Die Unpolitischen - Diego Viga - E-Book

Die Unpolitischen E-Book

Diego Viga

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Beschreibung

Der junge Arzt Johannes Kramer arbeitet Anfang der 1930er-Jahre wie viele seiner Freunde und Bekannten an einer akademischen Karriere. Er betreibt medizinische Forschungen an der Universität Wien, bemüht sich um die Liebe seiner Jugendfreundin Anna und erkennt früh, dass Europa vor dem Abgrund steht. Aber der Ernst der Lage wird ihm erst bewusst, als sich in Österreich der Austrofaschismus mit Gewalt durchsetzt und Johannes im Krankenhaus schwer verletzte Februarkämpfer versorgt. Und mit der Annexion Österreichs 1938 geht es für Johannes, seine Bekannten und ihre Familien um Leben und Tod. Das Exil in Südamerika scheint der einzig mögliche Weg – aber wird es ihnen gelingen, sich in der Neuen Welt zurechtzufinden und die alten Vorurteile und Illusionen zu überwinden? Ausgehend von seiner eigenen Geschichte schildert Diego Viga das bewegende Leben einer ganzen Generation junger Männer und Frauen aus dem jüdischen Bürgertum, die ums Überleben und Weiterleben kämpfen.

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Seitenzahl: 1022

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Diego Viga

DIE UNPOLITISCHEN

ROMAN

Herausgegeben und mit einem Nachwort

von Erich Hackl

Für Irene, Daniel, Susana, Miguel, Diana und Silvia

INHALT

ERSTES BUCH: Morgen vor Sonnenuntergang

1. ANNA

2. KURT

3. JOHANNES

4. RALPH REICHSTEIN

5. JOHANNES

6. JACQUES

7. ANNA

8. KURT

9. JOHANNES

10. THERESE

11. RALPH REICHSTEIN

12. KURT

13. JOHANNES

14. THERESE

15. ANNA

16. THERESE

17. JOHANNES

18. KURT

19. JOHANNES

20. RALPH REICHSTEIN

21. JOHANNES

ZWEITES BUCH: Die Zwischenwelt

1. KURT

2. RALPH REICHSTEIN

3. ANNA

4. KURT

5. JOSEF BLAUSTERN

6. JACQUES

7. ANNA

8. KURT

9. JOHANNES

10. KURT

11. JOHANNES

12. ANNA

13. JOHANNES

14. JOSEF BLAUSTERN

15. JOHANNES

16. JACQUES

17. ANNA

18. JOSEF BLAUSTERN

19. JOHANNES

20. ANNA

21. JOSEF BLAUSTERN

22. JOHANNES

23. KURT

24. JOHANNES

25. ANNA

26. JOHANNES

27. KURT

28. JOHANNES

29. JACQUES

30. THERESE

31. JOHANNES

32. JOSEF BLAUSTERN

33. THERESE

34. JOHANNES

35. ANNA

DRITTES BUCH: Totentanz

1. JOHANNES

2. JOSEF BLAUSTERN

3. KURT

4. JOHANNES

5. ANNA

6. THERESE

7. JOHANNES

8. JACQUES

9. ANNA

10. JACQUES

11. ANNA

12. KURT

13. JACQUES

14. JOSEF BLAUSTERN

15. JOHANNES

16. JACQUES

17. JOSEF BLAUSTERN

18. KURT

19. JOHANNES

20. JOSEF BLAUSTERN

21. JACQUES

22. ANNA

23. JOHANNES

24. THERESE

25. ANNA

26. JOHANNES

27. ANNA

28. JACQUES

29. THERESE

30. JOHANNES

31. JACQUES

VIERTES BUCH: Die Neue Welt

1. JOHANNES

2. THERESE

3. ANNA

4. JOHANNES

5. THERESE

6. JACQUES

7. KURT

8. JOHANNES

9. THERESE

10. JACQUES

11. JOHANNES

12. JACQUES

13. JOHANNES

14. KURT

15. JACQUES

16. THERESE

17. ANNA

18. JOHANNES

19. JACQUES

20. THERESE

21. JOHANNES

22. ANNA

23. THERESE

24. JACQUES

25. ANNA

26. KURT

27. JOHANNES

28. THERESE

29. KURT

30. JACQUES

31. JOHANNES

32. KURT

33. THERESE

34. JACQUES

35. ANNA

NACHWORT

Anmerkungen

Editorische Notiz

Über den Autor

ERSTES BUCH

Morgen vor Sonnenuntergang

1. ANNA

Telegraphenstangen schnellen aus der Finsternis, machen einen Sprung oder eine komische Verbeugung und verschwinden, verabschieden sich. Eine an die andere gereiht, Wegweiser. Unausweichlicher Weg wird gewiesen, eine an die andere gereiht … Ich suche meinen Weg, ich suche meinen Weg, aber ich kenne ihn nicht, und keinesfalls lasse ich ihn mir weisen. Nie mehr werde ich die gleiche Stange sehen, gerade diese Stange. Ich werde sie vergessen. Und da ich das denke, weiß ich, daß ich mich eben wegen dieses Gedankens ihrer erinnern werde. Man reist schließlich nicht täglich nach Berlin. Ich reise zum ersten Mal nach Berlin.

Wie das wohl ist? »Die große Stadt«, sagen sie. Als ob Wien keine große Stadt wäre! Wer kennt ganz Wien? Manchmal kommen mir die Leute aus einem anderen Bezirk, aus dem zehnten zum Beispiel, vor, als ob sie aus einer anderen Welt stammten. Robert schwärmt von Berlin, aber das besagt wenig. Von wieviel dummen Gänsen hat der Kerl geschwärmt. Wenn man sich so ein Frauenzimmer dann anschaut … Aber ein Mädchen kann natürlich nicht verstehen, was ein Junge an einer anderen findet: Und an mir? Was sucht wohl Johannes in mir? Gefalle ich ihm so gut wie mir selbst? Robert kann schreiben. Er lebt davon, daß er schreibt. Und er schreibt, daß Berlin ganz anders ist als Wien.

Wienerwaldberge, freundliche Stadtlandschaft. Von unserer Wohnung sieht man Wald, sanftes, gewelltes Grün … Das fehlt noch, daß ich Heimweh fühle, bevor ich überhaupt beginne. Wahrscheinlich gleiten wir noch zwischen Wienerwaldhügeln dahin. Und endlich darf ich allein in die Welt hinausfahren. Sonst ist Vater ja ein ganz moderner Mensch; ich muß anerkennen, daß nicht einmal ich ihn besonders verzopft finden kann. Und dennoch sagt er: »Meinen Sohn lasse ich auf die Welt los, und meine Tochter sperre ich ein.«

Zunächst hat er mich in ein Abteil zweiter Klasse gesperrt. Wie aufgeregt der Arme war, weil ich fortfuhr. Und dabei ist es doch bloß eine ganz unbedeutende Ferienreise. Unbedeutend – nein, gar nichts ist unbedeutend. Wer hat das bloß gesagt? Irgendeiner meiner intellektuellen Freunde. Alle suchen mich zu erziehen, besonders Johannes. Aber dieser Ausspruch stammt gar nicht von Johannes … Vater hat seinen Ausspruch im Scherz gemacht, und dann hält er sich dennoch daran.

Ich sollte doch lieber in der dritten Klasse reisen. Dabei bin ich gar nicht so besonders sparsam, aber ich weiß, wie schwer Mutter auskommt. Vater ist zu großzügig. Nun sitze ich in der zweiten Klasse, und auf dem weichen Pfühl kann ich ebensowenig einschlafen, wie wenn die harte Holzbank der dritten Klasse mein Hinterteil drückte. Vater ginge jetzt an meiner Stelle in den Speisewagen hinüber. Warmer Kaffee wäre nicht schlecht. Im Speisewagen ist es unverschämt teuer, außerdem müßte ich aufstehen und durch viele Waggons laufen … Und eigentlich habe ich Angst vor den vielen Menschen. Das darf aber wirklich niemand merken. Kein Mensch hält mich für schüchtern. Vor allem kein Mann, das wäre doch eine Schande!

Lichter einer kleinen Station. Ein Beamter mit roter Kappe, der Stationsvorstand, macht Zeichen. Der Zug rast vorbei.

Sterne am Himmel … und die Funken aus der Lokomotive erzeugen einen Konkurrenzhimmel – Konkurrenzhimmel, zu langen Leuchtstreifen geordnet.

Wegweiser. Auch die Schienen sind festgefügt; unausweichlicher Weg. Alles, nur keinen unausweichlichen Weg! Ich will meinen Weg selbst suchen und selbst finden und selbst machen.

An Bert muß ich eine Postkarte schreiben. Warum eigentlich? Weil seine Eltern meinten, daß ich eine gute Partie wäre? Meine ersten Küsse hat er sich genommen. Das Sonnenlicht fiel durch die Lücken zwischen den Buchenstämmen, und ich suchte in den Schatten, die sie warfen, Muster, Formen zu finden. Er war gut rasiert, das war nicht unangenehm, aber er roch nach irgendeinem Herrenparfüm, und das zerstörte jede Illusion. Ich hatte aber gar keine Illusion, ich vermeide Illusionen. Er beteuerte mir, daß er mich liebe. Er befand sich im Irrtum. Er überschätzte das Vermögen meiner Eltern. Seit dem Ende der Monarchie, also soweit meine Erinnerung zurückreicht, geht es mit unserem Exportgeschäft immer nur bergab. Vater behauptet, man dürfe seinen Lebensstil nicht ändern. Er hat wohl recht, nur muß die arme Mutter sehen, wie sie zurechtkommt. Vater und Robert »haben Stil« … Sehr bequem für sie und sehr problematisch für Mutter. Mutter hat die Kasse und ist die Hüterin. So zart und klein – und dennoch fühle ich, großes Mädchen, mich bei ihr geborgen.

Ich werde Bert keine Postkarte aus Berlin schreiben. Es wird nichts daraus, es soll nichts daraus werden. Aber Johannes! Johannes darf ich nicht vergessen … Vergessen, vergessen, sagen die Räder des Zuges, und ich habe natürlich vergessen, Johannes anzurufen, mich zu verabschieden. Zu dumm, daß mir das erst jetzt einfällt. Johannes kann ich sogar unsere Geldsorgen anvertrauen, mit ihm kann ich über alles sprechen. Es hat ihn weder entsetzt noch abgekühlt, daß wir kein Geld haben, längst kein Geld mehr haben. Johannes ist ganz anders als manche meiner lieben Verwandten. Er wurde sehr fürsorglich, geradezu liebevoll, als ich von unseren Geldsorgen sprach. Emma Friedetzko erklärt mir, das wäre keine Kunst, er hat ohnehin nichts und also riskiert er nichts. Meine Verwandten aber müßten herhalten, wenn sie Notiz nehmen wollten von unseren Schwierigkeiten.

Hat sich alles geordnet, wunderbar geordnet, so wunderbar geordnet, murmeln die Räder unter mir in meinen Scheinschlaf hinein. Ich habe mich zurückgelehnt und gebe mir den Anschein des Schlummerns. Ich bin nur ein bißchen wirr im Kopf, meine Gedanken folgen dem Rhythmus der Räder und der Lokomotivseufzer, haben sich selbständig gemacht; ich kann sie nicht dirigieren, sie hüpfen auseinander wie eine Herde von Flöhen. Hat sich wunderbar geordnet, hat sich wunderbar geordnet. Noch eine Hypothek auf unserem Haus, eigentlich gehört uns schon gar nichts mehr. Und ich reise nach Berlin, wahrscheinlich, um als kleine große Schwester nachzuschauen, daß Robert nicht gar zu große Dummheiten macht. Als ob ich das vermöchte, als ob irgend jemand das vermöchte.

Ich bin doch so klug und praktisch und begabt. Nur Johannes, dieser unverschämte Kerl, wagt mir zu erklären, daß ich ein schönes Mädchen sei, »und dabei so angenehm durchschnittlich«. Vielleicht habe ich zur Strafe dafür vergessen, mich von ihm zu verabschieden. Alle anderen bewundern mich und finden mich ungewöhnlich, außerordentlich.

Warum hat mir Johannes erzählt, daß er eine Freundin hat? Was geht mich das an? Ich hätte mich darüber freuen sollen, denn ich fand, daß seine Liebe unsere Freundschaft stört. Ich habe doch beschlossen, Johannes’ Liebe nicht zu erwidern. Und jetzt ärgere ich mich plötzlich darüber … Warum ärgere ich mich? Ist doch irgendein Frauenzimmer, das ich gar nicht kenne; und ich will den Johannes nun einmal nicht für eigenen Gebrauch. Einmal hat er gewagt, mich zu küssen. Immer hatte ich ihn für kühl gehalten. Und plötzlich war das so heftig, und ich hatte das Empfinden, daß ich aus seinen Armen nie mehr loskommen könnte. Das machte mir Angst. Ich will frei sein, frei.

Und er tanzt so fürchterlich schlecht, tritt mir auf die Füße, und wenn ich mit einem anderen tanze, wird er blaß vor Eifersucht.

Ich will frei bleiben, frei von ihm und von allen, von denen, die uns plötzlich nicht kennen, weil wir kein Geld mehr haben. Und trotzdem muß ich in der zweiten Klasse reisen statt in der dritten, Papa hat mich ins Coupé gesetzt.

Graue Häuser gleiten am Waggonfenster vorbei. Ich habe also doch geschlafen, lange geschlafen, gründlich geschlafen, aber mit Unterbrechungen. Güterwagen, Schienen, noch Schienen, Lokomotiven. Gestank, feuchter, verrauchter Nebel. Morgenluft einer Großstadt, sehr großstädtische Morgenluft.

Ich hole den Koffer aus dem Gepäcknetz und klemme meine Tasche unter den Arm. Für einen selbständigen, unabhängigen Menschen bin ich schandbar nervös. Die Lokomotiven speien immer mehr Ruß, er frißt alles in sich hinein.

Neben dem Waggon wächst jetzt ein Bahnsteig aus der Erde. Ich versuche, mein grünes Reisekleid glattzustreichen und den Hut aufzusetzen. Mein Haar ist glatt und kurzgeschnitten, aber drahtig, widerspenstig. Es ist so, wie ich eigentlich sein möchte. Meine Hand öffnet die Tasche und tastet nach einem Spiegel. Wer weiß, wie ich aussehe, nach einer so anstrengenden Nachtreise.

Kann gar nicht hineinschauen, ich muß hinausblicken. Die Außenwelt frißt mich wie der Lokomotivruß die Konturen. Das ist ja Robert! Alt sieht er aus; zu wenig Schlaf – oder bloß die neue Hornbrille? Neben Robert tauchen zwei weitere männliche Gestalten auf. Also findet Robert seine Schwester hübsch und muß sie sogleich vorführen. Hoffentlich werden seine Erwartungen nicht enttäuscht. Ich habe mich doch nicht einmal mehr im Spiegel beschaut.

Träger rufen, Reisende schreien nach Gepäck, gellende Pfiffe, Autohupen, Koffer und Taschen bewegen sich, von jemandem getragen, alles geht ohne mein Dazutun. Ich wurde abgegeben und werde abgeholt, wie ein Postpaket.

»Das ist Ralph Reichstein«, sagt Robert.

So, so, das ist also der berühmte Autor. Wie sehe ich aus? Ich sollte mich doch sehr geehrt fühlen, offenbar ist Robert stolz auf seine »kleine Schwester«. Kleine Schwester – ich bin doch ein recht hochgewachsenes Mädchen …

»Mein Kollege«, fügt Robert großsprecherisch hinzu.

Sieht er aus wie die Helden seiner Inflationsnovellen? Schläfen leicht ergraut, alter Knacker, vielleicht schon so um die vierzig. Und Bartkoteletten. Soll das unmodern sein oder übermodern, Mode von morgen, gestern, übermorgen, nur nicht von heute. Heute bin ich verschlafen.

Wieso Roberts Kollege? Ein paar Skizzen sind in der Tageszeitung erschienen, als deren Korrespondent Robert in Berlin weilt.

Ein Taxi rollt durch die Straßen. Herr Reichstein meint, sich entschuldigen zu müssen, weil er es noch nicht zum eigenen Auto gebracht hat. So, also auch für den berühmten Schriftsteller ist das Automobil wichtiger als …

»Dort liegt der famose Zoo«, erklärt Robert, mich aus dem Halbschlaf weckend, »in jener Seitengasse hat Doktor Kurt Halbmann seine Ordination.«

Richtig, Robert hat auch einen zweiten Begleiter mitgebracht, und der wurde mir als Doktor Kurt Halbmann vorgestellt. Doktor, muß er wiederholen, offenbar trägt er den Titel erst seit kurzer Zeit. Hat ein freundliches rundes Kindergesicht, sieht aus, als ob er noch auf die Schulbank gehörte.

Nun erkundigt sich Robert nach Halbmanns Patientinnen. Natürlich redet er immer nur von Weibern; oder fühlt er sich bemüßigt, den Schürzenjäger zu spielen? Ist mein Bruder vielleicht so klein, daß er großtun muß?

»Kurt zieht sicherlich Frauen an, oder aus, witzelt Reichstein, nicht weniger geschmacklos als Robert. »Und Zähne sind doch Sexualsymbole, so sagt Freud in der ›Traumdeutung‹.«

Halbmann entstammt einer bescheidenen Kaufmannsfamilie, der erste »Studierte«. Rühmt er sich dessen? Fühlt er sich über seine Mutter erhaben? Sein Vater ist vor zwei Jahren gestorben. Mein Hirn registriert das, doch eigentlich interessiert es mich gar nicht.

»Sie sind also wirklich die Schwester von Herrn Kallay – hätte ich ihm niemals zugetraut, daß er so ’ne wirkliche Schwester haben kann, habe immer geglaubt, daß da nur Nu…, meine, habe immer andere Fräuleins hier gefunden.«

Muß dieses Weibsbild mit ihren ungekämmten blondgrauen Haaren hier herumstehen und das fehlende Aroma des dünnen Kaffees durch ihren Schwatz ersetzen? Frau Kleinecke kenne ich aus Roberts Briefen. Gegen alternde Frauen ist er nicht eben rücksichtsvoll – keinesfalls, wenn er sie in seinen Schriften schildert. So widerlich habe ich sie mir dennoch nicht vorgestellt.

»Jetzt wird die Bude wenigstens eine Zeitlang nicht sturmfrei sein.«

Ihre Stimme und ihre Aussprache sind mir zuwider. Hart und schrill, aber ich bin in Berlin, und sie ist zu Hause. Ich fühle mich als Mutters Beauftragte. Da fällt mir die Aufgabe zu, das schwarze Schaf, den schwarzen Bock … Wie drücke ich mich denn da aus? Gott sei Dank, daß mich keiner hören kann … Ist denn Robert überhaupt ein ungeratener Junge?

»Nu ja, ich habe gar nicht recht geglaubt, daß der Herr Robert das Zimmer wirklich für sein eigenes Fräulein Schwester genommen hat. Zu dumm bin ich. Für ’ne andere braucht der doch keen Extrabett …«

Das gehört sich nicht, das hat sie einer jungen Dame nicht vorzusetzen. Plötzlich bin ich eine sittlich entrüstete junge Dame. Das hat eben gerade noch gefehlt, ich bin doch frei und unabhängig und vorurteilslos … und jetzt bin ich Mutters Tochter und ärgere mich darüber, daß diese Alte so respektlos von meinem Bruder und so unverschämt zu seiner Schwester quasselt.

Der Herr Reichstein ist auch ihr Mieter, aber eigentlich wohnt er gar nicht hier. Warum erfahre ich so vieles, was ich gar nicht hören will. Der Kaffee wird davon nicht stärker. Herr Reichstein kommt niemals allein her, nur wenn er … Schöne Geschichte. In einem Absteigequartier also hat mich Robert untergebracht. Was geht es mich an, daß Frau Kleinecke seit sechzehn Jahren Witwe ist. Da wird sich ihr armer Seliger wohl schon von ihrem Redestrom ausgeruht haben. Und seit fünfzehn Jahren ist sie diplomierte Hebamme. Nein danke, brauche ich nicht, ich bin doch ein anständiges Mädchen, und nur dieser Gauner von einem Bruder … Der Kerl luchst mir selbst auf Distanz immer noch meine winzigen Ersparnisse ab, so daß ich mir dann eine Galeriekarte oder einen Stehplatz in der Oper von Johannes bezahlen lassen muß, weil ich leere Taschen habe und Mutter nicht wissen soll, daß ich schon wieder habe aushelfen müssen … Und »Butterstullen« nennt sie das, was doch Butterbrot heißt … Heimweh? Schwatzhafte Hausfrauen sind überall unausstehlich. Das vermute ich – warum verallgemeinere ich? Ich sollte überhaupt nicht soviel nachdenken. Die Butterstulle schmeckt mir ebensowenig wie der »Kaffee«.

Lautlos ist der Aufzug heraufgeglitten. Das Stiegenhaus ist so kühl und zeigt ein abweisendes Gesicht. Robert, mein Schützling, wird zum Beschützer. Ohne ihn hätte ich jetzt Angst und liefe davon, würde lächerlich. Das Haus ist bedrohlich würdevoll. Außer Frau Kleineckes Wohnung ist Berlin so abweisend ordentlich. Die weißgekachelten Stationen der U-Bahn im Vergleich zu den Haltestellen unserer Wiener Stadtbahn, an deren Mauern noch der Ruß der seit Jahren verschwundenen Dampflokomotiven klebt. Wie lange läuft sie nun schon elektrisch? Soweit ich mich zurückerinnern kann … Da schnarrt die Klingel, statt zu läuten. Sie schnarrt leise und taktvoll, wie ein vor lauter Würde und Diskretion heiserer alter Herrschaftsdiener.

Die Dame des Hauses ist hochgewachsen, schlank und platinblond. Wasserstoff, oder verwendet die schon etwas anderes und Moderneres, vielleicht wäre sie gar schon grau von Natur …

Robert hat gesagt »gutbürgerliche Leute«, mir scheint diese Wohnung aber sehr luxuriös. Alles ist gut ausgesucht und aufs feinste abgestimmt. Helle Tapeten. Bei meinen Eltern heißt gutbürgerlich noch von dunkler »diskreter« Farbe. Blaue Teppiche, bequeme Sessel. Das Kleid der Frau Holz ist kurz, ebenso ihr Haar – meines ja auch, das ist die Mode. Mutter fällt es nicht ein, mit der Mode zu gehen. Blanche Holz ist kleiner als ihre Mama, aber ebenso platinblond, und kurzbekleidet. Sieht aus wie ein langweiliges Püppchen. Wie viele Leute, lauter fremde Gesichter. Und sie scheinen mir eine fremde Sprache zu sprechen. Ich möchte nicht im Ausland leben.

Nun sitze ich neben dem Kamin. Wir haben noch brave Kachelöfen. Wie so ein Kamin wohl ist, angenehm oder unangenehm? Er ist noch nicht geheizt. Frühherbst.

Herr Reichstein hat sich mir zu Füßen gesetzt. Also bin ich doch keine so durchschnittliche Gans, Herr Johannes Kramer! Der berühmte Schriftsteller Ralph Reichstein hat gerade meine Nähe gesucht. Er erklärt mir, was er Berliner Gesellschaft nennt. Liebesleben, Liebesleben. Von Halbmann behauptet er, daß er sich aus Schüchternheit an kein weibliches Wesen heranwage. Und dort sprechen zwei Männer miteinander, und Reichstein erklärt das auf eine Weise … Und ich darf nicht Reißaus nehmen, sonst hält er mich für dumm und unmodern. Aus Schüchternheit … was, bin ich also doch ängstlich und schüchtern? Eigentlich interessiere ich mich für mich selbst am meisten. Anna Kallay in Berlin, mit Herrn Reichstein zu ihren Füßen. Und aus lauter Verlorenheit und Schüchternheit hört sie sich höchst unanständige Dinge an und tut, als ob sie zustimme und alles verstünde.

»Der einzige Normale ist Ihr Bruder, der kleine Casanova; der versucht’s bloß mit jedem Mädchen …«

Auch das ärgert mich. Erstens bin ich mit Robert nicht sehr einverstanden. Und warum »kleiner Casanova«? Er gehört doch zu mir, da lasse ich ihn nicht verkleinern!

Inzwischen spricht Herr Reichstein von Musik. Das ist besser. Aller Zynismus fällt von diesem kurzen, aufgeblasenen Menschen ab. Er schwärmt wie ein junger Student. »Tristan und Isolde …« Und ich denke über Herrn Reichstein nach. Sollte hinter der Maske ein Mensch stecken? Er erinnert sogar an Johannes. Johannes war so fürchterlich gekränkt, weil ich beim zweiten Akt von »Tristan« einschlief. Vielleicht sollte das eine Liebeserklärung sein. Es sähe Johannes ähnlich, sich just so einen komischen Weg auszusuchen. Geschah ihm ganz recht, daß ich einschlief. Aber ich schämte mich dann doch sehr. Und überhaupt läßt der berühmte Schriftsteller Reichstein eben seinen Geist mir zu Ehren blitzen, da muß ich ja zuhören.

»Ich liebe den ›Fidelio‹ doch mehr«, sage ich, um meine Aufmerksamkeit und Klugheit zur Schau zu stellen.

»Na ja, Beethoven ist gewiß wunderbar«, das also gibt Herr Reichstein herablassend zu, »aber die Gattenliebe ist doch etwas hausbacken, und seine Musik ist mir, wie soll ich sagen, zu musikalisch für eine Oper. Wenn ich dagegen den zweiten Tristan-Akt höre …«

Natürlich den zweiten! Und ich schäme mich, aber Herr Reichstein weiß ja nichts von meinem Unfall.

»… dann wird mein ganzes Nervensystem in Schwingungen versetzt.«

»Also Rückenmarksmusik«, sagt jemand, sagt just Robert. Muß er zynischer sein als Reichstein? Der hat sich eben einigermaßen menschlich zu zeigen begonnen. Und außerdem ist das von Robert leeres Geschwätz, er redet um zu reden.

Leere. Ich fühle schon wieder Heimweh. Ich bin angeblich zu meinem Vergnügen hier in Berlin. Blauer Himmel und helle, glatte Buchenstämme. Und da sitze ich, ja, da sitze ich unter den Helden von »Sodom und Gomorrha« … »Woran denken Sie?«, fragt Reichstein.

Blöder Kerl, muß er fragen wie die dümmste Schulfreundin? Außerdem heißt sein Novellenband »Sodom und Gomorrha«, Novellen aus der Inflationszeit. Und wenn ich ihm das sage, klingt es wie plumpe Schmeichelei. Ich schmeichle niemandem.

Aber mein Mund sagt es dennoch. Und Herr Reichstein strahlt.

»Sie suchen hier die Personen meiner Erzählungen. Nett von Ihnen, und sehr klug, junges Fräulein.« Er tut sich was auf sein Alter zugute; ich werde auch einmal älter werden. »Gut getroffen?«

Haben diese Leute ihn gestaltet, denn er gehört dazu, oder gestaltet er sie? Ist er ein bedauernswertes Geschöpf oder der boshafte Schöpfer? Fast scheint alles ein skurriler Alptraum, fast E. Th. A. Hoffmann; gespenstisch und unwirklich, lebensfernes Erleben.

Frau Holz bittet zum Essen, ruft uns in die Wirklichkeit zurück … Die belegten Brötchen sind scharf gesalzen. Auch der Tee weckt mich aus meiner Verträumtheit. Ich muß Hunger gehabt haben, ich fresse wie ein Drescher. Mutter würde drohen, daß ich zu dick werde. Aber mein Tischnachbar ist so langweilig. Ich weiß ihm nichts anderes zu erzählen, als daß ich aus Wien bin.

»Ach, dort beginnt doch der Balkan«, sagt der Trottel.

Ich habe wirklich ein schlechtes Gewissen, weil ich zu viel Futter in mich hineinstopfe. Im Rhythmus der Kaubewegungen gehen allerhand Gedanken durch meinen Kopf. Was für Frauenzimmer wohl Robert besuchen … Und was für Mädchen Herr Reichstein erobert … Man sagt, daß das sogar bei Mädchen aus guter Familie vorkommt … Ich will unabhängig sein und ein Kind meiner Zeit … Man sagt und denkt so viele inhaltlose Worte, Worte, die nichts sagen, keine Vorstellung dahinter.

Robert verzettelt sich. Liegt das am Beruf des Journalisten? Tagesschriftsteller, lebt und stirbt er mit dem Tage. Ich werde mich nie verzetteln!

»Bisher habe ich die Jugend allein gelassen«, das ist Frau Holzens Stimme.

»Jugend ist eine Eigenschaft des Herzens«, erklärt Reichstein und macht ein Gesicht wie Mephisto, während er Marthe Schwerdtlein hofiert. Mir scheinen beide sehr alt, die Dame des Hauses und ihr geschätzter Gast.

»Bitte sich in den Rauchsalon zu begeben…«

Immerhin kommt der berühmte Schriftsteller wieder zu mir. Ich bin eben durchaus nicht »so schön durchschnittlich«.

»Alle sind beschäftigt, wir sind die Betrachter.« Ich fühle mich sehr geschmeichelt; ich gehöre zu ihm, und er ist doch der Gescheiteste hier, jedenfalls der Bekannteste. Seine Stimme klingt hoch und belegt. »Robert übt seinen Drohnenberuf aus …« Robert ist kein überflüssiges Tier, das nur seiner Männlichkeit dient – sehr arbeitseifrig war er allerdings nie. »… und unsere Penelope, ich meine die Dame, die uns bewirtet, legt Schlingen nach dem Mann mit der Zange, nach dem, der den Leuten ins Maul schauen muß. Scheußliche Beschäftigung, aber vielleicht weniger unappetitlich als die sogenannte Seele.«

»Sie meinen, daß Frau Holz mit Doktor Halbmann flirtet?« Ich habe die Dinge immer gern hübsch klar und deutlich im Kopf. Aber Reichstein lacht. Jetzt ist seine Stimme gar nicht mehr heiser, er wiehert.

»Vielleicht täte sie das ganz gerne, und Kurtchen würde niemals wagen, ihr zu widerstehen, wenn sie’s darauf anlegte. Dazu ist er zu gut erzogen. Aber ich denke, daß sie ein Opfer bringen und ihn in die Arme ihrer Tochter leiten will. Vielleicht dienen wir alle nur als Staffage für diesen eigentlichen Zweck des Abends.«

»Eigentlich eine dumme Konvention«, sage ich, »Leute einzuladen, nur damit sie sich den Magen füllen …«, und über den Hunger hinaus essen, denke ich, denn ich habe mir zuviel zugemutet; ich fühle meinen Magen, er drückt mich und wird zum Gewissen, »… Leute, die ohnehin genug zu essen haben, und um Gelegenheit zum Flirt zu schaffen.« Robert hat sich mit einem rothaarigen Mädchen in das »Flirtzimmer« zurückgezogen.

»Flirt, Liebesspiel. Ist es nicht das beste und wichtigste in unserem Leben?« Jetzt möchte Herr Reichstein wohl nachdenklich erscheinen, philosophieren – wie Hamlet mit dem Totenschädel. Er erinnert mich aber mehr an eine alte Dame, eine abgetakelte Primadonna. Was dieser Mensch wohl unter Liebesspiel verstehen mag? Wieso komme ich mir selbst so abgebrüht vor und weiß doch eigentlich nicht, worum das alles geht. Ich müßte Erfahrung sammeln.

»Angeblich ist das Keimplasma unsterblich, unsere körperliche Unsterblichkeit. Doch wir sind so tief herabgekommen, daß wir vom Unsterblichen nichts mehr wissen wollen und das große Feuer nur noch zum Anzünden kleiner Lampions benützen.«

Nein, Herr Reichstein, nein, nein, ich bin das Feuer selbst, ich will Leben, wirklich leben und mich verbrennen. Aber da denke ich daran, daß ich irgendein Cocktailzeug getrunken habe, und ich bin sehr froh darüber, daß man meine Gedanken nicht vernimmt, nicht weil sie zu kühn, sondern weil sie zu albern sind.

»Wir sind Zwischenwesen, leben zwischen den Welten und in keiner Welt, gehören nirgends hin. Manchen bleibt noch ein wenig Geist. Die Mehrzahl, die Glücklicheren, haben fast nichts davon mitbekommen. Und wir, die wir mit ihm behaftet sind, verwenden ihn nur zu nutzloser Festbeleuchtung.«

»Mit dieser Schlußfolgerung stimme ich überein«, sage ich. Ja, verstehe ich eigentlich, was er sagt, ist das nicht nur gespreizter Unsinn, bengalische Lichter?

»Sehen Sie, dieser Mann von Geist hier möchte mit seinem Fünkchen gerne einen Weltbrand anzünden. Natürlich ein Irrtum. Dabei ist er überzeugter Materialist, glaubt nicht an reinen Geist, Geist an sich, weltenschaffenden. Aber das ist ja auch bloß ein Irrtum; vielleicht hat Gott die Welt nur irrtümlich geschaffen. Ich halte das ganze Dasein nur für abwegige Phantasie, einen realisierten Fiebertraum … Gestatten Sie, daß ich Ihnen Herrn Doktor Blaustern vorstelle.«

Ein hübscher Mensch, hochgewachsen, mit dunklen Augen im blassen Gesicht. Dürfte ungefähr siebenundzwanzig Jahre alt sein. Ich bin aber nicht sehr sicher im Abschätzen des Alters. Warum spricht dieser Blaustern so leise? Schüchtern? Will er nicht, daß man seinen ein wenig östlichen Akzent merkt? Vermutlich polnischer Jude, der in Berlin studiert hat.

»Ich muß mich jetzt zusammennehmen. Herr Doktor Blaustern ist zwar Arzt, duldet aber keine losen Gespräche. Ihm ist Geschlecht ernst. Werden Sie sich nicht auf Haut- und Geschlechtskrankheiten spezialisieren? Oder noch besser auf Gynäkologie – um den Menschen ans Licht zu helfen oder, viel besser, um ihnen das Dasein zu ersparen.«

»Was habe ich Ihnen getan, Herr Reichstein, warum greifen Sie mich an?«, fragt Doktor Blaustern, und sein Ton kommt mir wehleidig vor. »Man lebt nicht nur für sich allein, zum eigenen Vergnügen. Wir sind verantwortlich, gehören einer Genossenschaft an, unserer Gemeinschaft.«

»Puh, da sind wir ja eben auf dem rechten Weg!«

Nun ist Reichstein endlich aufgewacht. Wenn er sich richtig ereifert, gefällt er mir besser, als wenn er bloß geistreichelt – sogar, wenn er das mir zu Ehren tut.

»Das fehlt noch, Gemeinschaft! Sie sprechen wie ein braver Kommunist.«

»Nein, ich …«

»Wie ein materialistischer Philosoph. Herr Doktor Blaustern studiert nämlich neben der Medizin auch noch Philosophie, wird seinem Doctor med. auch noch einen Doctor Philosophiae anhängen.«

»Pst, verraten Sie meine persönlichen Geheimnisse nicht!« Das scheint mir geziert und paßt nicht zu Blaustern.

»Könnte jemandem nicht zu Gesicht stehen, wenn Sie zuviel studieren, überflüssiges Zeug?«, fragt Reichstein boshaft. »Ein Arzt als Schwiegersohn ist akzeptabel, aber ein Denker … Gott behüte! Und wenn einer gar noch kommunistisch denkt …«

»Tu ich gar nicht.«

»Gemeinschaft und Verpflichtung für die Gesellschaft … Gesellschaft! Ich mußte mir heute der Gesellschaft wegen einen Smoking anziehen … Aber schwatzen Sie mir nicht vor, daß meine Werke der Gesellschaft dienen sollen. Sie unterhalten, gut, solange sie mich unterhält und erhält.«

»Sie denken nur an Ihre Schriften.«

»Ich lebe von ihnen.

»Aber … Nun, ich will nicht philosophieren. Aber sie sollten doch ausdrücken, was die Gemeinschaft …«

»Gemeinschaft! Zum Teufel mit der Gemeinschaft. Wenn mal die Zeit des Gemeinsamen anbricht, bin ich erledigt. Ich schreibe nicht fürs Volk. Die Kommunisten werden mich, hoffentlich auf sanfte Weise, aus dem Weg räumen. Ich habe auch gar keine Lust, in so einer Welt zu leben, ich werde mich rechtzeitig trollen, wenn die Zeit des Gemeinsamen hereinbricht. Bin kein Wohltäter, sondern ein Parasit, wie alle anderen hier und …«

»Es ist unvermeidlich, daß wir in Gemeinschaft leben – und notwendig.«

Das weiß ich auch. Wir tanzen auf einem Vulkan. Entweder regieren uns die Kommunisten vom Erdboden oder … Nun ja, die großen Herren wollen ihre Macht behalten und haben sich die Nazis vorgespannt. Und die werden mich jedenfalls wegräumen.«

»Schade um Sie. Sie könnten so wertvoll sein.«

»Ich bin doch nur ein Mensch, Doktor Blaustern. Wertvoll ist ein Ochse.«

»Menschen müssen ihrer Verantwortung bewußt sein.«

»Danke. Ich strebe kein Amt in einer entpersönlichten Welt an. Ich kann zerstören, aber zu einem neuen Glauben könnte ich mich nicht bekehren.«

»Es ist kein Glaube, es ist Tatsache, daß wir Juden sind.«

»Erzählen Sie das Frau Holz und Herrn Doktor Halbmann und …«

»Das tu ich. Wir gehören zusammen.«

Dann verzieht sich Doktor Blaustern.

»Ein Zionist ist nicht besser als ein Salonsozialist«, knurrt Reichstein, »Juden … fehlt gerade noch. Will eben zu uns gehören. Berliner Juden. So ein polnischer Streber. Na, sein künftiger Schwiegerpapa ist auch nur ein Ostjude, aber ein sehr reicher Teppichhändler. Deswegen verbirgt Blaustern seine Neigung zur Philosophie so schamhaft. Warum wollen alle die Welt verbessern? Wenn schon nicht die große, so doch wenigstens die kleine der Juden. Ich begnüge mich damit, sie zu schildern.«

Nun hat sich irgendein stark dekolletiertes Mädchen an Reichstein gelehnt und ihn weggeangelt. Jetzt hätte ich Lust zu schlafen. Ich bin müde. Warum ist die ganze Welt hier so hoffnungslos müde? Sie alle scheinen sich zum Sterben hinzulegen. Deshalb erheben sie so ein lautes Geschrei, damit man meint, sie wären noch frisch und lebendig. Wenn sie nicht schreien, merkt man, daß sie tot sind, und gräbt sie ein … Träume ich bereits mit offenen Augen? Schläft wie ein Hase, sagt Mutter, wenn ich so mit offenen Augen träume. – Robert schaut, was die kleine Schwester macht. Ich will für diese Leute gar nichts anderes sein als Roberts kleine Schwester.

»Das Käseblatt braucht mich dringend in der Zentrale, für Berlin bin ich dem Alten zu gut«, sagt er unverhofft.

Heißt das etwa, daß du zu große Spesen gemacht hast und sie dich auf einen Posten versetzen, wo du weniger Kosten verursachst?«, frage ich, unerbittlich wie Mutter.

»Warum alles so unfreundlich auslegen? Du kannst ja auch sagen, daß ich unfähig bin oder das man genug Korrespondenten finden kann … und auch daß die Nazis immer stärker werden und es da nicht günstig ist, Juden als Berichterstatter zu halten. Na, bei uns in Österreich sind wir ja auch nicht eben beliebt. Und der Chef wird ungern an seine Abstammung erinnert …«

Was steckt hinter seinem »Avancement«? Nichts Gutes. Ich möchte nicht fort von Wien. Nein. Jetzt möchte ich gern bei Mutter sein, und das darf ich wirklich niemandem verraten, sonst mache ich mich lächerlich.

2. KURT

So viele Leute und so eine elegante Gesellschaft. So ein feines Haus, und ich gehöre dazu. Ich bin der Doktor, der Herr Doktor, der dazugehört. Ich bin Doktor: nicht einmal Reichstein führt diesen Titel. Aber es liegt mir nicht, mich vorzudrängen. Immer hübsch bescheiden, so hat es mich Mutter gelehrt. Jetzt darf sie stolz sein auf ihren Sohn, den Doktor. Und wenn ich jetzt bei ihr säße, wäre das Essen etwas weniger vornehm und minder ausgesucht schmackhaft, aber bequemer, weniger mühsam. Und ich müßte nicht eine schwere Importzigarre rauchen. Man sieht mit so einem Stengel im Mund gut aus, er verleiht einem Würde und Männlichkeit. Ich ziehe mannhaft daran, doch fühle ich mich ein wenig schwindlig. Ich habe schon sehr viele Zigaretten geraucht. Ein bißchen frische Luft … Da naht Frau Holz, die Gastgeberin. Sie nimmt von mir Notiz. So darf ich aus Höflichkeit tun, wonach mich gelüstet. Ich erhebe mich respektvoll und drücke den Glimmstengel im Aschbecher aus.

Sie setzt sich gar neben mich. Eine große Ehre. Wie wohlig mir gleich zumute wird … Das ist die mütterliche Atmosphäre der reifen Frau. Und sie sorgt dafür, daß mir ein prächtiges Stück Kuchen serviert wird. Ich hatte schon lange Lust auf den Kuchen, den sie herumreichen. Aber ich kam nicht recht heran, und es wäre unschicklich, mich vorzudrängen.

»Alles Reine wird in den Kot gezogen.« Ich glaube, daß ich sehr klug spreche. Dabei schmeckt mir der Kuchen – darf den Mund nicht zu vollnehmen, mit dem Kuchen nämlich, habe den Eindruck, daß Aprikosen darauf sind. »Die jungen Männer vergessen, in den Frauen ihre Mütter zu achten. Man muß einer Dame mit Verehrung begegnen. Aber sie sehen in den Mädchen …« Nun weiß ich nicht weiter. Aber Frau Holz hilft mir.

»… einen Gebrauchsgegenstand.«

»Sie vergessen den Eigenwert der Frau und nennen das Emanzipation, quasseln von Gleichberechtigung. Wenn ich einmal heiraten sollte, müßte die Erwählte meiner Mutter gleichen.« – Frau Adele ist die einzige hier im Saal … wenn ich ihr … Aber sie weiß doch ohnehin viel mehr als ich. Es ist klüger, wenn ich mich vorsichtig von ihr leiten lasse. Sie weiß, was ich will, und ich weiß es eigentlich nicht … Was plane ich? –

»In dieser Welt, die nur Begehren kennt und keine Liebe, die Häuser baut, aber kein Heim …« – Rede ich da nicht puren Unsinn zusammen? Doch nun kann ich endlich von dem sprechen, was mich wirklich bewegt: »Mein Ordinationszimmer muß hell gekachelt und der Warteraum soll in dunkleren Farben gehalten sein, beruhigend, etwa blau oder dunkelrot.« – Warten müssen meine Patienten; sie drängen sich. »Die Jugend« und »Die Koralle« müssen dort ausliegen, auch »Die Gartenlaube« für sanfte junge Mädchen. Aber die gibt es doch gar nicht. Vielleicht lesen die Mütter der jungen Mädchen noch »Die Gartenlaube« … Und für Leute, die Gewürze lieben, der »Simplizissimus«. Vor Doktor Halbmann werden sich bald die Münder Berlins öffnen, die am meisten zu reden haben …

»Und wer wird in all dieser Herrlichkeit Ihr heiliges Herdfeuer hüten?«, fragt sie. Welcher Charme! Eine reizende Frau. Ihre freundliche Ironie wärmt mir so richtig das Herz.

»Ich will, wie ich glaube im Gegensatz zu anderen Männern meines Alters, offen zugeben, daß ich gern heiraten möchte. Das gehört zu meiner Existenz, zum Wohlgeordneten, Gutbürgerlichen, sogar zum akademischen Beruf. Sonst meint nämlich meine Assistentin, sich meiner erbarmen und mit mir flirten zu müssen, gewiegt von der leisen Hoffnung, mich vielleicht selbst ködern zu können. Die vielgerühmte Freiheit ist doch in Wirklichkeit bloß eine Fessel und verbraucht zu viel Energie, zehrt sie auf. Ich will meine Existenz gründen. Und wie soll ich unter dieser leichtlebigen, verantwortungslosen Jugend eine Gefährtin finden, die zu mir paßt? Wenn es heute noch junge Frauen gäbe wie meine Mutter – oder wie Sie, gnädige Frau Holz …«

»Ich bin also auch schon nicht mehr da, stehe im Gegensatz zu den Jungen. Ja, man wird eben alt.« Das habe ich doch gar nicht sagen wollen! Aber anscheinend habe ich es gesagt. Zu dumm! Sie ist so gütig: sie nimmt mir’s nicht übel, sondern lächelt freundlich, sanft, von blauem Zigarettenrauch verklärt.

»Sie sind ein großes Kind, lieber Doktor. Sie vergessen, daß wir Frauen nicht mit Lebenserfahrung, in gereiftem Zustand geboren werden. Auch Ihre Mutter ist einmal ein Backfisch gewesen und war damals nicht so vollkommen wie heute … ohne ihr nahetreten zu wollen. Auch ich werde ja leider nicht jünger.«

»Damit wollen Sie doch nicht sagen, daß Sie einmal in so einem Sumpf gewatet sind wie diese gräßlichen … nun wie diese heutigen … und das soll man junge Damen nennen! Und so etwas soll man heiraten!«

»Lassen Sie sich nicht durch den äußeren Anschein täuschen. Meine Blanche, ich greife sie nur als das mir am besten bekannte Beispiel eines jungen Mädchens heraus, wird genauso werden, wie ich heute bin. Im Grunde genommen fühlt sich das arme Kind in diesem abgebrühten Kreis, bei überspitzten Gesprächen und Flirts um jeden Preis, gar nicht wohl. Aber wenn sie nicht mit den Wölfen heult, hält man sie für langweilig. Keine Frau spielt aus freien Stücken Mauerblümchen.«

So, also Blanche heißt ihre Tochter. Neuauflage. Alles kehrt wieder … hat irgendein Philosoph gesagt. Bin kein Philosoph.

»Trinken Sie, Doktorchen«, sagt Frau Holzens wohlklingende Altstimme.

Ich trinke ja. Das ist wohl irgendein Cocktail. So nennen sie es, wenn sie allerhand berauschendes Zeug durcheinandermischen. – Alles kehrt wieder. Die ewige Wiederkehr des Gleichen, hat ein Philosoph gesagt. Ich bin aber nur ein ehrbarer, mit beiden Füßen im Leben und im Ordinationszimmer stehender Akademiker. Ob Frau Holz ahnt, was sie in mir geweckt hat, welche Gedanken mir im Kopf kreisen, schicksalsschwer? Irgendwie nähere ich mich Blanche. »Halb zog sie ihn«, halb lenkt mich ihre Mama …

Ob ich im stillen nicht doch ein bißchen aufgeschnitten habe? Sehr selten verirrt sich ein Patient in meine Räume. Meist sitze ich einsam da und warte, warte wie eben jetzt. Bloß, daß ich nicht in meinem Ordinationszimmer sitze, sondern in einem Kaffeehaus auf dem Kurfürstendamm. Eine warme, angenehme Atmosphäre. Es duftet nach feinen Zigarren und wohlgenährter Bürgerlichkeit. Ich habe mir einen Milchkaffee bestellt, tu’, als ob ich eine illustrierte Wochenschrift lese. Ich tu’ nur so, denn ich bin nervös und gespannt … Es ist schon über die Zeit. Ach, da kommen die beiden Holzdamen, Mama und Töchterchen, Ein Zeichen der Wertschätzung, daß sie sich so wenig verspätet haben! Schaut wirklich aus wie eine verkleinerte Reproduktion von Mamas Photo … und ist sicherlich ein braves Kind. Und wie hübsch sie sich für mich gemacht hat! Für mich, jawohl, für den Herrn …

»Herr Doktor!«

Ich habe mich wohl etwas zu tief verbeugt …

Sie ist bezaubernd. Frau Adele! Was für eine Frau! So sagte ich ihr das schönste aller Worte, das tiefste, süßeste, nannte sie Mama – und sie faßte mich daran, nahm mich beim Wort, und so bin ich mit einem Schlag Blanches Verlobter. Bräutigam, welch ein komisches Wort. Bräutigam … Bräutigam. Und demnach ist Blanche meine Braut und die schöne Frau Holz meine Schwiegermama. Das klingt gar nicht so schön … Mütterlicher Kuß, mütterlicher Kuß Mutters und Mamas, Mama Holzens. – Mutter hatte ich stotternd berichtet, und sie war durchaus zufrieden. Habe also keine Dummheit begangen.

Bräutigam …

3. JOHANNES

Emil Seyers Stimme knarrt unfreundlich, seine Worte sind auch nicht liebenswürdig. Dabei habe ich ihn doch schon gezähmt. Weil er länger in diesem Laboratorium Professor von Gablenz’ Mitarbeiter ist, spielte er sich wirklich unverschämt auf. Nun, ich habe ihn so grob behandelt, daß er beinahe höflich geworden ist. Jetzt wirft er mir voll Empörung vor, daß ich eigene Gedanken habe und eigene Themen bearbeiten möchte. Der Emil wird immer ein braver und treuer Diener seines Herrn bleiben. Er bewundert, er identifiziert sich mit dem Mächtigen. Das ist unser brummig gütiger Ferdinand. Ferdinand der Gütige wird von Gablenz von seinen Mitarbeitern genannt. Ich erinnere mich, daß man den Vorgänger Franz Josephs Ferdinand den Gütigen nannte, um zu verschleiern, daß er schwachsinnig war. Unser Ferdinand ist keineswegs schwachsinnig, sondern ein großer Mann. Seine Arbeiten, die Arbeiten seiner Jugend haben die Biochemie grundlegend beeinflußt. Jetzt ist er zu meinem Leidwesen der Überzeugung, daß junge Leute keinen eigenen Gedanken fassen dürfen, sondern die Ideen ihrer Chefs in die Praxis des Laboratoriums umzusetzen haben.

»Du bist doch erst ganz kurze Zeit in diesem Laboratorium«, wirft mir Emil vor. Er ist furchtbar stolz darauf, daß er einige Wochen früher zum Mitarbeiter des Vorstandes der Lehrkanzel, zum persönlichen Adjunkt des weltberühmten Ferdinand von Gablenz aufgerückt ist und einige Eprouvetten mehr zerbrochen und etliche Kaninchen mehr umgebracht hat als ich.

»Du wirst schon sehen, was er anfaßt, ist wichtig. Erfahrung …«

»Zur Zeit seiner grundlegenden Arbeit war er ein junger Dozent von siebenundzwanzig Jahren.« Mit siebenundzwanzig Jahren! Werde ich jemals Dozent werden? Eine akademische Karriere ist das, was ich vom Leben erwarte, wünsche, sehne, aber … »Und hat dann dreiunddreißig Jahre warten müssen, bis er eine eigene Lehrkanzel erhielt.« Ja, erst mit sechzig Jahren hat Gablenz die Lehrkanzel als Ordinarius erreicht.

»Er ist eben jüdischer Abstammung.« Das ist es. Das ist ja der Umstand, der meine akademische Karriere von vornherein unmöglich macht.

Schon sein Vater war katholisch und sogar geadelt«, bemerkt Emil. Auch sein Vater ist getauft, auch Emil ist schon in zweiter Generation katholisch und tut sogar sehr brav vaterländisch, lammfromm und regierungstreu. Und ist wirklich vollkommen apolitisch. Ja, apolitisch bin ich eigentlich auch, aber bei uns versteht man jetzt darunter antimarxistisch … Emils Vater war Ingenieur der längst verschiedenen österreichischen Kriegsmarine gewesen. Emil hat gekräuseltes Haar, Plattfüße, Brille. Nun, mit einer Brille bin ich auch behaftet, und wenn ich blond bin, habe ich dafür eine krumme Nase. Doch ich gebe ja nie vor, etwas anderes zu sein, Emil aber sieht trotz des Taufwassers bei der Geburt wie eine Karikatur aus dem »Stürmer« aus. Und dabei ist er fürchterlich ehrgeizig. Deswegen haßt er meinen Ehrgeiz, eigene Arbeiten zu machen. Er will sich vielleicht hinaufdienern. Ich verärgere meine Vorgesetzten, weil ich meinen eigenen Weg gehen will. Vielleicht hat er recht. Ich bin unbescheiden, voreilig.

»Er hat sich durchgesetzt. Es war beinahe ein Zufall, daß sich das Professorenkollegium entschlossen hat, ihn vorzuschlagen, und daß ihn das Ministerium ernannt hat. Weißt du, daß er mal ein fescher Kavallerieoffizier gewesen sein soll?«

»Und wie hat er da seine Arbeiten gemacht?«

»Ich denke immer darüber nach, wie der Alte seine beiden Kinder zustande gebracht hat. Er duldet keine Waschfrau, die jünger ist als fünfundvierzig, um die Studenten nicht in Versuchung zu führen.«

»Wann werdet ihr euren Schwatz endlich abschließen?«, fragt Anton. Er pflegt sich nicht an Gesprächen zu beteiligen, nimmt weder für mich noch für Emil Partei und ist dabei doch mein bester Freund. Mein Tourenkamerad. »Ihr klatscht wie alte Waschweiber.«

Er ist mit einem Soxlethapparat beschäftigt. Es wird ruhig und still gearbeitet. Ich liebe den Geruch des Laboratoriums, obwohl es nicht eben nach Rosen duftet. Wer aber möchte seine Tage im Duft von Rosen zubringen?

»Ich weiß eine große Neuigkeit«, setzt Emil wieder an. Aha, er wollte sicherlich schön allmählich darauf zusteuern, sie recht sensationell bringen. Das freut ihn, gerade weil er so ein braver, folgsamer Bürger ist. Sensation ist des Bürgers Rache für sein langweiliges Schicksal. Und Anton hat ihm das verdorben.

»Hat Katharina einen neuen Liebhaber?«, frage ich. Es gehört zu Emils Lieblingsunterhaltungen, von Katharinas Liebesleben zu berichten. Sie ist kein hübsches Mädchen, aber die beste Studentin unseres Jahrgangs. Vielleicht schärft der Neid Emils Zunge, er wäre selbst gern der Beste.

»Laß mich rechnen«, brummt Anton. Die Züge seines harten Jungengesichts sind sehr verschlossen, der Mund ist zu einem Strich zusammengepreßt wie vor dem Sprung über eine Randkluft. Auf dem Gletscher der Jungfrau war er hineingefallen, und ich mußte ihn am Seil herausziehen. Er hat es inzwischen zurückgezahlt. Am Mösele mußte er mich halten, als ich in eine Gletscherspalte gestürzt war.

Es geht auch dich an, Anton.« Emils Stimme wird hell und vergnügt, während sie sonst immer knarrt. »Ich weiß doch, was im Institut vorgeht. Unsere Dekrete sind eingetroffen.«

Das ist ja wunderbar! Also endlich! Also doch! Ich wußte, daß Gablenz uns drei für die freien Posten als Demonstratoren eingegeben hat. Wir sind seine persönlichen Mitarbeiter. Nun werden wir außerdem Untersuchungen für das Allgemeine Krankenhaus zu machen und Studenten zu unterrichten haben. Ich bin Demonstrator, die bescheidenste Stufe eines akademischen Lehrers habe ich erreicht! Man weiß nie, ob das Ministerium die Vorschläge des Professors annehmen wird, und Anton und ich sind Juden … Ein Anfang.

Die wundervolle, hinreißende, wohlgeordnete Verwirrung des ersten Finales von Mozarts Oper ist verklungen, Vorhang. Das Händeklatschen zerreißt brutal die Illusion. Dabei bin auch ich den Sängern dankbar. Wie sie die Rachearie hingelegt hat … und welches Erfassen Don Juans. Ein guter Bariton, selbst wenn die Stimme nicht immer ausreicht. Freuen sie sich wirklich, oder sind auch sie aus den Rollen gerissen? Die Sänger verneigen sich vor dem Vorhang.

»Bist du sehr müde?«, fragt Peter.

»Nicht sehr«, lüge ich. »Obgleich ich den ganzen Tag im Laboratorium gestanden habe.« Und jetzt verlassen wir das Stehparterre.

»Ich möchte gern eine Zigarette rauchen.«

So kann ich mich also nicht niedersetzen. Wir steigen die Marmortreppe zum Foyer hinauf. Der Kerl muß rauchen, und seines Lasters wegen bin ich gezwungen, auf die Ruhe des Sitzens zu verzichten. Elegant gekleidete Leute. Nackte Frauenschultern, Dekolletés, alles in feinen blauen Rauch gehüllt. Zart verschleiert und gleichgültig. In mir klingt noch die Musik nach. Ich hätte Lust, das Menuett vor mich hinzupfeifen. Kommt natürlich nicht in Frage, wäre ungezogen.

»Wie lange lebt ein Mensch?«, fragt Peter.

Er reißt mich damit neuerlich aus dem Nachgenuß der Musik. »Man nennt dreißig Jahre ein Menschenalter. Das war früher die Durchschnittslebensdauer, ist es wohl noch im größten Teil der Welt, aber in zivilisierten Ländern kann man mit sechzig rechnen. Und wenn man das erste Lebensjahr glücklich überstanden hat, ohne abzukratzen, kann man wohl siebzig oder fünfundsiebzig erreichen.« Vater hoffentlich mehr; er nähert sich schon bedenklich den Siebzigern, fehlen ihm nur noch ein paar Jahre bis dahin …

»Oft glaube ich, daß man in Wirklichkeit nur siebzehn oder achtzehn Jahre lebt, wirklich lebt, und dann eine Rolle übernimmt. Man wird vernünftig, Nummer in einer Garderobe, nützliches Mitglied der Gesellschaft.«

»Man wird erwachsen. Ist das ein Unglück?« Ich war einmal sehr entsetzt, als ich merkte, daß die Naturwissenschaft nicht mit dem übereinstimmt, was ich im Religionsunterricht gelernt hatte. Später plagte ich mich mit Kant und Schopenhauer und suchte Hegel zu verstehen. Und heute quälen mich wissenschaftliche Fragen. Ich habe mich eigentlich nicht verändert. Doch muß ich Peter beruhigen. Peter ist sonst ruhig, ich bin sein Freund, muß ihm helfen. »Die besondere Unruhe dauert vielleicht bis zum neunzehnten Jahr …«

»Das Leben, Johannes. Dann vegetiert man nur mehr.« Für gewöhnlich drückt er sich nicht so pathetisch aus.

»Man muß Überlegungen beiseite schieben. Vielleicht vermag ich zu entscheiden, ob es Gott gibt oder nicht, aber ich kann verzeichnen, welcher Prozentsatz der einem Kaninchen eingeflößten Milchsäure im Harn ausgeschieden wird.«

»Du untersuchst nach wissenschaftlichen Ideen.«

Das meint der Laie. Ideen sind doch bloß Arbeitshypothesen, wichtig ist die Wirklichkeit. Und was ich wirklich möchte, läßt man mich nicht untersuchen. »Ich analysiere Urin, füttere Kaninchen mit der Schlundsonde, langweile mich in Vorlesungen. Alltag …«

»Dennoch dein eigener Alltag. Am Tag, da man mir liebevoll klarmachte, daß man nicht verantworten könne, mich als Maler verhungern zu lassen, da ich nachgab und in Vaters Geschäft eintrat, war mein wahres Leben zu Ende.«

Wahrscheinlich hätte er sich durchgebissen, sich gewehrt, wenn seine Begabung groß und zwingend genug gewesen wäre. Bin ich grausam und ungerecht? »Das glaubst du doch selbst nicht.«

Wahrscheinlich glaubt er es doch. Er versteht etwas von Kunst, und Musik ist ihm viel mehr als mir, er erfaßt sie viel tiefer. Wir kommen an einen Büfettisch.

»Ich bin bei den Fleischtöpfen Ägyptens geblieben.« Fleischtöpfe ist ein Schlagwort. Ich fühle mich von den belegten Brötchen fürchterlich angezogen. Zu Hause haben sie mir sicher harte Eier vorbereitet. Warum sollte ich Geld für eine Wurstsemmel ausgeben? Dafür gehe ich lieber nächstens wieder auf einen Stehplatz. Überdies will ich mir das Buch kaufen; es kostet leider viel mehr als die Wurstsemmel, aber ich muß dafür sparen … Jetzt kommen noch Bekannte; das hat mir gefehlt! Plötzlich werde ich mir bewußt, daß ich schäbig angezogen bin. Für den Stehplatz muß man sich nicht in Gala werfen, und sehr viel noble Kleidung besitze ich gar nicht. Siegmund Graumann ist natürlich hochelegant, tadellos. Dabei ist er ein armer Student, hat immer brav Prüfungen abgelegt, Kolloquien, um Nachlaß des Kollegiengeldes zu erzielen. Meine Noten sind wesentlich schlechter … Natürlich mit Emma Friedetzko, lange reizlose Hopfenstange, und er schaut sie an wie ein Kind den Christbaum.

Begrüßung. Fräulein Emma Friedetzko ist mit Franz Schalks Mozart-Interpretation nicht ganz einverstanden. Mir genügt sie … Warum sind alle Leute im Musikalischen besonders snobistisch? Die spontanste und allgemeinste, die unintellektuellste der Künste, sollte man meinen, und in keiner findet man so viel Getue, so viel Großtuerei … Wenn man tadelt, zeigt man, wieviel man versteht.

Natürlich kauft Graumann seiner Dame Brötchen und greift selbst zu. Woher nimmt er das Geld?

Das Klingelzeichen … Der spitzbärtige Dirigent wird von Beifall begrüßt. Wie ich diesen Augenblick der Stille liebe, wenn er den Taktstock hebt. Leporello beklagt die ausgestandene Gefahr und kündigt den Dienst auf. Don Juan sucht ihn mit vornehmer Ironie zu beruhigen.

Es gibt keine dramatische Spannung, die an die einfachen und dennoch so gewaltigen Akkorde beim Erscheinen des Komturs heranreicht. Man wird im tiefsten aufgewühlt.

Den Großen und Ungewöhnlichen hat der Teufel geholt, die braven kleinen Menschlein dürfen jubeln … Welche Ironie im freundlichen Abschluß der Tragödie!

Kühler Wind weht uns in der Tür entgegen.

»Es wird Herbst«, sagt Peter.

Und Anna ist nicht hier. Ob Anna zum Vergnügen nach Berlin gefahren ist oder um den Nichtsnutz von Bruder zurückzubringen? Sie ist beinahe noch ein Kind, und Robert Kallay ist wesentlich älter als ich. Anna arbeitet bei ihrem Vater, verdient immerhin etwas mehr als ich in meiner glorreichen akademischen Stellung. Es wird Herbst, hat Peter gesagt. »Das ist recht. Hoffentlich gibt es bald reichlich Schnee. Zu Weihnachten möchte ich mit Anton Skilaufen gehen. Wie fern Weihnachten noch ist.«

»Ich bin kein Bergsteiger.«

»Man liest keine Zeitung, denkt nur ans Wetter und an die Schneelage. Es ist eine eigene, abgeschlossene und dennoch so freie Welt … außerhalb der Welt.«

»Ich werde mich zum Alpinismus bekehren.«

»Das rate ich dir wirklich an.«

»Also fliehst auch du aus der Welt, weil du es aufgegeben hast, sie zu verbessern.«

»Kommt ganz darauf an, was man darunter versteht.« Das wäre doch zu traurig, wenn ich nicht wirken sollte. Aber kämpfen mag ich nicht, kann ich nicht, nicht politisch.

»Ich dachte immer, daß du immerhin eine politische Überzeugung hast.«

»Ich weiß, daß der Sozialismus notwendig ist und daß die Menschen diesen Weg gehen werden, gehen müssen …«

»Es sieht kaum so aus.«

»… doch was kann ich dazu tun? In jeder Gesellschaftsform will und werde ich als medizinischer Forscher wirken, als Arzt. Ich will Wunden heilen, keine schlagen. Ich bin froh darüber, daß ich niemals Militärdienst leisten mußte, und ich will niemals eine Feuerwaffe abschießen. Als ich an die Universität kam, trat ich der Akademischen Legion bei, um die Angriffe der Nazis abzuwehren. Man darf sich nicht wehrlos prügeln lassen; schließlich sollten die Universitäten eine geistige Vorhut sein und nicht schwärzeste Reaktion. Doch als man mir ein Gewehr in die Hand gab, mir Schießübungen zumutete, zog ich mich zurück. Ich bringe keinen Menschen um.«

»Dann darf man ja zu dir als Arzt Vertrauen haben.«

Das ist nett gesagt. Plötzlich hat seine Spannung auf mich übergegriffen, und mein Gewissen plagt mich. Hätte ich doch dabeibleiben müssen? Ich habe mitgerauft, Schläge ausgeteilt und erhalten. Es war sogar schön, sonderbar schön, mitzugehen, dazuzugehören. Aber schießen lerne ich dennoch nicht; das wichtigste ist der Friede …

Wie klotzig die geschmacklose Albrechtsrampe zum Himmel aufragt, das Mozartdenkmal gegenüber ist ganz klein. Stille. Nur aus den Kaffeehäusern dringt gedämpftes Licht und der Klang von Stimmen. »Ich muß meinen eigenen Weg gehen, und der ist nicht politisch …«

Merkt Peter, daß ich mich entschuldige, daß ich Ausflüchte suche? Doch, warum sollte ich mich mit Politik befassen?

»Dein Leben hat einen Sinn«, sagt er mit einem Beiklang von Bewunderung. Also hat er mich nicht verstanden.

Wir sind bei Peters Wohnung angelangt, und ich gehe allein weiter. Armer Mühsam. Plötzlich falle ich in alte Schülergewohnheit und nenne den Freund beim Zunamen. Volks- und Mittelschule haben wir zusammen durchlitten … Verwirrung. Jugend. Da beneiden einen die Alten um das Jungsein … Wieviel habe ich noch zu durchlaufen, bevor ich Doktor werde. Was wird aus meiner Arbeit? Nicht einmal Emil wird vom Fleck kommen, obwohl er getauft ist.

Ich möchte nur wissenschaftlich arbeiten und lehren, und doch werde ich bestenfalls Kliniker, werde in einer Privatpraxis sitzen und auf Patienten warten. Graumann hat schon jetzt das Wesen des praktischen Arztes, Emma Friedetzko war Annas Mitschülerin. Das treulose Frauenzimmer hat mir nicht einmal eine Ansichtskarte geschickt. Wahrscheinlich unterhält sie sich sehr gut in Berlin. So sind die Frauen … Dabei arbeitet sie fleißig, ich sollte ihr die Erholung gönnen … Warum ärgere ich mich über Anna? Ich kann doch an Helena denken. Ich erinnere mich ihres Parfüms und ihrer vollen Brüste.

Da stehe ich vor meinem Haustor und klingle.

Ich höre den Hausmeister in seinen Hausschuhen heranstapfen.

4. RALPH REICHSTEIN

Was wohl im Köpfchen eines braven Bürgeridioten wie Kurt Halbmann an seinem Hochzeitstag vorgehen mag? Niemals werde ich das wissen, erstens wird mich Gott vor der Ehe bewahren – ich glaube weder an Gott noch an die Ehe, noch an die Erlösung durch Karl Marx –, zweitens bin ich nun mal kein Idiot. Ich müßte es aber wissen, um es als Schriftsteller schildern zu können. Sollte ich’s aus purer künstlerischer Gewissenhaftigkeit mal versuchen? Da es mir keine rechte Freude mehr macht, junge Mädchen »zu verführen«, wie ich es einst für einen netten Sport gehalten habe, könnte ich mich in einer hübschen Ehe begraben. Aber ich bin schließlich kein Zahnarzt. Gräßlicher Gedanke, den Leuten in ihre stinkenden Mäuler zu schauen, in den Zähnen herumwühlen zu müssen! Da ziehe ich die schmierige Seele vor, die ist doch immerhin geruchlos. Wie stolz er bloß auf sein neues Ordinationszimmer ist, das ihm irgendeine Mundwasserfirma gestiftet hat, mit entsprechenden scheußlichen Propagandabildchen und Sprüchen. In meinen schönsten Stunden satirischer Inspiration hätte ich diese zartrosa Kacheln nicht erfinden können. Wie hat er nur die gräßlichen Buchstaben, die da irgendwie herumfliegen, beschrieben – der Junge ist auch sprachlich unbezahlbar –: »dunkelrot geschmackvoll verschnörkelte Zierschrift«! Den Patienten muß dabei der kalte Schweiß in Strömen über den Rücken fließen. Er behauptet allerdings, »eine leichte Hand« zu haben. Sein Frack spannt mächtig an den Schultern. Er ist bereits so fett geworden, als ob er schon Jahre verheiratet wäre. Zeichen des beruflichen Erfolges. Man sagt, daß ein guter Hahn mager sein müsse, ich werde wohl nie wissen … Was geht es mich schließlich an, wie er sich bewährt? Die »immer noch blonde« Schwiegermama betrachtet er mit fast noch größerem Stolz als die neueingesetzte Adamsrippe.

Wenn ich noch unverdorben wäre … Aha, verwandle ich mich etwa in einen Amfortas? Möchte ein unschuldiger Parsifal sein, wie der Bräutigam. Ein gräßliches Wort. Niemals werde ich heiraten. Ich ertrüge es nicht, als »Bräutigam« bezeichnet zu werden. Amfortas, der von der bösen Kundry in Klingsors Puff eine Syphilis gefangen hat und nun von Medizinalrat Gurnemanz behandelt wird. Wäre eine ganz lustige Komödie. Warum gerade eine Parodie auf »Parsifal«? Ich liebe Wagner, mich erschüttert der Karfreitagszauber. Zauber … Was macht es aus, ob der Zauber echt oder falsch ist? Manchmal sehne ich mich danach, kein lendenlahmer Amfortas mit dem Schmerz der Welt, sondern ein naiver Parsifal zu sein. Da, schau nur hin, Reichstein, berühmter Dichter, so sieht dein Parsifal aus: Ein rundlicher Bursche, der ein wunderbares Bürgergänschen ins amtlich und synagogal gesegnete Bett nehmen darf, Augen wie Porzellan, Haare wie künstlich geringeltes Stroh, und die Brust ist zweifellos mit Sägespänen angefüllt. Wenn ich unverdorben wäre, hielte ich mich an Kurts Mutter und würde von ihr gerührt. Schwarz gekleidet, weil sie den Gatten immer noch betrauert, und dennoch strahlend. Sicherlich hat sich die Alte jahrelang jedes Vergnügen versagt, sich die Butterstulle vom Mund abgespart, um das Söhnchen studieren zu lassen.

Bei all diesen lästernden Gedanken muß ich auch noch die Fischgräten beachten, um die Hochzeit meines teuren Freundes, Doktor Kurt Halbmann, nicht durch einen Erstickungsanfall zu stören. Eine Gräte im Rachen stecken haben – das wäre so richtig das körperliche Äquivalent meiner Seelenstimmung … Lieber nicht, ich ziehe dennoch die Schmerzen der Seele vor. Sie tun weniger weh.

Der Rheinwein ist von der besten Sorte, möcht mich gern damit ansaufen, aber ich muß auf die Rede warten. Der Herr Geheimrat klopft ans Glas. Wie heißt der Herr Geheimrat? Was ist das für ein Fisch, den sie uns da vorgesetzt haben? Hat der Herr Geheimrat nicht auch den Namen irgendeines Fisches? Ich schlage vor, Geheimrat Karpf. Ob er auch so spitze Knochen im Leibe hat? Er ist außen schön glatt und abgerundet, und ein edles Antlitz ist genauso ausdrucksvoll wie das eines Karpfens.

»… das ungeheure und wohlverdiente Ansehen, dessen sich die Familie des Fräulein Braut, Tochter meines hochgeschätzten Freundes …«

Eine Melodie von Mozart geht mir durch den Kopf. Was ist das nur, aus welcher Oper? Ja, Gott sei Dank, er ist zu Ende. Man darf anstoßen. Der Weißwein ist wirklich gut. Und die Melodie ist aus »Così fan tutte«: »Ja, die liebe Weibertreue«, Baßarie, genau das richtige für eine Hochzeit.

Der Brautvater, Spender der Mitgift, antwortet. Einen Sack guter Lehren gibt er »seinen Kindern« auf den Weg mit. Werden ihn schon nicht auspacken. Gute Lehren haben nochmals was getaugt … »Erfahrung« höre ich. Was der wohl Leben erfahren haben mag? Wie man Geld macht und daß man von seiner Frau in Ruhe gelassen wird, wenn man genug davon gibt und sie gerade einen einigermaßen befriedigenden Freund am Busen hat …

»Prost, prost … Hoch das Brautpaar!«

Pröstchen; der Wein ist aber wirklich fein … Und nun wird Entenbraten serviert. Erstklassig. Meine Nachbarin muß sich fürchterlich langweilen. Soll ich ihr erzählen, was bei einer bürgerlichen Hochzeit durch meinen Kopf geht? Soll ich ihr meine Geistesblitze vorführen? Sie sterben, ehe sie aufgeblitzt sind, geblitzt, verblitzt, abgeblitzt: Langweilen Sie sich, mein Fräulein? Ich werde langsam zu alt, und innerlich zu verzweifelt, als daß es mir noch Spaß machte, Sie zu verehren. Besonders hübsch sind Sie auch nicht, und überdies dürfen Sie nachher niemandem erzählen, daß Sie sich neben dem berühmten Reichstein gelangweilt haben. Vielleicht werden Sie sogar von mir schwärmen, am Ende gar den Band »Sodom und Gomorrha« käuflich erstehen … oder in meine Wohnung kommen, um ihn, mit eigenhändiger Widmung versehen, von mir auszuschnorren.

Die Ente ist mir lieber als … aber da setzt die dritte Rede ein. Ich sehe, daß da ein kräftiger roter Bordeaux bereitsteht. Launig, mit Humor garniert, wird uns die dritte Rede vorgesetzt. Das Frackhemd ist steif und kratzt mich an den Brustwarzen. Der Witz ist für Spießbürger noch charakteristischer als Salbung und Lebensweisheit. Ein ausgezeichneter Aphorismus … schade, daß ich keinen Bleistift bei mir habe. Wie steckt man einen Bleistift in den Frack? Meine nächste Novelle oder Komödie: »Witz, Würde, Lebensweisheit …« – Man müßte sich schämen. Im Grunde gehört man doch selbst dazu. Das sind deine Leser … Nun ja, man zecht sich ja auch bei der blödesten Nutte aus, wenn sie einem sonst zusagt. Wenn ich mit Blaustern sprechen könnte! Aber der zappelt gerade auch in den Schlingen und ist wahrscheinlich froh darüber, die Tochter eines wohlhabenden Teppichhändlers samt sorgenbefreiender Mitgift ergattert zu haben.

»Glückliche Ehe« und Anspielungen auf die Brautnacht. Blut muß fließen für des Spießers Ehre. Am Ende ist die kleine Strohpuppe wirklich blutlos und dumm genug, sich just für diesen Halbmann aufbewahrt zu haben. Vielleicht wird heute nacht eine Jungfräulichkeit geopfert. Eigentlich eine Perversität, von einer Frau Jungfräulichkeit zu fordern. Wie kann sie denn wissen, daß sie den Unvergleichlichen finden wird? Und überhaupt. Ob man nicht aus sadistischer Neigung den Beruf eines Zahnarztes wählt? Ein Zahnarzt muß natürlich eine Jungfrau ehelichen, er muß Blut vergießen und Unannehmlichkeiten verursachen. Mir ist eigentlich meine Bosheit selbst zuwider. Ich bin um kein Haar besser als alle diese Leute, lebe in ihrem Kreis, will bei ihnen gelten. Ruhm ist das Geschwätz dieser Leute, in ihrem Mund liegt meine Unsterblichkeit, augenblicklich aber füllen Entenkadaver und Rotwein ihre Münder.

Da spricht der Redner von Kindersegen – natürlich, die Halbmänner sterben nicht aus. Halbmänner, halbe Männer … Wir alle sind nur halbe Männer. Ich bin selbst ein blasses Erzeugnis dieser Welt, einer von der letzten Generation des Bürgertums. Gut, daß es die letzte ist … oder, wer weiß? Vielleicht ist es schade um uns? Wir leben einzig und allein für den Untergang. Aus uns wird nichts. Ich allein weiß das. Die Augen der anderen sind geschlossen. Ich rolle offenen Auges dem Abgrund zu. Vielleicht ist Geist bloß eine Degenerationserscheinung. Ich lebe vom Geist, der tintenschwarz in meine Feder fließt.

Nazis lesen meine Novellen, gehen sogar zu meinen Theaterstücken. Fremdartiger Esprit ist ihnen zwar verboten, doch weniger langweilig als kraftvolle Blut- und Bodenliteratur. Leider werde ich nicht auf sie abfärben. Für die Kommunisten sind meine Werke eine geradezu lobenswerte echte Darstellung einer wurmstichigen bürgerlichen Gesellschaft.

Das Essen war wesentlich besser als die Tischreden, und ich bin nicht so degeneriert, daß mich ein gutes, bauchfüllendes Mahl nicht ergötzte.

Man geht in den anderen Saal. Kellner servieren.

»Einen Kognak, mein Junge!« Schön, und dann noch einen; guter, echter französischer Kognak …

Ich habe genug und gehe nach Hause. Äußerlich sieht man mir nicht an, wie besoffen ich bin. Das Brautpaar ist verschwunden, begibt sich auf die Hochzeitsreise … Kann doch wirklich nicht angenehm sein, eine Brautnacht im Schlafwagen, keinesfalls bequem. »Bequem und doch nicht angenehm«, sagt Wilhelm Busch … Angenehm und doch nicht bequem, unterhaltend auch nicht – weder mit dem Fett ansetzenden Halbmann noch mit der abgeschmackten Blanche …

5. JOHANNES

Es ist kalt. Die Lampe gibt beinahe kein Licht. Der Ofen qualmt, doch er wärmt nicht. Der Rauch beißt in Nase und Augen.

»Schön war es, herrlich«, sage ich. Bequemlichkeit suche ich ja nicht im Leben. »… das Jahr 1931 endet gut.« Sonnenwärme scheint in mir gespeichert. Aus dünnen Wolken fallen draußen einzelne Schneeflocken; sie können uns den Glanz des Tages nicht verleiden.