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Paul wacht ohne jede Erinnerung in der Nähe eines mächtigen Wasserfalls auf. Er erkundet die Gegend und trifft auf eine Siedlung: Memoria. Dort erfährt er, dass sämtliche Bewohner ebenso einst ohne Erinnerung in dieser Welt erwacht sind. Er lernt Maria kennen, eine Frau, die mithilfe des Brunnens (einem großen silbernen Zylinder in der Mitte der Siedlung) Häuser aus dem Boden emporsteigen lässt. Sie kümmert sich um die Belange der Stadt. Pauls Erstaunen wächst, als sie ihm die Schmiede zeigt, eine automatische Fabrik, in der Rohstoffe jeder Art umgewandelt werden können. Niemand weiß wer diese seltsamen Gebäude einst erbaute, sie waren bereits dort, bevor die ersten in Memoria erwachten. Paul und Maria fühlen sich zueinander hingezogen, jedoch kann Maria kaum begreifen, warum Paul sich nicht mit dem Erinnerungsverlust abfinden will, wo es ihm in Memoria doch an nichts mangelt. Aber Paul lassen die Rätsel dieser Welt nicht in Ruhe. Erst als er weit draußen das Unbegreifliche mit eigenen Augen sieht, gibt er auf und findet seinen Platz in dieser kulturell lebendigen Stadt. Dann eines Tages kommen die Erinnerungen zurück. Alte Ansichten und Ideologien gewinnen wieder die Oberhand. Mitten in dem Chaos und den Ängsten einer erwachten Stadt, offenbart sich Paul die ganze Tragweite dieser neuen, unbeschriebenen Welt.
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Seitenzahl: 574
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Der menschliche Antrieb
Geboren in eine Welt der Unterscheidung — das Ich, das Ihr und das Dingliche — wollen wir uns erkennen, um uns zu befreien, von der Fremdbestimmung. Der Zündfunke menschlicher Intention ist das Bestreben erkannt zu werden, damit wir uns erkennen. Uns erfahren — nicht als ein Objekt, sondern als Mensch.
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Sidus von Bouquin — Die freie Gesellschaft
Der Wasserfall( . )
Ich öffne die Augen, helle Schlieren flirren über die Netzhaut, geblendet halte ich die Hand vor das Gesicht. Ein tiefes Rauschen dringt an meine Ohren; die mit Feuchtigkeit gesättigte Luft vibriert, es riecht erdig nach nasser Vegetation. Eine Taubheit breitet sich von meinem Kopf bis in die Glieder aus. Ich spüre den Boden, wie er sich mit meinem Atem hebt und senkt, als wäre ich mit ihm verwachsen, als hätte er mich soeben erst geboren. Wie nach einem tausendjährigen Schlaf, zwinge ich meine Lider, sich mehr und mehr zu öffnen, sich tränend an das grelle Sonnenlicht heranzutasten. Aus den unscharfen Konturen entsteht ein erstes klares Bild: eine wippende Baumkrone, ein blasser Regenbogen, ein weißer Vogelschwarm. Meine Hände ertasten den Untergrund: feuchtes Moos und kantiges Felsgestein. Ich richte meinen Oberkörper auf; dünne Bäume mit großen, kreisrunden Blättern umgeben mich, dazwischen drängen sich hohe Sträucher, an denen gelbe Früchte wachsen. Insekten schwirren herum und verfangen sich in einem Spinnennetz. Die Fülle der Sinneseindrücke überkommt mich wie die Sintflut einen Dürstenden: diese würzige Luft, diese intensiven Farben, dieses durchdringende Rauschen. Etwas stimmt nicht — wo bin ich?
Nichts.
Wie komme ich hierher?
Nichts. Ich richte mich, an einen Baum stützend, auf. Was ist das Letzte, an das ich mich erinnern kann? Alles, was vor dem Aufwachen geschah, scheint wie ausgelöscht, eine klaffende Leere, die mich anstarrt. Als hätte es ein davor nie gegeben, als wäre es überhaupt lächerlich danach zu suchen — gleich der Frage, was vor dem Urknall war.
Ich blicke an mir hinunter: ein braunes Jackett, eine blaue Jeans und für diese Gegend viel zu schlichte Schuhe. Vielleicht bin ich gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen? Ich taste durch die Haare hindurch den Schädel ab, kann aber, mit einer gewissen Enttäuschung, keine schmerzhafte Stelle oder Wunde entdecken. Ein entferntes Dröhnen lässt den Boden erschüttern, dann höre ich nur noch durchdringendes Rauschen. Irgendwo in der Nähe muss ein Wasserfall sein. Die Vegetation ist hier so dicht, dass ich kaum weiter als ein paar Meter blicken kann. Sobald ich herausfinde, wo ich bin, wird mir sicher wieder alles einfallen. Mein Körper bahnt sich einen Weg durch die Sträucher. Der sandige Boden gibt meinen glatten Sohlen Halt. Das Rauschen schwillt zu einem tosenden Fauchen an. Im Gewirr der Zweige kann ich eine Lichtung erkennen. Die Luft ist von feinen Wassertropfen durchsetzt und taucht die Gegend in einen diesigen Schleier. Ich drücke die letzten Sträucher zur Seite. Mit wackeligen Beinen betrete ich die Lichtung.
»Was ... ?« Ich blicke auf eine Wasserwand, die wie ein flatterndes Tuch von der Felskante hoch über mir herabfällt. Weiße Streifen von aufgeschäumtem Nass ziehen ihre Bahnen im endlos blauen Gewebe. Die tosende Masse stürzt haushoch vor mir herab. Auf der rechten Seite wird die Strömung flankiert von einer Felswand, auf der linken Seite scheint es kein Ende zu geben. Dort winden sich die Wassermassen Hunderte von Meter dahin, bis sie in einer Biegung aus dem Sichtfeld verschwinden. Meine Augen versuchen unwillkürlich, dem herabfallenden Geflecht aus weißen Formen zu folgen. Mir wird schwindelig und mein Körper fängt an, unkontrolliert hin und her zu schwanken. Ich strecke, nach Balance suchend, die Arme aus und mein Blick findet im grasigen Untergrund Halt.
Unmöglich! Ich müsste mich doch an eine derartige Szenerie erinnern können. Dieses Vakuum in meinem Gedächtnis droht, meinen Verstand zu verschlingen. In meinem Kopf sehe ich einen Lichtblitz, Energiewellen, die sich verdichten, Staub, der sich zu Sternen formt, Galaxien, die auseinanderdriften — mein persönlicher Urknall — gab es mich zuvor gar nicht? Gab es bis vor wenigen Minuten überhaupt irgendetwas? Ich habe das Gefühl zu fallen — in das Nichts, von dem ich gekommen bin.
Die Wolken geben die Sonne frei und das nasse Gras schimmert farbig im Licht. Ich spüre die Wärme auf der Haut und atme tief ein. Es wird sich schon alles wiederfinden, von irgendwo muss ich schließlich hergekommen sein. Niemand entsteht einfach aus dem Nichts. Ich erkunde, immer noch mit wackligen Beinen, die kleine Lichtung. Auf der linken Seite endet sie in einem Abgrund. Erst jetzt erkenne ich, dass dort der Wasserfall noch tiefer hinabstürzt. Auf der rechten Seite befindet sich eine Anhöhe — zu steil, um hinaufzuklettern. Vielleicht gibt es weiter vom Wasserfall entfernt irgendeinen Pfad?
Ich gehe zurück durch die Sträucher, erklimme linker Hand eine Böschung, dann klettere ich über Steinblöcke. Da ich in meinen Schuhen auf den feuchten Felsen immer wieder wegrutsche, komme ich zunehmend ins Schwitzen. Eigentlich, wie ich feststelle, ein angenehmes Gefühl von Körperlichkeit, von Lebendigkeit. Ich bemerke, wie sich auch auf dieser Seite ein Abgrund vor mir auftut. Je näher ich der äußersten Kante komme, umso klarer wird mir, dass ich hier keinen Weg finden werde.
Auf einem Felsen lassen meine Knie nach, und ich muss mich entkräftet hinsetzen. Von hier ist die Aussicht ebenso beeindruckend. Der Wasserfall ergießt sich weit unter mir in einen großen See. Der blaue Himmel verfärbt sich zum Horizont in orangefarbene Dunstschwaden, die nur hier und da von blassblauen Hügeln durchstoßen werden. Bänder von grüner Vegetation umrahmen ockerfarbene Felder. Überall zeichnen weiße Blumen kreisförmige Muster. Die gesamte Landschaft wird von immer feiner verästelten Flüssen durchzogen, welche vom See gespeist werden, der wiederum vom Wasserfall genährt wird. Das weite Land ist ein lebendiges, atmendes Organ mit blauem Wasser statt Blut. Eine Brise wirbelt Pollen durch die Luft. Es riecht nach nassem Gras. Nicht weit ab von drei großen Flüssen, kann ich bei einem von ihnen rechteckige Gebäude erkennen. Sie ragen als gelbe Flächen aus dem dichten Wald heraus. Details sind nicht auszumachen, aber es muss eine Siedlung sein. Ob ich von dort komme? Müsste mir dann nicht wenigstens der Name einfallen? Der Name — in diesem Augenblick fällt es mir erst auf — wie ist mein Name?
Nichts. Was ist bloß mit mir passiert? Es ist, als wenn mich eine große Hand packt, mich zurückzieht in das Nichts. Eilig durchsuche ich meine Hosentaschen: eine durchsichtige Plastikkarte, ein zerfranstes Papiertaschentuch — kein Name.
»Das kann doch nicht ...« Moment, das Jackett. In der rechten Tasche spüre ich einen Gegenstand und ziehe ihn heraus. Es ist ein abgenutztes Notizbuch. Hektisch blättere ich durch die Seiten: Endlose Tabellen mit Häkchen, zahlen und Abkürzungen, die mir nichts sagen. Was soll das sein? Auf dem Umschlag befindet sich ein großes P.
Ein rot verschwommener Lichtreflex erscheint im Blickfeld. Er hat die Form eines Schmetterlings und bewegt sich, meinem Blick folgend, zu den gelben Blüten, dann verblasst er so schnell, wie er gekommen ist. Ich reibe mir die Augen. Es muss einen Weg zur Siedlung geben. Von hier aus gibt es nur noch eine Möglichkeit — zurück zum Wasserfall. Ich richte mich auf und entdecke eine flache Felsebene, dort entlang sollte es mir leichter fallen zurückzulaufen. Meine Gedanken kreisen weiter um das schwarze Loch in mir. Was, wenn meine Erinnerung für immer ausgelöscht bleibt? Kann man überhaupt jemand seien, ohne zu wissen, wer man ist?
Der Felsen führt mich auf einen Hügel, und obwohl die Steigung nicht stark ist, muss ich meine volle Aufmerksamkeit darauf richten nicht auszurutschen. Als ich die höchste Stelle der Anhöhe erreiche, halte ich inne und blicke mich nach allen Seiten um. Es ist ein Plateau! Ich befinde mich auf einer Hochebene, die wie eine mächtige Pfeilspitze mitten aus dem Wasserstrom herausragt. Somit gibt es nur einen Weg hinunter: durch den Wasserfall. Ich schüttle den Kopf. »Unmöglich«, hauche ich. Wie soll ich unter diesen reißenden Strom hindurch kommen? Gleich unterhalb der Erhöhung bemerke ich einen Pfad, der mit Steinplatten im Boden angedeutet ist. Er führt in einer geraden Linie auf den Wasserfall hinzu. Ich klettere an einem umgestürzten Baum die Böschung hinunter. Der Weg ist etwas erhöht, wirkt beinahe wie der Kamm auf einem Deich, nur, dass dieser direkt in das Wasser führt anstatt parallel dazu. Mein Blickfeld wird nun gänzlich von dem reißenden Wasserstrom eingenommen. Ein dunkler Spalt zeichnet sich in der weiß aufschäumenden Gischt ab. Einige Meter über dem Plateau befindet sich ein Vorsprung, an dem sich die Wassermassen teilen. Der Spalt scheint zunächst zu klein, um hindurch zu gelangen, aber mit jedem Meter, mit dem ich mich nähere, wird deutlich, dass in dieser Umgebung klein sehr relativ ist.
Es donnert nun ohrenbetäubend. Die Böschung ist hier mit großen Steinplatten verstärkt, sodass das Wasser zu den Seiten abgelenkt wird. Ich stelle den Kragen meines Jacketts auf. Die Wasserwand erzeugt einen kühlen Luftstrom, der mir entgegenschlägt. Das Licht bricht sich in unzähligen Prismen, offenbart kurz seine farbigen Bestandteile und fügt sich wieder zusammen. Das Schauspiel ist von solch erhabener Naturgewalt, dass ich nicht einmal mehr Angst verspüre. Zügig und gebückt schreite ich in den Wasserspalt. Es spritzt überall Gischt auf; meine Hose saugt sich bis zu den Knien mit Feuchtigkeit voll; ich laufe der Dunkelheit entgegen. Ein Name formt sich in meinem Kopf: »Paul!« Meine Stimme erschallt in der großen Kammer hinter dem Wasserfall. Ein Druck entlädt sich von meiner Brust, die innere Unruhe ebbt allmählich ab. Ein gutes Gefühl, seinen Namen zu kennen.
Der Raum ist mit mehreren Stützpfeilern durchzogen. Von der Decke hängen zwei diffus schimmernde Lampen. Auf der linken Seite befindet sich eine silbermatte Wand. Sie hebt sich deutlich von den sie umgebenen, dunklen Felswänden ab. Ihre Oberfläche wirkt, als wenn sie aus einem durchsichtigen Überzug bestehen würde, unter dem eine silberne Schicht liegt. Ich berühre die Fläche, meine Hand schreckt zurück — etwas leuchtet auf. Im Sekundentakt erscheinen weiße Symbole, dann bricht es ab. Mitten in der Wand befindet sich auf Hüfthöhe eine runde, wenige Zentimeter große Öffnung. Ich berühre die matte Fläche erneut. Die Sequenz mit den Symbolen startet von vorne. Einige Zeichen bestehen aus einem Kreis als Grundform, sie variieren durch Linien und Punkte innerhalb des Kreises. Andere Symbole basieren auf einem Quadrat, das auf verschiedene Weise mit Linien durchzogen ist. Die Quadrate wiederum sind zu Ketten verbunden. So sehr ich mich auch bemühe, ich kann daraus keine sinnvollen Ziffern, Buchstaben oder Darstellungen ableiten. Außer bei einem Symbol, das wie ein Zahnrad aussieht. — Wie seltsam es ist, dass ich weiß, was ein Zahnrad ist, ohne mich daran zu erinnern, je eines gesehen zu haben. Auf der rechten Seite zweigt ein Korridor ab und endet an einer Treppe. Ich folge unschlüssig dem Gang. Obwohl mir die Erinnerung fehlt, bin ich mir sicher, dass ich diesen Korridor noch nie betreten habe. Aber es ist offensichtlich der einzige Weg nach unten.
Überall liegen Felsbrocken herum und das Geländer ist an einigen Stellen verbogen. Die ganze Konstruktion wirkt wie eine uralte, große Nottreppe. Vorsichtig gehe ich Stufe für Stufe hinunter. Das Rauschen des Wasserfalls ist hier wesentlich leiser. Der Treppenschacht verläuft in einer Nische, die in das Gestein geschlagen wurde. Das Licht fällt durch einen breiten Spalt seitwärts auf die gesamte Struktur.
»Ah ...«, höre ich plötzlich.
»Ist da jemand?«
»Ja, hier drüben!«, schallt es zurück. Auf jeder zweiten Etage befindet sich eine größere Plattform. Die Ebene direkt unter mir ist mit Felsbrocken übersät und Staub liegt in der Luft. In einer Ecke, nahe der Felswand, ragen Hände wild gestikulierend aus dem Geröll. Er hustet heftig. Seine Beine und der halbe Oberkörper sind unter einem Haufen aus Stein und Schutt begraben. Er hat schwarz zerzauste Haare, wirkt blass und hager. Ich schätze ihn auf Ende zwanzig. Er schaut mich mit großen Augen an und wischt sich den Staub aus dem Gesicht.
»Paul, richtig?«, stammelt er. »Ich wollt nach oben zum Plateau, dacht, da hätt' sich was bewegt, ... dann gab es diesen Rums und mit einem Mal bebte hier alles.« Ich beginne, seinen Oberkörper freizuräumen.
»Du kennst mich? Ich ... ich bin oben aufgewacht, ... kann mich irgendwie an nichts mehr erinnern.«
»Ja, das ist hier quasi der Normalzustand.« Auch wenn mich seine Antwort verwirrt, entferne ich weiterhin das Geröll.
»Da, das rechte Bein, es steckt fest«, sagt er. Ein massiver, unförmiger Felsbrocken liegt als Letztes auf seinem Bein. Ich fasse ihn am Sockel, rolle ihn langsam herum, aber nach nur wenigen Zentimetern blockiert er. Ich drücke stöhnend, doch meine Schuhe rutschen weg, die Kraft lässt nach und schließlich wippt der Stein zurück.
»Au!«, schreit er auf, »Paul, vorsichtig! Der Brocken ist zu schwer für dich, ... vielleicht holst du besser Hilfe, von allein wird hier sicher niemand raufkommen.«
»Warum nicht?«, erwidere ich und taste prüfend den Brocken ab. Er deutet mit den Händen auf die Umgebung.
»Weil sie Angst haben, dass hier womöglich alles zusammenkracht.«
»Verstehe.« Immerhin scheint es ihn nicht davon abgehalten zu haben und mich offensichtlich auch nicht. Er bäumt sich auf und versucht, seinen Fuß herauszuziehen, gibt aber schnell mit einem frustrierten Gesichtsausdruck auf.
»Das bringt nichts«, meint er. »Wenn du unten in der Stadt erzählst, dass Will hier oben feststeckt, werden sicher einige helfen kommen.« Ich möchte ihm zustimmen, doch da spüre ich, wie die Plattform vibriert, dann hört es schlagartig auf. Er schaut mich erschreckt an. Mit einem Mal höre ich ein knirschendes Geräusch über uns. In diesem Moment fällt ein Schwall von Geröll und Staub auf uns herab. Ich ziehe im Reflex die Arme über meinen Kopf. Zum Glück kommen keine größeren Brocken bis zu uns hindurch. Die Luft ist wieder mit Staub durchsetzt, und ich höre ihn heftig husten.
»Vermutlich haben wir dafür keine Zeit mehr«, meine ich.
»Ja, womöglich«, keucht er.
»Mir fällt gerade was ein, ... oben hab ich einige Stangen gesehen, die aus dem Geländer ragen. Ich werd mich mal umschauen.« Er nickt und klopft sich den Staub von seinem Oberkörper.
»Einen Versuch ist es wert.« Ich gehe, das Geländer prüfend, die Treppen hinauf. An einigen Stellen ist es so verbogen, dass sich die Querstreben am oberen Ende von der Brüstung gelöst haben. Ich umgreife eine Strebe und ziehe sie, ohne viel Kraft anzuwenden heraus. Wenn er meinen Namen kennt, wird er sicher auch wissen, was mit mir passiert ist. Vielleicht sind wir ja zusammen hergekommen? — Nein, dann hätte er wohl anders reagiert.
»Denkst du, dass dein Bein in Ordnung ist, nichts gebrochen oder verrenkt?«, frage ich, als ich wieder bei ihm bin.
»Alles okay, ich kann es sogar etwas bewegen«, erwidert er.
»Genug, um den Fuß herauszuziehen, sobald ausreichend Platz da ist?« Er nickt. Ich suche eine gute Position, um die Stange anzusetzen.
»Bereit?«
»Sicher.« Ich beginne den Stein zu rollen, klemme die Stange immer weiter nach vorne und drücke sie mit beiden Händen — noch ein bisschen, noch etwas. Verdammt! Kein Anzeichen eines Drehpunkts. Stattdessen biegt sich die Stange zunehmend. Ich hole etwas Schwung und presse mit aller Kraft. Ein knirschendes Geräusch und es macht »Plong«. Die Stange knickt in der Mitte ein und der Brocken rollt mit Wucht zurück.
»Vorsicht!«, schreie ich, springe zur Seite und kann mich gerade noch auf den Beinen halten. Jemand tippt mir auf die Schulter; ich zucke zusammen und drehe mich um. Er lächelt mich breit an und streckt mir seine Hand entgegen.
»Ich bin William, kannst mich Will nennen. Danke für deine Hilfe, Paul.«
»Keine Ursache, Will. Aber sag mir, woher kennst du mich?«
»Ich kenn dich nicht ... nur dein Namen. Den hast du vorhin laut genug gerufen, war nicht zu überhören.«
»Ach ja, stimmt. Aber wie kommst du darauf, dass es mein Name war? Ist doch eher ungewöhnlich, seinen eigenen Namen zu rufen.« Er humpelt zum Geländer, stützt sich dort ab und klopft sich den Staub von der Kleidung.
»Okay, lass mich raten, du weißt nicht mehr, wie du hierher kamst und wer du eigentlich bist, stimmt‘s?«
Ich nicke. »Denk nicht, dass du womöglich der Erste bist, dem es hier so ergangen ist. Ob du es glaubst oder nicht, es ist uns allen passiert.«
»Allen? Aber es ist nicht von Dauer?«
»Wir erinnern uns mit der Zeit an bestimmte Dinge wie ... an unseren Namen oder zum Beispiel an — sagen wir — Pizza.«
»Ich weiß, was eine Pizza ist, das ist nicht mein Problem.«
»Dann geht das bei dir schneller, ich brauchte dafür ne Weile. Aber sag, kannst du dich auch daran erinnern, je eine gegessen zu haben?«
»Natürlich ...«, erwidere ich und suche nach einer Erinnerung, aber alles endet mit dem Aufwachen am Plateau. Für einen Moment durchfährt mich wieder diese Unruhe. »... ich ... nein ... wie ist das nur möglich?« Will verlagert das Körpergewicht prüfend auf den lädierten Fuß.
»Tja, das ist die Frage. Lass uns erst mal von der Treppe runter«, meint er und zeigt die Stufen hinab. Ich nicke.
»Wenn wir uns erinnern, dann nur sehr eingeschränkt. Es fehlen quasi die Erlebnisse«, er kratzt sich am Kopf. »Wie sagt es doch Maria immer: Das faktische Wissen — also zum Beispiel, was eine Pizza ist — kommt zurück, aber nicht die gedanklichen Verknüpfungen.« Mir wird schwindelig, und ich sacke auf einer Treppenstufe zusammen.
»Willst du mir damit sagen, dass niemand hier irgendeine Ahnung hat, was eigentlich passiert ist?«
Er nickt.
»Aber ... dann brauchen wir Hilfe. Wo ist die nächste Stadt?« Er setzt sich neben mich.
»Es gibt hier nur eine Stadt und allen dort erging es so wie dir ... aber Paul, das ist halb so wild, uns geht es trotzdem gut.«
»Nur eine Stadt? Du meinst die Siedlung unten am Fluss?«
»Ja, Memoria.«
»Memoria? Wie lange bist du schon hier?«
»Meinst du in Tagen?«
»Zum Beispiel.«
Er prustet. »Also ... wo soll ich anfangen? Es wird dich überraschen, aber der Tag ist hier 28 Stunden lang.«
»Was? Wie kommt ihr darauf?«
»War nicht einfach rauszufinden, wo ja quasi alle Geräte, die wir so bei uns hatten, nicht mehr funktionieren. Zum Glück besaß Alex noch so eine altmodische Uhr«, erklärt er. »Okay, also alle hundert Tage feiern wir das Gründungsfest ... lass mal überlegen ... ja, vor Kurzem hatten wir das Zwanzigste, somit bin ich hier vor etwa ... zweitausend Tagen aufgewacht.«
»Das sind ... über fünf Jahre?« Will blickt grübelnd nach oben.
»Wenn du es in die 365 Tage aufteilst. Aber es sind ja 28 Stunden pro Tag, zudem haben wir hier auch keine Jahreszeiten.« Ich schüttle den Kopf und überlege, ob ich ihm glauben soll.
»Das ist mir erst aufgefallen, als ich einmal vom Schlittschuhlaufen träumte«, erklärt er und steht von der Treppenstufe auf. »Lass uns nach Memoria gehen. Maria richtet dir ne Unterkunft ein und du kannst dich erst mal einfinden.« Ich richte mich auf und spüre, wie mein Magen knurrt. Wir folgen den Stufen, bis sie auf der Höhe des Sees enden. In der Nische hinter dem Wasserfall dominiert wieder das donnernde Getose. Er deutet in eine Ecke, von der aus eine flache Rampe in einen Tunnel führt. Hier hängen weitere diffus schimmernde Lampen von der Decke.
»Dort entlang«, meint er. Ich kneife die Augen zu als wir aus dem Tunnel in die helle, offene Landschaft treten. Ein beißender Hunger macht sich bei mir bemerkbar.
»So eine Pizza könnte ich jetzt wirklich vertragen«, sage ich.
Er lacht. »Die haben wir leider nicht, aber andere leckere Dinge ... wie Mohnkuchen, Honwurst und Karmon.«
»Karmon«, murmele ich.
»Ja, das sind kleine runde Knollen, womöglich so ähnlich wie Kartoffeln.«
»Ich verstehe das einfach nicht, ich erinnere mich an den Geschmack von Kartoffeln, aber nicht daran, jemals eine gegessen zu haben.«
»Ich weiß, aber glaub mir, daran wirst du dich schnell gewöhnen.«
Memoria( : )
Der Weg führt durch weite Felder aus ockergelbem Gras. Hüfthohe Blumen mit großen, weißen Blüten durchziehen das Land in verschlungenen Linien. Die Luft ist angefüllt mit Pollen, welche im Abendlicht rosa schimmern. Das entfernte Rauschen des Wasserfalls wird zunehmend von Vogelgezwitscher überlagert. Will deutet auf die tief am Horizont stehende Sonne und erklärt mir, dass sie sich auf einer Kreisbahn bewege, deren Mittelpunkt sich nie ändere und weit über dem Horizont liege. Daher sei es nachts nie richtig dunkel.
»Die Sonne, so haben wir uns hier geeinigt, zieht ihre Kreisbahn im Norden«, erklärt er.
»Aber ist Norden nicht dort, wo die Kompassnadel hin zeigt?«
»Klar, nur ... also ich kann es dir auch nicht richtig erklären. Das Magnetfeld dreht sich ständig, ... ich glaub, alle drei Tage einmal ... aber da frag am besten Sid«, erwidert er und zieht die Schultern hoch. Ich nicke zögerlich. So folgen wir — der Sonne entgegen — dem Weg nach Norden und passieren zunehmend dichtere Waldabschnitte. Im Licht der Abendsonne fällt mir auf, welche kunstvolle Kleidung Will trägt: eine braune Weste mit eingesticktem Karomuster, darunter ein graues Hemd mit silbernen Knöpfen. An seiner rotbraunen Hose befinden sich aufgenähte Taschen, auf die jeweils ein Vogelmotiv gestickt wurde. Alles scheint ihm auf den Leib geschneidert worden zu sein. Er wirkt elegant und nicht erinnerungslos, gestrandet oder gar bedürftig. Seine gelöste Art ist ansteckend, den auch ich fühle mich seit unserer Begegnung irgendwie entspannt. Vermutlich, weil ich hier überhaupt einem anderen Menschen begegnet bin. Auch wenn es unsinnig erscheint, ist dies auf eine Art die Bestätigung dafür, dass ich — existiere. Obwohl mich vieles von dem was er sagt, verwirrt, mich zweifeln lässt — schließlich kenne ich ihn ja gar nicht. Mein Blick mustert ihn bei dem Gedanken. Er lächelt mich mit einer natürlichen Unbedarftheit, mit einer mühelosen Freude in seinen grünen Augen an. — Nein, ich glaube ihm. Zum ersten Mal seit meinem Erwachen spüre ich wieder festen Boden unter den Füßen. Er zeigt auf ein Getreidefeld.
»Schau, dort ist das Feld von Austin, dann ist es nicht mehr weit.« Ich blicke auf eine ausgedehnte, ebene Fläche, die wie ein Schachfeld mit verschiedenen Getreidearten bepflanzt wurde.
»Wie habt ihr es geschafft, ein so großes Feld zu bestellen?«
»Na ja, wenn Austin sich was in den Kopf setzt, kann er sehr hartnäckig sein. Das Feld war anfangs natürlich kleiner. Als wir immer mehr über die Schmiede herausfanden, hat er sich quasi die nötigen Dinge für Bewässerung und Ernte anfertigen lassen.«
»Ihr habt eine Schmiede?«
»Also ... es ist keine gewöhnliche Schmiede. Sie liegt etwas außerhalb der Stadt. Ein erstaunlicher Bau, sag ich dir. Er wandelt so Zeugs wie Holz, Erz und Getreide um, aber das wirst du bald selber sehen.« Der Weg zieht eine Schneise durch den Wald und das entfernte Rauschen des Wasserfalls versiegt endgültig. Wir laufen einen Hügel hinauf. In der Entfernung sehe ich etwas schimmern, es bewegt sich gemächlich auf uns zu, dann erkenne ich schwarze Reifen unter einer silbernen Fahrerkabine.
»Wo wir grad von Austin sprechen, da ist er«, meint Will und zeigt auf das Fahrzeug. Es wirkt wie eine Mischung aus Strandbuggy und Mondfahrzeug, einfach aber robust. Ein kräftiger Mann mit grauen, scheckigen Haaren sitzt hinter dem Steuer.
»Tag, William. Hast du einen Neuen aufgegabelt?«, ruft er mit tiefer Stimme. Will hebt grüßend die Hand.
»Ja, nur war es quasi umgekehrt. Paul hat mich aufgegabelt.« Austin nickt mir kurz zu.
»Na, besser, wenn sie zuerst auf dich treffen«, meint er und fährt an uns vorbei. Will zeigt mit dem Daumen über seine Schulter zum Vehikel.
»Also der Tog, wie wir ihn nennen, ist unser einziges Fahrzeug. Er stand, wenn ich mich recht erinnere, einfach in der Schmiede rum. Wir haben schon überlegt ihn zu kopieren, aber dafür ist er, wie Sid meint, zu kompliziert.« Ich schüttle den Kopf.
»Ich verstehe das nicht. Der Tog und die Schmiede waren einfach da?«
Er nickt. »Aber irgendwer muss sie doch gebaut haben? Wer weiß, vielleicht hast du den Tog gebaut und kannst dich nur nicht mehr daran erinnern?«
»Ich glaube nicht, dass ich den Tog gebaut hab«, erwidert er, »aber gelegentlich frag ich mich schon, ob ich das eine oder andere, womöglich bereits einmal gemacht habe.«
»Wenn ich mich umschaue, habe ich jedenfalls nicht das Gefühl, diesen Weg schon einmal gegangen oder diesen Wasserfall schon einmal gesehen zu haben«, erwidere ich.
»Das hast du sicherlich auch nicht. Ich kenne jeden in Memoria und wir sind uns heute das erste Mal begegnet ... also ... zumindest, seitdem ich mich erinnern kann.«
»Aber wie bin ich dann dort oben hingelangt?« Er zieht die Schultern hoch.
»Das ... ich weiß nicht ... ist das so wichtig?« Ich bleibe stehen und schaue ihn fragend an. Er scheint irritiert, beinahe erschreckt von meinem Blick.
»Paul, solche Fragen stellen wir uns einfach nicht mehr. Uns geht es gut!«, versichert er und nickt nachdrücklich. Ich überlege, ob es einem gut gehen kann, wenn man sich keine Fragen mehr stellt? Aber ich nicke wieder zögerlich und wir setzen unseren Weg fort.
Der Wald wird lichter und zwischen den Zweigen kann ich die ersten gelben Häuser erkennen.
»Da ist es«, sagt Will. Der Weg führt direkt auf einen hohen Torbogen aus Holz zu. Er ist mit kunstvoll geschnitzten Ornamenten überzogen. Es gibt weder eine Mauer noch irgendwelche Türen. Der Bogen steht frei vor dem Eingang zur Siedlung. Er wirkt eher wie ein massives Schild als ein Tor. Über dem Bogen ruht ein mächtiger Sockel, auf dem eingeschnitzt in großen Buchstaben MEMORIA steht. Wir gehen durch das Tor und betreten die Stadt. Der Kiesweg knirscht unter unseren Schritten und windet sich einen leichten Anstieg hinauf. Die meisten Häuser sind quadratisch und besitzen zwei Etagen. Eine Brise trägt den Geruch von frischem Brot durch die Luft. Aus einem Haus höre ich Gelächter. Das Erdgeschoss einiger Gebäude ist zur Straßenseite offengelegt. In einem Parterre kann ich einem Mann beim Schnitzen einer Figur zusehen. In einem anderen drängen sich Menschen an Tischen und stoßen mit ihren Gläsern an. Wir nähern uns einem ovalen Platz, in dessen Mitte ein massiver, silberner Zylinder von etwa einem Meter Durchmesser haushoch emporragt. Er besteht aus dem gleichen Material wie die Wand hinter dem Wasserfall. Der Platz ist umgeben von kleinen runden Rasenflächen, in denen steinerne Skulpturen gelblich in der Abendsonne glitzern. Überall schlendern Menschen in eleganter Kleidung durch die Gegend. Meine Anwesenheit wird hier und da von einem nickenden Gruß zur Kenntnis genommen. Ich bin mir nicht sicher, was ich eigentlich erwartet hatte, aber diese rege Stadt erstaunt mich. Nichts deutet darauf hin, dass sie isoliert oder rückständig wäre, dass es eine Stadt von Erinnerungslosen sei.
»Ihr seid hier gut organisiert«, meine ich schließlich.
»Organisiert ...«, wiederholt er langsam, als hätte er das Wort zum ersten Mal gehört. »Ach was, jeder geht dem nach, was er am besten kann. — Lass uns gleich zu Maria gehen, sie wird dir ne Behausung einrichten. Sie weiß gut Bescheid mit dem Brunnen«, fügt er an und zeigt auf die silberne Säule. Am Sockel des Zylinders befindet sich ein Becken. Der Zylinder ruht jedoch nicht zentriert, sondern versetzt am Beckenrand. Er sieht tatsächlich wie ein Brunnen aus. Auf der vom Becken abgewandten Seite gibt es eine etwa zehn Zentimeter hohe Plattform direkt vor dem Zylinder. Ich beuge mich vor und blicke in das Becken. Es ist mit etlichen, etwa daumengroßen, blauen Kugeln gefüllt. In diesem Moment kommt eine Frau vorbei, lächelt mich an und nimmt sich einige Kugeln aus dem Becken.
»Gut, und wozu dient nun der Brunnen?« Will bläst die Backen auf, als hätte ich ihm eine unlösbare Aufgabe gestellt.
»Mit dem Ding können wir die Stadt ausbauen. Klingt womöglich seltsam, ... da wachsen Häuser aus dem Boden«, erklärt er.
»Ich verstehe das nicht, ihr seid hier aufgewacht und habt dann diese Stadt gefunden?« Er schüttelt den Kopf.
»Nein, damals gab es noch keine Stadt, nur den Brunnen.« Wir gehen auf das Haus zu, welches auf der linken Seite vom Platz liegt.
»Ihr habt das alles selbst aufgebaut?«
Er nickt. »Keine einfache Zeit, ... zum Glück hatten wir Salvento. Er hat schnell herausgefunden, wie Brunnen und Schmiede funktionieren. Maria kam erst später dazu.« Ein schmaler Weg führt uns durch eine Rasenfläche. Vor dem Haus befindet sich eine Veranda. In einer Ecke stehen zwei alte Stühle und ein winziger Tisch. Die gelben Wände und die großen Fenster geben dem Gebäude ein schlichtes, aber dennoch idyllisches Aussehen. Will klopft an die Tür, da fällt mir der glänzende Knauf ins Auge. Er hat die Form einer Blume aus poliertem Metall. In den Blättern sind rote Steineinlagen eingearbeitet. In der Blütenmitte schimmert ein Schmetterling in einer runden Glasverzierung.
»Ja, immer herein«, höre ich eine Frauenstimme rufen. Noch bevor Will reagiert, packe ich den Knauf und öffne die Tür. Wir betreten einen kurzen Korridor. Zur linken Seite liegt ein großer Raum, in dem eine Frau mit langen, dunkelbraunen Haaren an einem massiven Esstisch sitzt.
»Hallo Will, kommt rein und setzt euch«, sagt sie. Auf dem Tisch stehen ein Topf, eine Schale und etwas Brot. Sie schöpft sich mit einer Kelle Suppe in die Schale. Der Tisch ist umgeben von zwei einfachen Bänken. Das Fenster hinter ihr zeichnet eine leuchtende Kontur auf ihren Körper und taucht das Zimmer in ein helles Gelb. Ein würziger Geruch von Muskat und Orange liegt in der Luft. Will setzt sich ihr gegenüber und deutet mir an, mich danebenzusetzen.
»Maria, ich hab jemand Neues gefunden, oben am Wasserfall«
»Mensch Will, dort ist alles sehr instabil. Sei bloß vorsichtig!« Ihre durch eine Haarsträhne verdeckten Augen springen kurz zu mir und zurück zu Will.
»Ich mag es nicht, wenn du jemand Neues sagst. So etwas kann einem fraglos Angst einflößen. Mir hat es damals Angst gemacht«, erwidert sie und greift zum Löffel neben der Schale. »Kennst du schon deinen Namen?«
»Ja, Paul«, sage ich und lege meine Ellenbogen auf den Tisch.
»Hat dich Will schon aufgeklärt?«
»Er hat mir von dem Brunnen erzählt und das sich hier niemand mehr erinnern kann.«
»Und von der Schmiede«, fügt Will an.
Ich nicke. »Ja, und dem Tog, aber sicher gibt es hier noch so einiges, von dem niemand mehr weiß, wo es eigentlich herkommt.« Wieder springen ihre Augen kurz zu mir, diesmal begleitet von einem Lächeln. Will fängt an, ausschweifend zu gestikulieren.
»Es hat mich beinahe oben erwischt auf der Treppe. Aber zum Glück kam mir Paul zur Hilfe, ansonsten wäre ich womöglich immer noch dort eingeklemmt oder längst von nem Brocken erschlagen.«
»Alleine sollte dort niemand mehr hingehen«, erwidert sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
»Also, ich mag ja hin und wieder übertreiben ... aber diesmal stimmt es aufs Wort: Paul ist ein Held!«, meint Will.
»Ein Freund«, füge ich schnell hinzu. Er schüttelt den Kopf.
»Und ein Held. Völlig erinnerungslos hat er keine Sekunde gezögert.«
»Will übertreibt, es war nur ein Felsbrocken, den ich wegräumte.« Maria streicht sich die Haare aus dem Gesicht, große braune Augen kommen zum Vorschein. Er blickt auf die Schüssel.
»Das duftet aber gut. — Nun braucht er natürlich ne Bleibe.« Sie nimmt ein Stück Brot, zerteilt es in kleine Stücke und lässt sie in die Suppe fallen.
»Dort drüben sind ein paar Schalen, bedient euch ruhig«, erwidert sie. »Soso, ein Held. Ja sicher, lass uns nach dem Essen zum Brunnen gehen. Hinten an der Bellusbrücke ist noch viel Platz, da werde ich dir was einrichten.« Will holt das Geschirr herüber und füllt uns jeweils die Schalen auf. Ich nehme mir etwas Brot und tunke es hinein. Die Suppe ist rötlich, sämig und hat einen leicht fruchtig-süßen Geschmack. Ich merke, wie eine würzige Schärfe im Gaumen emporsteigt — nicht zu stark, sondern genau richtig und mit nichts zu vergleichen, an das ich mich erinnern kann. Während ich versuche, die Suppe nicht zu gierig zu verschlingen, berichtet Will noch einmal in allen Einzelheiten von den Ereignissen am Wasserfall.
Als wir zum Brunnen aufbrechen, hat sich die Dämmerung auf die Stadt gelegt. Maria übernimmt mit schwungvollem Schritt die Führung. Wir gehen über den mittlerweile leer gewordenen Platz. Sie wirkt sportlich, ich schätze sie auf Ende dreißig. Hohe Wangenknochen umrahmen ihre intelligenten Augen. Die schulterlangen, dunkelbraunen Haare fallen strähnig in einem Bogen herab. Sie trägt ein dunkelrotes Kleid mit langen Ärmeln und einer Kordel um die Hüfte.
»Wie kann der Brunnen dabei helfen, ein Haus einzurichten?«, frage ich. Sie gestikuliert und zeichnet mit den Fingern ein Rechteck in die Luft.
»Über die Konsole am Brunnen können wir die Stadt verwalten und Bauaufträge erteilen«, erklärt sie.
»Und dann?«
»Das ... ist nicht leicht zu erklären. Die Wände wachsen gewissermaßen aus dem Boden. Ich denke, es ist eine Art von intelligentem Bauschaum.«
»Und der kommt einfach so aus der Erde?« Sie schüttelt den Kopf.
»Nein, nur an vorbestimmten Stellen. Wenn man genau hinschaut, kann man sie erkennen. Er schiebt sich heraus und baut Schicht für Schicht das Haus auf. Präzise in die Form, die ich an der Konsole eingebe«, erklärt sie und versucht, den Vorgang mit den Händen zu veranschaulichen.
»Beeindruckende Technologie«, bemerke ich.
»Fraglos beeindruckend«, erwidert sie. »An der Konsole kann ich vorgegebene Segmente zusammenstellen oder alles selbst errichten. Ich kann sogar Abschnitte wieder verflüssigen und umbauen.« Wir bewegen uns unter einem dunkelgrauen Himmel direkt auf den Zylinder zu.
»Ja, und Wasseranschluss, Küche, Bad und Heizung sind integriert«, fügt sie an.
»Aber wie kann so etwas aus einem Bauschaum erzeugt werden?«
»Soweit wir wissen, gibt es mehrere Sorten davon. So werden die Fliesen und Leitungen von einer Art Keramik gegossen. Fensterscheiben von wieder einer anderen Sorte von Bauschaum ... also ich gebe zu, das Wort trifft es irgendwie nur ungenügend.« Wir erreichen den Brunnen, und ich nehme eine der blauen Kugeln aus dem Becken.
»Und wozu sind diese Dinger da?«
»Die Globen, wie wir sie nennen, sind gewissermaßen Energiebehälter. Alles hier wird über die Globen mit Energie versorgt. Dazu gibt es diese runden Öffnungen«, erklärt sie und zeigt auf ein Loch auf Hüfthöhe, mitten in der silbernen Säule.
»Für dein Haus werde ich vier Globen benötigen«, meint sie.
»Verstehe, so etwas wie Batterien. Wo kommen die Globen her?« Maria stellt sich auf die Plattform vor dem Zylinder.
»Batterien ... was für ein lustiges Wort, das habe ich lange nicht mehr gehört«, murmelt sie. »Die Globen werden allem Anschein nach von dem Brunnen produziert. Wie genau, wissen wir nicht.« Sie berührt mit ihren Fingern die Zylinderwand. Es erscheinen weiße Kreise an den Fingerspitzen und quadratische Symbole direkt darüber.
»Die Bedienung beruht auf einer Symbolsprache, die wir erst zum Teil verstehen«, erklärt sie und schaut konzentriert auf die Eingabefläche.
»Also, ich hab bei diesen Symbolen noch nie durchgeblickt«, bemerkt Will.
Ihre Finger gleiten geübt über die Oberfläche. Es erscheint eine Abfolge von weiteren Zeichen, dann erkenne ich eine Karte, die wie ein Stadtplan aussieht. Darin befindet sich ein blinkendes Quadrat an einer Kreuzung.
»Ich gebe dir zwei Etagen am Bellusplatz. Jetzt brauche ich die Globen«, sagt sie und deutet in das Becken. Ich nehme vier von den blauen Kugeln aus dem Brunnen und reiche sie ihr. Sie beugt sich vor; ihr Kleid flattert im Wind, da bemerke ich etwas Metallenes — eine Stange mit Drähten — wo eigentlich ihr linkes Bein sein sollte. Sie blickt mich kurz an und wirft die Globen in die Öffnung.
»Das war‘s.«
»Das ging schnell. Kann ich es von hier aus sehen?« Sie schüttelt den Kopf und zeigt in eine Richtung quer über den Platz.
»Dafür ist es zu weit weg, auf der anderen Seite des Flusses.« Sie steigt von der Plattform hinunter und reicht mir die Hand.
»Willkommen in Memoria, Paul.« Unsere Augen treffen sich zum ersten Mal für einen längeren Moment.
»Ich hoffe, meine Prothese hat dich nicht erschreckt?«, fragt sie. Ich schüttle den Kopf.
»Nein.«
»Ja, das war schon ein Schock, als ich hier ohne Erinnerung aufgewacht bin und dann bemerkte, dass mir ein Unterschenkel fehlt. Stattdessen nur diese Prothese.«
»Das kann ich mir vorstellen«, erwidere ich.
»Damals hatte sie noch eine Gummi-Manschette, hat ziemlich echt ausgesehen. Ich hab sie jedoch entfernt, so komme ich viel besser ran, um sie hin und wieder zu reparieren«, erklärt sie und streckt ihr linkes Bein — die Prothese — vor. Die Stange endet in einem ebenso metallenen Fuß, der in einem gewöhnlichen Schuh steckt. Sobald sie ihr Gewicht verlagert, gibt eine Feder fein dosiert nach, sodass ihre Bewegungen geschmeidig bleiben.
»Ich hab es überhaupt nicht an deinem Gang bemerkt.«
»Ich bin damit genauso beweglich wie jeder andere.«
»Und du hast keinerlei Erinnerung an einen Unfall?« Sie schüttelt den Kopf.
»Nein, in all den Jahren kein einziges Mal.«
»Würdest du es überhaupt noch wissen wollen?«, wirft Will ein.
»Anfangs ... aber mittlerweile ... es würde ja nichts ändern«, erwidert sie. Sobald ihr Mund ein Lächeln formen will, zeichnet sich ein feines Grübchen auf ihrer rechten Wange ab. Sie streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und schaut mich sanft an.
Aus einer Gasse taucht eine ältere Frau auf und kommt zielstrebig auf uns zu. Maria blickt zu ihr hinüber und ihr Lächeln verschwindet.
»Judit, wie geht es Sebastian?«, fragt sie.
»Nicht gut ... ich ... ich suche Jules, weißt du, wo er ist?«
»Ich glaube im Theater«, erwidert Maria. »Will, zeige Paul doch sein neues Haus, dann kann ich mit ihr nach Jules suchen.«
»Okay«, erwidert er. Er zeigt in eine Straße.
»Zum Bellusplatz geht es dort am Primus entlang bis zur Brücke.« Ich verlasse mit ihm den Brunnenplatz und blicke kurz zurück zu Maria, sie biegt mit Judit in eine Seitengasse ab.
»Maria ist offensichtlich sehr wichtig in Memoria«, sage ich.
»Ja, sie kümmert sich quasi um alles, was mit der Stadt zu tun hat.«
»Dann ist sie so etwas wie die Bürgermeisterin?«
»Äh ... das Wort kommt mir bekannt vor ... ich glaube, das ist sie wohl, obwohl wir hier dieses komische Wort nicht verwenden.« Wir laufen an großen und kleinen Häusern vorbei, kaum eines gleicht dem anderen. Die meisten Fenster sind eher unregelmäßig angeordnet, sie formen mit den Türen unsymmetrische Gesichter, manche fröhlich andere grimmig dreinschauend. Wir treffen auf einen Fluss und folgen dem Ufer. Will erklärt mir, dass vom Wasserfall drei große Flüsse abgehen. Vom Plateau aus gesehen befände sich links der Primus, in der Mitte der Secum und ganz rechts der Ora. Vor uns taucht eine elegante Holzbrücke auf, die auf einem Bogen über dem Fluss zu balancieren scheint. Ein Dunstschleier verstärkt die Dämmerung und gibt den erleuchteten Fenstern der Häuser einen diffusen Lichtkegel. Hin und wieder erscheinen darin Silhouetten, die wie Pupillen in die Stadt blicken und den Häusergesichtern Charakter verleihen.
»Was ist mit Sebastian?«, frage ich.
»Weiß nicht ... er ist schon sehr alt. Jules hat ihn auf über hundert geschätzt.«
»Wer ist Jules?«
»Er und Ben sind bei uns quasi die Ärzte.« Zum ersten Mal sehe ich Will mit ernster Miene. »Schade, dass wir hier kaum noch Neuankömmlinge wie dich haben.«
»Wie viel leben hier eigentlich?«
»Wir sind nun auf unter eintausend geschrumpft.«
»Und wie lange ist es her, seitdem der Letzte vor mir erschienen ist?« Er blickt grübelnd in die Luft.
»Hm ... es muss etwa ein Jahr her sein, da ist Jules auf Austin getroffen. Das war verrückt, Jules war völlig außer sich — nicht so besonnen wie du, Paul. Austin wollte ihn beruhigen, nicht eben seine Stärke, da wurde Jules handgreiflich. Austin verlor die Balance, schlug hart mit dem Kopf auf, ja, da lag er dann mit blutender Kopfwunde. Irgendwas muss daraufhin in Jules klick gemacht haben. Er vergaß seine Aufregung, behandelte die Wunde mit einer Pflanze und zerriss sein Hemd, um Austin zu verbinden. Ja, und so wurde er schließlich unser Arzt.«
»Aber auch Jules ist nicht wieder eingefallen, was er zuvor tat und wie er hierherkam?«, frage ich, obwohl ich die Antwort schon erahne.
»Nein, auch er kann sich nicht mehr erinnern.«
»Ist das da vorne die Bellusbrücke?«
»Ja, aber lass uns zuerst zum nächsten Bona-Fama.«
»Bona ... Wohin?« Er zeigt auf ein Gebäude gleich neben der Brücke.
»Das Bona-Fama ist ... eine Art Lager, in das quasi jeder hineinstellen kann, was er nicht mehr benötigt oder anderen geben möchte.«
»Eine Tauschbörse?« Er überlegt und schüttelt den Kopf.
»Eigentlich nicht. Du musst ja nichts tauschen. Dort gibt es alles, was man so braucht wie Nahrung, Kleidung ... ja und womöglich auch Matratzen und Bettdecken. Oder wodrauf willst du heute schlafen?«
»Ja, richtig.« Sein Gesicht strahlt mit einem Mal.
»Mina ist bei uns die Frau für Kleidung, Polster und Stoffe. Sie ist so süß und wunderschön wie ein Engel, sag ich dir. Sie stellt immer was ins Bona-Fama.«
Gleich am Eingang des Lagers stehen einige Handkarren. Will nimmt einen davon, zieht ihn hinter sich her und drückt die Schwingtür auf. Er berührt eine Fläche an der Wand, und große Quadrate an der Decke fangen an zu leuchten. Der hohe Innenraum ist mit Trennwänden in drei Abschnitte unterteilt. Umlaufend befinden sich schmale Fenster direkt unterhalb der Decke, doch zu hoch, als dass man hinausschauen könnte. Auf der rechten Seite befindet sich ein Regal mit seltsamen, silbernen Platten, darüber eine Schale mit Globen und daneben ein weiteres Regal mit kleinen Gefäßen, aufgerollten Tüchern und einer Schere.
»Das ist unsere kleine Not-Apotheke«, meint er und zeigt auf das Regal. Ich nicke. Mein Blick fällt auf einen blauen Sessel, er steht inmitten einer Ansammlung von Möbelstücken, gegenüber vom Eingang. Ich ziehe ihn hervor und setze mich hinein.
»Sehr bequem!«
»Dann rauf damit auf den Karren«, erwidert er. Wir packen den Sessel und legen ihn auf die Ladefläche. Auf der rechten Seite führt ein Durchgang zum nächsten Bereich. Hier sind diverse Lebensmittel auf Regale verteilt. Daneben gibt es Schüsseln, Töpfe und Besteck.
»Werden die Lebensmittel nicht irgendwann schlecht?«
»Nein, wir kümmern uns regelmäßig darum. Und alles, was zu schnell verdirbt, ist dort drüben im Kühlfach«, erklärt er und zeigt auf eine metallene Klappe in der Wand. Er nimmt ein Stück Brot, eine Kräuterpaste und eine Wurst aus dem Regal und legt sie in den Karren.
»Honwurst, die musst du probieren. Hon ist ein großer Vogel, der gar nicht fliegen kann. Lena führt bei uns ne Zucht. Die Hon-Eier haben so ne hellblaue, gepunktete Schale. Sind so lecker ... aber leider grad nicht da.« Wir gehen zurück, an den Möbeln vorbei, zu den Kleidern und Polstern. An zwei langen Stangen, die bis zur Mitte des abgetrennten Bereichs verlaufen, hängen unzählige Kleider, Hemden, Jacketts und Hosen. Will meint, ich solle jedoch besser zu Mina gehen, damit sie genau Maß nehmen könne. Die Kleidung hier sei eher als Reserve gedacht, sagt er. Mir fällt eine dunkelgrüne Jacke ins Auge, ich nehme sie vom Bügel und probiere sie an. Sie ist innen mit einem weichen Flanellstoff bedeckt, besitzt zwei große Taschen und passt, als wäre sie für mich geschneidert worden. Will meint, dass sie viel zu warm für Memoria wäre, aber ich lege sie trotzdem in den Karren. Gegenüber der Kleidung liegen zwei aufgerollte Matratzen. Er nimmt eine davon und zeigt auf einen Stapel aus Decken und Kissen.
Der Karren füllt sich zunehmend. Mir erscheint es etwas merkwürdig, sich all diese Dinge einfach so zu nehmen. Aber Will erklärt, sie seien genau dafür da und dass ich womöglich bald selber etwas ins Bona-Fama stellen würde.
Der Karren poltert über die Dielen der Holzbrücke. Ich blicke in den dunkelgrauen Himmel.
»Ist diese Dämmerung ... die Nacht?«
»Ja, dunkler wird es nicht. Ich weiß, dass die Nächte normalerweise düster sein sollten, aber ich kann mich an keine solche Nacht mehr erinnern«, sagt er und fängt an zu lachen. »Womöglich bekäm ich bei einer dunklen Nacht mittlerweile richtig Angst.« Der Platz hinter der Brücke öffnet sich zu einem kleinen Park. In der Mitte entfaltet ein alter Baum seine Krone. Der Stamm wirkt wie ein geschnürtes Bündel aus verschiedensten Pflöcken, als hätte sich ein ganzer Pulk von Bäumen entschieden, zu einem Baum zu verschmelzen. Die mächtigen Wurzeln sprießen bereits über dem Boden in Schlaufen heraus und vergraben sich behutsam in die Erde. Der adrige Stamm verläuft kerzengrade in die Höhe, dann, als würde er an etwas zerschellen, zerbirst die Krone in einem beinahe waagerechten Astgeflecht. Der Baum ist von Sitzbänken umgeben, und um den gesamten quadratischen Platz verlaufen steinerne Säulen, die mit schmalen Bögen verbunden sind. Es ist ein pittoresker Ort, an dem einem Maler vermutlich nie die Motive ausgehen würden. Will zeigt auf ein Haus direkt am Platz gegenüber der Brücke.
»Das dort ist es.«
»Es ist etwas dunkler als die anderen«, erwidere ich.
»Ja, weil es noch ganz frisch ist, aber das verliert sich in den nächsten Stunden.«
»Ist es denn überhaupt schon bewohnbar?«
»Sicher. Ist bereits ausgehärtet, aber könnte noch etwas riechen«, erklärt er. Wir gehen quer über den Platz an dem Baum vorbei. Dann bemerke ich tatsächlich den seltsamen Geruch.
»Es riecht ... schwer zu beschreiben ... säuerlich?«, meine ich.
»Kein Problem, bis du deine Matratze hier aufschlägst, hat sich das verzogen.« Ein Ruck fährt durch Will, und er fängt an, mit einer aufgesetzten Stimme zu sprechen.
»So, Herr Paul, wenn ich ihnen ihre neuen Gemächer zeigen dürfte?« Er hält die Tür auf, macht eine Verbeugung und winkt mich übertrieben hinein.
»Zu ihrer Linken sind die Ess- und Kochbereiche. Zur Rechten haben wir ein Wohnzimmer, womöglich für ausgelassene Feierlichkeiten, und wenn sie mir bitte nach oben folgen würden.« Er springt mit großen Sätzen die Treppe hinauf. Ich folge ihm.
»Hier haben wir dann das Schlafzimmer, mit einem Balkon zum Platz und auf der anderen Seite ein Bad.«
»Danke, Herr William«, entgegne ich. »Fehlen nur noch die Möbel.«
»Die kannst du dir quasi Stück für Stück aus dem Bona-Fama holen oder du fragst Alex, er macht die Schränke, Stühle und Tische genau auf Maß.«
»Irgendwie verrückt, ich wache an einem unbekannten Ort auf und bekomme gleich am ersten Tag ein Haus geschenkt. Wie kann ich das je wieder gutmachen?« Er blickt mich fragend an.
»Geschenkt? Es ist ja nur ein Haus. Schließlich braucht ja jeder eine Unterkunft. — Finde einfach etwas, das du machen möchtest, der Rest ergibt sich dann von selbst.«
»Du meinst etwas Nützliches wie ... Tische schreinern oder Kleidung schneidern? Wer weiß, vielleicht bin ich ja ein Schneider?« Er zieht die Augenbrauen hoch.
»Ja, wer weiß.« Ich schüttle den Kopf.
»Nein, wohl eher nicht. Es ist schwierig herauszufinden, was man ist, wenn man nicht mehr weiß, wer man ist.«
»Ach was, das ist nicht schwer. Tue einfach irgendwas ... und das bist du dann!«, erwidert er und nickt.
»Und wenn ich feststelle, dass ich das gar nicht sein will?« Er blickt mich wieder fragend an.
»Dann machst du halt was anderes.«
Seiner unkomplizierten Logik habe ich nichts Brauchbares mehr entgegenzusetzen.
»Danke, Will, hoffentlich wache ich morgen nicht auf und habe wieder alles vergessen.« Will gähnt und seine Stimmung wechselt schlagartig in eine matte Müdigkeit.
»Das wirst du nicht. Das ist hier jedem nur einmal passiert«, erwidert er.
»Woher willst du das wissen?«
»Also ... ich weiß es einfach!« Er taumelt die Treppe hinunter.
»Richte dich erst mal in Ruhe ein. Bin echt müde, war‘n langer Tag. Maria wird dir morgen sicher die Schmiede zeigen. Du wirst staunen, sag ich dir.«
»Ich bin gespannt«, erwidere ich.
Nachdem er gegangen ist, hole ich die Matratze, das Kissen und die Decke aus dem Karren und mache es mir im Schlafzimmer bequem. Als ich die Geschehnisse dieses seltsamen Tages durchgehe, überkommt mich tiefe Müdigkeit, der ich unvermittelt nachgebe.
Die Schmiede( | )
Die Sonne blendet mich durch die Augenlider hindurch. Ein Moment von Orientierungslosigkeit. Ich bin ... in Memoria. Erinnerung — so fühlt sich das an. Ich verdränge meine Müdigkeit, stehe auf und tappe zum Balkon. Das Sonnenlicht ergießt sich über den Platz, taucht seine Strahlen in das Grün der Blätter, in das Beige der Säulen und in das Ocker der Häuser. Mitten in dem Farbenspiel erscheint vor mir wieder der rote Lichtreflex, ein Schmetterling, der sich im Blau des Himmels auflöst. In dem großen Baum zwitschert ein gelber Vogel. Ein älterer Mann fegt Laub zu einem Haufen zusammen, und eine Gruppe von Frauen schlendert, ins Gespräch vertieft, an den Säulen entlang. Auch wenn ich mich nicht damit abfinden mag, dass meine Erinnerung möglicherweise nie wieder zurückkommt, fällt es mir doch leicht, diesen Platz als mein neues Zuhause anzunehmen.
Ich denke, ich werde von der Honwurst probieren und den Sessel vom Karren holen. Wenn mein Aufenthalt hier von Dauer ist, benötige ich natürlich mehr als nur einen Sessel und eine Matratze. Ich sollte ins Bona-Fama zurück und überlegen, was ich noch gebrauchen kann. Vielleicht finde ich dort etwas zum Schreiben, um mir einige Notizen zu machen. Da fällt mir mein Notizbuch wieder ein. Ich gehe zu meinem Jackett und greife in die Tasche. Sie ist leer. Ich muss es oben am Wasserfall vergessen haben. Das Notizbuch ist meine einzige Verbindung zu dem Leben vor Memoria. Bei der Einsturzgefahr wäre es allein wohl zu gefährlich dort hinzugehen, besser ich frage Will.
***
Als ich mit dem Karren vom Bona-Fama zurückkomme, läuft mir Maria entgegen.
»Morgen Paul, allem Anschein nach kommst du schon gut zurecht. Benötigst du da überhaupt noch meine Hilfe?«
Ich nicke. »Ja, ich würde mir einige Notizen machen wollen, aber im Bona-Fama hab ich nichts zum Schreiben gefunden ... und diese Schmiede von der Will gesprochen hat ... kann ich sie mir mal anschauen?«
»Also, zum Schreiben«, meint sie und hilft mir, die Sachen von dem Karren ins Haus zu tragen, »sind Stift und Papier, nun ja, ein wenig aus der Mode gekommen. Wir benutzen dafür solch silberne Leuchttafeln. Wir nennen sie einfach nur: Q.«
»Ach so, dazu sind sie da. Ich glaube, ich habe welche im Bona-Fama gesehen.«
Sie nickt. »Richtig. Allerdings, wenn wir zur Schmiede gehen, kommen wir sowieso an meinem Haus vorbei, da kann ich dir gleich ein Q und eine Tasche geben.« Sie lächelt und mir fällt auf, dass es dazu keines bestimmten Anlasses bedarf, es ist schlicht ihr Gesichtsausdruck, ihr Wesenszug.
»Wie geht es Sebastian? Konntest du gestern noch Jules finden?«, frage ich. Maria erstarrt kurz in ihrer Bewegung und presst die Lippen zusammen.
»Sebastian ist ... gestern von uns gegangen.«
»Das tut mir leid!« Sie schüttelt andeutungsweise den Kopf.
»Es ist nicht allein wegen Sebastian. Natürlich, er war ein warmherziger und immer fröhlicher Mensch. Ein großer Verlust. Aber es erinnert mich daran, dass wir in Memoria immer weniger werden ... wir sterben aus, Paul.«
»Will hat mir davon erzählt. Was denkst du, warum nur noch selten Neuankömmlinge hier aufwachen?«
»Das ist eine gute Frage. Hat dir Will auch schon erzählt, dass der Tag hier vier Stunden länger ist?«
»Ja, aber ich kann das kaum glauben«, entgegne ich, beuge mich über die Ladefläche und schiebe den Tisch nach vorn.
»Es stimmt. Nun ja, dennoch fasse ich die Tage gerne in Jahren zusammen, auch wenn mich Sid immer damit aufzieht«, erklärt sie. »Die allermeisten sind hier vor über 5 Jahren aufgewacht, dann im Verlauf des ersten Jahres kamen über zweihundert dazu, darunter auch ich. Von da an endete es abrupt. Und vor einem Jahr tauchte Jules auf, ja, und nun du.« Sie greift den Tisch am anderen Ende, und wir tragen ihn ins Haus.
»Hat jemand solch eine Ankunft beobachtet?«
»Nein, leider nicht. Alle wachen irgendwo am Wasserfall auf, meistens so wie du auf dem Plateau. Anfangs untersuchten wir die Gegend, konnten aber nichts Besonderes finden. Mittlerweile schaut nur noch Will gelegentlich vorbei.« Wir stellen den Tisch mitten im Wohnzimmer ab. »Versuche ihm das bitte auszureden, die Konstruktion dort ist zu instabil«, fügt sie an und zupft sich ihr Kleid zurecht. Ich nicke, obwohl ich mehr denn je motiviert bin, mir das Gebiet anzuschauen. Wenn dort die meisten aufgetaucht sind, muss es einen Grund dafür geben.
»Ich hab oben in der Kammer, hinter dem Wasserfall, so eine silberne Wand mit Symbolen gesehen.«
»Ja, die Konsole. Wir haben schon alles probiert, sie zeigt immer die gleiche Sequenz. Vermutlich ist sie einfach defekt.«
Auf dem Weg durch die Stadt wird Maria immer wieder in Gespräche verwickelt. Einige möchten ihre Häuser umbauen, andere fragen nach dem Ertrag der letzten Ernte. Je näher wir dem Brunnenplatz kommen, desto mehr füllen sich die Straßen. Mir fallen wieder die Häuser mit den geöffneten Erdgeschossen auf. In einem ist ein Friseur bei der Arbeit, in einem anderen bietet jemand Früchte an, daneben gibt es Brot, und ein weiterer malt an einem Gemälde.
»Der Brunnenplatz ist euer Marktplatz?«, frage ich.
»Gewissermaßen. Einige wollten ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellen und fragten mich, ob ich ihr Haus, mithilfe des Brunnens, im Erdgeschoss öffnen könne. Mit der Zeit schlossen sich immer mehr an. Das war fraglos, eine unserer besten Ideen. Es gab uns ein ganz neues Gemeinschaftsgefühl.« Mit einem Mal bleibt eine junge blonde Frau vor mir stehen.
»Oh! Das steht dir ausgezeichnet, ganz fantastisch!«, schallt es aus ihr heraus. Sie zeigt auf meine grüne Jacke aus dem Bona-Fama.
»Die gelben Nähte mit dem kurzen Kragen, das passt zu deinen braunen Haaren«, bekräftigt sie und streicht über die Jacke. »Du musst Paul sein. Will hat mir schon alles über dich erzählt. Der Held vom Wasserfall.« Sie ist einen Kopf kleiner als ich und trägt ein blaues Kleid, das ihre weibliche Figur elegant betont. Ihre dunkelblauen Augen werden von einer geschwungenen Nase und kurvigen Lippen untermalt. Tatsächlich, Will hatte nicht übertrieben, sie hat etwas Engelhaftes.
»Du bist dann sicher Mina?«, erwidere ich.
»Richtig! Gut angezogen und auch noch blitzgescheit. Maria, da braucht er bald ein größeres Haus«, erwidert sie laut lachend. Ich will antworten, doch sie fährt mit lauter Stimme fort.
»Du benötigst selbstredend mehr Kleidung, ich habe einiges auf Lager, für drunter und drüber. Kommt doch gleich mit zu mir, dann kann ich bei Paul sofort Maß nehmen.«
»Später vielleicht. Paul will sich die Schmiede ansehen«, wirft Maria ein.
»Ach so, ihr seid auf einem Besichtigungsrundgang ... gut, gut. Paul, erwarte da nicht zu viel. Die Schmiede mag praktisch sein, aber sie ist unsagbar langweilig.«
»Will hat gemeint, ich soll sie mir unbedingt anschauen.«
»Sicherlich, schau sie dir an. Aber wie gesagt, dort gibt es nur Bänder, Röhren und Kontrolltafeln.«
»Und Sid«, meint Maria.
»Stimmt, Sid. Er ist ganz besessen von der Schmiede ... aber ich will mich nicht beklagen. Er versorgt mich mit feinstem Garn und Gewebe«, erklärt sie und streicht demonstrativ über ihr Kleid.
»Sid ist genauso begeistert von seiner Tätigkeit wie du von deiner, Mina«, bemerkt Maria.
Mina nickt. »Ja, ja, selbstredend und das zum Wohle aller, ansonsten wäre es ja eine Verschwendung. Denkst du an Kleidung, denkst du an Mina, sag ich immer«, erwidert sie und lacht herzhaft.
»Also, Paul, komm einfach vorbei, sobald du Zeit hast. Mein Haus ist dort drüben.« Sie zeigt auf eines der wenigen dreistöckigen Gebäude.
»Gerne, Mina.« Als wir schließlich an Marias Haus ankommen, höre ich Mina über den gesamten Platz rufen: »Hallo Ingrid, hast du die Decken bekommen? Was sagst du zu den Blumenmustern? Sind die nicht fantastisch?« Ich blicke zurück und sehe sie auf der anderen Seite des Platzes mit einer Frau überschwänglich diskutieren.
»Ja, sie ist schwer zu überhören«, meint Maria, »darum probt sie auch für dieses neue Theaterstück. Ich glaube, es heißt: Der Sonnenschirmmacher.«
»Das klingt sehr ... tiefsinnig«, erwidere ich. Ihr Grübchen am Mund vertieft sich, und sie lächelt.
Vor der Tür fällt mir wieder der kunstvolle Türknauf auf.
»Das ist ein ungewöhnlich aufwendiger Knauf«, bemerke ich.
Sie nickt. »Es ist etwas verrückt ... ich habe es bisher noch niemanden erzählt. Aber eines Nachts träumte ich von einem Blumenfeld, und überall flogen Schmetterlinge herum. Als ich eine der Blüten berühren wollte, verwandelte sie sich in meiner Hand zu einem Türknauf.«
»Nicht gerade etwas, dass ich mit einer Blume verbinden würde«, erwidere ich.
»Na ja, am Tag zuvor hatte sich der alte Griff von meiner Tür gelöst, er fiel immer wieder ab, gewissermaßen ist er dann wohl in meinem Traum gelandet.«
»Und dann hast du ihn in der Schmiede anfertigen lassen?« Sie greift den Knauf und drückt die Tür auf.
»So einfach war das nicht. Nahezu jede Fertigkeit aus Memoria war letztlich für die Umsetzung nötig. Ich wollte es schon einige Male abbrechen. Ich meine, es ist ja albern, so ein Aufwand für einen Knauf. Aber es war nicht mehr zu stoppen.«
»Wegen dem Traum?« Sie schüttelt den Kopf.
»Nein, nein, das war mir nicht so wichtig. Sondern, weil die Leute so begeistert von der Aufgabe waren, sie es schlicht machen wollten. Sie sahen es gewissermaßen als eine Herausforderung an. — Das mit dem albernen Traum weiß niemand ... es bleibt natürlich unter uns«, meint sie und lächelt verlegen.
»Natürlich.«
»So, ich hole schnell das Q. Dann können wir weiter zur Schmiede«, sagt sie und geht ins Haus.
Als Maria zurückkommt, reicht sie mir eine silberne Platte, die nicht größer wie ein Buchdeckel ist. Es wirkt wie ein mattes Stück Metall, mit abgerundeten Kanten. Ich berühre die Oberfläche und verstehe, warum es Q genannt wird. Es erscheint ein Kreis, aus dessen Mitte — wie bei einem Q — eine schräge Linie nach rechts unten verläuft. Das Symbol leuchtet kurz auf und verschwindet wieder. An meinen Fingerspitzen entstehen kleine leuchtende Symbole. Eines davon erkenne ich sofort, es zeigt die Buchstabenfolge: ABC. Ich wähle es mit einem kurzen Antippen aus und bekomme eine Tastatur und ein Textfeld eingeblendet.
»Das Q kann unser Alphabet?«
»Nun ja ... sie können Symbole verarbeiten. Das Alphabet brachte ihnen jemand von uns bei. Er hatte eine ungewöhnliche Begabung, mit der Technik hier umzugehen.«
»Hatte?«
»Ja, er ist eines Tages verschwunden, aber das war noch vor meiner Zeit. Will kannte ihn, er kann dir sicher mehr erzählen. Ach, und hier nimm diese Tasche, die ist sehr stabil und praktisch.« Sie reicht mir eine Umhängetasche mit einem breiten Riemen.
»Danke. Wie schalte ich das Q eigentlich aus?«
»Gar nicht. Die brauchen nur sehr wenig Energie, wir legen sie vielleicht einmal im Jahr auf die Ladeplatte. Die Bedienung ist selbsterklärend, aber wenn du mehr wissen möchtest, solltest du Jules fragen. Er kennt sich mit den Qs am besten aus.« Ich nicke, hänge mir die Tasche um und stecke das Q hinein.
»Dann auf zur Schmiede. Wir müssen diesem Weg aus der Stadt folgen«, sagt sie und zeigt in eine Gasse neben dem Haus.
Der Weg verläuft an bewachsenen, steilen Hügeln vorbei. Nach einiger Zeit betreten wir eine Lichtung, in deren Mitte ein großes Gebäude steht. Es sieht anders aus als alle bisherigen Bauwerke. Die gelben Wände sind unterbrochen von silbernen Strukturen, Schächten und Rohrleitungen. Zudem bemerke ich ein tiefes Summen. So tief, dass ich es eher durch den Körper als durch die Ohren wahrnehme.
»Ich verstehe, warum die Schmiede sich nicht in der Stadt befindet«, sage ich.
»Ja, und gelegentlich riecht es auch etwas unangenehm«, meint Maria. Vom Eingangstor des Bauwerks führt eine breite Rampe hinab zum Weg.
»Es sieht gar nicht aus wie eine Schmiede, eher wie eine ... Fabrik.«
»Genau das ist es auch. Eine automatische Fabrik. Wir geben Rohmaterialien in die Schächte und die Schmiede produziert das von uns zuvor in Auftrag gegebene Erzeugnis. So geben wir Erze aus der Umgebung hinein und können gewissermaßen jede Art von Metallteilen herstellen. Soweit funktioniert es wirklich wie eine Schmiede. Allerdings ist die Prozedur nicht nur auf Erze und die Metallgewinnung beschränkt. Aus dem Rohstoff Holz erzeugen wir Grundelemente für Möbel, aus bestimmten Pflanzen bekommen wir Textilien und aus Getreide gewinnen wir Mehl.« Ich stehe mit offenem Mund vor dem summenden Gebäude.
»Erstaunlich! Jetzt wird mir klar, wie ihr diesen Wohlstand erreichen konntet.«
»Fraglos, die Schmiede ist eine wichtige Grundlage für Memoria«, erwidert sie und mustert das Bauwerk. »Obwohl wir immer mehr herausfinden, gibt es auch Grenzen. So können wir nur Rohmaterialien hineingeben und nicht — sagen wir — Holz und Stoff zu einem fertigen Stuhl verbinden.«
»Du meinst, die Schmiede erzeugt also nur die Rohprodukte?«
»Richtig, und in der Stadt bearbeiten wir sie dann weiter, so wie Mina Stoff und Garn zu Kleidung und Alex Holzteile zu Möbeln verarbeitet.« Mit einem Mal quietscht es, eine Wand bewegt sich und Rohrleitungen schieben sich von unten nach oben.
»Ach ja, und wie du siehst, das Gebäude ändert sich ständig. Es passt sich damit an die jeweiligen Aufträge an.«
»Und wie erteilt ihr diese Aufträge?«
»Die geben wir an einer Konsole in der Schmiede ein oder übertragen sie mit den Qs. Sid ist dafür unser Experte. Er ist sicher grade drin, lass uns hineingehen.«
