Die Uckermark ist ausverkauft - Birgit von Heintze - E-Book

Die Uckermark ist ausverkauft E-Book

Birgit von Heintze

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Beschreibung

»Die Uckermark ist ausverkauft« – mit diesem Satz der Immobilien-Maklerin ist dem großstadtmüden Ehepaar Rosa und Richard blitzartig klar: Aus dem ländlichen Idyll wird so schnell nichts werden. Doch zum Traumhaus-Glück ist ein altes Forsthaus im Berliner Umland bald gefunden – und dann beginnt das Baustellen-Desaster! Zum Handwerker- und Behördenchaos gesellen sich Umweltprobleme ebenso wie Stasi-Seilschaften, Ehekrise und Fast-Pleite: drei Jahre voller amüsanter und durchaus dramatischer Ereignisse. Birgit von Heintze, die selbst Stadtfrust gegen Landliebe getauscht hat, blickt mit Witz und Tiefgang auf alle gängigen Klischees und den besonderen Charme der ostdeutschen Provinz.

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Seitenzahl: 411

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Birgit von Heintze

Die Uckermark

ist ausverkauft

Roman

Dieses Buch ist ein Roman, wenn auch die Charaktere erkennbare Vorbilder haben, von denen einige biografische Details übernommen wurden. Dennoch sind es Kunstfiguren. Sowohl ihre Darstellung als auch die Handlungsstränge und die Verortung sind fiktiv. Ähnlichkeiten mit tatsächlich lebenden oder toten Personen, Ereignissen oder Orten sind rein zufällig.

Distanzierungserklärung:

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© 2023 Langen Müller Verlag GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Sabine Schröder

Umschlagmotive: Andreas Vitting / Mauritius Images

Satz und E-Book-Konvertierung: Satzwerk Huber, Germering

ISBN 978-3-7844-8463-1

www.langenmueller.de

Für Florian, Cecilie und Clara

In Erinnerung an Franz und Willi

Ausdauer wird früher oder später belohnt – meistens aber später.

Wilhelm Busch

Wenn Angela Merkel von dem hektischen Großstadt-Treiben in Berlin genug hat, packt sie die Tasche und verlässt mit ihrem Mann Berlin Richtung Norden. Eine gute Stunde Fahrt liegt vor den beiden. Ihr Rückzugsort ist ein Wochenendhaus in der Uckermark. Hier schaltet die Kanzlerin ab. So wie Angela Merkel fliehen viele Berliner am Wochenende aufs Land: In Brandenburg, zu dem neben der Uckermark auch der Spreewald und die Lausitz gehören, finden sie unberührte Natur, Stille und Abgeschiedenheit. (ImmoScout24.de)

*

Danke, Internet!

Ein nicht enden wollender Winter hatte die Stadt seit Monaten fest im Griff. Aufgetürmte Schneemassen an den Straßenrändern blockierten die ohnehin hart umkämpften Parkplätze, auf dem spiegelglatten Kopfsteinpflaster rutschten Autos manövrierunfähig ineinander, während sich auf den vereisten Gehwegen Passanten im Stundentakt die Knochen brachen.

Ich schaute aus dem Fenster in den Himmel über Berlin. Schon seit Stunden schneite es große dicke Flocken, die sich für einen kurzen Moment wie ein Schleier auf die Dächer der Häuser legten, bevor sie schmolzen und in Rinnsalen in die überschwappenden Regenrinnen tropften. Ein letztes Aufbegehren des Winters, und das Anfang April.

Das Weiß des Schnees vermischte sich mit dem Schmutz auf dem Fensterglas zu unappetitlichen grauen Schlieren, die vor meinen Augen verschwammen. Wie die Buchstaben auf dem Bildschirm meines Computers, die sich zu Worten zusammenfügen sollten, was sie aber nicht taten.

Konzentrier dich, Rosa, befahl meine innere Stimme. Denk nach. Nur noch zwei Tage, dann musst du abgeben.

Dieses Schietwetter da draußen war jedoch alles andere als eine Inspiration für einen Artikel über die Balearen. Für die Reiseseite einer Tageszeitung sollte ich den Mythos Ibizas beschreiben, der beliebten Partyinsel im Mittelmeer, die einst vom Fischfang lebte, bevor die Hippies sie als preiswertes Flower-Power-Paradies entdeckten, bis der internationale Jetset einfiel und damit das Preisniveau verdarb. Dass die verschmutzten Fensterscheiben meiner Wohnung meine vollständige Aufmerksamkeit auf sich zogen und mir zu dem Inselmythos leider gerade nichts weiter einfallen wollte, würde meinen Auftraggeber wenig interessieren. Wenn ich nicht lieferte, tat es beim nächsten Mal ein anderer. So war das Leben als Freelancer im Lifestyle-Bereich.

Das »Pling« meines Computers riss mich aus meinen Gedanken. Sie haben eine neue Nachricht. Ich klickte auf den Link der eingegangenen E-Mail und las. Ungläubig starrte ich auf den Bildschirm. Und las den Text ein weiteres Mal.

»Das ist es!«, rief ich durch die Wohnung. Mit leichtem Herzklopfen und dem Laptop in der Hand lief ich zum Badezimmer, um mit Richard die großartigen Neuigkeiten zu teilen. Richard war seit mehr als zwanzig Jahren mein Mann und der Vater meiner Kinder. Jeden Samstagvormittag lag er, nachdem ihn sein Personal Trainer mit einem Muskelaufbau-Programm gequält hatte, zur Entspannung in der Badewanne. Ein einstündiges, heiliges Ritual, das unter gar keinen Umständen gestört werden durfte. Egal, dachte ich. Schließlich hatte ich es soeben gefunden: unser Haus im Grünen. Der Traum auf dem Land. Ein Leben in der Natur. Ein Szenario, das sich wie auf Knopfdruck vor meinem inneren Auge in romantischen Bildern im Weichzeichner-Modus entfaltete. Ja, frohlockte es in mir, die enervierende Immobiliensuche hat nun ein Ende. Danke, Internet.

Ich klopfte dreimal kurz an die Badezimmertür, was mit einem gedehnten »Was ist denn?« beantwortet wurde, bevor ich meinen Kopf und schließlich mich selbst durch die Tür schob. Richard lag mit angezogenen Beinen inmitten einer nach Rosmarin und Zitrone riechenden Duftwolke. Bei einer Körperlänge von einem Meter dreiundneunzig musste er sich zwangsläufig entscheiden, ob die Beine oder der gut trainierte Oberkörper vom Wannenwasser bedeckt waren. Bequem sieht das nicht aus, dachte ich.

»Zeig mal her.« Richard scrollte mit feuchten Schaumfingern über den Bildschirm. »Das dauert mir jetzt echt zu lang«, meinte er mit einem kurzen Blick auf das zweiunddreißigseitige Exposé, wobei er den Laptop von sich schob. »Später, okay?«

»Später ist vielleicht zu spät«, sagte ich.

»Na gut, kannst ja mal einen Termin machen.«

Ich kannte Richard gut genug, um zu wissen, dass er meinen Internetfund immerhin als passabel einstufte, sonst hätte er sich das Haus gar nicht erst anschauen wollen. Andere Immobilienangebote waren da nicht so gut weggekommen. Mit den Kommentaren »zu teuer«, »zu weit weg«, »zu unattraktiv« waren sie schnell wieder vom Tisch gewesen. Richard betrachtete die Dinge eher nüchtern. Seine Emotionen hatte er meist im Griff, im Gegensatz zu mir. Er war die Dampfpfeife auf dem Wasserkessel, die dafür sorgte, mein Überkochen zu verhindern.

Zurück auf den Boden der Tatsachen. Denn da war nicht mehr als das Inserat einer zum Verkauf stehenden Immobilie. Es hatte weder eine Objektbegehung gegeben, noch hatten wir Kenntnisse über die genauen Umstände und Hintergründe. Von einem persönlichen Kontakt zu dem Verkäufer ganz zu schweigen.

*

Von wegen Landflucht

Bevor es mir endlich gelang, den Verkäufer telefonisch zu erreichen, konnte ich das Exposé längst auswendig herunterbeten. Ein ehemaliges Forsthaus inklusive Scheune, mit Garten und altem Baumbestand, achtzig Kilometer südlich von Berlin inmitten eines Waldes. Ein Sechser im Lotto. Wen störten da schon die etwas unscharfen und mit irgendeinem gelblichen Filter bearbeiteten Fotos.

Und das Beste: Unser zukünftiges Haus lag direkt an einem Waldsee. Ein Wassergrundstück, nicht zu fassen! Umgeben von nichts als herrlicher Natur und seltenen Schmetterlingsarten wie dem Hochmoor-Perlmutterfalter, vom Aussterben bedrohte Vogelarten wie dem Eisvogel und dem Schwarzstorch, Käfer-Raritäten und anderem Getier. Flora und Fauna in Reinkultur. Das alles wurde auf den zweiunddreißig Seiten detailliert geschildert. Vielleicht war der Verkäufer ja Hobby-Ornithologe, Biologielehrer oder Umweltaktivist?

Je öfter ich die Zeilen überflog, umso mehr wich meine anfängliche Euphorie einer gewissen Skepsis. In mir bohrte die Frage, warum sich jemand von einer solchen Traumimmobilie trennte. Der Mann musste pleite sein oder zumindest Geldsorgen haben. Ein anderer Grund ergab keinen Sinn. Trennungen von Partnern sind bekanntermaßen an der Tagesordnung. Aber doch nicht von einem Objekt wie diesem – eine der wenigen Perlen, die es auf dem abgefischten Immobilienmarkt des Berliner Umlandes überhaupt noch gab. Und dann zu diesem moderaten Preis.

Der Umstand, dass unter der angegebenen Handynummer auch an Tag drei niemand abnahm, beunruhigte mich derart, dass ich wie eine in Käfighaltung drangsalierte Raubkatze durch die Wohnung tigerte. Statt in meinem Homeoffice über den ibizenkischen Mythos zu reflektieren, wischte ich zum dritten Mal innerhalb einer Stunde über die Arbeitsplatte in der Küche, ordnete den Stapel frisch gewaschener Handtücher nach Größe und kontrollierte das Verfallsdatum der Konservendosen im Vorratsschrank. Das Handy stets in Reichweite. Es war Mittag, als eine mir unbekannte Nummer auf dem Display blinkte.

»Sorry, dass ich Sie jetzt erst zurückrufe, Frau Vonderweide«, sagte jemand mit skandinavischem Akzent am anderen Ende der Leitung. »Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Leute wegen der Anzeige in den letzten Tagen bei mir angerufen haben.«

Doch, das konnte ich durchaus. Ganz Berlin sucht schließlich nach Häusern auf dem Land. Entgegen der weitverbreiteten Auffassung, der ländliche Raum würde zunehmend verwaisen und das Dorf als Lebens- und Sozialform hätte keine Zukunft, registrierten etliche Kommunen sogar einen beachtlichen Bevölkerungszuwachs. So stand es zumindest in einer Studie mit dem treffenden Titel »Trend Re-Urbanisierung«, die mir kürzlich auf den Schreibtisch geflattert war. Demnach zog es junge Familien raus aus der Stadt, weil sie sich die explodierenden Mieten nicht mehr leisten konnten oder wollten. Jeder vierte Hauptstädter träumt von einem Wochenendrefugium im Grünen. Landflucht? Von wegen. Mir wurde plötzlich flau in der Magengegend, und eine düstere Ahnung überkam mich. Haus verkauft. Aus der Traum.

»Schauen Sie sich das Haus gern an. Es ist nicht abgeschlossen«, unterbrach der Mann, der sich als Professor Petterson vorgestellt hatte, meine vorauseilende Besorgnis. »Aber zögern Sie nicht zu lange. Es gibt zwei ernsthafte Interessenten.«

Professor Petterson, der sich anhörte wie die nette Männerstimme aus der Ikea-Werbung, skizzierte in wenigen Worten die Situation vor Ort und gab mir Tipps für die Anfahrt. Worte wie Sanierungsbedarf, Umbaugenehmigung, Trinkwasserverordnung streiften en passant mein Ohr. Sein letzter Satz über ein bereits vorliegendes Kaufgebot verschwand im Nirwana meines Kopfes. Ich saß schon mit einem Bein im Wagen auf dem Weg ins Büro meines Mannes. Vom obersten Stock einer ehemaligen Seifenfabrik in Kreuzberg leitete Richard die Berliner Dependance von »Brain & Consulting«, einer amerikanischen Unternehmensberatung mit dem Schwerpunkt Strategieberatung und Organisationsdesign, was in vielen Fällen nichts anderes bedeutete als Personalabbau. Und obwohl Richard als gefürchteter Chefstratege galt, wusste ich, dass ihn diese Optimierungsprozesse und die persönlichen Schicksale dahinter nicht unberührt ließen.

»Mal eben eine Fahrt ins Grüne, wie stellst du dir das vor?«, fragte er. Nicht nur seiner Meinung nach war er in der Firma unentbehrlich.

»Wenn du jetzt nicht mitkommst, verpassen wir die Chance unseres Lebens«, rief ich mit Nachdruck in die Freisprechanlage, »und es liegt an dir, ob wir weiterhin unsere Wochenenden in Prenzlauer Berg zwischen all den ökologisch korrekten Helikopter-Müttern und ihren Bugaboo-Kinderkarren fristen.«

Diese reizlose Perspektive konnte Richard offenbar überzeugen. Er kam nach unten und quetschte sich auf den Beifahrersitz meines Minis, wenn auch unter leisem Protest. Diesen und sämtliche Verkehrsregeln missachtend jagte ich den Wagen über den Tempelhofer Damm Richtung Autobahn. Das war schließlich ein Notfall.

*

Berlin-Liebe

Berlin war eigentlich nie die Stadt meiner Wahl gewesen. Dass ich seit dem Fall der Mauer mehrfach nach Berlin gezogen und wieder weggezogen bin, war allein beruflichen Veränderungen geschuldet. Als Autorin im Medienbereich wird von mir eine gewisse Flexibilität erwartet, Standortwechsel und Umzüge eingeschlossen. »Und Berlin ist ja nicht Gelsenkirchen«, tröstete mich meine Mutter beim ersten Umzug. Immerhin hatte ich hier Anfang der Neunzigerjahre Richard kennengelernt, der für eine vierwöchige Urlaubsvertretung von der alten in die neue Hauptstadt gekommen war. Unsere Büros lagen in der Glinkastraße in einem hässlichen, dem Abriss geweihten Plattenbau unweit des Brandenburger Tors, wo man die Aufbruchstimmung der Nachwendejahre am intensivsten spürte.

Die Stadtsilhouette war geprägt von staubigen Großbaustellen, aus denen Riesenkräne gewiefter Investoren ragten, die die leeren Häuserschluchten mit mehr oder weniger spektakulärer Architektur zu füllen suchten. Vor allem die Mitte Berlins war ein einziges Provisorium. Und da begegnete ich Richard. In einer nach altem Bratenfett stinkenden Pop-up-Kantine liefen wir uns nicht nur über den Weg, wir liefen förmlich ineinander hinein. Dieser Ort war alles andere als romantisch, aber der einzige Mittagstisch in der Umgebung und damit alternativlos.

Richard jonglierte gerade sein Essenstablett durch die ausgehungerte Menschenmenge, auf der Suche nach einem freien Platz, als er abrupt stehen blieb. Ich konnte gar nicht anders, als mit meinem beladenen Tablett ungebremst in ihn hineinzusteuern, wobei sich meine Cola Light über seinen teuren Designeranzug ergoss. »Können Sie nicht aufpassen?«, fragte er mit unüberhörbarem Vorwurf in der Stimme.

»Angenehm, die Empörung ist ganz auf meiner Seite«, sagte ich angriffslustig und deutete mit einem Blick auf die Speisen meines Tabletts, die sich zu einem unappetitlichen Brei zusammengefügt und in Spritzern auf meiner neuen Seidenbluse verteilt hatten.

»Oh, tut mir leid«, antwortete er verblüfft und schaute mich für einen Moment an. »Kommen Sie«, sagte er und lotste mich an einen Tisch mit zwei freien Plätzen. »Richard«, stellte er sich mit einem ziemlich umwerfenden Lächeln vor. »Rosa«, sagte ich und erwiderte den festen Händedruck seiner ausgestreckten Hand.

»Warten Sie bitte einen Moment«, sagte er, erhob sich von seinem Platz, schob sich durch die Menge und kehrte mit einem Espresso für sich und einer Cola Light für mich an unseren Tisch zurück, wobei ich ihn kurz musterte. Groß, blond, attraktiv, etwas älter als ich. »Etwas zu essen gab’s leider nicht mehr, und das da scheint ungenießbar«, erklärte er mit einem Blick auf unsere beiden Tabletts.

»Ist schon okay«, sagte ich, »nach einer kulinarischen Offenbarung hat es ohnehin nicht ausgesehen.« Wir lachten.

»Darf ich dich als Wiedergutmachung zum Essen einladen? In der Französischen Straße gibt es ein neues Bistro. Heute Abend zwanzig Uhr?« Verwundert über sein Tempo und das prompte Du willigte ich ein. Ein paar Abendessen später, nach einer durchtanzten Nacht im »Tresor«, zu vielen Cocktails im »Blue Note« und im »Dschungel« und einem romantischen Ausflug nach Potsdam ins Schloss Cecilienhof verliebten wir uns und wurden ein Paar, wenn auch vorerst mit getrennten Wohnsitzen. In den darauffolgenden zwei Jahren zogen wir karrierebedingt wie eine Ziehharmonika durch Deutschland, er in die eine, ich in die andere Richtung. Er ging zurück nach Bonn, dann nach München und ich von Berlin nach Hamburg. Eine nicht immer einfache Wochenendbeziehung mit Lufthansa- Frequent-Traveller-Status und großem Vertrauensbonus.

Als wir Mitte der Neunziger heirateten und ich wenig später schwanger wurde mit unserer ersten Tochter Sophie, beschlossen wir, sesshaft zu werden. Ich kündigte meinen Moderatorinnenjob bei einem privaten Fernsehsender und freute mich auf ein Leben ohne Quotendruck. Auf die Zeit als hingebungsvolle Mutter im südlichen Schleswig-Holstein. Denn da waren wir gestrandet, nachdem Richard eine neue Position in Hamburg angenommen hatte. Wir mieteten einen für Norddeutschland typischen Rotklinkerbau aus der Gründerzeit, umgeben von einem großen Garten, der direkt zum See und dem dazugehörigen Bootssteg führte. Mit der Geburt unserer zweiten Tochter Valerie wurden wir eine richtige Familie. Wenig später komplettiert durch Franz, unseren Labrador, und Willi, einen Parson-Terrier. Das Bilderbuchleben einer Bilderbuchfamilie in einem Bilderbuchhaus. Fast.

Anfang der Nullerjahre sollte Richard für seine damalige Firma eine Stelle als Projektleiter in Berlin antreten. Das war kein Angebot. Das war eine Erwartung, der er zu entsprechen hatte. Das Jobangebot traf uns aus heiterem Himmel und völlig unvorbereitet. Ich sah die Idee vom Landleben und meine Vorstellung, unsere Kinder im Grünen fernab von Autoabgasen aufwachsen zu sehen, zerbröseln wie von der Gabel zerdrückte Kuchenkrümel. Wir liebten unser Leben, so wie es war. Wer konnte wissen, mit welchen Überraschungen oder gar Gefahren uns die Hauptstadt konfrontierte? Ich blieb also mit den Kindern in unserem Haus am See. Im Nachhinein betrachtet weiß ich, dass das ein Fehler war. Es gibt Ehen, die funktionieren als Wochenend-Abonnement. Unsere tat es nicht. Als Paar wären wir daran beinahe gescheitert.

Während sich Richard voller Enthusiasmus seinen neuen Aufgaben widmete, wichtige Leute kennenlernte und beinahe jeden Abend Geschäftsessen oder Einladungen auf der Agenda abhakte, saß ich mit zwei kleinen Kindern in dem schönen, aber einsamen Haus. Mein Radius reichte nicht viel weiter als bis zur Tür des Kindergartens. Meine Alltagsroutine bestand aus Haushalt, Kinderentertainment und Hundeerziehung, mein geistiger Input beschränkte sich an manchen Tagen auf Rolf-Zuckowski-Gesänge und die Sesamstraße. Der bloße Anblick des Sandmännchens hatte eine narkotisierende Wirkung auf mich. Kaum hatte ich die Kinder ins Bett gebracht, fiel mir mein müder Kopf beim abendlichen Schreiben von Artikeln beinahe auf die Schreibtischplatte. Am Ende der Woche als alleinerziehende Mutter war ich meistens so erschöpft, dass ich Richard einmal mit den Worten »Gut, dass du da bist, jetzt übernimmst du« empfing statt »Gut, dass du bist«. An unsere gemeinsamen Wochenenden hatten wir hohe Erwartungen, die weder Richard noch ich erfüllen konnten. Richard, der zu Hause entspannen und runterkommen wollte, wurde, sobald er in der Tür stand, von den Kindern oder von meinen endlosen To-do-Listen in Beschlag genommen: »Schatz, kümmerst du dich bitte um den kaputten Fensterhebel, kannst du die Mädchen noch zum Kindergeburtstag fahren und die Getränkekisten ins Auto laden?« Hatte ich für Samstagabend Freunde zum Essen eingeladen, reagierte Richard genervt. »Jedes Wochenende Socializing, ich muss mich ausruhen, will die Sportschau gucken, schlafen.«

»Klar, verstehe. Und ich? Wo bleiben meine Bedürfnisse, meine Wünsche?« »Wieso, du hast doch die ganze Woche Zeit für dich …«

Hahaha.

Immer öfter fuhr Richard schon Sonntagabend wieder Richtung Hauptstadt. Anfangs hatte mir das einen Stich versetzt, dann begann ich mich daran zu gewöhnen. Es war eine Abwärtsspirale der Entfremdung, bei der wir gerade noch rechtzeitig die Notbremse gezogen hatten. Mit dem Umzug der Familie nach Berlin.

*

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Ich hasste den Stadtverkehr Berlins, in dem Staus und Verkehrs-

chaos an der Tagesordnung sind. Wer über die Leipziger Straße fährt, eine der wichtigsten Verkehrsadern der Hauptstadt Richtung Stadtmitte und Potsdamer Platz, ist zu Fuß fast schneller, als wenn er sich in diese Feinstaub und Giftstoffe versprühende Blechlawine einreiht. Für bestimmte Strecken innerhalb des Berliner Zentrums war ich schon vor geraumer Zeit auf U- und S-Bahn umgestiegen. Das ging meistens schneller und war, wenn nicht gerade total überfüllt, deutlich nervenschonender.

Nie zuvor war mir der Tempelhofer Damm so endlos lang erschienen wie an diesem Apriltag. Als wir endlich auf die Autobahn Richtung Dresden abbogen, begann sich meine innere Anspannung ein wenig zu lösen. Über Nacht hatten sich die schwarzgrauen Schneeberge in matschige Pfützen verwandelt. Trotzig räumten sie die Bühne und machten Platz für die ersten zaghaften Frühlingsboten. Mit jedem Meter, den wir Berlin hinter uns ließen, spürten wir den Einzug der neuen Jahreszeit. Die Bäume erschienen plötzlich viel grüner, der Himmel blauer, das Vogelgezwitscher lauter.

»Der Petterson sagte, es gäbe bereits zwei potenzielle Käufer«, begann ich das Gespräch.

»Das hätte ich an seiner Stelle auch behauptet«, brummte Richard, den Blick konzentriert auf das Handy gerichtet, damit ihm auch ja keine Nachricht aus dem Büro entging. »Reine Verkaufstaktik. Der Mann steigert dadurch die Attraktivität des Objektes.«

»Vielleicht ist da aber doch was dran – so vielversprechend, wie er das Objekt beschrieben hat. Da würde es mich nicht wundern, wenn es noch viel mehr Interessenten gäbe.«

»Und selbst wenn. Von solchen Ansagen darf man sich nicht unter Druck setzen lassen. Was meinst du, wenn ich in Kundengesprächen so emotional rangehen würde und mich von all dem, was mein Gegenüber so behauptet, beeindrucken ließe …« Richard lockerte mit einer Hand den Knoten seiner Krawatte, während seine andere Hand über das Display des Handys wischte. »Glaub mir, mit solchen Typen habe ich ständig zu tun. Da muss man cool bleiben.«

»Wow, ich bin beeindruckt«, entgegnete ich ironisch. »Deine Menschenkenntnis ist wieder einmal verblüffend.« Doch ich wusste, dass Richard tatsächlich innerhalb weniger Minuten sein Gegenüber erfasste. Dabei irrte er sich selten bis gar nicht. Ein siebter Sinn, der sicher auch dazu beitrug, dass er sich im Job immer noch erfolgreich behauptete, obwohl die jüngeren Kollegen stets an seinem Stuhlbein sägten, kaum dass er sich umdrehte. Ich bewunderte ihn dafür. Trotzdem nervte es mich, dass er gedanklich selbst jetzt am Schreibtisch saß. Schließlich war diese Fahrt doch eine notwendige Maßnahme in einer äußerst wichtigen Mission.

Es war nicht die erste Immobilie, die wir in Brandenburg besichtigten. Seit eineinhalb Jahren waren wir auf der Suche nach einem Häuschen im Grünen, einer Wochenendalternative zu unserem turbulenten Leben in der Hauptstadt. Das Landleben in Light-Version, mit einem Standbein in der urbanen Zivilisation. An freien Tagen und in den Ferien sollte es dann »Tschö, Berlin, wir sind dann mal weg« heißen. Weg vom Gestank, vom Dreck, von der Enge und den Touristen, die sich mittlerweile scharenweise mit organisierten Bus- und Segway-Touren über den Prenzlauer Berg ergossen.

Ich hatte mich bei diversen Immobilienmaklern in die Kundenkartei aufnehmen lassen und auf den einschlägigen Internetportalen Suchanzeigen eingestellt. Wochenendhaus, Datsche, Seegrundstück, Haus mit Garten, Scheune waren die Schlagwörter, mit denen ich Immobilienscout, eBay Kleinanzeigen und Immonet fütterte und von denen ich mir erhoffte, dass sie uns aufs Land zurückbringen würden. Tatsächlich erhielt ich fast täglich E-Mails mit Angeboten für Baugrundstücke, Gartenhäuser, Schrebergärten, Resthöfe und Einfamilienhäuser, größtenteils in weit abgelegenen Regionen Brandenburgs, von deren Existenz ich noch nie zuvor gehört hatte. »Jwd, janz weit draußen«, wie der Berliner sagt.

Nur wenige der vorgeschlagenen Objekte entsprachen meinen Suchkriterien und unseren Vorstellungen. Ich pickte mir die spärlichen Rosinen aus dem Angebotskuchen, rief die Makler an, vereinbarte Termine. Zu unseren Wochenendritualen zählte fortan nicht mehr der Bummel über den Kollwitzmarkt mit anschließender Einkehr bei unserem Lieblingsösterreicher auf ein kleines Schnitzel und ein Viertel Veltliner, sondern Besichtigungstouren durch die Weiten Brandenburgs.

Dass die angepriesenen Objekte den oft blumig formulierten Anzeigentexten in der Realität selten entsprachen, zeigte auf eindrucksvolle Weise die »Romantische Datsche mit direktem Zugang zum Kähnsdorfer See«. Was die Schönheit der Landschaft betraf, hatte der Autor der Anzeige nicht übertrieben. Umgeben von weitläufigen Äckern und Mischwäldern war der sechsundzwanzig Hektar große Kähnsdorfer See ein Badeparadies mit diversen Uferstegen und einem kilometerlangen Sandstrand, der sich auch bei den Urlaubern des nahe gelegenen Campingplatzes großer Beliebtheit erfreute. Direkt an den Campingplatz schlossen sich zahlreiche Lauben an, von denen eine die inserierte Datsche sein sollte. Die unmittelbare Nachbarschaft von Campingplatz und Datsche trübte meinen ersten positiven Eindruck schon ein wenig. Unser Weg führte vorbei an einigen ungepflegten Bungalows, die ursprünglich wohl alle mal im selben Format erbaut worden waren, durch verschiedene Um- und Anbauten aber nun den Individualisierungswünschen ihrer Besitzer Ausdruck verliehen. Was diese Häuser einte, waren der beständige, offenbar unverwüstliche DDR-Außenputz, achtlos entsorgtes Baumaterial an den jeweiligen Grundstücksgrenzen und die Hundezwinger in den Vorgärten, aus denen uns mehrstimmiges Hundegebell entgegenschallte. Mir war zuvor schon aufgefallen, dass Vierbeiner auf dem Land häufig in Outdoor-Gehegen verwahrt wurden, ganzjährig, Tag und Nacht. Man betrachtete sie als Wach- oder Jagdhunde und weniger als Familienmitglieder, weshalb Hundehaltung im Haus im ländlichen Brandenburg augenscheinlich kaum vorkam.

Am Ende der Bungalowreihe residierte Hotte Hermann, der Betreiber des Campingplatzes und Herr über die Laubenkolonie. Sein Hund war ein mächtiger Rottweiler mit einer noch mächtigeren Eisenkette um den Hals, die spannte und in das Fell schnitt, wenn er sich beim Knurren und Bellen aufbäumte, um Haus, Hof und Herrchen zu bewachen. Das brachte dem Objekt »Romantische Datsche« einen weiteren Minuspunkt auf meiner persönlichen Bewertungsskala ein. Als uns Hotte Hermann, der eigentlich Horst hieß, »aber alle sagen Hotte zu mir«, gegenüberstand, kam ich schnell zu dem Schluss, dass dieser Prototyp eines Schwergewichtboxers keinen Kettenhund brauchte. Wohl eher ein paar Nachhilfestunden in deutscher Geschichte, die im Idealfall zur Verbannung der schwarz-rot-weißen Reichsflagge mit Eisernem Kreuz aus seinem Vorgarten beitragen könnten.

»Lass uns gehen«, raunte Richard. Aber da standen wir schon vor der Laubenpiepe, wie Hotte Hermann die ziemlich verwahrloste Datsche bezeichnete. Ein nicht mal zwanzig Quadratmeter kleiner, muffiger Bretterverschlag, dem eigentlich nur noch die Abrissbirne etwas Gutes tun konnte, um Platz zu schaffen für etwas, das dem Adjektiv »romantisch« tatsächlich nahekommen würde. Als Hotte Hermann auch noch vierzigtausend Euro Abstand »in bar« verlangte, die aber nicht den Erwerb der Datsche beinhalteten, sondern – ja, was eigentlich?, hatten wir endgültig genug.

Die Konsequenz war, dass wir unsere Besichtigungstouren durch die Weiten Brandenburgs fortsetzen mussten, sowohl an Samstagen als auch sonntags. Denn Brandenburg ist groß. Sehr groß.

»Wie lange fahren wir denn noch?«, fragte Richard, der endlich die Sprache wiedergefunden hatte. »Stand in Pettersons Exposé nicht etwas von achtzig Kilometern?«

»Es kann nicht mehr lange dauern«, versuchte ich ihn und mich zu beruhigen. Ich warf einen kurzen Blick auf den Tachometer. Mein Verdacht, dass sich die angegebenen achtzig Kilometer lediglich auf die Autobahnstrecke bezogen, bestätigte sich. Endlich kam die Ausfahrt Biegenfelde. Von hier aus ging es auf die Landstraße Richtung Lieberow. Laut Navigationssystem würden wir das Ziel in dreißig Minuten erreichen. Aber selbst eine halbe Stunde kann einem wie eine gefühlte Ewigkeit erscheinen.

Wir passierten Dörfer, deren Namen ich mir einzuprägen versuchte: Wüsteritz und Sorgerow, gefolgt von Himmelmark und Seelendorf.

Wo war sie wohl, die Seele des aus vielleicht zwanzig Häusern bestehenden Ortes, dessen tristes Einheitsgrau vergangener DDR-Tage bunt leuchtenden Hausfassaden gewichen war? Lag sie über den Beeten penibel gepflegter Vorgärten? Bewachte sie das Denkmal für die gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege? Schwebte sie über der Dorfkirche, einem mittelalterlichen Feldsteinbau mit Fachwerkturm und roten Biberschwanzziegeln, an der wir gerade vorbeifuhren? Augenscheinlich erst in jüngster Vergangenheit renoviert, wie fast alle Kirchen, die wir auf unseren vielen Fahrten durch Brandenburg gesehen hatten.

»In dreihundert Metern rechts abbiegen«, meldete sich die Stimme des Navis. Bevor ich über die enorme Anzahl von Gotteshäusern im atheistischen Osten weiter nachdenken konnte, setzte ich den Blinker, bog ab und trat aufs Gaspedal, als könnte ich damit meiner zunehmenden Nervosität davoneilen. Auf was würden wir wohl stoßen und in welchem Zustand? Ich machte mich auf alles gefasst.

*

Die Wandlitz-Enklave

Unser Freund Maik war Ossi. Ein Brandenburger durch und durch. Als er anbot, bei der Suchaktion nach einem Wochenenddomizil behilflich zu sein, nahmen wir dankbar an. Es konnte doch nicht sein, dass es im seenreichsten Bundesland mit dreißigtausend Kilometern Fließgewässern und mehr als dreitausend Seen kein einziges Grundstück am Wasser gab, das erstens noch zu haben und zweitens bezahlbar war. Das sah Maik genauso und lud uns in einen geräumigen Geländewagen, der der Firma gehörte, für die er seit vielen Jahren als Fuhrparkmanager und Faktotum tätig war. Mit ihm und seiner Freundin Doreen ging es nun auf verschiedene Spritztouren durch Brandenburg. Ausflüge mit Perspektivwechsel. Richard und ich sahen Land und Leute, den Osten und die ehemalige DDR plötzlich mit anderen Augen. Es war wie das Eintauchen in eine bislang unbekannte Welt.

Maik, der mit seinem kurz geschorenen Haar und dem muskelbepackten Oberkörper aussah wie der Türsteher eines Berliner Szeneclubs, war ein Wendekind, kurz vor dem Mauerfall in Wandlitz geboren. Sein Vater war Kaderarzt einer Elitesportgruppe gewesen, die er nicht nur medizinisch betreute, sondern durch die Verabreichung von Hormonpräparaten zu körperlichen Höchstleistungen trieb und damit den Goldmedaillenspiegel der DDR bei internationalen Wettbewerben steigerte. Das brachte Maiks Vater finanzielle Zuwendungen und Ansehen innerhalb des Parteiapparates ein – und nach der Wende zahlreiche Klagen seiner ehemaligen Patienten, deren Gesundheit er wissentlich irreparabel geschädigt hatte. Vielleicht mit ein Grund, weshalb Maiks beruflicher Ehrgeiz nicht in einer akademischen Laufbahn gemündet war.

»Wandlitz war schon immer eine Enklave treuer Parteigenossen«, erzählte Maik, während er uns durch die Schorfheide mit ihren ausgedehnten Wäldern chauffierte. »Für Verdienste am sozialistischen Vaterland ließ sich das Regime nicht lumpen. Da gab’s dann auch mal ein schickes Seegrundstück«, fuhr er mit sarkastischer Stimme fort. »Berühmt war die Gegend aber schon zu Kaisers Zeiten. Später folgten die Nazis, dann die Spitzenfunktionäre der SED. Honecker ging sogar so weit, dass er die Schorfheide für Jahrzehnte als Staatsjagdgebiet vor der Öffentlichkeit abriegelte. Außer Erich hatten nur wenige auserwählte Genossen Zugang. Das Volk musste draußen bleiben.«

Wir umrundeten mit dem Geländewagen den Wandlitzsee, der aufgrund seiner Lage im Berliner Speckgürtel auch bei Ausflüglern beliebt ist.

Den Uferrand säumten Villen teils historischen Ursprungs, viele mit feinem Gespür fürs Detail saniert. Daneben moderne Architektenhäuser oder das, was in den Prospekten von Bauträgern gerne als Landhausvilla angepriesen wird. Von nahezu jedem Haus kannte Maik die Geschichte, wusste über Bewohner, ungeklärte Eigentumsverhältnisse und Erbstreitigkeiten Bescheid.

Maik stoppte den Wagen in der Seeallee vor einem verwilderten Garten, der zusammen mit einem Gartenhäuschen samt Ausbaugenehmigung für einen sechsstelligen Betrag zum Verkauf stand. Gucken kostet bekanntlich nichts, und so liefen wir über den Rasen, vorbei am Häuschen, hinunter Richtung Wasser. Bis wir unvermittelt von einem Zaun gestoppt wurden. »Halt!«, schien er zu sagen. Bis hierher und nicht weiter.

»Was ist das denn?«, rief Richard überrascht. »Ein Seegrundstück ohne Zugang zum Wasser?«

»Schaut mal«, sagte Maik und deutete nach rechts. »Der gesamte Uferstreifen scheint dem Nachbarn zu gehören.« Eine Vermutung, die der Verlauf des Maschendrahtzaunes und ein späterer Blick auf die Flurkarte bestätigten.

»Kurz vor der Wende und der politisch unklaren Lage hatte das Katasteramt alle Hände voll zu tun«, erzählte Maik, während wir nach Berlin zurückfuhren. »Da haben viele noch mal richtig hingelangt.« So wurde die eigene Grundstücksgrenze mal eben verschoben und im Grundbuch eingetragen, was nicht das Eigene war.

Abends überlegten Richard und ich, ob wir uns das Objekt in Wandlitz überhaupt würden leisten können.

»Das würde nur funktionieren, wenn wir komplett rausziehen«, rechnete Richard vor. »Und da stellt sich die Frage, ob es das wert ist.«

»Wie meinst du das?«

»Na ja, wir reden hier über ein Gartenhaus, wenn auch irgendwann mal einem ausgebauten. Dafür Berlin ganz aufzugeben ist ja eigentlich nicht das, was wir geplant haben, oder?«

Ich zuckte die Schultern. »Weiß nicht. Ich habe über die Option noch nicht nachgedacht. Soll ich dann morgen überhaupt noch mal hinfahren?«

»Klar. Wenn es gelingt, den fehlenden Uferstreifen zu bekommen und damit direkten Seezugang, sähe die Sache schon anders aus.

Am nächsten Tag startete ich mit einem von uns aufgesetzten Vorstellungsschreiben erneut Richtung Wandlitz. Ländlich-leger in Gummistiefel und Wetterjacke gekleidet begann meine Pilgerfahrt in die Seeallee, um den Nachbarn zu überzeugen, uns die fehlenden zwanzig Meter zur Wasserkante zu überlassen. Ich klingelte an der schmiedeeisernen Pforte, hinter der ein mit Natursteinen gepflasterter Weg zu einem beeindruckend schönen Jugendstilhaus mit gelber Fassade und grünen Fensterläden führte. Nach dem dritten Klingeln erschien ein ergrauter Mitsechziger in der Haustür.

»Wat is?«, schnauzte er grußlos, ohne sich einen Zentimeter aus dem Türrahmen zu bewegen.

»Guten Tag, mein Name ist Rosa Vonderweide«, rief ich betont fröhlich. »Bitte entschuldigen Sie die Störung. Könnten wir kurz sprechen?« Ich wedelte mit dem Brief in der Hand, den ich ihm übergeben wollte. In Hausschuhen und mit abweisender Körperhaltung schlurfte er auf mich zu, blieb jedoch auf halbem Weg stehen, als müsste er einen Sicherheitsabstand wahren.

»Mein Mann und ich möchten gerne wieder aufs Land ziehen und interessieren uns für das Nachbargrundstück«, begann ich meine vorbereitete Ansprache. Weiter kam ich nicht.

»Dit könn’ Se vajessen«, schnitt er mir das Wort ab. »Leute wie Sie woll’n wa hier nich haben!« Ohne mich oder meinen Brief eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte er sich um und verschwand im Haus.

»Aber … Sie kennen mich doch gar nicht!«, rief ich ihm fassungslos hinterher. »Hören Sie, ich möchte doch nur …« Doch da hatte er die Tür bereits hinter sich zugeschlagen.

Auf der Rückfahrt heulte ich Tränen der Wut, die die am Morgen sorgsam aufgetragene Wimperntusche in dünne schwarze Rinnsale verwandelten. »Wo leben wir denn«, wetterte ich ins Telefon, »dreißig Jahre nach dem Mauerfall, und der Typ hat immer noch ein zugemauertes Hirn!« Mit dem Handrücken wischte ich mir über die Wangen, womit mein Make-up vollends ruiniert war, was ein prüfender Blick in den Rückspiegel bestätigte.

»Wer weiß, wozu es gut ist«, versuchte mich Richard zu trösten. »Wir wollen doch beide keinen Nachbarn, der einem die Butter auf dem Brot nicht gönnt und aufs Frühstücksei spuckt, oder?« Richard hatte recht. Wie so oft. Manchmal ist es das Schicksal, das einem komplizierte Entscheidungen abnimmt.

*

Die Uckermark ist ausverkauft

Mein Vater stammte aus der Uckermark. Einundzwanzig Hundeschlittenstunden nordöstlich von Berlin, wie er immer sagte. Er konnte so lebendig von dieser hügeligen Landschaft mit ihren geheimnisvollen Buchenwäldern und endlosen Seenketten erzählen, dass ich als Kind an seinen Lippen hing, um ihm immer neue Anekdoten zu entlocken. Trotz seiner Heimatverbundenheit hatte mein Vater nichts Eiligeres zu tun, als sein despotisches Elternhaus zu verlassen, sobald er die Schule beendet hatte. Mit nicht einmal zwanzig Jahren heuerte er als Matrose bei einer Hamburger Reederei an und fuhr fortan auf einem Frachter über die Weltmeere.

Die Erinnerungen meines Vaters an die Mark Brandenburg hatten mich nie ganz losgelassen. Seine alte Heimat, die Uckermark, war auch deshalb schon seit meiner frühesten Kindheit zu meinem geheimen Sehnsuchtsort geworden. Da, wo er einst so glücklich gewesen war, wäre ich es vielleicht auch. Und so hatte ich mich an einem warmen Spätsommertag vor ein paar Jahren einmal auf Spurensuche an die Kindheitsstätte meines Vaters begeben, einen Picknickkorb und meine beiden Mädels auf der Rückbank meines Wagens.

Schmiedfelden, ein Einhundertfünfzig-Seelen-Dorf mit Bullerbü-Atmosphäre, liegt nördlich der Kreisstadt Angermünde, eine knappe Stunde Autofahrt entfernt von unserem Berliner Großstadtleben. Wir parkten das Auto am Rand eines Sonnenblumenfeldes, auf dem sich die Blüten sehnsüchtig der Sonne entgegenreckten. Ich erkannte die ehemalige Dorfschule, in der mein Großvater Lehrer gewesen war, in deren einzigem Klassenraum alle Kinder des Dorfes von ihm mit Strenge und Rohrstock unterrichtet wurden.

Wir schlenderten über das buckelige Kopfsteinpflaster vorbei an der Dorfkirche, wo mein Großvater bei Sonntagsgottesdiensten den dünnen Gesang der kleinen Gemeinde auf der Orgel begleitet hatte. Das Elternhaus meines Vaters hingegen konnte ich nicht ausfindig machen. Es war wohl einem modernen Neubau gewichen, der mit seinen Schilderungen und dem Bild in meinem Kopf nichts gemein hatte.

Hinter jedem Busch, hinter jedem Haus meinte ich den kleinen Jungen mit schwarzen Haaren und blauen Augen zu sehen. Der Junge, der beim Sprung in den Dorfweiher auf dem Steg ausgerutscht war, wobei er sich mehrfach die Nase brach. Der in die Kirschbäume geklettert war, um die abgelutschten Kerne auf die frisch gewaschenen und im Wind flatternden Bettlaken des Nachbarn zu spucken, wofür er von meiner Großmutter reichlich Backpfeifen kassierte.

»Und hier war Opa ein kleiner Junge?«, fragte Valerie, meine Jüngste.

»Ja«, sagte ich und drückte sie zärtlich an mich. »Hier hat er einen Streich nach dem anderen ausgeheckt.« Ich dachte an die unbeschwerten Kindertage meiner Töchter, an unser altes Zuhause, den See, in dem die Mädchen mit ihren orangefarbenen Schwimmflügeln unter Richards geduldiger Regie erste Schwimmversuche unternommen hatten. An den Garten mit seinen großen Rhododendren, in denen sich die Kinder Höhlen gebaut hatten. Ich sehnte mich plötzlich nach dem Leben im Grünen, nach Natur und Ruhe. Vielleicht könnte ich in der Uckermark auch meinem Vater wieder näher sein, der viel zu früh gestorben war.

Auf der Rückfahrt parkte ich spontan vor einem Maklerbüro im Zentrum von Angermünde, das mit dem Slogan »Ihr Vertrauen ist unsere Motivation« warb. Ich schilderte der Maklerin, einer Mittdreißigerin, die dem Styling ihrer wasserstoffblonden Mähne und den überlangen Fingernägeln vermutlich viel Zeit widmete, was wir suchten. »Alleinlage ist gar nicht so entscheidend«, ergänzte ich die Aufzählung. »Aber Wasserlage wäre schön.«

Die Maklerin, die Frau Wagenknecht hieß, ihrem äußeren Erscheinungsbild nach offenkundig jedoch in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zu der gleichnamigen Politikerin stand, schaute mich an, als wenn ich nicht ganz bei Trost wäre. »Wissen Sie, Frau …«

»… Vonderweide«, parierte ich eilig, während mein Blick wie paralysiert an den gefährlich hohen Heels ihrer senfgelben Plateaupumps klebte, die einen farblich interessanten Kontrast zu ihrem nicht minder gefährlich knapp geschnittenen Kostüm in Apfelgrün bildeten.

»Frau Vonderweide, Sie wollen das, was alle wollen. Nur waren die schneller.« Sie warf einen prüfenden Blick auf ihren neonpinkfarbenen Nagellack und fügte mit einem gelangweilten Unterton und ohne den Anflug eines Bedauerns hinzu: »Die Uckermark ist ausverkauft.«

*

Im brandenburgischen Kiefernwald

Wir bogen in einen schmalen Feldweg ab, der zwar asphaltiert, aber trotzdem nicht für die allgemeine Nutzung freigegeben war, worauf ein Verkehrsschild am Wegesrand unmissverständlich hinwies. »Durchfahrt verboten, land- und forstwirtschaftlicher Verkehr frei. Kein Winterdienst«, las Richard vor. »Na toll, und nun?«

»Wir fahren da jetzt rein«, gab ich entschlossen zurück, und mit einem kleinen Triumph ergänzte ich: »Petterson sagte, das sei okay. Anwohner hätten Wegerecht. Auch künftige.« Den Hinweis, dass hier im Winter kein Schnee geräumt würde, schob ich gelassen beiseite. »Wir haben das Haus ja noch nicht mal gesehen, wozu also über ungelegte Eier brüten?«, sagte ich und steuerte meinen Wagen schnurstracks über den Weg, der links und rechts flankiert wurde von riesigen Rapsfeldern, die in wenigen Wochen in voller Blüte stehen würden. Am Ende des Feldes begann der Wald wie das Tor zu einer anderen Welt. Plötzlich waren wir umschlossen von Baumriesen, allesamt Kiefern, die in den für Brandenburg typischen Monokulturen ihr Dasein fristeten.

Seit beinahe zweihundert Jahren war die Kiefer hier die dominante Baumart. Was von der Natur keineswegs so gewollt war. Holz galt jedoch lange als favorisierter Bau- und Brennstoff und Bäume wurden in großen Mengen gefällt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die deutschen Wälder einen regelrechten Kahlschlag. In der DDR forstete man die brachliegenden Flächen mit Kiefern auf, um schnell maximalen Ertrag zu erzielen. Umweltschutz und Klimapolitik? Fehlanzeige. Durch die Monokulturen wurde jedoch ein prima Nährboden für Parasitenbefall und großflächige Waldbrände geschaffen, die in den vergangenen Sommern extrem wüteten. So hatte ich es in einer Berliner Tageszeitung gelesen, ein Aufregerthema, über das sämtliche Medien berichtet hatten. Ich fragte mich, warum die Kiefernplantagen auch heute noch knapp siebzig Prozent des brandenburgischen Waldbestandes ausmachten. Wo war es nur, das viel gepriesene ökologische Bewusstsein?

Ich lenkte meinen Wagen hinein in diesen gigantischen Schlund, der uns wie ein gefräßiges Raubtier zu verschlingen drohte. Bis zu vierzig Meter ragten die mächtigen Baumriesen mit den markanten zweifarbigen Stämmen gen Himmel. Ich fröstelte ein wenig bei der Vorstellung, dass das Haus inmitten eines finsteren Nadelbaumdschungels liegen sollte. Richard hingegen fing an zu schwitzen. Er öffnete das Schiebedach, und vereinzelte Strahlen der Frühlingssonne fielen auf uns und durch die schnurgeraden Baumreihen, die hier und da von Waldwegen unterbrochen wurden. An den Gabelungen stapelten sich frisch geschlagene Stämme zu imposanten Gebilden, deren intensiver harziger Geruch sich unmittelbar im Autoinneren ausbreitete. Der Duft der ätherischen Öle hatte etwas Vertrautes, ich inhalierte ihn tief, wie damals das Latschenkieferextrakt von Kneipp, das mir meine Mutter in meiner Kindheit zur Bekämpfung einer Erkältung unter die Nase geschoben hatte.

»Ich verstehe Sie gerade ganz schlecht«, rief Richard in sein Handy. »Die Verbindung ist hier irgendwie …« Tut-tut-tut. »Tot«, sagte er an mich gewandt und ließ das Telefon entspannt in die Tasche seines Jacketts gleiten. »Kein Empfang, was soll’s.«

Ich schaute ihn verwundert an.

»Das Büro. Hat Zeit bis später.«

»Huch, hab ich mich gerade verhört? Seit wann hat denn dein Büro Zeit bis später?«

Richard grinste und atmete hörbar die Waldluft ein. Offenbar zeigte sie auch bei ihm Wirkung. Wie ein verwunschener Pfad im Zauberwald schlängelte sich der Feldweg, der nun ein Waldweg war, immer tiefer hinein in die Nadelholzkolonie. Es kam mir merkwürdig vor, dass das Objekt unserer Begierde auch nach zwei weiteren Kilometern immer noch nicht zu sehen war. Vorbei an einer Schonung mit jungen Kiefern machte der Weg hangabwärts eine Kurve. Hier und da hatte sich das mächtige Wurzelwerk der Bäume unter den asphaltierten Belag gegraben, sich mit aller Kraft gegen ihn gestemmt, wodurch kraterartige Erhebungen die einst glatte, geschlossene Fläche in eine ruckelige Buckelpiste verwandelt hatten. Unter Getöse holperte der Wagen schließlich über die Bohlen einer kleinen Holzbrücke.

»Hallo, aufwachen!«, schien diese uns zuzurufen. Denn hier, hinter verwilderten Hecken und grünem Dickicht, tauchte endlich das Haus auf.

»Du hast das Ziel erreicht«, skandierte das Navigationsgerät wie zur Bestätigung.

*

Auf Fontanes Spuren

Wer in Berlin lebt und sein Sozialleben pflegen möchte, tut dies am besten unter der Woche. Freunde treffen, ins Kino gehen, das neue asiatische Restaurant an der Ecke ausprobieren: gerne. Montag bis Donnerstag. Denn am Wochenende flog die halbe Stadt aus. Gefühlt zumindest. Wer es sich irgendwie leisten konnte, nannte ein Häuschen im Grünen sein Eigen oder war Mitglied einer Eigentümergemeinschaft, in der Kosten und Nutzungsrechte an der Immobilie nach demokratischem Proporz geteilt wurden. Oder erbte, mit etwas Glück, den Schrebergarten von der Großtante. Oder stellte den bei eBay ersteigerten, ausrangierten Zirkuswagen auf eine brandenburgische Wiese.

An den Platanen, die zu beiden Seiten die Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg säumten, hingen immer häufiger angepinnte Zettel. Wurde früher auf diese Weise nach entflogenen Wellensittichen und verlorenen Schlüsselbunden gefahndet, dienten die Baumstämme heute als Maklerbörse: »Datsche gesucht.« Bei erfolgreicher Vermittlung winkte oft ein lukrativer Finderlohn.

Die Idee vom Leben auf dem Land war dabei kein neuzeitliches Phänomen einer stressgeplagten modernen Gesellschaft, die die ländlichen Räume wiederentdeckte, um entschleunigt mit den Händen in der Erde zu wühlen, Tomaten- und Kartoffelbeete anlegte und sich dabei selbst verwirklichte. Mein Philosophielehrer hatte während seines Unterrichts kaum eine Gelegenheit ausgelassen, mir und den anderen mehr oder weniger aufmerksamen Kursteilnehmern unter die Nase zu reiben, dass kein Geringerer als Jean-Jacques Rousseau bereits im achtzehnten Jahrhundert über die Suche nach dem Ursprünglichen, dem Guten, Wahren, Schönen philosophiert und das Landleben als ideale Lebensform verklärt hatte. »Gähn«, hatte mein pubertäres Hirn signalisiert. Aber irgendwas davon war offenkundig hängen geblieben. Und so war ich keineswegs verwundert, dass selbst einhundert Jahre später das Thema »Raus aufs Land« immer noch topaktuell war. Denn auch Theodor Fontane, einer meiner absoluten Lieblingsautoren, hatte zu seiner Zeit eine allgemeine Großstadtmüdigkeit konstatiert, der man am Wochenende durch Ausflüge ins Grüne zu entkommen suchte. Dreißig Pfennige hatte das Zugbillet von Berlin in den Spreewald gekostet. Und da gab es weder BahnCard noch Seniorentarife. Fontane hatte allerdings ähnliche Beobachtungen gemacht wie ich auf meinen zahlreichen Exkursionen. »Brandenburg ist ein zweites Klein-Sibirien, die Lebenszeichen einer Welt dort draußen sind selten, aber kommen doch vor.«

Genau. Denn spätestens am Freitagnachmittag wurden die gepackten Taschen, Einkäufe, Kinder und Hunde ins Auto geladen, und los ging’s Richtung Uckermark, Prignitz oder Spreewald. Da man sein grünes Glück mit den in der Stadt Zurückgelassenen teilen und sich damit auch zugleich gegen eventuell aufkommende Einsamkeit und Langeweile wappnen wollte, sprachen die Wochenend-Landeier gerne Einladungen aus. Geburtstage, Grillabende, Gartenfeste fanden bevorzugt auf der eigenen Scholle statt, die in nahezu allen Fällen unmittelbar vor den Toren der Hauptstadt lag. Angeblich.

»Ist nur einen Katzensprung von Berlin entfernt«, wurde da fabuliert, »eine gute Stunde, und schon seid ihr da.«

Zeitangaben, die mit der Realität meist wenig zu tun hatten. Bei dichtem Verkehr hatte man nach sechzig Minuten gerade mal die Berliner Peripherie hinter sich gelassen. Strecken, die in Wirklichkeit mit doppelter Fahrzeit zu beziffern gewesen wären, wurden schöngeredet, um die Eingeladenen nicht von vornherein abzuschrecken. Bis man irgendwann selber daran glaubte. Wer hockte an einem freien Nachmittag schon gerne stundenlang hinterm Steuer für einen kurzen Ausflug ins Niemandsland? Und dienten diese zeitlichen Optimierungsversuche nicht auch der eigenen Beruhigung? War doch alles nicht so schlimm, das bisschen Autofahren, die »etwas mehr als eine Stunde« saß man doch locker auf einer Gesäßhälfte ab.

Auch Professor Petterson hatte es mit der Formulierung der angegebenen Entfernung nicht so genau genommen. Knapp eineinhalb Stunden Autofahrt lagen hinter uns, als wir das Waldhaus endlich erreichten.

*

Das Haus im Wald

Mit klopfendem Herzen parkte ich den Wagen vor einem windschiefen Tor und stellte den Motor ab. Es war nicht verschlossen, wie von Petterson beschrieben. Trotzdem war der Drahtzaun, der das Grundstück zum Waldweg abgrenzte, niedergetreten. Offensichtlich sehr entschlossen und mit so großer Wucht, dass selbst die Betonpfeiler gebrochen waren und aussahen wie abgeknickte Zahnstocher. Richard stemmte einen der beiden Torflügel auf, dessen Scharniere metallisch quietschten, und wir betraten den Garten.

Von der Sonne beschienen präsentierte sich uns ein verwildertes Biotop, umgeben von alten Laubbäumen, deren junges Blattgrün sich im Wind wiegte. Als wären diese Frühlingsboten allein nicht schon eine Offenbarung für uns Großstädter, lag am Ende der Wiese der Waldsee, eingebettet von sanften Hängen. Ein behütetes Tal, wie auf einem der Gemälde von Caspar David Friedrich. Rechts vom See ortete ich hinter hohen Gräsern das leise Plätschern eines kleinen Baches, das nur von Vogelgezwitscher und dem Brummen der Insekten überboten wurde.

Ein fließendes Gewässer auf dem eigenen Grundstück war weit jenseits dessen, wovon ich zu träumen gewagt hatte. Zumal der Fluss im Feng-Shui für Wohlstand und Reichtum stand, was in unserer jetzigen Situation nicht schaden konnte.

Links vom See befand sich eine Scheune mit bemoostem Dach und einer doppelflügeligen Holztür, um die sich wilder Wein rankte. Eine verträumte Kulisse, die sich Pinterest nicht besser hätte ausdenken können. Wir waren keine zehn Minuten auf dem Grundstück, doch es fühlte sich alles so vertraut und selbstverständlich an. Als hätte dieses Fleckchen Erde schon seit Langem darauf gewartet, von uns entdeckt zu werden.

»Was sagst du, Rosa?«

»Ein absoluter Traum!«, rief ich und drehte mich zu Richard. Ich kannte seine Antwort schon, bevor er sie aussprach.

»Das hier ist einfach unglaublich«, sagte er, nahm mich in die Arme und drückte mich an sich. »Das kaufen wir!«

Unsere Euphorie wurde just gedämpft, als wir uns dem Haus zuwandten. Es stand unter einer majestätischen Douglasie, deren ausladende Zweige dem Gebäude beinahe etwas Trutzhaftes verliehen. Ein rechteckiger Zweckbau, wie er in den fünfziger Jahren häufig im Osten errichtet wurde. An den Außenmauern klafften Risse im bröckelnden grauen Putz. Von den braunen Holz-Fensterläden bröselte die Farbe. Und das einst rote Ziegeldach war von einer dichten, grün-grauen Moosdecke überzogen. Marode Regenrinnen hingen wie lustlos an der Fassade, und die am Dach verbliebenen quollen über von Tannennadeln, Zapfen und Zweigen, sodass der Regen der letzten Jahre das Mauerwerk stetig durchfeuchtet hatte.

Mit den geschönten Bildern aus dem Exposé hatte dieses Objekt wenig gemein. Mit einem romantischen Forsthaus, das sich durch historische Details wie Fachwerk oder eine schmückende Balustrade hervorhob, noch weniger.

Über einen holzverschalten Anbau an der Stirnseite gelangten wir durch die angelehnte Haustür ins Innere. Unangenehme feuchte Kälte schlug uns entgegen. Die Luft roch muffig und abgestanden. In einem einsamen Lichtstrahl flirrte der aufgewirbelte Staub. Hier lebte schon lange keiner mehr.

Etliche Fensteröffnungen waren mit Sperrholzplatten vernagelt. An einer der wenigen noch intakten Scheiben klebte ein selbst gemachtes Fensterbild mit einem zwinkernden Smiley. Ich überlegte, wer ihn da wohl platziert haben mochte. Vielleicht ein Kind oder seine Mutter? Die Türen zu den Zimmern waren aus den Angeln gehoben, die Griffe abmontiert. Stühle waren zu Kleinholz zerlegt, Heizkörper aus den Wänden gerissen, zerstört oder gar nicht mehr vorhanden. Raufasertapete klebte nur noch fetzenweise und gab den Blick frei auf die bloßen Mauern.

Im Anbau ragten lange Nägel bedrohlich aus der Wand, die den vorherigen Bewohnern vermutlich als Garderobe gedient hatten. Über einen schmalen Flur gelangten wir in die Küche, in der als einsames Relikt vergangener Zeiten ein verrosteter Küchenherd stand.

»Sieh mal!« Richard deutete auf eine Lampe mit blauem Zwiebelmuster auf weißem Glasschirm, die wie vergessen an der Zimmerdecke pendelte. Sie hatte die Invasion mutwilliger Zerstörung wundersamerweise unbeschadet überstanden. Von der Küche führte unterhalb einer Bodenluke eine geschwungene Eisentreppe hinunter in den modrig riechenden Keller, einen sogenannten Kriechkeller, in dem man sich lediglich in gebückter Haltung aufhalten konnte. Selbst diese eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit hatte die Randalierer nicht abhalten können, die ausgedienten Wassertanks zu zerlegen.

Ich griff nach Richards Hand, die sich beschützend um meine legte, als wir die schmalen Stufen hinauf in das Dachgeschoss stiegen, an dessen Ende sich ein einziger Raum mit einem einzigen Fenster befand. Zu beiden Seiten des dunklen Flures stießen wir auf kleine Kammern, Verschlägen gleich, in die kein Tageslicht drang. Schweigend kehrten wir nach unten zurück, durchquerten die Küche und drei angrenzende Räume im Erdgeschoss. Im Badezimmer klemmten Fragmente eines grünen Waschbeckens an der Wand, dessen Reste sich in Scherben über den Bodenfliesen verteilten. Verblasste Blümchensticker von »Pril« zierten die hellblauen, quadratischen Kacheln, über denen ein »Alibert«-Spiegelschränkchen installiert war, wie ich es aus dem Haus meiner Großeltern kannte. Ich zuckte zusammen, als ich darin mein Gesicht entdeckte, das mir mit dem Ausdruck ungläubigen Entsetzens entgegenstarrte.

»Wer macht so was?«, fragte ich immer noch fassungslos und betrachtete die zertrümmerte Kloschüssel, die auf den aufgerissenen Linoleumboden der Veranda geschleudert worden war.

»Jemand mit viel Wut im Bauch und wenig Verstand im Kopf«, versuchte Richard die brachiale Gewalt, die sich hier ihren Weg gebahnt hatte, zu erklären.

Mit weit weniger Enthusiasmus schlugen wir den Weg zur Scheune ein, der zurück über die Wiese Richtung See führte, vorbei an einem betagten Birnbaum und einer Gruppe junger Erlen. Vorsichtig schob ich den verrosteten Riegel des morschen Tores zur Seite, das den Blick in eine große Tenne freigab, die in einem offenen Giebel mündete. An den Wänden hatten sich die ungebetenen Besucher mit teils dilettantisch wirkenden Graffitis verewigt und ihrem Unmut mit Sprüchen wie We hate Cops und Fuck you Ausdruck verliehen. Und als wäre ich dabei gewesen, hörte ich den dumpf hämmernden Sound von Techno-Beats, die den Sprayern die musikalische Untermalung für ihren blinden Aktionismus geboten hatten. Ich sah Bier- und Wodkaflaschen kreisen, die nun als Leergut verstreut auf dem Steinboden der Scheune lagen.

Durch die Nähe zum See war die Scheune spürbarer feucht, trotz kreuzförmiger Durchlüftungen in den rot verklinkerten Giebelseiten. Das war möglicherweise der Grund dafür, dass die rechte Außenwand bereits abgesackt war. Das Gebälk des Dachstuhls schien jedoch in gutem Zustand, ebenso wie die alten Eisenfenster, durch deren mattes Glas gedämpftes Licht drang, das auf die ehemaligen Schweinebuchten und Futtertröge fiel.

Das alte Gemäuer offenbarte mühelos seinen Charme und die gestalterischen Möglichkeiten. Ich erkannte endlich wieder das Gute und konnte vor meinem inneren Auge bereits einen mannshohen Kamin mitten im Raum sehen, links davon eine lange Tafel mit vielen Gästen, die anschließend vis-à-vis in einer gemütlichen Lounge-Ecke entspannen würden. Der ehemalige Heuboden wäre ideal für eine offene Galerie und böte Platz für ein Schlafzimmer. Und darunter könnten wir ein Bad mit kleiner Sauna einbauen.

»Am besten wäre es, das Haus abzureißen und die Scheune zu sanieren, was meinst du?«, unterbrach Richard meine Gedanken.

Ich nickte zustimmend. Doch diese Idee sollte sich leider als reines Wunschdenken erweisen.

*

Der geschmeidige Professor

Noch während der Rückfahrt riefen wir Professor Petterson an. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag in einem Café in Berlin-Mitte nahe der Charité, an der der Professor einen Lehrstuhl für Medizinische Psychologie innehatte. Am Abend überlegten wir uns, was es zu erfragen galt. Richard legte sogar die Reihenfolge der Fragen fest und machte sich sorgfältig Notizen. Vorbereitung ist schließlich alles. Ich war ziemlich aufgeregt, als ich an Petterson und das bevorstehende Gespräch dachte. Viel zu lange überlegte ich am darauffolgenden Morgen, welches Outfit für dieses Treffen das geeignete sei. Auf Designerhandtasche und High Heels konnte ich getrost verzichten, das würde garantiert einen falschen Eindruck erwecken. Ich entschied mich für meinen ziemlich abgerockten Burberry-Trench und flache Stiefeletten, die zu diesem grauen Apriltag passten. Statt mit der U-Bahn war ich mit dem Auto unterwegs, suchte eine gefühlte Ewigkeit nach einem Parkplatz und kam prompt zu spät.