Die Trostfrauen - Ruth Hallo - E-Book

Die Trostfrauen E-Book

Ruth Hallo

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Beschreibung

Es werden die schlimmsten Jahre ihres Lebens– die Chinesin Meian Ling wird als junges Mädchen während des Zweiten Weltkrieges von den Japanern in eine "Trostfrauenstation" entführt. Erst nach Jahren gelingt ihr die Flucht aus diesem Zwangsbordell. Doch auch zu Hause erwartet sie keine Hilfe – im Gegenteil, sie wird ausgestoßen und verachtet. Schließlich fasst Meian Ling den Mut, ein neues Leben zu beginnen und vor Gericht zu gehen. Doch kaum einer will wirklich die Wahrheit wissen. Höchst einfühlsam und mit erzählerischer Kraft schildert die Autorin das Schicksal von Frauen, die gewaltsam um ihr Leben betrogen wurden.

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EPUB

Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ruth Hallo

Die Trostfrauen

Roman

LangenMüller

Gewidmet allen mutigen überlebenden »Trostfrauen«

Besuchen Sie uns im Internet unter

www.langen-mueller-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook:

2012 LangenMüller in der

F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München.

Alle Rechte vorbehalten

Schutzumschlag: Wolfgang Heinzel

Umschlagfoto: plainpicture, Hamburg

Satz und eBook-Produktion: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

www.Buch-Werkstatt.de

ISBN 978-3-7844-8134-0

Vor Gericht

Stunden sind vergangen. Die große Uhr an der Wand gegenüber ist geduldig. Die Zeiger laufen langsam, beinahe bedächtig. Aber sie laufen.

Hab Geduld, denke ich. Deine Zeit ist jetzt gekommen. Bald wird es Gerechtigkeit geben. Die Zeiger laufen direkt darauf zu. Das Urteil wird fallen. Heute noch. Das Schlimmste ist vorbei. Die Vergangenheit kann endlich ruhen. Vielleicht werde ich jetzt alles vergessen können. Das Verhör ist vorbei. Es war ein langes Verhör. Erst hatte ich große Angst davor gehabt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es durchstehen würde.

Die Fahrt zum Landesgericht Tokio an diesem Morgen kam mir schon vor wie eine Ewigkeit. Unser Hotel ist nicht weit weg vom Tokioer Zentrum, aber trotzdem schien die Fahrt durch die überfüllten Straßen lang. Ich saß im Taxi, und in mir kämpften zwei Geister: Einer wollte für Gerechtigkeit sorgen, koste es, was es wolle, und der andere wollte nur weg. Dieser andere Geist verschloss mir die Augen, er schirmte mich ab vor den Straßen draußen, vor den vielen geschäftigen Menschen. Dieser andere Geist ließ mich zusammenzucken, als der Taxifahrer mich auf Japanisch ansprach. Diese Sprache wiederzuhören tat beinahe weh. Ich wollte nur wieder fort aus diesem verhassten Land. Aus dem Fenster sah ich die Kirschbäume in den Gärten. Sie trugen so wunderschöne Blüten. Was für eine Pracht! Wir schoben uns durch ein Meer rosafarbener und weißer Kirschblüten– eine seltsame Schönheit inmitten dieser kalten Stadt. Hat dieses Land denn solch eine Blütenpracht verdient?

Tief in mir war alles dunkel– kein gleißendes Licht, nur ein kleiner Funken Hoffnung, der immer noch lodert.

Es war warm draußen, frühlingshaft warm. Aber mir war kalt. Heping hatte vor unserer Abreise gesagt, ich solle nur leichte Sachen einpacken, in Tokio sei es nicht kalt. Heping hatte Recht. Dennoch zitterte ich. Wären wir doch nur schon wieder zu Hause. Ich möchte zurück nach China, zurück in unsere kleine Wohnung in Nanjing. Ich sehe mich in dem kleinen Sessel vorm Fenster sitzen und Heping bringt mir Tee. Sie ist ein so gutes Mädchen. Sie sorgt sich so rührend um mich. Sie ist das Geschenk meines Lebens.

Vor dem Gerichtsgebäude erwarteten uns Professor Gao, Lanmei und Lisa mit Changan am Arm. Professor Gao ist ein guter Mann. Ohne ihn wären wir nicht hier. Er hatte sich fein gemacht, trug sogar eine Krawatte. Lisa lächelte mir aufmunternd zu.

Anfangs war sie für mich »die Ausländerin« gewesen, eine »Langnase«, wie wir Chinesen sie nennen. Ich hatte zuvor noch nicht viele Europäer gesehen und war erstaunt gewesen, dass ihr Haar doch so dunkel war wie das der Chinesen. Sie hatte gelacht und gesagt, die wenigsten Europäer wären blond. Lisa war mit Lanmei befreundet.

Lanmeis Mutter ist eine meiner Schicksalsgenossinnen gewesen– und kann heute nicht hier sein. Wir sind wenige heute, aber im Gegensatz zu damals sind wir jetzt stark. Wir müssen stark sein heute, sonst wird alles vergebens gewesen sein. Mein Blick fällt auf Changan, die sich an Lisas Arm klammert. Wie eine Ertrinkende, schießt es mir durch den Kopf. Sie scheint sich so unwohl zu fühlen wie ich. Sie ist sehr blass und wirkt unglaublich klein und zerbrechlich. Unwillkürlich frage ich mich, ob auch ich ein so verängstigtes Bild abgebe wie Changan. Wir dürfen heute doch keine Schwäche zeigen.

Ich ließ mich von Heping in das Gebäude führen. Es war ein gewaltiger Bau. Kalte Steine reckten sich in den hellen Himmel. Wir traten in die Eingangshalle. Zwerge waren wir in dieser Halle. Ein junger Mann im Anzug kam auf uns zu. Er war Japaner, aber er begrüßte uns freundlich auf Chinesisch. Sein Lächeln war nicht echt. So etwas sah ich. Das Gericht hatte den jungen Mann als Übersetzer für uns beauftragt. Er führte uns durch die langen Gänge bis in den Saal mit der Nummer 29 und wies uns unsere Plätze zu. Wieder ein Zaun!, dachte ich mir nur. Immer waren da Zäune, wenn ich auf Japaner traf. War ich jetzt wieder ihre Gefangene? Auf den Bänken hinter der Absperrung saßen Journalisten. Sie fotografierten uns, als wir eintraten, und ich senkte unwillkürlich meinen Kopf. Ich wollte das nicht.

Heping und Lisa setzten sich neben mich, Changan, Lanmei und Professor Gao in die Reihe hinter uns. Auf den Bänken saßen auch schon andere Frauen. Einige der Gesichter glaubte ich zu kennen.

Eine barsche Stimme schreckte mich auf. Der Übersetzer gab uns einen Wink. »Sie müssen alle aufstehen!«, raunte er. Wir gehorchten. Eine schwere schwarze Tür hinter dem großen Podest, auf dem der Richterstuhl stand, ging auf, und ein älterer kleiner Japaner trat ein. Er trug einen langen schwarzen Mantel, die Tracht der japanischen Richter. »Der Richter Tamuti!«, wisperte Professor Gao über unsere Schultern. Tamuti setzte sich hinter einen Tisch auf dem Podest zu unserer Linken. Andere Männer folgten und nahmen die übrigen Plätze ein. Wir durften uns setzen.

Ich spreche kein Japanisch. Mitunter verstehe ich ein paar Brocken. Die langen Jahre der Gefangenschaft hatten mich einiges gelehrt, doch ohne den Übersetzer hätte ich heute nichts verstanden.

Die Verhandlung wird eröffnet. Wir sind die Klägerinnen: sechs Chinesinnen. Angeklagt war die japanische Regierung, vertreten durch den Anwalt Sakai Okamoto. Die Klageschrift lautete: Die hier anwesenden Frauen Ling Meian und Bai Changan aus Nanjing, Chang Maojin und Yang Zhude aus Shanghai, Ming Daosu und Yan Chenli aus Wuhan behaupten, ehemalige »Trostfrauen« der japanischen Armee gewesen zu sein. Sie fordern die Beklagte auf, eine offizielle Entschuldigung auszusprechen sowie finanzielle Reparationen zu leisten.

Ich spüre, wie sich mein Magen zusammenzieht. »Trostfrauen« nennen sie uns hier– wieder und wieder. Welch Schande, welch Frevel, uns so zu nennen! Trostfrauen! Niemand hätte damals des Trostes bedurft, nur wir, wir, die wir geschändet wurden… Zwangsprostituierte waren wir, Sklavinnen! Kinder waren wir, unschuldige Kinder.

Ich schließe die Augen.

Meians Geschichte: Meine Kindheit ist ein Vogel– fortgeflogen

Als ich 1924 geboren wurde, war gerade Sommer. Meine Familie lebte im Süden Chinas. Unser kleines Dorf nannte sich »Dajiao de gongji«— »Der schreiende Hahn« und lag im südlichsten Teil der Provinz Zhejiang. Die nächste größere Stadt dort ist Hangzhou, wo der »Große Kanal« endet. Die meisten Leute in unserem Dorf waren Bauern und lebten vom Reisanbau oder der Zucht von Seidenraupenkokons. Auch meine Eltern waren Bauern, so wie ihre Eltern Bauern gewesen waren und ihre Großeltern und Urgroßeltern. Ich glaube, sie alle sind auch in unserem Dorf geboren worden und haben es fast nie verlassen. Meine Eltern hatten keine Schulbildung. Ihre Eltern konnten sich das damals nicht leisten. Auch meine Großeltern waren sehr arm. Sie waren auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Jede Hand war nötig, um zu überleben. Das Reiszüchten war das einzige, das die Erwachsenen ihren Kindern beibringen konnten. Meine Großmutter war zwar traurig darüber, ihren Kindern keine Bildung ermöglichen zu können, aber sie zeigte das nicht. Sie sagte, ein Mädchen wäre nur dafür da, sich um ihre Eltern zu kümmern, den Haushalt zu machen und später am besten einen reichen Bauern zu heiraten, um dann selber Kinder mit ihm zu haben. Auch mein Großvater väterlicherseits hielt Bildung nicht für wichtig. Ein Sohn müsse seine Eltern respektieren, sich um sie kümmern und gut arbeiten.

Meine Mutter war eine hübsche Frau. Sie hatte wunderschön glänzendes, langes schwarzes Haar, das sie immer zu einem Knoten zusammengebunden hatte, damit es bei ihrer harten Arbeit nicht störte. Meistens trug sie ihre meerblaue Hose und ein schwarzes Hemd, wenn sie auf dem Feld arbeitete. Je älter sie wurde, desto mehr krümmte sich auch ihr Rücken. Die schwere Last, die sie immer zu schleppen hatte, all die Eimer, die voller Reis oder bis zum Rand mit Wasser gefüllt waren, waren eine zu große Last für ihren schmalen Rücken. Aber sie hatte keine Wahl, sie musste hart arbeiten, um uns zu ernähren. Trotz des schweren Lebens hatte meine Mutter ein sehr schönes Gesicht und eine seidenglatte Haut. Sie besaß große, tiefschwarze Augen. Mit ihren hohen Wangenknochen entsprach sie ganz dem damaligen Schönheitsideal. Immer sprach sie mit leiser Stimme und nie wurde sie laut gegen jemanden. Ich wollte immer wie sie werden und bewunderte sie aus ganzem Herzen. Meine Mutter war mein großes Vorbild.

Mein Vater war ein sehr hochgewachsener Mann. Er war an die ein Meter achtzig groß. Niemand in der ganzen Umgebung war so groß wie er, und so hatten die anderen Männer großen Respekt vor meinem Vater. Er war aber nicht so gutaussehend wie meine Mutter, besaß eine ausladende Nase und sehr schmale Lippen. In den Augen meiner Mutter konnte man ihre Güte und ihre Warmherzigkeit erkennen, mein Vater aber hatte ganz dunkle Augen, die nichts über sein Wesen verrieten. Auch er litt unter Rückenschmerzen und auch sein Leben bestand nur aus Arbeit. Am Abend saß er oft mit seinen Freunden im Dorf und rauchte und trank mit ihnen. Meine Mutter kritisierte ihn nie dafür, aber ich merkte oft, dass sie mehr seine Hilfe gebraucht hätte. Trotzdem warf sie ihm nie vor, nicht zu Hause zu sein. Scheinbar fand sie sich damit ab und dachte, so sei es nun einmal, so seien die Männer eben. Mein Vater war manchmal sehr jähzornig. Im Gegensatz zu meiner Mutter schrie er uns oft an, gestikulierte dabei wild mit seinen Armen, und seine Augen quollen so sehr aus dem rot angelaufenen Gesicht hervor, dass ich als Kind immer Angst hatte, sie würden herausfallen. Bestimmt liebte er uns, aber trotzdem hatte er wenig Geduld mit uns Kindern. Er wollte lieber seine Ruhe haben und rauchen. Manchmal kam er sturzbetrunken nach Hause und schrie uns wild an. Auch meine Mutter fauchte er dann an, und sie ließ sich das gefallen und wehrte sich nie gegen seine Vorwürfe, egal wie ungerechtfertigt sie waren. Aber ich weiß, dass beide sich sehr liebten. Sie gehörten einfach zusammen, einer konnte nicht ohne den anderen sein.

Meine Eltern lebten wie die meisten Leute bei uns im Dorf vom Reisanbau. Wie mühsam das ist, wissen nur die, die es tun. Es ist eine sehr schwere Arbeit. Bei uns wurde Nassreis angepflanzt. In den Bergen wurden Terrassen angelegt, die künstlich überflutet und dann mit den jungen Pflanzen in gleichmäßigen Abständen bepflanzt wurden. Die Rispen standen je nach Sorte drei bis neun Monate buchstäblich im Wasser. Nach der Blütezeit wurden die Dämme der Terrassen angestochen, damit das Wasser abfließen konnte. Sobald der Reis reif war, wurde er geerntet und dann in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet. War er trocken genug, musste er gedroschen werden, um die Körner aus den Ähren zu lösen. Damals hatten wir noch keine Maschinen dafür und mussten diese harte Arbeit mit bloßer Muskelkraft verrichten. Von klein auf standen wir im Wasser und pflanzten Reis. Wenn wir Glück hatten und das Wetter für uns günstig war, konnten wir uns sogar über zwei Ernten pro Jahr freuen. Manchmal aber hatten wir auch kein Glück. Bei langer Trockenheit konnte die ganze Ernte misslingen, und alle Mühe war vergebens gewesen. Wir hatten dann auch kaum etwas zu essen. Für eine Familie war das eine Katastrophe. Aber die Bauern bei uns im Dorf unterstützten sich immer gegenseitig, und so mussten wir nie wirklich Hunger leiden. Zwar gab es nur ganz selten Fleisch bei uns zu essen, aber gehungert haben wir nie. Jeden Tag gab es Reis– und Reis macht satt. Hatten wir wegen des schlechten Wetters keinen Reis, so aßen wir eben Gemüse. Einige unserer Nachbarn waren Gemüsebauern, andere betrieben eine Schweinezucht. War es kein gutes Jahr für den Reis, dann versorgten sie uns mit Fleisch und Gemüse. Zu den meisten Menschen im Dorf hatten wir ein gutes Verhältnis, sie waren nett und hilfsbereit. Aber es gab auch welche, die auf mich schon als Kind sehr überheblich wirkten. Ich habe sie gemieden. »Du sollst deine Mitmenschen mit Respekt behandeln«, sagte mir mein Vater immer. Ich konnte nicht verstehen, warum ich jemand mit Respekt behandeln sollte, wenn er unsere Familie herablassend behandelte.

Ich wuchs mit zwei Geschwistern auf, meinem Bruder und meiner Schwester. Mein Bruder Xingfu wurde im Jahr 1922 geboren. Er war zwei Jahre älter als ich. Meine Schwester Xiaofu wurde im Jahr 1927 geboren und war drei Jahre jünger als ich. Mein Bruder hatte äußerlich große Ähnlichkeit mit meinem Vater. Er war auch sehr groß und schlank. Meine süße kleine Schwester war für mich das schönste Mädchen der Welt. Ich liebte es, Xiaofus Haar zu kämmen, ihr Zöpfe zu flechten und mit ihr zu spielen. Ich brachte sie so gerne zum Lachen. Ihr Lachen war für mich wie Musik. Ich hatte meine Geschwister sehr lieb. Obwohl wir nicht viel Geld und manchmal auch kaum zu essen hatten, waren wir glücklich, denn wir hatten uns. Unsere Eltern gaben uns Liebe, Geborgenheit und Verständnis, ich konnte mir nicht vorstellen, auch nur einen einzigen Tag von meiner Familie getrennt zu sein.

Keiner von uns wusste, dass die Japaner 1931 die Mandschurei im Norden Chinas überfallen und dort einen japanischen Marionettenstaat, den sie »Manzhouguo« nannten, errichtet hatten. Das war erst der Anfang einer langen Reihe von Eroberungszügen der Japaner in China. Bei uns im Dorf ging jeder seiner Arbeit nach, und von den Ereignissen im hohen Norden fühlte sich bei uns im Süden niemand betroffen, wenn man überhaupt davon wusste. Die Mandschurei war weit entfernt, und ich lebte in meiner Kinderwelt ohne Feinde und Krieg.

Kurz nach meinem sechsten Geburtstag durften mein Bruder Xingfu und ich zur Schule gehen. Die Schule war eine sehr teure Angelegenheit, viel zu teuer für uns drei Kinder. So beschlossen meine Eltern, dass mein Bruder und ich Xiaofu zu Hause unterrichten sollten. Ich glaube, Xiaofu war sehr traurig darüber, dass sie nicht zur Schule gehen durfte. Aber sie beschwerte sich nie, sie wusste, dass es wegen des Geldes war, und fand sich damit ab. Xingfu und ich liebten es, in die Schule zu gehen. Schon der Schulweg war jedes Mal ein Erlebnis für uns. Wir mussten die Reisterrassen hinauf- und hinunterklettern und über die großen nassen Steine im Wasser springen, um den Fluss an der einzigen flacheren Stelle zu überqueren. Jeder von uns besaß nur ein einziges Paar Schuhe und das trugen wir, egal ob es glühend heißer Sommer oder klirrend kalter Winter war. Im Sommer spielten wir am Fluss. Die Winter im Süden Zhejiang sind kühl und kurz. Schnee ist sehr selten. Die Sommer sind dafür subtropisch lang, sehr heiß und feucht.

Am Abend, wenn wir zu Bett gingen, sang unsere Mutter uns wunderschöne Lieder vor. Mein Lieblingslied handelte von einem kleinen Vogel, der seine Eltern sucht.

Ich bin ein kleiner Vogel,

Gerade erst geschlüpft.

Schnell lernte ich das Fliegen

Über Berge und die Pavillons.

Ich bin ein neugieriger Vogel

Und liebe die Natur.

Angst? Unsicherheit?

Davon keine Spur!

So flog ich über die Pagoden

Und so flog ich über Seen.

Ganz stolz war ich auf meinen Mut,

Und die Gefahren? Hab ich übersehen!

Doch eines Tages, zurückgekehrt nach Haus,

Fand ich von meinen Eltern keine Fährte, keine Spur.

Flügel hab ich zwar

Und kann sie auch bewegen,

Doch ohne meine Liebsten,

Wie soll ich überleben?

Ich brauche ihre Liebe,

Ich brauche ihre Wärme,

Denn ohne ihre Zärtlichkeit

Und ohne ihr warmes Nest,

Spür ich nur den Schmerz.

Nun bin ich ein kleiner Vogel

mit gebrochenem Herz.

Als meine Mutter das Lied über den kleinen Vogel das erste Mal sang, musste ich weinen. Ich hatte solches Mitleid mit dem Vogel. In meiner Fantasie sah ich ihn vor mir und konnte seinen Schmerz spüren. Immer wieder hoffte ich auf ein gutes Ende, dass er seine Eltern finden würde, aber er tat es nicht.

In unserem Leben gab es keine besonderen Höhen und Tiefen. Täglich gingen wir in die Schule, unsere Eltern aufs Feld, und jeden Tag saßen wir abends zusammen, aßen eine bescheidene Mahlzeit und plauderten miteinander.

Nur an Festtagen gab es ein großes und ausgiebiges Mahl. Unser wichtigstes Fest war »Chunjie«, das sogenannte »Frühlingsfest«. Es beginnt traditionell im ersten Mondmonat, am Tag des ersten Neumonds. Für die Bauern und sonstigen Arbeiter war es damals die einzige wirkliche Unterbrechung der Arbeit im Jahr. Meine Mutter erzählte uns, dass in den Städten drei Tage lang gefeiert werde; bei uns auf dem Land war es sogar noch länger. Es war die Zeit, in der Familienangehörige zusammenkamen und Geschenke austauschten. Um das Essen zu besorgen, fuhren meine Eltern dann ausnahmsweise in die Stadt. Meine Geschwister und ich wollten unsere Eltern begleiten, aber wir durften es nicht. Mama sagte immer, die Großstadt wäre viel zu gefährlich für kleine Kinder.

Geschenke bekamen wir keine, aber die Tatsache, dass Mutter und Vater an diesem Tag nicht zur Arbeit gingen und wir alle gemeinsam früh, mittags und abends am Tisch saßen, war für uns das schönste Geschenk. Mein Vater, der sonst wenig Geduld für uns Kinder hatte, lachte an diesen Festtagen immer viel und spielte mit uns. Meist gab es Fisch zu essen. Er kam immer im Ganzen auf den Tisch, das sollte die Familieneinheit symbolisieren. Viele junge Leute heirateten zum Frühlingsfest, denn der Termin galt als glücksverheißend für Eheschließungen. Meine Mutter schmückte die Türen mit roten Plakaten, auf denen Neujahrswünsche und viele andere gute Wünsche zu lesen waren. Die Speisen bereitete meine Mutter schon am Vortag zu, denn es bringt Unglück, an diesem Tag zu arbeiten, und auch Kochen wurde als Arbeit angesehen. Die feinen Düfte durchzogen unser ganzes Haus, und uns lief das Wasser im Munde zusammen. All die frischen Zutaten, die saftigen Pfirsiche, die aromatischen Gewürze, der feine Fisch, der mit vielen besonderen Kräutern gefüllt war, verzauberten unsere Mahlzeit! Natürlich durfte das Lieblingsgetränk meines Vaters, der Maotai-Schnaps, ein ganz besonderer Branntwein aus Sorghum und Weizen mit sehr hohem Alkoholgehalt, nicht auf dem Tisch fehlen. Meiner Mutter war dieser starke Schnaps sonst ein Dorn im Auge, aber an diesem Festtag war alles anders. Mein Vater verbot uns, an diesen Tagen Messer oder Scheren in die Hand zu nehmen, denn das bringt Unglück: damit würde das Glück zerschnitten werden. Ich liebte meine Eltern sehr und dachte als Kind immer, ich würde nie heiraten und das Haus meiner Eltern verlassen müssen.

Vor Gericht

Heping greift nach meiner Hand. Es tut gut, sie zu spüren. Sie ist meine Stütze. Es geht alles so schnell, die Verhandlung ist schon in vollem Gange, und ich verstehe kaum noch, was der Übersetzer sagt. Unsere Namen werden verlesen. Meiner fällt gleich zweimal. Ich soll die erste Zeugin sein. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf den Stuhl vor den Richter gekommen bin. Einer der japanischen Anwälte steht auf und beginnt mich auszufragen.

»Wann und wo sind Sie geboren?«

»Ich wurde im August 1924 im Dorf Dajiao de gongji in der Provinz Zhejiang geboren. Heute bin ich 73Jahre alt.«

»Wo ist Ihr Wohnsitz?«

»Ich wohne in Nanjing, in der Shanghailu Nummer 10.«

»Was ist Ihr Beruf?«

»Ich arbeite als Verkäuferin auf dem Markt.«

»Wie kam es dazu, dass Sie in die sogenannte Trostfrauenstation gekommen sind?«

Jetzt fängt es an, denke ich. Jetzt muss ich wachsam sein! Wir haben das mit Professor Gao geübt. Er hat gesagt, wir müssten uns die Antworten gut überlegen. Sie würden versuchen, uns einen Strick zu drehen. Ich bin inzwischen auch alt. Mein Gedächtnis ist nicht mehr sehr gut. Aber an damals erinnere ich mich trotzdem.

Als wäre es gestern gewesen…

Meians Geschichte: Eine anständige Tochter muss der Familie helfen

Als ich dreizehn Jahre alt war, Anfang 1938, wurde mein Vater krank. Er litt unter großen Schmerzen und konnte seine Gelenke kaum mehr bewegen. Der Dorfarzt konnte ihm nicht helfen, und für eine Behandlung in der Stadt hatten wir kein Geld. Das war ein herber Schlag für mich und meine Familie. Ich konnte nicht mehr zur Schule gehen und musste Arbeit suchen, um zu helfen, unsere Familie zu ernähren. Mein Vater lag den ganzen Tag im Bett und wurde immer depressiver. Jeder von uns musste von da an mit anpacken. Wir mussten uns gegenseitig unterstützen. Und wie es der Zufall wollte, erschien genau zu der Zeit eine Anzeige in unserer Dorfzeitung:

»Eine Firma erweitert ihren Tätigkeitsbereich und benötigt dafür weibliche Arbeitskräfte. Die Bewerberinnen sollten zwischen 14 und 25Jahren sein und über Kenntnisse der chinesischen Schrift verfügen. Kenntnisse der englischen oder japanischen Sprache sind von Vorteil. Der Monatslohn entspricht 50Yuan. Interessentinnen werden gebeten, sich zu einem persönlichen Gespräch zu melden.«

Mein Vater fand diese Anzeige und sprach mit meiner Mutter darüber. Sie beschlossen, ich sollte mich bewerben. »Aber ich bin doch erst dreizehn Jahre alt! Ich spreche weder Japanisch noch Englisch«, jammerte ich, denn ich hatte Angst, meine Familie verlassen zu müssen. Natürlich wollte ich meine Familie unterstützen, aber ich dachte noch wie ein Kind. Ich wollte mein Zuhause nicht aufgeben. Mein Vater meinte, es würde bestimmt nicht lange dauern, bis ich wieder nach Hause käme. Er sagte, ich könne innerhalb eines Jahres viel Geld verdienen, viel mehr als ich in der Großstadt als einfache Arbeiterin je verdienen könne.

So wurde es beschlossene Sache. Mit gemischten Gefühlen, unsicher und ängstlich, aber auch voller Stolz, etwas für meine Familie zu tun, ging ich zu der angegebenen Adresse und traf dort auf Frau Zhang.

Ich glaube, ich hatte noch nie zuvor eine so große Frau gesehen. Bestimmt kam sie aus dem Norden, wo die Menschen größer sind als im Süden. Sie trug ein schönes Kleid in einer Art, wie ich es früher nie gesehen hatte. Bei uns im Dorf trugen die Menschen sehr einfache Kleider. Nur während der Festtage zogen sie sich schön an. Das Kleid, das Frau Zhang trug, glänzte herrlich in bunten Farben und war sicher aus kostbarer, reiner Seide gefertigt. Wahrscheinlich ist sie sehr reich, dachte ich beeindruckt. Ich schätzte sie um die dreißig Jahre alt, für mich damals eine alte Frau. Sie hatte ihr schwarzes Haar eng zu einem dicken Knoten am Hinterkopf zusammengebunden und wirkte streng. Ob es daran lag, dass sie streng oder alt aussah, vermag ich nicht bestimmt zu sagen, aber sie machte mir bereits Angst, als ich sie das erste Mal sah. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und versuchte, so erwachsen wie möglich zu wirken. Aber meine Stimme zitterte, als ich erklärte, ich sei vierzehn Jahre alt, hätte aber keine Fremdsprachenkenntnisse. Frau Zhang musterte mich. Ihr Blick glitt forschend über meinen Körper. Es war mir sehr unangenehm, und ich befürchtete schon, sie hätte meine Lüge durchschaut. Aber dann meinte sie, das mache nichts, sie würde auch Frauen suchen, die bereit wären, als Putzfrauen zu arbeiten. So fand ich meine erste Stelle.

Der Abschied von meinen Eltern fiel mir sehr schwer. Meine Mutter sagte: »Kind, du wirst sehen, du bist schneller zurück, als du denkst. In deinem Herzen bin ich immer bei dir. Du bekommst eine wunderbare Chance. Vielleicht wirst du einen Beruf lernen und musst dich nicht so plagen wie dein Vater und ich und dein Leben lang Reis züchten. Ich wünsche es dir.« Meine Geschwister standen daneben und schluchzten. Vor allem die kleine Xiaofu weinte bitterlich. Mein großer Bruder Xingfu meinte eifersüchtig: »Wenn du wüsstest, wie ich dich beneide! Ich wünschte, ich könnte auch arbeiten gehen, aber sie suchen nur Frauen.« Wollte ich meine Familie unterstützen, hatte ich also keine andere Wahl, als die Stelle anzunehmen. Niemand im Ort kannte diese Frau Zhang. Meine Eltern waren damals genau so naiv, wie ich es war. Niemand schöpfte Verdacht, warum auch? Wir alle waren froh, dass ich eine Chance erhielt, Geld zu verdienen. Nie im Leben hätten meine Eltern geahnt, was mir bevorstand. Nie hätten sie geglaubt, dass ich bald die Hölle auf Erden erleben würde. Erst nach dem Krieg sollte ich erfahren, was für eine Person diese Frau Zhang war.

Ich war nicht das einzige Mädchen, das diesen Job wollte. Es gab viele junge Frauen, die Arbeit brauchten.

Unter Tränen packte ich meine Tasche. Viel nahm ich nicht mit, ich besaß ja so gut wie nichts. Meine Mutter hatte mir warme Sachen bereitgelegt: zwei gefütterte Hosen, zwei Pullover und dicke Socken. Dazu noch etwas Reis, Gemüse und getrockneten Fisch als Proviant für die Reise und ein wenig Geld, denn sicherlich würde ich nicht sofort meinen ersten Lohn erhalten. Dazu noch ein kleiner Schreibblock und ein Stift– das war alles, was ich mitnahm.

Es war der 10.Februar 1938, als ich und die anderen jungen Frauen spät abends auf Frau Zhang am vereinbarten Treffpunkt in der Dorfmitte warteten. In dem kleinen Lokal am Platz trafen sich die Männer aus dem Dorf oft nach der Arbeit, tranken, rauchten und unterhielten sich. Im Sommer lagen die Leute auf den Holzbänken unter den Bäumen und ruhten sich aus. An jenem Abend war es so kalt, dass sich niemand auf das kalte Holz setzen wollte. Der kleine Laden, in dem meine Eltern öfter einkauften, war bereits geschlossen. Es war das erste Mal, dass ich nach neun Uhr abends noch unterwegs war. Wir schlugen alle unsere Mantelkrägen hoch, um uns vor dem kalten Wind zu schützen. Frau Zhang kam mit ebenso wenig Gepäck wie ich. Sie trug einen teuren Mantel, hatte ihr Haar wieder streng zusammengebunden und hatte nur eine kleine schwarze lederne Tasche dabei. Sie wirkte sehr elegant. Gewissenhaft hakte sie alle unsere Namen in ihrer Liste ab, und als wir alle vollzählig waren, hieß sie uns, in einen Bus einzusteigen, der bereits vorgefahren war. Der Bus war sauber, die Sitze mit Stoff überzogen und an den Fenstern waren sogar Vorhänge angebracht. Wir Mädchen waren begeistert. Der Bus, der täglich zwischen den Dörfern in unserer Gegend pendelte, hatte nur Holzbänke und dreckige Fenster. Niemand von uns wusste, wohin die Reise gehen würde. Wir waren alle froh, eine gut bezahlte Arbeit gefunden zu haben, und ließen alles einfach auf uns zukommen. Frau Zhang würde alles für uns regeln. Wir waren alle noch so jung, wir träumten davon, die Welt zu entdecken.

Ich saß direkt hinter dem Fahrer, und er war so freundlich, mir kurz seine Karte zu geben, auf der er die Route nach Hangzhou eingezeichnet hatte. Mit dem Finger fuhr ich die rotgezeichnete Linie entlang. Zuerst würde es in Richtung Nordost nach Huaxi gehen, dann weiter nördlich nach Paitou, am Puyangfluss entlang nach Zhuji und weiter bis nach Shaoxing und dann nach Hangzhou. Ich kannte die Namen der Städte vom Schulunterricht. Schüchtern fragte ich Frau Zhang, ob Hangzhou unser Ziel sei, aber sie meinte nur, ab Hangzhou würden wir sicher nochmal zwei Stunden weiterfahren.

Draußen war es dunkel. Als wir das Dorf verlassen hatten und die Lichter der Häuser verschwunden waren, löste sich die Gegend in tiefem Schwarz auf. Nur wenn ab und an das Licht eines entgegenkommenden Fahrzeugs die Straße erhellte, tauchten schemenhaft Bäume oder vereinzelte Häuser auf.

Die Fahrt schien mir ewig lang, die Mädchen waren fast alle eingeschlafen– es war dunkel und still, und das gleichmäßige Ruckeln des Busses machte auch mich schläfrig. Ich wachte erst wieder auf, als wir Shaoxing erreicht hatten. Auf einem Rastplatz machten wir eine kurze Pause. Am liebsten wäre ich spazieren gegangen. Unsere Nachbarn im Dorf, die Familie Qian, hatten Verwandte in Shaoxing, die sie einmal besuchen waren. Danach sprachen sie von Shaoxing, als wäre das die schönste Stadt der Welt. Sie erzählten uns von gewundenen Gassen, hübschen alten Häusern, einer besonders schönen Brücke über den Fluss Puyang und von der »Pagode des Tempels der großen Güte«. Shaoxing wird wegen seiner vielen schmalen Kanäle, die durch die Stadt führen, auch die »Wasserstadt« genannt. Über 4000Brücken spannen sich über diese Wasserstraßen, die von den Einwohnern mit Holzbooten und Einbäumen befahren werden. Wie gerne hätte ich das alles jetzt selbst erkundet. Aber eine halbe Stunde war dafür nicht genug. Der Rastplatz schien auch noch weit entfernt vom Zentrum zu sein. Die Fahrt ging dann weiter in Richtung Norden. Der Bus ratterte über eine Brücke über den Fluss Qiantang, und nach zwei Stunden erreichten wir endlich Hangzhou. In der Schule hatte ich gelernt, dass Marco Polo Hangzhou als die schönste Stadt der Welt bezeichnet hatte. Im Westen von Hangzhou soll der schönste See liegen, auf dem mit Ruderbooten zu den Inseln im See gefahren wird. In Hangzhou wird viel Seide produziert und sehr viel Tee angebaut. Für viele Chinesen war Hangzhou das »Paradies«. Alle Mädchen sahen aufgeregt aus dem Fenster. Jede hatte schon einmal von dem Himmelreich Hangzhou gehört.

Eines der Mädchen fragte Frau Zhang, wohin genau wir jetzt fuhren und wie lange es noch dauern würde, bis wir an unser Ziel kämen. Frau Zhang antwortete, unser Ziel sei Shanghai und es könnte noch zwei Stunden dauern. Früher hatte ich von meinen Eltern oft Erzählungen gehört, was für eine schöne Stadt Shanghai wäre. Sie selbst waren nie so weit gekommen, aber Nachbarn im Dorf hatten Verwandte in Shanghai. Sie erzählten uns immer von prachtvollen Alleen und Straßen, von wunderschönen Läden und Restaurants und über die Geschichte Shanghais.

Die Sonne ging langsam auf, und es waren nur wenige Menschen im Morgengrauen auf den Straßen von Shanghai unterwegs. Vereinzelt standen Soldaten mit Gewehren an den Häusern. Das war ein seltsamer und ungewohnter Anblick, aber ich war ja noch nie in einer so großen Stadt gewesen. Meine Enttäuschung war groß. Die Häuser entlang der Straße waren verrußt und dreckig, die Schilder der Läden hingen quer, und überall am Straßenrand türmten sich Berge von Unrat. Das sollte die prachtvolle Stadt Shanghai sein? Auch die anderen Mädchen waren verwundert. Wir fuhren am westlichen Ufer des Huangpu-Flusses, dem »Fluss mit gelbem Ufer«, entlang, bis wir die Zhongshan Straße an der Uferpromenade erreichten. Dann hielt der Bus an.

Frau Zhang bat uns auszusteigen und zu warten. Zögernd kletterten wir aus dem Bus. Auf der Straße roch es eigenartig nach Verbranntem, und vom Wasser her drang ein widerlicher Modergeruch. Langsam bekamen wir es mit der Angst zu tun, alles schien in dem trüben Licht der aufgehenden Sonne so unwirklich und unheimlich. Links vor uns war die Promenade und rechts das Wasser. Noch nie zuvor hatte ich einen so großen Fluss wie den Huangpu gesehen. Er erschien mir nicht wie ein Fluss, sondern wie ein großes weites Meer. Am Horizont waren Schiffe zu erkennen. Sie wirkten wie große graue Monster und einige hatten die japanische Flagge gehisst. Nicht weit weg vom Ufer waren im Wasser die Überreste von kleinen Fischerbooten zu erkennen. Einige lagen verkehrt herum im Wasser, abgebrochene Masten, einzelne Ruder, zerrissene Fangnetze und Reste von Seilen und Haltetauen schaukelten inmitten von anderem Unrat in den Wellen. Was war hier nur los? Die kleinen Anlegestege waren fast alle zerstört, hingen zum Teil im Wasser, das Holz war verfault und zerbrochen. Es sah aus wie nach einem Krieg. Entlang der Promenade reihten sich Banken, Konsulate, Clubs und sehr moderne Hotels aneinander. Das mussten die prächtigen Häuser gewesen sein, die von den Ausländern gebaut worden waren. Aber ihre Pracht steckte unter einer grauen Schicht aus Staub und Dreck. Einige Häuser waren schwer beschädigt. Es hatte den Anschein, als würden sie jeden Moment zusammenfallen. So hatte ich mir Shanghai nicht vorgestellt.

Wir sahen uns ängstlich an, keine von uns verstand, was um uns herum passiert war. Wir waren alle unschuldige und ahnungslose junge Frauen und befanden uns auf einmal mitten im Kriegsgeschehen. Was wir sahen, war grauenvoll, die Luft schien schwer von Ruß und Fäulnis. Wir konnten nicht begreifen, was geschehen war, aber wir ahnten, dass unser Leben bedroht war.

Viel später erst erfuhr ich, wie die Japaner Shanghai erobert hatten. Am 7.Juli 1937 inszenierten die Japaner am Westrand von Beijing den »Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke«. Sie behaupteten, bei einer ihrer Militärübungen einen Soldaten zu vermissen. Das war aber nur ein Vorwand für ihren Plan, ganz China zu erobern. Trotz der Weigerung der Chinesen führten die Japaner dann eine Durchsuchung in einem Vorort am Westrand von Beijing durch. Dieser »Zwischenfall« war der Beginn des Eroberungskriegs der Japaner gegen China, und für uns Chinesen begann damit der Widerstandskrieg gegen Japan. Im Juli eroberten die Japaner auch Tianjin. Im August erreichten sie Shanghai.

Als ich damals am frühen Morgen des 11.Februar 1938 zusammen mit den anderen Mädchen aus meinem Dorf Shanghai erreichte, war die Stadt bereits seit drei Monaten in den Händen der Japaner.

Da standen wir Mädchen vom Dorf »Der Schreiende Hahn« nun und fanden uns plötzlich in eine Welt hinein gestoßen, von deren Existenz wir nichts geahnt hatten. Im nächsten Moment kam auch schon ein japanischer Militärlastwagen heran gerollt und hielt mit quietschenden Bremsen direkt neben uns. Frau Zhang richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, und ich dachte tatsächlich zuerst, sie wollte schützend die Hände über uns halten. Aber ich irrte mich.

»Hinein in den Wagen mit euch!«, herrschte sie uns an, und vier japanische Soldaten trieben uns wie wehrlose Schafe auf das Fahrzeug hinauf. Sie machten uns Angst, in den Augen einiger Mädchen blitzte regelrechte Panik auf, als sie die Schwerter an den Gürteln der Männer baumeln sahen. Wir begannen zu begreifen, dass wir betrogen worden waren. Frau Zhang hatte nichts Gutes mit uns im Sinn. Eine junge Frau fasste Mut und rief Frau Zhang zu, wer die Firma sei, für die wir arbeiten sollten. Statt einer Antwort ertönte nur Zhangs schrilles Lachen, und die Soldaten schlossen die Plane des Wagens. Wir waren gefangen. Ab da konnten wir unserem Schicksal nicht mehr entgehen. Zusammengepfercht saßen wir in dem Lastwagen, der sich dröhnend in Gang setzte. Wenn meine Orientierung mich nicht täuschte, fuhren wir nach Norden. Durch die dreckige grüne Plane, die einen widerlichen Geruch von verbranntem Plastik verströmte, konnten wir durch ein paar Einschusslöcher hinausspähen. Shanghai lag in Schutt und Asche. Es war schrecklich. Die meisten der Häuser entlang der Straßen waren zerstört. Überall lagen Dachziegel und Mauerreste herum, von manchen Gebäuden ragten nur noch klägliche Mauerreste in die Höhe. Die Stadt schien zu dampfen, immer wieder stiegen irgendwo Aschewolken in die Luft. Es sah unheimlich aus. In einigen der Häuser schienen noch Menschen zu leben. Zwischen den Fenstern und Mauern waren Seile mit Wäsche daran gespannt, als suchten die Menschen verzweifelt, in die Normalität zurückzufinden. An Fenstern und Türen lehnten Berge von Sandsäcken, andere waren mit dicken Seilen eingebunden worden. Die Menschen hier hatten wohl versucht, so ihre Häuser vor der Bombardierung und Plünderung zu schützen. Soldaten mit Waffen standen herum und schienen Wache zu halten. Sie wirkten wild und verhärmt. Berge von Müll säumten die Straßen und machten den Großteil unpassierbar. Streckenweise fehlten die Straßenbahngleise. Die wohl weggesprengten Eisenteile lagen in Haufen an den Häuserwänden. Die Hälften der großen Metallbrücken, die die Straßenseiten miteinander verbunden hatten, hingen halb in der Luft, der Rest lag in Trümmern darunter. Zerfetzte Stromkabel ragten aus dem Schutt heraus, Straßenlaternen waren umgekippt. Das Chaos beherrschte die Straßen von Shanghai.

Überall waren Militärfahrzeuge zu sehen, die sich durch Wrackteile und zerstörte Rikschas, die einfach liegengelassen worden waren, durch ausgebrannte Autos und völlig demolierte Fahrräder hindurchschlängelten. Chinesen liefen durch die Straßen. Sie trugen Bündel aus Stoff und Haushaltsgegenstände auf dem Rücken. Ihre Kleider waren zerrissen und dreckig. In ihren Gesichtern stand Angst und Verzweiflung. Es waren bestimmt Hunderte, die sich ziellos durch die Straßen schleppten. Ich konnte sehen, wie ein paar japanische Soldaten in ihren gelbbraunen Uniformen auf eine ältere Frau einprügelten. Andere Japaner schlugen mit ihren Waffen auf eine sich schreiend zusammendrängende Gruppe von Kindern ein. Es war entsetzlich. Ich hatte das Gefühl, mir würde die Kehle zugeschnürt werden. Mein Magen krampfte sich zusammen, und Übelkeit stieg in mir hoch. Wie war ich nur in diesen schrecklichen Albtraum hineingeraten? Einige Mädchen neben mir weinten. Die Soldaten, die mit uns auf dem Laster saßen, schrien sie auf Japanisch an, aber wir konnten sie nicht verstehen. Wir saßen so eng aneinandergepfercht in dem ruckelnden Wagen, dass meine Glieder schmerzten. Ich war so froh, dass keiner der Soldaten neben mir saß. In jeder Kurve drückten sich die Männer lachend an die Mädchen neben sich. Sie legten ihre Hände in den Schoß der Mädchen und fuhren ihnen durchs Haar. Die Armen konnten sich nicht wehren, es war so schrecklich eng.

Und jetzt drang die Erkenntnis in mein Herz ein: Wir würden für unsere Feinde arbeiten müssen! Die Japaner führten Krieg gegen unser Land, und wir waren genau in die Arme unserer Feinde getrieben worden. Das war meine erste Begegnung mit dem Krieg.

Vor Gericht

Ich zittere am ganzen Körper. Heping sucht meinen Blick, ich spüre es. Da sitzt sie neben Lisa auf den Holzbänken hinter dem Zaun. Ihre Augen wollen mich trösten. Es tut so gut, eine Tochter zu haben.

Die Stimme des Richters schreckt mich aus meinen Gedanken wieder hoch. »Warum haben Sie sich auf die Anzeige einer unbekannten Firma beworben? Einer Firma, die ausgerechnet japanische Sprachkenntnisse bevorzugt? Wussten Sie nicht, dass China sich im Krieg befand? Im Krieg gegen Japan?«

Jetzt ist es also so weit. Jetzt beginnt das richtige Verhör. So hat es Professor Gao vorhergesehen: »Erst lassen sie dich reden. Und dann fragen sie. Sie werden bohren, sie werden alles anders auszulegen versuchen. Auf der Suche nach ihrer Wahrheit werden sie die wahre Geschichte verdrehen.« Wut steigt in mir auf. Meine Hände krampfen sich zu Fäusten zusammen.

»Nein.« Meine Stimme ist leise, aber bestimmt, der Zorn schärft meine Zunge. »Ich habe es nicht gewusst. Und auch meine Familie nicht. Sie hätte sonst niemals zugelassen, dass ich gehe.« Ich hole noch einmal Luft, das tut gut, meine Hände entspannen sich. »Wir lebten in einem Dorf, umgeben von Reisfeldern, inmitten von Hügeln, weit weg von der Stadt. Für uns gab es keinen Krieg. Es dauerte damals Ewigkeiten, bis Nachrichten zu uns kamen. Es gab kein Nachrichtensystem wie heute. Das waren andere Zeiten. Niemand hat sich Gedanken gemacht über das, was außerhalb unseres Dorfes passierte. Frau Zhang war eine Chinesin wie wir. Welchen Grund hätten wir gehabt, Verdacht zu schöpfen? Misstrauen kannten wir nicht. Die Dorfgemeinschaft hat sich immer unterstützt, es gab keine Betrüger bei uns. Wir gingen davon aus, dass wir für eine chinesische Firma arbeiten sollten. Keine von uns machte sich Gedanken, warum ausgerechnet japanische Sprachkenntnisse bevorzugt wurden– außerdem hieß es damals: englische oder japanische Sprachkenntnisse! Ich und die anderen Mädchen aus meinem Dorf suchten nur nach einer Möglichkeit, Geld für unsere Familien zu verdienen. Wir dachten, wir würden als Putzfrauen oder Kellnerinnen arbeiten. Meinen Sie wirklich, wir wären sonst gegangen und hätten uns freiwillig an unsere Peiniger ausgeliefert?«

Der Richter sieht mich an. Ich erwidere seinen Blick. Er soll ruhig in meinen Augen die Wahrheit lesen. Wir wurden betrogen, das ist die Wahrheit!

Jetzt sitzen wir hier– einige von uns. Nicht alle, denn wir sind nur mehr einige wenige. Die meisten haben ihr Schicksal nicht überlebt.

Aber wir hier, die wir überlebt haben, wir teilen das gleiche Schicksal und haben das gleiche Ziel: Gerechtigkeit. Wir wollen diesen Prozess gewinnen, ohne Wenn und Aber. Auch wenn wir wieder leiden müssen, weil wir uns an all die Einzelheiten von damals erinnern. Davon zu erzählen, ist, als würde es wieder beginnen: Wie wir geblutet haben, wie wir diese Bastarde an uns heranlassen mussten, wie wir zu schwach waren, uns zu wehren, wie sie unsere Körper nahmen und auf unseren Seelen herumtrampelten– heute müssen wir das alles noch einmal durchleben. Diesmal soll es endlich das letzte Mal gewesen sein. Jetzt muss es Gerechtigkeit geben.

Lisa: Lanmei, eine Kämpferin für die wahre Geschichte

Nanjing war heiß und stickig, und der Himmel war blau– typisch für diese Jahreszeit. Nicht umsonst ist Nanjing als der »Backofen von China« bekannt. Doch ich fühlte mich sofort wieder heimisch, als ich morgens nach der Landung den Flughafen verließ. Es war meine dritte Reise nach China. Das erste Mal war ich hier gewesen als Studentin der Sinologie, vor zehn Jahren, dann kam ich erneut, um Material für mein Buch zu sammeln– und diesmal würde ich sogar einen Vortrag halten.

Nun saß ich im Taxi und schaute hinaus. Es herrschte die eifrige Geschäftigkeit eines frühen Vormittags in Nanjing. Der Trubel auf den Straßen der Innenstadt zog an mir vorbei. Unzählige Menschen liefen hin und her, suchten ihre Wege zwischen den Fahrrädern und Autos und gingen ihren alltäglichen Aufgaben nach. Meine Augen blieben an einigen der Leute haften, und während ich ihnen nachsah, bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden waren, dachte ich darüber nach, was sie wohl für ein Leben führten. Die Obst- und Gemüsehändler, die ihre Stände entlang der Straße aufgebaut hatten, waren eine Augenweide. Die bunten Körbe voll frischer Früchte luden die Passanten ein, stehen zu bleiben und um einen guten Preis zu feilschen.

Wir kamen an der Ninhai Straße vorbei. Wie oft bin ich früher in dieser Straße spazieren gegangen! Ich kannte hier jeden Laden und jedes Haus. Am allerliebsten besuchte ich den Markt in der Ninhai Lu. Dort kannte ich alle Verkäufer und Verkäuferinnen– wie hatte ich sie vermisst! Aber während wir langsam vorbeifuhren, sah ich, dass sich einiges verändert hatte. Einige kleine Gebäude waren verschwunden, und an ihrer Stelle reckten sich moderne Hochhäuser empor. Schade, dachte ich mir, es hat sich so viel in relativ kurzer Zeit verändert. Später wollte ich mir alles genau anschauen und nach meinen damaligen Bekannten aus dieser Gegend suchen.

Als wir uns dem Studentenwohnheim der Nanjinger Universität näherten, erkannte ich viele der Hochhäuser und Geschäfte wieder, die ich früher von meinem Fenster im 19.Stock des Heimes aus täglich vor Augen hatte. In diesem Studentenwohnheim hatte ich schon damals gewohnt, als ich für mein Studium in China war. Wir hatten schon das Gelände der Nanjinger Universität erreicht, als ich versucht war, den Taxifahrer halten zu lassen, auszusteigen und mich endlich wieder auf dem vertrauten Gelände zu bewegen, das mir so viel bedeutete; im letzten Moment sagte ich doch nichts, denn ich hatte ja mein ganzes Gepäck dabei und wollte erst mein Zimmer im Wohnheim beziehen. Der Blick auf das Universitätsgelände löste einen Schwall an Erinnerungen an meine Zeit in Nanjing aus. Wie ein Quell von bunten Emotionen stiegen in mir Bilder von damals auf, und ich sah– und fühlte– vor mir meine Studienzeit, als wäre es gestern gewesen.