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Unverhofft findet Howard in Sveta, einer jungen Frau aus der Ukraine, seine späte große Liebe. Doch noch am ersten Tag ihrer Hochzeitsreise nach Kiew stellt sich das Glück als Irrtum heraus: Die Gefühle, die Sveta in New York für ihn empfand, zerfallen in ihrer Heimat zu Staub. Nie hat Howard sich so einsam gefühlt wie jetzt, in dieser fremden Stadt, die sein Großvater einst für ein Leben in Amerika zurückgelassen hatte. Molly Antopols Geschichten sind kleine Wunderwerke. Drei Generationen und Kontinente passen in eine einzige ihrer mit verblüffender Leichtigkeit geschriebenen Erzählungen über die unverdrossene Suche nach Liebe und Glück, nach Halt in dieser den seismischen Kräften der Geschichte ausgesetzten Welt.
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2015
Hanser Berlin E-Book
Molly Antopol
| Die Unamerikanischen
Erzählungen
Aus dem Englischen von Patricia Klobusiczky
Hanser Berlin
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2014
unter dem Titel The UnAmericans bei W.W. Norton & Company in New York
ISBN 978-3-446-24858-8
© Molly Antopol 2014
Alle Rechte der deutschen Ausgabe
© Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2015
Cover: Peter-Andreas Hassiepen, München
Satz: Greiner & Reichel, Köln
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Für meine Eltern
Marcia Antopol
Jeff Moskin
&
Paul Johnson
Die alte Welt
Unbedeutende Heldentaten
Meine Großmutter erzählt mir diese Geschichte
Der große Schweiger
In Deckung
Eine schwierige Phase
Der unbekannte Soldat
Retrospektive
Kein Mensch will einen Mann über seine einsamen Nächte jammern hören – ich auch nicht. Darum habe ich eines Morgens im Frühherbst, vier Monate nach Gails Abgang, als eine Frau mit einem Nadelstreifenrock über dem Arm in meinen Laden schneite und fragte: »Bis wann kann fertig sein?«, nicht einfach einen Beleg ausgestellt, ihr den Dienstag genannt und mich dem nächsten Kunden zugewandt. Stattdessen sagte ich: »Ihr Akzent. Russisch?«
»Ukrainisch.«
»Die Perle des Baltikums! Ich habe einiges darüber gelesen«, sagte ich. »Die Kunst, die Küche, diese alten Fischerdörfer!« Ich machte in einer Tour weiter, obwohl ich in Wahrheit nichts darüber gelesen hatte. Dafür hatte ich mal eine TV-Sendung zum Thema gesehen, aber ich konnte mich nur vage an schiefe Kirchtürme, trostlose Akkordeons und Teller voller rosafarbener Fische erinnern, pockennarbig und glänzend.
»Ukraine«, sagte sie bedächtig, »ist nicht Baltikum.« Ihr Gesicht war flächig und blass, ihre Lippen waren voll und ihre kurzen blonden Haare currygelb gefärbt.
»Ach.« Ich musste schlucken.
Sie ging aber nicht weg. Sie blinzelte, als wollte sie mich deutlicher sehen. Dann lehnte sie sich über den Tresen und streckte die Hand aus. »Svetlana Gumbar. Sagen Sie einfach Sveta.«
»Howard Siegel.« Dann platzte ich heraus mit: »Sie können mich jederzeit anrufen.« Sie lächelte, mehr oder weniger. Ihren Fältchen um die Augenwinkel nach war sie meiner Altersgruppe näher als der meiner Tochter, was ich dankbar zur Kenntnis nahm. Von der zwanzigjährigen Gespielin war es nur ein jämmerlicher Sprung zu Ohrring und flippigem Pferdeschwanz. Ich breitete ihren Rock aus, überprüfte ihn auf Flecken, und als ich schließlich meinen ganzen Mut zusammengenommen hatte, lud ich sie zum Essen ein.
***
»Wieso lachst du dir während der Arbeit Frauen an?«, fragte meine Tochter noch am Abend desselben Tages, als ich bei ihr Hühnchen aß.
»Wieso nicht?«
»Dafür gibt’s einfach bessere Gelegenheiten. Bei der Beit-Adar-Gemeinde brennen zwei Frauen darauf, dich kennenzulernen.«
Beth sah nach wie vor bezaubernd aus – dunkel, sommersprossig, mit Augenbrauen, die für ihr Gesicht zu kräftig waren –, aber das Seidentuch, das ihre Haare bedeckte, war noch sehr gewöhnungsbedürftig. Genau wie die Mesusot, die in ihrer neuen Brooklyner Wohnung an jedem Türpfosten hingen, wie das Regal voller hebräischer Gebetbücher, die sie vermutlich nicht einmal entziffern konnte. Das war, vorsichtig ausgedrückt, eine ganz neue Entwicklung. Ausgerechnet jetzt. Als ich gerade versuchte, nach vierzig Ehejahren allein zurechtzukommen, war Beth nach Jerusalem gereist. Schlimmer noch, sie kehrte als Erweckte zurück – und mit einem Verlobten, einem Schwachkopf namens Ya’akov.
»Bei Sveta habe ich aber ein gutes Gefühl«, sagte ich. »Auf mein Gespür für Frauen ist Verlass, meinst du nicht, Beth?«
»Aber warum andere Möglichkeiten ausschließen?«, sagte der Schwachkopf.
»Schließlich bin ich derjenige, der einen Abend mit diesen Frauen verbringen und Small Talk machen muss!«
»Du solltest ihnen trotzdem eine Chance geben.« Ya’akov war klein und drahtig, er hatte hektische kleine Hände und eine Kippa, die auf seinen glatten braunen Haaren hin und her rutschte, als wüsste nicht einmal sie, was sie dort zu suchen hatte. Er stammte aus Long Island. Früher hieß er Jake »The Snake« und kümmerte sich um den Nachwuchs seiner Fraternity. Bei der Hochzeit hatten seine Verbindungsbrüder von der Sigma Phi ebenso entgeistert gewirkt wie seine Eltern, als hätten sie die ganze Zeit nur auf Jakes Bekenntnis gewartet, sein religiöses Erwachen sei bloß ein ausgefuchster Spaß gewesen.
»Meine Frau will ja nur sagen, dass wir jede Menge netter Damen kennen«, fuhr Ya’akov fort.
»Warum lässt du Beth nicht einfach selbst zu Wort kommen, Jake?«
»Aber ich bin ganz seiner Meinung«, sagte sie. »Warum sollten wir dich nicht verkuppeln?«
»Ich möchte es lieber auf dem normalen Weg versuchen. Sich nach einem Gottesdienst auf den Heiratsmarkt zu begeben hat in meinen Augen nichts mit Liebe zu tun.«
»Und wie würdest du Liebe dann definieren?«, fragte Beth.
***
Draußen strömten die Nachtschwärmer an den Coffeeshopfenstern vorbei, den Blick unverwandt nach vorn gerichtet. Sveta wirkte so viel gelassener als der Rest der Stadt, lächelnd und winzig saß sie in der großen grünen Nische und hielt ihren Teebecher mit beiden Händen. Ich nippte an meinem Kaffee und lauschte dem albernen Gepoche meines Herzens.
»Gehen Sie mit jeder Frau aus, die kommt in Reinigung?« Sveta schluckte ein Stückchen Cheesecake. Ihr Lippenstift war auf ihre lachsfarbene Bluse abgestimmt, und die goldenen Armreifen, die ihr Handgelenk umspielten, klirrten, als sie die Gabel absetzte.
»Keineswegs! Ich arbeite dort schon mein ganzes Leben, und Sie sind die erste.«
»Sie arbeiten Ihr ganzes Leben in Reinigung?«
»Nicht nur in dieser – ich besitze fünf.« Ich zählte sie an den Fingern ab: »Das erste Geschäft an der Houston Street, eins in Murray Hill, zwei an der Upper West Side und das an der 33rd Street, wo wir uns begegnet sind. Ein Familienerbe. Mein Großvater war ursprünglich Schneider in Kiew, er kam hierher und hat den Betrieb gegründet. Wäre mein Großvater Gehirnchirurg gewesen, wäre ich jetzt auch Gehirnchirurg.«
»Sie sind aus Kiew?«
»Ich nicht, mein Großvater. Ich war noch nie dort.«
Sveta hörte offenbar nicht zu. »Ich bin aus Kiew!« Sie langte über den Tisch und ergriff meine Hand. »Unsere Familien kommen aus selben Ort.«
Unsere Familien? Meine Familie kam aus der Ditmas Avenue. Meine Familie hatte die Ukraine verlassen, bevor die Kosaken ihre Frauen schwängern konnten. Als Junge wurde ich zu meinem Großvater nach White Plains geschleift, wo die Familie ihm betreutes Wohnen finanzierte. Ich wurde dazu genötigt, mich ans Fußende seines Bettes zu setzen, in der Luft hing ein Geruch nach grünen Bohnen und Dosenmilch, und seinen Geschichten zu lauschen – über die schimmligen Kartoffeln zum Abendessen, den vom Huf eines aufgebrachten Pferds zertrümmerten Kiefer der Dorfschönheit. Ich hatte Geschichten über zerschmissene Fenster gehört, über die geschändeten Gräber meiner Urgroßeltern, die Grabsteine, die in Stücke geschlagen und für den Straßenbau verwendet wurden. Ich hatte mir teigige Gesichter vorgestellt, von geblümten Kopftüchern fest umhüllt, Soldaten, die mit brennenden Fackeln durch die Straßen stürmten. Diese Geschichten hatte ich so oft gehört, dass sie für mich nichts anderes mehr waren als bloß: Geschichten.
Aber das sagte ich Sveta nicht. Ich sagte ihr nicht, dass ich es vor unserer ersten Begegnung tunlichst vermieden hatte, mir die Ukraine auch nur auf der Karte anzusehen. Ich sagte: »Was für ein unglaublicher Zufall«, weil ich verstehen konnte, warum sie sich so sehr darüber freute, auf dieser Seite des Globus einen Mann mit den gleichen Wurzeln kennenzulernen – und vor allem, weil sie mir immer noch die Hand drückte und ich alles getan hätte, damit Sveta sie nicht losließ. »Was hat Sie denn hierhergeführt, aus dem wundervollen Land Iwans des Schrecklichen?«
»Mein Mann hat hier Arbeit gefunden.«
»Und es macht Ihrem Mann nichts aus, dass Sie mit dem erstbesten Reinigungsmenschen ausgehen?«
»Wie soll er wissen? Er ist tot.« Sie löffelte Zucker in ihren Becher und – war das wirklich ihre gewiefte Art und Weise, das Thema zu wechseln? – trug das Zitat vom Teebeutel vor, als wäre es bedenkenswert.
»Selbst wenn du nur eine Minderheit von einer Person bist, ist die Wahrheit immer noch die Wahrheit«, las sie vor. »Was heißt das, was meinen Sie?«
Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Außerdem wollte ich mehr über den toten Mann erfahren. »Wissen Sie, wo diese Zitate fabriziert werden? In irgendeiner Lagerhalle in San Francisco. Dort denkt man sich auch die Sprüche für chinesische Glückskekse aus. Die Person, die das verzapft hat, versteht von Wahrheit einen Dreck.«
»Diese Person«, sagte Sveta, »ist Gandhi.«
Natürlich hatte ich das Maul just aufgerissen, als unsere Hände sich berührten. In solchen Momenten bekam ich Angst, wie diese alten Männer zu werden, die ich im Coffeeshop immer einsam ihre Suppe schlürfen sah.
Als die Rechnung kam, griffen wir beide danach. »Das übernehme ich«, sagten wir im Chor.
»Ich hatte gute Zeit«, sagte Sveta und knallte einen Schein auf den Tisch, bevor ich meine Brieftasche überhaupt geöffnet hatte.
Ich dachte, das hätte sie nach meiner Bemerkung über Gandhi nur aus Höflichkeit gesagt, doch kaum waren wir auf der Straße, packte sie mein Gesicht mit beiden Händen und küsste mich, heftig. »Wo wohnst du?«, flüsterte sie. Ich zeigte nach Westen, Richtung Hudson. »Gut«, sagte sie und ergriff meine Hand.
Zu Hause führte ich sie in die Küche. Nicht gerade der erotischste Raum, aber ich wollte unbedingt mit der Aussicht über meiner Spüle protzen – mittlerweile hatte ich nur selten Gelegenheit, sie Gästen zu zeigen. Während Sveta auf die Boote blickte, die den Fluss sprenkelten, auf die weißen Lichter von Jersey, die in der Ferne gleißten, betrachtete ich ihre vollen Wangen und schartigen Zähne, die Reste von Lippenstift, die ihr aus den Mundwinkeln liefen. Innerhalb eines langen, trägen Moments wurde alles still. Ich zog sie an mich. Wir hielten uns nicht lange auf, lösten Gürtelschnallen, zogen Reißverschlüsse auf, bis wir nackt am Geschirrspüler lehnten, von Strümpfen und Uhren abgesehen sowie meiner Brille, die Sveta in letzter Sekunde auf die Arbeitsplatte legte.
Wir blieben so lange wach, dass am Ende durchscheinend gelbes Licht durch die Jalousien sickerte und ich hören konnte, wie draußen die Müllwagen ihre Touren fuhren. Sveta war rundlich und kurvenreich, über ihre Hüften zog sich eine Handvoll Leberflecken. Und da lag ich, dreiundsechzig Jahre alt, mit Bauch und fortschreitender Glatze, und überlegte, wie es mir wohl gelungen war, eine Frau wie Sveta ins Bett zu kriegen, vor allem überlegte ich, wie ich sie zum Bleiben verleiten konnte, und hatte immer noch keine Ahnung, wie ich das Ganze ungezwungen handhaben sollte. »Wann ist dein Mann verstorben?«, sagte ich schließlich.
»Vor elf Monaten.«
»Ist es zu dreist, wenn ich frage, woran er gestorben ist?«
»Gar nicht dreist«, sagte sie und stopfte sich ein Kissen in den Nacken. Dann erzählte sie mir ihre Geschichte. Sie hatte ihn fünfzehn Jahre zuvor kennengelernt, mit Ende zwanzig, als beide ihre Promotion abschlossen. Sie waren sehr in ihre Projekte vertieft – Sveta schrieb ihre Dissertation über Kiews Goldenes Zeitalter, während Nikolai, ein Chemie-Doktorand, die langfristigen Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe auf die benachbarte Stadt Prypjat erforschte –, und ihre Beziehung hatte in diesen frühen Jahren etwas ungemein Tröstliches, wie Sveta mir sagte: »Zum ersten Mal ich wusste, was echtes Glück.« Wenn sie zusammen waren, und sei es nur, dass sie lesend nebeneinandersaßen oder die Straße ein Stück hinunterliefen, um Lebensmittel einzukaufen, kam ihnen der Himmel ein bisschen blauer, die Sonne ein bisschen wärmer, die Welt ein bisschen fröhlicher vor. Beide waren von ihrer Arbeit besessene, zutiefst in sich gekehrte Wesen, und nach ihrer Heirat hatte Sveta den Eindruck gehabt, sie brauchte sich nicht mehr auf andere einzulassen und es spielte keine Rolle, was Außenstehende von ihr hielten. Natürlich gingen sie und Nikolai noch mit Freunden aus, aber gegen Ende des Abends kam es in der Bar jedes Mal zu diesem Blickwechsel, dieser stillschweigenden Übereinkunft, dass es nun Zeit war, zu gehen, wieder unter sich zu sein. Ein Blick, den ich gut kannte, der Gail und mir früher bei anderen Paaren aufgefallen war, auf Partys oder bei Abendessen, ein Blick, bei dem wir uns stets bloßgestellt und in die Defensive gedrängt fühlten. Danach ertappten wir uns dabei, die Beziehungen unserer Freunde zu sezieren, ihre Dynamik auseinanderzunehmen, bis wir mit unserer eigenen wieder halbwegs zufrieden waren, wie wir da Seite an Seite vor unseren Zwillingswaschbecken standen und uns die Zähne putzten.
Nikolai sei während seiner Forschungsarbeit sechs Jahre lang täglich der Strahlung in Tschernobyl ausgesetzt gewesen, fuhr Sveta fort, doch erst, nachdem er hier ein Stipendium angetreten hatte und sie in eine sichere, ruhige Straße auf Staten Island gezogen waren, habe er sich eines Morgens, als er draußen Laub rechen wollte, ans Herz gefasst und sei gleich dort in der Einfahrt zusammengebrochen. »Niemand wusste Bescheid wegen sein Herz«, sagte Sveta. »Wir wussten nichts. Ein seltener Klappenfehler, der einen von ein Million trifft, und es musste ausgerechnet sein mein Nikolai.« Sveta blieb allein in einem neuen Haus in einem neuen Land zurück, zum Reden hatte sie nur ihre Cousine Galina, mit der sie in Kiew aufgewachsen war und die inzwischen in Chicago lebte.
Ich fuhr mit dem Finger über ihr inneres Handgelenk, sahnig, warm und von zarten Äderchen durchzogen. Meine eigenen Sorgen, in denen ich mich seit Monaten gesuhlt hatte, waren nichtig im Vergleich zu ihren. Sie war wohl stärker als ich. »Warum kehrst du nicht zu deiner Familie zurück?«
»Ich habe kein Kind, und meine Eltern schon lange tot. Ich bin aufgewachsen bei Großmutter, aber sie hat Alija gemacht nach Israel, als Nikolai und ich heirateten. Nach Hause zurückkehren?« Sie schüttelte den Kopf. »Hier ich kann wenigstens Englisch lernen und in Buchhaltung arbeiten. Für mich ist mehr einfach in den Staaten.«
»Ach Sveta.« Nichtssagend, aber mir fiel nichts anderes ein.
»Wie sagt man hier? Shit it happens.« Sie lachte, aber es klang verunsichert und gezwungen – die Art von Lachen, das in einem vollbesetzten Restaurant jedes andere übertönt.
Ich wiederum legte mich ins Zeug, um ihr zu vermitteln, was für ein großartiger Fang ich war. Ich erzählte Sveta, wie ich in Brooklyn mit Gail von nebenan aufwuchs, wie sie von meiner Schul- und Spielkameradin zu meiner besten Freundin und dann zu meiner festen Partnerin wurde. Ich erzählte ihr, dass wir mit dreiundzwanzig heirateten und jahrelang knauserten, bis wir schließlich unsere Traumwohnung am Riverside Drive ergatterten. Ich erzählte ihr, dass Beths Geburt zweifelsohne der wichtigste Tag meines Lebens war. Ich erzählte ihr, dass Beth mir schon als kleines Mädchen eher eine Freundin als eine Tochter zu sein schien. Und ich erzählte ihr, was wir für einen herrlichen Sommer verbracht hatten, als Beth nach dem Jurastudium wieder nach Hause gezogen war, um Geld zu sparen, während sie sich auf die Zulassungsprüfung vorbereitete. Es war das pure Glück: Abends bestellten wir uns meistens etwas zu essen, sonntags besuchten wir Matineen, oft blieben wir lange auf und unterhielten uns in der Küche – als wäre sie nie weg gewesen.
Ich erzählte Sveta nicht, wie schmerzlich es für mich gewesen war, als meine Tochter zum Sommerende hin verkündete, sie habe nicht die geringste Ahnung, was sie in ihrem Leben erreichen wolle (»Ich auch nicht!«, hatte ich erwidert. »Und ich bin dreiundsechzig!«), sie habe sich bloß für diese Laufbahn entschieden, weil sie solche Angst hatte, niemals herauszufinden, was sie wirklich will – und dann entschwand sie einfach nach Jerusalem und kehrte mit Ya’akov zurück. Ich erzählte ihr nicht, wie mir schon auf dem Weg von der U-Bahn zu Beths neuer Wohnung kalt und mulmig wurde. Ich hatte das Gefühl, mich in die Vergangenheit zu begeben, als ich noch ein frommes Kind war und in Brooklyn lebte. Als meine Eltern zwar genug Geld für einen silbernen Kidduschbecher hatten, aber nicht für neue Wintermäntel, als wir eine von vielen armen Familien mit übertriebenem Gottvertrauen waren.
Mit Sveta fühlte sich alles so neu und zerbrechlich an, dass ich nicht den Fehler begehen wollte, ihr zu schnell zu viel zu verraten. Wenn ich sie so offen über ihre Ehe sprechen hörte, wollte ich im Grunde nicht, dass sie vom Scheitern meiner eigenen erfuhr. Und ich wusste, dass meine Verbundenheit mit Beth – die mich von jeher besser zu verstehen schien als jeder andere Mensch, ihre Mutter eingeschlossen – seltsam anmuten könnte, wenn ich versuchte, sie einer Außenstehenden zu beschreiben. Und so erzählte ich Sveta nicht, wie Gail mich regelmäßig anschnauzte, weil ich in der Küche irgendein Chaos hinterlassen hatte, und Beth dann meinen Blick auffing und die Augen verdrehte – ihre Weise, mir im Stillen mitzuteilen, dass sie auf meiner Seite stand. Ich erzählte ihr nicht, dass Gail und ich nach Beths Auszug, als uns der Puffer abhandenkam, kaum zusammen essen konnten, ohne dass es krachte. Alles, was ich tat, sorgte für Streit: meine Art, Essen zu kauen, meine Art, Wäsche zusammenzulegen, meine Art, Liebe zu machen. Ich sagte Gail, es sei unmöglich, mit einer derart alles missbilligenden Person zusammenzuleben. Gail sagte, es sei unmöglich, mit einem Mann zusammenzuleben, der Gefühle gar nicht erst zuließ, um sich nicht mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Dabei hatte ich doch reinen Tisch machen wollen, wenn schon nicht unseretwegen, dann für Beth. Ich schlug eine Paartherapie vor. Gail flog nach Burlington und vögelte einen Architekten, den sie online kennengelernt hatte.
»Das Tolle an Gail ist, dass wir immer noch gute Freunde sind«, log ich. »Ich kann mir gar nicht vorstellen, alle Verbindungen zu kappen, nachdem man so vieles miteinander erlebt hat.«
Sveta berührte mein Gesicht. »Ich habe gesagt Galina, ich bin nicht bereit für neuen Mann, aber sie hat gemeint, die Welt ist groß und bunt.«
Ich rechnete damit, dass sie den Gedanken noch ausführen würde. Sie schmiegte sich an mich und schloss die Augen, als wäre schon alles gesagt.
***
In den nächsten paar Wochen wartete ich nach der Schließung meines Geschäfts in der Nähe des Herald Square darauf, dass Sveta von ihrem Englischkurs kam. Seit Jahren hatte ich dem immer gleichen Ausblick auf eine Bodega und einen Obst- und Gemüsestand keinerlei Beachtung geschenkt, doch nun würde Sveta jeden Moment um die Ecke segeln und sogar der Asphalt strahlen.
»Jetzt aber mal ehrlich«, sagte der Schwachkopf, »machst du dir gar keine Sorgen, dass du bloß als Lückenbüßer dienst?«
Ich verbrachte meinen Freitagabend wieder einmal bei Beth und Ya’akov. Sonst bekam ich sie nie zu Gesicht. Sie wollten partout nicht am Sabbat mit der U-Bahn zu mir fahren, sie wollten nicht in meiner Küche essen, weil sie nicht koscher war, sie wollten nicht in einem der koscheren Restaurants in meiner Nähe essen, weil diese nicht koscher genug waren. Wer ist hier mit der Haschgacha betraut?, wollte Ya’akov jedes Mal wissen.
»Ich meine, wie lange ist es her, dass dieser Typ gestorben ist?« Ya’akov hob beide Hände, als wären sie von Logik getragen. »Das musst du doch in Betracht ziehen.«
»Was weißt du schon von Verlust?«, sagte ich.
»An und für sich eine ganze Menge. In Jerusalem habe ich mit meiner Jeschiwa Hausbesuche gemacht, um den Familien, die bei den Bombenangriffen einen Angehörigen verloren hatten, ein bisschen Tikwa zu bringen« – er und Beth hatten bereits angefangen, ihre Sätze mit hebräischen Ausdrücken zu würzen, lauter Insiderwitzchen, die für Gott bestimmt waren – »und ihnen –«
»Ya’akov.« Beth warf dem Schwachkopf einen Blick zu, den er verdiente. »Mein Vater weiß, was er tut. Er ist erwachsen.«
»Danke, Beth. Was haltet ihr davon, mich morgen zu besuchen und den Tag mit Sveta und mir zu verbringen? Euch wird schon kein Blitz treffen, wenn ihr dieses eine Mal den Gottesdienst schwänzt.«
»Ich gehe gern hin.«
»Aber warum?«
»Einfach so. Warum willst du das so genau wissen?«
Auf einmal klang sie wie die alte Beth, und ich gewann eine flüchtige Vorstellung davon, wie sie als Anwältin aufgetreten wäre, ihr Ton war so scharf, dass mir die Stimme zitterte, als ich antwortete: »Im Ernst – was gefällt dir daran so gut?« Das interessierte mich wirklich.
»Es ist so – wenn ich dieses Heiligtum betrete, wo Menschen seit Aberhunderten von Jahren dieselben Melodien singen, habe ich endlich ein Gefühl von Zugehörigkeit«, antwortete sie. Ihre Stimme wurde sanfter, und obwohl ich erwartet hätte, Inbrunst in ihren blauen Augen glühen zu sehen, waren sie klar und ruhig. »Die Menschen in der Schul – für mich sind sie eine Art Sicherheitsnetz«, sagte Beth, und ich hätte fast geweint: Reichte es nicht, dass ich für sie da war?
»Außerdem wollte ich dir sagen –«
»Wir sind schwanger«, sagte Ya’akov. Er stellte sich hinter sie und strich ihr über den flachen Bauch.
Dann nahm er mich in seine dünnen Arme und hielt mich fest umfangen, während ich wie angewurzelt dastand. Ich schluckte einen Anflug von Schmerz hinunter, aber er kam wieder hoch.
»Großartig!«, sagte ich und entwand mich Ya’akovs Umarmung. »Weiß Mom schon Bescheid?«
»Ich habe es ihr noch nicht erzählt«, sagte Beth. »Ich wollte, dass du es als Erster erfährst.«
»Na ja«, sagte Ya’akov, »als Erster nach Reb Yandorf und der Rebbetzin.«
Ich küsste sie auf die Wange. Sie roch sogar wie eine Mutter, nach Schweiß und Speiseöl und einem Dutzend zwiebellastiger Mahlzeiten. »Ich freue mich so für euch«, brachte ich mühsam hervor. »Wundervolle Neuigkeiten.«
»Danke.« Danach warf Beth mir einen Blick zu, aus dem mehr Besorgnis sprach, als für eine Tochter angemessen war. »Bist du wirklich sicher, dass Sveta dich auch glücklich macht?«
Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. Mich beglückte es, neben Sveta aufzuwachen und zuzusehen, wie sie sich den Schlafsand aus den riesigen braunen Augen rieb. Mich beglückte es, wie schnell wir unserem Verlangen nachgaben, als fiele weder ihr noch mir ein triftiger Grund ein, es nicht zu tun. Und mich beglückte der Sex an sich, der unbestreitbar, geradezu unglaublich gut war. Mich beglückte der Anblick ihres Gesichts, das sich verzerrte und dann entspannte, und mich beglückte der Moment unmittelbar danach, wenn sie sich in meine Armbeuge kuschelte, mir mit einer Hand über die behaarte Brust fuhr und mich ihren großen Bären nannte. Mich beglückte, dass sie mich zu den Freitagabendessen bei Beth und Ya’akov begleitete und sich während der Segenssprüche nichts anmerken ließ, obwohl sie sich bestimmt zu Tode langweilte. Mich beglückte, dass sie zu ihnen freundlich war, und mich beglückte die gelassene Würde, mit der sie sich weigerte, in die Gebete einzustimmen – mit der Erklärung, dass man ihr beim Heranwachsen gar nicht erlaubt hatte, diese Gebete zu erlernen –, anstatt Ya’akov zur Eile anzutreiben, wie ich es oft tat, damit wir endlich essen konnten. Während dieser Momente bei Tisch hatte ich das Gefühl, dass Sveta mich etwas Wesentliches lehrte: Ich musste nicht ständig unverblümt meine Meinung kundtun, manchmal war es das Beste, einfach still dazusitzen und zu lächeln und am Wein zu nippen. Mich beglückten die Wochenenden, wenn wir uns mit der Zeitung in den Park verzogen, den ganzen Tag auf der Wiese faulenzten und zuguckten, wie die Nachbarschaft mit Kind und Hund an uns vorbeidefilierte. Mich beglückte es, sie auf dieser Wiese zu küssen, auf der Straße, auf dem Bahnsteig, kurz bevor die U-Bahn donnernd einfuhr – als existierte niemand außer uns, als wäre die ganze Stadt von einem Wirbelsturm erfasst worden und wir beide steckten mitten in seinem grandiosen grauen Strudel.
Natürlich gab es auch Nächte, in denen ich sie aus dem Bett gleiten hörte, lange nachdem wir das Licht ausgemacht hatten. Sobald meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, sah ich sie am Fenster stehen, ein Buch oder einen Briefbeschwerer aus dem Regal nehmen. Nicht, dass sie den Gegenstand wirklich betrachtete, sie wendete ihn hin und her, als hätte sie vergessen, wofür er gut war. Meistens drehte ich mich auf die Seite und schlief wieder ein, in der Gewissheit, dass sie früher oder später wieder ins Bett kommen würde. Als Gail mich verließ, war ich zunächst auch durch die Wohnung geirrt, hatte Schränke geöffnet oder Licht angemacht und wusste dann gar nicht mehr, warum ich das Zimmer überhaupt betreten hatte.
Eines Nachts jedoch – es war im Oktober, unter der Woche, vierzehn Tage nachdem ich von Beths Schwangerschaft erfahren hatte – schlüpfte ich in meine Pantoffeln und folgte Svetas Schritten in den Flur. Ich fand sie kniend im Bad vor, das Gesicht in beide Hände vergraben, weinend. Sie trug eins von meinen Unterhemden, so ausgeleiert, dass es ihr bis zu den Knien reichte, und ihr Anblick auf meinem Badezimmerboden war – nun ja, unaussprechlich. Im Raum war es dunkel, aber durch das Fenster drang so viel Mondlicht, dass ihre Haut weiß leuchtete. Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutete, sie als heulendes Häufchen Elend auf meinen Fliesen anzutreffen, ehrlich gesagt, wollte ich es gar nicht wissen – wer würde sich in einem solchen Moment schon erkundigen, ob es sich, wie der Schwachkopf wahrscheinlich mutmaßen würde, um einen Nervenzusammenbruch handelte? Und so kniete ich mich neben sie und strich ihr über die weiche, unbestimmte Stelle zwischen Rücken und Hintern. Ich wischte ihr mit der Handkante über das feuchte Gesicht, und dann fragte ich sie, ob, einfach so, und sie sagte ja.
***
Da wir beide die Erfahrung gemacht hatten, dass hochfliegende Pläne nie so richtig aufgehen, ließen wir uns im kleinen Kreis in einer benachbarten Synagoge trauen. Ich hätte mir den ganzen orthodoxen Firlefanz lieber geschenkt und im Rathaus geheiratet, aber dann wäre Beth nicht gekommen, und Sveta meinte, vielleicht wegen ihres säkularen Hintergrunds, ihr sei völlig egal, wo die Zeremonie abgehalten werde. Ihre Cousine Galina flog aus Chicago ein und brachte einen Riesenkorb Blumen mit. Sie sah älter aus als Sveta, mindestens wie Ende vierzig, und hatte dunkle Locken; ihren zarten Handgelenken nach zu schließen, war sie früher schlank gewesen. Ich wollte gar nicht daran denken, dass sie Svetas erster Hochzeit vermutlich auch beigewohnt hatte, im selben Kleid, das an eine Blätterteigpastete erinnerte, und so konzentrierte ich mich auf das Klappern meiner Oxford-Schuhe, während sie ringsum Rosen verstreute.
Unter der Chuppa sah Sveta in ihrem knöchellangen seidigen Kleid besonders hübsch und rosig aus. Die Trauformel sprach sich beim zweiten Mal viel leichter. Als der Rabbiner sich dann endlos über die Geschichte der Ketubba und die sieben Segenssprüche ausließ, kamen Sveta die Tränen, nicht so heftig, dass ihre Schminke verlief, aber doch so heftig, dass ich es bemerkte. Zunächst fragte ich mich, ob es sie ängstigte, alles noch einmal durchzumachen. Oder, schlimmer noch, ob sie das Ganze für einen Fehler hielt. Aber dann schenkte mir Sveta ihr typisches Lächeln – ein rasches Aufblitzen der Zähne, und dann spielte sich alles auf der Unterlippe ab –, und ich dachte, Mein Gott, diese Frau vergießt meinetwegen Freudentränen. Ich hob den Fuß über das Weinglas und die Gäste applaudierten.
***
Am folgenden Tag brachen wir gegen zwölf zu unseren Flitterwochen in der Ukraine auf. Beth und Ya’akov fuhren uns zum Flughafen. Die Frauen saßen stumm auf der Rückbank: Beth, blass und gegen Übelkeit ankämpfend, strich sich mit ihren kleinen Händen über den Bauch; Sveta, noch von der Hochzeit erschöpft, döste, die Wange an die Fensterscheibe gepresst. Im Sonnenlicht blitzte ihr goldener Ring auf, und ich drehte an meinem. Als Sveta ihn mir am Vorabend übergestreift hatte, fühlte es sich an, als hätte ich ihn immer schon getragen, als wäre mein Finger nie zwischenzeitlich ohne gewesen. Wir bogen auf die Triborough Bridge ab, und schlagartig rückte die Skyline in den Blick, so miniaturhaft wie imposant. Ich stupste Sveta an, damit sie hinsah, aber sie war so benommen und träge, dass die Skyline aus ihrem Blickfeld verschwunden war, als sie die Augen endlich aufmachte.
Am Kennedy Airport luden Ya’akov und ich den Kofferraum aus, während Sveta mit Beth auf die Toilette ging.
»Eins muss man dir lassen«, sagte Ya’akov und stellte unser Gepäck auf dem Bürgersteig ab. »Du fackelst nicht lange.«
»Ich will kein Wort mehr hören«, sagte ich.
»Tut mir leid.« Er packte mich an der Schulter. »Sveta ist toll, und ich habe es nicht so gemeint, wie es sich vielleicht angehört hat.«
»Wie hast du es denn gemeint?«
Ich starrte die knochige Hand, die sich wie ein großspuriger Papagei in meine Schulter krallte, böse an, aber Ya’akov nahm sie nicht weg. Er sah mir in die Augen. »Wir wollen doch nur dein Bestes. Vergiss, was ich gesagt habe, und genieß deine Flitterwochen. Wir freuen uns schon auf die Fotos.« Ich fragte mich, ob es mir jemals gelingen würde, dieses wir zu hören, ohne einen Kloß im Hals zu bekommen.
Dann wurde es Zeit. Nach dem Abschied schlugen Sveta und ich uns durch die Sicherheitskontrollen, kurz darauf flogen wir los. Trotz einer Handtasche voller Zeitschriften zu ihren Füßen schaute Sveta unablässig aus dem Fenster. Ich folgte ihrem Blick, sah aber nur Wolken, diese kompakten, die wie Schlummerkissen wirken. Ein paar Stunden später ging die Sonne unter. Ich malte mir aus, wie es wäre, wenn das Flugzeug die Richtung änderte und die Sonne ewig unterginge.
Am Charles de Gaulle fuhren wir mit einem Shuttlebus zu einem schäbigen Terminal und bestiegen noch vor Tagesanbruch ein kleines Flugzeug mit orangeroten Vinylsitzen und ohne jeglichen Beinraum. Als es von der Startbahn abhob und in den Himmel ruckelte, griff ich nach Svetas Hand. Sie fühlte sich leichter an als sonst und verschwitzt.
»Hast du Angst vorm Fliegen?« Wie eigenartig, dass ich das nicht wusste.
»Eigentlich nicht«, sagte sie, aber sie war etwas blass geworden. »Nur diese kleinen Flugzeuge, die machen mir Angst.«
Fast hätte ich entgegnet: Aber du wolltest doch um die halbe Welt fliegen. Einen Monat zuvor, nur wenige Tage nachdem ich sie gefragt hatte – da ließ ich mir noch das Wort Verlobte auf der Zunge zergehen, schmeckte seinem Klang nach –, war Sveta mit einem Reiseführer für die Ukraine nach Hause gekommen. »Kannst du dir vorstellen schönere Flitterwochen?«
»Phantastisch!«, hatte ich gesagt, obwohl ich von Tahiti geträumt hatte.
Offenbar war mir die mangelnde Begeisterung anzusehen, denn ihr rundes Gesicht wirkte viel ernster als sonst, als sie zu mir sagte: »Ich war nicht mehr in Ukraine seit Nikolai. Mein ganzes Leben – es war dort.« Erst da wurde mir wohl zum ersten Mal klar, wie frustrierend es für Sveta sein musste, derart komplexe Gefühle zu übersetzen. »Ich kenne dein Leben in den Staaten. Ich will, dass mein Mann kennt den Ort, der mich geformt. Bitte«, sagte sie. »Wir machen uns schöne Zeit in Kiew. Du kannst sehen die Wohnung, wo ich aufgewachsen, meine Schule. Und für dich ist besonders schön zu sehen, woher kommt deine Familie.«
Es hatte keinen Sinn, ihr zu erklären, dass ich niemals das Bedürfnis gehabt hatte, die Stadt zu besichtigen, aus der meine Vorfahren geflohen waren. Mein Leben lang hatte ich mich bemüht, nach vorn zu sehen, nicht zurück. Mein Großvater arbeitete jahrelang in einer Fabrik, bis er genug gespart hatte, um eine Schneiderei zu eröffnen. Mein Vater übernahm den Laden und fügte eine Reinigung hinzu, und als ich beides erbte, stellte ich mehr Mitarbeiter ein und kaufte eine hochwertige Dampf-Bügelpresse – nur, um voranzukommen. Ich öffnete den Laden auch an Feiertagen, um mehr Gewinn zu machen – nur, um voranzukommen. Nach Ladenschluss oder kurz vor dem Einschlafen kam mir aber manchmal der Gedanke, dass sich um mich herum alle rückwärts bewegten. Beth, die in das Brooklyner Schtetl zurückkehrte, das ich verlassen hatte, Gail, die sich so impulsiv und schwärmerisch und fröhlich gab – was gar nicht zu ihrem Alter passte, was der Frau, die ich gekannt hatte, gar nicht ähnlich sah. Und nun ich, der in Kiew Urlaub machte. Aber was blieb mir anderes übrig?
***
Vier Stunden später war die Sonne bereits aufgegangen und wir kurvten mit einem Taxi in Kiew herum. Alles schrie danach, fotografiert zu werden – das dunkle, kabbelige Wasser des Dnepr, die Kiefern am Straßenrand, so grün, dass sie fast blau aussahen, sogar ganz alltägliche Szenen wie eine Mutter, die mit ihrer Tochter an der Ecke stand, beide mit Plastiktüten beladen und nach dem Bus Ausschau haltend, der sich allmählich näherte –, bis Sveta aufstöhnte und meine Kamera wieder ins Etui steckte.
Seitdem wir gelandet waren und uns vor den Kontrollschaltern in zwei verschiedene Schlangen einreihen mussten, schien sie irgendwie Anstoß an mir zu nehmen. Und nun tat sie so, als säße ein unsichtbarer Fahrgast zwischen uns im Taxi, dem wir Platz machen mussten, sie drückte sich gegen die Seitentür und ließ den Arm aus dem offenen Fenster hängen.
Ich ging davon aus, dass sie müde war, und wollte sie in Ruhe lassen. Und so schlug ich meinen Reiseführer auf und beugte mich zum Fahrer vor. »Wy howoryte –«
»Ja«, seufzte er. »Ich spreche Englisch.«
»Könnten Sie uns ein paar Sehenswürdigkeiten zeigen? Vielleicht so altes KGB-Zeug?« Sveta zuckte zusammen. Sie murmelte dem Fahrer im Rückspiegel etwas zu, und obwohl ich kein Wort Ukrainisch sprach, erkannte ich ihren Gesichtsausdruck – die internationale Mimik, die besagt: Tut mir leid.
Als wir durch eine schmale Straße mit Kopfsteinpflaster fuhren, sprach sie den Fahrer wieder an, und wir hielten vor einem stattlichen Kaufhaus mit gläsernen Wänden voller Schaufensterpuppen, die Kleider und Stöckelschuhe trugen.
»Hier meine Großmutter früher Lagerarbeiterin war«, sagte Sveta mehr zu ihrem Schoß als zu mir. »Jetzt es sieht aus wie Bloomingdale.«
»Ist doch schön«, sagte ich.
Das Taxi fuhr wieder los.
»Vielleicht«, sagte sie, aber mit wachsender Anspannung. Dann setzte sie sich aufrecht hin und sah schweigend zu, wie ihre Stadt verschwommen vorbeizog, und ich konnte mich bloß noch darauf konzentrieren, wie sich ihre Nasenflügel beim Atmen weiteten und verengten.
***
Unser Kiewer Hotelzimmer bestand lediglich aus einem durchgelegenen Bett, einem Mini-Kühlschrank und einem grüngeblümten Sessel am Fenster. Und das hatte man uns im Reisebüro als Vier Sterne verkauft? Ich wollte mich schon lautstark beklagen, ließ es dann aber lieber sein. In Gails Beisein hätte ich vom Leder gezogen, aber vielleicht war das ein Teil des Problems gewesen. Meinen Neustart würde ich heiter und unbeschwert gestalten.
»Bitte mal lächeln.« Ich zog die Kamera aus meiner Bauchtasche und richtete sie auf Sveta.
»Schluss mit Fotos«, sagte sie und ließ sich auf das Bett fallen. »Hast du nicht Jetlag? Meine Ohren sind noch ganz zu.«
Ich kniete mich neben sie. Der Teppichboden war hellbraun, wie im Wohnzimmer meiner Kindheit. Ich küsste sie. Sie ließ es zu. Ich dachte, ich hätte grünes Licht. Ich schob meine Hand unter ihren Pulli.
»Howard, ich rieche wie Flughafen.«
»Na und?«
»Ich muss ausruhen«, sagte sie und blinzelte schläfrig.
Ich sah mich um, betrachtete unsere ausgepackten Koffer, den alten geblümten Sessel und den braunen Teppich und ermahnte mich selbst, ihr Verhalten nicht überzuinterpretieren – es war nichts dabei, dass Sveta ein Schläfchen halten wollte. Ich legte mich hin und nahm sie in die Arme, und dann traf die Erschöpfung auch mich mit voller Wucht.
Ich wusste nicht genau, wie lange ich schon schlief, als ich spürte, wie sie aus dem Bett glitt. Sie ging auf Zehenspitzen ins Bad und zog die Tür hinter sich zu. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte 2:18 an, aber wegen der schweren Vorhänge konnte ich nicht erkennen, ob nachmittags oder nachts. Ich riss die Vorhänge auf und öffnete das Fenster einen Spaltbreit, die kalte Luft rüttelte mich wach. Nachmittags – wir hatten den halben Tag noch vor uns.
Als ich den Türknauf drehte, stand Sveta am Waschbecken und schminkte sich die Augen mit einem Kosmetiktuch ab. Ihr Gesicht sah im Spiegel verwittert und aufgedunsen aus, irgendwie angejahrt – als hätte der Flug sie altern lassen. Sie legte Pulli und Jeans ab. Ich blickte auf einen Körper, der für mich immer noch erstaunlich neu war: ihre vollen weißen Hüften, die schwellende Rundung ihrer Oberarme. Ihr Rücken glich einem bisher verborgenen Gegenstand, der feierlich enthüllt wurde.
Sie wollte gerade ihren BH ausziehen, als sie mich im Spiegel erblickte. Sie hakte den BH wieder zu. »Willst du auf Toilette?«
»Ich wollte nach dir sehen.« Ich hoffte, dass meine Stimme sich für ihre Ohren nicht so flehentlich anhörte wie für meine.
»Danke, mir geht’s gut.« Sie wandte sich zu mir, mit einem Gesichtsausdruck, der mich bestürzte: Sie schien aufrichtig überrascht, mich hier zu sehen. »Aber du hast ganze Kälte reingelassen.«
»Ich seh mich mal unten in den Läden um«, sagte ich und verließ das Zimmer. Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Bevor die Tür zuging, sah ich noch, wie Sveta aus dem Bad kam und den Telefonhörer in die Hand nahm.
»Galina«, sagte sie nach einer Weile.
Ich wartete. Presste das Ohr an die geschlossene Tür, aber ich hörte nur Schluckauf. Schluckauf, der in Schluchzen überging.
***
Unten sah es aus wie in einer amerikanischen Hotellobby: Topffarne, düstere Seestücke, eine hübsche Empfangsdame, die mit langen pinkfarbenen Fingernägeln auf der Computertastatur herumtippte. Männer mit glänzenden schwarzen Loafers und dunklen Schnauzbärten – noch nie hatte ich so viele Schnauzbärte gesehen – wisperten in ihre Handys und wickelten Geschäfte ab, die offensichtlich ungeheuer wichtig waren. Ich nahm auf einem Sofa Platz und schaute ihnen zu, nach einer gewissen Zeit gab ich aber den Versuch auf, ihre Gespräche zu verstehen, und ging in den Souvenirladen. Dort fand ich alle benötigten Mitbringsel, ohne dass ich einen Fuß nach draußen hätte setzen müssen: eine Matroschka-Puppe für das Baby, einen Satz Handtücher mit dem in kyrillischen Buchstaben eingestickten Hotelnamen für den Schwachkopf, eine schnitzereiverzierte Schmuckschatulle aus Holz für Beth.
Als ich in das Zimmer zurückkehrte, telefonierte Sveta immer noch, bis zum Kinn in Decken gehüllt. Sie nickte mir zu und drückte den Hörer an die Wange, antwortete plötzlich nur noch mit lauter Njets und Hmhms. Ihre Stimme war leise und zögerlich. Wohlweislich vermied ich jeden Hinweis auf die speziellen Hotelgebühren für Ferngespräche. Ich setzte mich zu ihr auf das Bett und öffnete die Matroschka. Darin steckte eine kleinere Puppe. Ich öffnete diese und die nächste sowie die übernächste, bis fünf kleine Puppen in Reih und Glied auf dem Nachttisch standen.
Sveta legte die Hand über die Sprechmuschel. Sie warf mir einen Blick zu, der mir die Kehle zuschnürte. »Geh und mach dir schönen Tag«, flüsterte sie. »Ich heute lieber bleibe hier.«
Ich blieb sitzen, starrte meine Frau an, mit ihren zerzausten Haaren und den nackten Zehen, die unter den Decken hervorblitzten. Ich wollte fragen, womit ich diesen Blick verdient hatte. Er war noch schlimmer als der, den sie mir im Bad zugeworfen hatte: der entsetzte Blick, den man einem Eindringling zuwirft, der ins Hotelzimmer platzt. Die Antwort konnte ich mir allerdings denken, und ich wollte Sveta auf keinen Fall sagen hören, dass sie sich geirrt hatte. Ich wusste, es war lächerlich, einen Toten als Rivalen zu empfinden, aber ich konnte nicht anders. Ich stellte mir Nikolai als Mann vor, den in Amerika niemand einfach Nick genannt haben dürfte. Als Mann, der sicher zehnmal charmanter und klüger als ich gewirkt hätte, bloß wegen seines Akzents. Als Mann, der in seiner weißen radioaktiven Montur todschick ausgesehen haben musste, beim Erkunden der ländlichen Gegend rund um Tschernobyl, während ihm die Frauen reihenweise zu Füßen lagen. Als begnadeten Liebhaber, als den – mein Gott – ursprünglichen großen Bären.
Dabei wusste ich im Innersten, dass es nicht nur mit ihm zusammenhing. Es hing damit zusammen, wie Sveta sich am Morgen in sich selbst verkrochen hatte, als wir dieses Kaufhaus passierten. Mit diesem verstörten Blick aus dem Taxifenster, als hielte ihre Heimatstadt sich vor ihr versteckt. Damit, dass sie in ihrer Verzweiflung ihre Cousine angerufen hatte, anstatt sich von mir trösten zu lassen. Ich hatte noch nicht einmal Gelegenheit gehabt, in die erwarteten Fettnäpfchen zu treten, etwa indem ich mich im Restaurant beim Bestellen dämlich anstellte oder vor ihren Freunden zum Affen machte. Oder wie zuvor im Taxi, als ich offenbar etwas Peinliches gesagt hatte, obwohl ich mir immer noch nicht erklären konnte, was. Natürlich hatte ich mir genau deswegen im Vorfeld Sorgen gemacht, aber zugleich geglaubt, dass es nicht weiter ins Gewicht fallen würde, sobald wir wieder in New York wären. Das hier war aber etwas ganz anderes. Kaum war das Flugzeug in Kiew gelandet, schien Sveta jede Gewissheit verloren zu haben, dass ich zu ihrem Leben gehörte.
Auf einmal wurde mir übel und schwindlig. Ich holte tief Luft, vielleicht das letzte bisschen, was noch zwischen uns vorhanden war, und sagte: »Wolltest du mir nicht deine alte Schule zeigen?«
»Jetzt nicht.«
»Dann eben später. Wenn du fertig telefoniert hast.«
»Howard«, sagte Sveta, »ich will jetzt nicht Führung machen. Du kannst ja allein gucken gehen.«
»Schon gut, ich hab’s nicht so eilig.« Ich ahnte, dass ich mich um Kopf und Kragen redete, aber ich konnte nicht aufhören. Das konnte ich noch nie. »Ruh dich aus, dann gehen wir raus und nehmen ein frühes –«
»Hör auf, bitte.« Sie murmelte Galina etwas zu, legte den Hörer hin und führte mich zur Tür.
»Hör mal«, sagte ich und griff nach ihrem Arm, doch im selben Moment wünschte sie mir »Viel Spaß« und schloss die Tür. Ich stand im Flur und bemerkte zum ersten Mal das Fußballstadion, das man vom offenen Fenster aus sehen konnte. Neben dem Hupen, das unten auf der Straße ertönte, hörte ich in der Ferne leise die Zuschauer jubeln. Ich lehnte mich gegen die Wand und sagte laut: »Nein.«
Dann klopfte ich, zweimal, und Sveta öffnete die Tür.
»Du bist meine Frau. Sag’s mir einfach. Was habe ich getan, um dich zu–«
»Das ist es nicht.«
Ich sprach es endlich aus: »Du dachtest, du liebst mich, und jetzt stellt sich das als Irrtum heraus.«
Ein Zimmermädchen schob ihren Putzwagen vorbei. Am anderen Ende des Flurs brummte ein Staubsauger. »Es tut mir so leid«, sagte Sveta. Sie senkte den Kopf, dann drückte sie mir einen Reiseführer in die Hand.
***
Es war ein klarer, kühler Tag. Die Bäume waren schon kahl, aber der erste Schnee war geschmolzen, bis auf winzige Reste entlang des Bürgersteigs. Ich stopfte den Reiseführer in meine Bauchtasche und streunte karten- und orientierungslos durch die Straßen. Wenn ich an den sperrigen Reihen von Betonmietskasernen hochblickte, fragte ich mich, ob Sveta in einer dieser Wohnungen gelebt, ob sie auch einen kreuz und quer mit Wäscheleinen bespannten Balkon gehabt hatte, auf dem sich wie hier gerade fleckige graue Laken im Wind blähten. Zwei Jungen spielten Fangen, schlugen Haken zwischen den geparkten Autos, und ich fragte mich, ob Sveta früher zu den Mädchen gehört hatte, die den Rock ihrer Schuluniform schürzten, um mitzuspielen, oder ob sie lieber bei ihrer Großmutter in der Wohnung blieb, um Schürfwunden und blaue Flecken zu vermeiden. Ich hatte keine Ahnung, und es kam mir lächerlich vor, in dieser engen Gasse stehenzubleiben. Stattdessen begab ich mich auf den vom Reiseführer empfohlenen Rundgang und erreichte bald adrettere, buschbestandene Straßen. Ich besichtigte das Lenin-Denkmal und die Wladimir-Kathedrale, das Taras-Schewtschenko-Museum und das Haus, in dem Golda Meir aufgewachsen war, wobei mein Interesse an den jeweiligen Stätten und ihrer Bedeutung stetig nachließ, je länger sich der Tag hinzog.
Ein schmaler Ziegelsteinweg führte mich zu einem Platz, an dem elegante Steinbauten emporragten: diese Stadt war tatsächlich viel glanzvoller, als ich erwartet hatte. Frauen in dunklen Wollmänteln drängten sich an mir vorbei, schwenkten teure Kaufhaustüten, hinterließen eine Wolke unbekannten Parfums. Ein Gemüsehändler sortierte einen Eimer Tomaten und warf die verfaulten in den Rinnstein. Zu Hause war es Vormittag. Am Broadway hätte man die Rollgitter vor den Läden hochgezogen.
Ich musste Beth und Ya’akov unbedingt etwas vorweisen, einen Beleg dafür, dass ich es überhaupt hierhergeschafft hatte, und so lief ich über den Platz und schoss ein Foto nach dem anderen. Durch den Sucher musterte ich den Gemüsehändler, der die gleichen grünen Augen und die gleiche helle Haut hatte wie ich. Kein Wunder, dass mir einige dieser Einheimischen ähnelten. Hätte mein Großvater sich nicht in weiser Voraussicht vor einem knappen Jahrhundert auf einen Frachter geschlichen, wäre ich vielleicht auch hier unterwegs und würde dabei von einem dämlichen Touristen abgelichtet werden. Und das nur im günstigsten Fall. Eigentlich hätte ich dem Gemüsehändler jetzt in die Augen blicken und mich fragen müssen, ob er wohl ein entfernter, vergessener Verwandter war? (Oder, ebenso wahrscheinlich, jemand, der einen meiner vergessenen, entfernten Verwandten grün und blau geschlagen hatte?) Aber mich beschäftigte nur eine Frage – wie war ich hierhergeraten, wie hatte ich um die halbe Welt in die Stadt reisen können, der mein Großvater entkommen war, in Begleitung einer Frau, die ich kaum kannte. Ich fragte mich, wo Beth gerade war. Vielleicht lag sie noch im Bett, in ihrer dunklen, beengten Wohnung in der Stadt, aus der ich geflohen war, neben einem Mann, den sie kaum kannte. Was man eben tut, wenn man sich verloren fühlt.
Aber vielleicht machte es Beth wirklich glücklicher, fromm und bescheiden mit dem Schwachkopf zusammenzuleben. Vielleicht hatte sie im Glauben einen Weg gefunden, niemals einsam zu sein. Vielleicht war ich der Einzige, der sich verloren fühlte, während ich durch die Straßen von Kiew irrte und gegen einen Toten antrat. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass der Schwachkopf von Anfang an recht gehabt hatte, in Bezug auf Sveta und mich – dass er möglicherweise gar kein Schwachkopf war.
Auf der anderen Seite des Platzes entdeckte ich ein Restaurant, an dessen Eingang Lichterketten blinkten. Ich setzte mich an einen Ecktisch und blätterte die Speisekarte auf der Suche nach etwas Bekömmlichem durch. Tschernobyl war etwa eine Fahrtstunde entfernt, so dass die meisten Gemüsesorten nicht in Frage kamen, und im Reiseführer stand, dass das Fleisch in den Gaststätten nicht kühl gelagert wurde. Ich entschied mich für eine Schokoladen-Babka.
Ein Kellner erschien. »Was zu trinken?«
Zwar sehnte ich mich nach einem Glas Chianti, aber wenn ich schon mal hier war: »Wodka?«
Um mich herum saßen die Menschen dicht beieinander, stießen klirrend an und steckten die Köpfe zusammen. Wie ich wohl auf sie wirken mochte? Ein ältlicher Mann, an seiner Kleidung auf Anhieb als Amerikaner zu erkennen, mit blendend weißen Sneakern und Baseballkappe. Wie war ich nur zu einem dieser Greise geworden, die traurig an ihrem Einzeltisch hocken?
Ich bekam mein Getränk und kippte es hinunter, als wäre es Wasser. Draußen ging die Sonne unter, verteilte sich so gleichmäßig wie Butter über die Stadt. Ich bestellte noch einen Wodka und sah den Passanten zu, die Arm in Arm durch die Straßen bummelten. Wie sie im Dämmerlicht um die Ecken verschwanden – das war ein schöner Anblick, und eine Zeitlang fand ich es tröstlich, mich an meinem Drink festzuhalten, während die Stadt immer grauer und unsichtbarer wurde.
Doch dann wurde es Nacht, die Straßen leerten sich, die Gruppe neben mir zahlte und ging. Ich wusste, das Restaurant würde gleich schließen und ich müsste mich auf den Weg machen. Als ich mir aber vorstellte, ins Hotel zurückzukehren und einer weinenden Sveta zuzuhören, die sich pausenlos entschuldigen würde, bis ich meinen Koffer in die Lobby gerollt hätte, als ich mir den endlosen Heimflug vorstellte und das Frieren in der Taxiwarteschlange am Kennedy Airport und die stille Wohnung, die mich erwartete, wurde ich von einer solchen Hilflosigkeit überwältigt, dass ich sie bis in die Haarwurzeln und Fingerspitzen spürte.
Also versuchte ich es mit dem einzigen Ausweg, auf den ich mich besinnen konnte. Ich neigte den Kopf und betete. Es fühlte sich durch und durch falsch an und ich wusste zunächst nicht, was ich sagen oder auch nur, zu wem ich sprechen sollte, aber dann schloss ich die Augen und versuchte es einfach. Ich betete um Frieden in der Welt und um Freude, ich betete für Beth und Ya’akov und das Baby, für Sveta und sogar für Gail, doch in der Tiefe meines Herzens wusste ich, dass ich vor allem für mich selbst betete. Ich betete, um diese Traurigkeit auf die eine oder andere Weise abschütteln zu können. Und als dieser Versuch scheiterte, als der Kellner mein Glas abräumte und das Restaurant leer war, betete ich darum, dass dieses von Menschen gebildete Sicherheitsnetz in Erscheinung treten möge. Menschen, wie von Beth beschrieben, andächtig und heiter, und während sie gemeinsam Gottes Erhabenheit und Barmherzigkeit besangen, würden sie immer näher zusammenrücken, bis ihre Schultern sich gegenseitig berührten, und die Arme weit öffnen, bereit, mich aufzunehmen.
Es war nicht mal Mittag und schon so heiß, dass die anderen Moschawniks die Tomatenstöcke abdeckten und sich in die Häuser verkrochen. Am liebsten wäre ich auch nach Hause gegangen und hätte mir einen freien Nachmittag gegönnt, bevor ich zum Stützpunkt zurückkehrte und für mich wieder eine Woche als Leutnant HaLevis Chauffeur begann – die vermutlich läppischste Aufgabe bei den israelischen Verteidigungsstreitkräften.
Aber es waren noch Dutzende von Tomatenstöcken auszugeizen, und ich wollte meine Mutter, die für die Produktion verantwortlich war, damit nicht allein lassen. Und so kniete ich mich in die Erde, spürte durch das T-Shirt hindurch die brennende Sonne auf meinen Schultern, während mein älterer Bruder und seine Freundin ein Stück weit entfernt in den Pampelmusenhainen auf der faulen Haut lagen. Mich hätte meine Mutter als Schlumpel beschimpft, wenn ich mich nur ein einziges Mal vor der Arbeit gedrückt hätte, aber sie war über Asaafs Heimkehr aus Hebron dermaßen erleichtert, dass er sich alles erlauben durfte. Man hatte ihn am vergangenen Sonntag entlassen, und seither hieß es die ganze Woche Lass Asaaf ausschlafen, Gib Asaaf die Fernbedienung
