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Bizarre Mordfälle stellen die Polizei von Miami vor ein Rätsel: Es sieht aus, als hätten sich sämtliche Organe und Muskeln der Opfer bis zum Bersten ausgedehnt. Die Regierung vertuscht die Morde - aus gutem Grund. Die Toten waren Wissenschaftler, die gemeinsam an einem Top-Secret-Projekt der National Security Agency arbeiteten. Ein Unternehmen, das in einer Katastrophe endete! Der NSA-Mann Jeremy McKay nimmt sich des Falls an.
Cliff Conroy und Judy Davenport sind derweil anderweitig beschäftigt. Sie untersuchen eine mysteriöse Grabschändung, die zwei Besonderheiten aufweist: Das Grab wurde offensichtlich von innen geöffnet, und der Tote war ein NSA-Agent.
Die beiden US-Marshals können zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass beide Fälle eng miteinander verknüpft sind ...
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Die Macht der Gedanken
UFO-Archiv
Vorschau
Impressum
Jesse Custer
Die Macht der Gedanken
Key West
Florida, 25. Dezember 2022, 23:56 Uhr
Hal Simmons schwitzte, obwohl die Klimaanlage auf Hochtouren lief. Er hasste die schwüle Hitze, die in Südflorida selbst im Winter noch drückend sein konnte, und er hasste Urlaub.
Er war nun einmal Wissenschaftler, verdammt! Hal fühlte sich nur als Mensch, wenn er Gewebeproben entnehmen und Ergebnisse vergleichen konnte. Er war nicht geschaffen für Hawaii-Hemden, Surfen oder ausschweifende Partys. Dabei hätten Letztere ihn vielleicht mal auf andere Gedanken gebracht.
Er betrachtete ernst das Spiegelbild seines bärtigen Gesichts im Wohnzimmerfenster. Es schien wie ein Geist über dem Gewitter zu schweben, das die Palmen niederbog und die Räumlichkeiten des Hauses mit wütenden Blitzen erleuchtete ...
Plötzlich schrak der beurlaubte Wissenschaftler hoch. Hatte er beim letzten Blitz tatsächlich ein anderes Gesicht neben dem seinen im Fenster gesehen? Jemand, der hinter ihm ...?
Er wirbelte herum, aber da war niemand. Er horchte, doch alles, was es zu hören gab, war das enervierende Prasseln des Regens und das verzögerte Donnern der einschlagenden Blitze.
Wahrscheinlich waren es die Nerven. Es wurde dringend Zeit, dass er wieder an seine Arbeit gerufen wurde. Sonst würde er hier noch wahn- oder trübsinnig werden.
Mit lautem Scheppern ging im Erdgeschoss etwas zu Bruch. Simmons zuckte zusammen. Vermutlich hatte der Wind ein Fenster aufgestoßen und eine der hässlichen Vasen mit pseudo-spanischen Mustern vom Sockel gefegt. Die ganze Insel war verrückt nach diesem Kitsch. Simmons konnte ihn nicht leiden.
Dennoch machte er sich auf den Weg nach unten, um die Scherben wegzuräumen. Wenn Juanita am kommenden Morgen zum Saubermachen käme, wollte er sie nicht denken lassen, er habe die Vase mit Absicht zerschmettert, um sie zu schikanieren. Die junge Putzkraft hatte schon genug unter seinen ständigen Launen zu leiden. Dabei konnte sie ja wirklich nichts dafür, wenn seine Firma einen ihrer besten Gentechniker auf unbestimmte Zeit ins Ferienexil schickte. Wegen eines einzigen misslungenen Jobs.
Die alte Holztreppe knirschte bei jedem Schritt. Das Geräusch kam ihm heute lauter vor als sonst. Unvermittelt blieb Simmons auf halber Höhe stehen.
Da! Hatte er nicht einen knarzenden Schritt gehört, nachdem er schon stehen geblieben war? Er schaute sich um.
Seine Fantasie schien ihm abermals einen Streich gespielt zu haben. Außer ihm war niemand da. Abgesehen natürlich von Hemingway und Tennessee Williams. Der Vermieter des Gebäudes hatte zwei übergroße Portraits der beiden prominenten Inselikonen aus der Hand eines eher begeisterten denn begabten Ölmalers aufgehängt. Simmons hatte oft mit dem Gedanken gespielt, die Bilder abzuhängen. Immer wieder war er jedoch zu dem Schluss gekommen, dass er sich so wenig aus Literatur und ihren Schöpfern machte, dass selbst das Abnehmen eines Gemäldes schon zu viel Aufmerksamkeit darstellte.
Er setzte seinen Weg fort. Am Fuß der breiten Treppe angekommen, sah er seine Vermutung bestätigt. Ein Fenster war vom Sturm aufgedrückt worden. Darunter hatte sich in kürzester Zeit eine beträchtliche Lache Regenwasser gebildet. Auf einer kleinen Kommode nahe der Haustür hatte eine der kitschigen Vasen gestanden. Jetzt lag sie als Scherbenhaufen daneben.
Als Simmons das Fenster schloss, knallte schwungvoll die Haustür auf, und der hereinstürmende Regen durchnässte ihn in Sekundenschnelle. Keuchend hastete er zur Tür, stemmte sich mit aller Kraft gegen den Wind und schloss sie.
Der Vorfall machte ihn stutzig. Riegel und Rahmen der Fenster waren alt und morsch, und er wollte sie bei nächster Gelegenheit ersetzen, aber die massive Holztür mit schwerer Stahlverkleidung hatte er auf eigene Kosten neu einbauen lassen. Sie war stets fest verschlossen und mit einer High-Tech-Alarmanlage verdrahtet, wie er sie auch den antiken Fenstern zukommen lassen wollte, sobald die Firma mit den Bestellungen nachkam.
Er ging zum Sicherungskasten, in dem sich das Kernstück der Alarmanlage befand. Etwas roch nach verbranntem Plastik. Vorsichtig öffnete er das Gehäuse und sah, dass alle Drähte der Anlage in der Mitte zertrennt waren. Seltsamerweise sahen sie nicht durchschnitten, sondern gleichmäßig durchgeschmort aus.
Während er noch auf die Enden der Kabel starrte, intensivierte sich der Geruch nach verbranntem Plastik, und mit einem fauchenden Geräusch ging der Rest des Sicherungskasten in Flammen auf. Nach einem letzten Aufflackern erloschen sämtliche Lichtquellen des Hauses.
Panisch schlug Simmons die Türen des Kastens zu und rannte durch den Empfangsraum zur Abstellkammer, in der sich ein Feuerlöscher befand. Er riss die einfache Holztür auf. Ein ganzes Arsenal an Besen, Staubsaugern und anderen Haushaltsgeräten kippte ihm entgegen. Er verfluchte Juanita, die offenbar in ihrer eigenen Kammer noch weniger Ordnung halten konnte als im Rest des Hauses, und durchwühlte das Durcheinander auf der Suche nach dem Feuerlöscher. Nichts.
Aus dem Sicherungskasten schlugen inzwischen Flammen. Simmons sprang zum nahe gelegenen Wandtelefon und tippte einen Kurzwahlcode ein.
Feuerwehr Key West. Vermissen Sie Ihren Feuerlöscher, Mr. Simmons?
»Was, zum ...?«, setzte der Wissenschaftler an, als er merkte, dass die Stimme nicht aus dem Telefonhörer gekommen war. Aber er hatte sie laut und deutlich gehört. Aus dem Hörer hingegen hörte er gar nichts. Die Leitung war tot.
Plötzlich klatschte ihm etwas Nasses, Kaltes, ungesund Riechendes mitten ins Gesicht. Eine weiße Substanz, die furchtbar in den Augen brannte. Simmons jaulte auf wie ein Hund, ließ den Hörer fallen und rieb sich hektisch die Augen, was den Schmerz nur noch weiter anschwellen ließ.
Stellen Sie sich nicht so wehleidig an, Simmons. Öffnen Sie die Augen!
Wieder diese Stimme in seinem Kopf! Als müsste er ihrem überheblichen Befehlston gehorchen, öffnete Hal Simmons die Augen – und stellte fest, dass die Schmerzen schlagartig aufgehört hatten. Blinzelnd sah er sich um.
Am brennenden Sicherungskasten stand eine hagere Gestalt. Sie hielt den Feuerlöscher in der Hand und zielte damit auf Simmons.
Kommen Sie näher, alter Kumpel.
»Ken ... kennen wir uns?«, stammelte Simmons und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Die Gestalt war dürr, nicht gerade groß, und sie hielt sich gebückt. Trotzdem war nichts Lächerliches an ihr. Im Gegenteil eher etwas Furchteinflößendes. Ihr Gesicht war im flackernden Gegenlicht der spärlichen Flammen kaum auszumachen.
Sie enttäuschen mich, Simmons. Ich habe Sie sofort erkannt.
Ein Blitz erleuchtete kurz die Szenerie. Simmons sah die bösen Augen der Gestalt, die schmalen Lippen, ein Gewirr aus Falten. Was er hatte erkennen können, kam ihm vage bekannt vor. Andererseits auch wieder nicht. Ein Gesicht, dessen Einzelteile vertraut waren, obwohl sie verkehrt angeordnet wirkten.
Ich werde Ihrem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen, Doc.
Schlagartig spürte Simmons einen schneidenden Schmerz in seinen Armen, Beinen und dem Oberkörper. Die Eingangshalle des Gebäudes löste sich in gleißendes Licht auf.
Er war nicht mehr in seinem Feriendomizil auf Key West. Er war auf einem Operationstisch festgeschnallt. Vier Männer in weißen Kitteln standen über ihn gebeugt. Einer leuchtete ihm mit einem kugelschreibergroßen Lämpchen in die Augen. Ein weiterer klebte kalte, glitschige Elektroden an seine Stirn und legte eine Atemmaske auf seinen Mund. Simmons atmete ein bitteres, in der Kehle kratzendes Gas ein. Er glaubte, sich übergeben zu müssen, aber unter der fest angepressten Maske brachte er nur ein krächzendes Husten hervor.
»Das könnte jetzt trotz der Narkose ein wenig schmerzen«, sagte einer der Männer nüchtern. Es war ihm hörbar gleichgültig, ob sein Versuchsobjekt Schmerzen litt oder nicht. Er hielt eine riesige Spritze in der Hand, die er Simmons an die Schläfe führte.
Den Mann mit der Spritze kannte er. Rundes Gesicht, leicht schütteres Haar, gepflegter Vollbart. Das war er selbst!
Die Spritze, die sein Doppelgänger ihm verabreichte, drang in sein Gehirn ein. In seinem Kopf explodierte ein Schmerz, wie er ihn nie zuvor gespürt hatte. Trotz der Maske gelang ihm ein markerschütternder Schrei –
– und er fand sich auf dem klammen Holzfußboden seiner Zuflucht auf Key West wieder, kauernd und wimmernd.
Na, dämmert's?
Ein weiterer Blitz. Diesmal konnte Simmons einen längeren Blick ins Gesicht seines Peinigers erhaschen. Was er zuerst für Falten gehalten hatte, entpuppte sich als Geflecht grob verheilter Narben. Brand- und Operationsnarben, äußerst nachlässig genäht. Angewidert wandte er den Blick ab.
Sie kränken mich, Doc. Immerhin habe ich meinen charmanten neuen Look Ihnen und Ihren Kollegen zu verdanken. Da sollten Sie zumindest den Anstand haben, mir ins Gesicht zu sehen.
Simmons schaute auf. Obwohl das Gesicht des Eindringlings wieder im gnädigen Dunkel verschwunden war, war dem Blick von dessen funkelnden Augen nicht zu entgehen.
»Was willst du von mir, Grover?«
Oh, wie schön. Lange nicht mehr gesehen und doch wiedererkannt.
Freude war jedoch in dieser Stimme nicht zu finden. Nur Hass.
»A ... aber das ist unmöglich. Du kannst es nicht sein. Du bist tot!«
Die gespenstische Stimme imitierte den Fehler-Jingle einer typischen Fernseh-Quizsendung.
Äääääh. Falsche Antwort, Doc. Richtig muss es lauten: DU bist tot, Simmons!
Der Wissenschaftler spürte, wie sich seine inneren Organe und Muskeln zusammenzogen. Er krümmte sich vor Schmerz. Schweiß strömte ihm aus jeder Pore, vermischte sich mit der Substanz aus dem Feuerlöscher und dem Regenwasser, das ihn kurz zuvor durchnässt hatte. Vergeblich japste er nach Luft. Seine Lungen waren wie zugeschnürt.
Im ersten Stock begann die wuchtige Standuhr zu schlagen. Es war Mitternacht.
Nach dem dritten Schlag bekam Simmons wieder Luft. Gierig sog er sie ein. Rappelte sich auf die Knie.
Er bekam viel zu viel Luft.
Er wollte ausatmen, aber es gelang ihm nicht. Seine Lungen, zuvor zugeschnürt, dehnten sich unnatürlich weit in seinem Brustkasten. Plötzlich blähten sich auch alle anderen Organe und Muskeln seines Körpers. Drückten mit stoischer Gewalt gegen sein Skelett und gegen die Haut, die zum viel zu engen Korsett wurde. Bisweilen hörte er ein trockenes, hässliches Knacken.
Sind das meine Knochen?, dachte er panisch. Flehend schaute er seinem Gegenüber in die Augen. Dort sah er nach wie vor nichts als Hass, vielleicht gemischt mit einer Spur Triumph.
Dann verschleierte sich sein Blick. Den letzten Schlag der Uhr hörte er schon nicht mehr. Wie ein Sack voller zerstörter Einzelteile schlug er mit einem grässlichen, unnatürlichen Klatschen auf den Boden.
Der Eindringling wandte sich von Hal Simmons' Leiche ab. Das Feuer aus dem Sicherungskasten war inzwischen auf einen Teil der Wand übergesprungen. Der Mann überlegte kurz, ob er das Haus und die Leiche den Flammen überlassen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Mit einem gezielten Schuss aus dem Feuerlöscher machte er den Flammen ein Ende.
Er wollte nicht, dass es aussah wie ein Unfall.
Williams Boulevard
Key West, Florida, 26. Dezember, 08:12 Uhr
Juanita DeMarco hatte nicht gut geschlafen. Obwohl Wintergewitter im Sunshine State nicht gerade selten waren, hatte sie sich noch immer nicht daran gewöhnt. Und das Gewitter der letzten Nacht war das heftigste seit Wochen gewesen.
Übernächtigt radelte die junge Mexikanerin in die Stadt, wo sie für einen Hungerlohn stinkfaulen Touristen die Böden ihrer Ferienwohnungen wienerte und die Kopfkissen aufschüttelte. Ein Auto konnte sie sich von ihrem Gehalt nicht leisten, aber Lohn und Arbeit waren immerhin angenehmer als ihre Zeit als knapp beschürzte Bedienung in »Sloppy Joe's Bar & Emporium«. Dort hatte sie Abend für Abend zum gerade noch legalen Mindestlohn sexistische Zoten jeder Couleur und die schlechtesten Karaoke-Acts der Welt ertragen müssen.
Die wichtigen Orte der Insel konnten mit dem Fahrrad mühelos in weniger als einer Stunde erreicht werden. Dumm nur, dass der Mangel an Mobilität Juanita an die Insel fesselte. Zu gerne hätte sie hin und wieder ein wenig Zeit in Miami verbracht, aber das lag unüberwindbare zweihundertneunundfünfzig Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.
Oder was man so »Zuhause« nennen konnte. Sie hatte sich mit ihrem Mann Eduardo und den beiden Kindern in einer ehemaligen Baracke des Marinestützpunkts im Süden der Insel häuslich eingerichtet. Seine strategische Wichtigkeit hatte Key West längst eingebüßt. Anfang des 19. Jahrhunderts waren von hier aus Piraten in die Flucht geschlagen worden. Während des Kalten Krieges musste man wegen der unmittelbaren Nähe zu Kuba militärische Präsenz zeigen. Inzwischen waren der Stützpunkt auf das Notwendigste reduziert und die nicht mehr benötigten Soldatenquartiere in billige Wohnungen umfunktioniert worden.
Vielleicht sollten sie den Stützpunkt nicht verkleinern, sondern verlegen, dachte Juanita. Nach Norden, um die Touristen notfalls mit Gewalt fernzuhalten. Der Gedanke ließ sie zum ersten Mal an diesem Morgen schmunzeln. Natürlich wusste sie, dass sie ohne die Touristen überhaupt keinen Job mehr hätte. Aber träumen durfte man ja wohl noch.
Sie bog vom Williams Boulevard auf den Kiesweg, der zum Haus des griesgrämigen Mr. Simmons führte. Vereinzelt musste sie noch kleineren Pfützen ausweichen, aber die Sonne hatte bereits vor Stunden mit ihrem Tagwerk begonnen und die meisten Anzeichen des nächtlichen Gewitters verschwinden lassen. Teile der tropischen Vegetation standen nach wie vor geknickt, mitunter fiel ein Wassertropfen von einem Palmenblatt Juanita in den Nacken, aber das empfand sie als willkommene Erfrischung in der langsam erwachenden Hitze.
Simmons' Haus war im klassischen Key-West-Stil gebaut. Ein zweistöckiger Holzbau mit ausladender Terrasse und weißen Balustraden rund um das Obergeschoss. Durch das feuchte Klima war das Holz teilweise verwittert. Die weiße Farbe blätterte an mehr als einer Stelle ab, aber gerade das gab dem Haus seinen Flair zwischen der zwielichtigen Eleganz eines Kolonialherrensitzes und dekadenter Schäbigkeit.
Juanita stellte ihr Rad ab und ging zur Tür. Sie hatte einen Zweitschlüssel, weil Mr. Simmons nicht gestört werden wollte. Schon gar nicht durch das Türklingeln der Putzfrau.
Diesmal brauchte sie den Schlüssel nicht. Die Tür stand bereits einen Spalt weit offen.
Vorsichtig betrat die junge Frau das Haus. Dass die Tür geöffnet war, gefiel ihr nicht. Juanita versuchte, das Licht anzuschalten, aber die Sicherung war wohl durchgebrannt. Sehen konnte man eh genug. Die hohen, dichten Bäume auf dem verwahrlosten Grundstück nahmen der Sonne zwar ein wenig das Licht, schlossen sie aber nicht vollkommen aus.
Dann sah sie ihn.
Ihr Arbeitgeber lag in einer lächerlich hilflosen Haltung auf dem Bauch mitten im Eingangsbereich. Er hatte es nicht einmal mehr bis ins Gästezimmer im Erdgeschoss, geschweige denn über die Treppe ins Schlafgemach geschafft.
So sturzbesoffen möchte ich niemals sein, dachte Juanita. Sie verstand Simmons nicht. Wie konnte jemand jedes Jahr Urlaub auf Key West machen, ein eigenes Feriendomizil haben und trotzdem stets allein reisen und sich nicht ein einziges Mal amüsieren? Vielleicht hatte er es am gestrigen Tag versucht und sich dabei übernommen.
»Kommen Sie, Mr. Simmons, stehen Sie auf«, sagte Juanita. »Ich bringe Sie ins Gästezimmer. Dort können Sie Ihren Rausch ausschlafen.« Sie packte ihn an der Schulter – und ließ ihn sofort wieder fallen.
Ihre Finger hatten überhaupt keinen Halt gefunden; als sei Simmons' Gerippe allein auf Kneipentour gegangen und hätte den Rest zu Hause gelassen!
Vorsichtig versuchte sie noch einmal, den Körper auf den Rücken zu drehen. Es gelang ihr nur mit Mühe.
Juanitas Mund öffnete sich so weit, dass es schmerzte, aber es kam kein Schrei heraus. Zum Schreien war sie viel zu schockiert. Sie wusste nicht, was sie mehr erschreckte: die zersplitterten Rippenknochen, die aus dem blutverschmierten Pyjamaoberteil beinahe obszön herausragten, oder Simmons' starrer, furchterregender Blick. Als hätten diese Augen, kurz bevor sie für immer erstarrten, etwas so Schreckliches gesehen, dass der Tod die angenehmere Alternative gegenüber dem Leben mit dieser Erinnerung bot.
Pathologie des 23. Polizeireviers
Miami, Florida, 28. Dezember, 10:46 Uhr
»Na, dann wollen wir uns doch mal anschauen, was man uns den ganzen weiten Weg von Key West hierher ins sonnige Miami geschickt hat!«, sagte Dr. Hill. Sein salopper Ton war gespielt. Er hielt nicht viel vom verkrampften Galgenhumor einiger Kollegen. Hill selbst war stolz darauf, ein völlig humorloser Mensch zu sein, was hervorragend zu seiner großen Gestalt mit dem raubvogelhaften Gesicht und den in Ehren ergrauten Haaren passte.
Die leichtfertige Art, wie er über seine Arbeit plauderte, hatte er aus ganz pragmatischen Gründen verinnerlicht. Er benutzte sie, um die Studenten, die er einmal pro Woche in der Kunst des Aufschneidens, Ausnehmens und Analysierens unterrichten musste, angesichts der bedrückenden Atmosphäre seines Arbeitsplatzes etwas zu beruhigen.
Studenten waren zwar gerade keine zugegen, aber der junge Polizist, der die neueste Lieferung begleitete, sah auch nicht aus, als wäre er in unterkühlten Räumen mit blutverschmierten Seziertischen und überdimensionalen Schrankwänden voller Kühlsärge aufgewachsen.
»Sie sind ja ganz blass, Kelton«, bemerkte Hill.
»Äh ... ehrlich, Dr. Hill?«, druckste der milchgesichtige Jüngling herum. »D ... das liegt vielleicht am Licht.«
Der Pathologe überging Keltons letzte Bemerkung. Mit einer flinken Handbewegung riss er den Reißverschluss des schwarzen Plastiksacks auf, der vor ihm auf dem nach innen gewölbten Stahltisch mit den blutverkrusteten Abflusslöchern lag.
»Du liebes Bisschen!«, entfuhr es Dr. Hill, in dessen Gesichtszügen das Raubvogelartige kurz vom möglichen Ausdruck eines Raubvogelopfers abgelöst wurde. »Was ist denn mit seinen Augen geschehen? Und was ist all das hier?«
Er stocherte mit seinem Einwegkugelschreiber an den freigelegten Rippen des Leichnams herum. Der Kugelschreiber hatte am Oberteil runde schwarze Mickey-Mouse-Ohren und trug die Aufschrift »Mein Schatzi war in Disney World und hat mir nur diesen lausigen Stift mitgebracht«. Hills Kollegen fanden dieses Souvenir witzig. Er fand ihn zweckmäßig. Wie die meisten der billigen Kugelschreiber, die aus seiner Brusttasche ragten, hatte er ihn irgendeinem Verstorbenen abgenommen, der dafür sowieso keine Verwendung mehr hatte. Qualitätsware bekam er leider nie herein. Die Mont Blanc- und Cross-Schreiber hatten sich für gewöhnlich schon die ermittelnden Beamten unter den Nagel gerissen.
Hill hatte seine Fragen nicht wirklich an Kelton gerichtet, drehte sich aber um, als aus dessen Richtung noch nicht mal ein unqualifizierter Kommentar kam.
»Kelton ... wo sind Sie?«
Der junge Polizist stand über einen blauen Abfallsack gebeugt und verabschiedete sich gerade von seinem spärlichen Frühstück.
»Ah, gut. Sie haben den Beutel gefunden«, stellte Hill fest und wandte sich wieder Simmons zu. Er hob einen der schlaffen Arme des Toten und bog ihn in verschiedene Richtungen. Diese Prozedur wiederholte er mit dem anderen Arm, beiden Beinen und dem Hals. Keine Spur von Leichenstarre. Der Tote wirkte weitaus gelenkiger, als es die meisten anderen Menschen im Leben sein dürften.
»Sehr seltsam«, murmelte Hill, notierte etwas auf seinem treuen Notizblock und sprach zusätzlich mit leiser Stimme in ein am Kopfende des Seziertisches fixiertes Diktiergerät.
Er holte seine Digitalkamera unter dem Obduktionstisch hervor, ein durchaus praktisches Arbeitsgerät für einen Pathologen. Akribisch wurde jeder Zentimeter des geschundenen Körpers abgelichtet. Mit jedem grellen Blitzlicht wurde ein weiteres unschönes Detail festgehalten. Aufgeplatzte Adern, zerborstene Knochen, zerfetzte Hirnmasse, hängende Hautlappen, unkenntliche Organmasse.
Dann ging er zum Drucker und ließ sich per Bluetooth schnell die Bilder auf Fotopapier ausdrucken. Gerade als er damit fertig war, öffnete sich die schwere Stahltür, die in Dr. Hills unterirdisches Arbeitsrefugium führte. Obgleich er nichts Verbotenes getan hatte, fühlte er sich instinktiv ertappt. Schnell ließ er die Kamera in der Schublade an der unteren Seite des Tisches verschwinden. Die Fotos steckte er beiläufig in die rechte Tasche seines Arbeitskittels.
Zwei große Männer unbestimmbaren Alters in schwarzen Anzügen und beinahe ebenso schwarzen Sonnenbrillen betraten den Raum.
