Die Unschlagbaren - Richard Mackenrodt - E-Book

Die Unschlagbaren E-Book

Richard Mackenrodt

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Beschreibung

"Ich kann gar nicht oft genug wiederholen, wie sehr ich dieses Buch liebe! Ja, es ist ein Jugendroman, aber einer von denen, an die auch Erwachsene ihr Herz verlieren können. Und verlieren werden, da bin ich sicher. "Tschick" war auch so einer. Nur dass dieser Romaneinfach noch besser ist. Coming of age vom Feinsten. Ich habe gelacht, ich habe geheult, und die drei wundervollen Hauptfiguren leben ab jetzt mietfrei in meinem Herzen, als "Die Unschlagbaren". Was will man mehr von einem Buch?" Daniila Beser Drei Jugendliche in einem Dorf auf dem Allgäuer Land. Zwei Jungs, ein Mädchen, alle drei totale Außenseiter, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Niemand würde jemals auf die Idee kommen, ausgerechnet sie könnten Freunde werden. Doch dann geschieht etwas, das die beschauliche Ruhe im Dorf durcheinanderwirbelt, das für Angst und Ratlosigkeit sorgt. Der bezaubernde Dorfweiher, ein sommerlicher Touristenmagnet, wird auf einmal zu einem Riesenproblem. Niemand weiß, was zu tun ist. Aber da sind auch noch die drei, die noch nicht ahnen, dass sie sich bald "Die Unschlagbaren" nennen werden.

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Seitenzahl: 238

Veröffentlichungsjahr: 2025

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RICHARD MACKENRODT

DIE UNSCHLAGBAREN

ROMAN

TEIL 1

Fische, Surfbretter und ein dunkles Zimmer

Er wäre lieber in ein ganz tiefes, dunkles Loch gesprungen. Aber der Polizist bestand darauf, da war nichts zu machen. Schließlich war er ein Zeuge des Unfalls gewesen, da reichten der Nachname und irgendein lustiger Spitzname nicht fürs Protokoll. Er musste seinen vollen Vornamen angeben, ob er wollte oder nicht.

Ein Auto aus der Stadt hatte eine halbe Stunde zuvor auf nasser Fahrbahn den Güllewagen vom Blanz-Bauern überholt und danach in der Kurve die Kontrolle verloren. In den letzten Wochen hatte es viel geregnet, auf der Wiese hatte sich ein Tümpel gebildet und darin schwammen, wie in jedem Frühjahr, eine Menge Kaulquappen. Er stand in Gummistiefeln im Wasser und hätte gerne ein paar davon in einem Marmeladenglas mit nach Hause genommen. Doch er wusste, dass die Kaulquappen hier glücklicher waren. Auf einmal hörte er, wie jemand Gas gab, und blickte hinüber zur Straße. Er sah, wie die Räder sich querstellten und blockierten. Der Wagen hob ab, so leicht, als hätte eine unsichtbare Hand ihn in die Höhe geworfen, und dann überschlug er sich mehrmals quer über die Viehweide, und zwar direkt auf ihn zu, eine Tod bringende Walze aus Blech. Er hätte sich ducken oder zur Seite springen sollen, aber die Gummistiefel steckten fest im Schlamm, und so stand er da wie die Statue eines dicklichen Jungen, die gleich vom Sockel gerissen und zerquetscht werden würde. Trübes Wasser klatschte ihm ins Gesicht. Als er sich den Schlamm aus den Augen rieb, blickte er direkt auf einen nach oben zeigenden Reifen, der sich noch langsam drehte. Er streckte eine zitternde Hand nach dem eingebeulten Kotflügel aus, und in seinen Kopf fuhren fast gleichzeitig genau drei Gedanken. Der erste lautete: Das ist ein dunkelblauer BMW. Der zweite: Ich könnte jetzt hin sein. Und der dritte: Der Depp hat einen Haufen Kaulquappen ermordet. Kurz darauf kam der Knecht vom Blanz-Bauern angelaufen, der den Güllewagen gefahren hatte. Mit etwas Mühe gelang es ihm, die Fahrertür zu öffnen. Im Inneren hing der Mann kopfüber im Sicherheitsgurt, den der Knecht löste, was den Fahrer unsanft auf die Innenseite des Wagendaches fallen ließ. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen Bauingenieur aus Kaufbeuren, der auf dem Weg zu einer Baustelle in Sonthofen gewesen war und nun auf allen Vieren aus dem Auto krabbelte. Passiert war ihm weiter nichts, wenn man davon absah, dass sein Gesicht so gelb war wie Allgäuer Bergkäse. Man purzelt halt nicht jeden Tag mit einem Auto über eine Viehweide. Kurz darauf kam die Polizei, um den Unfall aufzunehmen.

»Wie heißt du denn?«, fragte der Polizist.

»Posselt«, sagte der Junge.

»Bist du der Sohn vom Bauern Posselt?«, fragte der Polizist.

»Ja.«

»Und wie heißt du weiter?«

»Wie, weiter?« Er stellte sich blöd, obwohl schon jetzt klar war, dass er damit nicht durchkommen würde.

»Na, dein Vorname.«

»Die Leute nennen mich Fazi.«

»Fazi?«

»Ja.«

»Das ist kein richtiger Name.«

»Doch.«

»Nein, nein, das muss eine Abkürzung sein.«

»Alle sagen Fazi.«

»In deinem Ausweis, was steht da?«

»Posselt.«

Der Dorfpolizist musterte ihn ungeduldig und fragte: »Hast du den dabei?«

»Wen?«

»Na, den Ausweis.«

»Nein.«

»Hör zu, Fazi, fürs Protokoll brauche ich deinen vollen Vornamen. Also?«

»Ich heiße Bonifaz, aber ich kann nichts dafür«, sagte er und blickte zu Boden.

»Bonifaz Posselt«, schrieb der Polizist in seinen kleinen Notizblock. »Alles klar. Ist doch ein ordentlicher Name. Musst du dich nicht für schämen.«

Angeblich hatte Oma Annemarie den Namen damals ausgesucht, weil er auf Deutsch bedeutete: der Gutes tut. Die Oma ging oft in die Kirche und war der Meinung, ein Name müsse etwas Positives in die Welt bringen und zur Herkunft des Trägers passen. Sie fand, es war es eine Schande, wenn Kinder aus dem Allgäu auf Namen wie Kevin oder Jacqueline getauft wurden. Zum Glück nannte ihn aber so gut wie niemand bei seinem vollen Namen. Die Geschichtslehrerin in der 6. Klasse hatte es eine Weile getan, obwohl er sich ihr als Fazi vorgestellt hatte. Die war so eine ganz Genaue, Haare immer im Nacken zum Dutt zusammengezwängt und dann noch ein gehäkeltes Netz darüber. Irgendwann hatte er seinen Mut zusammengenommen und sie in der Pause gebeten, ihn so zu nennen, wie alle anderen es taten. Es schien ihr gegen den Strich zu gehen, aber sie tat ihm den Gefallen.

***

Der Vorfall mit dem BMW war jetzt schon über ein Jahr her und immer noch das Aufregendste, das Fazi jemals erlebt hatte. In der Schule hatte er danach zum allerersten Mal irgendwie im Mittelpunkt gestanden, jedenfalls für einen Tag. Viele Jungs hatten wissen wollen, wie es gewesen war, so knapp überlebt zu haben, und ihn unverhohlen um das Erlebnis beneidet. Ein Mädchen hatte ihn gefragt, ob er Angst bekommen hatte.

»Dazu bin ich gar nicht gekommen«, hatte er gesagt. »Auf einmal war das Auto da und dann war auch schon alles vorbei.«

Er war nicht in der Lage gewesen, das Ereignis auszuschmücken und sich damit interessant zu machen. Jemand anders hätte vielleicht gesagt: Digga, ich steh da so, okay? Kommt voll der BMW krass angeflogen. Direkt auf mich zu, Bro. Hab dem Tod ins Auge gesehen. Hammerharter Scheiß, wenn du weißt, was ich meine. Sein großer Bruder hätte sich so oder so ähnlich ausgedrückt. Aber Fazi war eher der Schweiger. Einer, der sich aus den Dingen heraushielt. Er war nicht schlagfertig, fand selten die richtigen Worte. Er wusste, dass es nichts gab, womit er irgendjemanden beeindrucken konnte. Fazi hatte keine große Klappe, war nicht sportlich, hatte ein paar Pfund mehr auf den Rippen und gehörte in der Klasse zu den Kleinsten. Er war gschtumpet, wie man auf Allgäuerisch sagte. Bei Vielen hatte schon die Pubertät eingesetzt, sie hatten angefangen, in die Höhe zu schießen. Rings um ihn herum kämpften Jungs mit dem Stimmbruch und Mädchen bekamen Brüste. Nur Fazi war immer noch ein kleiner Junge mit hoher Stimme, weit entfernt von jedem Anflug von Männlichkeit. Und dann musste er auch noch die abgelegte, alte Kleidung seines Bruders auftragen. Er würde niemals zu den Coolen gehören. Das war ihm aber schon immer klar gewesen, damit hatte er sich längst abgefunden. Und zu den Klügsten gehörte er auch nicht. Sonst hätte er wenigstens so etwas wie den cleveren Spötter abgeben können. Doch gute Antworten fielen Fazi immer erst viel später ein, aber nie dann, wenn er sie gebraucht hätte. Dazu kam dann auch noch, dass er kein Allgäuerisch sprach, diese derbe Mischung aus Alemannisch, Schwäbisch und Bayerisch, die zu diesen Dörfern gehörte wie der würzige Bergkäse. Fazi sprach nahezu akzentfreies Hochdeutsch. Warum, das wusste er auch nicht so genau, denn alle anderen in seiner Familie sprachen Dialekt, genau wie in der Schulklasse. Sogar die beiden türkischen Zwillinge in der Schulbank hinter ihm sagten allat, wenn sie immer meinten, und ein Kopf war für sie ein Grend. Nichts auf der Welt eint Menschen mehr als eine gemeinsame Sprache, nichts kann sie deutlicher voneinander trennen. Fazi verstand zwar Allgäuerisch, natürlich tat er das, er wuchs ja schließlich damit auf. Aber seiner Zunge war die Sprache immer fremd geblieben.

»Bua«, sagte Oma Annemarie manchmal, »was bisch allat so verkünschtelt am Schwätza? Niemed aussa dia hot so a gschraubte Gosch.«

»Die Sophie redet doch auch so«, erwiderte Fazi dann manchmal mit einem gewissen Trotz in der Stimme, und dann wies die Oma gerne darauf hin, dass die Sophie aber auch nicht alle Tassen im Schrank habe. Fazi widersprach daraufhin stets energisch und sagte, die Sophie sei klüger als alle anderen. Dann sagte die Oma meistens noch, er solle sich nicht aufführen wie ein Gscheidhaferl und ging kopfschüttelnd davon.

***

Sophie war am liebsten zu Hause in ihrem Zimmer, und zwar alleine. Hier wusste sie zentimetergenau, wo jeder einzelne Gegenstand sich befand, nämlich genau dort, wo er auch hingehörte. In einer Schublade lag ein weicher, sauberer Lappen, mit dem sie alles abstauben konnte. Er kam täglich zum Einsatz, Sophie mochte keinen Staub. Genauso wenig wie helles Licht. Es gefiel ihr, wenn es in ihrem Zimmer nur so hell war, wie unbedingt nötig. Fast immer waren die Vorhänge zugezogen, so dass der Raum tagsüber wirkte, als halte darin jemand gerade einen Mittagsschlaf. Aber das tat Sophie nie: Wenn sie morgens erwachte, war sie hellwach und blieb es den ganzen Tag über, bis sie sich abends wieder ins Bett legte, um zu schlafen. In den Stunden dazwischen gab es fast nichts, das ihren Sinnen entging, jeden noch so geringen Luftzug nahm sie wahr und jede kleine Temperaturveränderung. Und all diese Sinneseindrücke speicherte sie unwiderruflich ab, denn sie verfügte über das absolute Gedächtnis. Was Sophie einmal gelesen, gehört oder gesehen hatte, würde sie nicht mehr vergessen. Ihr Inneres war wie eine riesengroße, endlos scheinende Halle, in der es eine unbegrenzte Anzahl von Regalen gab. Sämtliche Erfahrungen und Wahrnehmungen konnte sie dort ablegen und jederzeit wiederfinden. Diese Gabe war verantwortlich dafür, dass Sophie in der Schule stets nur Einsen schrieb und ausnahmslos beste Noten bekam. Nur im Sportunterricht nicht, von dem Fach war sie befreit. Schon vor vielen Jahren, in der ersten Klasse der Grundschule, war Sophie im Turnunterricht nicht zurechtgekommen. Beim Weitsprung hatte sie nicht den richtigen Absprung gefunden, beim Seilspringen war es ihr nicht gelungen, Hände und Füße miteinander zu koordinieren, von Mannschaftsspielen war sie völlig überfordert gewesen. Zudem war eine Turnhalle für sie viel zu laut und chaotisch, mit all den herumrennenden und tobenden Kindern. Sophie hatte sich damals in eine Ecke zurückgezogen, die Augenlider zusammengepresst, sich die Hände auf die Ohren gelegt und leise vor sich hin gesummt, um nichts anderes mehr hören zu müssen. Die Gerüche in der Umkleidekabine hatten sie gequält und sie wäre lieber eines langsamen, schmerzhaften Todes gestorben, als sich mit ihren Mitschülerinnen unter die Dusche zu stellen. Schon als Zweijährige hatten Ärzte bei Sophie neuropsychologische Besonderheiten festgestellt und eine autistische Störung diagnostiziert, mit leichten sozialen Anpassungs-Schwierigkeiten, wie es im Fachjargon hieß.

Sogar jetzt, im Hochsommer, trug Sophie langärmelige Sachen, grobe Bergstiefel und dicke, weite Röcke, die fast bis zum Boden reichten. Die waren ihr lieber als Hosen, weil sie sich darunter besser verstecken konnte.

Sophies Vater gehörte die Brauerei, außerdem hatte man ihn vor zwei Jahren zum Bürgermeister gewählt, und ihre Mutter war die Besitzerin des einzigen Hotels hier am Platz. Brauerei und Hotel waren familiäre Traditionsunternehmen und bestanden schon seit über hundert Jahren. Böse Zungen behaupteten, die Rosa vom Hotel Alpenblick hätte damals den Rudi von der Brauerei Gmeiner nur geheiratet, damit der Teufel auf den größten Haufen scheißen konnte, wie er es immer tat. Es stimmte zwar, dass die beiden sich nicht geliebt hatten, jedenfalls nicht auf romantische Art und Weise. Aber gemocht hatten sie sich schon, und füreinander entschieden hatten sie sich, weil sie der Meinung gewesen waren, dass sie zusammen etwas auf die Beine stellen konnten. Die Asperger-Diagnose für Sophie war dann ein herber Schlag gewesen. Ihr über alles geliebtes Sopherl sollte nicht normal sein? Man hatte ihnen gesagt, das Mädchen würde vermutlich auf eine Sonderschule gehen müssen, und ihnen sogar nahegelegt, sich schon mal nach einer Einrichtung mit ganztägiger Betreuung umzusehen.

»Das kommt alles überhaupt nicht in Frage«, hatte Sophies Mama gesagt.

Und Sophies Papa hatte erwidert: »Natürlich nicht.«

Wenn es darum ging, ihrer Tochter ein normales Leben zu ermöglichen, gaben sie alles und scheuten keinen Widerstand.

Deswegen verstand Sophie nicht, dass sie jetzt schon seit mehreren Wochen diesem Bauernjungen Nachhilfe in Mathematik geben musste. Warum reichte es nicht, dass sie immer wieder sagte, dass sie das nicht wollte? Er war in ihrem Zimmer ein schmerzhafter Fremdkörper, sobald er nur den Fuß hineinsetzte. Er roch nicht gut, er schwitzte und es gefiel ihr nicht, wie dick er war.

»Du schreibst in Mathe die besten Noten der ganzen Schule«, sagte ihr Vater. »Er ist einen Jahrgang unter dir, Sopherl, und seine Versetzung steht auf der Kippe. Den Stoff, mit dem er sich herumschlägt, beherrschst du im Schlaf. Und ein bisschen Kontakt zu anderen tut dir auch mal gut, du schafft das schon. Außerdem bekommst du zehn Euro pro Stunde.«

»Mathematik im Schlaf«, sagte sie, ohne ihn anzusehen. Sie sah nie jemanden an, mit dem sie sprach, nicht einmal ihre Eltern. »Keiner kann das«, fügte sie hinzu, »denn zu intelligenten Leistungen sind wir im Schlaf nicht fähig.«

»Das sagt man doch nur so«, erwiderte er lächelnd. »Es ist so eine Redensart.«

»Ich brauche das Geld nicht. Und ich brauche keinen Kontakt«, fing sie wieder an. »Der Junge soll sich jemand anders suchen. Und ich hasse Redensarten.«

»Es bleibt dabei, Sopherl«, sagte ihr Vater. »Seine Mutter ist eine alte Freundin, und sie und ihr Mann haben kein Geld für einen teuren Nachhilfelehrer.«

***

Er hatte sein bestes T-Shirt an, als er zur Nachhilfestunde erschien. Eines der wenigen, das nicht schon vor Jahren von seinem Bruder getragen worden war. Seine strubbeligen braunen Haare waren gekämmt, seine Achseln mit Deo bearbeitet. Wenn er zu Sophie ging, wollte er einen guten Eindruck machen. Obwohl sie ihn sowieso nie ansah. Aber vielleicht würde sie das ja irgendwann doch einmal tun, wer wusste das schon. Natürlich war ihm klar, dass Sophie anders war. Aber was machte das? Er mochte sie sehr. Sie war zwar manchmal ein bisschen schroff, aber von ihr bekam er keine dummen Sprüche zu hören. Und mit ihren langen, glatten, dunklen Haaren, ihren tiefbraunen Augen und ihrer kleinen Nase war sie für ihn das schönste Mädchen, das er jemals gesehen hatte. Dass er zu ihr in die Nachhilfe durfte, war fast schon das größte denkbare Glück auf Erden. Zum dritten Mal kam er heute, und in den letzten zwei Wochen hatte er zu Hause an jedem Tag Mathe gelernt. Er wollte besser werden, um Sophie das Gefühl zu geben, dass ihre Unterstützung auf fruchtbaren Boden stieß.

Sie schrieb ihm mehrere Gleichungen auf, die er lösen sollte, schob ihm den Zettel zu und schlug ein Buch auf, um darin zu lesen. Offenbar nahm sie an, dass er mit den Aufgaben eine Weile zu tun haben würde, aber es dauerte keine zwei Minuten, da schob Fazi ihr den Zettel schon wieder zurück, mit den gelösten Gleichungen. Wenn Sophie überrascht war, ließ sie es sich nicht anmerken.

»Gut«, sagte sie. »Das ist alles richtig.«

»Danke«, erwiderte er.

»Wofür?«

»Du hast gut gesagt. Das war ein Kompliment. Dafür habe ich mich bedankt.«

»Du bist besser geworden«, stellte sie fest.

»Ja«, entgegnete er und lächelte stolz.

»Du kannst den Stoff jetzt«, erklärte Sophie. »Du musst also nicht mehr kommen. Geh nach Hause. Auf Wiedersehen.«

Fazi starrte sie entgeistert an. Doch Sophie nahm nicht einmal den Blick von ihrem Buch.

»Ich… bin doch gerade erst gekommen«, stammelte er.

»Ich nehme für die Stunde auch kein Geld«, stellte sie fest. »Alles Gute und viel Glück.«

»Jetzt bin ich schon hier, dann bleibe ich auch«, erklärte Fazi. »Und das Geld haben meine Eltern mir sowieso schon gegeben.« Er legte den Schein auf den Tisch und fragte: »Kannst du mir den Satz des Pythagoras bitte nochmal erklären?«

»Warum?«, fragte sie zurück. »An deinen Lösungen sehe ich doch, dass du ihn verstanden hast.«

»Das war nur Glück«, log Fazi.

»Der Satz des Pythagoras«, begann Sophie, »ist einer der fundamentalen Sätze der euklidischen Geometrie. Er besagt, dass in allen ebenen rechtwinkligen Dreiecken die Summe der Flächeninhalte der Kathetenquadrate gleich dem Flächeninhalt des Hypotenusenquadrates ist.«

Während Sophie das herunterleierte, starrte sie auf die gegenüberliegende weiße Raufasertapete und identifizierte darauf eine Stubenfliege, die ihre Vorderbeine aneinander rieb. Sophie wusste, dass Fliegen das taten, weil ihre Beine verschiedene Funktionen hatten – sie dienten nicht nur zum Laufen, Haften und Fühlen, sondern auch zum Schmecken. Und damit das alles funktionierte, mussten die Beine sauber gehalten werden. Außerdem registrierte Sophie, dass es im Zimmer fast ein halbes Grad wärmer geworden war, seitdem der Junge hereingekommen war. Die Luftfeuchtigkeit war auch höher geworden. Sophie konnte mühelos viele verschiedene Gedanken gleichzeitig denken und währenddessen einen Vortrag halten, wie eben diesen gerade über den Satz des Pythagoras.

Fazi dagegen folgte ihren Worten kaum und dachte lediglich einen einzigen, kaum variierten Gedanken: Sie ist so süß. So süß. Mann, ist sie süß.

Die Fliege löste sich von der Raufasertapete und landete auf Fazis Haaren, was er aber nicht bemerkte. Sophie hingegen entging der Flug der Fliege nicht, sie verfolgte ihn mit den Augen und so blickte sie schließlich auf die Stirn des Jungen. Fazi erstarrte. Und blickte ertappt drein. Hatte Sophie etwa erraten, was er gerade gedacht hatte? Oder hatte er womöglich, in einem unverzeihlichen Anflug von Kontrollverlust, den Gedanken hörbar ausgesprochen? Bitte nicht! Sophies Blick schien ihn durchbohren zu wollen. Aber sie sagte nichts. Und er auch nicht. Bis Sophie schließlich fragte:

»Warum hältst du die Luft an?«

»Ich weiß nicht«, sagte er. »Vielleicht, weil du mich ansiehst. Das hast du noch nie getan.«

»Ich tue es auch jetzt nicht«, erwiderte sie. »Du hast eine Fliege auf dem Kopf. Und ich frage mich, ob sie dort Eier legt.«

»Warum sollte sie das tun?«

»Ihre Bewegungen lassen darauf schließen«, erklärte Sophie. »Das ist ungewöhnlich, sie legen ihre Eier normalerweise in sich zersetzendes organisches Material ab, wie zum Beispiel Dung oder Kompost. Wann hast du dir zum letzten Mal den Kopf gewaschen?«

»Gestern, glaube ich«, sagte Fazi.

»Hast du dir Wurst oder Exkremente in die Haare geschmiert?«

»Wie bitte?« Fazi hob eine Hand und fuhr sich hektisch durchs Haar. Eine Bewegung, die mit Verspätung kam, aber trotzdem den gewünschten Effekt erzielte: Die Fliege brachte sich in Sicherheit und flog weg.

»Du solltest sie dir zu Hause gründlich waschen. Eine Fliege kann Hunderte Eier auf einmal legen.«

Fazi versicherte ihr, das werde er auf jeden Fall tun.

»Wenn du gegangen bist, werde ich hier alles desinfizieren«, fügte sie noch hinzu.

Fazi dachte, dass der Besuch eines Jungen bei einem von ihm verehrten Mädchen kaum ein niederschmetternderes Ergebnis haben konnte, als die Desinfizierung des gesamten Raumes, kaum nachdem er gegangen war.

Am Ende der Stunde stand er auf und sagte: »Vielen Dank, Sophie. Das hat mir heute wieder viel gebracht.« Er machte eine Pause, um ihr Gelegenheit zu geben, etwas zu sagen wie: Freut mich. Oder: Schön. Oder einfach irgendwas. Aber sie sagte nichts. Egal. So war sie eben.

»Ich komme nächste Woche wieder«, erklärte er, um ihren Bemühungen, ihre Nachhilfe-Tätigkeit zu beenden, einen deutlichen Riegel vorzuschieben.

Sophie sah stumm an ihm vorbei.

»Wenn schönes Wetter ist, können wir das ja auch mal draußen machen«, schlug er vor. »Am Weiher oder so. Ich weiß viel über die Fische, die darin leben, vielleicht interessiert dich ja sowas.«

»Draußen ist es mir zu hell«, erwiderte sie. »Der Wind könnte das Papier wegwehen. Und deine Fische interessieren mich nicht.«

»War auch nur so eine Idee. Auf Wiedersehen, Sophie, und mach’s gut.«

Sie deutete weder ein Nicken an noch erwiderte sie seinen Blick. Fazi machte sich nichts daraus, nickte ihr trotzdem zu und ging.

Auf dem Nachhauseweg mit seinem alten Fahrrad fühlte Fazi sich beschwingt. Es war zwar offensichtlich, dass Sophie ihn nicht mochte. Oder vielleicht war es eher so, dass sie niemanden mochte und jeder ihr mehr oder weniger egal war. Aber was machte das schon? Er hatte es genossen, in ihrer Nähe zu sein und sie ungestraft eine Dreiviertelstunde lang ansehen zu können. Fazi dankte stumm jener Fliege, der er es zu verdanken hatte, dass auch sie ihn zwischendurch mal angesehen hatte. Auch wenn es dabei natürlich nicht um ihn gegangen war. Solange es Fische, Kaulquappen und Sophie gab, war das Leben gar nicht mal so schlecht.

***

In der Dienstwohnung im Pfarrhaus, gleich neben der evangelischen Kirche, war es in den letzten fünfundzwanzig Jahren ruhig und beschaulich zugegangen. Pfarrer Notwinkl war nie verheiratet gewesen, hatte keine Kinder gehabt und war stets ein Mann der leisen Worte gewesen. Deswegen hatten sich die Kirchgänger in seinen Gottesdiensten vorzugsweise in die ersten Reihen gesetzt. Notwinkl hatte seine Predigten zwar in ein Mikrofon gesprochen, den Regler aber nie höhergedreht als auf Stufe eins. Wer etwas verstehen wollte, musste vorne sitzen. Notwinkl hatte eine Haushälterin beschäftigt, die in der Einliegerwohnung im Souterrain gewohnt hatte. Eine ebenfalls alleinstehende Dame, die noch stiller gewesen war als ihr Arbeitgeber und deren Anwesenheit man meistens kaum bemerkt hatte. Der Pfarrer hatte sich vor drei Monaten zur Ruhe gesetzt und war zurück in seine fränkische Heimat gezogen. Die Haushälterin, kaum jünger als er, hatte ihren Dienst daraufhin auch beendet, und war, zur Überraschung der gesamten Gemeinde, mit Notwinkl zusammen fortgezogen. Waren die beiden ein Paar? Niemand wusste es. Niemand hatte angenommen, dass diese stillen Wasser so tief sein konnten. Aber vielleicht hatte sie sich auch einfach nur so sehr daran gewöhnt, für ihn zu kochen, zu putzen und ihm die Wäsche zu machen, dass sie damit nicht aufhören wollte.

Der neue evangelische Pfarrer zog mit seiner Familie ins Pfarrhaus. Die dreiköpfige Familie Azeez stammte aus Nigeria, aus einem Vorort von Lagos, der riesigen Millionenstadt am Golf von Guinea. Alle drei – Vater, Mutter und Sohn – hatten sehr dunkle Haut und zogen die Blicke der Dorfbewohner auf sich. Vor dem Pfarrhaus stand ein mittelgroßer Transporter und drei kräftige Gemeindemitglieder halfen Familie Azeez beim Schleppen der Kartons, Koffer und Taschen. Der Vater wollte ihnen am Ende ein wenig Geld dafür geben, aber die Männer winkten freundlich ab und meinten übereinstimmend, es sei selbstverständlich, dem neuen Pfarrer beim Einzug zu helfen.

»Hoffentlich gefällt es Ihnen hier bei uns«, sagte einer, dann wünschten sie einen schönen Tag, versicherten, beim ersten Gottesdienst in der Kirche zu sein, und verließen das Haus. Die Mutter klatschte in die Hände und kündigte an, jetzt gebe es erst einmal etwas zu essen. Sie packte Fladenbrote aus, die sie mit Hackfleisch, Paprika, Tomaten und Schafskäse gefüllt hatte, und die drei setzten sich auf Kartons, um gemeinsam ihren Hunger zu stillen. Die Brote ließen Ikechukwu an seine Heimat denken, die er vor zwei Wochen verlassen hatte. Schon seit einem halben Jahr hatte er gewusst, dass es dazu kommen würde, als sein Nna, sein Vater, die Stelle in Deutschland angenommen hatte. Ikechukwu hatte die ganze Zeit über gehofft, dass es aus irgendeinem Grund am Ende doch nicht dazu kommen würde. Aber eines Tages waren sie dann eben doch in Lagos in dieses Flugzeug gestiegen, um ein paar Stunden später am Flughafen vor den Toren von München in eine völlig neue Welt geworfen zu werden. Eine Welt, in der jeder Schuhe an den Füßen trug, in der es manchmal Tage lang regnete, und in der es Fußballstadien gab, die aussahen wie riesige UFOs. In München hatte man sie nach ihrer Ankunft mitsamt ihrem ganzen Gepäck erst einmal in einem Gemeinde-Saal untergebracht, bewacht von einem Zollbeamten. Offiziell wurden sie nicht festgehalten, praktisch aber schon, denn sie durften das Gebäude drei Tage lang nicht verlassen. In dieser Zeit wurde geprüft, ob ihre Ausweise und Dokumente in Ordnung und ob Ikechukwus Eltern wirklich unbescholtene Bürger waren. Die bayerischen Behörden befürchteten wohl, Mitglieder der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram könnten sich unerkannt einschleusen. Nachdem man dann endlich offiziell zur Ansicht gelangt war, dass Familie Azeez harmlos war und sich hier aufhalten durfte, konnten sie hingehen, wo sie wollten. Aber anders als in der nigerianischen Heimat, wo Ikechukwu überall unbeaufsichtigt hatte herumstreunen dürfen, verfügten seine Eltern, dass er stets unter ihrer Aufsicht zu bleiben hatte, jedenfalls solange sie in München waren. Ikechukwu verstand das nicht wirklich, denn zum einen war Lagos eine noch viel größere Stadt, und zum anderen waren sie doch hergezogen, weil es in Deutschland angeblich viel ungefährlicher war.

In Nigeria gab es ungefähr so viele Christen wie Moslems, und vor allem für Anhänger des christlichen Glaubens war das Land ein gefährliches Pflaster. Jedes Jahr wurden Tausende Christen aus Mordlust getötet und aus Habgier entführt. Ikechukwus Vater war kein ängstlicher Mann, und wenn er alleine gelebt hätte, wäre er im Land geblieben und hätte dort seine Bemühungen um ein friedliches gesellschaftliches Miteinander engagiert weitergeführt. Aber Achebe Azeez hatte eine Frau und zwei Kinder, denen er die ständige Angst vor Tod und Verfolgung nicht mehr zumuten wollte und konnte. Er bewarb sich um Pfarrers-Stellen in anderen Ländern, und bald darauf bekam er das Angebot, in einigen Monaten eine Gemeinde im Süden von Deutschland zu übernehmen. Seine Frau Ginika war darüber nicht nur erleichtert, sondern überglücklich. Europa erschien ihr als eine Insel des Friedens und der Freiheit. Ikechukwu dagegen zeigte sich alles andere als begeistert. Nigeria war seine Heimat – die einzige, die er hatte und je haben wollte. Hier lebten all seine Freunde. Und vor der Küste von Lagos gab es die Tarkwa Bay, wo er als Zehnjähriger gelernt hatte zu surfen. Wellenreiten war in Nigeria eine exotische Sportart, die von fast niemandem betrieben wurde. Nur ein paar Spinner fuhren mit alten, abgetakelten Booten hinaus in die Tarkwa Bay, vorbei an jeder Menge Müll, riesigen Tankern und ab und zu auch vorbei an aufgedunsenen Leichen, die im Wasser trieben. In Lagos wurden Leute, die aus religiösem Fanatismus ermordet wurden, in die zahlreichen Kanäle der Stadt geworfen, von wo aus die meisten von ihnen dann hinaus aufs offene Meer trieben.

In der Tarkwa Bay gab es angeblich die beste Welle von ganz Afrika. Ikechukwu konnte das nicht einschätzen, denn andere Surfspots kannte er nicht. Er war durch einen Schulfreund zum Surfen gekommen und mittlerweile stand er so gut auf dem Board, dass der Mann, der sich Lord of the Board nannte, ihm angeboten hatte, für ihn zu arbeiten. Der Lord war vor einigen Jahren der erste dunkelhäutige Surfer Nigerias gewesen und inzwischen betrieb er die erste und einzige Surfschule des ganzen Landes.

»Ikechukwu«, sagte der Lord, »für dein Alter bist du auf dem Board wirklich nicht schlecht. Wenn du willst, kannst du mal einen Kurs für die Touristen geben.«

»Bekomme ich Geld dafür?«

»Klar bekommst du Geld dafür, mein Freund. Was hast du denn gedacht?«

»Ich mach’s«, erklärte Ikechukwu.

»Interessiert dich gar nicht, wie viel ich dir bezahlen will?«

»Nein«, erwiderte der Junge. »Du wirst mich schon nicht bescheißen. Und so kann ich tun, was ich am liebsten tue.«

Ikechukwu war stolz. Wirklich nicht schlecht war fast schon das größte Lob, das man aus dem Mund vom Lord je zu hören bekam. Seinen Eltern sagte er nichts von dem Angebot, die hätten nur alle möglichen Bedenken vorgebracht und sich Sorgen gemacht, wie sie es immer taten. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ihm jemals irgendetwas zustoßen sollte. Er war groß und stark für einen Dreizehnjährigen, konnte boxen und treten und schnell rennen konnte er auch. Außerdem hatte er immer sein Einhand-Klappmesser in der Tasche, das er im Bruchteil einer Sekunde hervorziehen und ausklappen konnte, wenn es sein musste. Von dem Geld, das er mit den Surfstunden verdiente, kaufte er sich nichts. Das wäre unvorsichtig gewesen, denn wenn er mit neuen Klamotten nach Hause gekommen wäre, hätten seine Eltern wissen wollen, woher er die hatte. Lieber legte er die Kohle beiseite und sparte für die Surfschule, die er selbst in ein paar Jahren eröffnen würde.

In München gab es mitten in der Stadt eine sogenannte stehende Welle, von der Ikechukwu gehört hatte – die Eisbachwelle. Während des zweiwöchigen Aufenthalts in der bayerischen Metropole gelang es ihm, seine Eltern dazu zu bewegen, einen Spaziergang in die Prinzregentenstraße zu machen, wo man den Surfern von der Straße aus zusehen konnte. Das kam Ikechukwu vollkommen verrückt vor, aber so waren Surfer eben, ganz egal, wo sie lebten. Zum Glück hatte er seine Eltern überreden können, sein Board mit auf die Reise zu nehmen, das er nun unter dem Arm hatte. Er sprach ein paar von denen an, die sich abwechselnd auf die Welle wagten, und erfuhr, dass man sich ins Lineup stellen und warten musste, bis man an der Reihe war. Die Welle war schwerer zu surfen, als Ikechukwu gedacht hatte, denn sie kam nicht, wie auf dem Meer, von hinten, sondern von vorne. Das war ungewohnt und bei seinen ersten beiden Versuchen fiel er schon vor dem ersten Turn vom Board. Beim dritten Mal stellte er sich schon besser an, schaffte mehrere Turns, und als er währenddessen hochblickte zu seinen Eltern, die auf der Brücke standen, nahm er etwas in ihren Augen wahr, das nur Stolz sein konnte. Sie sahen ihm gerade zum allerersten Mal beim Surfen zu! Vielleicht, so hoffte er, konnten sie für einen kurzen Moment erahnen, was er in der Heimat zurückgelassen, was er verloren hatte.

Aber jetzt saß er in einem verschlafenen Dorf irgendwo im Süden von Deutschland! Wo Kuhglocken läuteten und Berggipfel die Täler schon am frühen Nachmittag in tiefe Schatten tauchten. Viele Hundert Kilometer vom Meer entfernt. Er war landlocked, wie man unter Surfern sagte, wenn man sich weit weg von jeder Welle befand.

»Freust du dich schon auf die Schule?«, fragte sein Vater.