick auf den hinter ihm aufragenden Bergkegel. Alles war völlig ruhig. Keine Rauchsäule hob sich in den azurblauen Himmel, kein Grollen drang heraus. In der Geschichte Waidamis war dieser Berg nur zur Entstehung der Insel ausgebrochen. Seitdem schlief der Riese in aller Friedlichkeit.
Bairani lenkte wieder seinen Blick auf die Segelschiffe. In Ruhe betrachtete er jedes Einzelne davon. Er kannte jedes dieser Schiffe. Er kannte jeden der Kapitäne, denen er in der Verbindungszeremonie mit dem Dolch der Thethepel das Bild ihres Schiffes auf die linke Brusthälfte tätowiert hatte. Jeder dieser Männer war auf besondere Weise an sein Schiff und an Waidami gebunden.
Bei einem war es anders.
Sein Schiff segelte nicht mit den Heimkehrern.
Die Hand des Obersten Sehers glitt an das Amulett um seinen Hals, das warm unter seinen Fingern pulsierte. Ein zufriedenes Lächeln fraß sich auf seine dünnen Lippen.
Die Monsoon Treasure war wie geplant nicht mehr unter ihnen.
*
Als Lanea das Deck betrat, stand die Sonne bereits hoch am Himmel, wie sie beschämt feststellte. Sie hatte lange noch wach in der Koje gelegen und die Ereignisse des vergangenen Tages in ihren Gedanken wieder und wieder durchgespielt. Es war so unendlich viel geschehen. Die Schlacht, der Kampf um die Monsoon Treasure und nicht zuletzt die Wiederbegegnung mit Jess.
Mit dem Jess, wie sie ihn von ihrer ersten Begegnung in Erinnerung hatte. Stark und entschlossen, nicht der Schatten, den Bairani mit der Trennung von seinem Schiff aus ihm gemacht hatte. Laneas Herz klopfte heftig, als sie daran dachte, wie Jess sich selbst den Dolch der Thethepel in die Brust gerammt hatte.
Lanea wendete den Kopf und entdeckte ihn augenblicklich. Er stand auf dem Achterdeck am Steuer und sah natürlich zu ihr hinüber. Es hätte sie auch gewundert, wenn er nicht bemerkt hätte, dass sie kam. Wieder beschleunigte sich ihr Herzschlag bei seinem Anblick. Seine weizenblonden Haare hatte er wie immer im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden. Der Blick aus seinen eisblauen Augen fuhr direkt in ihren Magen und löste dort ein angenehmes Prickeln aus. Sein Blick glitt fragend zu ihrem linken Bein, das sie immer noch versuchte, beim Gehen zu schonen. Jess hatte zwar in der Nacht den Verband bemerkt, aber sie hatten sich nicht mit vielen Worten aufgehalten. Lanea huschte bei der Erinnerung eine leichte Wärme in die Wangen, die in Flammen aufgingen, als sein Lächeln in ein anzügliches Grinsen überging.
Wie sie es hasste, dass dem Mann, den sie liebte, schlicht nichts verborgen blieb. Jede noch so kleinste Gemütsregung las er von ihr ab, wie aus einem aufgeschlagenen Buch.
Lanea trat an die Reling und sog tief die frische Seeluft ein, um ihre Gedanken und ihr Gemüt wieder abzukühlen. Prüfend betrachtete sie den Stand der Sonne und das Spiel der schaumgekrönten Wellen, die gleichmäßig über das tiefblaue Meer rollten und die Treasure wie eine Eskorte zu ihrem Ziel hin geleiteten. Ein letzter Blick in die Segel bestätigte ihr, dass ihr Kurs sie wie verabredet nach Cartagena führte.
Für einen Moment schloss sie die Augen und genoss die sanften Bewegungen des Schiffes. Es tat so gut wieder hier zu stehen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Zu Beginn ihres Abenteuers hätte sie sich niemals träumen lassen, dass sie je so empfinden könnte. Schmunzelnd dachte sie daran zurück, wie entsetzt sie gewesen war, als ihr Vater sie auf die Treasure geschickt hatte. Damals hatte sie sich nicht vorstellen können, unter skrupellosen Piraten zu leben. Jetzt war dieses Schiff ihr Zuhause. Die Piraten nicht so skrupellos, wie sie gedacht hatte, und inzwischen mehr als bloß Freunde. Für nichts auf der Welt hätte sie woanders sein wollen. Das bewies aber auch, dass die Seher sehr wohl wussten, für welche Aufgaben ein Kind geboren wurde. Trotzdem waren sie eine Plage, die dem Volk keine eigenen Entscheidungen überließen, sondern diese mithilfe ihrer Visionen in die gewünschte Richtung lenkten. Der Gedanke an die Seher riss sie aus ihrer friedlichen Stimmung. Lanea öffnete die Augen, um den Niedergang hinauf zu Jess zu gehen, der seinen Blick fest auf den Horizont gerichtet hielt. Seine schöngeschwungenen Lippen umspielte dabei ein leichtes Lächeln.
»Bereit wieder deinen Dienst als Navigatorin der Monsoon Treasure anzutreten?«, fragte er und schenkte ihr einen Blick, der sich direkt in ihren Bauch setzte.
»Aye, Sir!«, entgegnete sie. »Wie ich sehe, haben wir bereits Kurs auf Cartagena gesetzt.«
»Seit dem Morgengrauen«, nickte Jess.
»Konnten noch viele Überlebende geborgen werden?«
Seine Miene wurde ernst. Dann schüttelte er den Kopf.
»Die wenigen, die gerettet werden konnten, werden an Bord der spanischen Schiffe versorgt. Admiral Gonzalez traute uns dergleichen nicht zu.«
»Was hast du erwartet?«, fragte sie und warf einen Blick nach achtern. In einiger Entfernung hinter der Monsoon Treasure folgten die Schiffe der Spanier. »Dass sie dir vertrauen, nur weil du eine einzelne Schlacht mit ihnen geschlagen hast? Sie sind alles gottesfürchtige und rechtschaffene Männer des stolzen Spanien, und du?« Lanea deutete auf die frische Tätowierung der Treasure, die durch das halboffene Hemd deutlich zu sehen war. Unwillkürlich sah sie nach oben in die Segel und dann wieder auf die Brust von Jess. Nur zu gerne hätte sie das Hemd weiter geöffnet, um das Bild besser betrachten zu können. Aber, wenn sie sich nicht irrte, hatten die Segel der Tätowierung exakt den gleichen Stand wie die des Originals. Fasziniert fuhr sie fort:
»Du bist ein Pirat, der irgendeinen gottlosen Bund mit seinem Schiff eingegangen ist.«
»Daran wird sich wohl bis zu meinem Ende auch nichts mehr ändern. Jedenfalls nicht, wenn ich es verhindern kann.«
»Ich hoffe«, sagte sie und verspürte den Wunsch, ihn zu berühren.
Noch während die Sehnsucht in ihr wuchs, löste Jess eine Hand von dem Steuerrad, legte ihr den Arm um die Hüften und zog sie dicht an sich heran.
»Manchmal kann es auch Vorteile haben, wenn ich deine Strömungen lese«, lächelte er und schenkte ihr einen intensiven Blick.
Keiner der Männer an Deck achtete auf sie. Glücklich schmiegte Lanea sich an ihn.
Für eine Weile standen sie schweigend beieinander und genossen die Nähe des anderen. Doch Lanea lag eine Frage auf der Seele, die sie seit dem Ende der Schlacht nicht mehr losließ.
»Was hast du gestern damit gemeint, als du sagtest, dass es nur der Anfang sei?«, brach es nach einiger Zeit aus ihr heraus. Sie hob den Kopf, um seine Reaktion sehen zu können.
Jess löste sich aus der Umarmung und warf ihr einen abschätzenden Blick zu. Mit beiden Händen hielt er wieder das Steuerrad und drehte es ein wenig, um den Kurs zu korrigieren, als die Segel über ihnen zu flattern begannen. Augenblicklich fingen sie den Wind wieder ein und beruhigten sich. Lanea sah über den Bug der Treasure hinaus auf die See und fragte sich, ob Jess auch den Kurs ohne Hilfsmittel bestimmen konnte. Der Bugspriet deutete wie ein Zeigefinger pfeilgenau auf ihr Ziel.
»Bairani wird sich nicht mit einer Niederlage zufriedengeben.«
»Was meinst du, wird er tun?«
Die Kinnlinie von Jess verhärtete sich, als er antwortete: »Bairani hat überraschend viele Schiffe in letzter Zeit bauen lassen. Ich denke nicht, dass das alles war, was wir gestern erlebt haben. Wenn er sein Ziel erreichen will, muss er die anderen Mächte aus der Karibik zunächst vernichten oder vertreiben. Das kann er nur mit einer großen und schlagkräftigen Flotte erreichen.« Er stockte und presste die rechte Hand kurz auf die Tätowierung, bevor er wieder nach dem Ruder griff. »Ich bin mir inzwischen noch nicht einmal sicher, ob die Niederlage nicht sogar beabsichtigt war. Nur komme ich nicht dahinter, was das für einen Grund haben könnte.«
Eine dumpfe Ahnung breitete sich in Lanea bei diesen Worten aus. Hatte sie nicht auch das Gefühl gehabt, dass ihre Flucht mit dem Dolch der Thethepel vielleicht ein bisschen zu einfach gewesen war? Der Stich in ihr Herz, der folgte, verneinte die Frage. Ihr Vater und seine Freunde waren dabei umgekommen. Nein, einfach war es sicher nicht gewesen.
»Wie viel Zeit wird uns bleiben, was meinst du?«
»Wofür? Um die Gewässer zu verlassen? Ich fürchte, wir müssten bereits jetzt Kurs auf die Alte Welt setzen, statt unserem lieben Gouverneur noch einen Besuch abzustatten.«
»Ich dachte mehr daran, wie viel Zeit uns bleibt, um uns auf bevorstehende Kämpfe vorzubereiten.«
Jess wog nachdenklich den Kopf.
»Zu wenig, fürchte ich!«, entgegnete er langsam.
*
Torek wanderte ohne Ziel über die Insel. Von den Höhlen war er ins Dorf gelaufen, von dort die gesamte Bucht herunter und dann weiter zur Bucht der Schiffsbauer. Eine Weile hatte er dem Hämmern, Sägen und Fluchen der Arbeiter zugehört, bis es ihn rastlos weitergetrieben hatte.
Bairani hatte ihn heute Morgen nicht zu sich rufen lassen, wie er es in letzter Zeit immer getan hatte. Stattdessen hatte ihn der Wächter vor der Höhle des Obersten Sehers regelrecht abgewimmelt. In seinem Kopf wanderte die Frage nach dem Warum genauso ruhelos umher, wie er selbst. Das Gefühl, dass ihm etwas verheimlicht wurde, war stark. Bairanis Verhalten ärgerte ihn. Und er hatte noch nicht einmal die Möglichkeit, sich in seinen Visionen die Antworten zu Bairanis Gebaren zu holen. Er schien etwas vor ihm zu verbergen, und Torek war sich ziemlich sicher, dass es mit Morgan zu tun hatte. Auch wenn er bei dem Obersten Seher keinerlei Skrupel hatte, in seinen Visionen nachzusehen, wagte er diesen Schritt nicht. Bairani vereinigte die Visionen aus so vielen Sichtungszeremonien in sich, dass ein Durchkommen nahezu unmöglich war. Torek würde die Bilder nicht sortieren können, so wie er das bei anderen Sehern inzwischen mühelos tat. Die Angst, dass er sich in der unübersehbaren Flut verlieren konnte, war zu groß. Daher würde er sich auf seinen Instinkt verlassen müssen. Und der sagte ihm, dass ihm der Oberste Seher kein vollständiges Vertrauen schenkte.
Plötzliche Wut flammte in ihm auf und lähmte seinen Schritt. Bairani missbrauchte ihn für seine Zwecke und unterschied sich damit eigentlich nicht von den jungen Männern, die sich immer über ihn lustig gemacht hatten. Vielleicht lachte er ihn nicht aus, aber der Oberste Seher schien zu glauben, dass er Torek wie ein Werkzeug benutzen konnte. Grimmig knurrte der junge Seher vor sich hin. Vielleicht sollte er einmal beweisen, dass dies nicht so einfach war. Heute würden die Schiffe zurückkehren, die die Silberflotte angegriffen hatten. Torek wusste längst, dass die Monsoon Treasure nicht mehr unter ihnen war. Morgan war auf dem Weg nach Cartagena, in dem Glauben, zumindest für eine Weile eine kleine Atempause haben zu können. Ein Lächeln glitt über Toreks Miene. Der Gedanke an den Piraten besänftigte und versöhnte ihn. Mit einem tiefen Atemzug schloss er die Augen und glitt wie von alleine zu Jess Morgan. Er fand ihn auf dem Achterdeck der Monsoon Treasure, die gerade in Cartagena festmachte. Seine Hand lag auf der Tätowierung und fühlte den Schmerzen darin nach. Toreks Lächeln wurde breiter. Zufrieden beobachtete er, wie eine schwarze Kutsche in der Begleitung berittener Soldaten auf die Pier fuhr, als ein knackendes Geräusch ihn aus der Vision riss.
Überrascht erkannte er, dass er vor Durvins alter Hütte stand, nahe des Pfades, der zu den Höhlen führte. Noch weiter abseits des Dorfes lagen nur die Hütten Shamilas und der alten Merka, die direkt am Fuße des Vulkans lagen.
Torek sah unentschlossen den Pfad hinauf, der sich in kleinen Windungen zwischen den Hibiskussträuchern verlor. Er legte den Kopf ein wenig auf die Seite und betrachtete den schlichten Bau, der seit dem Verschwinden des Sehers leer stand. Auf den ersten Blick schien die Hütte noch bewohnbar zu sein. Kritisch musterte er das mit Palmblättern gedeckte Dach, in dem ein großes Loch gähnte wie in seinem Selbstbewusstsein. Er konnte das Loch reparieren lassen und die Hütte beziehen. Er würde seine Unterkunft in den Höhlen verlassen und damit für Bairani vielleicht ein Zeichen setzen können, dass er eigenständige Ansprüche hatte. Unsicher, ob er das wirklich wollte, wandte sich Torek zum Gehen, als ihn erneut ein Geräusch aufblicken ließ. Zwischen den Sträuchern tauchte die gebeugte Gestalt der alten Merka auf. Widerstrebend gestand Torek sich ein, dass diese Frau etwas Unheimliches an sich hatte. Ihre Bewegungen wirkten schwerfällig und steif, wie er es von alten Menschen kannte, doch etwas an Merka war anders. Die Bewegungen wirkten nicht echt. Unermüdlich suchte sie sich ihren Weg den teilweise steilen und unebenen Weg hinunter, der so manch jüngeren Menschen bei einer kleinen Unachtsamkeit zum Straucheln brachte. Doch trotz der von der Müdigkeit des Alters geprägten Ganges suchten sich ihre Füße sicher ihren Weg. Torek konnte nicht widerstehen und konzentrierte sich. Als er nach Bildern von der alten Frau greifen wollte, blieb sie stehen und sah ihn geradeheraus an. Ihre Miene verzog sich dabei zu einem finsteren Lächeln, über das ihre Falten wie ein Meer aus Wellen in Bewegung gerieten. Der Blick war dabei von einer beunruhigenden Klarheit und traf ihn wie ein Warnruf. Torek erstarrte. Wie alt mochte sie sein? Unsicher, weil sie immer noch nicht den Blick wieder abwandte, tastete er vorsichtig nach einer Vision über sie. Doch da war nichts, was greifbar gewesen wäre. Um sie herum flirrte und schimmerte eine seltsame Wand, die nachgab, wo er versuchte durchzudringen, aber letztendlich seinen Vorstoß nur in eine andere Richtung lenkte und den Zugriff auf ihre Vergangenheit oder Zukunft unmöglich machte. Selbst das Hier und Jetzt schien sich vor ihm verbergen zu wollen, obwohl sie doch nur wenige Meter von ihm entfernt stand. Unvermittelt fühlte Torek sich so unbeholfen wie noch vor Monaten. Die alte Frau war nicht im mindesten von seinen seherischen Fähigkeiten beeindruckt. Ihr Lächeln wurde abschätzig und schubste den Rest seiner Selbstsicherheit in den Dreck.
»Wer die Augen zu weit aufreißt, kann leicht geblendet werden und Schaden nehmen«, sagte sie. Ihr Lächeln war wie fortgewischt.
Diesmal musste Torek schlucken. Das hatte wie eine Drohung geklungen, oder nicht?
»Nur ein gutgemeinter Rat, junger Seher«, beantwortete sie seine unausgesprochene Frage und grinste jetzt breit. »Du solltest begreifen, dass sich dir nicht alles offenbaren kann. Die künftigen Zeiten sind und bleiben ein Geheimnis, selbst für einen so weitsichtigen jungen Mann, wie du es bist. Akzeptiere, dass deine Visionen nur Möglichkeiten in einem Spiel zeigen, dessen Einsatz du selbst bestimmen kannst.«
Wut loderte in ihm auf und wurde doch gleich wieder von den durchdringenden Augen der alten Merka zertreten, bevor sie in Flammen aufgehen konnte. Wer war die alte Frau? Wieso verbarg sich ihr Schicksal vor ihm und wie stellte sie es an?
Ein erheitertes Kichern schüttelte den Körper Merkas. Mit ihrer dürren Hand umfasste sie den Stock, auf den sie sich stützte, fester. Der Handrücken war knotig und mit Altersflecken übersät. Man konnte meinen, dass sie so alt wie diese Insel war.
»Du bist so ein schlauer Junge, Torek«, sagte sie vergnügt. »Konzentrier dich lieber auf die Möglichkeiten, die das Schicksal dir zu Füßen legt.« Damit deutete sie in Richtung Dorf. Torek folgte mit den Augen in die angegebene Richtung. Sein Herz schlug augenblicklich schneller, als er Shamila erkannte. Zielstrebig wanderte sie den Berg hinauf und hob einen Arm zum Gruß, als sie die beiden entdeckte.
»Es gibt einen Weg abseits der Macht. Ein Weg, auf dem Frieden und ja, sogar Glück dicht beieinander liegen.« Merka sah Torek jetzt wieder ernst an. Jede Spur von Belustigung und Verachtung war verschwunden. Toreks Magen krampfte sich zusammen. Dann sah er wieder auf Shamila, die nur noch wenige Schritte entfernt war. Einerseits verspürte er das Verlangen, ihre Zukunft zu betrachten, doch andererseits widerstrebte ihm dies zutiefst. Er wollte sie nicht auf diese Weise erkunden. Das Eindringen in ihr Schicksal glich dem Eindringen in einen intimen Bereich, als würde er sie auf eine Weise entblößen, die ihm so nicht zustand.
»Merka«, sagte Shamila, als sie die beiden erreichte, und lächelte die alte Frau erleichtert an, während sie ihm nur ein kurzes Kopfnicken schenkte. »Torek«
Ihre Stimme löste eine Gänsehaut auf seinem Rücken aus, auch wenn sie ihre Aufmerksamkeit ganz Merka schenkte. »Nuri braucht dich. Es ist so weit. Das Baby kommt.«
Die alte Frau schien in ihrer Gestalt zusammenzuschrumpfen, während sie mit plötzlich zitternden Fingern nach dem Arm Shamilas griff, um sich dort Halt zu suchen.
»Dann lass uns keine Zeit verschwenden, mein liebes Kind«, sagte sie und wackelte mit dem Kopf, wie es alte Frauen oft taten. »Bring mich zu Nuri.«
Nachdenklich schaute Torek den beiden Frauen nach, bis sie verschwunden waren. Trotzdem Merka ein unbehagliches Gefühl in ihm hervorgerufen hatte, lag sein Herz federleicht in seiner Brust. Eine Eigenschaft, die jeder Begegnung mit Shamila innewohnte, auch wenn sie noch so flüchtig war.
*
Am Morgen des vierten Tages segelte die Monsoon Treasure in großem Abstand, gefolgt von den spanischen Schiffen, in den Hafen von Cartagena.
Noch während sie mit dem Anlegemanöver beschäftigt waren, ritten bewaffnete Wachen vor die Pier, in deren Begleitung sich eine schwarze Kalesche befand. Ein Diener sprang eilfertig vom Kutschbock, um den Wagenschlag zu öffnen. Bevor dieser danach greifen konnte, öffnete sich die Tür und die schlanke Gestalt von Christobal Tirado y Martinez schob sich hinaus.
Jess nickte dem Gouverneur zu, als ihre Blicke sich trafen. Auch ohne in die Strömungen des Spaniers zu tauchen, war die Ungeduld in seinen Augen unübersehbar. Da die Treasure das erste Schiff war, das zurückkehrte, hatte Tirado noch keinerlei Informationen darüber, wie die Schlacht verlaufen war. Auch wenn er sich zumindest Teile selbst zusammenreimen konnte, da die Treasure unübersehbar wieder in Jess’ Besitz war.
Tirado schritt geradewegs auf das Schiff zu, dessen Laufplanke gerade von Dan und Sam ausgebracht wurde. Bevor er das Deck betrat, blieb der Gouverneur stehen und sah abwartend zu Jess.
»Willkommen an Bord der Monsoon Treasure, Señor Gouverneur«, begrüßte ihn dieser und machte eine einladende Geste mit dem Arm.
»Wie ich sehe, ist das Unternehmen von Erfolg gekrönt. Ich freue mich, Euch wohlbehalten in Cartagena willkommen heißen zu dürfen, Capitan Morgan«, entgegnete der Spanier und warf dabei einen interessierten Blick auf den offenen Hemdausschnitt von Jess, »und vollständig, wie ich sehe. Ich brenne darauf, jede Einzelheit zu erfahren.«
»Ich werde Euch gerne einen umfassenden Bericht erstatten. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt.« Jess wandte sich um und ging dem Gouverneur voraus. In seiner Kajüte deutete er auf einen Stuhl. »Bitte nehmt Platz.«
Tirado ließ einen Moment den Blick neugierig über die Einrichtung wandern, bevor er sich an den großen Kartentisch setzte. Jess beobachtete ihn, während er ein Kristallglas mit schwerem Rotwein füllte und sich selbst Frischwasser einschenkte.
»Lasst uns nicht um den heißen Brei herumreden, Capitan. Stillt meine Neugierde: Wie groß sind unsere Verluste?« Ohne Umschweife kam der Spanier auf den Grund seines Erscheinens zu sprechen. Jess hätte es auch gewundert, wenn dieser Mann anders vorgegangen wäre. Bei ihren letzten Begegnungen war er stets direkt gewesen und hatte sich nicht hinter Floskeln verborgen. Jetzt sah er Jess besorgt an, während er das Glas unbeachtet an die Seite schob.
»Sechs Schiffe sind gesunken, drei manövrierunfähig. Die genaue Zahl an Verlusten unter den Männern sowie die Schäden an den Schiffen wollte Admiral Gonzalez Euch selbst überbringen. Ich fürchte jedoch, dass die Anzahl nicht so gering ist, wie ich es gerne gehabt hätte.«
Die braunen Augen des Gouverneurs musterten ihn ernst. Seine Hand strich beiläufig über die Karte, die vor ihm ausgebreitet lag und den Ausschnitt mit dem Barriereriff zeigte, wo die Schlacht stattgefunden hatte. Ein unberührter Fleck auf der Karte, der keinen Hinweis auf das Blutvergießen gab, das dort stattgefunden hatte.
»Die Waidami?«
»Neun Schiffe versenkt, acht Schiffen gelang die Flucht.«
Tirados rechte Augenbraue wanderte in einer steilen Kurve nach oben. »So viele?«, fragte er verwundert. Dann nickte er, wie zu sich selbst. »Bitte, Capitan, fahrt fort und schildert mir, was sich zugetragen hat.«
Während Jess den Verlauf der Schlacht schilderte, schwieg Tirado, ließ ihn aber keinen Moment dabei aus den Augen. Als er von der Begegnung und dem Kampf mit McDermott berichtete, runzelte sich die glatte Stirn des Spaniers, doch er schwieg weiterhin geduldig, bis Jess seinen Bericht beendete.
Für einige Augenblicke herrschte Stille in dem großen Raum. Jess, der bis jetzt gestanden hatte, trat auf die gegenüberliegende Seite des Tisches und warf einen Blick durch das Fenster hinaus. Inzwischen hatten sich mehrere der spanischen Segelschiffe zu ihnen gesellt und lagen dicht bei der Treasure vor Anker. Ein friedliches Bild. Dennoch war Jess durchaus bewusst, dass Admiral Gonzalez die Ankerplätze der Schiffe nicht zufällig gewählt hatte. Unauffällig hatte man ihn in die Mitte genommen. Der Mann traute ihm nicht, gleich, was sein Gouverneur auch von ihm halten mochte. Er blieb der Pirat, den man im Auge behalten musste oder besser noch direkt vor den Mündungen der spanischen Kanonen.
»Wenn ich richtig mitgezählt habe, Capitan, dann befanden sich auf der Seite der Waidami siebzehn Schiffe?«
Jess wandte sich wieder dem Spanier zu. Tirado trommelte nachdenklich auf dem Kartenausschnitt mit dem Barriereriff herum.
»Aye!«
»Wisst Ihr, ob dies allesamt Schiffe waren, die auch mit ihren Kapitänen verbunden sind? Oder handelte es sich womöglich um neue Verbündete?«
»Soweit ich das beurteilen kann, waren es Kapitäne der Waidami. Ich kann mir niemanden vorstellen, der ein Bündnis mit den Waidami eingehen würde. Noch weniger einen Partner, den sich der Oberste Seher an die Seite holen würde.«
»Woher kommen plötzlich so viele Schiffe? Ich habe noch nie davon gehört, dass mehr als drei oder vier Waidami-Schiffe auf einmal gesichtet worden sind.«
»Diesmal lag es jedoch in ihrer Absicht, die Silberflotte zu überfallen. Da sie im Besitz der Derroterro waren, kannten sie die Aufstellung der spanischen Schiffe, Señor Gouverneur. Es war damit zu rechnen, dass eine Flotte angreift. Jedoch muss ich gestehen, dass auch ich nicht mit einer derartig hohen Zahl gerechnet habe.«
Tirado stoppte das Trommeln seiner Finger und hob den Blick. »Ihr sagt dies so, als ob Euch etwas die Zunge beschwert, Ihr aber zu unwillig seid, es auszusprechen, mein Freund.«
»Sagen wir, ich habe das Gefühl, dass der Ablauf der Schlacht, auch wenn ganz in unserem Sinne, doch zu einfach war.«
»Was veranlasst Euch zu diesem Gedanken? Euer Plan, die Männer unter Deck hinter den Silberbarren zu verbergen war überzeugend. Die Strömungen der Soldaten konnten so nicht von ihnen ausgemacht werden. Das Überraschungsmoment lag damit auf Eurer Seite. Also, was ist es, das Euch zweifeln lässt?«
»Die spanische Flotte war in der Überzahl, aber der Großteil bestand auch aus schwerfälligen Schatzschiffen, die im Kampf leicht auszumanövrieren sind. Die Kapitäne der Waidami sind Euren Kapitänen weit überlegen. Verzeiht meine Ehrlichkeit, Señor Gouverneur. Aber in Anbetracht der Anzahl der Waidami-Schiffe bin ich ehrlich überrascht, dass mein Plan aufgegangen ist.«
»Ihr wollt also andeuten, dass wir diese Schlacht gewonnen haben, weil wir sie gewinnen sollten. Ist es das?«
»Möglicherweise.« Er wusste selbst, wie verrückt das klang. Dennoch hatte er das Gefühl, dass sich etwas über ihnen zusammenbraute, mit dem niemand von ihnen rechnete.
Tirado atmete tief ein. Langsam stand er auf, trat um den Tisch herum und stellte sich neben Jess. Sein Blick wanderte über die Schiffe, die draußen in der Bucht verteilt lagen und alle ihre Breitseiten der Monsoon Treasure präsentierten. Langsam verschränkte er die Arme vor der Brust und nickte: »Dann macht es also Sinn, dass mein Admiral dem einzigen Piratenschiff in dieser Bucht seine gesamte Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt.«
»Ich plane keinen Verrat, wenn Ihr das vermuten solltet.«
Tirado warf ihm einen Blick von der Seite zu. »Nein, das glaube ich Euch sogar. Auch wenn ich selbst zutiefst überrascht darüber bin.« Ein flüchtiges Lächeln glitt über sein Gesicht, bevor ein Schatten darauf zurückblieb. »Aber möglicherweise tragt Ihr, ohne es zu wissen, etwas mit Euch, was den Waidami einen Vorteil verschafft. - Wir sollten unseren gemeinsamen Feind nicht unterschätzen.«
Jess nickte langsam. Tirado hatte Recht und sprach nur aus, worüber er selbst sich bereits seit dem Ende der Schlacht seine Gedanken machte. »Ich werde meine Männer anweisen, das Schiff noch einmal zu durchsuchen.« Doch er hatte nicht die geringste Ahnung, wonach die Männer suchen sollten. »Ich fürchte jedoch, dass es zu einfach wäre, wenn die Waidami etwas oder jemanden an Bord versteckt hätten. Versprecht Euch nicht zu viel davon.«
»Ich denke, das wäre auch zu einfach. Lasst uns die Zeit nutzen, während Ihr hier auf die Ankunft Eurer Männer wartet. Wir können den Hergang der Schlacht in Ruhe durchgehen und nach möglichen Fallen suchen. Also erweist mir den Gefallen und nehmt eine offizielle Einladung von mir an. Es ermöglicht Euch das Betreten meines Palastes durch die Tür wie gewöhnliche Menschen und macht es nicht nötig, unbescholtene Damen in Aufruhr zu versetzen«, sagte er und spielte damit auf Jess’ letzten Besuch während eines Maskenballes an. Ein Grinsen breitete sich jetzt auf seinem Gesicht aus. Es war das erste Mal seit Betreten des Schiffes, dass Jess den Eindruck hatte, dem Tirado gegenüberzustehen, den er bei seinen bisherigen Begegnungen kennengelernt hatte.
»Nebenbei bemerkt, Señor Capitan, würdet Ihr mir eine Freude bereiten, wenn Ihr Eure bezaubernde Navigatorin als Begleitung mitbrächtet. Ich hoffe, sie ist unbeschadet aus der Schlacht mit Euch zurückgekehrt?« Tirado hatte sich jetzt ihm wieder ganz zugewandt und drehte dem Fenster und den drohenden Schiffen den Rücken zu. Das Interesse an Lanea wehte wie eine frische Brise durch den Raum und überraschte Jess, wie der leichte Schmerz, der sich im selben Moment wieder über die Tätowierung auf seiner Brust ergoss.
»Es geht ihr gut, danke«, entgegnete er und fuhr sich mit der Hand über die schmerzende Stelle. Kälte drang durch den Stoff des Hemdes in seine Handfläche. »Ohne Eure Hilfe hätte sie es wohl kaum rechtzeitig geschafft, zur Schlacht dazuzustoßen. Eine neue Verbindung wäre ohne den Dolch nicht möglich gewesen. Ich bin Euch mehr als nur zu Dank verpflichtet.«
Tirado winkte ab und ging langsam auf die Tür zu. »Seid mein Gast, Señor Capitan. Damit erweist Ihr mir Dank genug. Ich werde eine Kutsche schicken, die Euch und Eure Begleiterin abholen wird.«
»Es wird uns ein Vergnügen sein.«
Der Spanier nickte ihm kurz zu und verließ den Raum. Jess blieb nachdenklich zurück.
Entscheidungen
Tirado öffnete die beiden Fenster und machte einen Schritt hinaus auf den schmalen Balkon. Der Garten lag still und friedlich vor ihm. Das leise Plätschern des Brunnens mischte sich mit dem Spiel der Zikaden zu einer einschläfernden Hintergrundmelodie. Genau das, was er jetzt brauchte. Die Gespräche mit den Kommandanten der Silberflotte, die aus ihrer Sicht das Geschehen in der Schlacht geschildert hatten, waren ermüdend gewesen und hatten ihn letztendlich nur zu der gleichen Erkenntnis geführt, die auch Morgan bereits festgestellt hatte. Trotz aller Verluste war die Übernahme der Monsoon Treasure beinahe zu einfach gewesen. Der Kapitän war, laut Bericht von Admiral Gonzalez, geradezu mühelos überwältigt worden. Gonzalez hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass er Morgan verdächtigte, ein falsches Spiel zu spielen, um die Waidami direkt in den Hafen von Cartagena zu bringen. Unnachgiebig hatte er dazu geraten, den Piraten augenblicklich in Ketten zu legen und ihn nicht als Gast im Palast weilen zu lassen. Dazu war die überraschende Botschaft gekommen, dass die Waidami eine kleine Küstenstadt und ein Kloster überfallen hatten und niemand diese Massaker überlebt hatte. Tief atmete Tirado die kühle Abendluft ein. Nein, nicht Morgan war das Problem. Er seufzte und kniff die Augen zusammen.
Aus den Schatten der Gartenanlage traten zwei Gestalten, die eng beieinander gingen.
Am Brunnen blieben sie stehen, sodass das matte Licht sie beleuchtete. Das azurblaue Kleid, das Lanea trug, schimmerte tiefgründig wie das Meer in der Abenddämmerung. Der Manteau, der in Wellen dabei von ihren schmalen Schultern fiel, verstärkte den Eindruck. Schweigend stand das Paar sich gegenüber, vertieft in der Betrachtung des anderen, als müssten sie sich jede Einzelheit einprägen. Dann begann Lanea zu sprechen. Tirado konnte sie nicht verstehen, aber an den Gesten ihrer Hände und ihren unruhigen Schritten bemerkte er, dass ihre eigenen Worte sie stark aufwühlten. Schließlich blieb sie wieder vor dem Piraten stehen. Die junge Frau schüttelte heftig den Kopf. Eine Hand legte sie über ihren Mund, als wollte sie zu lautes Weinen unterdrücken, während sie mit der anderen ihre Mitte umschlang. Tirado spürte ihren Schmerz nahezu körperlich. Er konnte nur vermuten, dass sie gerade von dem Tode ihres Vaters berichtete.
Da stand diese junge Frau, vor der er ehrlichen Respekt empfand. So entschlossen, wie sie damals hier aufgetaucht war, um ihn um Hilfe zu bitten, hatte sie kaum etwas von den tiefen Wunden in ihrem Inneren gezeigt. Jetzt verlor sie jegliche Selbstbeherrschung. Ihr Gesicht war nach unten gesenkt, während ihre Schultern von Weinkrämpfen geschüttelt wurden. Jess Morgan stand ruhig da und hörte zu, ließ ihr Raum für ihren Schmerz. Erst als sie geendet hatte, nahm er sanft ihr Gesicht in seine Hände, hob es zu sich heran und sprach. Seine Worte schienen wie ein unsichtbarer Halt zu sein. Ihre Gestalt richtete sich daran auf, ihr Blick saugte seinen Anblick in sich auf. Der Pirat senkte seinen Mund auf ihre Lippen und küsste sie zärtlich. Laneas Arme schlossen sich dabei um seine schlanke Gestalt, und sie drängte sich an ihn, als ob nur in seiner unmittelbaren Nähe Trost zu finden war.
Tirado räusperte sich verlegen und ging rückwärts zurück in das Gebäude, bis er die beiden aus dem Blick verlor. Dieser Augenblick war nicht für ihn bestimmt. Dennoch war er froh, dass er Zeuge davon geworden war; bestätigte es ihn doch in seiner Meinung, dass man einen Mann nicht stur nach Gut und Böse einordnen konnte. Sicher hatte Morgan Verbrechen begangen, die ohne jede Rücksicht auf Geschlecht und Alter vorgegangen waren. Die Schiffe, die er gekapert hatte, waren allesamt mit der an Bord befindlichen Besatzung versenkt worden. Dennoch hob er sich von den anderen Piraten ab, hatte sich von seinem Gewissen leiten lassen und die Seiten gewechselt. Und daran hegte er keinen Zweifel, gleich, was Admiral Gonzalez glaubte. Morgan hatte bewiesen, dass es viele Facetten gab. Selbst zu tiefen Gefühlen war er fähig. Aus jedem Blick und jeder Geste in Richtung Laneas sprach eine Liebe, die er selbst bisher nicht kennengelernt hatte. Was Morgan und diese Frau füreinander empfanden, war unübersehbar ein kostbarer Schatz. Tirado seufzte leise. Seine Gedanken wanderten von alleine zu der Pergamentrolle, die ihm der Seher für Morgan ausgehändigt hatte und nun wie ein zu fettes Abendmahl schwer in seinem Magen lag. Es war an der Zeit, die Rolle zu übergeben. Ein Gedanke schlich wie ein dunkler Schatten durch die Nacht und setzte sich in ihm fest. Was, wenn dieses Schreiben nichts Gutes zu verkünden hatte?
Leise schloss Tirado die Fenster und damit den Garten und die beiden Menschen dort aus seiner Gegenwart aus. Er fürchtete, dass ihr Glück nur von kurzer Dauer sein könnte.
*
Im Verlaufe des Abends wurde Tirado immer ungeduldiger. Es war nun schon Stunden her, dass er Lanea und Jess im Garten beobachtet hatte. Das Mahl mit seinen Gästen zog sich dahin. Admiral Gonzalez und seine Gattin, vor allem diese, plauderten angeregt mit Morgan. Während seine Begleiterin Lanea sich nur zaghaft beteiligte, was dem Umstand geschuldet war, dass sie sich auf ungewohntem Terrain befand, kam von Kardinal Joaquin García Álvarez tadelnde Blicke und Worte der Geringschätzung. Nur mühsam konnte Tirado sich an die gebotene Höflichkeit halten und sich an der Konversation beteiligen, wie es von einem Gastgeber erwartet wurde. Seine Verpflichtungen, die er als Gouverneur hatte, waren an diesem Abend mehr als unerquicklich. In seinem Hinterkopf drohte die zu überreichende Pergamentrolle allgegenwärtig und verdarb ihm den Appetit, ohne dass er ihren Inhalt kannte.
»Für einen Piraten seid Ihr ungewöhnlich gebildet«, sagte gerade die Frau des Admirals und strahlte Morgan an, nicht ohne ihrem Gatten einen befangenen Blick zuzuwerfen.
»Tatsächlich?« Jess wandte sich der Dame mit einem charmanten Lächeln zu, die daraufhin hochrot anlief. »Ich nehme an, Ihr habt einen reichen Erfahrungsschatz an Begegnungen mit meinesgleichen?«
»Oh, nein! Gott sei Dank nicht! Oh, verzeiht. Ich meine ... Piraten trinken doch Rum, sagt man und sind grob und ...«
»Wundert es Euch wirklich, Donna Isadora, dass dieses Gesindel eine gewisse Bildung besitzt?«, fiel Kardinal Álvarez der Dame ganz ungalant ins Wort und hob in einer unnachahmlichen Geste die Augenbrauen. Damit wirkte er noch überheblicher als bereits zuvor. Sein Missfallen über die Gegenwart von Morgan stand offen in seiner aufgeblasenen Miene. Nur zu deutlich hatte Tirado die Auseinandersetzung mit ihm in Erinnerung, als der Mann von den gemeinsamen Plänen mit dem Piraten erfahren hatte. »Natürlich ist der Teufel gebildet! Um die Menschheit unbemerkt in ihr Verderben zu führen, benötigt es Verschlagenheit, Boshaftigkeit und leider auch Intelligenz. Wie sonst sollte ausgerechnet ein ehrenwerter Mann wie Señor Gouverneur Tirado y Martinez, der seinem Land tagtäglich zur Ehre gereicht, in die mit Verblendung ausgestattete Falle eines Piraten hineinstolpern, der sich wie ein Wolf unter das Leben von anständigen Bürgern schleicht?«
Tirado sog scharf die Luft ein, als der Pirat sich mit nicht deutbarer Miene an den Geistlichen wandte. Allerdings hegte er keinen Zweifel, dass Morgan den Frieden an der Tafel seines Gastgebers nicht gefährden würde.
»Möglicherweise gehören diese sicherlich negativen Eigenschaften zu meinem Leben dazu, wie die unerschöpfliche Liebe, die Ihr zu Euren Schützlingen hegt und in aller Großzügigkeit auch auf die einheimische Bevölkerung ausdehnt. Doch liegt es mir fern, mich in Unschuld gewandet unter meine Opfer zu begeben. Dies ist wohl mehr die Vorgehensweise, mit der die Indios Bekanntschaft von anderer Seite gemacht haben.«
»Es mangelt Euch an jeglichem Respekt unserem Herrn und seiner Gefolgschaft auf Erden gegenüber. Ich. ...«
»Das sagt jemand, der seine Demut auszieht wie seine Kutte, wenn er Angst hat, sie könnte beschmutzt werden?«
Hektische rote Flecken breiteten sich auf dem strengen Gesicht des hageren Mannes aus. »Señor Gouverneur!«, sagte er mit zitternder Stimme und erhob sich steif. »Ich komme nicht umhin, mich über die mehr als fragwürdige Gesellschaft an Eurer Tafel zu wundern. Ich verwahre mich davor, mit einem Mann das Mahl zu teilen, der seine Seele bekanntermaßen Satan verschrieben hat, ganz zu schweigen von der Schamlosigkeit, dass seine Mätresse ...«
»Genug!« Tirado erhob sich nun seinerseits, was den Bischof augenblicklich zum Verstummen brachte. Triumphierend warf er Morgan einen überheblichen Blick zu, in der festen Überzeugung nun die Unterstützung des gottesfürchtigen Gouverneurs zu erhalten, und setzte sich wieder. »Bei allem gebotenen Respekt, Eure Eminenz, aber wen ich an MEINE Tafel als Gast bitte, unterliegt ganz alleine meiner Entscheidung. Selbstverständlich liegt mir das Wohlbefinden jeden Gastes am Herzen, doch vor allem steht jeder Gast unter meinem persönlichen Schutz. Und so kann ich es ganz und gar nicht dulden, dass jemand an meiner Tafel beleidigt wird, gleich von wem. Ich ersuche Euch hiermit in aller Form, besinnt Euch auf die gebotene Höflichkeit und nehmt wieder Platz.«
Der Kardinal schnappte nach Luft: »Womöglich verlangt Ihr noch von mir, dieser Hu ...«
»Ich sagte genug.« Tirados Worte waren leise, aber nicht ohne Schärfe. »Zwingt mich nicht dazu, Euch hinausbitten zu müssen, Eure Eminenz.«
Der Mann schluckte. Die roten Flecken wurden von einem Augenblick auf den anderen von fahler Blässe überlagert, als er sich erneut erhob. Die Arroganz wich der Miene eines Märtyrers, als er langsam nickte. »Ganz wie Ihr wünscht, Señor Gouverneur. Ich bedaure sehr, dass die Falle dieses gotteslästerlichen Piraten Euren Verstand bereits derart fest umklammert hält. Doch ich verzeihe Euch und werde für Eure Seele beten, auf dass sie zurückkehren werde in die Gefilde der Wahrhaftigkeit!« Damit rauschte er davon, ohne noch einen Blick an einen der Umstehenden zu verschwenden.
Tirado hatte das unbestimmte Gefühl, sich den Kardinal gerade zu einem unliebsamen Feind gemacht zu haben. Nur zu genau wusste er, dass der Mann bereits seit einiger Zeit eine Liste mit Verfehlungen führte, die er als Gouverneur in den Augen des Geistlichen beging. Diese Auseinandersetzung gab seiner Geduld den Rest. Mit entschuldigendem Lächeln wandte er sich wieder der Tafel zu. Der Admiral legte gerade seine Serviette säuberlich gefaltet ab und nickte ihm zu.
»Ich denke, es war für uns alle ein langer und anstrengender Abend, Señor Gouverneur. Und ich habe meine Familie schon seit einigen Wochen nicht mehr gesehen.« Mit einer galanten Geste ergriff er die Hand seiner Frau, die sich daraufhin lächelnd erhob. »Wenn Ihr erlaubt, ziehen wir uns zurück.«
»Sehr gerne, Admiral.« Tirado lächelte ihm dankbar zu. Auch wenn Gonzalez Morgan misstraute, stand er doch absolut loyal zu den Entscheidungen, die er als Gouverneur traf. Ein Mann, von dessen Sorte er sich mehr in seiner Umgebung gewünscht hätte. »Eine Kutsche wird Euch nach Hause bringen. Donna Isadora!« Tirado verbeugte sich vor der Frau, die ihre besten Tage bereits hinter sich hatte, aber immer noch kokett lächelte wie ein junges Mädchen.
Als sie den Raum verließen, sah er ihnen unschlüssig hinterher. Er musste mit Morgan alleine sprechen. Lanea sollte bei der Übergabe der Pergamentrolle nicht anwesend sein.
»Ich bedaure diesen Zwischenfall, Señor Gouverneur.« Jess sah ihn unumwunden an. Er hatte sich ebenfalls erhoben und schien Anstalten zu machen, sich zu verabschieden. Lanea begegnete aufmerksam seinem Blick. Nur zu deutlich stand das Erkennen in ihren Augen, dass er alleine mit Morgan reden wollte. Sie legte dem Piraten leicht eine Hand auf den Arm, als auch sie langsam aufstand. »Ich denke, ich werde zur Treasure zurückkehren, wenn die Herren erlauben. Auch für mich war der Abend anstrengend in dieser doch sehr ungewohnten Umgebung.«
»Ich habe bereits Anweisung erteilt, ein Schlafgemach für Euch und Capitan Morgan richten zu lassen. Bitte erweist mir die Ehre und nehmt das Angebot an. Die Bequemlichkeit ist sicher ungleich höher als auf der Monsoon Treasure. Eine Kutsche wird die gesamte Nacht bereitstehen und Euch zum Hafen bringen, wenn Ihr es dennoch wünschen solltet.«
Lanea sah zögernd zu Morgan. Dessen Miene verzog sich zu einem wissenden Lächeln, als hätte sie ihm etwas zugeflüstert.
»Auch dieses Angebot nehmen wir nur allzu gerne an.« Er nickte und über das Gesicht der jungen Frau flog ein freudiger Schimmer.
*
Cristobal wartete, bis die Tür sich hinter Lanea geschlossen hatte. Jess Morgan hatte sich genau wie er selbst von seinem Platz erhoben und blickte ihr mit hinter dem Rücken verschränkten Armen hinterher. Sie standen sich gegenüber und sahen sich schließlich über den Tisch hinweg an.
»Lasst uns den Abend bei einem Glas Portwein auf der Terrasse beschließen, Capitan Morgan.« Unschlüssig glitt Cristobals Blick zu der schmalen Schatulle, die am Ende des Tisches stand. Das Mahagoni, aus dem sie bestand, glänzte frischpoliert und verriet nichts über ihren Inhalt. Jess‘ Augen verengten sich kaum merklich und folgten seinem Blick. Auch wenn der Pirat entspannt wirkte, schien nicht das Geringste seiner Aufmerksamkeit zu entgehen. Dann nickte er und betrat nachdenklich an seiner Seite die Terrasse.
»Nehmt Platz, mein Freund«, sagte er und deutete auf einen Stuhl. Er selbst nahm gegenüber Platz und nickte dann Rodriguez zu, der abwartend neben der Tür stand.
Augenblicklich eilte der Diener eilfertig herbei und platzierte mit eleganten Bewegungen zwei zierliche Kristallkelche und schenkte aus einer kunstvoll geschliffenen Karaffe den Portwein ein.
»Du darfst dich zurückziehen, Rodriguez. Ich benötige deine Dienste heute Abend nicht mehr.«
»Ganz wie Ihr wünscht, Señor Gouverneur.« Der Diener verbeugte sich steif und schritt davon.
Tirado hob sein Glas und schwenkte es behutsam, sodass die blutrote Flüssigkeit in sanften Kreisen darin umher floss. Es wirkte träge und stand so im scharfen Gegensatz zu der verheißungsvollen blutroten Farbe des Getränks. Versonnen schnupperte er an dem Glas und betrachtete sein Gegenüber über den Rand hinweg.
Dieser Moment war einer der seltenen in seinem Leben, in denen er nicht wusste, wie er das folgende Gespräch beginnen sollte. Diesmal saß ihm kein spanischer Abgesandter gegenüber oder irgendein Kaufmann, die es mit geschickten Reden für sich einzunehmen galt. Ihm gegenüber saß ein Pirat, den er tatsächlich als einen Freund betrachtete und über dessen Unberechenbarkeit er sich durchaus im Klaren war. Tirado hatte nicht die geringste Ahnung, ob dieser Mann ihn seinerseits als Freund betrachtete. Aber wenn er die letzten Begegnungen mit ihm Revue passieren ließ und den vergangenen Tag, dann hatte er daran keinen Zweifel. Jess Morgan hatte ihm die Reste der Silberflotte zurückgebracht und die Schiffe mit den versprochenen Schätzen als Entlohnung waren noch während des Abendessens im Hafen eingelaufen. Noch immer musste Cristobal darüber staunen, wie viele Schätze diese Piraten im Laufe ihrer Karriere gehortet haben mussten. Zwei Schiffe der Silberflotte waren randvoll mit den unglaublichsten Schätzen zurückgekehrt. Natürlich war nicht zu übersehen gewesen, dass die Mehrzahl davon ohnehin nur zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückgebracht wurde. Fast hätte er geschmunzelt, wenn er nicht dem aufmerksamen Blick Morgans begegnet wäre, der ihn nicht aus den Augen ließ. Plötzlich verzog sich Morgans Gesicht zu einem breiten Grinsen.
»Verzeiht, wenn es so scheint, als würde ich mich über Euch amüsieren, Señor Gouverneur. Aber ich komme nicht umhin festzustellen, dass Ihr eine ungewöhnliche Anspannung ausstrahlt.« Jess lächelte ihn an, dann lehnte er sich entspannt zurück und schlug seine langen Beine übereinander.
Tirado nickte.
»Ihr verfügt in der Tat über eine ausgeprägte Beobachtungsgabe.« Tirado stand auf und schüttelte abwehrend den Kopf, als Jess sich ebenfalls erheben wollte. »Bitte bleibt sitzen, aber erlaubt mir zu holen, was diese Anspannung auslöst.«
Der Pirat nickte seinerseits und beobachtete, wie der Gouverneur wieder in den Speiseraum trat, die Schatulle an sich nahm und zurück auf die Terrasse trug. Behutsam stellte Tirado seine Fracht auf dem Tisch ab. Jess Morgan hob fragend eine Augenbraue und betrachtete ihn wortlos.
»Kurz nachdem Ihr mit der Silberflotte den Hafen von Cartagena verlassen habt, hatte ich, wie Ihr ja bereits wisst, Besuch von Eurer reizenden Navigatorin, die mich um Hilfe bat. – Was Ihr nicht wisst, ist, dass ich noch weiteren Besuch erhielt, kaum dass Lanea den Palast verlassen hatte.« Tirado machte eine Pause, in der er aufmerksam Jess beobachtete. Doch dieser saß völlig entspannt da, lediglich das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. »Es handelte sich um einen Seher, und er behauptete, er wäre ein Freund von Euch.«
Der gelassene Ausdruck im Gesicht des Piraten wich, und blankes Misstrauen trat in seine Augen. Er saß weiterhin regungslos da, doch Tirado hatte auch bemerkt, wie eine kaum sichtbare Anspannung durch seinen Körper lief. Das Raubtier in diesem Mann witterte Gefahr und vermittelte nun den Eindruck, jederzeit zum Angriff übergehen zu können.
»Er hat sich nur kurz hier aufgehalten und stellte sich als ein Freund Tamakas vor. Durch den vorhergehenden Besuch Laneas war mir dieser Name nicht unbekannt. Sie hatte mir erzählt, dass er ihr Vater gewesen war, und dass er sein Leben dabei verlor, für Euch den Dolch der Thethepel zu stehlen. Da die Bitte, die er an mich richtete, mir von harmloser Natur erschien, sah ich keinen Grund dafür, in ihm eine Gefahr zu sehen. Er übergab mir eine schlichte Schriftrolle, die ich allein an Euch weiterreichen sollte, nachdem Ihr von der Schlacht zurückgekehrt seid. – Der Mann legte größten Wert darauf, dass Ihr diese nicht erhaltet, solange Eure Begleiterin zugegen ist.«
Tirado öffnete den Deckel der Schatulle und hob eine Pergamentrolle heraus, die mit einem roten Siegel verschlossen war. Mit einem unbestimmten Gefühl reichte er die Rolle Jess Morgan. Der Pirat verzog unwillig das Gesicht, als er zögernd danach griff und sie argwöhnisch in der Hand wog.
»Ich werde mich zurückziehen, damit Ihr in Ruhe den Inhalt der Nachricht studieren könnt.« Tirado klappte den Deckel der Schatulle mit einem dumpfen Geräusch zu und wollte sich zum Gehen wenden.
»Bleibt!« Die Stimme Morgans hatte einen scharfen Unterton, und Tirado blieb überrascht stehen. »Bitte!«, fügte Jess Morgan besänftigend hinzu. »Leistet mir Gesellschaft. Ich werde einen Freund an meiner Seite zu schätzen wissen.«
Tirado nickte und kehrte zu seinem Stuhl zurück. Gespannt setzte er sich und wartete ab. Zu seinem Erstaunen war es diesmal der Pirat, der verunsichert wirkte, als er das Siegel brach. Die Rolle öffnete sich mit einem leisen Knistern, und er sah Schriftzeichen, die er nicht kannte und für ihn in dieser seltsamen Anordnung auch keinen Sinn ergaben. Jess‘ Augen hingegen schienen mühelos über die Schrift zu fliegen und dem Sinn zu folgen, der in ihnen verborgen lag. Tirado lief ein Schauer über den Rücken, als er die Veränderung sah, die sich bei seinem Gegenüber zeigte.
Er hatte es schon zuvor bemerkt, dass die Farbe von Jess’ Augen einem gewissen Stimmungswechsel unterlag. Doch jetzt war nicht zu übersehen, wie sehr sie einem Barometer für die innerliche Verfassung des Piraten glichen. Äußerlich machte Jess den Eindruck, als würde er irgendein nichtssagendes Pergament lesen. Doch der ursprüngliche warme Blauton wechselte innerhalb von Bruchteilen eines Atemzuges über Eisblau in Sturmgrau. Nach einer scheinbaren Ewigkeit ließ Jess die Pergamentrolle mit einer mühsam beherrschten Bewegung sinken und legte sie neben sich auf den kleinen Tisch. Das Gesicht war eine einzige Maske und offenbarte nicht das Geringste, was in dem Mann vorging. Sein Blick war in den Garten gerichtet, der sich im Schatten der Nacht verborgen hielt. Trotzdem lag die Anspannung greifbar in der Luft, als hätte sich ein Moskitoschwarm über die beiden Männer gelegt. Tirado widerstand nur mühsam seiner Neugierde. Wie konnte ein einfaches Schriftstück einen Mann wie Jess Morgan so an den Rand seiner Fassung bringen. Hatte er doch einen Fehler begangen und den Seher unterschätzt?
Jess Morgan stand mit einer müden Bewegung auf und unterbrach den Gedankengang Tirados. Mit schweren Schritten ging er über das im Mondlicht verblasste Mosaik auf die Stufen zu, die in den Garten führten. Dort verharrte er und wirkte plötzlich unentschlossen.
»Jess?«, fragte Tirado besorgt.
»Nicht!« Morgan schüttelte abwehrend den Kopf. Dann wischte er sich mit einer fahrigen Bewegung über das Gesicht. Sein Atem ging schwer, und Tirado konnte jeden Zug hören, mit dem er neue Luft in seine Lungen sog.
»Verzeiht meine Aufdringlichkeit, Jess. Aber offensichtlich gibt der Inhalt dieses Schriftstückes Euch Anlass zur Beunruhigung. Wenn es etwas gibt, mit dem ich Euch zur Seite stehen kann, dann bitte ich Euch, zögert nicht und …«
»Nein!« Jess fiel Tirado harsch ins Wort und blickte ihn verschlossen an. Der Sturm in seinen Augen war abgeklungen und hatte eisiger Ruhe Platz gemacht. »Es gibt nichts, mit dem Ihr mir noch zur Seite stehen könntet.«
»Dann sagt mir, was in dem Pergament geschrieben steht!«, entgegnete Tirado eindringlich.
»Dass nur ein Narr daran glaubt, dass wir einen Sieg errungen hätten und dass Menschen wie ich ihr Leben ändern könnten.« Jess lachte bitter. »Verzeiht mir, Tirado. Aber ich denke, es ist besser, wenn ich mich jetzt zurückziehe.«
Jess verbeugte sich leicht. Tirado bemerkte irritiert, wie verletzt sein Gegenüber plötzlich wirkte, und nickte besorgt.