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Sizilien, Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem Tod des geliebten Vaters ist die 15-jährige Catena in ihrer Familie schlimmsten Anfeindungen ausgesetzt. Ihre Mutter wendet sich von ihr ab, ihr Onkel missbraucht sie. Nur die Liebe zu den Büchern, die ihr der Vater vermittelt hat, schenkt ihr die Kraft, sich gegen dieses Schicksal aufzulehnen. Als Catena nach einem schrecklichen Vorfall in den Wald fliehen muss, richtet sie sich in einer Hütte ein und verdient sich durch ihr Wissen um die Heilkraft der Kräuter einen kargen Lebensunterhalt. Zum ersten Mal ist sie richtig frei – doch ihr bescheidenes Glück ist nur von kurzer Dauer ...
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Veröffentlichungsjahr: 2018
Buch
Sizilien, Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem Tod des geliebten Vaters ist die 15-jährige Catena in ihrer Familie schlimmsten Anfeindungen ausgesetzt. Ihre Mutter wendet sich von ihr ab, ihr Onkel missbraucht sie. Nur die Liebe zu den Büchern, die ihr der Vater vermittelt hat, schenkt ihr die Kraft, sich gegen dieses Schicksal aufzulehnen. Als Catena nach einem schrecklichen Vorfall in den Wald fliehen muss, richtet sie sich in einer Hütte ein und verdient sich durch ihr Wissen um die Heilkraft der Kräuter einen kargen Lebensunterhalt. Zum ersten Mal ist sie richtig frei – doch ihr bescheidenes Glück ist nur von kurzer Dauer …
Autorin
Carmela Scotti hat Fotografie und Kunst studiert, anschließend in mehreren Berufen gearbeitet und schreibt nun für Zeitungen und Zeitschriften. Sie lebt in der Brianza. »Die Unbeugsame« ist ihr erster Roman, der gleich in die Endauswahl des bedeutenden Premio Italo Calvino kam.
Carmela Scotti
DIE UNBEUGSAME
Roman
Aus dem Italienischen von Barbara Neeb und Katharina Schmidt
Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel»L’imperfetta« bei Garzanti, Mailand.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
1. Auflage
Deutsche Erstveröffentlichung Oktober 2018
Copyright © der Originalausgabe 2016 by Garzanti S.r.l., Milano,
Gruppo Editoriale Mauri Spagnol
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München
Umschlagfoto: Gestaltung nach Cristina Giubaldo/studio pym
unter Verwendung eines Motives von trevillion/Charlotte Grimm
Redaktion: Christina Neiske
BH · Herstellung: Han
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN: 978-3-641-21310-7V001
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»VATER«
In dem Moment, als er die Augen schloss, sagte ich, seine Tochter Catena, zum letzten Mal »Vater«, denn dieses Wort starb mit ihm. Als mein Vater noch lebte, begannen die Dinge, sie geschahen und hatten ein Ende. Danach war alles nur mehr ein einziger Abgrund, Zeit, die wie bei einem nächtlichen Feuerwerk in tausend Stücke zerfetzt wird, und dann – nichts mehr.
Mein Vater, ein Schreiner und Zimmermann, hatte das Haus erbaut, in dem wir lebten. Seine Hände hatten es aus Holz und Erde geschaffen, das ganze Haus, mit einem großen Kamin für die Zeit, wenn draußen Winter war. Klein, wie ich war, kletterte ich mit ihm aufs Dach hinauf, um die Löcher zu stopfen, durch die der Regen eindrang. Danach setzten oder legten wir uns auf die Ziegel und beobachteten den Flug der Raben, die weidenden Schafe, den Himmel oder die Häuser von Roccamena, das wie ein verrosteter Nagel mitten in das Herz von Sizilien gerammt war. Wir atmeten im Einklang, tief und lang, fast nie sprachen wir, denn dort draußen warteten zu viele Dinge darauf, sich Gehör zu verschaffen.
In diesem Haus lebten mein Vater, meine Mutter Maria, meine beiden Schwestern Antonia und Teresa und ich sowie Ignazio, der seit Jahren verwitwete Bruder meines Vaters, und dessen Sohn Gaspare, taub und stumm seit seiner Geburt. Ich fragte mich, was seine Ohren wohl wahrnahmen, welche Art von Stille, welches Geräusch, welchen Klang von tiefem Wasser. Ich steckte mir die Finger in die Ohren, um selbst die Dunkelheit in den Stimmen zu suchen.
Meine Mutter trug den holden Namen der Madonna, besaß aber weder ihr Lächeln noch den blauen bodenlangen Umhang wie auf dem rußgeschwärzten Bild, das über dem Kamin hing. Ich weiß nicht, ob sie jemals Liebe für meinen Vater empfunden hat, aber selbst wenn, war davon nichts mehr geblieben.
Von morgens bis abends machte sie ihm nichts als Vorwürfe, weil es nicht genug zu essen gab, weil die Bäume nicht genügend Früchte trugen, weil ihr Haus nicht so schön war wie das, in dem sie aufgewachsen war. Sie wollte, dass unser Vater uns reich machte, so reich wie ihr Vater war, der so viel Land besaß, dass er nicht einmal bis an seine Grenzen blicken konnte, aber mein Vater empfand anders, für ihn bemaß sich Reichtum nicht in Morgen Land, und er verlangte der Erde nicht mehr ab, als nötig war, um uns satt zu bekommen. Ich verachtete ihn nicht, und deswegen verachtete meine Mutter mich, denn ich war ihre älteste Tochter und ihre bitterste Enttäuschung. Sie verachtete sogar mein Gesicht, denn das glich Zentimeter für Zentimeter dem meines Vaters.
»Du bist genau wie er«, sagte sie, wenn sie kam, um die Kerze neben meinem Bett zu löschen, »ich will dich nicht einmal ansehen.« Es fiel mir nicht schwer, ohne ihre Liebe auszukommen, und während meine Schwestern sich ihr anschlossen, aus Angst, sie zu verärgern, gab ich mich ganz in die Hand meines Vaters, wobei ich in sein Gesicht blickte wie in einen Spiegel, um zu sehen, wie meines wohl beschaffen war.
33.
Schert mich ruhig kahl, ihr könnt mir nicht wehtun. Vermesst meine Augen, vermesst die Krümmung meines Schädels, vermesst meinen Mund, der nicht antwortet. Nehmt eure Instrumente zur Hand, klemmt meine Schläfen darin ein und sucht nach Antworten dort in dem Fleisch zwischen Augenbrauen und Haaransatz. Schert mir ruhig den Schädel, tut alles, was in eurer Macht liegt, um Gerechtigkeit zu erhalten. Ihr sperrt mich hier ein, in Ketten oder nicht, ihr reißt mir diese schmutzigen Lumpen vom Leib, legt mir andere Lumpen um, säubert die Zelle mit Schwefel, ätzt mir den Schädel mit beißender Lauge frei, weißelt alles mit ungelöschtem Kalk.
Peitscht mich ruhig aus, wenn ich es verdient habe, gebt mir regelmäßig zu essen. Erhaltet mich am Leben, damit ein satter Tod kommt. Vermesst auch mein Schweigen, jedes Mal, wenn die Lippen klebrig wie Leim werden, wenn die Fäuste sich ballen, bis es blutet. Euch, die ihr nichts seid, werde ich nichts erzählen von jener Nacht der Zikaden und des Vollmonds und nichts vom silbernen Widerschein auf der Klinge meiner Hippe.
Heute ist Donnerstag, der 30. November 1899, 293 Tage habe ich in dieser Zelle verbracht, Tage voller Peitschenhiebe und Erinnerungen. Morgen beginnt der Dezember, bald ist es ein Jahr her, dass mein Sohn seinen ersten Schrei tat. Wie ein Rinnsal glitt er an meinen Beinen herab, still und schön, die Fäuste geschlossen, um den Wald zu begrüßen. Auch unter dem Galgen werde ich seinen Namen rufen; der Wind wird meine Stimme zu ihm tragen, wird sich auf seinen traumwarmen Körper legen, mit dem Blut meines Blutes wird er die Erinnerungen weit und fruchtbar wie Samen verbreiten. Ich werde deinen Namen rufen, Vater, denn es ist derselbe, den ich meinem Sohn gegeben habe, auf dass er heranwachse und werde wie du. Ich werde dem Holz des Galgens von euch erzählen, jeder Stufe, die ich unter dem Johlen der mich anspuckenden Menge nach oben gestoßen werde. Ich werde von euch erzählen, um nicht mehr die tote Zeit hier in dieser Zelle zu spüren, die Schreie, die in schweren Tropfen an den Wänden kleben, die Läuse und das ranzige Essen. Möge meine Erinnerung mich weit von hier forttragen, hin zum ruhigen Schlaf meines Sohnes, den zu lieben ich gelernt habe, hin zu den Umarmungen meines Vaters, der mich immer geliebt hat.
BLUTEGEL
Mein Vater konnte lesen und schreiben und Arzneien aus Feldkräutern herstellen; er wusste alles, was Nonna Agata, seine Mutter, ihm beigebracht hatte. Sie verwahrte ihre Bücher in einer großen Truhe, weitab vom Rauch des Kamins und vom Alltagslärm, und wenn am Abend Ruhe einkehrte, zeigte sie sie ihren Kindern, damit diese die Bedeutung der Tintenzeichen lernten. Mein Onkel Ignazio rümpfte nur die Nase und lachte spöttisch über diese Geschichten, die nichts als Rauch waren, die man weder berühren noch riechen konnte, noch gegen einen Laib Brot verkaufen, während mein Vater zuhörte, lernte und mit dem Finger diese papiernen Straßen entlangfuhr.
Nonna Agata starb, viele Jahre bevor ich auf die Welt kam, aber ich weiß alles über sie, was mir mein Vater erzählt hat, und alles, was man sich im Dorf erzählt. Man sagt, der Schmerz habe sie niedergedrückt wie ein Felsblock, der vom Berg herabrollt, als mein Großvater Melchiorre starb, und dass sie dann von der Schwermut durch ein Kraut geheilt wurde, das hartnäckig und ein wenig schief am Rand seines Grabes gewachsen sei. Sie wusste damals nicht, was das für ein merkwürdiges Kraut war, sammelte es aber dennoch, aß es und vertrieb so den Schmerz über den Verlust.
Von dem Tag an begann Agata, Kräuter, Blumen und Blüten zu sammeln und zu katalogisieren, und heilte gegen ein wenig Essen für sich und ihre Kinder jedermann, der mit einem Leiden zu ihr kam. Niemand weiß, von wem sie Lesen und Schreiben gelernt hatte, aber ihr Haus füllte sich mit Büchern über alle bekannten Pflanzen, über die Sterne und die Mondphasen und noch mit anderen Büchern voller Zeichnungen und Formeln, voller Zauber und Hoffnungen. Meinem Vater hinterließ sie, gleich einem seltenen Schatz, alles, was sie wusste. »Der Reiche hinterlässt Gold, der Arme Worte«, sagte Nonna Agata, ehe sie starb, den Mund der Decke zugewandt, über der der Himmel ruhte.
Am Abend, wenn in dem großen Kamin ein Feuer brannte, erzählte uns mein Vater von dem, was er von seiner Mutter gelernt hatte, von Pflanzen, die auf so hohen Bergen wuchsen, dass sie die Wolken durchstießen, von kleinen Blumen so weiß wie Milch, die unter dem Eis wuchsen, um dann die frostige Kruste aufzubrechen und ihre Blütenkrone zu entfalten. In ruhigen, wolkenlosen Nächten führte er uns auf den Platz vor dem Haus und erzählte uns von Sternen und Sternennebeln, die am Himmel seltsame Fabelwesen bildeten: heilige Schakale, Nilpferde, auf deren Rücken Krokodile schliefen, Ochsenfüße, zweiköpfige Riesenschnecken, Drachen mit Feuerzungen; und dann von Orion, dem Wal, dem Stier, dem Großen Hund, dem Hasen und der Schildkröte, von Sternen, die bis in alle Ewigkeit leuchteten, und von anderen, die sich in Millionen von Jahren selbst verzehrten und erloschen wie die Holzscheite im Kamin.
»Schaut genau hin, dann werdet ihr sie sehen«, sagte er und zeichnete mit dem Finger eine Schildkröte aus Sternen in den Himmel, bis wir den Eindruck hatten, wir könnten sie direkt vor uns kriechen sehen, mit ihrem merkwürdigen runzligen Kopf und dem Panzer auf dem Rücken.
»Worte sind Tintenzeichen auf dem Papier, sie füllen erst den Kopf und dann die Seiten, ordentlich aufgereiht wie bei einer Prozession«, sagte mein Vater, während meine Schwestern und ich ihm gebannt zuhörten und hofften, dass die Nacht nie zu Ende ginge. Eins nach dem anderen deutete er auf die Worte in einem seiner Bücher, legte den Finger auf die dunklen Zeichen, und wir legten unsere Kinderfinger dazu, wiederholten das Wort, bis es warm wurde, bis es in unseren Mündern und dem Rot der Glut zerging. Wir lasen abends, wenn meine Mutter schlief, nachdem mein Vater den Zeigefinger an die Lippen gelegt und leise »Schsch« gemacht hatte, worauf die Kerzenflamme erzitterte. Meine Mutter wollte nicht, dass wir etwas von »der Hexe Agata« oder ihrem »Teufelszeug« erfuhren; nicht einmal ihren Namen durfte man im Haus aussprechen, denn sie war schuld, dass mein Vater als Mann nichts taugte und auch nicht als Vater, wenn er, statt ans Geldverdienen zu denken, sich in diesen Lügen aus Papier verlor.
Mein Vater war die Erde, auf die man die Füße setzen konnte, er war die Luft, die die Räume erfüllte. Er war das Blut in meinen und seinen Adern, und das Blut raffte ihn auch dahin, wütete verborgen in seinem Körper.
Der Arzt setzte ihm dunkle Blutegel auf Brust und Arme. Doch er öffnete nicht die Augen, sagte nichts. Er lag nur da und wartete, die Augen den Balken über ihm zugewandt und später seitwärts blickend, auf das Geräusch des blindlings von diesen großen Mäulern eingesaugten Blutes. Wenn mein Vater wach war, hielten Antonia, Teresa und ich uns in seinem Zimmer auf, stumm so wie er, ungehorsam gegenüber meiner Mutter, die wollte, dass wir uns den Buckel krumm schufteten auf dem Feld, das gepflügt werden musste. Sie schlug mich, um mich für die Liebe zu bestrafen, die ich empfand; damit der Schmerz mir eine Lehre sei, prügelte sie mit dem Stock auf mich ein, bis sie keine Kraft mehr in den Armen spürte. Das harte Holz war der Mund meiner Mutter, es sprach für sie und lehrte mich einen Gehorsam, von dem ich nichts wissen wollte. Wenn sie von mir abließ, schluckte ich meine Tränen hinunter und lief zu meinem Vater, um ihm Gesellschaft zu leisten, wärmte die Sätze an, indem ich sie in meinem Mund hin- und herschob, damit sie ihn in der Nacht warm hielten.
Er kämpfte einen Monat lang mit dem Tod. Sein Körper trocknete aus wie eine Tomate in der Sonne, und seine Lippen zogen sich von den Kiefern zurück. Ehe er in der Erde endete, sagte er mir noch, ich solle mich um das Feld kümmern, säen und es pflügen, die Raben fernhalten. Und dann sollte ich meine Schwestern beschützen und jeden Tag mit den Tintenzeichen üben, für Nonna Agata und für ihn. Zum letzten Mal sagte ich: »Ja, Vater« und sah zu Boden.
Danach war nichts mehr wie vorher. Der Bruder meines Vaters übernahm alles, auch seinen Platz im Bett. Dann brach das Unglück über uns herein, Hagel und Stürme zogen übers Land, der Himmel wurde schwarz wie ein tiefer Brunnengrund. Man läutete die Glocken, um die Wasserdämonen zu vertreiben, Wachskügelchen wurden in Schöpfeimer geworfen und Olivenzweige in die Fenster gestellt. Ich wusste, oder vielleicht hoffte ich es auch nur, dass es mein Vater, dass es der ganze Himmel war, der Rache nehmen wollte.
WASSER WILL ICH WERDEN
Als mein Onkel zum ersten Mal zu mir kam, nachdem mein Vater gestorben war, saß ich im Schuppen für die Werkzeuge und las in einem Buch, das von den Geheimnissen des Himmels erzählte, von Sternen und Meteoren, die wie Steine über eine Landstraße verteilt waren. Der Himmel selbst, so hieß es dort, enthält so viele Himmel, dass die Augen aller Menschen auf der ganzen Welt nicht ausreichen würden, um sie zu betrachten. Unter dem Himmel liegt das Meer, es besteht aus Salzwasser, Wäldern und tiefen Abgründen. Es hat keine Grenzen, weder Anfang noch Ende, und auf ihm leben die Schiffe mit ihren geblähten weißen Segeln. Wenn ich wiedergeboren werden könnte, würde ich gern zu Wasser werden, ein ganzes Leben lang.
Mein Onkel näherte sich mir von hinten, mit ausgebreiteten Händen, die zitterten wie die Flügel eines verletzten Raben. Seine Hände betrachtete ich, so oft ich konnte, wenn er am Tisch saß, wenn er zuschlug, wenn er das Glas mit dem Wein hob oder meine Mutter zwischen den Schenkeln und dem Bauch berührte. Hände so weiß und trocken wie ein Wort: Verrat, Klage oder Gewalt. Seine Hände erzählten, wer er wirklich war, aber ich wollte es gar nicht wissen. Er selbst schämte sich ihrer, ich hatte gesehen, wie er sie angeekelt betrachtete. Er schämte sich ihrer vielleicht noch mehr als seines tauben Sohns, der nicht sprach und die Strafe für all seine Sünden war.
»Geh und hilf deiner Mutter in der Küche«, sagte er, und dann begann der Schmerz.
Ich werde erzählen, was er mir Schlimmes antat, an dem Tag und in den darauffolgenden Monaten, ich werde erzählen, wie mir niemand zu Hilfe kam, obwohl mein Schrei über alle Felder hallte und durch die geöffneten Fenster in jedes Haus drang.
»Mama, hilf mir!«, schrie ich in der Hoffnung, dass sie die Tür aufreißen und mich in den Arm nehmen würde wie damals, als ich noch klein war, dass sie mich in Sicherheit bringen würde, aber sie kam nicht, und der Schrei erstarb und erstickte in meinem Mund. »Dir wird keine Menschenseele helfen«, sagte er zu mir, während er mir seinen weinsauren Atem ins Gesicht blies und mich auf einen Haufen Jutesäcke warf, die mein Vater aus irgendeinem Grund, an den ich mich nicht mehr erinnere, dort in einer Ecke aufgestapelt hatte. Ich spürte den rauen Stoff auf meinen Armen und hoffte, dass dieses Gefühl alles andere auslöschen würde.
»Rau, rau, rau«, wiederholte ich laut, um nicht die mit dem weinsauren Atem gemischten Worte hören zu müssen.
»Rau, rau, rau«, flüsterte ich und rieb die Arme über den Stoff, damit die Kratzer auf der Haut die Angst auslöschen würden. Dieser Mann riss mir die Kleider vom Leib und ließ die Hosen herunter, und ich bohrte meine Nägel in seine Haut, bis es blutete, bis sie brachen und bis meine Kräfte schwanden.
Ich schrie, ich flehte, ich hörte auf und begann von Neuem, aber es kam niemand, meine Mutter riss diese Tür niemals auf und breitete auch nicht ihre Arme aus für mich, und ich hörte auf, mein Leben dem Mitgefühl anderer anzuvertrauen.
32.
Die Richter befragen mich, die Wachen bringen mich zurück in die Zelle. Vier Wände, ein Boden, den ich nicht wahrnehme, eine Decke, die mich niederdrückt, der Gestank und dann Wasser, eimerweise durch die Gitter geschüttet. Ab und zu öffnet sich die Tür, sie holen eine von uns, einen dürren Körper, der an den Handgelenken fortgezerrt wird, Knöchel, die über den Boden schleifen. Es ist zu dunkel, um zu zählen, wie viele wir sind, eine ewige Nacht sitzt uns im Nacken. Vier, fünf, sechs Frauen, jede an anderer Stelle in der Zelle in sich zusammengesunken, mit schmutzigen Haaren und zerrissenen Kleidern. Immer gibt es eine, die schreit und weint, der Schatten bewegt sich und erbebt, dann folgt die Peitsche.
Ab und zu fällt durch ein kleines Loch in der Wand, das sie Fenster nennen, versehentlich ein Sonnenstrahl auf den Boden. Wir springen alle vor, um ihn zu berühren, stoßen und beißen einander weg und hocken uns dorthin, wo er sich niedergelassen hat, strecken die Hand aus und schließen sie, weil wir glauben, wir könnten ihn einfangen. Eines Tages fiel der Sonnenstrahl in die Ecke, in der ich schlief, und ich dachte, du wärst es, Vater, du seist gekommen, um mich zu besuchen.
Vor zwei Tagen hat eine Frau versucht, mir die Schuhe zu stehlen. Ich schlief, und sie kam leise zu mir gekrochen, hinter meinem Rücken. Seit ich hier bin, habe ich gelernt, meinen Schlaf zu kontrollieren, nicht weit fortzugehen, auch noch die leisesten Geräusche wahrzunehmen. Ich bin aufgesprungen und habe sie weggestoßen. Alle hier fürchten sich vor mir, weil ich Krankheiten heile und nie sterbe.
»Mavara«, sagen sie, Hexe, Heilerin, Unglücksbotin, aber ich sehe ihre Münder nicht. Das Wort prallt an mir ab und zerbricht, fällt wie Regen auf den Boden und vergeht dort. Damit ich sie nicht höre, halte ich die Augen so lange wie möglich geschlossen. Ich öffne sie erst in der Nacht, wenn ich in der Dunkelheit Geschichten erfinden und all das zum Leben erwecken kann, was mir fehlt.
FLEISCH UND SCHLAMM
Jeden Morgen kam mein Onkel in das Zimmer, in dem ich mit meinen Schwestern schlief.
»Dein Vater ist unter der Erde, es gibt niemanden mehr, der dich beschützt«: Er riss seinen Mund über den Ruinen seiner Zähne auf, aus denen Stücke herausgebrochen waren wie bei alten, vom vielen Gebrauch abgenutzten Tellern, und ich senkte den Kopf, um nicht geschlagen zu werden. Ich hörte, wie meine Mutter in der Küche hantierte, Milch in den Krug füllte, mit einer meiner Schwestern schimpfte, weil sie das Brot hatte fallen lassen, und fragte mich, ob sie es wusste. Ob sie die Schreie ihrer Tochter aus dem Zimmer hörte, ob sie sich ihre kleinen Knochen vorstellte, die zu Boden gedrückt wurden, die knirschenden Zähne, die Arme, die herumwirbelten wie trockene Blätter im Wind, während sie hilflos ins Leere biss und salziges Wasser ihr aus Haut und Augen trat. Ob sie davon wusste, ohne etwas dagegen zu unternehmen, vielleicht sogar laut sang, um die Hilferufe zu übertönen, den Ruf ihres eigenen Blutes. »Lieb mich doch, warum kannst du mich nicht lieben?«, fragte sie mein stummer Blick, wenn wir bei Tisch saßen, und in ihren Augen lag all das, was ich nicht hören wollte.
»Ab mit dir aufs Feld«, sagte mein Onkel, »geh und hilf deinen Schwestern.« Ich antwortete nicht aus Angst vor Schlägen, aber die Finger unter der Decke ballten sich zu Fäusten, bohrten sich ins Fleisch, so fest, bis Blut kam, das ich dann wegleckte. Sobald er gegangen war, kroch ich unter das Bett, hob zwei Fliesen hoch und holte die Bücher meines Vaters hervor. Vergilbte, schneidende Seiten, in Leder und Kupfer. Sie würden mir die Bücher wegnehmen, nun, da er tot war, würden sie dem Feuer übergeben und ihre Asche dem Wind.
Ich legte mein Gesicht auf eine Seite und atmete den Duft der Finger meines Vaters ein, sog ihn kräftig und tief in mich, dazu stellte ich mir seine Augen vor, wie sie weit offen über dem Papier schwebten. Nur so konnte ich mich beruhigen und hörte auf zu zittern.
Am Nachmittag zog ich mich an und ging in die Küche. Das war die beste Zeit, denn alle hatten das Haus verlassen. Meine Mutter und meine Schwestern waren bei einer Nachbarin, um dort den Rosenkranz zu beten, und mein Onkel betrank sich irgendwo, die bleichen Hände fest um den Hals einer bauchigen Weinflasche geklammert. Der Wein erleichterte auch ihm seinen Kummer, sodass er sich nicht mehr daran erinnern musste. Denn genau das macht der Wein, er kommt und wischt alles weg, und so saß mein Onkel schwankend auf dem halb geborstenen Stuhl irgendeiner Schenke des Dorfes, versunken in einer stehen gebliebenen freundlichen Zeit. Sein Kopf tauchte unter Wasser und brachte ihn weit weg von den Raben, der Aussaat, dem Blick seines tauben Sohns, der nicht sprach. Er dachte, die falsche Ruhe des Rotweins würde genügen, um sich zu retten.
Allein zu Hause bereitete ich meine Rache vor: eine Puppe aus Fett, Seife und Schlamm, der ich menschliche Züge verlieh. Ich trug diese Puppe hinter einen Aprikosenbaum, umgeben von Wind und zertretenem Fallobst richtete ich die Arme, den Oberkörper, den Kopf und die Beine. Obenhin klebte ich ein paar Haare, die ich meinem Onkel im Schuppen ausgerissen hatte, und als Augen nahm ich zwei Knöpfe. Keinen Mund, damit er keine Worte hätte, um mich zu verletzen. Ich stahl meiner Mutter eine Nadel für die Strickarbeit und versteckte sie unter dem Rock. Sie selbst musste es sein, die ihn verletzte, sie musste ihre Tochter rächen, ob sie es wollte oder nicht. Mit der Nadel bohrte ich Löcher in den Bauch aus getrocknetem Schlamm, um Schmerzen und Koliken hervorzurufen. Hätte ich den ganzen Körper durchbohrt, Kopf, Füße, Augen und Herz, wäre mein Onkel gestorben, aber das wollte ich nicht. Noch nicht.
Ich wickelte die Puppe in ein altes Laken, sprach Totengebete und begrub sie ganz tief in der Erde, damit niemand sie entdeckte. Zwei Tage danach kam der Schmerz, ganz plötzlich und heftig. Meine Mutter half meinem Onkel ins Bett. Aus meinem Zimmer hörte ich ihn schreien, meinen Namen rufen, umgeben von Flüchen, und Anschuldigungen gegen die kleine Hexe ausstoßen: »Die soll man verurteilen, und brennen soll sie im Feuer, bis nichts mehr übrig ist von Haut und Knochen.«
Ein Arzt wurde gerufen, er gab verdorbenem Essen die Schuld, verschrieb ihm bestimmte Medikamente und Ruhe, aber mein Onkel schrie, es wäre meine Schuld, denn ich sei eine Hure und hätte ihn vergiftet. Meine Mutter prügelte mit dem Stock auf mich ein, sagte, dass ich sie ins Unglück bringen wolle, dass ich an allem schuld sei, genau wie mein Vater, der mich nicht richtig erzogen hätte.
Tag und Nacht schrie mein Onkel vor Schmerz, und am Ende wurden seine Flüche Teil des Hauses, wie die Mauern und das Feuer im Kamin. Seine Stimme verlor sich im Wasser des Brunnens, im Regen auf den Fenstern, im Plätschern der Milch, die man morgens in die Tassen goss.
Jede Nacht stand ich auf und grub. Ich holte die Puppe aus der Erde, zielte mit der Nadel auf das Herz und hielt das Leben meines Onkels in meinen Händen. Nur ein Absenken der Hand, und sein Atem würde für immer verstummen und seine Kehle austrocknen. Stattdessen verharrte die Nadelspitze wenige Spannen über diesem Herzen aus getrocknetem Schlamm, ohne herabzustoßen oder sich zu entfernen. Ich entschied für das Leben und wünschte den Tod, wie ein kleiner Gott mit zerschmetterten Knochen und verbranntem Herzen. Noch einen Herzschlag zulassen oder nicht, die Nadel versenken oder zurückziehen – diese Entscheidung gehörte allein mir, und das versüßte mir die Nacht.
Mein Herz schlug heftig, und die Nadelspitze zitterte. »Ja, ich tu’s«, sagte ich und zog doch die Hand zurück. Ich wickelte die Schlammpuppe wieder in das Laken, bedeckte sie mit Erde und wartete ab.
PIMPINELLE
Eines Morgens, als ich in die Küche kam, um einen Korb mit frisch gepflücktem Obst abzuliefern, saß mein Onkel Ignazio dort auf einem Hocker. Vor ihm stand sein Sohn Gaspare, mit gesenktem Kopf und dem Rücken zur Tür, die auf die Felder ging. Mein Onkel glaubte, Gaspare wolle nur nicht reden und dass er mit Schimpfen und Prügeln schon noch eine Stimme aus diesem trotzigen Kind hervorholen würde, so wie man Wasser aus dem Brunnen holt. Jeden Morgen hielt er für den Jungen einen neuen Befehl bereit, den er ausführen sollte, und die Bestrafung, die er aus der knotigen Faust seines Vaters empfing, blieb sich immer gleich.
»Schieb den Holzkeil in die Tür, dann klappert sie nicht im Wind«, sagte mein Onkel zu Gaspare.
Doch der Junge bewegte sich nicht, hob nicht einmal den Kopf, und mein Onkel stürzte sich mit der Wut eines vom Regen angeschwollenen Flusses auf ihn. Er hob eine Hand und schlug ihn zwei Mal, auf beide Wangen, so heftig, dass Gaspares Kopf hin und her geschleudert wurde, ein Geräusch wie von einem Ast, der im Wind bricht. Dann stand er auf und ging.
Gaspare blieb einen Moment starr an seinem Platz, so als wären seine Füße am Boden festgenagelt wie die von Christus am Kreuz, dann öffnete er den Mund, aus dem ein langes Schweigen drang, zog etwas aus dem Hosenbund, eine gebogene Klinge, ein Aufblitzen, und rannte zur Tür.
Auch ich rannte, packte Gaspare am Arm, ehe er über der Schwelle war, und stieß ihn zurück in die Mitte des Raumes. In seinen von den Ohrfeigen geröteten Augen standen Tränen, die gleichmäßig über die heißen, geschwollenen Wangen rannen, und die Finger, die sich um die Klinge einer alten Hippe krümmten, wiesen mehrere Schnitte auf und starrten vor Erde und Blut.
