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Nach der Genesung von seiner großen OP, beschließt Fred, noch einmal die Inseln zu besuchen auf die er vor Jahren so häufig war, wo vieles Schönes begann und manches, nicht so schöne endete. Von den eingeplanten 6 Wochen, will er die letzte Woche bei seinem Freund Josè verbringen und mit Ihm alte Erinnerungen, Freunde und die Landschaften erkunden, sehen, was sich wohlmöglich verändert hat, und dass alles in völliger Ruhe. Doch die "Blume und ihre Knospe" durchkreuzen all seine Pläne.
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Seitenzahl: 1040
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Der Anlass
Aus, Ende
Land unter den Füßen - die erste Woche
Josès Finca
La Orotava
Zwei Frauen
Falkencrest
Jueves uno
Silencio, Ruhe
Der Abend
Ein neuer Morgen
Ein Tag ohne große Vorkommnisse
Verschlafener Traum
Kinderherzen
Der Rest des Tages
Sabado - Samstag
Zur frühen Stunde
Das erste Treffen
Das Versprechen
On Tour
Kein Tag wie der andere
Oben
Hier hin nicht
Sonntag – Santa Domingo
El primero dia
Der letzte Tag
Roosalies Morgen
Abflugtag
Was, wird dieser Abend noch …
Ein neuer Tag
Anprobe Abend
Tag der Besinnung
Frühe Rückkehr
Klassenfahrt
Ohne besondere Vorkommnisse
El Sabado dos
Roosalies Tag
Letzter Anruf
Der zweite Abflug Tag
Erster Besuch beim Medico
Das Urteil, die Analyse
Freiheit und vegetarische Gerichte
Bildung
Der Alltag zieht ein?
Die vierte Kalenderwoche beginnt
Der Traum geht zu Ende
Eine ganz gewöhnliche
Liebe - ja; Sex nein
.... fast eine Familie
Verbandstag-Feier
Freitag in der fünften Woche
Zweites freies Wochenende - Samstag
Sonntag mit Drohungen
Montag, zu Seňora Maria
Kontoeröffnung
Nur Müde
Vorzeitiger Abschied
Vier Jahreszeiten - Samstag
Fehlende Ware
Seine Lippen auf ihren Busen
Aus der Traum
Es war einmal - Abflugtag
Es hat lange gedauert, bis Fred sich zu dieser Reise durchgerungen hatte.
Das Ende seines Daseins hier auf dieser Erde war, wie immer man es auch sah, in weiterer Zukunft - oder ...?
Nein, Tatsache war nur, dass das Meiste eines normalen Lebens auch bei ihm hinter ihm lag.
Und, wenn man es nüchtern betrachtet: wer weiß schon, wie lange man hier unten bleiben darf.
Also war es an der Zeit, noch einmal die Orte, die schön waren, wo manches anfing, zu besuchen, dachte er damals.
Entscheidendes in näherer Entfernung und Orte mit weniger Dramatik hatte der Mitteleuropäer längst abgehakt.
Diese Inseln, und eine besonders, verursachten bei ihm nicht nur seltene Gefühle, nein, viele Gedanken in die Vergangenheit dort taten weh, richtig weh, waren mit Schmerz verbunden!
Und die Kanaren schrieben ein großes Kapitel in seinem Leben mit.
***
Der frische Wind blies ihm heftig ins Gesicht und kühlte ihm sein von der Frühlingssonne der Kanarischen Inseln beschienenes Gesicht auf der Rückfahrt von la Gomera nach Teneriffa.
Fred hockte auf einer Kiste in der äußersten für ihn, erreichbaren Ecke der Fähre am Bug, dort wo er völlig ungestört war, und hing der Zeit, den Jahren, den vielen Jahren seines vergangenen Lebens nach und ließ Revue passieren.
Revue der letzten fünf Wochen, und was ihn auf Teneriffa nach der Ruhe bisher noch erwarten würde.
Eigentlich wollte er mit Josè, bei dem er auch dieses Mal wohnen durfte, eine ruhige Zeit verbringen.
Wollten alte gemeinsame Freunde besuchen, und er hoffte auf Tage, an denen er alleine über die Insel fuhr und alte Stätten seiner Besinnung und Wehmut erkunden durfte.
Fred blickte gen Norden, da wo eigentlich der Teide zu sehen sein musste. Aber das Schiff war wohl schon zu nahe an der Küste von Teneriffa, und von hieraus war der Teide ausnahmsweise nicht zu sehen.
Wo aber die neue Casa stand, in der er jetzt zu Josè unterwegs war, war ihm ungefähr klar.
Fast am Ende seiner sechswöchigen Reise steuerte er zum Schluss die Insel an, auf der sein Lauf über alle Inseln dieses Archipels begann.
Hier hatte er vor über fünfundzwanzig Jahren das erste Mal die Vorteile dieses von der Sonne verwöhnten Stückchens Erde spüren und erleben dürfen mit all ihren positiven und negativen Besonderheiten, und die waren auch für ihn, der nicht gerade in eine bestimmte Masse der Menschen gehörte, nicht gerade wenig - oder gerade deswegen.
Was aber ist schon eine bestimmte Masse, sicher gibt es auch von seiner Sorte eine Menge Menschen, Menschen, die wie er eine etwas andere Vorstellung von dieser Erde und den Menschen, die sie bewohnen, haben, dachte Fred.
Menschen, die das Schöne, die Schönheiten, die Natur und Natürlichkeit so nehmen, wie sie aus der Natur und dem Leben gewollten Erscheinungen entstehen, und nicht den Pfaden folgen, wie einige von unserer Rasse sie wollen, deren unbedachtes Handeln, das Aus unserer 'Sorte' bedeuten wird.
Das aber kam ihm im Moment nicht ins Bewusstsein, dafür waren seine Gedanken viel zu weit weg, entfernt von fast allem Irdischen, wie vor gut zwanzig Jahren am Leuchtturm an der Westküste von Isla el Hierro.
Das Tuten der Fähre brachte ihn schnell wieder in die Wirklichkeit zurück, zeigte aufgrund des Warnsignals an, dass der Verkehr in der Nähe der Insel, des Hafens dichter, und einige der Boote, unaufmerksamer fuhren.
Fred schaute ganz nebensächlich zur Uhr.
Noch gut fünf Minuten, und sie hatten mit dieser alten Fähre, die nur noch selten fuhr, ihr Ziel erreicht.
Anscheinend gibt es doch noch mehrere, die an die 'gute alte Zeit' denken, die Erinnerungen auffrischen wollen oder einfach die alte Technik lieben, sonst führe diese alte Fähre sicher schon lange nicht mehr über dieses Meer.
Aufhalten oder gar zurückdrehen aber kann man vergangene Zeit nicht, nie mehr.
Sicher wünschte Fred manchmal, man könne die Zeit zurückdrehen und etwas anders machen, aber käme Besseres, Schöneres dabei heraus?
Sicher nicht, jeder geht den Weg, der für ihn bestimmt ist.
Den Weg, wie er durch die 'Führer' dieser Erde mitbestimmt wird. Aber ist nicht auch das vorbestimmt?
Jetzt musste er sich aber von seinen Gedanken trennen und der Wirklichkeit widmen, das Ziel war fast erreicht, und Fred musste sich zur Gangway, zum Ausgang hin, begeben - denn unten wartete sicher schon sein Freund Josè.
Durch einen unbewusst ausgestoßenen eigenen langen Seufzer, den er auf Grund des sehr veränderten Anblicks des Hafens und seiner näheren Umgebung, die ihm bewusst wurde, tat, erschrak er.
Wie vertraut war ihm das Bild vergangener Jahre, ja Jahrzehnte.
Wie schön für ihn war dieser kleine Fischerort Los Cristianos zurzeit, als er ihn das erste Mal gesehen hatte - eine kleine Oase, anheimelnd und urgemütlich, das, was man auch heute noch sucht, doch kaum noch findet - oder war er gar nicht so anheimelnd, wie er damals dachte?
Aus der Sicht eines Mitteleuropäers, der diesen Ort nüchtern betrachtete, sicher nicht, er glich dann eher einem dieser verlassenen Orte, wie man ihn sich vorstellt, er läge irgendwo an der Küste von Mexiko oder sonst wo.
Bis auf die drei Palmen und die wenigen Sträucher und Blumen in der Hazienda am Ende der Playa, dort wo das Gebirge, den Landweg nach El Palm-Mar versperrt, war Los Cristianos frei von natürlichem größerem Bewuchs.
Eine kleine Ansiedlung von Fischerhäuschen an irgendeiner lavareichen Bucht mit einer Mini Playa also.
Doch es war noch etwas nicht zu Übersehendes da, das Prinzessa Dacil, ein eigentlich nicht in die Landschaft passender Gebäudekomplex eines Hotels.
Aber immerhin, von Palmen umgeben.
Der Beginn der 'neuen' Zeit - oder das Ende der 'guten' alten gar?
Beim ersten Hinflug landete Fred noch auf dem Flughafen in St. Cruz del Norte, dort wo es eine so wunderschön gefährliche Startbahn für große Flugzeuge gibt.
Beim Rückflug aber war der neue Flughafen Süd bereits freigegeben gewesen - und Fred um vieles an Gesehenem, Erlebtem, Wissen und Gefühlen reicher - und hatte Freunde gefunden.
Eine rundum gelungene Reise.
***
In Sichtweite der Gangway, so dass sein 'kleines' Gepäck nicht allzu weit geschleppt werden brauchte, stand Josè - oder?
Dieses Mal nicht mit seinem alten, wie sie ihn nannten 'Muli', seinem Geländewagen Baujahr 1968.
Ein wenig holprig, wie die beiden älteren Knaben inzwischen ja auch schon waren, hatte er die vielen Jahre trotz der salzhaltigen Luft, von der er ständig umgeben war, mit einigen Schönheitsfehlern überlebt und tat für mancherlei Vergnügen noch gut seine Dienste.
Heute war sicher so ein besonderer Tag, schade, dass es ihn nicht mehr gab, hatte er Fred doch viele Jahre auf den Touren über die Insel fast ständig begleitet und könnte, wie er, auch einige Geschichten erzählen.
Das musste Josè sein, der mit dem Wagen wie immer, zwar in der Nähe der Fähre aber im ruhigeren Teil, rückwärts an der hohen Schutzmauer stand, auch wenn er wie Fred ein wenig anders, ein wenig älter geworden war.
Als Josè ihn erblickte, kam er ihm die wenigen Schritte entgegen, und Fred trat zur Seite, um ihn herzlichst zu umarmen.
Hatten sie sich doch in den letzten acht Jahren nicht mehr gesehen.
Immer war dem einen oder anderem von ihnen etwas dazwischengekommen, und es sah fast so aus ..., aber lassen wir das ...
Heute gab es erst einmal mehr zu erzählen als der Tag noch an Zeit hatte.
Aber Fred blieben ja noch acht Tage, acht Tage zum Erzählen und Erleben.
Nein, durchfuhr es Fred wie immer: Heute, und der Abreisetag abgezogen, sind es noch sechs ganze Tage, leider nur fünfundsiebzig Prozent von acht Tagen, schoss es ihm wie immer durch den Kopf, da ist jede Minute kostbar.
„Fertig, Ende, endlich sind wir fertig“, sagte eine der beiden Krankenschwestern, die sich an Freds Körper zu schaffen gemacht hatten, diesen von seinem Haarbewuchs zu befreien.
Fünf, ganze fünf Einmalrasierer waren nötig, um außer den Haaren auf seinem Kopf und denen unter der Schleuse an seinem rechten Arm, der einen schnellen Zugriff in seine Blutbahn gewährleistete, und mit Pflaster befestigt und verdeckt war.
Der Arzt, der wenige Minuten danach zu ihm ans Bett kam und die Arbeit kontrollierte und Fred nur spärlich mit einem Bettlacken bedeckt vorfand, sagte nachdem er es anhob und darunter sah: „Wer wollte Sie denn umbringen?“
Die Klingen, die stumpf gewordenen Klingen, hatten an seinem Körper massenweise Blutspuren hinterlassen, und es sah schon schlimm aus!
„Ich denke“, sagte Fred, „das dürfte das kleinere Übel sein und eher verheilt sein als das, weswegen ich hier bin.“
Der Doktor lächelte: „Da haben Sie recht.“
„Ja, und wann komme ich nun dran?“, fragte Fred.
„Morgen ist Donnerstag, da sind alle drei Schichten verplant, und Freitag ist Feiertag, da kommen nur Notfälle dran. Ich denke, erst in der nächsten Woche.“
„Was, erst in der nächsten Woche, warum liege ich dann schon seit Montag hier?“
Wem ist es nicht mulmig, wenn er weiß, dass für eine gewisse Zeit die wichtigste Funktion seines Körpers außer Betrieb gesetzt wird.
Die Einstellung, die Fred hatte und vertrat, beruhte auf seiner jahrzehntelangen Erfahrung und Erkenntnis seines erlebnisreichen Lebens, und die war: 'Jeder geht, wenn die Uhr seines Lebens abgelaufen ist, nicht früher und auch nicht später. Aufhalten oder ändern konnte niemand etwas daran, nicht heute und auch nicht morgen.'
Was aber nutzte ihm diese Einstellung in dieser Lage.
„Dann kann ich ja morgen zum Fest dort im Park gehen, das Wetter ist viel zu schön, um hier drinnen zu liegen.“
Der Arzt ging, doch nach drei Minuten kam ein Pfleger mit viel Gerätschaft herein, legte ihm etliche Kabel an und verband sie mit den Geräten zur Überwachung seines Gesundheitszustandes.
„Warum fesseln Sie mich hier ans Bett?“, fragte Fred.
Die Antwort, die er erhielt, war: „Sie sollen uns nicht noch im letzten Moment umfallen“.
Der Donnerstag verging mit Grübeln und kaum Ablenkungen.
Der Freitag ging der Neige entgegen, ein Arzt, der Stationsarzt, kam herein, fragte, wie's ihm ging und, „ach ja, ich glaube, Sie sollen, kommen... Sonntag dran.“
„Sonntag?“, kam fragend Freds Antwort, „wieso Sonntag?“
„Wir können wegen der Modernisierung nur zwei OP-Säle benutzen, und so müssen wir, weil so viele unbehandelte Fälle anstehen - auf Sonntag ausweichen. Aber Sie erfahren es noch früh genug“, und ging.
Der Samstag verging ähnlich schleppend wie die Tage davor.
Sein einziger Zimmergenosse, der aus demselben Grund wie er da war, bekam am Sonntagmorgen sein Frühstück, Fred aber nicht.
„Für Sie gibt es heute nichts, Sie sind heute an der Reihe“, war die kurze Antwort, die Fred auf seine Frage erhielt.
Wenig später wurde ihm das OP-Hemd gebracht, und das Letzte-Warten ging los.
Es wurde neun Uhr - klar bis Mittag ist ja noch Zeit - dachte er.
Zehn Uhr. Die Stunde dauerte mindestens einen Tag, so hatte Fred es im Gefühl.
Das Mittagessen wurde gebracht, nicht aber für Fred.
Die Visite kam ins Zimmer, nicht zu Fred, „Sie kommen gleich dran“, sagte man nur.
Unten am Eingang, auf den Fred sehen konnte, schwoll der Besucherstrom an.
Die Minuten verrannen wie Stunden, die Zeit schleppte sich mühevoll vorwärts.
Der Besucherstrom, der wegen der nahenden Abendstunden heimwärts strömte, nahm ab.
Hin und wieder meldete sich sein Magen, erinnerte ihn daran, dass er noch lebte.
Eine Schwester kam mal wieder herein, und Fred fragte erneut:
„Habe ich noch Aussichten, heute dranzukommen?“
„Es ist nichts Gegenteiliges zu uns heraufgekommen“, sagte sie, „dann kommen Sie auch noch dran“.
Es ging auf achtzehn Uhr zu, der sehr schöne Frühlingstag näherte sich seinem Ende - dann holte man ihn.
Mit dem Aufzug nach unten, und rein in den OP-Vorraum.
Das Zeug, das man ihm in die Blutbahn einschleuste, nahm er nicht einmal mehr wahr, ... war sofort im Jenseits.
Als er aufwachte, nahm er nur Dunkelheit wahr, ... hörte Geräusche ... seine Sinne kamen zurück.
Irgendwo brannte Licht, eine Schwester musste neben ihm stehen, die die Geräte, die sein Ins-Leben-Zurückkommen überwachten, kontrollierte.
Sprechen, ... Worte kamen nicht aus ihm heraus, Panik machte sich in ihm breit.
Die Schwester entfernte sich, ein Pfleger musste zu ihr gekommen sein, sie sprachen und scherzten miteinander. Fred rief nach der Schwester, ... glaubte zumindest, dass er es tat.
Er rief lauter, hörte seine eigene Stimme im Raum, doch es gab keine Antwort, ... die beiden scherzten weiter.
Seine Kräfte ließen nach, und für einen Moment versank er nach dort, wo er gerade hergekommen war.
Als sein Bewusstsein zurückkam, standen sie immer noch da und redeten, und es dauerte noch eine Weile, bis die Schwester routinemäßig zu ihm kam.
Die Operation hatte er gut überstanden, und so kam er nach fünf Tagen in die nahe gelegene Reha-Klinik, und auch aus dieser wieder vorzeitig hinaus.
Seinen Geburtstag, seinen alten und ersten, konnte er schon wieder zu Hause feiern.
Damit war sein Beruf, sein Berufsleben zu Ende - eine neue Zeit begann, eine Zeit ohne Hektik und Stress?!
Freunde hatten ihm gesagt: Es wird bis zu fünf Jahren dauern, bis du wieder der Alte bist.
Und so stand Fred jetzt, heute, fast drei Jahre nach der großen OP, hier auf der Insel, um die Jahre, die einst glückliche Zeit hier, noch einmal an sich vorüberziehen zu lassen!
Sein Gepäck hatte Josè verstaut, nicht aber so wie früher - einfach dahinein, wo Platz war, nein, es wurde so verstaut, dass man es nicht mit einem Griff rausnehmen konnte.
Der Diebstahl hatte hier noch zugenommen: „Man muss aufpassen, dass man nicht eines Tages selbst mitgenommen wird“, versuchte Josè ihm zu erklären,
„und da wir noch bei Roosalie vorbeiwollen, ist es besser, wir erschweren jedem die Möglichkeit, dein Gepäck so einfach mitzunehmen!“
Roosalie, ja Roosalie: Als Fred sie das erste Mal sah, war sie noch eine Heranwachsende, eine Chica, mit einem auffallenden, sehr sympathischen offenen Wesen. Das wusste er noch.
Eine junge Frau, die viel zu früh fast alle bitteren Erfahrungen eines Lebens schon erfahren musste, dass wusste Fred aus den über die Jahre gepflegten Kontakten zu anderen Freunden hier unten.
Nur, Genaues wusste er nicht!
Roos, wie sie sie alle damals nannten, war ein lebensfrohes Wesen, und man konnte leicht in den Glauben verfallen, sie sei zu lebensfroh, nein nur typisch spanisch, vielleicht aber doch ein wenig mehr?!
Ihre Grenzen kannte sie zu genau, und das zeigte und sagte sie auch jedem, der es wissen musste - unmissverständlich.
Das wusste er von früheren Unternehmungen, bei der sie sie manchmal begleiten durfte, noch genau. Jeden, der sich ihr unangemessen näherte, wies sie entsprechend zurück.
***
Gesehen hatte Fred Roos sicher vor gut zwölf Jahren zuletzt.
Danach begann das eigentlich Traurige bei ihr.
Sie hatten den Hafen hinter sich gelassen und näherten sich der Autobahnunterführung, die die Durchfahrt nach Vilaflor frei gab, und zur alten Küstenlandstraße und soweiter führte.
Statt, wie Fred bekannt, darunter durch und weiter zu fahren, bog Josè in Richtung Flughafen ab und antwortete auf Freds Frage, wohin:
„Sie hat vor zwei Jahren ein neues Restaurant eröffnet, dorthin fahren wir jetzt.“
An der nächsten Abfahrt fuhren sie wieder raus. Die Gegend bergauf ist noch trostloser als Los Christianos es einmal war.
„Doch wohl nicht in der alten Steinfabrik?“, scherzte Fred?
„Nein“, kam seine Antwort, „wir sind noch nicht da, und lass dich überraschen!“
Schleichwege, alles Schleichwege, die Josè mal wieder fuhr.
Sie überquerten die Hauptstraße bei San Miguel und den Abzweig, der zum Teide führte, immer bergwärts.
Fuhren an Vilaflor vorbei, aber komisch, nicht zum Teide und auch nicht die Landstraße Richtung St. Cruz.
„Dies müsste eigentlich Lomo Largo sein, wenn ich nicht ganz falsch liege“, merkte Fred an.
„Ja, da hast du recht, da scheint dein Gedächtnis dich nicht im Stich zu lassen.
Obwohl, woher kennst du dies, es gibt doch eigentlich nichts Besonderes hier?“
„Für mich schon, es gibt hier sehr viel Natur, Ruhe, Pflanzen und Tiere, die man sonst auf der Insel kaum findet. Man muss sie nur suchen und finden wollen.“
Dann schwiegen sie beide.
Alles, aber auch alles war ihm irgendwie vertraut und doch so fremd, und zu allem konnte er eine Geschichte erzählen, eine erlebte Geschichte - aber wohin würde dies führen?
Diese Gegend aber, in die sie jetzt fuhren, war ihm irgendwie fremd, doch er musste gestehen, sie hatte ihren Liebreiz.
Nach seiner Kenntnis waren sie doch kurz vor dem unüberwindbaren Lavagebirge, das den Rand der Caldera bildete. Da musste doch eigentlich Ende ihrer Fahrt sein, dachte Fred.
„Du hast recht“, sagte Josè, der anscheinend die Frage ihm vom Gesicht ablesen konnte, „eigentlich wäre längst Ende, aber man hat eine Zufahrt zu diesem einmaligen Mirador gebaut, so wie überallhin auf dieser einst schönen Insel, du weißt es ja selbst zu genau.“
Der gut ausgebaute Weg führte jetzt sehr steil bergauf, hatte alle siebzig, hundert Meter eine Ausweichbucht, bis sie nach drei scharfen Biegungen und einem Tunnel von gut dreißig Metern kurz vor ihrem Ziel standen.
Ein in seinem Äußeren eigenartiges Gebäude stand da vor ihnen, das Falkencrest, oder wie wir sagen, Falkennest. Das Wort Nido, wie Nest auf Spanisch heißt, und die Übersetzung von, Falke, hatte man hier nicht nehmen wollen, es klang einfach nicht einladend genug.
In den Grundzügen schien es Fred irgendwie vertraut - aber nein, irgendwie doch anders, und es konnte ja auch gar nicht anders sein.
Es war eine Mischung aus Vergangenheit, Gestern und Moderne, aber fügte sich, für ihn, harmonisch ineinander.
Eine relativ große Plattform tat sich vor ihnen auf, und sah man nach rechts herüber, nach unten in Richtung, wo das Meer sein musste, man erblickte es auch, und ...
Landschaft war von hieraus nicht zu sehen, dazu musste man sicher weiter an den Rand, die Brüstung, heran.
„Wir sagen zunächst Guten Tag, und dann kannst du sehen und staunen, und Roosalie wird dir sicher alles persönlich zeigen wollen.“
„Doch bevor du fragst“, sagte er, „Autos stehen hier nur zum Be- und Entladen, die anderen stehen alle im Berg, dort wo die Schüttmasse herkommt, die das ehemalige Loch vor dem Massiv, auf dem das Gebäude steht, jetzt füllt und zu dieser Plattform erweitert wurde.“
„Und Wasser?“, fragte Fred.
„Kannst du es immer noch nicht lassen, deine Fragen nach dem Wieso und Warum und Wohin, du bist doch der Alte geblieben, warte ab, es wird dir alles jemand erklären und vielleicht...“, sagte sein alter Freund, und stoppte merklich verzögernd das Auto vor einem anscheinenden Nebeneingang.
Die breite Tür stand auf, und man hörte, wie jemand rief: „El grande amigos!"
Es war frühe Nachmittagszeit, die Zeit also, wo die Touristen sich nicht unbedingt in einem Lokal aufhielten, doch hier schien dies nicht zu gelten.
So kam nach diesem Ausruf doch einiges an fremden Gesichtern für Fred zum Vorschein, die neugierig oder auch nicht, Josè und Fred begrüßen kamen.
Fred hielt sich zurück, und ließ Josè die Menge abfangen und wartete auf Roosalie.
Er jedoch sorgte dafür, dass Fred nicht leer dabei ausging, und stellte ihn jedem vor, der es wollte.
Da, jetzt, das muss sie sein, als Letzte, einen Bogen um die Masse machend, suchte sie ihr Ziel, das offensichtlich Fred war.
Fred trat ein wenig zurück, verschaffte ihr den nötigen Platz.
Als Roosalie in der Lücke, die zwischen der Menge um Josè und ihn war, war, riss sie ihre Arme auseinander und stürmte freudig erregt auf ihn zu.
Ganz die alte junge Roos, ein Strahlen im Gesicht, das jeden einfach betören musste.
Fred musste zugeben, ihre Art war schon immer etwas, was ihm gefiel. Dazu aber war jetzt die falsche Zeit.
Ihre Arme umklammerten Fred, als sähen sich Liebende nach furchtbar langer Trennung wieder.
Waren es bei Josè acht Jahre, so sind es mindesten zwölf bei Roosalie, dachte er.
Fred erwiderte ihre Umarmung so gut er konnte und glaubte zu dürfen, und gab sich ganz dem Genuss, dem tiefen Gefühl hin, dass man empfindet, wenn man glaubt, willkommen zu sein.
Das aber war hier nicht der Fall!?
Und was erst muss ein älter Mann verspüren, wenn ihn eine schöne junge Frau umarmt, aber dieses Gefühl hatte Fred in diesem Moment nicht.
Alt ja, aber da steckten noch nie abverlangte Energie- und Gefühlsreserven in ihm drin, das wusste er genau.
Was schon kann man bewusst empfinden in einem Moment, den man sich vielleicht mal gewünscht hat, aber nicht gewagt hat zu träumen, er würde sich je noch erfüllen.
Also gab er sich diesem Gefühlsausbruch ohne Bedenken hin.
Mit einem jähen Ruck löste Roosalie ihre Umklammerung, und ein anderer Zug fuhr über ihr Antlitz, ernst und nachdenklich.
'Ganz Chefin eines Unternehmens, die bestimmt, wo`s lang geht', dachte Fred.
Wie es ihm ginge, wo er herkäme, und wie lange er bliebe, und: „Wann sehen wir uns wieder?“
„Aber nein“, sagte sie, „du bist ja bei Josè zu Gast!“.
„Ja, da hast du Recht, mein Rückflugticket ist für acht Tage Aufenthalt hier vorgesehen, länger wollt ihr mich doch sowieso nicht sehen“, sagte er eigentlich scherzhaft.
Die Antwort kam prompt: „Sag das bitte nie wieder, du weißt, mein Deutsch ist nicht so perfekt, aber ich denke, da bist du falsch mit deiner Meinung, du kannst hier bleiben, solange du willst, ich meine“, sie rang nach passenden Worten , „du hast hier so viele Amigos, die freuen sich doch alle, wenn du mal vorbeikommst.“
„Wir werden sehen“, sagte er, ohne sich weitere Gedanken über das Gespräch zu machen, - „aber jetzt zeige mir erst einmal dein neues Reich!“
Fred wollte nach ihr greifen, und spürte wie sie sich geschickt zur Seite wegdrehte. - Also doch, dachte Fred.
Fred sagte dazu nichts und glaubte, es sei besser, den Vorgang, wenn er Zeit hatte, zu überdenken.
„Wo fangen wir an, was darf ich dir zuerst zeigen?“, fragte sie ihn.
So, wie so oft, wenn Fred mal wegen des Alleinseins etwas sagte, ohne darüber genau nachzudenken, was er sagte, fiel ihm die Schwere der Worte, die er auf der Zunge hatte, noch rechtzeitig ein, und er unterließ sie besser.
Dies hätte sie nicht verdient und kaum verstanden!
Was also ging ihn schon Roosalies Schlafzimmer an!
„Wenn du kannst und möchtest, meine liebe Roos, würde ich gerne zuerst die Baupläne sehen, an denen du mir grob, so wie du es siehst und verstehst, die Anlage hier erklärst.“
Fred schob nach, „das erspart dir sicher viele überflüssige Fragen meinerseits.“
Sie gingen also in ihr Büro, wo sie entsprechende Unterlagen aus einer Schublade hervorholte.
Ruhig und mit erstaunlichem Fachwissen erklärte sie ihm im groben Umfang die Anlage:
„Das Hauptgebäude, das neben einer übergroßen Theke und der entsprechend großen Küche, mit den ebenerdig gelegenen Nebenräumen nur Platz für circa vierzig Personen bot, war eigentlich sehr klein, aber“, so vervollständigte Roos seine Gedanken, „es stimmt, das wäre etwas wenig für diesen riesen Aufwand hier oben.
Du hast sicher die fünf großen Pfeiler zur Talseite gesehen, es ist ganz einfach, wir fahren bei entsprechender Witterung zu jeder gewünschten Seite eine aus einem speziellen Werkstoff gefertigte Klarsichtwand aus und können so aus den Freisitzen einen geschlossenen Zusatzraum machen, der je weitere vierzig Personen aufnimmt. Mit dem ausfahrbaren Dach, ist dieser sogar den Unbilden der hier oben anzutreffenden Witterung gewachsen.
Eine weitere zumindest gegen Regen geschützte Überdachung auf der Freiterrasse entsteht durch Herausfahren einer halbtunnelartigen Überdachung, die je weitere fünfundzwanzig Plätze bietet.
Wir wollen absichtlich nicht noch größere Massen hier oben haben, uns kommt es darauf an, eine relativ gleichgroße Menge an Gästen zu haben. Du verstehst, warum und wieso.
Übernachtungsmöglichkeiten, wie sie zunächst für dieses Haus geplant waren, gibt es bis heute nicht, ich habe dies auch selbst nicht vor.“
Es reichte Fred, was sie ihm erklärt hatte, er baute sich wie ein Schüler vor seiner Lehrerin auf und bedankte sich für ihre fachliche Ausführung.
Es klopfte, und die Tür ging auf, eine Bedienung kam herein und fragte Roos etwas auf Spanisch. Worauf sie in deutlich zu erkennendem Misston, auch für ihn zu verstehendem Spanisch, ihr dennoch höflich antwortete: „Ich sagte, bitte, auf Deutsch sprechen!“
„Wohin möchtest du jetzt?“, fragte sie ihn. „Gehen wir nach oben, dort, wo es für Geschäftsleute ruhigere Orte für Besprechungen gibt, dort gibt es die besten Übersichten“, kam ihr Vorschlag.
„Okay“, sagte Fred, „gehen wir.“
Sie gingen an der Küche vorbei zu einer Treppe.
„Möchtest du gehen oder fahren?“, hörte er sie sagen.
„Gehen“, kam seine Antwort, „das viele Sitzen heute bekommt mir nicht gut, ich werde schließlich älter“.
Sie gingen so gut anderthalb normale Etagen hoch, und sie sagte:
„Dazwischen liegt das ausfahrbare Dach, deshalb die lange Treppe.“
Da war er wieder, dieser Geruch, nein, dieser Duft, zu dem er damals immer sang,
Dich erkenn ich mit Verbundenen Augen nur an deinem unverwechselbaren Parfum.
Aber dieser Duft, er stimmte ihn glücklich und traurig zu gleich, musste dieses Mal von Roos kommen – der Luftzug im Treppenaufgang entriss ihr diesen wohl. Eine kurze schmerzliche Erinnerung an jemand anderen und an eine seiner Rosen zu Hause, wurde wach - dann hatte ihn die Wirklichkeit wieder.
Oben angelangt, lag ein länglicher Flur vor ihnen, von dem vier Türen zu irgendetwas führten.
„Dahinter liegen kleinere und größere Räume, die ähnlich ausgestattet sind wie der große Freiraum unten, man kann also im Freien und im Geschlossenen sitzen, und klimatisierbar sind sie auch. Selbstverständlich hat jeder Raum alle heute erforderlichen technischen Einrichtungen und größten Komfort. Wir aber sind noch nicht am Ziel“, waren ihre Worte, und sie ging zielstrebig voran, der Nische am Ende des Flures entgegen.
Fünf Stufen und eine nüchterne Eisentür, auf der groß zu lesen stand Privado“, trennten sie noch von ihrem Ziel.
„Eisentür?“, fragte Fred. „Ja, aus Sicherheitsgründen aus Eisen, das ist hier oben ungeschriebenes Gesetz. Die Abgeschiedenheit dieser Idylle hier hat wie alles auch seine Schattenseiten.
Wir lassen gerade einen Sicherheitsring um Falkencrest anbringen, um die zunehmende Zahl von Einbrüchen, ja Einbruchsversuchen, regelrechten Überfällen, in Zukunft besser abwehren zu können.“
Fred beließ es bei ihrer Aussage, obwohl ihm eine Menge dazu einfiel.
Roos gab dem Leser ihren Finger hin, um ihr Erkennungsmal zum Öffnen der Tür einzugeben. Nichts rührte sich. „Ja, wenn du glaubst, das würde reichen“, sagte sie, „leider nein, der zusätzliche Zahlencode den ich jetzt eingebe, sonst bleibt die Tür verschlossen, wird häufig geändert.“
Die Tür ging auf, und sie traten in einen Vorraum mit einem kleinen Schrank, einem Bücherregal, nicht ganz so kleinem Tisch, zwei Stühlen und auf der gegenüberliegenden Seite, einem Schreibtisch, auf dem alle möglichen technischen Dinge standen.
Was Fred sofort ins Auge stach, waren die Türen an der Wand, hinter der eindeutig technische Einrichtungen sich verbargen.
Neben der Miniküche war noch ein ebenso kleiner Speisenaufzug zu entdecken.
Eine Glasschiebewand trennte den Raum, zu dem, was man Terrasse nennen kann, ab.
„Bevor wir uns setzen“, sagte sie,“ was bin ich nur für eine fürchterliche Gastgeberin, was möchtest du, was wollen wir trinken mein Lieber?“
„Für mich, zu Ehren des Tages, un cuarto vino tinto, un poco seco, y agua minerale. Aber, ich schließe mich gerne deinen Vorstellungen an, meine Liebe, wenn du aber lieber etwas Anderes möchtest oder Besseres hast.“
„Wir bieten heute ein Erfrischungsgetränk an, das dir sicher schmecken wird und auch für den Autofahrer nur Vorteile hat.“
„Gut, meine Liebe, nehmen wir das, aber bitte Wasser dazu.“
„Du bist sicher damit einverstanden, wenn ich dir zu Ehren und zu Ehren des heutigen Freudentages, uns, für jeden, un Christalo Champàn kommen lasse“, flüsterte sie kaum vernehmbar.
„Dein Wunsch in Gottes Ohr“, sagte Fred, und sie fragte: “Was hast du gesagt? cómo, cómo?“ - „Wie, wie, was bedeutet das?“ -
„Dein Wunsch, - ist mir klar, was aber bedeutet, in Gottes Ohr?“ -
„Gott, gleich dios, das weißt du, und Ohr, - Fred fasste sich ans Ohr, gleich oreja, oido, ist dir auch bekannt. Gemeint ist damit etwa: Wenn es Gott angenehm ist, stimmt er zu.“
„Ich versuche, es dir in meiner holprigen Art auf Spanisch zu erklären“, bot er an.
„Nein“, sagte sie, „ich habe verstanden, was damit gemeint ist.“ Drückte einen Knopf - und sprach ihre Wünsche hörbar aus. Irgendwo musste ein Mikrofon sein, das ihre Wünsche weiterleitete.
Sie fasste sanft seinen Arm und zog ihn in Richtung offenen Raum.
Mit einem Blick erfasste er die Fläche - so gut fünfundvierzig Quadratmeter. Hier muss von morgens bis abends die Sonne scheinen, wenn sie da ist, und man sie sehen möchte, raste es durch seine Sinne.
Sie aber sagte, anscheinend aus seinem Gesicht lesend: „Und die Glaswände schützen mich vor Schnee und dem Regen, der manchmal auch stundenlang andauert. Dann wird es meist ruhig hier oben, und ich kann alles erledigen, was liegen geblieben ist, und habe auch mal Zeit für mich. Zeit, über mein vergangenes Leben nachzudenken, und was mir die Zukunft wohl bringen mag.“
Dabei wurden ihr Augen wohl feucht, denn sie wandte ihr Gesicht von ihm ab, und ging zum Aufzug, die Getränke holen.
Um sich abzulenken, ging Fred an die Brüstung der Terrasse und genoss den weiten Blick über die wunderschöne Landschaft, die fast von Candelaria bis zu der Felswand von Los Gigantes gehen musste.
Fred versuchte ihr dies zu erklären, obwohl sie dieses sicher auswendig und besser kannte, als er es kurzzeitig erfassen konnte.
„Dieses Nest, dieser Adlerhorst hier oben, und es gibt keinen besseren Vergleich hierfür, ist sicher einmalig.
Eine Gipfelung der Räume darunter, und der gesamten Anlage.
Ich kenne keinen Vergleich zu diesem Plätzchen - sind doch die meisten, solcher privat, zu nutzenden Räume, drittrangig ausgestattet und platziert“, versuchte Fred sie auf andere Gedanken zu bringen.
„Lieb von dir“, antwortete sie, „aber du brauchst nicht versuchen mich abzulenken, manchmal überkommt mich die Traurigkeit meines Lebens einfach, und ich kann nichts dagegen tun.“
„Roos“, hörte er sich sagen“, das passt doch eigentlich nicht zu dir, oder doch?“
„In meiner Jugend, damals als du zu uns kamst, ich meine, als ich dich bei Cara kennen lernte, und noch viele Jahre danach, war ich auch diese urfröhliche Niňa, aber heute ...
Es sind so wenige meiner Jugendträume in Erfüllung gegangen, und noch eine Menge Negatives hat sich da hinzugesellt.
Aber stoßen wir auf dich an, darauf, dass dieser Tag nie zu Ende geht. Siehst du“, sagte sie weiter, „ich weiß genau, gleich gehst du, so wie du gekommen bist, und der Tag ist um vierundzwanzig Uhr auch zu Ende.“
„Du solltest das alles nicht so ernst sehen, machst dir dein Leben nur noch schwerer damit, obwohl, ich muss dir gestehen, mir geht es manchmal genauso.
Sag mal, und wenn ich etwas Falsches sage, verzeih mir, oder berichtige es, liegt es an mir, weil ich heute hier bin, soll ich besser gehen?“, fragte Fred sie.
„Nein, bitte nicht“, klang ihm, ihre nach Hilfe suchende Stimme entgegen, mehr aber sagte sie nicht dazu.
„Ich werde versuchen, nichts Derartiges mehr zu sagen, wenn du bei mir, Pardon, bei uns bist.
Lass uns fröhlich sein, wann immer und wo immer es geht, und - Auf unser Wohl, Fred!“
Sie tranken auf ihr Wohl, und Fred griff, da er seit dem Morgen nichts mehr gegessen hatte, nach den köstlichen Tapas, die die Küche, ohne Aufforderung, zu ihnen heraufgeschickt hatte.
„Bitte, Roos, so bitte nicht, es ist schön, keine Sorgen zu haben, aber wenn du welche hast und glaubst, ich sei der Richtige, dem du deine Sorgen und Nöte mitteilen kannst und möchtest, ich höre dir gerne zu und habe vielleicht den einen oder anderen Ratschlag dazu.
Deine Probleme sind bei mir verschwiegen aufbewahrt.
Bitte schweige also nicht, erleichtre dein Herz, wo immer es geht, bei mir!“
Irgendwo schrillte es dezent, ganz so als sei es ein Telefon.
Sie griff an das Revers ihres Jacketts, und man hörte die Stimme am anderen Ende der Leitung.
Auf Spanisch sagte eine Frauenstimme etwas, doch sie unterbrach.
„Ich habe dir so oft gesagt, du sollst Deutsch reden, damit es besser wird, und jetzt haben wir einen Experten im Hintergrund, der uns zuhört“.
Die Stimme, auf der andern, Seite, erinnerte Roos, in halbwegs verständlichem Deutsch daran, dass es Zeit wäre, mit den Vorbereitungen für die angemeldete Gruppe heute Abend anzufangen.
Sie sah auf die Uhr an ihrem zierlichen Handgelenk und seufzte leise: „So spät schon.“
Sie sagte, was zu tun sei und bat um weitere zwanzig Minuten, dann käme sie runter.
„So, jetzt musst du mir aber schnell erzählen, ja am besten alles, was ich wissen möchte!“
„Und wie soll das gehen?“, fragte er sie.
„Ich weiß, dass es nicht geht, aber fange bitte irgendwo an, wo ist ganz egal!“
„Und wo bleib ich, wann erfahre ich was über dein Leben, Roos?“
Sie schwieg und schaute ihm fragend in die Augen.
Es war nicht leicht für ihn, diesen fragenden, schwermütigen Blick zu ertragen, und er sagte ihr:
„Wo soll ich beginnen, die Geschichte mit Cara kennst du sicher gut. Danach wurde es ruhig bei mir. Ich kniete mich, so wie es den Anschein hat, jetzt auch du, in die Arbeit, um zu vergessen, und das brachte mir das vorzeitige Ende meiner beruflichen Laufbahn.
Eine größere Operation sorgte dafür, dass ich mich zur Ruhe setzen musste!“ Sie fragte: „Dónde? - Wo/Woran?“, und Fred antwortete ihr: „Mi Corázon.“
Vorsorglich hielt er ihr einen Finger auf ihren Mund, damit sie, nichts Weiteres sagte und fragte; denn die Zeit lief einfach weg, das war zumindest ihm klar.
Wieso, schoss es ihm durch den Kopf, sitze ich eigentlich bei dieser fast fremden Frau und erzähle ihr aus meinem Leben? Warum nur, war es die Freude, mal wieder ausgiebig mit einem Menschen zu sprechen, der einem zuhörte und wohl möglich noch Verständnis für ihn hatte?
Oder war es die Freude, die er hatte, wenn er hier unter Freunden war?
Irgendwie fühlte er sich hier und bei ihr wohl.
Was es auch war, die Antwort fand er vielleicht beim Nachdenken oder später einmal.
Es gibt sicher Hunderte, die ihn beneiden würden, dürften sie bei dieser schönen Frau auch nur eine Stunde verbringen.
Aber er musste gestehen, bei ihm war und lief fast alles ein wenig anders als bei anderen – er machte um die schönsten Frauen einen Bogen, um die, die jeder Mann haben musste.
Bei Roos schien ihm dies etwas Anderes zu sein, und wie sah es wohl bei ihr in dieser Beziehung aus?
Er riss sich aus seinen krausen Gedanken los und versuchte, weiterzuerzählen.
***
Von Freunden, die diesen Weg vor ihm gegangen waren, wusste er, dass man bis zu fünf Jahren brauchte, um wieder einigermaßen zu Recht zu kommen, das heißt, dass man körperlich und geistig erst dann wieder der Alte sein würde. Eines aber ist sicher, der, der man vorher war, der würde man niemals mehr.
Roos wollte etwas sagen, doch er fiel ihr ins Wort, bevor sie das sagte, was er ihr antwortete.
„Du hast Recht, nach außen bin ich der Alte geblieben, und die vielen Krankheitsmacken sieht man mir nicht an, aber es ist die hübsche Fassade und mein Wille, damit zu leben.“
„Jetzt aber darf und muss ich doch etwas sagen“, unterbrach sie ihn unmissverständlich“, wir alle werden älter, und jeder hat früher oder später seine Blessuren, du aber, mein Lieber, bist für mich, was du seit Jahren warst und hoffentlich noch lange bleibst, ein Vorbild.“
Fred schwieg dazu, wollte ihr nicht mehr entlocken, als sie freiwillig sagte.
„Jetzt, nachdem drei Jahre vorüber sind, habe ich die lange geplante Reise zu den Kanaren mit Besuchen auf den meisten Inseln vorgenommen und werde sie bald beenden.
Was mir fehlt ist La Palma und el Hierro, vielleicht aber komme ich irgendwann noch mal wieder.
Es war eine Reise in die Vergangenheit, und ich schäme mich nicht, dass mich an manchen Stellen die Schwermut überfiel, und die Tränen kamen.
Wer denkt und fühlt wie ich, wird dies verstehen, alle anderen sind mir gleich.
Aber es gab viele glückliche Minuten der Rückblicke, auch wenn ich die Trips zu den anderen Inseln vorwiegend alleine unternahm. Ich könnte dir von allen Inseln etwas erzählen, aber bei der wenigen Freizeit, die dir zu Verfügung steht, werden wir uns einschränken müssen.
Eines aber verspreche ich dir“, in der Hoffnung, sie vergäße dies, dachte er,
„wann immer du willst, habe ich Zeit für dich, solange ich hier bin.
Bedenke aber, ich bin Gast bei Josè. - Jetzt aber im Schnelldurchgang dein Leben seit wir uns nicht mehr gesehen haben, Roosalie!“
„Es sind genau zwölfeinhalb Jahre her, als wir uns zum letzten Mal gesehen haben, und da wurde mir jetzt klar, ich durfte so nicht weiter machen.“
Das Telefon klingelte. „Du müsstest jetzt eigentlich kommen“, klang es aus einem Lautsprecher.
„Ja“, sagte sie, „noch zehn Minuten, dann komme ich ohne erneute Aufforderung“.
Sie schaltete den Apparat aus und wandte sich ganz ihm zu.
Auf ihrem Gesicht lag ein angespannter Ausdruck und ihr leicht nervös, unruhig gewordenes Verhalten konnte sie nicht verbergen.
„Zeit, ja Zeit, wenn es möglich ist, komme ich gleich wieder zu dir rauf. Du kannst inzwischen noch etwas hiervon essen und, ich schicke dir auch noch etwas rauf.“
Fred nahm ihre Hände und versuchte so, ihr ein wenig Sicherheit zu übermitteln, Sicherheit die sie, für sein trainiertes Auge, offensichtlich brauchte.
„Was ich dir jetzt noch sagen muss, aber verstehe es nicht falsch, da ist eine junge Dame, die dich unbedingt kennen lernen möchte!“
„Heute noch?“, fragte er wohl etwas verwundert?
„Ja, heute noch, und das müsste sogar sein, wenn du einverstanden bist!“
„Darf ich fragen, wer die junge Dame ist, sicher nicht, oder?“
„Du darfst, ausnahmsweise“, lächelte sie scherzhaft.
„Es ist meine Tochter aus zweiter Ehe, Annabell heißt sie, ist acht Jahre, geht auf eine Schule in St. Cruz, und kommt aber erst um siebzehn Uhr zurück.
Sie würde sich riesig freuen, dich kennen zu lernen, bitte,“ schob sie nach, „das Kind würde sich so sehr freuen.“
Roos schickte sich an zu gehen.
„Du willst mich doch wohl nicht mit meinen vielen Fragen hier alleine sitzen lassen, Roos?“
„Doch mein Lieber, und warte bitte noch die wenigen Minuten, bis Annabell kommt.“
„Beantworte mir noch die eine Frage, bevor du verschwunden bist.
Warum ist das so wichtig?“
„Das Kind hat sonst niemanden, Fred, und ...“
Sie brach ab und ging hinaus.
Fred saß alleine da und hätte eigentlich jemanden zum Reden gebraucht, aber nein, erst musste er mal seine Gedanken sortieren. Die vielen Fragen, die sich ergaben, und alles was so kurz auf ihn zukam – eigentlich nicht das, was er hoffte, hier zu finden.
Er stand auf, verdrängte alle Gedanken, um sich mit der Anlage und der Umgebung ein wenig vertrauter zu machen.
Wie viel Grün und Blumen hier doch sind, aber, wo mag das viele Wasser dafür herkommen?
Diese Frage stand bei ihm auch noch offen!
Er schaute nach hinten, dort wo der Rand der Caldera sein musste.
Zu sehen war nur noch ein einziger Lavagipfel, ein Felsen, der, wenn man wollte, ein toller Aus- und Einsichtspunkt auch in diese Anlage sein musste.
Hat man dieses hier im Hause schon erkannt?
Und da, in etwas weiter Ferne, nein, das war der Teide, unverwechselbar der Piko, klar, wie fast von jedem Standpunkt auf der Insel aus, sichtbar.
Es gab aber noch etwas Interessantes für ihn zu sehen.
Die großzügig ausgelegten Solaranlagen und ein Windrad. Was und wer mag das Konzept erstellt und wer die Anlage geplant haben?
Er fragte sich: Wie werde ich, in den wenigen Tagen, die mir. hierbleiben, mit den vielen Fragen fertig? Was muss ich als unerledigt abhaken?
Dies war eigentlich nie seine Art.
Fred drehte sich wieder zurück und blickte ins Tal. Rechts von ihm, wenige Kilometer entfernt, lag unübersehbar Vilaflor als Oase im Grünen.
Candelaria konnte von dieser Stelle des Hauses nicht ausgemacht werden, dafür aber Los Gigantes, allerdings in weiter Ferne und leicht verschwommen.
Wie die Schiffe, die draußen das Meer durchpflügten, so waren auch die häufig startenden und landenden Flugzeuge nur als Minispielzeuge zu sehen.
Fred sah es zwar, doch er nahm es nicht in sich auf, seine Gedanken kamen immer wieder zu denselben offenen Fragen zurück, die in ihm brannten, um durch Antworten gelöscht zu werden.
Das aber dauerte gewiss noch etwas.
Dezent ertönt eine Klingel, und Roos bat ihn, sein Essen am Aufzug abzuholen.
Er ging hin und wollte sich bedanken, doch keiner antwortete ihm.
Also nahm er sich, was Roos ihm hatte zukommen lassen.
Ein kleines Glas Wein, und eine Auswahl an Pescados, Salat und Obst als Nachtisch. Mehr als er essen konnte.
Fred schaute zur Uhr, schon fünfzehn Minuten, seit sie ging, - ob sie es heute überhaupt noch schafft, heraufzukommen?
Ich denke, nein. Der Wille ist da, aber die Verantwortung, die Verantwortung, die sie hat, hält sie zurück. Schade.
Wieso hat sie ihm Josè nicht heraufgeschickt, dachte er so. Der aber hatte unten sicher so viele Amigos und Amigas, dass er keinerlei Langeweile hatte, der alte Charmeur.
Fred fing an zu essen, komisch, genauso wünschte er sich sein Essen, viele verschiedene Sorten und von allem nur zwei, drei Happen.
Und Saucen gab es auch, drei verschiedene, und Spanische Papas.
Pardon, er meinte diese herrlichen Salzkartoffeln.
Das war doch kein Zufall, oder?
Nein, es ist ein Jammer, nach den fünf ruhigen Wochen jetzt eine Katastrophe nach der anderen, und keiner, der ihm die Fragen zur Lösung beantwortete.
Er musste Hunger gehabt haben; denn er erwischte sich beim Schnell-Essen, und so überhörte er fast, das zarte Klopfen an der Tür.
Von der Zeit her musste es Annabell sein!
Fred merkte, wie er unruhig wurde, wieso, war ihm sofort klar.
Früher hatte er sich immer ein kleines eigenes Mädchen gewünscht und es nie bekommen, und jetzt?
Hoffentlich werde ich ihr gefallen, und hoffentlich werden wir uns verstehen. Aber war das eigentlich wichtig?
Geh zur Tür und öffne sie, du alter Trottel, dann siehst du es, sagte er zu sich, während er hinging.
Der Kontrollmonitor zeigte ein kleines Mädchen, das offenbar Annabell sein musste.
Er fragte dennoch, bewusst auf Deutsch: „Wer bittet um Einlass?“ und nahm an, sie verstände ihn nicht.
Pech gehabt, Junge, denn auf fließend Deutsch antwortete sie ihm:
„Ich bitte um Einlass, Seňor!“
„Ich“, sagte er zu ihr, „wer ist ich?“
„Mi nombre es Annabell.”
“Dann bitte ich Annabell, um herein!“
Öffnete ihr die Tür - und sie trat ein.
Höflich und gut erzogen streckte sie ihm ihre Hand entgegen, die er sofort gerne ergriff.
„Buonas tardes - Guten Tag, Seňor“, kam es höflich aus ihrem Mund.
„Guten Tag, Annabell“, brachte er ihr entgegen. Dann schwiegen sie beide und sahen sich ein wenig verlegen, fragend an.
So standen sie einen Moment, bis Annabell die Situation löste und ihn an die Hand nahm, zum Tisch zog und sagte: „Essen Sie doch bitte weiter, ich wollte nicht stören!“
„Stören? Nein, Annabell, das tust du nicht, und ich bin eigentlich auch fertig. Es ist noch Obst da, wenn du etwas davon möchtest oder vielleicht etwas zu trinken?“.
Sie nahm sich eine Maracuja, und erklärte ihm, dass sie sie so gerne möge.
Fred aß seinen Rest Salat auf, und währenddessen betrachteten sie beide sich sehr genau.
Die Gesichtsform hatte sie größten Teils von ihrer Ma und auch die nicht ganz schwarzen Haare. Ihre Augen, ob Form oder Farbe - original die Mutter.
Nur die Nase, die wich ein wenig von der ihrer Mutter ab. Ein wenig grober, aber das stand ihr ausgezeichnet, und schließlich wollte sie ja erst noch mal eine Frau werden. Aber bis dahin verging noch ein wenig Zeit.
'Was mag sie wohl jetzt über mich denken?', dachte er.
Sie lächelten sich an.
„Ich bin gleich fertig mit Essen und Trinken. Wenn du möchtest, kannst du mich aber schon jetzt gern unterhalten!
Aber, Annabell, verrate mir doch, wo du so gut Deutsch gelernt hast, und wie es heute in der Schule war, und was du alles magst, und was nicht!“
„Sie wollen aber viel wissen, Seňor, - was war noch die erste Frage? Ja, mein Deutsch, ich spreche Spanisch, Englisch und Deutsch, auch in der Schule.
Zu Hause wird oft Deutsch gesprochen, und Ma, sagt, des Öfteren: Es ist wichtig!'.“
„Da hat sie Recht, siehst du, liebe Annabell, als ich so jung wie du war, hatte ich keine Gelegenheit dazu, und wir konnten uns meine Ausbildung an einer besseren Schule, so wie du sie jetzt besuchst und besuchen wirst, nicht leisten, und jetzt bin ich zu alt dafür.“
„Aber du bist trotzdem ein kluger Mann.“
„Wer sagt das?“
„Ich höre es schon mal von Onkel Josè und von Ma und einigen anderen auch.“
„Hast du dich da nicht verhört, ich war schon viele Jahre nicht mehr hier auf der Insel.“
„Nein, was ich weiß, weiß ich“, sagte sie leicht trotzig, wie es Kinder Art ist.
„Gut, wenn du der Meinung bist, will ich dich auch nicht enttäuschen, meine liebe Annabell, aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich diese Meinung immer erfüllen kann.“
„Na gut, weil du es bist“, klang es zurück, als wären sie alte Bekannte.
„Nein, Pardon, Seňor, ich meine Sie!“
„Du darfst mich ruhig duzen, wenn du möchtest, liebe Annabell.“
Aber nein, dazu wollte sie wohl nichts sagen, und sagte weiter Sie zu ihm.
Sie erklärte ihm genau, an welche Schule sie ging, und wo diese lag, welche Lehrer es gab, was sie unterrichteten, und welche Fächer sie. zurzeit hatte, welche sie gut fand, und welche ihr weniger lagen.
Fand es gut und richtig, dass sie wenigstens am Samstag und Sonntag ganz frei hatte. „Dann fallen dieses blöde Frühaufstehen und die langen Fahrten wenigsten weg.
Und wenn ich mit dem Studium fertig bin, will ich Tierforscherin werden und komme so in alle Länder der Welt.“
„Ja, da stimme ich dir zu, wenn ich noch mal wählen könnte, aber ich konnte nie wählen, ich würde auch nur noch einen Beruf wählen, der mit Tieren oder der Natur zu tun hat.
Es gibt für mich nichts Größeres als die Natur, der Mensch ist doch nur ein Abgucker, ein Nachmacher, wenn du mich verstehst, Annabell.“
Offenbar verstand sie ihn; denn es erfolgte keinerlei Einwand.
„Etwas, eine Frage hast du mir aber noch nicht beantwortet: Was gefällt dir nicht?“
Sie schaute kurz zu ihm auf, wendete sich ab und schwieg.
„Möchtest du dazu nichts sagen?“, fragte er und ließ ihr für die Antwort reichlich Zeit.
Als dennoch keine Antwort kam, schob er nach: „Du brauchst nichts sagen, wenn du nicht möchtest. Aber, es gibt im Leben Dinge, die jeder tun muss, auch wenn er es eigentlich nicht möchte oder einem anderen damit Unangenehmes zufügt. Verstehst du, was ich damit sagen will?
Und, das merke dir, liebe Annabell, für dein Leben: So lange man miteinander redet, so lange gibt es eine Aussicht auf eine Lösung des Problems.
Wenn du also nicht sagst, was dich bedrückt, kann dir auch nicht geholfen werden, das solltest du bedenken.
Für solche Fälle solltest du aber jemanden haben, der dich versteht, und dem du vertrauen kannst, auch wenn du erst acht Jahre alt bist“.
Offensichtlich hatte er bei ihr eine Stelle erreicht, wo sie anfing, einiges neu zu überdenken.
Ihr Blick wechselte von ihm zur Seite, hin und her, was war richtig, und was nicht, und konnte sie diesem fremden Mann vertrauen, oder nicht?
„Die Antwort muss du dir schon selbst geben“, sagte er.
Er wartete auf eine Antwort von ihr, schaute so nebenbei auf seine Uhr und erschrak ein wenig.
'Schon achtzehn Uhr durch, es ist Zeit zum Gehen', dachte Fred, 'aber, warte ich erst ihre Antwort ab.'
„Ja, Senòr, es gibt schon etwas, was mir nicht gefällt, aber das darf ich nicht alles sagen.“
„Das brauchst du auch nicht, sage das, von dem du denkst, es sagen zu dürfen, und auch davon erzähle ich niemandem etwas!“
Das Telefon machte sich bemerkbar, und Josès Stimme forderte ihn zum Gehen auf: „Bitte, in den nächsten zehn Minuten!“
Dass, heißt auf Deutsch, in einer halben Stunde spätestens', dachte er bei sich.
Roos konnte er für heute vergessen, aber Annabell?
„Du hörst, ich bin von Tio Josè abhängig, wenn du aber möchtest, habe ich noch ein wenig Zeit für dich, ich warte gerne“.
„Wissen Sie“, fing sie an zu reden, „es sind die Wochenenden, die oft schlimmer sind als die Tage in der Schule“.
Annabell schwieg.
Offenbar war er an der Reihe, also fragte er sie: „Wieso?“
„Wissen Sie, Ma hat an vielen Wochenenden keine Zeit für mich, noch weniger als normalerweise, so wie heute, wo ich eigentlich nicht gebraucht werde. Dann bin ich öfters in La Laguna bei einer Freundin. Aber da wird oft eine Fiesta nach der anderen gefeiert, was mir gar nicht gefällt, und laufen kann ich doch so schlecht, da kann ich leider nicht rausgehen.“
Fred fehlten irgendwie die Worte. Keine Zeit? Das war ihm klar, - was aber ist mit ihren Füßen?
Es wäre sicher richtiger, ich klärte es mit Roos persönlich, sagte er sich.
Wie aber konnte er Annabell kurzfristig helfen? Er musste etwas sagen.
„Du verstehst mich sicher, ich möchte keinem Unrecht tun und darf auch nicht über den Kopf deiner Ma etwas entscheiden, ich werde mich darüber schlaufragen und dir eine Antwort oder besser eine Lösung geben.
Eines aber verspreche ich Dir; wenn du möchtest, und wir dürfen, ist der nächste Samstag und Sonntag für dich reserviert, wir machen das, was du möchtest.“
Annabell strahlte über das ganze Gesicht, ihre Freude war nicht zu übersehen, und sie hauchte ihm fast zu: „Ja, bitte, Seňor“.
'Wie könnte er da anders handeln?', dachte Fred.
„Kommst du mit runter?“, fragte er.
„Nein“, sagte sie, „aber ich komme gleich nach.“
Und jetzt sah er es, Annabell zog zumindest das linke Bein stark nach.
Wieso hatte er das nicht gemerkt, als sie reinkam?
Er ließ sie also in dem Glauben, er habe es nicht gemerkt, und ließ sie nachkommen.
Sicher nicht beneidenswert der Lebensabschnitt, in dem sie ihre Jugend verbringt.
Unten erwartete ihn Josè, entgegen früheren Erfahrungen, schon am Ausgang sich befindend, zwar noch in einem Gespräch verwickelt, aber zur Abfahrt bereit.
„Es wird für uns Zeit zum Aufbruch“, kamen Fred seine Worte entgegen.
„Sag schön Auf wiedersehen, und komm!“
Fred suchte herumschauend nach Roos, sah sie aber nicht, und fragte nach ihr.
„Du wirst sie irgendwo suchen müssen“, klang es ihm entgegen.
Also ging er auf Suche.
Es dauerte lange, bis Fred sie fand, und sie erschrak, als sie ihn sah.
„Jeh, ich habe dich fast vergessen, es tut mir so schrecklich leid.
Perdón a mi, perdón a mi - Verzeih mir“, sie flehte Fred förmlich an.
„Du hast doch keinen Grund, dich so zu entschuldigen, deine Arbeit geht doch vor, ist viel wichtiger, ich halte dich nur davon ab.“ Fred verstand sie, von früher her, genau.
„Nein, wichtiger nicht, wichtiger wärst du.“
Sie drehte sich zur Seite und hoffte anscheinend, dass er im fahlen Licht des Weinkellers ihre Tränen nicht sehen konnte. Die aber waren ihm nicht entgangen.
Kein Wunder, die Fassade glänzte, aber wie`s dahinter aussah, sah niemand, und ging niemanden etwas an.
Geld war schließlich nicht alles, es sollte ja auch andere Gründe dafür geben.
'Wie oft hatte er sich in Arbeit gestürzt, um zu vergessen,' dachte Fred!
Er wartete kurz, um sie zur Ruhe kommen zu lassen.
Sie begriff, er musste gehen, seine Zeit hier oben war lange abgelaufen.
„Ja, ich bringe dich nach oben", sagte sie. Hakte sich locker bei ihm ein und ging schweigend neben ihm her dem Aufzug zu.
Fred spürte die Wärme ihres Körpers und merkte, wie sie sich immer dichter an ihn anschmiegte, das Gehen fiel ihnen so schwer, bis sie vorm Aufzug standen.
Er drückte den Knopf der die Tür öffnete, und Roosalie gab ihn erst jetzt wieder frei.
Sie traten ein, Fred blieb vorne stehen - sie aber suchte sich eine Ecke, sofern man von Ecke hier sprechen konnte.
„Perdón a mi, und verstehe mich bitte nicht falsch“, flüsterte sie mit gesenktem Kopf zu ihm herüber.
„Ich weiß nicht, wovon du redest, oder was du meinst“, antwortete er ihr.
„Das glaube ich dir nicht, du machst dir doch immer Gedanken über alles Mögliche, und hier soll das anders sein? Nein, Fred!“
Bevor er antworten konnte, waren sie oben, und die Fahrstuhltür öffnete sich.
Die Antwort darauf musste er ihr schuldig bleiben; denn sie wurden mehr oder weniger von Personal umringt, das sich dort aufhielt.
Fred warf ein allgemeines "Hasta luego!" hin, und sie beide eilten dem Ausgang entgegen.
Erst jetzt bemerkte er, dass vor der Außentür Annabell stand und anscheinend auf ihn wartete.
„Kommst du noch mit raus zum Auto?“, fragte er, an sie gerichtet.
„Nein, Seňor Fred, ich bleibe lieber hier, der Wind ist mir heute zu heftig“, streckte ihm wortlos ihre kleine Hand entgegen, die er nahm, und feste drückte.
Roos schob ihn ins Freie: „Wenn es Anna, schwerfällt, sich von jemanden zu verabschieden, läuft sie weg oder bleibt wie jetzt einfach stehen“, versuchte sie ihm zu erklären.
„Ich denk, es ist etwas zwischen euch beiden gewesen. Wir werden es sicher noch erfahren.“
Josè drängte, aber Roos stoppte ihn.
„Nicht einfach abfahren - Kommt ihr morgen wieder?“
Die Antwort von Josè kam prompt, sehr prompt:
„Wir sind morgen den ganzen Tag für niemanden zu sprechen, auch nicht am Telefon!“
„Das gilt doch sicher nicht für mich!“, protestierte sie nicht überhörbar.
„Ich sagte - Für alle!“
„Und übermorgen?“
„Was ist übermorgen? Donnerstag? Dann hätte ich am Nachmittag Zeit! - Wir werden sehen, ich rufe dich früh genug an“.
'Früh genug, was ist schon nach der Auffassung von Josè, einem Spanier, nach dessen Verständnis, früh genug', dachte Fred.
Roos drehte sich schweigend um und verschwand nicht mehr zurückblickend im Haus.
Fred tat sie leid, in vielerlei Hinsicht.
Da ihm die spanische Mentalität, und gerade die der Männer, die fast immer noch den Macho in ihnen zeigen mussten, ausreichend bekannt war, schwieg er besser, schließlich war er nur Gast. Stieg ein, und sie fuhren los.
Fred schwieg ebenso wie Josè, bis der Tunnel und die Serpentinen hinter ihnen lagen.
„Wir haben zwei Möglichkeiten, unser Ziel zu erreichen“, klang es ihm entgegen. „Entweder wir biegen gleich zum Teide ab und lassen Vilaflor links liegen, fahren bis zum Boca de Tauce rauf und biegen links ab, oder fahren zur Autopista zurück, dann bis Guia, über Chiguerqe und von da aus rauf zur Casa.
Der Letzte ist etwas länger, aber zeitlich ist beides fast gleich, welchen Weg möchtest du, dass ich fahre?“
„Den zum Boca rauf, Josè!“
Josè fuhr die neue Verbindung zur Hauptstraße nach oben.
Entgegen der Fred bekannten sehr kurvenreichen alten Straße zum Boca hinauf, hatte man vieles getan, um eine gute ausgebaute Schnellstraße zu bekommen, und die natürliche Umfahrung der großen Schlucht, dem Einschnitt vor dem Boca, war durch zwei Tunnel wesentlich verkürzt, und somit schneller in der Fahrzeit geworden.
Nur einmal sagte Josè bis zum Boca etwas:“ Ist das nicht hier eine herrliche Straße geworden?“
Fred sagte dazu nur, „du kennst meine Meinung von 1980, bald habt ihr hier alles asphaltiert, und dann lohnt es sich nicht mehr, nach Tenerife zu kommen!“
„An manchen Stellen hast du ja recht, Fred, manches übertreibt man ja, leider!“
„Du weißt aus unseren Diskussionen, Josè, dass es bei manchem nicht bleibt, die Menschen, die das Geld haben, werden alles mit der Zeit kaputt machen, da wird man schon gar nicht vor den Kanaren halt machen.
Weiß du, Josè, kurz bevor es soweit ist, wird man diese Inseln fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, und spätestens dann fängt die Messerstecherei ums Überleben an!“
Am Kreisverkehr des Bocas fuhren sie links ab, rollten von hieraus nicht nur praktisch, sondern auch in Wirklichkeit den Berg, die Straße herunter, bis zur Auffahrt zu Josès Casa.
Die erste lange Kurve nach der langen Geraden Strecke lag hinter ihnen.
Josè fuhr mit wenig Gas und mittlerer Geschwindigkeit durch die Pinien bestandene Gegend.
„Hier oben war es, Josè, wo ich vor Jahren bei einer Rückfahrt abends, als die Sonne fast schon im Meer versunken war, die drei Silhouetten der Inseln Gomera, el Hierro und La Palma zur selben Zeit gesehen habe.
Ich war einfach fasziniert von diesem Anblick, Schöneres gibt es kaum, bin stehen geblieben und habe sie fotografiert, nur leider nicht alle drei auf ein Foto bekommen.
Die Sonne ging so schnell unter, dass ich, als ich den geeigneten Platz für die zweite Aufnahme gefunden hatte, La Palma mit el Hierro nicht mehr fotografieren konnte!“
„Ja“, sagte Josè, „die Tage mit dieser Aussicht sind selten und nur wenige wissen davon, die meisten fahren hier vorbei, ohne diese Schönheit zu sehen!“
Sie fuhren weiter nach unten, schweigend.
„Und hier irgendwo habe ich vor Jahren mal Feigen gepflückt und gegessen, die meiner Meinung nach herrenlos am Wege standen.
Ich habe mich natürlich erst einmal umgesehen, ob die Bäume vielleicht doch jemandem gehörten, habe aber keinerlei Verbindung zu einem Besitzer gesehen!“
„Sie gehören doch jemanden“, sagte Josè, „aber pflücken tut sie schon lange keiner mehr!“
Sie nahmen die letzte große Kurve, die Straße führte wieder in Richtung Westen.
Kurz darauf bog Josè rechts ab und hielt, sie standen vor einer Gitterschranke.
***
Früher, so erinnerte Fred sich, als er das erste Mal mit Josè hierher-kam, war der Geröllweg, durch eine dicke Kette versperrt, mit einem ebenso dicken Schloss versehen.
Die Auffahrt damals, war so 'gut', dass Josè mit seinem damaligen Wagen Mühe hatte hinaufzukommen.
Beim zweiten Mal, als er mit Josè hier war, waren sie mit einer kleinen Kompanie hier.
Viele Verwandte von Josè, die mithelfen mussten, das Grundstück dort oben, das seit vielen Jahren nicht mehr bewirtschaftet wurde, von allem nicht erforderlichen, wildwachsendem Bewuchs zu befreien, waren dabei.
Die Männer hatten alle Hände voll mit dem Unrat und Wildwuchs zu tun, und die Seňoras bereiteten zu allererst das Mittagessen zu.
Während die Eine die Kartoffeln schälte, beschäftigte sich eine Andere mit dem Fisch, den es geben sollte, und eine weitere bereitete den Salat zu.
Selbstverständlich sorgte einer der Herren, nein, es war Josè, für ausreichende Feuerstellen.
Währenddessen zog Fred, da ihn die Männer wegen der angeblichen Verletzungsgefahren bei ihrer Arbeit nicht haben wollten ,und die Senòras keinen Aufpasser brauchten, durch die nähere Umgebung und aß von den Feigenbäumen die überreifen Früchte, die keiner erntete und sammelte, und pflückte massenweise Almendros, die er mitnahm.
Dann sah er sich noch in den Bananenplantagen um, und sah auch, die, am, nächsten, liegende Hacienda zu Josés Anwesen.
Das Mittagessen schmeckte allen, besonders aber Fred, mit dem dazugehörigen Vino und dem Agua, ausgezeichnet hier draußen.
Am Nachmittag wurde das gesamte, in mehreren Haufen zusammengetragene Buschwerk, damit es keine allzu großen Feuer gab, verbrannt.
Josè blieb als Letzter, und somit auch Fred, als Feuerwache zurück, und so war es spät in der Zeit, als sie damals zurückkamen.
Das Besondere an diesem Grundstück, zu dem sie jetzt fuhren, war, es lag circa eineinhalb Meter über der Fahrbahn, die steil bergauf ging direkt zwischen größeren Lavafelsen, es war schmal und endete nach links hin zur Nachbarseite wieder an der dort um achtzig Zentimeter höher liegende Fläche.
Nicht genug der Übel, in der Tiefe endete es nach wenigen Metern und war wieder durch einen kleinen Absatz unterbrochen, machte dann wiederum nach einigen Metern eine Wendung nach rechts und wurde nochmals durch einen gut zwei Meter tiefen Absatz vom oberen Teil getrennt.
Die hier unten liegende Fläche war sicher nur zwanzig Meter breit und weniger an Metern tief und hatte zum Abschluss nach unten hin, zu einer Bananenplantage, eine hohe Steinmauer.
