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Giorgia ist wieder ganz sie selbst. Nur manchmal macht sie Fehler, merkwürdige Dinge, die nicht im Skript stehen. Vielleicht müssen wir sie doch noch einmal schreiben … Ein abgründiger Roman über brüchige Identitäten, männlichen Größenwahn und die durchlässige Grenze zwischen Liebe und Manipulation. Mit Mitte dreißig sind die Träume grau geworden, das Geld ist immer knapp. Giorgia jobbt an der Supermarktkasse, Filippo führt widerwillig die Bar der Eltern. Ihre Beziehung hält ein prekäres Gleichgewicht – bis Giorgia den Regisseur Mauro wiedertrifft. Mauro will sie unbedingt zurück auf die Bühne holen. Er weiß, dass Giorgia in ihren Rollen nachgerade aufgeht. Giorgia hingegen weiß um die dunkle Seite ihres Talents: wie die Rolle Besitz von ihr ergreift, bis die Grenzen ihres Selbst sich auflösen. Doch sie gibt der Versuchung nach – mit katastrophalen Folgen. Bei der Premiere bricht Giorgia zusammen. Um sie zu retten, entwerfen Mauro und Filippo einen irrwitzigen Plan. Die beiden Männer schreiben Giorgia buchstäblich die Rolle ihres Lebens auf den Leib; ein Skript, das sie in die Wirklichkeit zurückführen soll … Claudia Petruccis geschickt konstruierte Dreiecksgeschichte um eine schillernde, immer rätselhaftere Protagonistin lässt nach und nach alle Gewissheiten schwinden.
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Aus dem Italienischen von Mirjam Bitter
Die italienische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel L’esercizio bei La nave di Teseo in Mailand.
Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo per la traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.
Dieses Buch konnte dank einer Förderung des italienischen Außenministeriums übersetzt werden.
E-Book-Ausgabe 2022
© 2020 Claudia Petrucci
Published by arrangement with The Italian Literary Agency
© 2022 für die deutsche Ausgabe:
Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin
Covergestaltung Julie August unter Verwendung der Fotografie »The unwanted Guest« © Anna di Prospero.
Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.
Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.
ISBN: 9783803143334
Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3343 4
www.wagenbach.de
Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß muss dann die Finsternis sein!
Matthäus 6, 23
Es gibt keinerlei Unterschied zwischen dem, was wir zu kennen glauben, und dem, was wir kennen: Was wir zu kennen glauben, ist alles, was wir kennen. Mauro sagt, das sei eine Sache der Vereinfachung, äußerster Vereinfachung, eine Strategie, die wir anwenden, ohne uns dessen bewusst zu werden. Wir sind nicht in der Lage, die Last der unendlichen Möglichkeiten zu ertragen – ununterbrochen vereinfachen wir – wir entscheiden uns für eine Möglichkeit, die intuitiv zu uns zu passen scheint – wir vereinfachen ununterbrochen –, von all den unendlichen Möglichkeiten glauben wir nur an die eine, für die wir uns willkürlich entschieden haben. Bis zur Verleugnung der Tatsachen glauben wir daran, emsig bauen wir auf dieser einen Möglichkeit auf, die Tüchtigsten bauen zwanzig oder dreißig Jahre lang weiter, einigen gelingt es sogar, auf willkürliche Entscheidungen aufzubauen, deren Urheber längst gestorben sind; glückliche Willkürentscheidungen können sich fortpflanzen, weiterwachsen, zu ganzen Städten, Imperien oder Finanzriesen werden.
Meine Willkürentscheidung war Giorgia. Giorgia war die Geschichte, die ich mir selbst erzählte, eine ununterbrochene, unbewusste Erzählung. Ich hatte um sie herum eine Dimension mit eigenen physikalischen Gesetzen errichtet, eine mit ihr wandernde Welt – die in die Vergangenheit ausuferte, sich in die Zukunft ausdehnte. Wenn nicht geschehen wäre, was geschehen ist, wäre sie noch hier und ich könnte mich wieder in dem verkriechen, was ich zu kennen glaubte – und was alles war, was ich kannte: derselbe Moment bis in alle Ewigkeit. Unnachahmlich. Unwiederholbar.
Ich kann nicht zurück, meine Schöpfung wurde mir genommen. Für mich wird Giorgia, wie Mauro sagt, von jetzt an immer eine Übung bleiben.
Ich bin mit meiner Übung sehr weit gegangen, so weit, dass mir scheint, ich kann alles wieder zusammenfügen, von Anfang an.
***
Der Anfang spielt sich im mittelgroßen Flachbau einer großen Einzelhandelskette in der Via Pitteri ab, nicht weit von der Wohnung, in der Giorgia und ich zusammenleben. Solche großen Supermärkte sind alle auf die gleiche Weise eingerichtet: Die Anordnung der Gänge, der Lebensmittel und sonstigen Waren, und auch die Produkte, in unbegreiflichen, weil übermäßigen Mengen in die Regale gestopft, gleichen einander stets. An solchen Orten, wo auch immer, ist alles gleich – Grundrisse, Konsumgüter, Kunden –, und diese teuflischen Ähnlichkeiten stiften einige Verwirrung: Man versteht nicht, wo man ist; und wenn man es zu wissen glaubt, gibt es eine minimale Abweichung im Plan, die frischen Backwaren sind nicht in der linken Ecke, wie in Certosa, sondern in der rechten, wie in der Via Rubattino – denn hier sind wir doch, oder? –, und alles bricht in sich zusammen, man fühlt sich verwirrt und verloren.
Giorgia hasst Supermärkte, und sie weiß, dass ich sie auch hasse; sie hat sie schon vor ihrer Arbeit hier gehasst, ich erst, seit sie hier eingestellt wurde. Und doch haben wir diesen Supermarkt herbeigesehnt wie ein Kind, haben ihn in den quälenden Monaten ihrer Arbeitslosigkeit aufmerksam beobachtet, haben uns gefragt, wohin uns ihre dreistufigen Bewerbungsgespräche führen würden.
Jetzt weiß Giorgia, wie es ist, an einem Ort zu arbeiten, den sie als Kundin immer zu meiden versucht hat: Sie fühlt sich körperlich abgestoßen. In allen Supermärkten tut alles so, als wäre alles gleich, und das macht die Leute unglücklich; in den ersten einundneunzig Tagen hat Giorgia allen ins Gesicht geschaut, in Hunderte von Gesichtern, die zusammen mit dem Laufband an ihr vorbeizogen, Hunderte und Aberhunderte von Gesichtern, alle gelblich im gelblichen Licht. Niemand geht hier glücklich einkaufen, da ist sie sich sicher, nicht einmal die Paare mit dem Eis und dem wärmenden Gleitgel, auch die werden erst dann ein wenig glücklich, wenn sie wieder hier raus sind.
Giorgia nennt die zu ihr gehörende Psychose mein Empathieproblem mit den Menschen.
»Nimm bitte die Finger da weg, mein Schatz.«
Die Kundin ist eine Frau um die fünfundvierzig, die Prüfung der unvorteilhaften Beleuchtung und des Montagnachmittags besteht sie mit Würde. Das Kind, ein etwa fünfjähriges Mädchen mit dunklen Zöpfen, lässt die Finger nicht vom Laufband: Sie starrt Giorgia an, die die Produkte über das elektronische Auge gleiten lässt. Zwischen ihren Fingern mit den (von jemand anderem) ganz gerade abgeschnittenen Nägeln machen sich grüne Filzstiftflecken breit. Giorgia sieht in den Flecken einen Kindergarten und in dem Kindergarten das Mädchen, das sich mit seiner passenden, wie angegossen sitzenden Kleidung unter den Gleichaltrigen verliert, was bei ihr selbst damals selten vorkam, wegen ihres Gewichts. Dicke Kinder heben sich wie Beulen von einer glatten Fläche ab, denkt sie. Das Mädchen ähnelt seiner Mutter sehr, die nun etwas hektisch die Tüten füllt und dabei dem nächsten Kunden besorgte Blicke zuwirft: aus Angst, zu lange zu brauchen und aufgefordert zu werden, endlich Platz zu machen. Giorgia zählt das Mädchen mit seiner Mutter zusammen wie voneinander abhängige Faktoren, ihr Kopf wertet automatisch aus, sammelt die Details als Daten, die sich allmählich summieren. Die Lederhandtasche ist zwar ein Markenartikel, aber mindestens aus der vorletzten Saison, die Arme sind kräftig, die Haare professionell gefärbt, die Bewegungen sind mechanisch und verraten eine übertriebene Nervosität; das Mädchen ist unglücklich.
»Ich will nicht zum Ballett«, sagt sie leise.
Die Mutter bezahlt, auf der Kreditkarte ist der Name eines Mannes eingeprägt, wieder wirft sie dem Kunden hinter sich einen Blick zu.
»Ich will da nicht hin«, bekräftigt das Mädchen und schaut dabei erneut Giorgia an.
»Bea, los jetzt, du kommst zu spät zum Ballett.«
»Ich will da nicht hin«, wiederholt sie im Weggehen, »ich will da nicht hin.«
Giorgia wünscht sich, dass alles in diesem Stadium abbräche. Stattdessen organisieren sich die Details in Strukturen. Da sind das Mädchen, die Zöpfe, die Mutter, jetzt auch der Vater, da ist die Familie und das gerade noch rechtzeitig eingetroffene Einzelkind, die Mutterschaft, dann nichts mehr. Da ist ein Haus in dem gepflegten, aber abgelegenen Viertel, eine Wohnung, die genauso aussieht wie alle hier im Speckgürtel, mit einem Flur wie der Gang im Zug und den Zimmern als Abteilen. Das Leben dieser Familie spielt sich also in Abschnitten ab, im Durchgangsverkehr zwischen Küche und Wohnzimmer, zwischen Wohnzimmer und Bad, dem Vorzimmer der Nacht, der Spiele, der begleitenden Körperroutinen. Heute regnet es, also stellt sich Giorgia einen Vater vor, der jeder Beliebige sein könnte, einer von denen, die im Stau auf dem Stadtring Fett ansetzen und die ersten grauen Haare bekommen. Dieser Vater denkt an das nächste Briefing und nur sehr wenig an alles Übrige, er fühlt sich ausgelaugt – seit das Kind da ist, ist das Wochenende zu einer mühsamen Pflichterfüllung geworden, die man unter Einhaltung der Regeln angehen muss: Die Wochenenden sind nun wie Werktage, nur ohne Hemd. Giorgia denkt an den Vater und an sein Erstickungsgefühl, das fast verschwunden ist und nur noch selten plötzlich hochkommt wie ein Brechreiz, zum Beispiel montags im Regen auf dem Stadtring oder sonntags, dem Tag des gemeinsamen Filmguckens und des lautlosen Beischlafs. Giorgia kann ihn sogar verstehen, hin und wieder fühlt sie sich auch so, unfähig, sich zu erinnern, wie sie sich vor nur drei Jahren gefühlt hat, als alles anders war, ohne mich. Die Mutter hält sie auf Distanz, sie schaut ihr zu, wie sie sich vor einem Spiegel über die Falten um den Mund fährt, dann dringt der nächste Kunde in ihren Wahrnehmungsstrom ein: mit seiner Identität, die bestimmt werden muss, mit seinen Details.
Giorgia kann ihre Gedanken nicht zügeln, das war schon immer so. Sie weiß, dass normale Menschen anders funktionieren. Bei Giorgia läuft die Wirklichkeit mit einer höheren Intensität ab, sie ist greller, wie manche Träume morgens kurz vor dem Aufwachen. In ihrem Kopf wuchern imaginäre Ausgestaltungen der Leben dieser Leute, denen sie nie wieder begegnen wird, Bilder dessen, was sie im Privaten tun. Den Leute zuzusehen hilft ihr, ein gewisses quälendes Unwohlsein zu bekämpfen – sie sich vorzustellen, wie sie in nach Schlaf riechenden Zimmern das Bett machen, sie dabei zu ertappen, wie sie gleich eine Waschmaschine befüllen, sich in irgendeiner Autowerkstatt mit Motoröl bekleckern, in einem Büro gähnen; sie sich dann erneut vorzustellen, wie sie kochen, einkaufen, zu Mittag essen, Kinder aus der Schule abholen, wie sie alle dicht gedrängt im Fünfundneunziger stehen, weil sich hinten nur der Abschaum hinsetzt, wie ihnen jemand die Tür aufmacht und sie in den Arm nimmt, wenn sie nach Hause kommen.
Der Supermarkt verstärkt das Phänomen noch. Giorgia hat nie an einem Ort gearbeitet, an dem so viele Personen so schnell aufeinanderfolgen: Es ist unmöglich zu widerstehen. Am Ende ihrer Schicht fühlt sie sich erschöpft und möchte nur noch schlafen.
In der Umkleide schwatzen die Kolleginnen ohne Unterlass, ob mit ihr oder ohne sie, sie sind verschwitzt, rollen ihre Kittel zusammen und stecken sie in die Taschen oder ziehen Lippenstift und Lidstrich nach, bevor sie verschwinden.
»Madonna, kaum zu glauben, dass schon Montag ist«, sagt eine Kollegin, die fast immer in den Gängen unterwegs ist, um die Regale aufzufüllen.
»Stimmt, so ein Jammer. Aber heute ging es eigentlich, oder?« Während sie hinausgehen, lächelt Giorgia ihr zu, wie es sich gehört, obwohl sie immer noch an das Mädchen denkt.
Das ist eine weitere ihrer Besonderheiten: dass sie sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig bewegt. Giorgia ist bei ihrer Kollegin, und sie lästern ein wenig über den Abteilungsleiter – der sich die Haare gefärbt hat, wie kann man nur, mit sechzig?! –, und im selben Moment, an einem tieferen Punkt ihres Selbst, ist sie das unbekannte Mädchen und fühlt sich traurig. Ihr Körper hält die Spaltung aus: Sie lächelt, kratzt sich am Unterarm, verabschiedet sich mit einem Küsschen von der jungen Frau; unter der Oberfläche hat das Mädchen keine Erklärung für ihr Unglücklichsein. Als sie allein sind, würde Giorgia ihr gerne sagen, dass es nicht ihre Schuld ist, dass sie früher oder später lernen wird, nicht bloß ein Filter zu sein.
Giorgia legt jeden Tag denselben Weg zurück, nie weicht sie von der Route ab. Zwischen unserem Haus und dem Supermarkt liegt der kleine Park, ein überdimensioniertes Blumenbeet mit einer Rutsche, einer Schaukel und einem Lattenzaun ringsum. Es erinnert sie immer an eines dieser Gehege, in denen man Hunde frei laufen lassen kann. Hinter dem Park beginnt die Außenmauer der Mercanti-Kaserne, einer Festung mitten in Lambrate, mit ihren unüberwindlichen Mauern und Stacheldraht. Sie ist riesig. Unsere Wohnung befindet sich im Hochparterre, Aufgang drei eines Wohnkomplexes. In Lambrate hat die Luft einen eigentümlichen Geruch, anders als in den anderen Mailänder Vierteln, in denen Giorgia gelebt hat. Derselbe Geruch herrscht, verdichtet, in unserer Wohnung – sie kann sich nicht entscheiden, ob es die Luft von draußen ist, die sich an und zwischen unseren Sachen festsetzt, oder ob der Geruch aus unserer Wohnung nach außen dringt.
Wenn Giorgia von der Arbeit nach Hause kommt, bereite ich fast jeden Tag gerade etwas zu essen vor. Heute überrascht sie mich mitten in einem Telefonat.
»Nein, das geht nicht.«
An der Art, wie ich das Telefon umklammere, erkennt Giorgia, dass ich mit meiner Mutter spreche. In ihren Augen bin ich ein Anblick, der sie zur Ruhe kommen lässt: Nach drei gemeinsamen Jahren gibt es wirklich nichts Neues mehr zu entziffern, keine Identität, die zusammengesetzt werden müsste. Ich bin Filippo. Ich bin immer hier, anwesend in den Räumen, die mir zukommen. Auch das erlaubt es Giorgia, sich zu entspannen, die Tatsache, dass wir beide unsere Räume haben, diejenigen, die wir teilen, und die exklusiven, wir haben die Geräusche unserer Schritte, die jeden Tag die gleichen sind, wir bewegen uns auf Gleisen wie Spielzeugeisenbahnen. Solche wiederkehrenden Muster sind tröstlich für Giorgia, weil sie sie von dem Zwang befreien, alles in sich aufzunehmen.
»Mama, wir sind uns einig, dass wir das Geld irgendwie auftreiben müssen, und wir werden es auch auftreiben. Du brauchst dich doch nicht gleich so aufzuregen.«
Giorgia weiß, dass wir beide einen schlimmen Tag hinter uns haben. Sie kriegt das Mädchen nicht aus ihrem Kopf; auch als sie den Topfdeckel anhebt, schnuppert, mir einen Kuss auf die Schulter gibt und sich in ihrem Zimmer umzieht, denkt sie noch an sie. Das Problem sind die Wahrnehmungsströme. Ausgehend von dem Mädchen hat sich, wie ein Leck in einem Rohr, ein Durchfluss direkt in ihre Vergangenheit geöffnet. In diesem Rinnsal sammeln sich unzusammenhängende, unbequeme Gedanken an.
»Nein, ich habe nicht gesagt, dass wir’s nicht hinkriegen. Wirklich, es ist alles okay. Jetzt arbeitet Giorgia ja im Supermarkt – ja, ja, das hab ich dir doch erzählt, Vollzeit.«
Ab und zu, vor allem, wenn sie in ihren Schlafanzug schlüpft, würde Giorgia es mir gerne sagen. Sie würde mir wirklich gerne sagen, wie sie sich fühlt und warum für sie alles so schwierig ist. Aber sie kann es nicht, bezahlt wieder und wieder den Preis für die Verspätung. Mit gewissen Geständnissen, das weiß sie, muss man am Anfang einer Beziehung herausrücken, wenn noch alles offen ist. Es ist unehrlich, abzuwarten, bis sich ein Gleichgewicht eingestellt hat, die Beziehung eine Ordnung gefunden hat, und dann erst die Hölle losbrechen zu lassen. Doch die Zeit vergeht so schnell, dass sie alle Gelegenheiten verpasst hat, jetzt sitzt sie in der Klemme. Die Sache war überschaubar, bis der Supermarkt dazukam. Der Supermarkt hat alles noch schwieriger gemacht.
»Ich grüße sie von dir. Ich leg jetzt auf, ja? Sag Papa, dass die Sache mit den alten Abgabebescheiden geregelt ist, jetzt lösen wir noch dieses Problem, und dann ist alles in Ordnung, ja?«
Es ist wirklich eine Frage der Menge, da ist sich Giorgia sicher. Es sind einfach zu viele Menschen dort.
»Hey, da bist du ja«, sage ich zu ihr und verbanne das Telefon in eine Hosentasche.
»Diese Frau macht mich fertig.«
Giorgia lächelt mir zu. Das ist beruhigend, sie zeigt ihre Zähne nicht, sie ist stabil.
»Wie war’s in der Bar?«, fragt sie mich von ihrem Stuhl aus.
Sie weiß, dass ich gerne rede. Sie weiß auch, dass ich zu der Sorte Menschen gehöre, denen man Fragen stellen muss, damit sie sich berechtigt fühlen zu sprechen. Sie stellt immer sehr viele Fragen. Das ist eine wohlwollende List: Vordergründig lässt sie mich erzählen, im Hintergrund entwickelt sie Strategien. Sie denkt gleichzeitig an mich und an die Schulden, bei denen ich nicht weiß, wie ich sie begleichen soll, an sich und an die Lösung ihres Problems – wie soll sie sich den Menschen entziehen?
»Heute war viel los, ich habe Nico angerufen, damit er aushilft. Aber der will dann sofort bezahlt werden, in bar. Ich weiß nicht, ob ich ihn nächstes Mal wieder anrufe.«
Beim Abendessen erzähle ich ihr weiter von meinen surrealen Diskussionen mit den Kunden, von der Kaffeebestellung, die ich vergessen habe, von dem schlecht schließenden Rollgitter. Giorgia hört mir wirklich zu und denkt, wie fragil alles ist. Die Wohnung, ich, unsere gemeinsamen Abendessen, unsere Probleme: Das alles könnte von einem Moment auf den anderen in sich zusammenfallen, und es wäre allein ihre Schuld.
»Und bei dir? Gibt’s was Neues?«, frage ich sie, als wir fertig gegessen haben.
»Sie haben meinen Vertrag verlängert«, sagt sie.
Sie spürt meine Erleichterung, die Welle unbegründeten Optimismus, die über mich hereinbricht, sie versteht, dass mir durch diese Nachricht alles lösbar erscheint, denn so bin ich nun einmal gestrickt. Sie schaut mir zu, wie ich eine Flasche Wein aufmache – ab und zu muss man einfach feiern –, sie trinkt einen Schluck mit mir.
Wie schaffe ich es, das alles nicht zu verlieren?, fragt sie sich, als ich sie auf meinen Schoß ziehe. Wie ich es in letzter Zeit häufig tue, sage ich auch diesmal zu ihr, dass schon alles gut wird.
Eines meiner Bücher, das offen auf der Kommode neben dem Tisch liegt, gerät zufällig in Giorgias Sichtfeld. Sie sollte mir von ihrer Überforderung erzählen, davon, wie es ihr geht.
»Sag mal, würdest du mir vielleicht eins deiner Bücher ausleihen?«
»Was? Äh … ja, klar«, ich folge ihrem Blick und strecke eine Hand aus. »Meinst du das hier?«
Giorgia nickt.
»Warum nicht?«
»Wusste gar nicht, dass du Science-Fiction magst.«
»Ich muss in den Pausen ein bisschen auf andere Gedanken kommen.«
Giorgia weiß, dass sie beim Lesen vorsichtig sein muss. Wie bei allem hat sie ihre eigene Methode: Sie liest extrem langsam, nicht mehr als zwei oder drei Seiten pro Tag. Mal folgt sie der Handlung, mal zerstört sie sie. An der Kasse versucht sie nun mit gesenktem Kopf zu arbeiten, sich abzukapseln.
Die Stimmen der Leute prallen weiter gegen die Scheibe, aber Giorgia überdeckt sie mit der Geschichte. Das Buch handelt von einem weit entfernten Planeten, den es nicht gibt, und das erleichtert es, alles zu verarbeiten. Giorgia denkt an den Planeten, an das, was auf diesem Planeten geschieht, an die Raumschiffe, die der Schwerkraft enthobenen Himmel, und gleich darauf sagt sie sich immer wieder, dass das alles nicht real ist, sie nimmt die Fantasiegebilde auseinander, bis sie sie auf das reduziert hat, was sie sind: auf Papier gedruckte Buchstaben. Es ist mühselig.
Eines Tages erzählt ihr die übliche Kollegin in einer Zigarettenpause auf dem Parkplatz von einem Problem mit ihrem Freund. Es ist kalt, ihre Worte bilden Wölkchen zwischen Rangiermanövern und raren Parkplätzen.
»Dann hat er zu mir gesagt, dass es ihm scheißegal ist, verstehst du?«
Giorgia versteht. Sie stellt sich stur gegenüber der Versuchung, an den Freund der Kollegin zu denken, an seine Motive, daran, wie sich diese beiden Unbekannten paaren. Sie denkt an den Planeten Solaris aus dem Buch.
Dann passiert es.
Die Halluzination ist plötzlich da, ist da, wo vorher nichts war. Sie formt sich nicht aus, folgt nicht den Regeln der Dinge, die sich von Weitem nähern, sie sieht sie nicht kommen. Die Halluzination ist riesig. Sie nimmt eine ganze Seite des Parkplatzes ein und erstreckt sich bis in den Himmel.
»Ich werd auch nicht jünger, und ich hab keine Lust, so lange zu warten. Alles okay, Giò?«
Giorgia nickt, weicht aber zurück. Die Halluzination hat eine kolloidale Konsistenz, sie kennt die Bezeichnung bloß, weil sie weiß, dass die Halluzination aus dem Buch kommt.
»Ich fühle mich nicht so gut«, sagt sie und wickelt ihre Jacke enger um ihren Körper.
»Ja, man sieht’s dir an.«
»Ist wohl besser, wenn ich nach Hause gehe.«
Giorgia geht schnell wieder rein und lässt ihre Kollegin etwas verloren zurück, sie schaut sich nicht einmal um. Sie spricht mit dem Abteilungsleiter und spürt, wie die Panik in ihr aufsteigt, ihr Mund trocken wird. Dem Abteilungsleiter fällt es leicht, sie nach Hause zu entlassen, er sagt, sie sei so bleich, als müsse sie sich jeden Moment übergeben.
In der Umkleide knöpft sie sich eilig die Schürze auf, sie weiß, dass sie nicht aufhören darf, sich zu bewegen, sonst ist sie gleich wie gelähmt. Sie fängt an, ihr Kinderlied für Notfälle vor sich hin zu murmeln. Hin zu der kühlen Quelle munter spazierte ich. Als sie endlich aus dem Supermarkt raus ist, weicht sie vom üblichen Weg ab, geht zur Bushaltestelle. Das Wasser sprudelt helle, darinerfrischt ich mich. Während sie neben einer alten Frau auf den Bus wartet, schnürt ihr die Panik den Magen zu. So viele Jahre lieb ich dich, nie mehr vergess ich dich. Es ist ein sonniger Tag, Giorgia sucht sich einen freien Platz in der Nähe des Fahrers, wo sie außer der Straße nicht viel sehen kann. Unterm Blätterdach der Eiche ließ ich mich trocknen dann. Sie schließt die Augen. Auf deren höchstem Zweige sang eine Nachtigall. So viele Jahre lieb ich dich, nie mehr vergess ich dich.
Vom Supermarkt bis zur Bar sind es fünfzehn Minuten. Giorgia steigt an der passenden Haltestelle aus und zieht sich die Kapuze ihrer Jacke über. Sing, singe, Nachtigall, die du frohen Herzens bist. Die Straße ist belebt, nicht weit weg eine U-Bahn-Haltestelle; Giorgia mischt sich unter die Passanten, entscheidet sich für die Stufe vor einem geschlossenen Restaurant, setzt sich hin und wartet. Deinem Herzen ist zum Lachen, aus meinem ein Tränchen fließt.
Durch die großen Fensterscheiben der Bar bin ich nur zu sehen, wenn ich hinter der Kasse stehe. Giorgia schaut durchs Fenster, atmet tief ein und aus, nach einer Weile nimmt das Herzrasen ab. Als sie ruhiger ist, spielt sie im Kopf die Fantasie durch, die sie sich nie traut, in die Tat umzusetzen. Sie stellt sich vor, wie sie aufsteht, die Straße überquert, die Bar betritt und damit die Glocke auslöst, die seit dreißig Jahren über der Tür vor sich hin rostet.
Sie stellt sich vor, wie ich sie etwas überrascht anschaue, wie ich mich frage, warum sie hier ist und nicht bei der Arbeit; wie ich dann meine schlimme Vorahnung im Keim ersticke und mir sage, dass sie nur früher Schluss gemacht hat. Wenn sie wirklich dazu imstande wäre, würde sie warten, bis meine Arbeitszeit zu Ende ist, sie würde mir vom letzten Tischchen aus zuschauen, wie ich den Kaffee tampere und der spärlichen Kundschaft zulächele. Zwischen einem Kunden und dem nächsten würden wir uns über unverfängliche Themen unterhalten. Gegen Abend dann sollte der Zeitpunkt gekommen sein: Sie müsste mir alles sagen, wirklich alles. »Heute hatte ich eine Halluzination, Filippo. Das ist schon sehr lange nicht mehr vorgekommen. Ich glaube, die Arbeit im Supermarkt tut mir nicht gut. Ich bin krank, Filippo, aber ich kann es schaffen, im Ernst, ich werd es schaffen. Ich schütte alles mit Beton zu, und es wird der Tag kommen, an dem es nicht mehr an die Oberfläche dringt. Ich will nicht, dass du dir Sorgen machst, verstehst du? Ich hab das Problem schon lange, aber ich werde es lösen. Du darfst dir nur keine Sorgen machen, sonst wird die Krankheit überall sein, selbst wenn sie eigentlich gar nicht da ist. Dann höre ich auf, teilweise gesund zu sein. Es ist wichtig, dass ich mich teilweise gesund fühle. Durch dich fühle ich mich teilweise gesund.«
So viele Jahre lieb ich dich, nie mehr vergess ich dich.
Die Fantasie bleibt eine Fantasie, Giorgia hat sich von ihrer Stufe nicht wegbewegt, aber sie fühlt sich trotzdem besser, so als hätte sie mir die Wahrheit gesagt. Sie bleibt sitzen und schaut zu, wie es rund um die Bar Abend wird: Auf der Straße wird es dunkler, und im Innern hellt sich alles auf. Drinnen im Aquarium lese ich; sobald ein Kunde kommt, richte ich mich abrupt auf, wenn mich niemand sehen kann, raufe ich mir die Haare und habe den typischen Gesichtsausdruck von jemandem, der sich verirrt hat. Da stellt Giorgia sich vor, mich ohne jede Erklärung ziehen zu lassen. Einfach nicht mehr zurückzukommen, wie es ihr Vater getan hat. Keine Anzeichen, kein vorbereitendes Gespräch, so machtvoll wie eine Halluzination: Plötzlich ist nichts mehr da, wo vorher noch etwas war.
Giorgia sagt sich wieder und wieder, dass es nur eine schwierige Phase ist und dass sie aus einem ganz banalen Grund zittert: vor Kälte. Auf der anderen Straßenseite kämpfe ich mit dem Rollgitter, bis es nachgibt und sich mit einem lauten Schlag schließt. Sie folgt mir von Weitem, mit so viel Abstand, dass sie mich mit jemandem verwechseln könnte, der mir ähnelt.
Ich höre Musik über Kopfhörer, Giorgia denkt, dass es ihr leidtut. Sie weiß, dass ich ganz andere Träume hatte – bevor wir zusammengezogen sind, haben wir immer darüber gesprochen, oft bei ihr zu Hause, auf ihrem Bett, im Mehrbettzimmer einer WG. Lange vor Lambrate und dem Supermarkt war die Fülle unserer Möglichkeiten unser Lieblingsthema. Ich sagte, dass ich mich freuen würde, wenn sie ihr Studium wieder aufnimmt, ihren Abschluss macht – »Ja, Giò, und dann feiern wir dich, mit Krönchen. Was ist, gefällt dir die Vorstellung nicht?« Während wir Pläne schmiedeten, schlug die reale Welt um uns herum den Weg in die entgegengesetzte Richtung ein.
Giorgia erinnert sich daran, der zweite Herzinfarkt meines Vaters, der Abend, als ich bei einem Konzert einen Anruf bekam. Die Autofahrt zur Notaufnahme ist ihr im Gedächtnis geblieben, der trockene Klang ihrer Absätze wie die tickenden Zeiger einer Uhr und die Angst, unwiederbringlich zu spät zu kommen. Sie war ebenfalls dabei, als meine Mutter meinen Vater überzeugte, in den Ruhestand zu gehen, und die Bar plötzlich keinen Betreiber mehr hatte. Sechs Monate der verzweifelten Suche nach einem Job, der es mir erlaubt hätte, mich meiner Verantwortung zu entziehen. Am Ende fand ich mich trotz aller Bemühungen dort wieder: in der Bar meiner Eltern. Von da an bewahrheiteten sich alle Befürchtungen – eine nach der anderen.
Giorgia weiß, dass ich nicht glücklich bin. Wir sprechen es nie aus. Sie sieht die Traurigkeit in meinen Bewegungen, die kleiner geworden sind – früher nahm ich immer sehr viel Raum mit meinen Armen ein, jetzt strecke ich mich nie weiter aus als nötig. Das ist nicht unsere Schuld. Alle Möglichkeiten sind schön, bevor sie Wirklichkeit werden, sie sind das Bild, das zu malen du dir vorstellst, das Lied, zu dem zu tanzen du dir vorstellst. Erst wenn man zwangsläufig mittendrin steckt, versteht man die Dinge wirklich.
Ich steige in den Neununddreißiger, der mich direkt nach Hause bringen wird, Giorgia dagegen nimmt eine andere Linie. Sie würde mir gerne sagen, dass sie es schätzt, wie sehr ich mich bemühe, aber sie kann nicht, denn dann würde unser ganzes Konstrukt in sich zusammenfallen. Sie weiß, dass es unsere Pflicht ist, uns gegenseitig einzureden, es handele sich nur um eine vorübergehende, unglückliche Phase, auch wenn wir nicht in der Lage sind, andere Vorhaben zu formulieren: All unsere Planungsanstrengungen scheitern an Finanzen und Steuerfälligkeiten, monatlichen Fristen und notwendigen Ausgaben. Einen Großteil unserer Zeit denken wir ans Geld oder tun so, als ob wir nicht daran dächten. Genau wie ich sitzt auch sie in einer merkwürdigen Lage fest: Ihr Gehalt verschafft uns ein wenig Luft, gleichzeitig versetzt es uns in Panik. Jedes Mal, wenn ihr Vertragsende naht, wünschen wir uns beide, dass alles platzt, dass uns irgendetwas dazu zwingt, uns auf eine Alternative zuzubewegen, doch dann nehmen wir die nächste Vertragsverlängerung wieder mit Erleichterung auf. Wenn wir miteinander darüber reden, deuten wir unsere Lage wieder auf fantasievolle Art, beschreiben sie als vorübergehend – für den Moment ist das okay, für den Moment geht das schon so –, aber ohne es aussprechen zu müssen, wissen wir eigentlich, dass wir an keiner Lösung arbeiten, an nichts, was auch nur mittelfristig helfen könnte. Und wo all das geblieben ist, was wir wollten, was das eigentlich war, das wissen wir nicht mehr – für den Moment.
Giorgias Linie hält etwas weiter weg von unserer Wohnung. Während sie das letzte Stück zu Fuß geht, die Hände wegen der Kälte in die Taschen gesteckt, denkt sie, dass sie gerne kündigen würde. Wollen und Nicht-Können sind die Achsen, um die ihr Leben kreist. Sie würde gerne alles niederreißen oder sich ihrer Krankheit hingeben – und kann nicht. Sie würde gerne lügen oder die Wahrheit sagen, aufhören oder von vorne anfangen, explodieren oder untergehen. Aber sie ist gezwungen, den Mittelweg zu nehmen. Ab und zu fragt sie sich immer noch, ob ihre Mutter wohl genau darüber nachgedacht hat, bevor sie ihre Entscheidung traf. Wenn sie richtig rechnet, muss sie damals in ihrem Alter gewesen sein. Sie hatte immer Angst vor dem Zeitpunkt, wenn sie selbst so alt sein würde. Gerade in Momenten wie diesen stürzt die Welt um sie herum in sich zusammen – es ist einfach zu viel, die Menschen, die Halluzinationen, die Krankheit, unsere Schwierigkeiten, ihr Vater, ihre Mutter. Wo sind die Auswege?
Auf den Stufen im Hausflur sitzend wartet sie die übliche Uhrzeit ihrer Rückkehr ab: Es ist spät genug, dass niemand sonst vorbeikommt. Man hört das Ächzen des Aufzugs unter dem Gewicht der Hausbewohner, die aus der Garage nach oben fahren, Gesprächsfetzen zwischen Menschen hinter den Türen, Menschen und Abendessen, Menschen und Schweigen als Antwort, Menschen und Fernseher. Überall Menschen, deren Atmung, deren Bewegungen Giorgia lauscht, aber nicht so, als kämen sie von außen, sondern als wären sie in ihr drin, als schaffte sie es nicht, sie sich aus der Brust zu reißen, und die Menschen bewegen sich in ihr umher, und jeder von ihnen hat seinen eigenen platzraubenden Körper, seinen eigenen Schmerz in einer endlosen Reihe trostloser Klagen. Giorgia greift vorsichtshalber noch einmal zu dem Kinderlied – denn ihr Atem wird schon wieder kürzer.
Hin zu der kühlen Quelle munter spazierte ich. Sie würde sich wünschen, dass ich grundlos herauskomme, dass ich sie auf den Stufen überrasche. Ach, ich wünschte, die Rose wär am Rosenstrauch geblieben. So stellen sich doch die entscheidenden Weichen im Leben der anderen, oder? Durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall, der den Theatercoup auslöst. Sing, singe, Nachtigall, die du frohen Herzens bist. Sie würde gerne weinen, von mir dabei überrascht werden und dann in der Lage sein, es mir zu erzählen. Stattdessen hält sie die Tränen zurück und hält damit unser ganzes prekäres Konstrukt zusammen. Sie steht wieder auf und verbannt diesen Tag in die Tiefen ihres Innern. Sie wird eine andere Lösung finden, sie wird andere Wege ausprobieren.
»Wie war’s heute?«, fragt sie mich nach der üblichen Begrüßung.
Ich erzähle ihr von meinem Nachmittag, den sie ja selbst gesehen hat, ich erfinde Kunden, die nicht da gewesen sind. Giorgia hört zu. Der letzte Gedanke, den es zu verbergen gilt, ist, dass wir uns auf einem sinkenden Schiff befinden, auch wenn wir es vielleicht nicht wissen.
So viele Jahre lieb ich dich, nie mehr vergess ich dich.
Mauros Rückkehr in Giorgias Leben nistet sich zwischen uns ein, ein leiser Schmerz in empfindlichen Gelenken, schafft sich einen Spalt und dehnt sich aus.
Es geschieht, als Giorgia sich schon eine neue Strategie zurechtgelegt hat. Sie hat die Bücher zugunsten von Illustrierten aufgegeben, denen sie Techniken der Zerstreuung an die Seite stellt: Sie lenkt ihr Interesse von den psychisch anormalen Geschehnissen ab und konzentriert sich auf die greifbaren Dinge, diesen Trick hat sie gelernt – er wurde ihr beigebracht. Donnerstags zählt sie die Shampoofläschchen; freitags überprüft sie die Vorräte an biologisch abbaubaren Tüten; wie viele Packungen helles Fleisch an einem Tag?
Es geschieht an einem Mittwoch, dem Tag, an dem sie sich auf den Klang des elektronischen Auges beim Einlesen der Strichcodes konzentriert. Während sie ein Deo darüber rollen lässt, streckt sich eine Hand in ihr Blickfeld, jemand wedelt damit herum, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie erkennt ihn, noch bevor er ihren Namen sagt.
Mauro trägt eines seiner Hemden, genau wie damals an der Akademie. Und genau wie damals sieht es so aus, als habe er es mindestens dreimal aus- und wieder angezogen, die Falten im Baumwollstoff erzählen von einer nicht zu Hause verbrachten Nacht, andere Falten, die auf seinem Gesicht, machen deutlich, dass der Schlaf kurz und unbequem war – dann sind da noch die Furchen, das im rechten Mundwinkel verharrende Lächeln, die Augen, die er wie Arme dazu benutzt, sich anderen zu nähern oder sie sich vom Leib zu halten.
»Giò!«, ruft er aus. »Was machst du denn hier?«
Gefangen in ihrem Kittel schaut Giorgia ihm zu, wie er sich für seine dumme Frage entschuldigt.
»Wie geht es dir?«, fängt er es gleich wieder auf.
Giorgia weiß nicht, was sie denken soll. Mauro in den Supermarkt einzufügen ist eine immense Anstrengung. Sie spielt mit dem Deo, das elektronische Auge ist verwirrt und erfasst es ein weiteres Mal.
»Gut. Und dir? Was machst du hier?«
Giorgia spürt, dass das ein zu intensiver Reiz ist, dass sie sich dafür nicht gerüstet fühlt. Die Schlange hinter ihm beginnt zu drängen.
»Ich gehe eine Freundin besuchen, die hier ganz in der Nähe wohnt.«
»Ich wohne auch hier, ganz in der Nähe«, sie greift nach den anderen Einkäufen, eine neue Zahnbürste, eine Pralinenschachtel, Kaugummis.
Sie spürt, wie sich endlich ein unverbindliches Lächeln in ihrem Gesicht ausbreitet.
»Wir haben uns ja schon seit Jahren nicht gesehen«, meint Mauro ungläubig.
Giorgia hält ihm den Kassenbon hin, und er reicht ihr automatisch einen Fünfzig-Euro-Schein, den er schon wer weiß wie lange in der Hand hat, vielleicht hat er ihn schon gezückt, bevor er den Supermarkt betreten hat, bevor er auf sie gestoßen ist; ob er sie sofort erkannt hat, ob er sich genau diese Kasse ausgesucht hat, um ihr Hallo zu sagen?
»Stimmt, seit Jahren.«
Er lässt alles in einer Tüte verschwinden.
»Gut siehst du aus. Es kommt mir ewig her vor, dass wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben. Wir sollten uns mal zum Kaffee verabreden.« Er reiht die Wörter nahtlos aneinander.
Der Kunde hinter ihm ist wegen der Verzögerung ein wenig genervt, Giorgia entschuldigt sich mit einem Kopfnicken.
»Hör zu, gib mir doch deine Nummer. Dann melde ich mich bei dir.«
Sie hat schon ein eingeschweißtes Brathähnchen in den Händen.
»Sie haben doch nichts dagegen? Gleich bin ich weg, versprochen. Nur eine Sekunde.«
Mauro wartet nicht auf den Segen des Unbekannten, er beugt sich über das Plexiglas und breitet den Kassenbon auf der Kasse aus. Giorgia reicht ihm einen Stift und diktiert ihm ihre Nummer, jetzt sind alle etwas genervt, nur ein Mädchen am Ende der Schlange lächelt.
»Ich melde mich, und dann sagen wir uns Hallo, wie es sich gehört, okay?« Mauro lässt den Kassenbon in seine Tasche gleiten, schaut sie an und wartet auf eine Bestätigung.
»Klar, okay.«
Er lächelt immer noch und geht weg; wie er aufgetaucht ist, verschwindet er wieder, von der Seite des Bürgersteigs verschlungen, die Giorgia nicht sehen kann.
Die gesamte nächste Stunde über fragt sie sich: Und wenn es nur eine Halluzination war? Sie geht jede einzelne Bewegung noch einmal durch, den Moment mit Mauro, vor der Pause überprüft sie die Transaktionen, und Mauros Rechnung ist noch da, Deo, Zahnbürste, Pralinen und Kaugummis.
Nachmittags kehren die Erinnerungen wieder. Mit federndem Schwung prallt Giorgia zurück, stürzt wieder in gewisse Wintermonate, in bestimmte dunkle Pullover, in nummerierte Räume eines immer noch existenten Gebäudes – wer weiß, ob die Räume immer noch genauso aussehen und ob Mauro sich dort auch jetzt noch auf seiner Umlaufbahn bewegt, nie durch die Raummitte voller halbwegs erfahrener Schüler läuft. Diesen Räumen fühlt sie sich immer noch zugehörig. Nein, nimmt sie den Satz zurück, als sie am Ende ihrer Schicht den Kittel auszieht: Es wäre ehrlicher zu sagen, dass das Beste vom Schlechtesten ihrer selbst in der Verbannung jener Räume zurückgeblieben ist, hinter jenen Türen, hinter den Mauern jenes Gebäudes. Es bereitet ihr immer ein unangenehmes Gefühl, wenn sie erkennt, dass ein Teil von ihr sich im Exil befindet, es erinnert sie an den unappetitlichen Anblick ihrer ausgefallenen Milchzähne, an das zähflüssige Blut auf der Zunge. Als sie mit der Akademie aufgehört hat, ist an der Stelle des verbannten Teils nichts Neues nachgewachsen. Darunter war nichts, überlebt hat eine weiche Vertiefung.
Giorgia überquert die Straße, ein Strom eisenhaltiger Lachse zieht zur Stoßzeit den Fluss hinauf, zwischen den Scheinwerfern und rund um die Blumenbeete hängt Nebel, ein ganz weißer Nebel, der sanft über die Stacheldrahtgrenzen der Kaserne klettert. Sie denkt, dass sie getan hat, was zu tun war. Als sie mich kennenlernte, denkt sie, ist ihr klargeworden, dass sie sich entscheiden musste: Entweder oder, es gab keinen anderen Weg. Sie hat einen hohen Preis bezahlt. Es kommt ihr so vor, als habe sie zusammen mit diesem einen fauligen Bruchstück alles von sich selbst zurückgelassen.
Als sie zu Hause ankommt, sucht Giorgia schon nach einer schlüssigen Einordnung der Begegnung mit Mauro. Wo soll sie sie einsortieren, welchen Sinn soll sie ihr beimessen? Wenn Mauro sie einfach ignoriert hätte, müsste sie jetzt nicht wieder ans Theater denken.
Bevor wir schlafen gehen, stehen Giorgia und ich nebeneinander im Bad. Es ist der Moment, in dem unsere Gespräche ermatten, wir machen vage Pläne für den nächsten Tag, denken über Lebensmittelvorräte und Rechnungen nach.
»Ach ja, ich dachte, wir könnten den Strom mit ein paar Tagen Verspätung bezahlen. Weißt du noch, letztes Mal? Es passiert gar nichts. Du machst dir immer solche Sorgen.«
Giorgia schaut mir zu, wie ich rede und Zahnpastaschaum um meinen Mund verteile.
»Das stimmt.«
»Wir warten auf dein Gehalt, dann wird es vorher nicht zu eng, was meinst du?«
Sie schaut mich im Sitzen vom Klo aus an, ihre Hosen hängen auf Kniehöhe. Sie fühlt sich ausgelaugt. Die Zerstreuungstechniken nehmen sie stark in Anspruch.
»Ich habe heute Mauro getroffen.«
Ich schaue sie verständnislos an.
»Meinen Schauspiellehrer. Ich hab dir doch erzählt, dass ich mal Theater gespielt habe, oder nicht?«
»Ah. Ja, ja. Und wo hast du ihn getroffen?«
»Im Supermarkt«, sagt Giorgia und steht auf. Sie spült und zieht die Hosen hoch, stellt sich neben mich, um sich die Hände zu waschen.
»Kennst du dieses Gefühl, wenn man sich unfreiwillig an etwas erinnert?«, fragt sie mich über den Spiegel.
Ich zucke mit den Achseln und spucke ins Waschbecken.
»Was genau meinst du?«
»Ich meine, es gibt Erinnerungen, die du absichtlich aufsuchst. Zum Beispiel, wenn du dir Fotos anschaust.«
»Ich glaube, jetzt verstehe ich, was du meinst.«
»Und dann gibt es Erinnerungen, die dir unfreiwillig kommen. Zum Beispiel hätte ich nie gedacht, dass ich Mauro im Supermarkt treffen würde. Aber von da an musste ich unfreiwillig wieder ans Theater denken, an eine ganze Reihe von Dingen, die mir vorher nicht einmal zufällig in den Sinn kamen.«
»Hm.«
»Ist das nicht seltsam?«
Wir laufen durch den Flur, ohne das Licht anzuschalten, gemeinsam, kein Platz, sich zu verirren.
»Ich glaube, so funktionieren wir alle«, sage ich zu ihr, als wir uns ins Bett legen. Sie schweigt.
»Fehlt dir das Theater?«
»Vielleicht, ich weiß es nicht.«
»Ich hätte dich gerne mal gesehen. Du wirkst gar nicht wie eine, die sich auf die Bühne stellt.«
Giorgia legt sich auf die Seite und schaut mich an. Ich wirke gar nicht wie ein Haufen noch ganz anderer Dinge, würde sie gerne sagen, stattdessen lächelt sie mir zu und streckt eine Hand nach mir aus, fährt mir damit durchs Haar.
»Vielleicht fehlt mir das Theaterspielen.«
»Na ja, du könntest ja immer noch, oder?«
»Klar, aber es war ja nur so.«
Mit diesen Worten fasst Giorgia die Ungeheuerlichkeit dessen zusammen, was sie vor mir verbirgt – ja nur so.
Zehn Tage später ruft Mauro Giorgia an. Sie verabreden sich auf einen Kaffee, an einem Samstagnachmittag begleite ich Giorgia zur U-Bahn, bevor ich meine Eltern besuchen fahre.
Der Ort, den Mauro ausgesucht hat, ist nicht harmlos, Giorgia kennt ihn. Es handelt sich um eine Bar in der Gegend, wo sie zu Zeiten der Akademie häufig unterwegs war – es kommt ihr so vor, als sähe man die Silhouetten ihrer damaligen Bekannten und ihre Gespräche noch als Schatten auf den Oberflächen. Mauro wartet an einem Tischchen sitzend auf sie, er telefoniert gerade. Obwohl sie das Lokal gerade erst betreten und das Gespräch noch gar nicht begonnen hat, fühlt Giorgia sich schon geschlagen. Es ist dieses Gefühl der bevorstehenden Niederlage auf feindlichem Terrain.
»Da bist du ja!«, empfängt Mauro sie, als sie in sein Blickfeld gerät. »Entschuldige, ich muss Schluss machen«, sagt er ins Telefon. »Warte jedenfalls noch ein paar Tage und mach dann weiter. Ja, ciao, ciao.«
Er haucht ihr ein Küsschen auf die Wange, Giorgia bleibt steif, die Arme vor der Brust verschränkt.
»Hast du die Bahn verpasst wie in alten Zeiten?« Mauro lächelt, während er sich wieder hinsetzt, er gibt dem Kellner ein Zeichen, um zu bestellen.
»Nein, Filippo hat mich zur U-Bahn gefahren. Ich war einfach nur spät dran.«
»Wie üblich also.«
Er bestellt für sie mit und liegt richtig, aber er übergeht die Vertrautheit stillschweigend. Giorgia fühlt eine ganz bestimmte Angst in sich aufsteigen, die sie schon sehr lange nicht mehr gespürt hat, besser gesagt: seit Mauro und sie sich das letzte Mal gesehen haben; eine mit ihm verbundene Angst, ohne Panik, die schicksalsergebene Vorahnung zu langsamer Beutetiere.
»Also, wie geht es dir? Ich meine, in echt, nicht wie im Supermarkt. Wie geht es dir?«
Giorgia schiebt die Hände unter ihre Beine und lehnt sich ein wenig nach vorne. Sie beschließt, es zu versuchen, und schlüpft in eine Rolle.
»Gut«, antwortet sie. Sie wägt den Tonfall ab, die Worte. »Natürlich, es ist ein ganz anderes Leben, viel geregelter. Aber mir geht’s gut, ja, ich bin zufrieden. Doch, ich bin zufrieden.«
»Giò«, er schöpft die Crema seines Espressos mit dem Löffel ab. »Das war eine miserable Vorstellung, lass dir das gesagt sein.«
Er starrt sie an, um sie in Verlegenheit zu bringen, und Giorgia hält nicht stand, sie verliert auf dem Stuhl die Fassung, und ihr entfährt ein frustriertes Seufzen.
»Du könntest wenigstens so tun, als ob.«
»Und warum?«
»Weil wir Freunde sind. Freunde machen das so: Sie erzählen einander Geschichten und tun so, als würden sie einander glauben.«
Mauro lacht und schüttelt den Kopf. Giorgia fühlt sich trotzdem traurig, obwohl sie von der Last des Schauspielerns befreit ist.
»Sieht man es mir so sehr an?«
»Es ist dein Gesicht, Giò, was glaubst denn du? Ich erinnere mich gut an dein Gesicht, und es ist nicht das hier. Es sieht aus, als würdest du den Atem anhalten.«
Giorgia verengt ihren Blick auf den Boden der leeren Espressotasse.
»Jedenfalls, danke der Nachfrage, mir geht’s gut.«
Mauro wechselt das Thema und redet von der Akademie, von den Kursen, wie schwierig es sich gestalte, jemanden zu finden, der in der Lage sei, seinen Ansprüchen zu genügen, von der wichtigen Aufführung, für die er Fördergelder erhalten habe.
»Wir haben ein Jahr. Das ist nicht viel, aber es wird überraschend, visionär.«
»Worum geht es?«
»Oh nein, vergiss es, dir erzähle ich nichts. Ich habe dir noch nicht verziehen.«
»Machst du es aber spannend.«
»Du hast mich mitten in der Spielzeit sitzenlassen. Ein anderer Regisseur hätte dich gegrillt, das weißt du.«
Mauro hat die gleichen Blicke drauf wie damals, alle Details sind da wie gerufen, als hätte sich nichts geändert, aber Giorgia weiß, dass der Schein trügt. In den vergangenen drei Jahren haben sich die Dimensionen um sie herum verändert, während sich das Innere, unversehrt, der Veränderung widersetzt hat – aber wie lange noch?
»Das freut mich«, sagt sie zu ihm. »Es freut mich, dass du weiterhin das machst, was dir gefällt, dass du nicht aufgehört hast, daran zu glauben.«
Mauro lächelt immer noch. Er räumt alle Gegenstände zwischen ihnen aus dem Weg, einen nach dem anderen, schiebt sie an den blinden Rand des Tisches, bis nichts mehr übrig ist, nur ein leerer Raum, den er mit seiner Stimme füllt.
»Ich habe eine Rolle, die nur du spielen kannst.«
Diese Feststellung, so schnurgerade heraus, spannt sich wie ein Seil zwischen seiner und ihrer Hand, Giorgia spürt ein Seilende eng um ihr Handgelenk und will daran ziehen, das Seil zerreißen, zögert aber im letzten Moment.
»Du weißt, dass ich nicht kann.«
»Komm schon, Giò. Wir glauben doch nicht an Zufälle. Dich da wiederzutreffen, am letzten Ort der Welt, an dem ich dich vermutet hätte. Das ist passiert, weil ich niemanden wie dich habe, niemanden sonst, der dem gewachsen wäre. Jemanden wie dich habe ich nie mehr gefunden. Ich bin hier, um dich anzuflehen.«
»Ich mache schon seit fast drei Jahren nichts mehr, es ist nicht, wie es mal war.«
»Du weißt, dass das nicht der Punkt ist, ich würde dir helfen. Innerhalb von zwei Wochen würde ich dich wieder in Form bringen.«
Giorgia merkt, wie ein Lächeln ihren Mund bewegt, sie weiß, dass das ein Fehler ist.
»Das hatte ich nicht im Sinn. Außerdem habe ich jetzt den Job, Filippo, es ist nicht wie früher.«
»Die Hälfte meiner Schauspieler hat dieselben Probleme. Wir kriegen das schon irgendwie geregelt, das weißt du, los, sag schon, was ich hören will.«
Giorgia fällt auf, dass sie auf ihrem Stuhl zu weit nach vorne gerutscht ist. Wir glauben doch nicht an Zufälle. Mauro hat sich zu ihr gelehnt, sie sieht in seinem Körper dieselbe fiebrige Anspannung, die er in den Fluren der Akademie hatte, wenn sie auf der Suche nach dem Charakter einer Rolle gemeinsam das Linoleum abnutzten – wenn Giorgia ihm plötzlich eröffnete, dass sie ihn gefunden, ja, gesehen hatte. Sie versinkt in der Erinnerung an diese Erregung, die jedem anderen unverständlich ist.
»Ich kann dir darauf jetzt keine Antwort geben.«
Mit Mühe erlangt sie die Kontrolle über sich zurück. Mauro wird wieder harmlos.
»Also gut«, sagt er gelassen, »denk drüber nach. Ruf mich in einer Woche an.«
»In einer Woche«, wiederholt Giorgia, während sie mit einer Hand ihre Stirnfalten glattstreicht.
»Ich habe nicht viel Zeit, das verstehst du hoffentlich«, Mauro nimmt seine Jacke von der Stuhllehne und schlüpft hinein. »Gehen wir?«
Sie trennen sich draußen vor der Bar, inmitten der unsichtbaren Schatten.
»Verarsch mich nicht, Giò«, sagt er, bevor er geht. »Vor drei Jahren hast du mich um eine Atempause gebeten, und ich habe sie dir gewährt. Die Atempause ist vorbei.«
Manche Vergangenheiten – denkt Giorgia nach der Verabschiedung von Mauro – sitzen so tief in deinem Atem, deinem Magen, dass es kein Entrinnen gibt.
Als sie nach Hause zurückkommt, fühlt sie sich schuldig, sie denkt vor allem an mich, der ich von nichts weiß, und sie erzählt sich unsere Geschichte. Sie schaut zu, wie wir einander begegnen, wir sind eine Projektion auf der Fensterscheibe der U-Bahn, die von zahlreichen Variationen unbekannter Köpfe unterbrochen wird – als Kulisse dient der schnell dahinfließende grünliche Beton, während wir uns von den gegenüberliegenden Seiten eines Zimmers anschauen. Um uns herum findet eine Abschlussfeier statt, Alkohol aus Plastikbechern, noch stehen wir alle aufrecht. Wir teilen einen Schwebezustand, und wir haben keinerlei Absicht, etwas daran zu ändern. Ich sehe Giorgia und denke, dass sie die Gabe der immer etwas deplatzierten Schönheit hat, wenn du sie auf einer Seite in Ordnung bringst, löst sie sich auf der anderen Seite auf – die Haare, die Haltung, das Kleid, alles kommt in einem unaufhörlichen Strom aus dem Gleichgewicht. Ich sehe in Giorgia das, was ich sehen sollte: einen Menschen am Rande des Abgrunds, und genau dadurch fühle ich mich angezogen, später beschließe ich jedoch, mir einzureden, dass ich aus anderen, erträglicheren Gründen ihre Nähe suche – sie hat eine Liebenswürdigkeit alten Schlags, sie ist empathisch, besitzt die unentbehrlichen Fähigkeiten des Altruismus und der Geduld. Giorgia erkennt in mir intuitiv etwas Harmloses. Wir ziehen weiter in der Fensterscheibe vorüber, da sind Bilder von uns, wie wir uns unterhalten, da bin ich, der ich sie leicht an der Hüfte streife, und sie, die mich als beruhigende Präsenz wahrnimmt; vor ihren Augen zieht der Tag vorbei, an dem sie dachte, dass ich der letzte Vorposten eines normalen Lebens sein könnte: Das war drei Monate nach unserer ersten Verabredung, als ich nach dem Sex mit meinem Kopf auf ihrem Bauch einschlief – Afrolocken kratzen uns von der Fläche, wir landen verstreut auf dem Gummifußboden des Zugs, alle trampeln auf uns herum.
Giorgias Krankheit hat einen Namen, den sie nicht aussprechen möchte. Sie weiß, dass sie nach Meinung gewisser Ärzte dauerhaft Medikamente nehmen müsste. Sie weiß auch, dass sie die Krankheit in Zaum halten kann, sie muss sich nur auf die Kniffe und Tricks konzentrieren, ihre Übungen machen; letzten Endes ist es bei ihr nicht anders als bei jedem anderen durchschnittlich begabten menschlichen Wesen: Alle sehen Dinge, die nicht existieren, sie sieht sie nur größer, vielschichtiger. Zwar lässt sich nicht leugnen, dass ihr die Kontrolle ganz am Ende auf der Akademie fast entglitten wäre, wegen des ungeregelten Lebens, durch faule Nachlässigkeit; allein zu leben hat ihr nicht gutgetan, sie hat sich ablenken lassen, weil niemand in ihrer Nähe war. Aber jetzt ist die Situation eine andere, es gibt mich, die gemeinsame Wohnung, einen Job, alles ist geregelt. Jetzt ginge es vielleicht.
Das Schauspielen fehlt ihr. Sie hat das Theaterspielen während ihres ersten stationären Aufenthalts unter den Angeboten des Rehaprogramms entdeckt; anschließend hat sie auch außerhalb der Einrichtung Theaterkurse besucht. Theaterspielen ist das einzige Handlungsmuster, bei dem die Krankheit nicht dysfunktional auf ihren Körper einwirkt, sondern sogar nützt. Giorgia ist überzeugt, dass alle einen Ort bräuchten, der dem Kontrollverlust gewidmet ist, ein sicheres Versteck wie das, das sie gefunden hatte, ein Ort, an dem man sich wenigstens ein bisschen befugt fühlt loszulassen. Jetzt spürt sie ständig diesen Druck, ihre Hände umklammern rutschige Zügel. Wie war es demgegenüber in jenen Räumen? Wie war es, wie war es – im neurotischen Auseinanderdriften der Pendler geht sie langsam. Die Lektüre des Skripts, die methodische Ausgestaltung der Charaktere, und wenn diese sich dann plötzlich materialisierten und die Schwellen übertraten, wenn sie eine gleichwertige oder sogar dichtere Konsistenz bekamen als die Lebenden. Davon hat sie mir nie erzählt, genauso wenig von gewissen Gräfinnen von Illyrien, die sie heimsuchten, bis sie Giorgia allmählich auslöschten, oder von den Halluzinationen oder den Veränderungen ihres Denkens. Giorgia und ich sind rund um eine Auslassung erbaut.
Giorgia wartet so lange wie möglich. Am Ende der Woche hat sie nicht das Gefühl, sich entschieden zu haben.
»Ich muss mit dir über etwas reden«, sagt sie.
Der Freitagabend ist einer unserer Lieblingsmomente, weil er die Atempause einleitet. Der Freitagabend ist vielleicht der einzige Wellenbrecher der Woche, der Augenblick, in dem wir wieder ein bisschen so werden, wie wir früher waren – noch immer geistert in uns das studentische Vorspiel zum Wochenende herum, deshalb ist es nicht falsch zu behaupten, dass wir uns dank einer Erinnerung entspannen, die keinen Bezug mehr zu unserer Lebenswirklichkeit hat. Am Freitagabend sind wir unbeschwert, wenn auch abgeschlagen, umfangen von einer nicht-körperlichen Müdigkeit. All unsere Energien erschöpfen sich in mit der Zeit immer aufwändigeren mentalen Anstrengungen, durch das ständige Sich-Zureden und die ständige Selbstbeherrschung.
Zwischen den Resten des chinesischen Essens vom Schnellimbiss legen wir die Hände ineinander.
»Raus damit«, sage ich, betrunken von süßsauren Soßen.
»Mauro hat mir bei unserem Treffen einen Vorschlag gemacht. Ich hab dir nicht sofort davon erzählt, weil ich erst selbst darüber nachdenken musste.«
»Ich hoffe, etwas sehr Unanständiges.«
»Unaussprechlich. Unwiederholbar. Er hat mich gebeten, wieder Theater zu spielen.«
Jetzt weiß Giorgia, dass es ihr am liebsten wäre, ich hätte etwas dagegen, würde es ihr aus irgendeinem absurden Grund verbieten, das Angebot anzunehmen. Aber ich habe überhaupt keinen Grund, das zu tun.
»Ach, wie schön. Warum zögerst du noch? Hättest du nicht Lust dazu?«
Natürlich hätte sie Lust. Es könnte ein Ausweg aus der Überforderung sein, eine Möglichkeit, mit den Kollateralschäden umzugehen, die der Supermarkt verursacht. Es ist für sie bloß so schwierig, zu entscheiden, was die Wahrheit ist.
»Ich weiß nicht, es würde ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Abende wären ständig mit Proben belegt.«
»Und wo ist das Problem?«
»Wir würden weniger Zeit miteinander verbringen.«
»Vielleicht könnte ich ja ab und zu mitkommen.«
»Ja, ich glaube schon.«
Ich sage es Giorgia nicht, aber sie kommt mir so resigniert vor, dass ich fast wütend werde. Ich denke, dass alles falsch läuft, alles genauso läuft, wie es nicht sein sollte.
»Wir machen gar nichts mehr, was uns Spaß macht, oder nicht?«
Ich umfasse ihr Handgelenk und ziehe sie zu mir, auf meinen Schoß, denn manchmal mag ich es, aus nächster Nähe mit ihr zu sprechen, den Kopf an ihre Schulter gelehnt. Giorgia weiß nicht warum, aber gerade rührt sie diese Geste, deshalb hebt sie ihren Kopf und weicht meinem Blick aus. Wieder hätte sie gerne, dass ich mich zwischen sie und die Entscheidung stelle.
»Sag das nicht.«
»Aber es stimmt doch. Wir haben keine Hobbys, keine Ablenkung.«
Wir sind kurz davor, einander zu sagen, dass dieses Leben uns ankotzt, aber ich bin geübt darin, mich zu beherrschen.
»Na gut. Im Großen und Ganzen können wir uns nicht beklagen. Aber du bist den ganzen Tag da drin eingesperrt, das ist nicht gesund. Ich glaube, es würde dir guttun. Meinst du nicht?«
Giorgia nickt.
»Ich glaube schon.«
»Wir führen ein Alte-Leute-Leben.«
»Ach Quatsch«, Giorgia küsst mich auf die Stirn.
Sie denkt aber weiter darüber nach. Ein Alte-Leute-Leben. Nicht einmal, als wir ins Bett gehen und ich mit der Hand nach ihr suche, hört sie damit auf. Sie denkt darüber nach, während ich sie berühre – ein Alte-Leute-Leben. Es gibt etwas Schlimmeres, würde sie mir gerne verraten, stattdessen drückt sie ihre Finger in meinen Hals, streichelt mich. Etwas Entsetzliches.
