9,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 9,99 €
Jersey, 1940. Als Hedy eine Stelle als Übersetzerin für die deutschen Besatzer der Kanalinsel antritt, weiß niemand, dass die junge Frau Jüdin ist. Während sie durch heimliche Akte des Widerstands versucht, gegen die Nazis aufzubegehren, verliebt sie sich ausgerechnet in den deutschen Wehrmachtssoldaten Kurt, der ihre Gefühle erwidert. Doch Hedys Identität bleibt nicht lange verborgen. Gemeinsam mit Kurt und einer guten Freundin schmiedet Hedy einen mutigen Plan, um ihren Verfolgern zu entkommen ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Über das Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Widmung
Vorwort
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
Epilog
Danksagung
Über das Buch
Jersey, 1940. Als Hedy eine Stelle als Übersetzerin für die deutschen Besatzer der Kanalinsel antritt, weiß niemand, dass die junge Frau Jüdin ist. Während sie durch heimliche Akte des Widerstands versucht, gegen die Nazis aufzubegehren, verliebt sie sich ausgerechnet in den deutschen Wehrmachtssoldaten Kurt, der ihre Gefühle erwidert. Doch Hedys Identität bleibt nicht lange verborgen. Gemeinsam mit Kurt und einer guten Freundin schmiedet Hedy einen mutigen Plan, um ihren Verfolgern zu entkommen …
Über die Autorin
Jenny Lecoat kam in Jersey zur Welt, nur fünfzehn Jahre nach der Besatzung der Channel Islands durch die Nazis. Im Anschluss an ihr Schauspielstudium an der Universität von Birmingham zog sie nach London und arbeitete als Stand-up-Comedian, Moderatorin und Zeitschriften-Kolumnistin, bevor sie 1994 vollberuflich Fernsehautorin wurde. Ihre Tätigkeit erstreckte sich auf eine große Bandbreite an Serien, einschließlich Sitcoms, Kinderprogrammen und Dramen, bis sie ihr wachsendes Interesse an dokumentarischem und biografischem Material dazu inspirierten, zu ihren insularen Wurzeln zurückzukehren. Ihr Spielfilm Another Mother’s Son, der vom Engagement ihrer Familie im Widerstand in den Kriegsjahren erzählt, kam 2017 in die Kinos. Hedy’s War ist ihr erster Roman.
JENNY LECOAT
DieÜBERSETZERIN
ROMAN
Übersetzung aus dem Englischen von Anke Kreutzer
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Für die Originalausgabe:Copyright © 2020 by Jenny LecoatTitel der englischen Originalausgabe: »Hedy’s War«
Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2021/2022 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Ann-Catherine Geuder, LübeckUmschlaggestaltung: Sandra Taufer, MünchenEinband-/Umschlagmotive: © Trevillion Images: Shelley Richmond; © shutterstock: fotosutra | CS Stock | Olga_C | Neti.OneLoveeBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf
ISBN 978-3-7517-0984-2
luebbe.delesejury.de
Nach einer ungewöhnlichen, wahren Geschichte
Dieser Roman beruht auf wahren Begebenheiten. 1940 sah sich die junge Jüdin Hedwig Bercu, die gerade erst vor dem Anschluss aus Österreich geflohen war, auf der winzigen Insel Jersey in der Falle, als Nazi-Deutschland die Kanalinseln besetzte. Die ungewöhnliche Geschichte von Hedys Überlebenskampf, einschließlich der besonderen Rolle, die dabei ein Offizier der Besatzungsmacht spielte, wurde knapp sechzig Jahre später dokumentiert und bildet die Grundlage für diese fiktionalisierte Erzählung. Einige Namen wurden geändert.
Den mutigen Kanalinsulanern gewidmet, deren mitfühlendes, entschlossenes Handeln während der Besatzung anderen das Leben rettete.
Und Gary.
Jersey, Kanalinseln
Sommer 1940
Die Sonne brannte nicht mehr gar so unbarmherzig, und die Möwen kreisten zu ihrem letzten Fang für diesen Tag über dem Meer, als die Sirene ertönte. Ihr an- und abschwellendes Heulen schallte über die dicht gedrängten Schieferdächer und die Kirchtürme der Stadt und das unregelmäßige Muster der Kartoffelfelder dahinter. In der Bucht von St. Aubin, wo die Wellen an den Strand plätscherten, drang die Warnung schließlich auch Hedy ans Ohr und riss sie aus ihrem Schlummer an der Ufermauer.
Träge, wie im Zeitlupentempo, rappelte sie sich auf und suchte den Himmel ab. Jetzt hörte sie auch ein schwaches, jaulendes Geräusch im Osten. Sie versuchte, ruhig durchzuatmen. Vielleicht nur wieder falscher Alarm? In den letzten beiden Wochen waren die Sirenen fast zur Routine geworden, doch jedes Mal waren die deutschen Aufklärungsflugzeuge am Himmel gekreist und mit einem Haufen verwackelter Aufnahmen von Durchgangsstraßen und Hafenmauern in ihren Kameras wieder über dem Meer verschwunden. Doch das hier war anders. Aus dem Motorengeräusch war eiskalter Vorsatz herauszuhören, und im nächsten Moment tauchten auch schon am fernen blauen Horizont mehrere winzige schwarze Punkte auf. Aus dem Jaulen wurde Brummen und aus dem Brummen lautstarkes Dröhnen. Da wusste sie es. Das war keine Aufklärungsmission. Das war der Anfang.
Schon seit Tagen beobachteten die Inselbewohner die Rauchwolken, die an der französischen Küste aufstiegen, sich ausbreiteten, und spürten die Erschütterung der fernen Detonationen noch in den Eingeweiden und in den Knochen. Die Frauen hatten Stunden damit zugebracht, in ihren Speisekammern die Dosenvorräte zu zählen, während die Männer vor den Banken Schlange standen, um die Familienersparnisse abzuheben. Unter lautstarkem Protest wurden Kindern Gasmasken über den Kopf gezerrt. Inzwischen hatten sie alle Hoffnung fahren lassen. Hier gab es niemanden, der sich den Angreifern hätte entgegenstellen können, zwischen den Aggressoren und ihrer verlockenden Trophäe lag nichts als glitzerndes blaues Wasser und ein leerer Himmel. Und nun waren die Flugzeuge auf dem Weg. Jetzt konnte Hedy sie schon deutlich sehen, immer noch ein Stück entfernt, aber den Umrissen nach wohl Stukas, Sturzkampfbomber.
Sie wirbelte herum und suchte nach einer Zuflucht. Bis zum nächsten Strandcafé war es fast eine Meile. Sie schnappte sich ihre Korbtasche und war mit wenigen Sätzen an der Steintreppe zur Promenade, die sie mehrere Stufen auf einmal nahm. Oben angekommen, sondierte sie die Lage: Ein paar hundert Meter Richtung First Tower befand sich ein kleiner Unterstand, mit nichts weiter als vier Holzbänken an den offenen Seiten, doch das musste genügen. Hedy hastete hinüber und warf sich unter die nächstgelegene Bank, ohne darauf zu achten, dass sie sich dabei das Schienbein aufschürfte. Schon Sekunden später bekam sie Gesellschaft von einer in Panik aufgelösten jungen Mutter, wahrscheinlich kaum älter als sie selbst, die einen kleinen Jungen mit bleichem Gesicht am Handgelenk hinter sich herzog. Inzwischen hatten die Flieger bereits den Hafen von St. Helier erreicht; einer aus der Formation kam in einem Bogen über die Bucht in ihre Richtung, und der Motorenlärm wurde so ohrenbetäubend laut, dass er die Schreie des Jungen übertönte, den die Frau auf den Boden drückte. Als mehrere Geschosse in die Deichmauer einschlugen und in sämtliche Richtungen zischten, versetzte ihr das Ratata des Maschinengewehrfeuers Stiche im Ohr. Eine Sekunde später erschütterte eine ferne Explosion den Unterstand so heftig, dass Hedy jeden Moment mit dem Einsturz des Dachs rechnete.
»War das eine Bombe?« Unter ihrer Sonnenbräune war das Gesicht der Frau aschfahl.
»Ja. In der Nähe des Hafens, glaube ich.«
Die Frau musterte sie einen Moment lang mit einem erstaunten Blick. Natürlich war es der Akzent – selbst in einem Augenblick wie diesem sonderte er Hedy aus und gab sie als Fremde zu erkennen. Doch die Aufmerksamkeit der Frau richtete sich sofort wieder auf ihr Kind.
»O mein Gott«, murmelte sie, »was haben wir bloß getan? Mein Mann hat gesagt, wir hätten uns evakuieren lassen sollen, als es noch ging.« Ihre Augen starrten in den Himmel. »Glauben Sie, wir hätten lieber weggehen sollen?«
Hedy sagte nichts, sondern folgte nur dem Blick der Frau. Sie dachte an ihre Arbeitgeber, die Mitchells, wie sie mit ihrem schreienden Kind diesen dreckigen, abgewrackten Frachter bestiegen hatten, mit nichts als ein bisschen Unterwäsche zum Wechseln und etwas Proviant in einem braunen Karton. In diesem Moment, mit dem beißenden Geruch von Treibstoff in der Nase, hätte sie alles darum gegeben, jetzt bei ihnen zu sein. Ihre Fingerknöchel um die Latte der Bank färbten sich gelb. In Korkenzieherspiralen schwebte der Rauch von verkohltem Holz über die Bucht, und sie hörte den kleinen Jungen schluchzen. Hedy schluckte und konzentrierte sich auf die Fragen, die ihr im Kopf herumschwirrten. Wie lange würde es bis zur Landung der Deutschen dauern? Würden sie wahllos Menschen einfangen, um sie an die Wand zu stellen und zu erschießen? Und wenn die nun sie in die Finger bekamen, was dann? Es brachte nichts, den Gedanken zu Ende zu führen. Anton, der einzige Mensch auf der Insel, den sie als Freund bezeichnen konnte, wäre nicht in der Lage, ihr zu helfen. Wieder erzitterte der Unterstand und machte ihr klar, wie lächerlich wenig Schutz er bot.
Ohne sich zu rühren, horchte Hedy auf die Bomber, wie sie ihre Schleifen zogen und im Sturzflug ihre Last abwarfen, auf das Krachen der Detonationen eine Meile entfernt, bis nach einer gefühlten Ewigkeit das Motorengeräusch in der Ferne verebbte. Ein älterer Herr mit zerzaustem weißem Haar stolperte auf sie zu, blieb stehen und sah sie an.
»Die Flieger sind weg«, rief er. »Versuchen Sie, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen! Wird nicht lange dauern, bis sie zurückkehren.« Hedy starrte auf sein Jackett, das mit Staub und Blut bedeckt war. »Keine Sorge, ist nicht meins«, beruhigte sie der Mann, als er ihren Blick sah. »Ein alter Mann, der in der Nähe des Hafens unterwegs war, hat eine Kugel ins Bein abgekriegt – wir mussten ihn ins Krankenhaus bringen.«
»Gibt es viele Verletzte? Oder …?« Hedy warf einen vielsagenden Blick auf den Jungen und sprach ihre letzte Frage nicht aus.
»Ein paar, ja«, antwortete der Mann mit wackeliger Stimme, und in Hedy stieg eine Woge der Angst auf. Er drückte sich die Faust an den Mund und schluckte wieder, bevor er fortfuhr: »Sie haben eine Reihe Kartoffellaster bombardiert, die zum Abladen Schlange standen. Ich meine, was soll das, zum Teufel?« Er schüttelte den Kopf und deutete auf den Heimweg. »Und jetzt beeilen Sie sich.«
Der Mann hastete davon. Hedy kam zitternd auf die Beine, wünschte der Frau alles Gute und lief auf der Promenade Richtung Stadt, während sie sich fragte, wie um alles in der Welt sie zum Haus der Mitchells zurückkommen sollte – vorausgesetzt, es stand noch. Sie versuchte zu rennen, doch sie fühlte sich noch zu schwach. Im Geist sah sie ihren Kater Hemingway im Wohnzimmer allein auf dem Sofa kauern, das graue Fell vor Angst aufgestellt. Ein wenig bereute sie es schon, Mr Mitchells Anweisung, ihn einschläfern zu lassen, missachtet zu haben. An der Tür zur Tierarztpraxis hatte sie dem treuherzigen Blick des Katers nicht widerstehen können. Jetzt wusste sie nicht einmal, ob sie selbst genug zu essen haben würde, geschweige denn, genug für ein Haustier.
Als sie die ersten Häuser von St. Helier erreichte, hörte sie schon das Bimmeln der Krankenwagen und die Rufe einiger Männer, die verzweifelt versuchten, ihre Bemühungen zu koordinieren. An diesem windstillen Sommerabend stieg der Rauch in kompakten Säulen von Booten und Gebäuden auf; kreuz und quer waren Fahrzeuge auf den Straßen liegengeblieben. Ein paar wenige Leute waren unterwegs – einige auf der Suche nach Vermissten, andere, die ziellos umherwanderten, und ein altes Paar, das schluchzend auf einer Bank saß. Hedy lief weiter, sie zwang sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen und sich dabei Schritt für Schritt der Realität zu stellen. Rings um die Insel wimmelte es unter Wasser wahrscheinlich schon von U-Booten. Nicht lange, und sie wäre wieder von diesen graugrünen Uniformen umgeben und müsste das Gebrüll ihrer Befehle ertragen. Sie hörte schon das Hämmern an der Tür, spürte Wehrmachtshände, die sie an den Ellbogen packten, um sie – das schmutzige Geschirr noch auf dem Tisch – aus dem Haus zu zerren. Von jetzt an war alles möglich. Sie erinnerte sich nur allzu gut daran, wie sich die Deutschen in Wien benommen hatten.
Besonders gegenüber Juden.
Sie drängte vorwärts und setzte ihre ganze Willenskraft daran, einfach nur nach Hause zu kommen. Sie musste zu Hemingway und ihn in die Arme nehmen.
*
»Was anderes als die hier habe ich nicht. Aber könnte die uns in Schwierigkeiten bringen?«
Anton stand in der Tür zu seinem Schlafzimmer und hielt eine ursprünglich weiße, inzwischen graue, gerippte Baumwollunterhose hoch. Selbst von ihrem Fensterplatz aus konnte Hedy sehen, dass sie nicht gewaschen war. Unwillkürlich huschte ihr bei dem Wort »Schwierigkeiten« ein Lächeln über die Lippen; Anton konnte zuweilen so vorsichtig sein wie zu anderen Zeiten übertrieben optimistisch. Vor Sorge und Erschöpfung war sein Gesicht nicht anders als ihr eigenes, wie sie zufällig im Spiegel sah: kreideweiß. Anton lebte allein, und Hedy vermutete, dass auch er die letzten vier Nächte dagesessen, schlaflos auf die verlassenen Straßen gestarrt und in banger Erwartung die Sperrstunden gezählt hatte.
»Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr«, antwortete Hedy. »Sie verlangen nur eine weiße Flagge. Woraus die besteht, haben sie nicht gesagt. Außerdem machen das doch alle so.« Sie streckten den Kopf aus dem Fenster im ersten Stock. Unter dem strahlend sonnigen Himmel lag eine gepflegte Straße mit Wohnhäusern und Geschäften, deren Türen zum Bürgersteig hinausführten. Aus jedem Fenster hing irgendein Stück Stoff – hier eine Schürze, dort eine Babywindel oder eben auch ein uraltes Wäschestück. Ein wenig Trotz im Angesicht der Niederlage. Anton nickte, und Hedy nahm ihm mit spitzen Fingern die Unterhose ab, verknotete sie an einem Besenstiel und hängte sie aus dem Fenster, indem sie das Stielende auf einen Stuhl stellte und mit einem Handtuch beschwerte. Im selben Moment näherte sich Motorengeräusch. »Da sind sie«, murmelte Hedy.
Am Ende der Hauptstraße erschien der erste Wagen, von ihrer Warte aus deutlich zu erkennen: ein eleganter offener Bentley mit höheren Offizieren in voller Uniform, gefolgt von einem blitzenden Daimler mit ähnlicher Besatzung. Dahinter reihten sich ungefähr ein Dutzend weniger eindrucksvolle Fords und Morris mit Soldaten niedrigerer Ränge ein sowie ein paar Motorräder mit Beiwagen als Nachhut – alle, wie Hedy vermutete, aus den Garagen der Inselbewohner gestohlen, da das eintreffende Militär wohl kaum die Zeit gehabt hatte, solche Fahrzeuge aus Frankreich einzuschiffen. Selbst aus dieser Entfernung war die Freude im Gesicht der Deutschen nicht zu übersehen. Nach Monaten, die sie auf den kalten, lehmigen Schlachtfeldern Europas zugebracht hatten, mussten die weißen Strände und die schattigen Alleen dieser malerischen Insel den Männern als glückliche Schicksalsfügung erscheinen, so wie vor gar nicht allzu langer Zeit auch Hedy.
»Sieh sie dir nur an.« Anton klang wütend. »Man sollte meinen, sie hätten ganz England erobert und nicht nur ein paar britische Inseln vor St. Malo.«
»In ihren Augen ist es der erste Schritt«, murmelte Hedy.
»Die erwarten doch wohl nicht, dass wir sie begrüßen, oder?«
Hedy spähte in die Fenster gegenüber. Hinter jedem standen verdrießliche Bewohner und starrten mit ohnmächtigem Hass auf ihre neuen Herren hinunter. Seit Freitagnacht hatte es keine Bomben mehr gegeben, und die Schäden rings um den Hafen und um Weighbridge waren teilweise schon wieder repariert, doch jedem hier war klar, dass der heutige Tag den eigentlichen Beginn der Unterwerfung markierte. Sie hatten ihren Eroberern nichts als ohnmächtigen Zorn entgegenzusetzen und wünschten ihnen die Pest an den Hals.
Hedy schüttelte den Kopf. »Die werden uns nicht zwingen, sie zu begrüßen. Sie wollen uns weismachen, sie seien weiß Gott wie zivilisiert – um der ganzen Welt zu zeigen, wie sie Großbritannien regieren wollen. Wie hieß es noch gleich?« Sie nahm das Flugblatt von Antons kleinem Tisch und strich die getrockneten Erdkrumen aus dem Blumenbeet, in dem es gelandet war, weg. »Hier: ›Friedlichen Einwohnern wird feierlich ihre Freiheit garantiert.‹« Sie schnaubte. »Bin gespannt, wie lange.«
Anton drückte ihr tröstend die Schultern. Sie spürte die Wärme seiner Hände, der erste physische Kontakt mit einem anderen Menschen, seit sie sich schweren Herzens von der kleinen Tochter der Mitchells verabschiedet hatte. So blieben sie eine Weile stehen, bis die Autokolonne endlich verschwand und sich die Fenster über dem Bürgersteig nach und nach schlossen. Natürlich würden in den nächsten Tagen noch mehr Soldaten kommen, viel mehr sogar, doch die Insulaner hatten einen ersten Blick auf den Feind erhascht, für diesen Tag war das genug. Anton kehrte zu seinem gewohnten Sessel am Kamin zurück, mit Bedacht so aufgestellt, dass er das zerrissene Linoleum darunter verdeckte. Es war eine kleine, kärglich eingerichtete Wohnung, doch viel behaglicher als das weitläufige, verlassene Haus ihrer früheren Arbeitgeber, nicht zuletzt auch dank des Dufts aus der Bäckerei darunter. Es war ein Ort, an dem sie sich immer sicher gefühlt hatte.
»Es bringt nichts, das Schlimmste anzunehmen«, sagte Anton, als habe er ihre Gedanken gelesen.
»Du hast gut reden.« Sie sank auf den einzigen anderen Sessel und winkelte wie gewohnt ein Bein auf der Sitzfläche an. Dabei fingerte sie unentwegt an der Schleife an ihrem Kleid herum. »Wie dämlich kann man nur sein! Wieso bin ich nicht nach Amerika gegangen, als ich es noch gekonnt hätte?«
»Du weißt, wieso.«
»Irgendwie hätte ich das Geld auftreiben können! Ich hätte nicht so leicht aufgeben sollen.« Anton beugte sich zu ihr vor. »Sieh mal, es sind nur noch so wenige Juden auf der Insel übrig – vielleicht ein Dutzend? Wahrscheinlich machen sich die Deutschen nicht einmal die Mühe, sie aufzuspüren.« Er musste ihr von den Augen abgelesen haben, wie zynisch sich die Überlegung für sie anhörte, denn er fuhr fort: »Ich glaube wirklich nicht, dass es so schlimm wird wie in Wien.«
Hedy warf das Haar zurück. »Ach nein? Selbst wenn du recht hast, selbst wenn sie nicht gezielt nach uns Ausschau halten – ist dir klar, wie gefährdet wir von jetzt ab sind? Wir sind hier Ausländer, und zwar Ausländer, die Deutsch sprechen! Wir werden automatisch in ihr Fadenkreuz geraten.«
»Die Leute hier auf Jersey werden sich nicht gegen uns stellen, die wissen genau, weshalb wir hier sind.«
»Anton, sie haben dich bis vor sechs Wochen in diesem Internierungslager schmoren lassen, und das nur, weil du Ausländer bist, mit der Staatsangehörigkeit des Feindes!«
»Nur bis sie alles überprüft hatten, danach durfte ich gehen. Das meinte ich ja, die Leute hier sind ziemlich vernünftig.«
»Typisch Katholik!« Ihre Stimme klang schrill und scharf. »Du glaubst immer noch, die Welt sei voller Heiliger! Denkst du wirklich, die Leute hier hätten schon vergessen, dass die Österreicher die Deutschen mit Blumen und Hochrufen empfangen haben, als sie über die Grenze kamen?«
Anton strich sich das dichte dunkle Haar aus den Augen und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Bei aller Zuneigung stieß sich Hedy immer wieder an Antons Konfliktscheu. Er hasste Konfrontation, wollte niemanden vor den Kopf stoßen. Vielleicht hatte es deshalb von ihrer Seite her nie zu mehr als Freundschaft gereicht, trotz allem, was sie miteinander verband. Wie viel geborgener und sicherer sie sich fühlen würde, stünden die Dinge anders zwischen ihnen.
Anton wechselte das Thema. »Ich muss versuchen, heute Nacht ein bisschen zu schlafen«, sagte er schließlich. »Die Bäckerei macht morgen wieder auf. Mr Reis schätzt, dass uns die Leute mit Panikkäufen den Laden einrennen, aber ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube eher, die meisten werden versuchen, so zu tun, als wäre es ein ganz normaler Tag.«
Hedy stieß ein bitteres Lachen aus. »Natürlich werden die Geschäfte öffnen, so hat es der Kommandant befohlen. Und wir werden alle tun, was wir eben tun müssen. So läuft das eben. Wir werden unsere Verdunkelungsrollos anbringen und in Anpassung an die deutsche Zeit unsere Uhren eine Stunde vorstellen. Und wir werden uns einreden, es würde schon nichts weiter passieren.« Ihr Atem kam stockend. Anton stand auf und ging zu ihr. »Hedy, beruhige dich.«
»Alle in der Stadt werden herumlaufen und so tun, als hätten sie nicht die geringste Angst, verhaftet zu werden. Während ich für meinen Teil dasitze und darauf warte, dass sie mich holen und auf das nächste Schiff verfrachten. Aber du hast recht – davon abgesehen, wird es ein ganz normaler Tag.« Die letzten Worte brachen wie ein Schrei aus ihr hervor, während sie schluchzend auf die Knie sank. Sie bebte am ganzen Körper. »Ich pack das nicht, Anton, nicht noch einmal. Bitte lass nicht zu, dass sie mich holen!«
Anton hielt sie sanft in den Armen, murmelte ein paar tröstliche Worte und reichte ihr sein Taschentuch. Hedy weinte minutenlang hinein, während Anton einen heißen Tee bereitete. Dann setzte er Hedy in seinen Sessel und reichte ihr die Tasse. Er ging zum Grammophon, legte Rachmaninow auf, und sie saßen schweigend beisammen und lauschten den lebhaften Melodien, bis die Sonne unterging. Während Hedy zusah, wie sich der Himmel über den Dächern von Blassgold zu Rosa verfärbte, überstürzten sich ihre Gedanken. Sie dachte an ihre Eltern in Wien, deren kostbare Briefe sie nicht mehr erreichen würden. Sie dachte an Roda mit ihrem glockenhellen Lachen und dem unbändigen Haar; wie mutig von ihrer Schwester, sich den Briefumschlag mit Schillingscheinen in den Schlüpfer zu stopfen, bevor sie, wenige Meilen vor der Grenze zur Schweiz, ihr altes Steyer-Automobil ins dichte Gebüsch schoben und versteckten. Wenn sie nur wüsste, ob es Roda nach Palästina geschafft hatte! Irgendwann schloss Hedy die Augen und döste für eine Weile ein. Als sie aufwachte, versorgte Anton sie wieder mit Tee, dazu mit altbackenen Makronen, die er aus dem Laden mitgenommen hatte. Für Hemingway gab er ihr eine übrig gebliebene Dosensardine mit. Als der Himmel schließlich zu Königsblau aufdämmerte, war es an der Zeit zu gehen.
»Ich hol nur eben meine Jacke und begleite dich nach Hause«, sagte Anton. »Du solltest nicht alleine unterwegs sein.«
Hedy schnäuzte sich und richtete mit den Fingern ihre Frisur. Diese Nacht war eine Zäsur, der Moment, Ordnung zu schaffen und ihre Sachen zu packen. Morgen würde sie ein Vorhängeschloss für die Haustür kaufen. Ein großes Schloss aus schwarzem Metall, das mit einem lauten Klicken einschnappte. Was sie jetzt brauchte, war Stahl.
Draußen vor dem Fenster drangen die kräftigsten, am hellsten leuchtenden Sterne durch die Dunkelheit. Während sie hinausstarrte, dachte sie an die Protestler auf den Straßen von Wien, die auf Händen und Knien Unabhängigkeitsparolen vom Pflaster schrubben mussten. Die Deutschen hatten gelacht und so getan, als seien die umgetretenen Eimer und zerquetschten Finger ein Missgeschick.
Die Kreide wurde ausgewaschen, aber die Worte und die Farben der Botschaften waren ihr für immer ins Gedächtnis eingeprägt, ebenso wie die Entschlossenheit in den Augen der Widerständler.
Anton kam mit seiner Jacke. Hedy gab ihm sein Taschentuch zurück.
»Behalte es.«
Hedy schüttelte den Kopf. »Nein, nicht nötig. Ich werde es nicht mehr brauchen.«
*
Der Morgen des 16. September, ein Datum, das Hedy auf dem Kalender mit dicker schwarzer Tinte eingekreist hatte, versprach einen sonnigen, wolkenlosen Tag, auch wenn vom Hafen immer noch eine steife Brise wehte. Die Wetterlage war seit einigen Tagen wechselhaft; ein kräftiges Atlantik-Sturmtief im Golf von St. Malo hatte prasselnde Regenschauer mit sich gebracht, und der Wind pfiff noch immer so heftig durch die Straßen, dass er den Frauen die Hüte von den Köpfen fegte und sich in der neuen Hakenkreuzflagge verfing, die jetzt weithin sichtbar am Rathaus hing. Solche kräftigen Böen waren für das milde Klima der Insel ungewöhnlich, zumindest, solange die Blätter noch grün und die Abende noch so lau waren. Trotzdem hatte Hedy noch keine einzige Klage darüber gehört – vielleicht einfach nur, weil es keine Touristen mehr zu vergraulen gab oder aber weil die Wetterlage die neue kollektive Depression spiegelte. Als sie am Abend die Kaimauer in der Bucht von St. Aubin entlanggelaufen war und den deutschen Unteroffizieren dabei zugesehen hatte, wie sie quer über den Strand Stacheldraht ausrollten, war es ihr so vorgekommen, als zögen sich selbst die Wellen schneller als sonst zurück, um diesen infizierten Ort zu meiden.
Auf dem Weg zur Hauptgeschäftsstraße der Stadt zog Hedy ihre Jacke über dem Kleid enger und wunderte sich, wieso der zielstrebige Takt ihrer zehenfreien hochhackigen Sandalen so laut auf dem Pflaster hallte – so laut, dass sich Passanten, scheinbar von dem Lärm gestört, zu ihr umdrehten und sie anstarrten. Als sie klick-klackend in die King Street einbog, dämmerte ihr allmählich, dass es nur deshalb so laut hallte, weil der motorisierte Verkehr verschwunden war. Abgesehen von dem einen oder anderen deutschen Fahrzeug waren die Straßen von St. Helier wieder ein Labyrinth aus Fußgängergassen, in denen jedes prägnante Geräusch von den Häuserwänden hin und her geworfen wurde wie in den guten alten Zeiten. Sie nahm sich vor, im öffentlichen Raum keine hochhackigen Schuhe mehr zu tragen. Sie hatte nicht die letzten Wochen wie ein Geist in ihrem eigenen Viertel verbracht und war nur ab und zu zum Einkaufen oder Luftschnappen vor die Tür getreten, um jetzt unnötig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Trotzdem war sie dankbar dafür, im Stadtzentrum eine neue Wohnung gefunden zu haben, unweit der Geschäfte und der Markthalle an der Beresford Street. Verglichen mit dem Haus der Mitchells war es ein deutlicher Abstieg, doch nachdem das Anwesen jetzt rechtlich der Vogtei unterstand, war die zugige, möblierte Mansarde in der Innenstadt besser als gar nichts und allemal besser, als irgendwo in einem Dorf aufzufallen. Schon jetzt waren die Fahrräder ausverkauft, und Hedy hatte ein paar Klappergäule ausgemacht, vor schäbige alte edwardianische Karren gespannt, auf denen die Einheimischen Obst und Gemüse transportierten. Auf diese Weise kehrten dampfende Pferdeäpfel auf die modernen asphaltierten Straßen zurück. Nicht lange, dachte Hedy, und die Straßen von Jersey würden so klingen und riechen wie die Straßen ihrer Kindheit.
Sie sah auf die Uhr; es war Viertel nach neun durch, noch gerade rechtzeitig, um sich vor ihrem Termin neue Strümpfe zu kaufen. Am Morgen hatte sie, mit einer Zeitung bewaffnet, Hemingway durch die Wohnung gescheucht, nachdem er ihr an ihrem letzten Paar eine Laufmasche gezogen hatte, und gebrüllt, sie wünschte, ihn zurückgelassen zu haben. Nackte Beine kamen nicht infrage, schon gar nicht an diesem Tag, wo es darauf ankam, so gut wie möglich auszusehen und sich auch so zu fühlen. Auf ihrem Weg zum Kaufhaus De Gruchy überholte sie mehrere Hausfrauen, alle mit demselben Gesichtsausdruck – wachsam, jeden Moment auf Ärger gefasst. Immer wenn sie an Gruppen scherzender deutscher Soldaten vorbeikamen, beschleunigten sie alle ihre Schritte, wenn auch nicht zu sehr, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, vor dem Feind wegzulaufen und sich somit verdächtig zu machen. Inzwischen tummelten sich jede Menge Soldaten in der Stadt, man sah sie beim Schaufensterbummel oder beim Spaziergang in den Parks. Hedy fragte sich, wie das Reich all die Schiffe erübrigen konnte, um sie herzuschaffen. Nachdem sie um eine lärmende Gruppe einfacher Soldaten, die über einer Zigarette zusammenstanden und sich auf die Schulter klopften, einen großen Bogen gemacht und auf die andere Straßenseite gewechselt war, erreichte sie das Kaufhaus, öffnete die schwere Glastür und begab sich zwischen verschiedenen eleganten Theken in die Strumpfwarenabteilung.
»Verzeihung«, sagte Hedy und versuchte, ihren Akzent so gut wie möglich zu verdecken, ohne dass es aufgesetzt klang, »ich hätte gern ein paar Strümpfe.«
Die Verkäuferin, eine Frau zwischen vierzig und fünfzig, das Haar zu einem Dutt aufgesteckt, neigte den Kopf. »Tut mir leid, Madam, alles ausverkauft.«
Ein Blick auf die Schubfächer unter der Glasplatte bestätigte Hedy, was sie sagte. »Und Sie haben auch nichts mehr im Lager?« Aus Sorge, dass dieser vorhersehbare Schachzug nach hinten losgehen könnte, lächelte sie freundlich, doch die Frau schüttelte nur den Kopf.
»Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen.« Dann lehnte sie sich in einer verschwörerischen Geste über die Theke, sodass Hedy ihr süßliches Parfüm in die Nase stieg, und flüsterte: »Daran sind die schuld. Kommen hier harmlos und freundlich rein, aber dann! Fallen wie die Heuschrecken über die Waren her und schicken alles an ihre Familien, verstehen Sie, weil bei denen schon seit Monaten alles leergefegt ist. Wintermäntel, Küchenutensilien, Stoffe, einfach alles. Wenn Sie diese Woche Käse kaufen wollen? Fehlanzeige, nicht für Geld und gute Worte.«
Auch Hedy senkte die Stimme. »Können Sie sich nicht weigern, sie zu bedienen?«
»Nee! Da kommt doch gestern dieser Kommisstyp herein und sagt, wenn wir das machen, stecken sie unsere Abteilungsleiter ins Gefängnis. Aber wo sollen die neuen Waren herkommen, frage ich Sie? Haben Sie gesehen, wie die diese Woche unten im Hafen unsere sämtlichen Jersey-Royal-Kartoffeln nach Frankreich verschifft haben? Und was bitte schön essen wir? Ich sag Ihnen mal was …« Von einer plötzlichen Eingebung offenbar beflügelt, hellte sich die Miene der Frau auf, während sie noch leiser weitersprach: »Sie können die Strümpfe haben, die ich gerade trage, wenn Sie mir bis heute Abend ein paar Schweinekoteletts besorgen können. Der alte Herr hat Geburtstag, und ich hab nichts weiter für ihn als einen Rest Kutteln.«
War schon die Vorstellung, die getragenen Strümpfe einer fremden Frau anzuziehen, unangenehm, umso mehr noch die Einsicht, dass sie sich auf diesen Handel nicht einlassen konnte, selbst wenn sie wollte. Erst am Morgen hatte sie beim Metzger am Ende der Straße das Schild im Fenster gesehen: Nur für Stammkunden. Für Freunde und bevorzugte Kunden war zweifellos noch das eine oder andere zu haben, aber Hedy verfügte über keine solchen Beziehungen. Sie sah, wie sich ihre Zukunft in endlosem Schlangestehen hinziehen würde und sie selbst sich immer ganz hinten anstellen müsste, wo es nur noch zu holen gab, was sonst keiner wollte.
»Danke. Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich werde es woanders versuchen.«
Mit ihrem Achselzucken gab die Verkäuferin Hedy zu verstehen, dass sie damit nur ihre Zeit vergeude. Womit sie recht behalten sollte. Bei Voisins, dem Kurzwarenhändler am anderen Ende der Stadt, selbst in dem seltsamen kleinen Laden hinter dem Markt, in dem alte Damen ihre Latzschürzen und Flanellnachthemden kauften, überall bekam sie dieselbe Geschichte zu hören. Um zehn vor zehn gab Hedy sich geschlagen und machte sich mit immer noch nackten Beinen und der missbilligenden Stimme ihrer Mutter im Ohr, die ihr sagte, gute Mädchen gingen niemals so vor die Tür, auf den Weg zu ihrem Termin.
Kaum bog sie auf den Royal Square ab, auf dessen rosafarbenem Granitpflaster immer noch das riesige weiße Kreuz von ihrer Unterwerfung kündete, sah sie die Menschenmenge, eine chaotische Schlange von Männern, die in Zweier- und Dreier-Reihen dicht an dicht bis um die Ecke in die Church Street reichte. Alle traten von einem Bein aufs andere und murmelten sich hinter der Hand Flüche zu, während sie auf Einlass in das improvisierte Meldeamt in der Bibliothek warteten. Die Registrierung, stellte Hedy fest, betraf männliche Anwohner zwischen achtzehn und fünfundfünfzig Jahren – ein Beispiel für die Vorliebe der Nazis, Listen zu führen, zu klassifizieren und zu zählen und so die Grundlagen für eine spätere Identifizierung zu schaffen. Von jetzt an war es für die Besatzer ein Kinderspiel, die Bürger von Jersey nach Belieben auszuwählen, zu sammeln und zu verteilen. Wie hieß es bei den Insulanern noch mal? So leicht, wie einen Fisch im Fass an den Haken zu bekommen. Wieder blies der Wind, und sie zitterte.
Irgendwo mitten in der Menschenmenge machte sich die Wut in Rufen Luft. Hedy reckte den Hals und sah, wie dort ein junger Mann mit flacher Mütze heftig gestikulierend zwei deutschen Soldaten zurief, sie hätten kein Recht, gesetzestreue Bürger so zu behandeln. Als sie sah, wie die Soldaten den Mann abführten, trommelte ihr das Herz in der Brust, und für einen Moment schloss sie die Augen. Dann strich sie sich das Kleid glatt, machte kehrt und ging, ohne einen Blick zurück, wieder ihres Wegs. Am anderen Ende des Platzes bog sie in die Hill Street ein und begab sich hocherhobenen Hauptes und zügigen Schritts ins Ausländermeldeamt.
*
Leutnant Kurt Neumann ließ seinen Seesack auf den gebohnerten Boden seines neuen Quartiers fallen und trat geradewegs an die Glastür am Ende des sonnigen Zimmers. Unwillkürlich verzog er das Gesicht zu einem breiten Grinsen, wie ein Kind bei seinem ersten Kirmesbesuch. Welch ein Blick! Hätte er doch nur eine Kamera! Der Garten war prächtig. Weiß blühende Rosen und exotische Ziersträucher säumten einen makellosen Rasen. Am Ende befand sich ein schmiedeeisernes Tor und dahinter – das Meer. Oder, so wie es in seinem neuen Wörterbuch stand, die seaside. Das hier war nicht die See, an die Kurt gewöhnt war, diese furchterregend aufgewühlte endlose Weite, die Schiffe zu verschlucken und Soldaten in die Tiefe zu ziehen drohte. Das hier war eine Fläche aus glitzerndem Saphir, die an einen Strand aus hellgelbem Sand und wogendem schwarzem Seetang plätscherte. Dieses Meer lockte einen, sich die Stiefel auszuziehen und barfuß am weichen, einladenden Ufer entlangzulaufen. Hätte er nicht in zehn Minuten eine Einsatzbesprechung, hätte Kurt genau das getan, jetzt sofort. Vor Staunen und Dankbarkeit über diesen Posten schüttelte er den Kopf.
Der Unterfeldwebel, der sie kurz nach dem Morgengrauen am Hafen abgeholt hatte, hatte sich erboten, sie erst einmal auf der Insel herumzuführen, bevor er die Offiziere an ihrem jeweiligen Quartier absetzte. Auf dem Rücksitz des blitzenden Morris Eight-Cabriolets breitete Kurts Sitznachbar, ein gewisser Leutnant Fischer, der mit Stolz dreimal erwähnte, er komme aus München, eine Karte über den Knien aus und bombardierte ihren Fahrer mit Fragen zur geografischen Lage und den Plänen zu den Befestigungsanlagen. Kurt hingegen lehnte sich, abgesehen von gelegentlichem Nicken und gespieltem Interesse an derlei Informationen, einfach nur auf dem Ledersitz zurück und sah sich um. Die Arbeit konnte warten. Im Moment hatte er nur den einen Wunsch: alles in sich aufzusaugen. Die Insel, so schien es, war im Prinzip ein Rechteck. Zuerst fuhren sie die Bucht von St. Aubin an der Südseite entlang, an dem malerischen kleinen Granithafen mit seinen schaukelnden Fischerboten vorbei und über den Hügel nach St. Brelade, wo sich die saftig grüne Vegetation bis zur weißen Sandbucht hinzog. Die Straße führte zum westlichen Ende mit dem breiten Strand und den gewellten Dünen, von dort aus sechs Meilen die Nordküste entlang, mit majestätischen Klippen und blaugrünem Wasser in märchenhaften Buchten. An der Ostseite legte die Ebbe die terracottafarbene Mondlandschaft der nackten Felsenküste bloß, und dort ragte die prächtige, jahrhundertealte Festung Mont Orgueil in den Himmel. Bei jeder Kurve der gewundenen Straßen, in jeder Senke und unter jedem Überhang smaragdgrün belaubter Zweige war Kurt hellauf entzückt. Doch inzwischen sahen Fischer und die anderen Offiziere auf die Uhr, murmelten etwas davon, ihre Quartiere zu finden und sich zur Stelle zu melden. Kurt nickte, während er insgeheim nur daran dachte, nach dem Krieg mit seinem alten Freund Helmut hierher zurückzukehren. Offenbar gab es Pläne, die Kanalinseln, wenn das alles hier vorüber war, in eine Art Luxus-Urlaubsort für das Militär zu verwandeln. Dann könnte er in einem dieser großen Hotels an der Esplanade die Bars unsicher machen und Mädchen kennenlernen. Es würde eine fantastische Zeit werden.
Bei seinem Quartier handelte es sich um eine hübsche Doppelhaushälfte in Pontac Common, einem Viertel im Osten der Stadt. Die früheren Eigentümer hatten ihr Heim geschmackvoll in dezenten floralen Mustern tapeziert, und es duftete angenehm nach Möbelpolitur und Lavendel. Als Kurt in den Garten trat und den Blick zum Meer schweifen ließ, flog ihn der Gedanke an, wohin es sie wohl verschlagen hatte. Trotz des frischen Winds wärmte ihm die spätsommerliche Sonne das Gesicht, und in den Blumenbeeten summten noch die Bienen. Fischer, der ihm als Zimmergenosse zugeteilt war, kam durch die Gartentür zu ihm heraus und bewunderte lächelnd die Aussicht.
»Hier lässt sich’s leben, was?«
»Wunderschön«, erwiderte Kurt.
»Gibt allerdings viel auszumisten, ich meine, als Besatzungsmacht.«
»Tatsächlich?« Erst jetzt stellte Kurt fest, dass Fischer ein Infanterie-Sturmabzeichen sowie eine Nahkampfspange trug.
»Richtlinie aus Berlin zum Umgang mit der Bevölkerung.« Fischer rümpfte die Nase und trat auf dem Rasen eine Zigarillo aus. »In den ersten Wochen wurde ein bisschen zu eng mit der hiesigen Regierung kooperiert – wenn Sie mich fragen, sendet man damit eine falsche Botschaft aus.« Kurt nickte, ohne recht zu verstehen. »Offenbar haben sie noch nicht mal die Judenschweine verhaftet.«
Kurt ahnte, dass der angenehme Teil des Tages wohl vorbei war, und nahm noch einen tiefen Zug von seiner Zigarette. »Und das ändert sich jetzt?«
»Sie werden diese Woche registriert. Dann sieht man weiter.« Fischer pumpte sich die Lunge mit Seeluft voll. »Ja, ich glaube, aus diesen Inseln lässt sich was machen.«
*
Hedy sah zu, wie es sich Clifford Orange, der Leiter des Ausländermeldeamts von Jersey, hinter seinem Schreibtisch bequem machte und genussvoll mit beiden Händen über die solide, glatte Oberfläche strich. Der Mann in mittlerem Alter hatte gerötete Wangen mit schuppiger Haut und trug, zum Ausgleich für das schüttere Haupthaar, einen kleinen Lippenbart. Seine Augenbrauen waren so buschig, dass es aussah, als könnten sie jeden Moment zum Leben erwachen und davonkriechen.
Der Kronleuchter an der Decke war viel zu groß für den Raum; die Sonne schien zum Fenster herein und spiegelte sich im gebohnerten Boden. Durch die Scheiben konnte Hedy die Friedhofsbäume sehen. Sie nahm auf dem gepolsterten Stuhl Orange gegenüber Platz und faltete zum Zeichen ihrer Fügsamkeit die Hände auf ihrer Handtasche im Schoß.
Sie rang sich ein Lächeln ab, doch da hatte sich Orange schon in die ihm vorgelegte Akte vertieft.
»Also, Miss Bercu. Nur um mein Gedächtnis aufzufrischen. Sie sind einundzwanzig Jahre alt und seit dem 15. November 1938 hier, derzeit wohnhaft in der New Street Nr. 28, richtig?«
»Das ist richtig. Die oberste Wohnung.«
Er musterte sie mit überraschter Miene, und Hedy konnte nur vermuten, dass er über ihr Englisch staunte. Hatte er mit unartikuliertem Stammeln gerechnet?
»Sie kamen mit einem britischen Visum auf den Namen Hedwig Bercu-Goldenberg, einem letzten September in Wien ausgestellten Reisepass und einer im Mai 1937 in Wien ausgefertigten Registrierungskarte auf den Namen Hedwig Goldenberg, mit rumänischer Staatsangehörigkeit.« Er legte das Dokument weg und sah sie an. »Können Sie mir die Differenzen in den Namensangaben erklären?«
»Wie ich bereits sagte, ist Bercu der Name meines Stiefvaters und Goldenberg der Name meiner Mutter.«
»Ihres Stiefvaters?«
»Ich weiß nicht, wer mein leiblicher Vater war. Nach meiner Geburt heiratete meine Mutter einen Rumänen, und ich bekam seinen Namen.« Hedy schluckte, als sie fertig war, und war sich unangenehm der Schweißtropfen auf ihrer Oberlippe bewusst. Sie hatte die Geschichte wohl ein Dutzend Mal mit Anton geprobt, doch sie in dieser amtlichen Umgebung laut zu wiederholen, fühlte sich anders an. Orange zückte seinen Füllfederhalter und notierte in einer peniblen Handschrift etwas in dem Dokument. »Da Goldenberg ein jüdischer Name ist, sind Sie de facto Jüdin?«
»Nein.«
Orange schraubte die Hülle wieder auf und legte das Schreibutensil genau parallel zum Löscher ab. »Sie sind nicht Jüdin?«
»Ich wurde als Protestantin erzogen. Mein Stiefvater ist Jude, und meine Mutter hat bei ihrer Heirat seine Religion angenommen, aber ich habe kein jüdisches Blut in mir.« Hedy versuchte wieder zu lächeln, diesmal vergebens. Von all den Lügen, die sie ihm auftischte, bekam sie einen so trockenen Mund, als hätte sie ihn mit Wattebäuschen vollgestopft.
Orange sah sie sich genau an, und Hedy merkte, wie sein Blick bei ihrem Haar verweilte, das sie zu der heutigen Befragung eigens aufgesteckt hatte. Sie wusste, dass die dunkelblonde Farbe, die sie der großmütterlichen Seite ihrer Familie verdankte, heute ihr entscheidendes Alibi war, erst recht für jemanden wie Orange, der Juden wahrscheinlich nur von Bildern in Büchern kannte. Doch jetzt schien er zu überlegen, ob es echt war. Vielleicht hatte man ihm erzählt, alle jüdischen Frauen trügen Perücken.
»Sie behaupten also, Ihre Mutter, namens Goldenberg, sei in Wahrheit Protestantin?«
»Ja.« Jetzt krallte sie ihre Handtasche so fest, als könne sie ihr jeden Moment vom Schoß fliegen.
Orange stand auf, ging zum Fenster und blickte – zweifellos, um sich den Anschein scharfsichtiger Erwägung zu geben – auf den normannischen Kirchturm hinaus.
»Sehen Sie, Miss Bercu, ich befinde mich da in einer überaus heiklen Lage. Sie wissen sicher um das schwierige Verhältnis zwischen den Verwaltungsorganen von Jersey und der neuen deutschen Feldkommandantur?«
»Nicht so ganz.«
Orange drehte sich wieder zu ihr um. Er strich sich mit Daumen und Zeigefinger das Lippenbärtchen glatt. »Es erfordert ein Höchstmaß an Feingefühl. Die Zivilverwaltung von Jersey bleibt zwar einerseits bestehen, andererseits müssen wir nunmehr die Befehle unserer neuen Herren berücksichtigen und befolgen. Und die Deutschen haben uns ersucht, die auf den Kanalinseln lebenden Juden gesondert von der übrigen Bevölkerung zu registrieren. Es wäre also ein Pflichtversäumnis meinerseits, einen Juden oder eine Jüdin nicht der deutschen Feldkommandantur zu melden.«
Hedy versuchte, sich lautlos zu räuspern, bevor sie antwortete. »Aber ich bin doch gar keine Jüdin.«
Er seufzte, so eben laut genug, dass sie es hören musste. »Nehmen Sie’s mir nicht übel, aber Ihre Erklärung angesichts der vorliegenden Dokumente überzeugt mich nicht. Wenn Sie Ihre Herkunft irgendwie belegen könnten …«
»Wieso muss ich denn einen Beweis erbringen? Ist es nicht an Ihnen oder an den Deutschen, zu beweisen, dass ich Jüdin bin, wenn Sie mir nicht glauben?« Sie verstummte und biss sich auf die Lippe; wie sehr hatte ihr Anton eingeschärft, zu beschwichtigen statt zu provozieren. Orange funkelte sie an und kehrte, wie um die Sache abzuschließen, zu seinem Stuhl zurück. »Ganz im Gegenteil«, erwiderte er. »Der Feldkommandant hat uns ausdrücklich angewiesen, in zweifelhaften Fällen die fragliche Person vorsichtshalber als Jude zu klassifizieren.«
Hedy holte tief Luft. Sie spürte, dass ihr höchstens noch Sekunden blieben. »Mr Orange …« Sie sprach das »g« bewusst sehr weich aus, wie die Franzosen. »Ich habe in Wien gesehen, wie die Deutschen die Juden behandeln. Wenn Sie mich als Jüdin registrieren, stehe ich ab sofort unter ständiger Beobachtung. Ich könnte ins Gefängnis kommen, wenn nicht schlimmer. Sie brächten mich in große Gefahr.«
Orange sah sie missbilligend an, wie ein Vater sein ungezogenes Kind. »Gegen Juden wurden bisher keinerlei aktive Maßnahmen ergriffen.«
»Was nicht heißt, dass sie keine planen.«
»Wieso haben Sie sich nicht evakuieren lassen, wenn Sie vor den Deutschen solche Angst haben?«
»Das hätte ich, hätte England meinen gegenwärtigen Visumsstatus akzeptiert.« Sie tupfte sich mit dem Handrücken über die Oberlippe. »Wenn Sie die Information weitergeben, die Sie heute von mir bekommen haben, werden die Deutschen sich auf Ihr Wort verlassen und meinen Rassenstatus für den Rest des Krieges nicht in Zweifel ziehen.« Sie sah ihm gerade in die Augen, ein letzter Appell. Oranges Blick wechselte von ihrem Gesicht zu den Papieren und zurück. Dann schloss er die Akte.
»Tut mir leid, Miss Bercu, aber nach allem, was mir vorliegt, würde es gegen die Bestimmungen verstoßen, Sie nicht als Jüdin rumänischer Herkunft zu klassifizieren. Wenn ich diese Vorschriften umginge und die Deutschen zu irgendeinem späteren Zeitpunkt dahinterkämen, könnte ich nicht nur meine eigene Stellung gefährden, sondern auch die Kooperationsbasis zwischen der Verwaltung von Jersey und unseren Besatzern, von der die Sicherheit der Insel abhängt. Das werden Sie verstehen.« Sie starrte ihn nur weiter an, und Orange, jetzt sichtlich nervös, plapperte in aufgesetzter Heiterkeit weiter, während er in seinen Papieren blätterte.
»Sie haben wirklich nichts zu befürchten, wissen Sie? Sollte es in Ihrem Land zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein, so ist die Registrierung hier reine Formsache und nur dem bürokratischen Eifer der Deutschen zuzuschreiben. Wir hier in der Verwaltung haben festgestellt, dass die meisten von ihnen ganz und gar vernünftig und umgänglich sind. Wir müssen uns nur einfach auf absehbare Zeit an ihre Regeln halten.« Sie wusste, dass er darauf wartete, dass sie sich erhob, doch Hedy blieb sitzen, als brauche sie sich nur zu weigern, diesen Stuhl aufzugeben, um den Lauf ihres Schicksals zu ändern. »Ich denke, damit wäre alles geklärt.«
Es war vorbei. Mühsam kam Hedy auf die Beine und versuchte, in ihrer neuen Lage das Gleichgewicht zu finden. Ihr Schicksal war soeben besiegelt, ihr Leben auf den Kopf gestellt worden. Mit einem Federstrich. Sie sah sich um, nahm jetzt andere Gegenstände in der Amtsstube wahr – die Banker-Lampe mit Messingfuß im perfekten Fünfundvierzig-Grad-Winkel, die in einer sauberen Linie alphabetisch aufgereihten Bände zum Gesetz von Jersey. Und in der hintersten, dunkelsten Ecke ein Globus auf einem Ständer, auf dem sich eine feine Staubschicht gesammelt hatte – seit Monaten nicht mehr gedreht. Sie hatte von vornherein keine Chance gehabt.
Orange hielt ihr zum Abschied die Hand hin. »Auf Wiedersehen, Miss Bercu.«
Hedy starrte auf die Hand, ohne sich zu rühren, und sah ihm ins Gesicht.
»Sie können mich mal.«
Sie machte kehrt und ging.
1941
Die Bucht von St. Ouen an der Westküste war der wildeste, spektakulärste Ort auf der Insel. Fünf Meilen unberührter Sandstrand formten einen vollendeten Bogen, in dem sich die schaumgekrönten Wellen austobten, die mit der geballten Kraft vorrückender Panzer vom Atlantik hereinbrachen. Die Bucht wurde nur an ihren Enden von Felsnasen unterbrochen und, eine halbe Meile vorgelagert, vom La Rocco Tower, einem kleinen Trutzbau aus den Tagen Napoleons, der sich bis jetzt gegen die starken Strömungen behauptet hatte. Hedy mochte den kleinen Turm. Er war ihr liebstes Ausflugsziel, auch wenn der bitterkalte Wind durch den schütteren Stoff ihres alten Wollmantels blies. Zu allem Überfluss hatte die Sohle ihres linken Schnürschuhs – ihres einzigen verbliebenen Schuhpaars – begonnen, sich vom Leder zu lösen.
Der Frühling ließ dieses Jahr auf sich warten. Die Sonne, die längst die Erde erwärmen und die Blumen und Tomaten zu früher Reife bringen sowie den Kartoffeln der Insel ihr unverwechselbares, nussiges Aroma verleihen sollte, schimmerte wässrig blass. Hedy lief den Pfad zwischen den schneidenden Seegrashalmen hindurch und spürte, wie ihr der eindringende Sand zwischen den Zehen rieb. Hinter der Weite des Strands gingen die gewellten Dünen in die sanften Hänge des angrenzenden Ackerlands über. Falls es zu einem Gegenangriff der Alliierten käme, dann zweifellos von hier. Kein Wunder, dass diese Bucht Hitler zur Obsession geworden war und er mit Stahl und Beton alles daransetzte, seinen geliebten Atlantikwall gegen eine Streitmacht zu verstärken, die nicht lange auf sich warten lassen würde. Als der Boden unter Hedys Füßen leicht vibrierte, drehte sie sich um und sah, wie sich eine graugrüne Lkw-Kolonne langsam die Grande Route de Mielle entlangwälzte, die unter der Tonnenlast von Metall und Beton ächzte. Quer über die gesamte Küste wurden Minen gelegt, und von La Pulente im Süden bis nach Grosnez im Norden schossen neue Verteidigungsanlagen wie Pilze aus dem Boden, klotzige graue Türme, mit dunklen Schießscharten versehen, plumpe Betonbunker und Geschützstellungen. St. Ouen würde nie wieder so aussehen wie früher.
Der Bus zur Stadt zurück startete fahrplanmäßig in zwanzig Minuten. Hedy überlegte, ob sie noch bis zum Le Braye Slip hinüberschlendern sollte, entschied sich aber dagegen; heute fuhr nur dieser eine Bus, und wenn sie den verpasste, hätte sie weder die Energie, einen Sprint einzulegen, um ihn einzuholen, noch, um die vier Meilen in die Stadt zu Fuß zurückzulegen. In den letzten Monaten hatte sie begriffen, wie wichtig Fett in der menschlichen Ernährung war und was passierte, wenn es fehlte. Zitternd steckte sie die Hände in die Manteltaschen, trottete zur Bushaltestelle, sank dankbar auf die Steinbank und wartete, bis sie wieder normal durchatmen konnte. Da entdeckte sie hinter der Bank im Gras die gestrige Ausgabe der Evening Post.
Erstaunt sah sich Hedy um und rechnete halb damit, dass jemand erschien und sie für sich reklamierte. Zeitungspapier diente als Feueranzünder ebenso wie zum Stopfen zugiger Ritzen oder zum Fensterputzen – unverzeihlich, eine ganze Ausgabe einfach liegenzulassen. Der Eigentümer würde sich über den Verlust ärgern. Über ihren Schatz hocherfreut, blätterte Hedy durch die acht zweisprachigen Seiten voller als Nachrichten getarnter Verordnungen und Propaganda. Später würde sie sich einen Spaß daraus machen, die Spalten nach Übersetzungsfehlern zu durchforsten, welche die ansässigen Herausgeber absichtlich stehenließen, um ihre Leser wissen zu lassen, welche der Artikel diktiert worden waren. Auch die Tauschbörsen-Spalten würde sie lesen, selbst wenn sie längst alles, was irgendeinen Wert besaß und wovon sie sich trennen konnte, veräußert hatte.
Beim Lesen sprang ihr die Überschrift auf Seite drei ins Auge: »DRITTE VERORDNUNG zu Maßnahmen gegen Juden«. Genau dieselbe Bekanntmachung hatten sie letzte Woche schon gebracht. Hedy hatte nicht die geringste Lust, sie noch einmal zu lesen, und versuchte weiterzublättern, erlag jedoch der selbstquälerischen Faszination.
JUDEN
… sind Tätigkeiten in folgenden Wirtschaftszweigen verboten:
(a) GROSS-EINZELHANDEL
(b) BEWIRTUNGSGEWERBE
(c) VERSICHERUNG
(d) SCHIFFFAHRT
(e) LIEFER- UND LAGERDIENSTE
(f) REISEBÜROS, AUSFLUGSORGANISATION
(g) FÜHRUNGEN
(h) TRANSPORTUNTERNEHMEN JEGLICHER ART, EINSCHLIESSLICH VERLEIH VON MOTOR- UND ANDEREN FAHRZEUGEN
(i) BANK- UND WÄHRUNGSGESCHÄFTE
Die Liste reichte bis an den unteren Rand, doch Hedy faltete die Zeitung wieder zusammen und steckte sie in die Innentasche ihres Mantels. So traurig es auch war, diese letzte Verordnung machte für sie keinen Unterschied. Aus Angst, die Deutschen gegen sich aufzubringen, würde sowieso niemand eine Jüdin einstellen. Zuletzt war es dem Schuldirektor sogar zu riskant geworden, sie weiter als Putzhilfe zu beschäftigen, und so hatte er sie mit einem lahmen Verweis auf den nicht zufriedenstellenden Zustand der Toiletten und ihrem letzten Wochenlohn entlassen. Seit drei Monaten lebte sie daher nun schon von ihren dürftigen Ersparnissen und der Wohltätigkeit von Anton, der jede verbrannte Kruste in der Bäckerei für sie zurücklegte und ihr oft auch noch ein paar Pennys für Lebensmittelrationen zusteckte. Doch als sie sich an diesem Morgen für ihren Spaziergang eingemummelt hatte, war ihr nicht entgangen, wie ihr die Kleider am Leib schlotterten und ihre einst rosige, schimmernde Haut trocken und blässlich geworden war. So also, dachte sie immer öfter, würde es mit ihr enden. Die Deutschen würden sie nun doch nicht erschießen. Sie würden sie einfach verhungern lassen.
Der Bus traf, voll besetzt, ein. Hedy legte ihr abgezähltes Fahrgeld hin, wand sich zwischen den Fahrgästen hindurch und fand einen Sitz ganz hinten. Hier konnte sie den Ausblick genießen, ohne sich in eine Unterhaltung ziehen zu lassen. Zu oft hatte sie erlebt, wie die Leute zurückschreckten, sobald sie ihren Akzent wahrnahmen, und sie für eine deutsche Sekretärin oder gar Spionin hielten. In diesen Tagen war es das Beste, sich unsichtbar zu machen und zu schweigen. Der Bus fuhr los, arbeitete sich die Hänge hinauf, und Hedy reckte den Kopf, um zu beobachten, wie der La Rocco Tower im Rückfenster verschwand und das Wasser um die Felsen zu seinen Füßen strudelte.
Wenigstens gab es etwas, worauf sie sich für diesen Abend freuen konnte. Anton hatte ihr einen Besuch im West’s-Kino spendiert, in dem Der Zauberer von Oz lief, und obwohl sie die Vorstellung schon sechs Mal gesehen hatte, seit das Kino den Film letztes Jahr ins Programm aufgenommen und seither nichts Neues anzubieten hatte, war es eine willkommene Abwechslung von den Abenden allein in ihrer Wohnung. Anfangs hatten sie im Kino in der Pause noch Becher mit Kakao verkauft, doch schon lange war ein solcher Luxus nicht mehr zu haben. Allein bei der Erinnerung lief ihr das Wasser im Mund zusammen, und so zwang sie sich für den Rest der Fahrt, die Transportwagen mit Soldaten auf der Straße vor ihr zu zählen. An Essen zu denken brachte nichts als Unbehagen.
An der Weighbridge stieg sie aus und lief zum Kino hinüber, vor dem sich die Warteschlange ein gutes Stück die Straße hinunter fortsetzte. Hierher kamen nur Inselbewohner, die Deutschen zogen Filme in ihrer eigenen Sprache im Forum-Kino vor, auch wenn die Geheime Feldpolizei ab und zu auch hier einen Spion vorbeischickte, um die Situation im Auge zu behalten. Hedy suchte die Schlange nach Anton ab und glaubte einen Moment lang, vor ihm da zu sein. Doch dann sah sie ihn. Etwa in der Mitte der Schlange, das sonst zerzauste Haar leidlich glatt zurückgekämmt; dicht neben ihm stand eine Frau, ein wenig älter als sie selbst, mit einem blassen ovalen Gesicht und hellblauen Augen. Ihr schwarzes Haar, zu einer hausgemachten Version eines Greer-Garson-Schnitts frisiert, ließ sie jünger als ihre wohl um die dreißig Jahre aussehen, und ein wenig verletzlich. Sie und Anton hatten einander eingehakt, und Anton lachte über etwas, das sie gerade sagte – ein glucksendes Lachen, wie es Hedy schon eine ganze Weile nicht mehr bei ihm gehört hatte. Hedys Neugier war geweckt. Schon oft hatte sie beobachtet, wie Anton in Parks und Cafés hübschen Mädchen hinterherstarrte und dabei errötete, doch noch nie hatte er den Mut aufgebracht, eines davon auszuführen. Hedy lief ein Stück in ihre Richtung und blieb stehen.
Anton strahlte und holte tief Luft, so wie er es immer tat, bevor er Englisch sprach. »Hedy, das ist Dorothea. Wir haben uns letzte Woche in der Bäckerei kennengelernt.«
Dorothea ignorierte Hedys ausgestreckte Hand und stürzte gleich auf sie zu, um ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken. »Anton hat mir schon so viel über dich erzählt«, sprudelte sie. »Ich weiß, dass ihr dicke Freunde seid. Es wäre schön, wenn auch wir Freunde werden könnten.«
Die Frau hatte, wie Hedy bemerkte, die Fingernägel bis aufs Fleisch abgekaut, und sie bewegte sich so flatterhaft wie ein Vogelküken. Doch das Auffälligste an ihr war der überaus starke Jersey-Akzent, ein näselnder Tonfall, mit dem Hedy sich inzwischen vertraut gemacht hatte. Über seine Wahl eines Mädchens von hier erstaunt, warf Hedy Anton einen Blick zu. Dann lächelte sie Dorothea an. »Mir gefällt deine Frisur.«
Vor Freude über das Kompliment wurde Dorothea rot. »Danke, das hat meine Mutter geschnitten. So ist es pflegeleichter, wo es doch kein Haarwaschmittel gibt.« Unwillkürlich berührte Hedy ihre Locken, die trocken und spröde waren. »Bist du auch aus Wien?«
»Ja, aber ursprünglich aus Rumänien.«
»Und du bist Jüdin?«
Hedy machte einen kleinen Schritt zurück. Ihr vorwurfsvoller Blick richtete sich auf Anton, aber zu ihrer Verärgerung hatte der nur Augen für Dorothea. Hedy warf einen vielsagenden Blick auf die Schlange, um der jungen Frau klarzumachen, dass dies kein Thema war, worüber man in der Öffentlichkeit redete. Schließlich antwortete sie leise: »Ich bin als Jüdin gemeldet, ja.«
Dorothea, der Hedys Missbehagen offensichtlich entging, schüttelte mitfühlend den Kopf. »Ich finde es schrecklich, wie die euch behandeln. Keine Ahnung, wieso Hitler Juden so hasst. Wie sollt ihr klarkommen, wenn ihr nicht arbeiten dürft?« Mit einem Mal war sich Hedy ihres fadenscheinigen Mantels und ihres offenen Schuhwerks bewusst. Aber in dem Moment ging ein Strahlen über Dorotheas Gesicht, als sei ihr gerade ein Gedanke gekommen. »Hör mal, ich hab da neulich was gesehen – eine Anzeige für Übersetzer.«
»Übersetzer?« Hedy starrte sie begriffsstutzig an.
»Dieses neue Lager, das die Deutschen in Millbrook bauen? Offenbar suchen sie da Leute, die Englisch und Deutsch können, für ihre Büros. Da solltest du dich bewerben. Dein Englisch ist fantastisch!«, fügte sie mit einem strahlenden Lächeln hinzu.
Hedy blieb der Mund offen stehen, sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie wartete auf eine Reaktion von Anton, der jedoch, nachdem er endlich begriffen hatte, was für ein Sturm sich da zusammenbraute, plötzlich in den Anblick seiner Füße versunken war. Es herrschte gedehntes Schweigen zwischen ihnen, bis sich Hedy räusperte und betont langsam sagte: »Du schlägst allen Ernstes vor, dass ich mich als Jüdin für eine Anstellung in einem deutschen Büro bewerbe?«
»Die suchen wahrscheinlich verzweifelt nach Leuten«, erwiderte Dorothea in einem Ton, als sei dies ein Kompliment. »Es gibt hier schließlich nicht viele, die Deutsch sprechen – ist ja schließlich eine schwierige Sprache. Außerdem stellen sie in der Anzeige eine gute Bezahlung in Aussicht.«
In diesem Moment machte ein Junge in einer viel zu großen rotbraunen Uniform schwungvoll die Türen auf, und Anton trat vor.
»Sagtest du nicht, du müsstest vorher noch mal auf die Toilette, Dory? Geh ruhig, ich besorge derweil die Eintrittskarten.«
