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Olgas Berufstart als Junglehrerin steht unter keinem guten Stern. Die Arbeit mit einer äußerst schwierigen Klasse überfordert sie, die langjährige Beziehung mit ihrem Freund geht in die Brüche, die zweite Dienstprüfung sitzt ihr im Nacken. Nach einem Nervenzusammenbruch landet sie in einer psychosomatischen Klinik. Ausgerechnet hier findet sie eine neue Liebe: Tolga arbeitet da als Kellner, ist sechs Jahre jünger als sie und - Türke. Gegen alle Widerstände von außen kämpft Olga um ihr Glück und auch Tolga ist bereit, für ihr Zusammenleben alles zu geben. Doch die Familie in der Türkei bleibt nicht untätig...
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Seitenzahl: 550
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Iris Bulling
Die türkische Leine
Nach einer wahren Geschichte
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Kapitel 88
Kapitel 89
Kapitel 90
Kapitel 91
Nachwort
Impressum neobooks
Olga schloss die Wohnungstür auf. Eine unangenehme Kälte und Düsternis strömte ihr entgegen. Sie ließ ihre Tasche fallen und knipste das Licht an. Heute war wieder so ein Spätherbsttag, an dem es nicht hell werden wollte. Fröstelnd ging sie zur Heizung und legte ihre Hand darauf. Sie war richtig heiß, aber trotzdem schien ihre Hitze den Raum nicht zu füllen. Auch nachdem sie das Gebläse eingeschaltet hatte, verspürte sie kaum eine Besserung. Verzweifelt presste sie die Handflächen gegen ihre Schläfen. Die Kopfschmerzen, mit denen sie schon den ganzen Vormittag konfrontiert worden war, wurden immer schlimmer.
In der Küche fand sie noch einen Rest Rotwein. Entschlossen kippte sie ihn in einen kleinen Topf und stellte ihn auf die Herdplatte. Vielleicht würde ein Glühwein wenigstens diese innere Kälte vertreiben. Während der Wein langsam heiß wurde, suchte sie in ihrem Badeschrank nach einem wirksamen Schmerzmittel. Zwei Tabletten fand sie noch. Zwar sollte eine ausreichen, doch gegen diese Schmerzen war die doppelte Dosis sicher besser. Sie musste sich bald mit Nachschub eindecken!
Appetit hatte sie keinen. Zu sehr hatte dieser Vormittag in der Schule sie mitgenommen. Wieder einmal hatten die Achtklässler ihr gezeigt, wie wenig interessiert sie waren an dem Stoff, den sie zu vermitteln suchte. Ständige Störungen, ein immer größer werdender Geräuschpegel, gegen den sie zu kämpfen hatte – es kostete sie den letzten Nerv!
Der Wein im Topf fing an zu sprudeln. Rasch nahm sie ihn von der Platte und kippte die kochende Flüssigkeit in eine Tasse. Ein Teelöffel Zucker dazu – auf die passenden Gewürze musste sie verzichten. Mit der Tasse in der Hand ging sie ins Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch sinken. Missmutig wanderte ihr Blick zu der Ecke mit dem Schreibtisch, wo sich Bücher und Unterlagen stapelten. Es war noch so viel zu tun, doch sie fühlte sich ausgelaugt und kraftlos. Vorsichtig nippte sie an der Tasse. Das heiße Getränk rann durch ihre Kehle und allmählich wich die Kälte aus ihrem Körper. Auch die Kopfschmerzen ließen etwas nach. Stattdessen erfasste sie eine bleierne Müdigkeit.
Schließlich stellte sie die leere Tasse auf die Seite und zog die kuschelige Decke, die zusammengefaltet am Ende der Couch lag, über sich. Sie schloss die Augen und grübelte wieder einmal über alles nach, was sie im Moment belastete. Irgendwie hatte sie das Gefühl an einem Punkt angekommen zu sein, wo nichts mehr so lief wie es sollte. Doch die Wirkung der Tabletten und des Alkohols ließen nicht lange auf sich warten, die Müdigkeit übermannte sie und die Augen fielen ihr zu.
Schweißgebadet wachte sie nach geraumer Zeit auf und schreckte hoch. Entsetzt blickte sie auf die Wände, die sich plötzlich unaufhaltsam auf sie zu bewegten. Mit einem Schrei sprang sie auf. Fluchtartig verließ sie das Zimmer, schnappte sich ihre Jacke und rannte aus der Wohnung. Gehetzt schaute sie sich in dem unfreundlichen Großflur um, bevor sie die Treppe hinunterhastete und zur Haustür eilte.
Ihre Freundin Ute wohnte zum Glück nur zwei Häuser weiter und war für sie die erste Anlaufstelle, um diesem Horror zu entkommen. Auf ihr stürmisches Klingeln hin öffnete Ute fast sofort. Erschrocken riss sie die Augen auf, als sie Olga mit rotem aufgequollenem Gesicht so panisch vor sich sah.
„Mein Gott, was ist denn passiert?“ Jetzt brach Olga in Tränen aus.
„Die Wände – die Wände“, stammelte sie. „Sie haben sich bewegt! Sie wären fast auf mich gestürzt!“ „Ich verstehe nicht ganz… Aber komm erst mal herein.“
Nur allmählich konnte Olga ihrer Freundin klar machen, was passiert war. Ute runzelte skeptisch die Stirn. Sie fühlte sich mit dieser Situation schlichtweg überfordert.
„Olga“, meinte sie schließlich ernst, „so kannst du nicht weitermachen. Du kannst natürlich erst mal hier bleiben, aber ich denke, du solltest endlich zum Arzt gehen. Mit einer solchen Panikattacke ist nicht zu spaßen!“
Unglücklich schaute Olga sie an. „Du glaubst nicht, dass es so war?“
„Ich glaube dir, dass du es so erlebt hast, aber nicht, dass die Wände tatsächlich auf dich gefallen wären. Ich denke eher, dass die Nerven mit dir durchgegangen sind. Dir geht es schon seit einiger Zeit nicht gut, das kannst du nicht ewig ignorieren."
Olga schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte leise vor sich hin. Obwohl sie sich innerlich immer noch gegen diese Erkenntnis sträubte musste sie doch einsehen, dass Ute Recht hatte. Aber wie hatte es nur so weit kommen können?
18 Monate davor…
Es war fast wie ein Aprilscherz: Die Vereidigung der Junglehrer fand tatsächlich am 1. April 1973 auf dem Schulamt statt. Zusammen mit 28 anderen Lehramtsanwärtern stand Olga Wessling in dem recht nüchternen Raum und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Einige ihrer Mitstreiter kannte sie schon vom Studium her, was ihr ein gewisses Gefühl der Beruhigung gab. Doch für alle war es ein großer Schritt ins Unbekannte – weg von der doch relativ unbeschwerten Studienzeit hinein ins geregelte Berufsleben.
Olga war zumindest mit ihrem zukünftigen Standort ganz zufrieden. Die Kleinstadt, in der sie ihre erste Dienststelle antreten sollte, war nicht weit weg vom Wohnsitz ihrer Eltern, wo sie zunächst auch wohnen konnte, bis sie eine eigene Wohnung finden würde. Aber vor allem war ihr Studienort von da aus leicht zu erreichen, wo noch immer einige Freunde lebten, vor allem Richard, mit dem sich zum Schluss trotz einiger Turbulenzen eine engere Beziehung entwickelt hatte.
Am Montag stand sie dann mit klopfendem Herzen vor dem alten ehrwürdigen Schulgebäude, in dem sie von nun an wirken sollte. Das Zimmer des Rektors lag gleich im ersten Stockwerk und nach einem tiefen Einatmen klopfte sie kräftig an die Tür.
Herr Jesser war schon recht betagt. Das Gespräch mit ihm war kurz.
„Sie bekommen eine zweite Klasse“, verkündete er dröhnend. „Damit werden Sie ja wohl fertig?“
Olga kam sich selbst vor wie ein kleines Schulmädchen bei diesem Ton. Sein stechender Blick verunsicherte sie. „Ich denke schon“, antwortete sie und hoffte, dass es selbstbewusster klingen würde als sie sich fühlte. Er musterte sie stirnrunzelnd.
„Im Moment ist eine Vertretung in der Klasse. Ich schlage vor, Sie schauen sich das erst einmal an. Aber jetzt ist gleich große Pause. Kommen Sie mit ins Lehrerzimmer, damit ich Sie den Kollegen vorstellen kann.“ Diese Vorstellung lief genauso zackig ab.
„Ich habe Ihnen ja schon mitgeteilt, dass wir eine neue Kollegin bekommen. Hier ist sie – Fräulein Wessling. Ah, Frau Müller, Sie sind doch nachher in der 2b. Nehmen Sie Fräulein Wessling bitte mit, damit Sie einen Einblick bekommt.“ Und an Olga gewandt: „Nun können Sie mit Ihren zukünftigen Kollegen reden.“
Dann hatte er sich schon zurückgezogen und Olga stand da und wusste nicht so recht was tun. Also grüßte sie erst einmal freundlich in die Runde und war froh, dass eine ziemlich junge Kollegin gleich auf sie zukam und ihr die Hand entgegenstreckte.
„Ich bin Ute Bard. Herzlich willkommen.“ Auch Frau Müller gesellte sich dazu und damit war das erste Eis gebrochen.
Nach der großen Pause folgte Olga ihr in das Klassenzimmer. In dem Gespräch hatte sie erfahren, dass die ursprüngliche Klassenlehrerin schon seit längerer Zeit erkrankt war - wobei die Art dieser Krankheit sehr geheimnisvoll umschrieben wurde - weswegen diese Klasse von mehreren Lehrern mitversorgt werden musste.
„Das ist eine ganz schlimme Klasse“, vertraute Frau Müller ihr an. „Es wird höchste Zeit, dass sie wieder eine richtige Bezugsperson bekommt. Dieser ständige Lehrerwechsel ist verheerend. Obwohl – nun ja, ein erfahrener Lehrer wäre hier besser!“
Mit einem komischen Gefühl wegen dieser Aussagen zog Olga sich im Klassenzimmer in die hinterste Ecke zurück und setzte sich auf einen der kleinen Stühle, die da standen. So beobachtete sie, wie die Kinder laut lärmend hereinstürmten und sich mehr oder weniger ordentlich an ihre Plätze setzten. Neugierige, aber auch freundliche Blicke streiften sie.
Frau Müller spulte ihren Unterricht ziemlich gleichmütig ab. Fassungslos beobachtete Olga die unruhigen Kinder, von denen einige sich fröhlich unterhielten und sich auch nicht scheuten, einfach aufzustehen und im Klassenzimmer herumzulaufen.
"Warum sagt sie denn nichts?“ dachte sie und nahm sich vor, die Störenfriede gleich hart ranzunehmen, wenn sie selbst unterrichten würde.
Ziemlich verwirrt und vollgepackt mit Schulbüchern kam sie an diesem Tag zu Hause an. Der Einstieg ins Berufsleben hatte begonnen.
*
Schon in kürzester Zeit musste sie feststellen, dass die Disziplinierung dieser Klasse nicht so einfach zu schaffen war. Die Kinder schlossen sie zwar sofort ins Herz, doch fünf Jungen waren einfach nicht zu bändigen und ließen sich weder durch Ermahnungen noch durch gute Worte in irgendeiner Weise beeindrucken. Jeden Tag verließ Olga der Mut ein bisschen mehr.
Zum Glück fand sie in Ute sehr rasch eine verständnisvolle Freundin, die sie nach den frustrierenden Vormittagen immer wieder aufbaute und den Start an einer Schule damit verglich, dass man ins kalte Wasser geschmissen wurde und sich erst einmal nach oben kämpfen müsse.
Eine weitere, eher unerwartete Hilfe bekam sie durch den Hausmeister. Nachdem er sie anfänglich als vermeintliche Schülerin morgens aus dem Hause hatte weisen wollen, weil sie es vor dem Klingeln betreten hatte, hörte er sich nun geduldig ihre Probleme an und meinte, wenn es zu schlimm würde, solle sie ihn holen lassen. Er würde sich der besonderen Rabauken gerne annehmen. Und er hielt Wort. Wenn er den einen oder anderen aus der Klasse holte, gaben die restlichen mehr Ruhe und diese Art der Strafe war die erste, die eine gewisse Wirkung hatte.
Trotzdem fragte sie sich Tag für Tag, ob sie wirklich für diesen Beruf geeignet war. Doch es war ihr auch klar, dass ihr Studium sie für nichts anderes qualifizierte. Jetzt hinzuschmeißen hätte bedeutet, noch einmal ganz von vorne anzufangen. Und ihre Eltern hätten da sicher kein Verständnis dafür!
So kämpfte sie sich durch die Unterrichtszeiten und nutzte jede Gelegenheit und vor allem die Wochenenden, um dieser Situation zu entfliehen, indem sie einen Ausflug in ihre Universitätsstadt unternahm. Das Zusammentreffen mit den Noch-Studenten, allen voran Richard, stärkte sie etwas. Da nahm sie es auch in Kauf, dass sie frühmorgens von dort wieder losfahren und die ganze Strecke zurücklegen musste, um rechtzeitig in der Schule anzukommen.
An einem Montagnachmittag kam sie wieder in ihrem Elternhaus an. Als sie den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, wurde die Haustür von innen aufgerissen und sie stand ihrer Mutter gegenüber, die sie böse musterte.
„Olga, das kannst du mit mir nicht machen!“ sagte sie aufgebracht. „Du kannst nicht einfach wegbleiben, ohne uns irgendwie zu informieren. Wie soll ich denn schlafen können, wenn ich nicht weiß wo du steckst?“
„Du wusstest doch, dass ich übers Wochenende zu Richard fahre“, versuchte Olga sich zu verteidigen.
„Den ganzen Sonntagabend habe ich darauf gewartet, dass du nach Hause kommst“, fuhr ihre Mutter erbost fort. „Die ganze Nacht habe ich mir Sorgen gemacht! Also entweder du nimmst mehr Rücksicht auf mich oder du suchst dir ganz schnell eine eigene Wohnung!“
„Bitte entschuldige“, murmelte Olga zerknirscht. „Ich wollte dich nicht beunruhigen. Wirklich, Mutti, sobald ich eine Wohnung finde, ziehe ich aus. Ich schaue ja schon täglich nach, ob etwas Passendes angeboten wird. Aber heute noch gebe ich selbst eine Annonce auf – vielleicht ist das erfolgreicher.“
Doch innerlich rumorte es auch bei ihr. Nach ihrer Studienzeit, in der sie durch die damit verbundene Freiheit sehr viel an Selbstständigkeit gewonnen hatte, fiel es ihr schwer, sich wieder den Interessen ihrer Eltern unterzuordnen und in die mühsam abgestreifte Rolle der folgsamen Tochter zu schlüpfen. Dass sie im Moment so sehr auf ihre Unterstützung angewiesen war, missfiel ihr selbst wahrscheinlich am meisten!
So war sie froh, dass sich auf ihre Annonce hin sehr bald jemand meldete. Ein junges Ehepaar, das ganz in der Nähe der Schule wohnte und deutlich sichtbar bald Nachwuchs erwartete, war bereit, die obere Etage ihres Einfamilienhauses zu vermieten. Zusammen mit Ute schaute Olga es sich an.
Der erste Eindruck war positiv, doch im Prinzip war es keine richtige Wohnung. Olga hätte sich etwas Eigenständiges gewünscht, aber dieses Zimmer mit eingebauter Miniküche war zwar ganz geräumig, aber eben nur ein Raum innerhalb des gesamten Wohnbereichs. Bad und Toilette musste sie gemeinsam mit ihren Vermietern nutzen.
Sie ließ sich trotz eines unguten Gefühls darauf ein, weil sie die Abhängigkeit von ihren Eltern möglichst bald hinter sich bringen wollte. Wenigstens würde sie ihren Vermietern keine Rechenschaft über ihr Nachhausekommen ablegen müssen! Die Miete war erschwinglich und einem baldigen Einzug stand auch nichts im Wege.
Schon am nächsten Wochenende brachte sie ihre Habseligkeiten in ihr neues Zuhause. Trotz der Kompromisslösung fand sie es nun ganz gemütlich und ihre Laune hob sich, obwohl sie wieder einmal eine sehr anstrengende Woche hinter sich hatte. Aber nun nichts wie weg! Es war eine Studentenparty am Fluss angesagt, und die wollte sie nicht verpassen.
Nachdem sie sich umgezogen und noch ein bisschen zurechtgemacht hatte, rannte sie mit ihrer Reisetasche die Treppe hinunter. An der Haustür stand ihr junger Vermieter.
„Na, schon alles fertig, Fräulein Wessling? Sie haben es ja eilig!“
„Ja, ich habe noch etwas vor“, versetzte sie fröhlich.
Er warf einen Blick auf ihre Tasche. „Das sieht nach etwas Größerem aus. Als wenn Sie verreisen wollten.“ „Eine Kurzreise, wenn Sie es so nennen wollen“, gab sie lachend zurück. „Montag fängt die Arbeit an, da muss ich schon wieder zurück sein.“
„Ach ja, dann eine gute Fahrt!“
„Danke, Herr Rieder, Ihnen auch ein schönes Wochenende!“
Sie huschte an ihm vorbei und lief zu ihrem klapperigen VW. Als sie abfuhr, stand Herr Rieder immer noch an der Tür und schaute ihr nach. Offensichtlich hätte er gerne mehr erfahren.
*
Das restliche Wochenende empfand sie als ausgesprochen schön. Dabei zu sein bei dem unbeschwerten Studentenleben, das Gefühl, immer noch dazu zu gehören belebte Olga außerordentlich. Lebhaft erzählte sie von den zum Teil problematischen Erlebnissen in der Schule, und nun erschienen die meisten nur noch lustig und gar nicht so unlösbar wie in der Realität. Das Interesse ihrer ehemaligen Kommilitonen, die diesen Einstieg noch vor sich hatten, war ihr auf jeden Fall gewiss.
„Heute bist du so gelöst“, meinte Richard, als sie spät nachts zu seinem Zimmer gingen. „So habe ich dich wirklich lange nicht mehr erlebt.“
Sie hängte sich übermütig an seinen Arm. „Eigentlich komisch. Aber die Tatsache, dass ich meine eigenen vier Wände habe, gibt mir richtig Auftrieb. Jetzt kann`s nur noch besser werden!“
Mit diesem Gefühl genoss sie auch die Nacht in Richards Armen, obwohl dabei der Schlaf etwas zu kurz kam. Am nächsten Morgen machte er ihr einen Vorschlag.
„Diese Woche läuft nicht viel an der PH. Ich könnte mit dir fahren. Dann lerne ich dein neues Heim kennen und kann dich auch mal in die Schule begleiten. Oder stört es dich, wenn ich bei dir hospitiere?“
„Wie kannst du nur fragen! Das wäre toll. Vielleicht kannst du mir sogar einen guten Tipp geben, wie ich mit meinen Rabauken besser klarkommen kann.“
„So schwierig kann ich mir das ehrlich gesagt nicht vorstellen.“
Sie ging auf seinen überheblichen Ton nicht ein, obwohl er sie ärgerte. Aber die Aussicht auf ein paar gemeinsame Tage machte alles andere nebensächlich, darüber war sie einfach nur glücklich.
So fuhren sie am späten Nachmittag gemeinsam los. Nachdem sie ihr Gepäck in ihr Zimmer gebracht hatten, zeigte Olga ihm zunächst einmal ihre neue Heimat und das alte Schulhaus, ehe sie unterwegs noch in ein Gasthaus einkehrten, um eine Kleinigkeit zu essen. Dann spazierten sie zurück zu dem kleinen Haus. Am Gartentor trafen sie auf ihre Vermieter, die Richard neugierig musterten. Olga stellte ihn vor.
„Ach“, sagte Frau Rieder freundlich, „dann haben Sie also Besuch. Aber Ihr Freund kann natürlich jederzeit hier übernachten, das hatte ich vorher vergessen zu sagen."
Olga und Richard tauschten einen raschen Blick. Da sie in ihrer Universitätsstadt schon an eine sturmfreie Bude gewohnt waren, war ihnen gar nicht der Gedanke gekommen, dass es hier ein Problem geben könnte. „Äh – ja – vielen Dank“, murmelte Olga unangenehm berührt.
Herr Rieder fand die Situation offenbar sehr erheiternd, legte seiner Frau den Arm um die Schulter und tätschelte liebevoll ihren Bauch. „Ja, das ist doch klar! Meine Frau und ich haben vor unserer Hochzeit auch immer Wege gefunden, um zusammenzukommen. Wir haben volles Verständnis für Ihre Bedürfnisse.“
Dabei lachte er wiehernd, was Olga geradezu abstoßend fand. „Wir haben noch einiges zu tun“, sagte sie rasch. „Ihnen einen schönen Abend.“
Richard folgte ihr die Treppe hoch. „Für eine eigene Wohnung hast du aber eine ganz schön eingeschränkte Privatsphäre“, meinte er, als sie oben waren. Sie zuckte missmutig die Schultern. „Ich hoffe, dass sich das legt. So viel Aufmerksamkeit brauche ich wahrhaftig nicht!“
Richard blieb zwei Tage. Er begleitete sie in den Unterricht, setzte sich im Lehrerzimmer mit zu Ute, unterhielt sich mit einigen der Kollegen und genoss dieses Dabeisein sichtlich. Über die offensichtlichen Probleme in der Klasse verlor er kaum ein Wort. Und Olga, nach dem täglichen Kampf mit den ständigen Störungen mehr als genervt, hielt sich mit negativen Äußerungen zurück, um die schöne Idylle dieser wenigen Stunden nicht zu stören.
Am Dienstagabend brachte sie ihn zum Bahnhof. Danach fiel es ihr schwer, in ihre Bleibe zurückzukehren. Sie beschloss bei Ute vorbeizufahren und zu schauen, ob sie Zeit für ein Gespräch hatte. Ute saß noch an ihren Vorbereitungen, war aber gerne bereit zu einem kleinen Plausch.
"Ich bin gleich fertig“, meinte sie. „Setz dich doch schon mal!“ Olga schaute sich in dem gemütlichen Zimmer um und seufzte bei dem Gedanken an ihre Notwohnung. Was hätte sie darum gegeben, auch so ein Appartement zu finden!
Schließlich packte Ute ihre Sachen ein und setzte sich zu ihr. „Hat Herr Jesser eigentlich irgendwas zu dir gesagt?“ wollte sie wissen.
Olga schüttelte verwundert den Kopf. „Wie kommst du auf die Idee? Ich habe immer den Eindruck, er will mich am liebsten gar nicht sehen. Dabei könnte ich ein paar aufmunternde Worte von ihm ganz gut gebrauchen!“
„Darauf kannst du sicher lange warten. Ich denke, er ist ganz froh, dass es im Moment mit dieser Klasse so gut läuft.“ „Gut läuft“, schnaubte Olga böse. „Jeden Tag komme ich fix und fertig aus dem Klassenzimmer!“
„Es läuft trotzdem ganz gut“, beharrte Ute. „Du weißt ja nicht, wie es bei Frau Rot zugegangen ist! Wenn sie nicht in die Nervenklinik gekommen wäre – man weiß nicht, was das für ein Ende gefunden hätte. Aber er hat sich darüber aufgeregt, dass du jemanden mit in die Klasse genommen hast, ohne ihn zu fragen. Von mir wollte er wissen, wer das ist.“
„Und was hast du ihm gesagt?“„Lediglich, dass es ein PH-Student ist, der mal einen Einblick in die Praxis gewinnen wolle. Ich dachte halt, er wolle mit dir noch darüber sprechen. Falls er damit auf dich zukommt, weißt du jetzt Bescheid.“
„In was für eine kleinkarierte Welt bin ich hier bloß geraten, über alles muss man Rechenschaft ablegen!“ stöhnte Olga und erzählte von dem Erlebnis mit ihren Vermietern. „Klar, es ist schon anders als während des Studiums“, stimmte Ute zu. „Aber sie meinen es ja nicht böse. Schlimmer wäre es doch, wenn sie Herrenbesuch untersagen würden. Was hat dein Freund denn zu deiner Situation in der Schule gesagt?“
„Nicht viel. Eigentlich haben wir gar nicht darüber gesprochen.“ „Überhaupt nicht? Ich hätte gedacht es tut dir gut darüber zu reden, nachdem er es jetzt so miterlebt hat.“ „Das stimmt schon. Aber ich wollte die gemeinsame Zeit auch nicht zu sehr damit belasten. Ich jammere ihm viel zu viel den Kopf voll, das mag er nicht so.“
Ute zog etwas irritiert die Brauen hoch, sagte aber nichts dazu. Schließlich war es an der Zeit, dass Olga sich auf den Nachhauseweg machte. Richards Anwesenheit hatte ihr wenig Gelegenheit gelassen, sich gründlich vorzubereiten. Deshalb gab es für den nächsten Tag noch einiges zu tun.
Die nächsten Wochen dümpelten gleichmäßig, doch für Olga endlos dahin. Die Schwierigkeiten am Arbeitsplatz empfand sie weiterhin als erdrückend, die Flucht zurück ins Studentenleben wurde immer existentieller. Richard hatte allerdings nicht immer Zeit für sie, aber da sie genug andere Leute kannte, störte sie das nicht so sehr. Sie hatte trotzdem das Gefühl, dass er eine feste Stütze in ihrem Leben war.
An einem Samstag machte er ihr, kaum dass sie bei ihm angekommen war, einen überraschenden Vorschlag: „Ich muss mich unbedingt mal wieder bei meiner Familie sehen lassen. Warum fährst du mich nicht einfach hin? Meine Schwester ist gerade auf einer Klassenfahrt, du könntest in ihrem Zimmer übernachten.“
Olga war sofort einverstanden. Sie hatte Richard schon öfter mit zu ihren Eltern genommen, aber seine Familie kannte sie bisher nur vom Hörensagen. Und da er selbst kein Auto besaß war es nur natürlich, dass sie fahren würde.
Er packte seine schmutzige Wäsche und ein bisschen Gepäck zusammen, sie ihres erst gar nicht aus, und so fuhren sie bei herrlichem Wetter die Strecke von rund 90 Kilometer zu seinem Wohnort. Auf der Fahrt erzählte sie ihm von der hinter ihr liegenden Woche und den Problemen, die sie wieder gehabt hatte.
„Du übertreibst“, stellte er kühl fest. „So chaotisch kann es doch gar nicht zugehen. Du müsstest einfach mehr auf die schwierigen Kinder eingehen. Ich hatte letzte Woche eine Lehrprobe und alle waren begeistert, wie ich das aufgezogen habe. Dabei habe ich von Anfang an mein Augenmerk auf die Problemfälle gerichtet.“
Olga schluckte. „Du warst doch mit in meiner Klasse“, setzte sie heftig dagegen. „Was würdest du denn anders machen? Gib mir doch einen Tipp, damit es kein Fiasko gibt, wenn der Schulrat sich die Situation anschaut.“
„Du machst dir noch in die Hosen vor diesem Schulratsbesuch! Geh ein bisschen gelassener an die Sache heran. Mit einem selbstbewussten Auftreten steckst du den doch in die Tasche.“
„Bei dir funktioniert das bestimmt!“ brauste sie auf. „Ich bin davon überzeugt, wenn du mal so weit bist, wirft die Behörde nur einen Blick auf dich und ist so begeistert, dass sie sogar auf die zweite Dienstprüfung verzichtet!“
Er warf ihr einen bösen Blick zu. „Du brauchst jetzt nicht so giftig zu werden. Ich weiß schon, was noch alles auf mich zukommt und werde dazu mein Bestes geben. Also mach dich nicht über mich lustig.“
Er schien wirklich verletzt zu sein durch ihre Aussage und das tat ihr augenblicklich leid. „Entschuldige“, murmelte sie zerknirscht. „Ich habe es doch nicht böse gemeint. Aber wenn man wie ich Tag für Tag …“
„Lass uns nicht mehr darüber sprechen“, unterbrach er sie. „Genießen wir doch einfach das Wochenende.“ Sie schwieg, obwohl sie noch einiges auf dem Herzen gehabt hätte. Aber es war ihr vor allem ein Anliegen tatsächlich ein harmonisches Wochenende zu verleben, das ihr hoffentlich wieder Kraft geben würde für die folgende Woche!
Richards Mutter war eine lebhafte, vielseitig interessierte Frau, die überhaupt kein Problem mit dem Überraschungsbesuch hatte. Olga fühlte sich sofort zu ihr hingezogen. „Heute Abend habe ich aber schon was vor“, verkündete sie gleich. „Ich nehme an, dass ihr auch ohne meine Gesellschaft zurechtkommt.“
„Aber natürlich, Mutti“, versicherte Richard und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Deine kostbare Zeit wollten wir dir nicht rauben.“ Sie warf ihm einen schelmischen Blick zu. „Natürlich nicht, mein Lieber. Nur meine Waschkraft, aber die kann ich mir ja einteilen, wenn du wieder weg bist. Ich nehme an, wenn du die Gelegenheit hast, mit dem Auto gefahren zu werden, willst du die ganze frische Wäsche für den Rest des Semesters mitnehmen. Mit dem Zug wäre das ja schon beschwerlicher.“ Er lachte belustigt. „Du hast mich also gleich durchschaut! Aber ich wollte dir natürlich auch Olga vorstellen.“
Sie verbrachten einen kurzen vergnüglichen Nachmittag zusammen, bis Frau Kolz sich auf den Weg zu ihrer Verabredung machte. Richard zeigte Olga später seinen Wohnort, ehe sie in einem kleinen Lokal noch etwas zu sich nahmen. Dann brachte er sie in das Zimmer seiner Schwester. Amüsiert schaute sie sich um. „Ein typisches Teenagerzimmer! Da merkt man, dass man schon einer anderen Generation angehört.“
„Ja klar, was hast du erwartet? Ich hoffe, du kannst gut schlafen!“ „Werde ich sicher. Oder wolltest du mich noch ein bisschen davon abhalten?“
Ärgerlich runzelte er die Stirn. „Nicht in der Wohnung meiner Mutter! Ich gehe in mein eigenes Zimmer, außerdem bin ich richtig müde.“ Jetzt war Olga etwas verletzt. „Ich habe doch bloß Spaß gemacht! Musst du denn jedes Wort von mir auf die Goldwaage legen?“ „Schlaf gut“, gab er kurz angebunden zurück und verließ das Zimmer. Olga ließ sich auf das Bett sinken und schüttelte ratlos den Kopf. Was war er im Moment für eine Mimose!
Am nächsten Tag frühstückten sie noch mit Frau Kolz zusammen. Die Schatten vom Vortag waren wie weggeblasen. Richard wollte den Rest des Sonntags bei seinem Bruder und dessen Familie verbringen und Olga war damit einverstanden.
Nachdem sie zwei Kartons voller Wäsche ins Auto gepackt und sich von Richards Mutter verabschiedet hatten, kutschierte Olga sie beide gutgelaunt in den nächsten Ort, wo Heinz Kolz mit seiner Frau Miriam und zwei kleinen Töchtern ein schmuckes Einfamilienhaus bewohnte. Er hatte einen guten Job bei einer großen Bank, wie Olga schon erfahren hatte. Richard selbst hatte auch zunächst bei dieser Bank eine Lehre angefangen, doch daran wenig Freude gefunden. Deshalb hatte er nach zwei Jahren abgebrochen und sich in einem relativ reifen Alter für ein Lehrerstudium entschieden. Genau das hob ihn von den anderen PH-Studenten ab, was Olga von Anfang an fasziniert hatte.
Sie war angenehm überrascht von der jungen Familie und hatte nach kurzer Zeit den Eindruck ebenfalls dazu zu gehören. Viel zu schnell verging dieser Tag und sie mussten an die Heimfahrt denken.
„Übernachtest du bei mir?“ fragte sie, als sie im Auto saßen. „Du kannst morgen mit dem Zug weiterfahren und am Wochenende bringe ich dir die Wäsche mit, die du jetzt nicht gleich brauchst.“ Er überlegte kurz. „Nun ja, ich kann dir ja nicht zumuten, mich jetzt zu meinem Zimmer zu fahren und dann die ganze Strecke zurück bis zu deiner Wohnung. Das wäre ein gewaltiger Umweg für dich. Okay, ich mache Zwischenstopp bei dir.“
Olga warf ihm einen raschen Blick zu. Sie hätte sich ein bisschen mehr Begeisterung für ihren Vorschlag gewünscht, aber wenigstens ging er darauf ein. Tatsächlich hatte das Wochenende sie ziemlich angestrengt und selbst der Gedanke, dass sie eventuell bei ihm übernachten und dann am Montag früh morgens zurückfahren müsste, schreckte sie in diesem Augenblick.
Es war schon dunkel, als sie ankamen. Im Wohnzimmer ihrer Vermieter brannte Licht und durch das Fenster konnte man sie beim Fernsehen beobachten.
„Gut, dass sie beschäftigt sind“, dachte Olga etwas hämisch. Sie hatte wahrhaftig keine Lust, jetzt von ihnen angesprochen zu werden. Doch als sie die Treppe hoch gingen war ihr, als würde die Tür einen Spalt breit geöffnet. Sie schaute zurück und sah gerade noch, wie ein Kopf schnell zurückgezogen wurde und die Tür sich wieder schloss. Richard, der hinter ihr ging, hatte es ebenfalls bemerkt.
„Denen entgeht nichts“, feixte er, als sie oben waren. „Da lebt es sich ja gemütlicher in meiner Studentenbude!“ „Solange sie mich nicht weiter stören, kann ich damit leben“, behauptete Olga und ließ sich auf ihre Bettcouch fallen.
Er ließ sich neben ihr nieder und umarmte sie. „Dann wollen wir mal hoffen, dass es so ist“, flüsterte er in ihr Haar und streichelte sie zärtlich.
Am nächsten Morgen läutete es Sturm bei ihr. Erschrocken fuhr sie hoch und schaute blinzelnd auf die Armbanduhr. Kurz vor sechs! Was um Gottes Willen konnte denn so früh los sein? Sie sprang im Evaskostüm aus dem Bett und warf sich rasch den Bademantel über, ehe sie aus der „Wohnungstür“ ging und zum Treppenhaus hinunterschaute. Unten stand ihr Vermieter.
„Fräulein Wessling, Sie müssen Ihren Wagen wegfahren. Heute kommt das Sperrmüllauto und so, wie Sie geparkt haben, kommt es nicht durch!“ Sie schaute erbost an sich herunter. „Hätten Sie mir das nicht gestern sagen können?“ fragte sie böse. „Wir wollten Sie doch nicht stören. Schließlich hatten Sie ja Besuch!“ „Und Sie glauben, jetzt stören Sie mich nicht?“ versetzte sie giftig. „Sie können mir ja einfach den Autoschlüssel geben, dann fahre ich es weg“, schlug er versöhnlich vor.
Wütend ging Olga in ihr Zimmer und kramte nach dem Autoschlüssel. Richard hatte sich halb im Bett aufgerichtet und beobachtete sie amüsiert. „So können wir wenigstens nicht verschlafen“, grinste er. Sie warf ihm ebenfalls einen bösen Blick zu. „Ich finde das gar nicht lustig!“
Nachdem sie ihrem Vermieter den Schlüssel in die Hand gedrückt hatte, kam sie ins Zimmer zurück. Richard hatte sich wieder zurücksinken lassen. „Wir sollten uns nicht die Laune verderben lassen. Komm noch mal ins Bett.“
Doch dazu war ihr die Lust vergangen. Sie schnappte sich ihre Unterwäsche und begann sich anzuziehen. „In einer halben Stunde muss ich sowieso aufstehen. Ich mache jetzt Frühstück.“ Nach fünf Minuten klopfte es an der Tür und sie war froh, dass sie Richards Aufforderung abgelehnt hatte. Diesmal war es Frau Rieder, die vor der Tür stand, um ihr den Autoschlüssel zu geben. Olga bedankte sich artig und schob die Tür rasch wieder zu.
Richard erhob sich nun auch langsam. „Du kannst mich gleich heute früh vor deinem Unterricht zum Bahnhof bringen. Dann verpasse ich meine Zehn-Uhr-Vorlesung nicht.“
Nach diesem abrupten Start in den Montag hatte Olga dem nichts entgegenzusetzen. Ziemlich genervt und immer noch erbost fuhr sie anschließend an die Schule, um in die neue Arbeitswoche zu starten.
In der großen Pause ließ sie sich neben Ute nieder und ließ erst einmal Dampf ab. „In dieser Wohnung halte ich es nicht lange aus“, schimpfte sie und erzählte von ihrem morgendlichen Erlebnis. „Ich muss wirklich schauen, dass ich bald etwas anderes finde!“ „Bei mir in der Nähe wird ein neuer Wohnblock erstellt. Vielleicht hast du Chancen, wenn du dich da bald drum kümmerst“, meinte Ute.
Das ließ Olga sich nicht zweimal sagen. Sie hatte Ute von Anfang an um ihre hübsche Zweizimmerwohnung beneidet. Ein gemütliches Heim ohne ständiges Zusammentreffen mit dem Vermieter – so hatte auch sie sich ihre erste eigene Wohnung vorgestellt!
Am Nachmittag schaute sie sich auf der Baustelle um und notierte sich die Adresse der Wohnbaugesellschaft, die auf einem Plakat angeschrieben stand. Noch am gleichen Tag schrieb sie diese an.
Am nächsten Tag fand nachmittags eine Lehrerkonferenz statt, was immer ein lange Sitzung und für Olga ohne nennenswerten Nutzen war. Doch als Herr Jesser fertig war, richtete er das Wort an sie. „Fräulein Wessling, ich möchte Sie gerne noch alleine sprechen. Kommen Sie bitte gleich mit ins Rektorat!“
Olga warf Ute einen besorgten Blick zu, doch diese zuckte nur verwundert die Schultern. Sie konnte sich diese Aufforderung auch nicht erklären, hatte aber den gleichen Gedanken: Das konnte nichts Gutes bedeuten! Mit einem mulmigen Gefühl packte Olga ihre Sachen zusammen und folgte Herrn Jesser, während die anderen nach Hause strebten. Er bot ihr einen Platz an, ließ sich aber Zeit mit dem, was er sagen wollte. Schließlich fragte er: „Wie läuft es denn so mit Ihrer Klasse?“
Olga warf ihm einen misstrauischen Blick zu, ehe sie zögernd antwortete: „Ganz gut, denke ich.“ Er nickte, dann setzte er hinzu: „Ich wollte Ihnen bloß mitteilen, dass sich Herr Kleiner, unser Schulrat, für nächste Woche angekündigt hat. Er wird in erster Linie Fräulein Bard besuchen, aber er möchte auch bei Ihnen kurz reinschauen. Also überlegen Sie sich, was Sie ihm vorführen können. Es wäre sehr unangenehm, wenn die Klasse einen schlechten Eindruck macht.“
Das verschlug Olga erst einmal die Sprache. So bald hatte sie nicht mit einer Überprüfung durch den Schulrat gerechnet. Ute war ja schon einige Zeit eingestellt und würde in einem Jahr die zweite Dienstprüfung ablegen. Doch sie hätte sich noch etwas Zeit zum Einarbeiten gewünscht. Zwar hatte sich tatsächlich einiges verbessert an der Arbeit mit der Klasse, aber zuweilen hatte sie noch sehr mit der Einhaltung der Disziplin zu kämpfen.
Herr Jesser hatte sie scharf beobachtet. „Dann wissen Sie jetzt also Bescheid. Machen Sie was Vernünftiges draus.“ Damit erhob er sich und ging zur Tür, die er ihr höflich aufhielt. Wie betäubt verließ Olga das Rektorat und ging die Treppe hinunter zum Parkplatz.
Als sie im Auto saß, atmete sie erst einmal tief durch. Dann beschloss sie, zunächst bei Ute vorbeizufahren. Diese hatte mit keinem Wort erwähnt, dass der Schulrat sich angemeldet hatte, vielleicht wusste sie es noch nicht einmal.
Ute war tatsächlich noch nicht informiert worden, aber auch nicht so sehr überrascht, weil sie demnächst mit dem Besuch gerechnet hatte, dessen Beurteilung zur Prüfungsanmeldung notwendig war. Aber dass Herr Kleiner auch Olga besuchen wollte nach dieser relativ kurzen Zeit, wunderte sie sehr.
„Wahrscheinlich hat das gar nicht so viel mit dir zu tun“, überlegte sie. „Die Krankheit von Frau Rot und die Folgen sind ja auch auf dem Schulamt bekannt. Ich vermute, man will bloß schauen, ob die Klasse jetzt gut versorgt ist. Also eine Bewertung wie bei mir gibt es bestimmt nicht!“ „Aber wenn es Probleme gibt, wird man die Schuld bei mir suchen“, befürchtete Olga.
Trotzdem hatte das Gespräch sie etwas beruhigt. Sie wollte jetzt nur noch rasch nach Hause an ihren Schreibtisch, um sich für den nächsten Tag gut vorzubereiten.
Am nächsten Morgen erwachte Olga ziemlich unausgeschlafen, weil sie bis tief in die Nacht noch gearbeitet und auch danach lange keine Ruhe gefunden hatte. Seufzend kämpfte sie sich aus dem Bett und versuchte, sich die Müdigkeit aus den Augen zu blinzeln. Immerhin versprach es ein schöner sonniger Tag zu werden.
Als sie auf den Parkplatz der Schule fuhr, kamen gerade einige ihrer Schüler angelaufen. Sie begrüßten sie freudig beim Aussteigen und Olga musste wieder einmal staunen, wie viel Herzlichkeit ihr von Seiten der Kinder entgegenschlug trotz der Schwierigkeiten, die sie beim Unterrichten als erdrückend empfand. Aber vielleicht war das für den heutigen Vormittag ein gutes Omen. Lächelnd nahm sie ihre Tasche vom Rücksitz und zwang sich zur Zuversicht, denn sie hatte sich einen spannenden Einstieg für den heutigen Stundenbeginn ausgedacht.
Zunächst lief auch alles nach Plan. Die Schüler ließen sich alle motivieren und konzentrierten sich ganz auf das, was sie ihnen erklärte. Es entspann sich ein angeregter Austausch über Möglichkeiten, wie man etwas zum Schwimmen bringen könnte und die Spannung stieg, als Olga die kleine Wanne, die sie am Vortag schon ins Klassenzimmer geschmuggelt hatte, mit Wasser füllte. Sie forderte die Kinder auf, in kleinen Gruppen mit ihren Stühlen zu einem Stuhlkreis herauszukommen.
Plötzlich rief ein Junge: „Ralf hat ein Messer dabei!“
Sofort ging ein aufgeregtes Geschrei los, dem Olga trotz aller Mühe kaum ein Ende setzen konnte. Alle ließen ihre Stühle da nieder, wo sie gerade standen und drehten sich nach dem Übeltäter um, der selbst eher erschrocken um sich schaute.
„Ralf, ist das wahr?“ fragte Olga, als es endlich etwas ruhiger wurde. Der Junge versteckte die Hand hinter dem Rücken und schüttelte den Kopf. Langsam bahnte Olga sich einen Weg durch das Gewirr von Stühlen und Kindern.
„Wenn du ein Messer hast, musst du es mir geben. Du weißt doch, dass du so etwas nicht mit in die Schule bringen darfst“, versuchte sie es noch einmal. Mit ausgestreckter Hand ging sie weiter auf Ralf zu, der seinerseits immer mehr zurückwich, bis die Wand ihn daran hinderte.
„Ich hole den Hausmeister!“ schrie Peter, ein Lausbub, der schon oft genug von diesem aus dem Klassenzimmer geholt worden war. Offensichtlich beflügelte ihn der Gedanke, dieses Schicksal heute einem anderen zukommen zu lassen. „Du bleibst hier!“ rief Olga und drehte sich nach ihm um, doch der Lausebengel hatte schon die Tür aufgerissen und war hinausgestürmt. „Ich gehe mit ihm“, brüllte Peters Freund Michi und rannte ebenfalls hinaus.
Hilflos schaute Olga hinterher. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Vor ihr stand noch immer Ralf ohne Bereitschaft zu zeigen, ihr das Messer zu geben, falls er überhaupt tatsächlich eines hatte. Wie ein summender Bienenhaufen kam ihr die Klasse vor, die jetzt darauf wartete, dass ihre Lehrerin das Richtige tun würde, während ihre beiden wildesten Schüler auf den Gang und wer weiß wohin noch rannten.
„Ralf, gib mir, was du da in der Hand hast!“ beschwor sie ihn noch einmal.
Da riss er blitzschnell seine Hand nach vorn und warf etwas in ihre Richtung. Es traf Olga am Arm und fiel herunter, ohne größeren Schaden anzurichten. Sie bückte sich danach, doch dann spürte sie einen Stoß, der sie leicht taumeln ließ. Ralf hatte sich gegen sie geworfen, sie zur Seite gestoßen und rannte jetzt so flink er konnte ebenfalls aus dem Klassenzimmer. Olga richtete sich schnell wieder auf, in der Hand ein klitzekleines zusammengeklapptes Taschenmesser. Sie war sich nicht einmal sicher, ob es echt war oder nur ein Spielzeug.
„Es ist alles in Ordnung“, sagte sie mühsam zu den anderen Kindern und versuchte ganz gelassen zu wirken. „Nehmt eure Stühle und geht zurück an eure Plätze.“
Einige wisperten sich noch aufgeregt etwas zu, aber im Großen und Ganzen verlief der Rückzug an die Tische friedlich. Olga legte ihre unliebsame Beute auf das Lehrerpult und atmete tief durch. Dann schrieb sie Peters, Michis und Ralfs Namen an die Tafel.
„Sie werden alle drei bestraft dafür“, versicherte sie dem Rest der Klasse, dabei war sie sich selbst nicht im Klaren darüber, wie diese Strafe aussehen sollte, um ein richtiges Signal zu setzen. Doch sie hatte auch keine Zeit sich darüber noch Gedanken zu machen, denn die Klassenzimmertür wurde geräuschvoll aufgestoßen und Herr Jesser stand im Türrahmen, links und rechts flankiert von Peter und Michi, die er jeweils am Genick gepackt hatte.
„Warum rennen diese beiden unbeaufsichtigt auf den Fluren herum?“ wollte er in bedrohlichem Ton wisse. „Sie wollten den Hausmeister holen“, sagte Olga kleinlaut, „aber erlaubt hatte ich es ihnen nicht.“ „Die sitzen heute Nachmittag zwei Stunden nach“, beschied er polternd. „Die müssen lernen, wie sie sich zu benehmen haben. Und Sie, Fräulein Wessling, müssen lernen, sich Respekt zu verschaffen! Schreiben Sie ihnen ins Heft, was sie angestellt haben. Morgen sehe ich dann die Unterschrift der Väter darunter.“ Er schubste die beiden ins Klassenzimmer und setzte noch dazu: „In die große Pause lassen Sie die beiden auch nicht!“
Dann schlug er die Tür hinter ihnen zu. Wie belämmert schlichen sie an ihre Plätze, aber auch Olga fühlte sich nicht besser. Der Gedanke an Ralf, der sich immer noch irgendwo herumtrieb, ließ ihr die Knie weich werden. Der Schreck saß allen Schülern noch in den Knochen, weshalb sich eine lähmende Stille ausbreitete. Doch an die Fortsetzung des geplanten Versuchs war auch nicht mehr zu denken. Deshalb ließ Olga die Bücher und Hefte herausholen und die Kinder einen Text zu dem Experiment abschreiben, während sie Peter und Michi mit ihren Heften herauskommen ließ, um ihnen den geforderten Vermerk einzutragen. Als es zur großen Pause läutete, entließ sie die Klasse in den Schulhof und hieß Peter und Michi eine Seite aus dem Lesebuch abschreiben. Ralf war nicht wieder aufgetaucht. Zum Glück hatte Ute mitbekommen, dass etwas nicht stimmte und streckte kurz danach den Kopf herein.
„Was war denn los?“ wollte sie wissen. „Ich habe Herrn Jesser draußen rumbrüllen hören.“ Olga kämpfte mit ein paar vorwitzigen Tränen, als sie ihr leise erzählte, was alles vorgefallen war. Dabei zeigte sie ihr das Taschenmesser, das sich bei genauerem Hinsehen tatsächlich als echt herausstellte. „Wenigstens hat er es nicht mitgenommen, als er weggelaufen ist“, meinte die pragmatische Ute. „Damit kann er nun keinen Unsinn mehr machen. Ich sage dem Hausmeister Bescheid, vielleicht hat er eine Idee, wo er stecken könnte."
Die Unterstützung durch die Freundin tröstete Olga, war sie doch durch die Forderung des Rektors ziemlich eingeschränkt. Wenn Peter und Michi nicht in die Pause durften, musste sie notgedrungen ebenfalls im Klassenzimmer bleiben, um sie nicht ohne Aufsicht zu lassen. So saß sie missmutig am Pult und blätterte in ihrem Schulbuch, um die Zeit wenigstens nicht ganz nutzlos verstreichen zu lassen. Der Nachmittag war ja auch schon festgelegt: Sie würde auf die Nachsitzer aufpassen müssen. Ute kam nach ein paar Minuten wieder zurück.
„Ralf hat sich in der Toilette eingeschlossen“, berichtete sie leise. „Der Hausmeister will warten, bis die große Pause vorbei ist, damit es kein großes Aufsehen gibt. Dann holt er ihn heraus und setzt ihn erst mal in sein Zimmerchen. Das ist sicherlich besser, als wenn er ihn gleich wieder in die Klasse bringt.“
Olga nickte zustimmend, doch glücklich war sie mit der Lösung nicht. „Wie soll das bloß weitergehen?“ fragte sie mutlos. „Nächste Woche kommt der Schulrat, und ich weiß nicht, wie ich allein mit dieser Klasse zurechtkommen soll!“
„Lass uns später darüber reden“, flüsterte Ute mit Blick auf Peter und Michi, die mit roten Ohren dasaßen und wohl auch bemüht waren mitzukriegen, was die Lehrerinnen zu besprechen hatten. Laut sagte sie: „Jetzt schreibt mal schön weiter, sonst lässt Herr Jesser euch noch länger nachsitzen!“
Der Vormittag schien für Olga kein Ende zu nehmen. Als der Hausmeister nach einer halben Stunde Ralf ins Klassenzimmer brachte, nahm sie ihn schweigend in Empfang und setzte ihn hinter ihr Pult, damit es keine Berührungsmöglichkeiten mit anderen geben konnte. Endlich war dann der Unterricht zu Ende und sie schärfte Peter und Michi ein, pünktlich um zwei Uhr wieder an der Schule zu sein. Erst nachdem die beiden immer noch ziemlich kleinlaut abgezogen waren, wandte sie sich Ralf zu.
„Was hast du dir nur dabei gedacht, ein Messer mitzubringen?“ fragte sie ihn leise.
Zuerst druckste er noch herum, aber dann stieß er zornig hervor: „Ich wollte mich nicht verprügeln lassen! Immer wollen die anderen mich verprügeln!“
„Wer will dich verprügeln?“
„Alle!“
„Warum hast du mir denn nie etwas gesagt?“
„Dann verprügeln sie mich erst recht, weil ich petze!“
„Das ist kein Petzen, Ralf. Aber wenn die Lehrer nicht Bescheid wissen, können sie dir doch auch nicht helfen.“
Er presste die Lippen zusammen, sagte aber nichts. Olga seufzte.
„Ich bringe dich heute selbst nach Hause. Aber heute Nachmittag musst du nachsitzen wie Peter und Michi auch. Ich werde deiner Mutter alles erklären.“
Sie war froh, dass er ihr widerspruchslos folgte und sich in ihr Auto setzte. Bei Widerstand hätte sie nicht gewusst, wie sie hätte reagieren sollen.
Es war das erste Mal, dass sie einen Schüler direkt zu Hause ablieferte. Als sie in die Straße mit den grauen Wohnblocks einbog, überkam sie ein mulmiges Gefühl. Im Dunkeln hätte sie hier nicht allein sein wollen!
Vor Ralfs Wohnhaus parkte sie ein und stieg dann mit ihm zusammen aus. Gemeinsam gingen sie zur Haustür. Sie überließ es dem Jungen zu läuten und wunderte sich, dass es so lange dauerte, bis jemand den Türöffner betätigte. Oben an der Treppe stand eine verhärmte ungepflegte Frau. Erstaunt blickte sie Olga entgegen.
„Guten Tag, Frau Kipper“, sagte Olga höflich.
Misstrauisch schaute diese von ihr zu Ralf und wieder zurück.
„Was ist los? Hat er schon wieder etwas angestellt? Mein Mann ist nicht da, der würde es ihm gleich besorgen!“
Olga war geschockt über diesen Ausbruch. Plötzlich wurde ihr bewusst, unter was für einem Druck der Junge stand und weshalb er so oft in Schwierigkeiten kam. Sie spürte das Taschenmesser in ihrer Jackentasche und beschloss, nicht die ganze Wahrheit zu sagen.
„Es hat –äh - Schwierigkeiten mit einigen Schülern gegeben, deshalb bringe ich ihn selbst nach Hause. Aber Ihr Mann muss nichts tun. Ralf soll heute Nachmittag nachsitzen, dann ist er genug bestraft. Ich erwarte ihn um zwei Uhr an der Schule.“
„Ist das alles? Ja, ich schicke ihn pünktlich wieder weg, da können sie sich drauf verlassen.“
Damit packte sie ihren Sohn unsanft am Arm, zog ihn in die Wohnung und schlug die Tür zu. Olga stand da wie ein begossener Pudel und lauschte auf die Stimme, die dahinter wieder laut wurde. Dann wandte sie sich mit einem unguten Gefühl um und machte sich auf den Nachhauseweg.
Nach einem mehr als hastigen Imbiss packte sie einige Schulbücher und Arbeitsmaterialien ein in der Hoffnung, wenigstens einen Teil ihrer Vorbereitungen im Klassenzimmer erledigen zu können. Dann fuhr sie erneut zur Schule. Sie wartete am Eingang, um Streitereien und daraus resultierenden Kämpfen zwischen den drei Jungen zuvorzukommen. Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht: Peter und Michi hatten Begleitung von drei Klassenkameraden, die ihr auch immer wieder Probleme bereiteten. Als sie ihre Lehrerin vor der Tür stehen sahen, unterhielten sie sich aufgeregt und zogen sich dann schnell zurück. Die beiden Nachsitzer kamen allein heran getrottet. Olga musterte sie forschend, worauf sie ihrem Blick auswichen.
„Ist der Ralf noch nicht da?“ wollte Peter schließlich wissen. „Was machen Sie, wenn er gar nicht kommt?“
„Er wird kommen“, versetzte Olga fest, wobei sie sich genau die Frage auch schon gestellt hatte. Sie spürte, wie ihre Hände vor Aufregung feucht wurden, denn diese Situation würde ihre Lage noch mehr verschärfen. Doch dann bog Ralf um die Ecke, langsam und mit gesenktem Kopf. Erleichtert atmete sie auf.
„Na, dann wollen wir mal“, sagte sie betont lässig und schloss die Eingangstür auf. Gemeinsam gingen sie ins Klassenzimmer, wo Olga jedem von ihnen einen Platz anwies, in jeder Ecke einen und weit voneinander entfernt. Der Text, den sie ihnen zum Abschreiben ausgesucht hatte war so lang, dass diese zwei Stunden wahrscheinlich nicht ausreichen würden. Aber sie wollte die drei auf jeden Fall für den ganzen Zeitraum beschäftigt haben.
Nach einer halben Stunde stand Ralf plötzlich neben ihr. Überrascht schaute sie ihn an. Er streckte ihr etwas entgegen, was sich bei näherem Hinsehen als fünf zerdrückte Gänseblümchen entpuppte. Er legte sie ihr verlegen aufs Pult.
„Danke, dass du mich bei meiner Mama nicht verpetzt hast“, sagte er leise, drehte sich um und ging unauffällig zurück an seinen Platz. Olga schaute zu den beiden anderen, aber sie waren so mit Schreiben beschäftigt, dass sie anscheinend nichts bemerkt hatten. Dann nahm sie die Blümchen und lächelte Ralf zu, der wieder an seinem Tisch saß. Schüchtern lächelte er zurück, bevor sein Kopf sich wieder über sein Heft neigte.
Der Rest der Woche verlief ohne nennenswerte Vorfälle. Dass Peter und Michi die Unterschriften ihrer Väter beim Rektor vorlegen mussten, zähmte anscheinend auch die anderen schwierigen Schüler, zumindest für den Augenblick. Allerdings erfuhr Olga von Frau Müller, dass eine aufgebrachte Mutter bei Herrn Jesser vorgesprochen hatte, angeblich im Namen vieler besorgter Eltern. Doch er äußerte sich ihr gegenüber nicht, weshalb sie auch nicht erfuhr, ob das verhängnisvolle Messer, das sie seitdem im verschlossenen Pult aufbewahrte, zur Sprache gekommen war.
Aber sie war jeden Tag aufs Äußerste angespannt. Der Druck, den der anstehende Schulratsbesuch bei ihr verursachte, war zu groß, weil sie sich ständig vorstellte, was alles passieren könnte. Als sie am Samstag endlich zu Richard fahren konnte, flatterten ihre Nerven immer noch.
So war es auch kein Wunder, dass sie zunächst nur ein Gesprächsthema hatte. Richard hörte sich ihre Erzählungen und Ängste ungeduldig an.
„Kannst du denn auch mal an was anderes denken?“ murrte er schließlich. „Ich habe keine Lust, mich den Rest des Wochenendes mit deinen Problemen zu beschäftigen. Für mich fallen auch noch einige Klausuren an, die mir im Magen liegen.“
Das hatte sie ganz vergessen. Ein bisschen regte sich so etwas wie ein schlechtes Gewissen.
„Du hast Recht“, sagte sie versöhnlich. „Wir sollten die Probleme vergessen und etwas Schönes unternehmen.“
„Zumindest heute Abend“, stimmte er zu. „Morgen muss ich auch ein paar Stunden noch büffeln.“
Am nächsten Morgen stand Olga auf, während Richard noch tief schlief. Sie bereitete das Frühstück vor und hoffte, damit die etwas missmutige Stimmung des Vortages zu vertreiben. Richard hatte ja Recht: Er musste sich ständig ihre Negativerlebnisse anhören, obwohl er auch einige Sorgen hatte. Die Klausuren, die noch anstanden am Montag und Dienstag, waren für ihn im Moment sehr wichtig, weil er als BAföG-Empfänger die Ergebnisse immer vorlegen musste. Durchfallen konnte er sich nicht leisten…
Sie hatte alles vorbereitet und der Kaffeeduft weckte ihn schließlich auf. Er räkelte sich entspannt und schnupperte.
„Ah, ich werde verwöhnt“, schmunzelte er und schwang seine Beine aus dem Bett.
Doch gemütlich wurde es nicht. Er stopfte sich schnell ein Stück Brot mit Butter und Marmelade in den Mund, schlang das Frühstücksei hinunter und meinte noch mit vollem Mund:
„Kannst du den Tisch gleich leer räumen? Ich brauche den Platz zum Arbeiten.“
Olga schluckte. Sie hatte alles so liebevoll gedeckt und fühlte sich nun zur Putzfrau degradiert. Aber seine Arbeit ging natürlich vor. Also räumte sie die Reste weg und trug das Geschirr zum Waschbecken zum Spülen. Er packte, kaum dass sie den Tisch abgewischt hatte, seine Arbeitsmaterialien darauf und vertiefte sich in seine Bücher.
Als sie alles erledigt hatte, war Richard total in seine Arbeit vertieft. Sie beobachtete ihn eine Weile und kam zu dem Schluss, dass sie ihn eigentlich nur störte. Vielleicht wäre es auch für sie besser, früh nach Hause zurückzufahren und ihren Unterricht für die kommende Woche gründlich vorzubereiten. Immerhin wollte sie gewappnet sein für den angekündigten Besuch des Schulrats!
Zärtlich legte sie Richard die Hände auf die Schultern und küsste ihn auf den Scheitel.
„Ich werde jetzt schon gehen, damit du in Ruhe lernen kannst. Wenn ich am nächsten Samstag wieder komme, haben wir beide das Schlimmste hinter uns und können das Wochenende richtig genießen.“
Er drehte sich um und zog sie auf seinen Schoß. Aufseufzend legte er den Kopf auf ihre Brust.
„Tut mir Leid, Olga, aber meine Zeit ist wirklich knapp. Und mach dir nicht in die Hosen wegen des Schulrats. Du kriegst das schon hin. Du sagst doch selbst, dass es nach diesem Vorfall ganz gut lief.“
„Nächsten Samstag ist es vorbei. Wahrscheinlich war dann tatsächlich alles nicht so schlimm“, flüsterte sie, um ihn nicht wieder zu reizen und sich selbst Mut zu machen.
Der Abschied war kurz und bald saß sie in ihrem Auto. Und hier verließ sie auch sofort die Zuversicht, die sie Richard vorgegaukelt hatte. Während sie den Anlasser betätigte, dachte sie enttäuscht: „Für ihn ist das alles so einfach. Richtig nachempfinden kann er meine Sorgen nicht!“
Sie kam um die Mittagszeit bei ihrer Wohnung an und natürlich lief ihr gleich Herr Rieder über den Weg, als sie mit ihrer Tasche die Treppe hochsteigen wollte.
„Oh, Sie sind heute aber früh zurück. Hat es Ihnen bei Ihrem Freund dieses Mal nicht so gut gefallen?“
„Ich habe noch eine Menge zu arbeiten, und auch er muss sich auf einige Klausuren vorbereiten“, erklärte sie und dachte dabei ungehalten: „Geht ihn das eigentlich irgendetwas an? Hoffentlich klappt das mit der Wohnung, damit ich hier bald rauskomme!“
„Ach, das ist wirklich jammerschade, wo doch heute so ein tolles Wetter ist. Aber was sein muss, muss sein… Lassen Sie sich durch mich bloß nicht aufhalten!“
„Das habe ich auch nicht vor“, gab sie schnippisch zurück und ließ ihn stehen.
Oben griff sie erst einmal nach der halben Tafel Schokolade, die sie noch auf dem Tisch liegen hatte. Gedankenverloren schob sie sich ein großes Stück davon in den Mund und holte dann ihre Schulbücher aus dem Regal.
„Ich mache das Beste daraus“, beschloss sie und setzte sich an den Schreibtisch. „Zumindest habe ich jetzt genug Zeit, um mir genau zu überlegen, wie ich meine Schulratsstunde gestalte!“
Nach vier Stunden streckte Olga sich und seufzte erleichtert. Sie hatte sich eine Schaustunde zurechtgelegt, sämtliche Störungen, die eventuell auftreten könnten, in Gedanken durchgespielt und sich Strategien überlegt, wie sie diesen begegnen könnte. Den Hausmeister konnte sie in dieser Situation nicht beanspruchen, das würde einen gar zu schlechten Eindruck machen. Doch das, was jetzt als Konzept vor ihr lag, gab ihr ein gutes Gefühl.
Was sie nun noch brauchte war eine nette Abwechslung als Abschluss. Sie beschloss zu Ute zu fahren. Sicherlich war sie zu Hause und würde sich freuen, wenn sie gemeinsam noch irgendwo hingehen konnten.
Ihre Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Bei einem gemeinsamen Essen in der Pizzeria um die Ecke bei Utes Wohnung genossen sie den Abend und unterhielten sich vor allem über das, was nächste Woche auf sie zukommen würde. Auch Ute hatte sich einen Plan gemacht, wie sie den Schulrat von sich würde überzeugen können.
„Bei mir bleibt er ja mindestens zwei Schulstunden“, überlegte sie. „Vermutlich hat er für den Besuch bei dir gar nicht so viel Zeit.“
„Ich fühle mich zumindest gewappnet. Wenn nur nicht wieder etwas passiert wie in der letzten Woche…“
Am Montag hatte Olga Bauchschmerzen vor Nervosität. Würde der Schulrat heute schon kommen? Auf jeden Fall legte sie den Entwurf für die geplante Stunde in Griffnähe.
Doch er kam nicht.
Am nächsten Tag war es genauso. Ihre Anspannung stieg und es fiel ihr schwer, sich auf die Kinder zu konzentrieren. Immer lauschte sie mit halbem Ohr, ob sich jemand auf dem Flur der Tür näherte. So verging der Vormittag, und ihre Unruhe übertrug sich auch auf die Schüler. Nach dem Unterricht traf sie Ute, die recht locker mit der Situation umging.
„Ich habe sowieso nicht damit gerechnet, dass er gleich zu Beginn der Woche kommt“, meinte sie schulterzuckend, als Olga sie darauf ansprach. „Aber du solltest dir nicht so viele Gedanken machen. Du hast dich doch gut vorbereitet auf seinen Besuch.“
„Wenn ich mich nur auf die Schüler verlassen könnte!“ stöhnte Olga. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie kribbelig sie heute wieder waren.“
„Das sind meine auch zuweilen“, beruhigte Ute sie. „Mach einfach mit ihnen Sachen, bei denen sie viel beschäftigt sind und nicht viel Unsinn machen können. Und wenn er kommt, kannst du auf deine Vorführstunde umschwenken.“
Insgeheim beneidete Olga ihre Freundin um die relativ „normale“ Klasse, deren Klassenlehrerin sie sein durfte. Das Vermächtnis von Frau Rot dagegen war eine gewaltige Herausforderung und Last. Aber da musste sie jetzt durch! Ute hatte Recht – sie musste ihren Unterricht so planen, dass ihre Rabauken wenig Ausbruchsmöglichkeiten hatten. Das würde sich zwar nicht auf Dauer durchhalten lassen, aber ein, zwei Stunden schon!
Für den nächsten Tag plante sie eine Rechtschreibstunde mit anschließendem Übungsdiktat. Damit hatte sie in der Regel alle fest im Griff. Die Vorbereitungen für die Schulratsstunde lagen wieder griffbereit neben ihr auf dem Pult.
Tatsächlich brachte sie mit diesem trockenen Unterricht ziemliche Ruhe in die Klasse und merkte, wie sie sich selbst dabei entspannte. Nachdem sie die Übungen alle durchgearbeitet hatte, teilte sie die Diktathefte aus und gab noch einmal strenge Anweisungen, welche Regeln einzuhalten waren. Dann diktierte sie den ersten Satz.
In diesem Augenblick klopfte es und gleichzeitig wurde die Tür geöffnet. Herr Jesser stand da mit einem gut situierten Herrn und grinste sie vielsagend an.
„Sie haben Besuch, Fräulein Wessling.“ Und an den Herrn gewandt: „Also dann – viel Spaß!“
Olga durchfuhr es siedend heiß. Das war also der befürchtete Besuch und nun war es unmöglich für sie, auf die vorbereitete Schaustunde zurückzugreifen.
„Oh, ich habe gerade angefangen, ein Diktat zu schreiben“, stammelte sie verlegen, als Herr Kleiner auf sie zukam und ihr die Hand reichte.
„Gut, dann machen Sie Ihr Diktat“, forderte er sie auf und lächelte gar nicht unfreundlich. „Ich kann mir auch bei so etwas ein Bild machen.“
Dann ging er nach hinten und zog sich einen kleinen Stuhl in die Ecke, auf den er sich setzte.
„Ist das nicht zu unbequem“, fragte Olga unsicher. „Wollen Sie nicht lieber meinen Schreibtischstuhl?“
„Ich bleibe nicht lange“, versetzte er. „“Jetzt machen Sie einfach weiter.“
Also diktierte Olga die Sätze, ließ die Kinder diese wiederholen und aufschreiben, während sie krampfhaft überlegte, was sie nun noch Außergewöhnliches zeigen sollte. Es fiel ihr nichts ein. Das Einzige, was den Rhythmus dieses Ablaufs ab und zu störte, war, wenn das eine oder andere Kind eine Frage stellte, weil es etwas nicht richtig verstanden hatte. Darauf ging Olga ziemlich feinfühlig ein, aber ansonsten war an diesem Unterrichtsverlauf natürlich nichts Spannendes.
Zum Schluss ließ sie die Hefte gruppenweise einsammeln und kam damit zum Abschluss, als es zur großen Pause läutete. Sie entließ die Kinder, die sich angesichts des Unbekannten im Klassenzimmer wirklich manierlich aufführten und sehr diszipliniert das Klassenzimmer verließen, was Olga mit einem gewissen Aufatmen registrierte. Trotzdem hatte sie ein mulmiges Gefühl, als der Schulrat sich erhob und zu ihr ans Pult trat. Doch ihre Angst war grundlos.
„Sie haben eine sehr einfühlsame Art mit den Kindern umzugehen“, sagte Herr Kleiner. „Man spürt sofort das positive Klima in der Klasse.“
Fast ungläubig schaute sie ihn an.
„Es tut mir Leid, dass ich gerade mit dem Diktat angefangen hatte“, entschuldigte sie sich. „Aber wenn Sie nach der großen Pause noch eine Stunde sehen wollen…“
Er schüttelte bedauernd den Kopf.
„Eigentlich komme ich wegen Fräulein Bard. Sie wissen ja sicher, dass ich ihre Stunden bewerten muss wegen der anstehenden Prüfung. Ich wollte mich Ihnen nur kurz vorstellen und mir ein Bild davon machen, wie Sie sich hier an der Schule eingelebt haben.“
Olga schluckte. So viel Aufregung im Vorfeld, ihre ganzen Ängste, die ausführliche Vorbereitung – alles unnötig! Sie quälte sich ein Lächeln ab.
„Ja doch, ich habe mich ganz gut eingelebt.“
Nach dem Unterrichtsvormittag setzte sie sich ins Lehrerzimmer, um die Übungsdiktate zu korrigieren. Normalerweise hätte sie diese mit nach Hause genommen, doch jetzt wollte sie auf Ute warten. Diese hatte nach zwei Lehrproben vor dem Schulrat anschließend noch eine Besprechung mit ihm und war sicherlich froh, gleich mit jemandem darüber reden zu können. Immerhin waren sie beide vor diesem Besuch ziemlich angespannt gewesen, auch wenn Ute mit dem Druck wesentlich besser umgehen konnte.
Es war schon halb drei, als Ute hereinkam. An ihrem Strahlen konnte Olga sofort erkennen, dass alles gut verlaufen war. Obwohl sie selbst mit ihrem Erlebnis unzufrieden war, ließ Olga sich haarklein erzählen, was bei Ute abgelaufen war und freute sich mit der Freundin.
„Das müssen wir feiern!“ meinte sie. „Zum Essengehen ist es nun ja zu spät, aber lass uns einen schönen Kaffee trinken.“
Dieser Vorschlag gefiel auch Ute und so machten sie sich gemeinsam auf den Weg in das nahegelegene Cafe. Hier ließen sie noch einmal den ganzen Vormittag Revue passieren und Olga wünschte sich von Herzen, dass der nächste Schulratsbesuch mit seiner Bewertung für sie dann auch so gut laufen würde. Ute hatte mit diesem Tag eine große Klippe für die zweite Dienstprüfung geschafft, aber für Olga war die ganze Arbeit mehr oder weniger verpufft.
Viertel nach vier Uhr kam sie schließlich bei ihrer Wohnung an. Frau Rieder arbeitete im Garten und winkte ihr zu.
„Mussten Sie heute so lange arbeiten? Jetzt haben Sie gerade Ihre Schüler verpasst. Die sind die ganze Zeit mit ihren Fahrrädern die Straße rauf und runter gefahren. Ein Gebrüll haben die veranstaltet – schade, dass Sie nicht da waren und sie zur Ruhe bringen konnten! Zum Schluss hat unser Nachbar, der Herr Bloch, sie verjagt.“
„Sagen Sie ihnen doch einfach, wenn Sie sich gestört fühlen“, versetzte Olga gereizt. „Nachmittags bin ich nicht auch noch verantwortlich für die Kinder meiner Klasse!“
Sie schob die Haustür auf und ging rasch die Treppe hoch. Nein, so unter Beobachtung gestellt fühlte sie sich wirklich nicht wohl.
Später saß sie an ihrem Schreibtisch, von wo sie eine gute Sicht in den Vorgarten und auf die Straße hatte. Es entging ihr nicht, dass öfter mal irgendwelche Nachbarn vorbeikamen und für ein Schwätzchen stehen blieben. Dabei wanderten nicht selten die Blicke zu ihrem Fenster – offensichtlich war sie für Frau Rieder ein interessantes Gesprächsthema.
Sie war mit ihren Vorbereitungen schnell zu Ende. Fast alles, was sie für heute geplant hatte konnte sie am nächsten Tag verwerten.
„Wenigstens ein Vorteil!“ dachte sie zynisch und schob die Unterlagen in ihre Tasche. Ein Blick auf die Uhr brachte sie auf einen Gedanken.
