Mein Leben davor - Richard Mackenrodt - E-Book

Mein Leben davor E-Book

Richard Mackenrodt

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Beschreibung

Sein Debüt-Roman "Azahrú – Wer den Weg verliert" wurde euphorisch gefeiert. Jetzt legt Richard Mackenrodt einen zweiten Roman vor, und der hat es in sich. Das Buch erzählt die raue, harte Geschichte von Alex, einem Jungen, dessen Leben im Alter von 15 Jahren auseinanderzubrechen droht – weil ein rätselhafter, niederschmetternd starker Schmerz in seinem Kopf zu toben beginnt. Die Ärzte sind ratlos und finden nicht heraus, womit sie es zu tun haben. Alex bekämpft diesen Kopfschmerz mit den unterschiedlichsten Strategien – was ihn fast das Leben kostet. Doch der Schmerz ist gekommen, um zu bleiben. Immer ist er da und quält ihn, jeden Tag, von morgens bis abends, viele Jahre lang. Bis Alex endlich auf die Idee kommt, die Ursache auf eine ganz andere und völlig neue Weise zu suchen. Bald steht er vor der Herausforderung seines Lebens. Will er seinen Frieden finden, muss er über Grenzen gehen, die nie zuvor ein Mensch überschritten hat. Es ist unglaublich, aber wahr: Dieser Roman erzählt eine Geschichte, die kein Buch je zuvor erzählt hat. Eine Geschichte, die beim Lesen geradezu körperlich weh tut. Eine atmosphärisch unfassbar dichte Ballade von Schmerz, Wiedergeburt und Erlösung.

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Seitenzahl: 345

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Richard Mackenrodt

Mein Leben davor

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

MEIN LEBEN DAVOR

TEIL I

Schmerz ist mein ständiger Begleiter

Der Mann mit dem Hammer

Kona

Norseman

TEIL II

Zusammenbruch

Eva

Grenzenlose Weißheit

Das Tal der Rosen

Tatko

Mein Leben davor

Iskuplenie

Mein ganz besonderer Dank gilt...

Leseprobe

Von Richard Mackenrodt bei EDITION TAKUBA bereits erschienen:

Impressum neobooks

MEIN LEBEN DAVOR

Eine Geschichte

über das Leben

und den Tod.

Happiness is only real when shared.

(Christopher McCandless)

Copyright © 2015 by Richard Mackenrodt

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe by

EDITION TAKUBA, München

Umschlaggestaltung: Alexandre Rito, Loule, Portugal

Alle Rechte vorbehalten

TEIL I

Schmerz ist mein ständiger Begleiter

Es ist lange her, und dennoch erinnere ich mich genau: Er kam, ohne sich vorher anzukündigen. Einfach so. Aus dem Nichts.

Ein Freund hatte Videos besorgt, über seinen großen Bruder, der in einer Videothek arbeitete. Die Eltern der beiden waren übers Wochenende verreist, das wollten wir ausnutzen. Sieben Jungs aus der neunten Klasse, ausgerüstet mit Popcorn, Bier, Chips und Schlafsäcken. Wir hatten elf Filme am Start und ordneten sie der Härte nach. Alle ab 18. Es sollte losgehen mit Freddy Krüger, dann würden Vampire, Werwölfe, Zombies und Kettensägenmörder folgen, und als krönender Abschluss ein Menschenfresser-Film, der überall auf der Welt auf dem Index stand und von dem es hieß, dass nur die Abgebrühtesten in der Lage waren, ihn auszuhalten. Jeder klopfte großspurige Sprüche und kündigte an, das Programm locker zu überstehen. Das waren noch VHS-Videos, klobige, schwere, störungsanfällige Dinger, die grobkörnige, matte Bilder durch den Röhrenfernseher flimmern ließen. Damals gab es nichts Besseres. Auf dieses Wochenende freuten wir uns seit Monaten. Die Mission unterlag strengster Geheimhaltung. Niemand durfte etwas davon wissen, keine Eltern und Geschwister (außer dem besagten Bruder), keine Lehrer, und auch die anderen Mitschüler nicht. Das machte uns zu einer verschworenen Gemeinschaft. Wochen lang warfen wir uns in der Schule stumme Blicke zu und wussten: Wir waren tausendmal cooler als die ganzen anderen Hirnis. Die Glorreichen Sieben. Mädchen waren zu der Veranstaltung natürlich nicht zugelassen, sie hatten nicht die nötigen Nerven (glaubten wir). Der große Bruder besorgte Bier und zwei Flaschen Schnaps und stellte klar, dass er hinterher keine Sauerei wegmachen würde. Wir mussten uns verpflichten, das Haus am Sonntag in einwandfreiem Zustand zurück zu lassen. Oder er würde uns den Arsch aufreißen, vom Nacken bis zum Kinn.

Am Freitagabend fanden wir uns ein, mit all den Taschen und Tüten. Keiner kam zu spät. Nicht eine Sekunde dieses Wochenendes durfte versäumt werden. Helden an der Schwelle zu einem großen Abenteuer. Der erste Film war noch ziemlich harmlos, da hatte ich Schlimmeres gesehen. Der zweite ging schon mehr an die Nieren. Beim dritten fragte ich mich zum ersten Mal, ob das Ganze hier wirklich eine so gute Idee gewesen war.

Und dann kam er. Ohne sich anzukündigen. Ohne jede Vorwarnung. Der Schmerz. Er schoss in meinen Kopf, und ich stöhnte leise auf. Was meine Freunde mir sofort als Schwäche auslegten.

»Zu hart für dich, Alex?«

»Quatsch – hab nur Blähungen«, log ich. Wir waren 15, wir wollten cool wirken, um jeden Preis. Nur so behielt man den Rang in der Clique, den man sich mühsam erarbeitet hatte.

»Furzen läuft aber nicht«, sagte einer. »Sonst Rote Karte.« Alle lachten, nur ich nicht. Denn das hier war kein normaler Schmerz. Ich war schon vom Fahrrad gefallen, beim Klettern vom Baum gestürzt, mit dem kleinen Zeh an der Schrankecke hängen geblieben, und hatte mir die Hand in der zugeschlagenen Autotür eingeklemmt. Mit Schmerz kannte ich mich aus. Dachte ich. Erst ein paar Tage zuvor hatte ich mir im Backofen die Finger verbrannt, das hatte höllisch weh getan. Aber dieser Schmerz hier war anders, er fühlte sich an, als hätte mir jemand eine Axt mitten in die Stirn getrieben. Ich wollte aufschreien, aber ich riss mich zusammen, so gut es eben ging, presste die Zähne aufeinander, und als ich merkte, dass mir Tränen in die Augen schossen, sprang ich auf und lief hinaus. Dabei riss ich eine Lampe um, prallte gegen den Türrahmen, und im dunklen Hausflur gelang es mir nicht, den Lichtschalter zu finden.

»Hey!« rief ich. »Wo is‘n das Klo?!« Ich stolperte über einen Schlafsack, der auf dem Boden lag, und als ich mich auf allen Vieren auf dem Boden wiederfand, verlor ich jede Kontrolle über meinen Körper. Im nächsten Moment kamen die Jungs auf den Flur, das Licht ging an. Ich sah ihre angewiderten Gesichter.

»Mann, Alex, auf den Teppich kotzen? Und dann legst du dich auch noch rein? Scheiße noch mal!«

***

Ich war nicht in der Lage, den teuren Perserteppich sauber zu machen. Ich rief zu Hause an, und mein Vater kam, um mich abzuholen, nachts um eins. Auf dem Fernseher war noch das Standbild zu sehen, das gerade einen Enthaupteten zeigte, dem das Blut aus der Halsschlagader schoss. Mein Vater fand die Videos, das Bier, den Schnaps. Er nahm alles mit, und noch in der Nacht wussten sämtliche Eltern Bescheid. Ich hatte den Jungs nicht nur das Wochenende ruiniert. Ich hatte die größte denkbare Katastrophe ausgelöst. Überall hagelte es Stubenarrest, Fernsehverbot, gekürztes Taschengeld. Das würden sie mir nie verzeihen. Noch vor Sonnenaufgang brachte Vater mich ins Krankenhaus. Ich wurde an Geräte angeschlossen, es gab eine Sonographie, meine Hirnströme wurden gemessen. Das volle Programm. Ich bekam starke Medikamente, durch die der Schmerz erträglicher wurde. Aber mehr auch nicht. Er dachte gar nicht daran, zu verschwinden. Er schien sich immer tiefer in meinen Schädel bohren zu wollen, wie Säure, die du aufs Dach gießt und die sich bis in den Keller frisst. Die Ärzte fanden nichts. Ich hatte keinen Tumor und auch keine andere diagnostizierbare Krankheit. Ich hätte kerngesund sein müssen. Aber ich war es nicht. Sie gaben mir einen Cocktail aus besonders starken Schmerzmitteln, um mir wenigstens den Schulbesuch wieder zu ermöglichen. Aber wie sollte ich mich auf eine Mathe-Schulaufgabe konzentrieren, wenn ich halb sediert in der Gegend herum hing?

Ich verlor meine Clique. Die Jungs wussten, dass ich krank war und wünschten ständig gute Besserung. Aber das Desaster des gescheiterten Horror-Wochenendes hing mir hartnäckig in den Kleidern wie stinkendes, verdampftes Frittenfett. Es stand mir auf die Stirn geschrieben. Und ich veränderte mich. Seit der Schmerz mich im Griff hatte, bewegte ich mich anders. Bedächtiger, vorsichtiger, als könnte jeder schnelle Schritt neue Schmerzen verursachen. Ich lächelte nicht mehr, und wenn ich es doch einmal tat, war es das Lächeln eines gefolterten Irren. Ich versuchte, wie früher zu sein, aber ich bekam es nicht hin. Für die Kids in meiner Klasse wurde ich unheimlich. Sie wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten, und deswegen ließen sie es lieber bleiben. Das zu erleben war fast so schmerzhaft wie der Sturm, der unablässig in meinem Kopf tobte.

***

Meine Eltern ließen mich die Schule wechseln. Zuerst wollte ich das nicht, aber schon am ersten Tag in der neuen Klasse erkannte ich, was für eine gute Idee das war. Meine neuen Mitschüler wussten nicht, wie ich vorher gewesen war. Und das Beste an der neuen Schule war das Mädchen, das unmittelbar vor mir saß. Paula hatte langes, rötlich leuchtendes, leicht gewelltes Haar, meist zum Pferdeschwanz oder als Zopf gebunden. Sie war gar nicht einmal so besonders hübsch, aber ihre Haare dufteten wie Erde nach einem warmen Sommerregen, und ein bisschen auch wie der Keller meiner Großeltern. Diese Mischung raubte mir den Verstand. An einem Morgen fragte sie mich: »Warum schaust du eigentlich immer so verkniffen?«

»Ich habe Schmerzen.«

»Wo?«

»Im Kopf.«

»Warum?«

»Weiß ich nicht.«

»Warst du noch nicht beim Arzt?«

»Ich bin dauernd bei Ärzten.«

»Und die finden nichts raus?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Sie pumpen mich nur voll.«

»Drückt der Schmerz aufs Sprachzentrum?«

»Nein. Wieso?«

»Weil du immer so kurze Antworten gibst.«

Ich schwieg. Ihr Anblick lähmte mich.

»Oder bist du zu sehr damit beschäftigt, an meinen Haaren zu schnuppern?«

Ich nehme an, ich habe ein ziemlich dummes Gesicht gemacht. Paulas glockenhelles Lachen erfüllte das ganze Klassenzimmer. Aber ich fühlte mich nicht ausgelacht, sondern eingeladen, mit zu lachen, und das tat ich. Sie hatte längst bemerkt, wie oft meine Sinne auf sie gerichtet waren. Trotzdem mochte sie mich, und das war schön. Es war allgemein bekannt, dass sie mit einem Jungen aus der Parallelklasse ging, also machte ich mir keine großen Illusionen. Aber mein Schnuppern an ihren Haaren war jetzt gewissermaßen legitimiert, ich durfte es ausleben, ohne damit rechnen zu müssen, eine geschmiert zu bekommen. Das war doch schon mal was.

Die medizinischen Tests wurden ausgeweitet. Aber die Ärzte waren mit ihrem Latein bald am Ende und fingen an, mich herum zu reichen. Ich bekam chinesische Akupunktur. Und bald darauf auch japanische. Ich lernte Wien und das St. Josef-Krankenhaus kennen, die Universitätsklinik in Hamburg und die Charité in Berlin. Die Spezialisten waren scharf darauf, das Rätsel zu knacken, das in meinem Kopf wohnte. Meine Zähne wurden untersucht, weil ein Professor in Hamburg einen Zusammenhang mit den Zahnnerven vermutete. Ein Assistenzarzt in Berlin stellte die These auf, meine Kopfschmerzen könnten mit meinen Senk-Spreiz-Füßen zu tun haben. Der Kollege in Wien mutmaßte, der Kopfschmerz sei von den grausamen Szenen der Horrorfilme ausgelöst worden. Letztlich verliefen sämtliche Theorien im Sande und führten zu nichts. Das war zwar frustrierend, aber immerhin hatten die Reisen mich vom Schmerz ein wenig abgelenkt und mir dadurch gewisse Erleichterung verschafft. Ich war glücklich über alles, das meinen Geist auch nur für einen kurzen Moment mit etwas anderem beschäftigte.

Im Klassenzimmer bewahrte der Duft von Paulas Haaren mich vor dem Durchdrehen. Aber wenn ich alleine zu Hause sitzen musste, war es so gut wie unmöglich, die nötige Konzentration aufzubringen. Hausaufgaben. Vorbereitung auf Schulaufgaben. Schon nach wenigen Minuten musste ich dem Impuls widerstehen, einfach aufzuspringen und meinen Kopf gegen die Wand zu schlagen, immer und immer wieder und wieder und wieder. Damals ahnte ich noch nicht, dass mir der Tiefpunkt erst noch bevor stand. Denn die Wirkung der Medikamente ließ nach, von Tag zu Tag ein wenig mehr. Und der Schmerz wurde wieder so bohrend, wie er zu Anfang gewesen war. Die Spezialisten im Rechts der Isar veränderten die Zusammensetzung der Medikamente. Daraufhin ging es etwas besser. Aber wieder nur für ein paar Wochen. Dann hatte mein Körper sich auch an diese Rezeptur gewöhnt, die Wirkung ebbte erneut ab. Es wurde immer klarer: Auf Dauer würde mein Schmerz sich nicht entscheidend eindämmen lassen. Diese Erkenntnis rief in mir den Wunsch wach, auf den Fernsehturm zu steigen und von der Aussichts-Plattform in die Tiefe zu springen. Was für ein Leben sollte ich führen, wenn das niemals mehr aufhörte? Was für ein beschissenes Leben konnte das schon sein? An meinem 16. Geburtstag beschloss ich, mich umzubringen, wenn ich innerhalb eines Jahres nichts gefunden haben sollte, um mein Schicksal entscheidend zu erleichtern.

***

An einem sonnigen Donnerstag, nach der letzten Stunde, packte ich meine Schulsachen in die Tasche, als Paula sich neben mich setzte und leise sagte: »Ich glaub, ich hab was für dich.« Dabei beugte sie sich zu mir vor und lächelte süß. Ich war verwirrt. Sie hatte eine unglaubliche Figur, es war Sommer, ihr Top war weit ausgeschnitten, und sie beugte sich immer weiter vor, so dass es kaum möglich war, irgendwo anders hinzusehen.

»Was… denn?« fragte ich mit trockener Kehle.

»Weißt du, wo ich wohne?«

»Ja.« Was für eine Frage!

»Im Garten haben wir so einen Holzschuppen. Da treffen wir uns. Heute Nachmittag.« Sie stand auf und ging. Mit leicht schiefem Kopf schaute ich ihr nach, bis sie verschwunden war. Und hätte dort wohl noch Stunden lang gesessen, wenn nicht nach einer Weile der Hausmeister herein geschaut hätte, der seine Tour machte, um die Klassenzimmer abzuschließen. Ich rannte nach Hause und fieberte unserer Verabredung entgegen. Heilige Scheiße, ich hatte ein Date! Mit dem schärfsten Mädchen aus unserer Klasse! Die meisten Jungs bei uns hielten zwar zwei bis drei andere für hübscher, aber für mich stand Paula völlig unangefochten auf Platz eins. Und jetzt wollte sie mich treffen! Noch dazu in einem Geräteschuppen, wo uns niemand sehen konnte! Ich ließ meiner Fantasie die Zügel schießen und stellte mir vor, wie wir uns in dem Schuppen die Kleider von den Leibern reißen und entfesselt miteinander schlafen würden. Auch wenn ich überhaupt keine Ahnung hatte, wie man das eigentlich machte. Rein technisch gesehen wusste ich es natürlich, aber das war auch schon alles. Paula dagegen hatte bestimmt schon eine Menge Erfahrung. Wie peinlich, wenn ich mich jetzt total anfängerhaft anstellen würde! Egal jetzt, irgendwie würde es schon gehen. Jeder musste mal anfangen. Was sollte ich anziehen? Aber dann wurde mir klar: Solche Fragen stellten sich Mädchen. Ich würde bleiben, wie ich war. Als ich den Nachmittag für weit genug fortgeschritten hielt, verließ ich die Wohnung und steuerte das Haus von Paulas Eltern an. Es befand sich in der Schwedenstraße, an der Westseite des Englischen Gartens, direkt am Schwabinger Bach. Das Gartentürchen stand offen, und so spazierte ich auf das Grundstück, als würde ich das jeden Tag tun. Das Herz klopfte mir bis zum Hals. Der Schuppen war nicht zu übersehen. Die Tür war angelehnt. Ich klopfte mit dem Finger auf das leicht verwitterte Holz.

»Komm rein«, hörte ich Paula von drinnen sagen.

Ich schob die Tür auf. Sie knarrte. Und da saß sie, den Rücken an die Wand des Schuppens gelehnt, auf einer alten, schmutzigen Matratze, die auf dem Boden lag. Leck mich am Arsch, war das romantisch.

»Setz dich zu mir«, sagte sie. Ich ließ mich auf die Matratze nieder und achtete darauf, ihr noch nicht zu nahe zu kommen. Erst jetzt bemerkte ich, dass sie sich eine Zigarette drehte.

»Du rauchst?« fragte ich.

»Nur manchmal«, antwortete sie und lächelte mich offen an. Ich hatte Mühe, ihrem Blick stand zu halten. Sie trug ein T-Shirt. Nicht mehr das mit dem weiten Ausschnitt von heute Mittag, aber dafür lag dieses hier hauteng an ihrem Körper. Ihr Rock war etwas hochgerutscht, so dass ein Knie zu sehen war. Ich spürte eine Aufwallung in meiner Hose und hoffte, dass nichts davon zu sehen war. Was erwartete sie jetzt von mir? Wie sollte ich mich benehmen? Erst mal abwarten, ganz ruhig, es wird sich alles ganz von selbst ergeben. Sie fragte, wie schlimm meine Schmerzen waren.

»Sie werden übler«, erwiderte ich, »weil die Medikamente nicht mehr wirken.«

»Tut es immer weh?«

»Rund um die Uhr.

»Kannst du überhaupt schlafen?«

»Wahrscheinlich weil ich vom Schmerz so erschöpft bin.«

»Ich bewundere«, sagte sie lächelnd, »wie du das aushältst. Ohne zu jammern.«

»Jammern ist Scheiße«, sagte ich. »Davon wird’s auch nicht besser.«

»Das hier könnte helfen«, verkündete sie und hielt empor, was sie gerade gedreht hatte.

»Eine Zigarette? Ich weiß nicht, ob Nikotin so viel bringt.«

Paula grinste. »Das ist keine Zigarette.«

***

Der Joint packte meinen Schmerz in Watte. Ich lag grinsend in der Ecke und tat etwas völlig Schwachsinniges: Ich dankte ihm für diese Erfahrung. Und dafür, dass er mich mit Paula zusammen geführt hatte. Natürlich dachte ich das nur, ich sprach es nicht aus! Obwohl ich mir da, wenn ich jetzt darüber nachdenke, nicht mehr wirklich sicher bin. Ich hatte das Bedürfnis, den süßlich stinkenden Glimmstengel zu streicheln wie einen braven Hund und ihm ein Leckerli zu geben. Mit anderen Worten: Der erste Joint meines Lebens hatte durchschlagende Wirkung. Auf einmal war der Schmerz nur noch eine dunkle Ahnung, ein schwacher, feiger Kerl, der sich in den letzten Winkel meines Schädels zurück gezogen hatte, vermutlich um dort einsam und alleine einen unbeachteten Tod zu sterben. Feiner Hund, ja, komm her, bring das Stöckchen – sooo ein feiner Hund!

Als ich aufwachte, lag ich auf der schmutzigen Matratze. Draußen war es schon fast dunkel. Von Paula keine Spur. Ich war noch etwas benebelt, aber schon wieder klar genug, um den Schmerz wahr zu nehmen als das, was er war – der mächtige Feind hatte sich nicht lange zurück drängen lassen, spielte schon wieder mit seinen Muskeln und genoss es mich zu quälen. Meine Augenlider waren schwer wie Kanaldeckel, aber ich konnte hier nicht noch länger liegen bleiben. Das Aufstehen war eine Tortur, irgendwie schleppte ich mich trotzdem aus der Hütte und sah mich um. Paula hatte mich alleine hier liegen lassen. Anstatt sie zu verführen war ich eingeschlafen. Nicht zu fassen. Ich hatte es voll versaut. Sie war zu Hause, das sah ich am Licht, das in ihrem Zimmer brannte. Ich suchte nach einem Stein, der klein genug war, warf ihn gegen die Fensterscheibe und wartete. Nichts. Ich nahm einen größeren. Der Stein rutschte beim Wurf ein wenig ab. Trotzdem traf ich erneut eine Fensterscheibe – nur war es die falsche. Nämlich die des Wintergartens. Es klirrte, aber zum Glück ging nichts zu Bruch. Die Tür des Wintergartens öffnete sich, und da stand Paulas Vater, ein großer, breitschultriger Mann Mitte 40, der nicht mehr viele Haare hatte. In strengem Ton wollte er wissen, wer ich war und was ich hier zu suchen hatte. Mein Gehirn arbeitete noch nicht wieder richtig. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also schwieg ich. Regungslos stand ich da, ein dünner, bekiffter, 16-Jähriger auf einem fremden Grundstück in der Abenddämmerung. Paulas Vater wiederholte seine Aufforderung, meine Identität preis zu geben.

»Ich… war hier…«, stotterte ich.

»Falsch«, sagte er, »du bist immer noch hier.«

»Ich… schwitze«, war mein völlig hirnrissiger Beitrag zum Gespräch.

»Wer auch immer du bist: Du machst jetzt, dass du weg kommst, oder ich ruf die Polizei.«

Obwohl seine Worte unmissverständlich waren, erreichten sie mich nicht wirklich, sie waren wie kleine Gummibälle, die an mir vorbei hoppelten, im Gras liegen blieben und mich überhaupt nichts angingen. Auf einmal fand ich das alles hier unglaublich witzig. Worte, die in Wirklichkeit Bälle waren! Ich musste grinsen und konnte mir ein leises Kichern nicht verkneifen. Es war unübersehbar, dass Paulas Vater jetzt langsam wütend wurde, aber das machte die Sache nur noch komischer. Ich hielt mir die Hand vor den Mund, um nicht laut los zu prusten. Er kam auf mich zu, mit festen Schritten und ganz schlechter Laune. Der Mann war ja echt zum Schießen komisch! Konnte man den mieten? Da öffnete sich im ersten Stock, dort wo das Licht brannte, ein Fenster, und der Kopf von Paula beugte sich hinaus. »Papa«, rief sie, »das ist Alex, er ist okay.« Ihre Stimme klang ganz ruhig, ich konnte nur in ihren Augen sehen, dass sie in Alarmbereitschaft war und den Schaden zu begrenzen versuchte.

»Du kennst ihn?« wollte ihr Vater wissen.

»Er geht in meine Klasse. Der Junge, der mitten im Schuljahr gewechselt hat.«

»Hat er die Schule gewechselt, weil er nicht alle beisammen hat?«

»Er ist gekommen, um sich mein Mathe-Heft auszuleihen«, sagte sie und sah mich dabei auffordernd an.

»Ja, genau«, sagte ich. Obwohl ich den ganzen Vorgang noch immer rasend lustig fand, riss ich mich zusammen, weil ich merkte, dass Paula mich ohne Worte darum bat. Sie verschwand vom Fenster, und Sekunden später kam sie mit dem Heft aus dem Wintergarten, vorbei an ihrem Vater, der mich in der Zwischenzeit nicht aus den Augen gelassen hatte. Paula schob mich am Haus vorbei in Richtung Straße.

»Dein erster Joint, hm?« raunte sie mir zu, sobald wir den Sichtkontakt zu ihrem Vater verloren hatten. »Tut mir leid, dass ich nicht da war, als du aufgewacht bist. Hätte mir denken können, dass du neben der Kappe bist.«

»Was soll ich mit dem Mathe-Heft?« war alles, was ich beizusteuern in der Lage war.

»Das nimmst du mit nach Hause, und morgen bringst du es mit in die Schule. Ist nur ein Alibi, damit mein Vater nichts merkt.« Sie blieb stehen und wollte sich mit einem Lächeln von mir verabschieden. Aber das Marihuana in meinem Blut ließ mich todesmutig werden, und ich fragte sie: »Kann ich dich küssen?«

»Ich bin mir sicher, dass du das kannst. Aber wenn du es versuchst, knalle ich dir eine, und das würde bestimmt weh tun.«

»Schmerz ist mein ständiger Begleiter«, sagte ich.

Sie gab mir einen freundschaftlichen Klaps auf den Oberarm. »Schlaf dich aus, Alex«, sagte sie. »Du siehst echt Scheiße aus.« Damit drehte sie sich um und ging. Ich blickte ihr hinterher, aber als ich sah, dass ihr Vater inzwischen in der Haustür stand, hielt ich es für klüger, mich abzuwenden und den Heimweg anzutreten. Ich war verwirrt und verstand noch nicht, was in den letzten Stunden geschehen war. Aber eins wusste ich mit absoluter Sicherheit: Schmerz ist mein ständiger Begleiter war mit Abstand das Coolste, was ich jemals von mir gegeben hatte.

***

Der Joint war wirksamer gewesen als all die Schmerzmittel der vergangenen Monate, und deswegen sprach ich meinen behandelnden Arzt darauf an. Zuerst tat er, als hätte er nicht zugehört. Als ich nicht locker ließ, sah er mich an, als hätte ich in die Ecke seines Behandlungszimmers gepisst.

»Alex«, sagte er, »mach keinen Blödsinn.«

»Ich mach doch gar nichts. Ich wollte nur wissen…«

»Ich kann dir kein Cannabis verschreiben. Das fällt unters Betäubungsmittelgesetz.«

»Ich war in der Bibliothek«, sagte ich. »In einem Buch stand, dass man Tetrahydrocannabinol – das ist der Wirkstoff im Cannabis…«

»Ich weiß, was das ist«, unterbrach er mich.

»… also, dass das vor allem gegen chronische Schmerzen gut eingesetzt werden kann, und so.«

»Ich kann dir kein THC verschreiben.« Seine Stimme wurde schärfer.

»Wieso nicht?«

»Auf welchem Planeten lebst du? Es ist verboten. Es macht abhängig. Ich darf dir auch keine Morphine geben, solange dir nicht bei einem Unfall der Arm abgerissen wird.«

»Herr Doktor, darf ich das kurz zusammen fassen?«

Er verdrehte die Augen.

»Es existiert also ein gutes, sehr wirksames Schmerzmittel. Eines, das sehr viel besser ist als der ganze Kram, den Sie mir so geben. Aber der Staat verbietet, es einem Patienten zu verabreichen, obwohl er es verdammt gut gebrauchen könnte?«

»Das ist kein Kram, Alex. Das sind die modernsten und höchstentwickelten Präparate, die es überhaupt gibt. Die Schmerzmittelbehandlung kostet deine Krankenkasse jeden Monat über 600 Mark. Und da es eine gesetzliche Krankenkasse ist, zahlt das letztlich auch der Staat. Also tu nicht so, als würde er dich hängen lassen.« Er sah mich an, als hätte er Perlen der Weisheit vor eine dumme Sau geworfen.

»Eine Versorgung mit Cannabis wäre billiger«, sagte ich. »Und effektiver. Es ist nachgewiesen, dass sehr viel mehr Menschen durch Alkohol krank werden und sterben. Trotzdem ist Saufen erlaubt. Jeder darf so viel in sich rein schütten, wie er will. Wieso?«

Der Arzt stand auf. »Erspar mir bitte diese Kiffer-Logik.«

»Warum werden Sie denn jetzt so unhöflich?«

»Hier ist dein neues Rezept«, sagte er, drückte es mir in die Hand und deutete zur Tür. »Und dann raus hier. Ich hab zu tun.«

Als ich die Klinke schon in der Hand hatte, fügte er noch hinzu: »Die nächsten Rezepte schicke ich mit der Post. Mir gefällt dein Ton nicht.«

Ich bat Paula, mir Gras zu besorgen. Sie freute sich, dass ihre Maßnahme bei mir so großen Anklang gefunden hatte, und am nächsten Tag brachte sie mir ein kleines Piece mit, eingewickelt in Stanniol. Es war kaum größer als eine Haselnuss und hielt nicht lange vor. Nach ein paar Tagen und drei weiteren Pieces ließ Paula mich wissen, dass es so nicht weitergehen konnte. Auf Dauer würde sie meinen Bedarf nicht befriedigen können, sie war schließlich kein Dealer und hatte immer nur etwas für den persönlichen Gebrauch.

»Ich zahl’s dir auch«, sagte ich.

»Du musst dir eine andere Quelle besorgen«, erwiderte Paula. »Wenn du willst, stell ich dich jemandem vor.«

Wir fuhren mit dem Fahrrad zu einer Eckkneipe in Giesing. Der Kellner war zuerst sauer, weil Paula mich mitgebracht hatte, aber nachdem er mir im Hinterzimmer ein wenig auf den Zahn gefühlt hatte, erkannte er meine ehrbare Harmlosigkeit. »Du kriegst was«, sagte er. »Gutes Zeug. Nicht der Scheiß, den sie dir beim Bahnhof verticken, du weißt, was ich meine.«

Ich hatte keine Ahnung, was er meinte, aber das sagte ich ihm nicht.

»Du erzählst niemandem von mir, hörst du? Nicht so wie Paula, die ihr kleines Mundwerk nicht halten kann. Checkst du das?«

Ich sagte ihm, ich würde es checken, und so steckte ich meine gesamten Ersparnisse in den Erwerb von Marihuana. Eigentlich hatte ich für einen Computer gespart, aber diese Investition erschien mir ungleich sinnvoller.

Ich wusste inzwischen auch schon ziemlich gut, welche tägliche Dosis ideal war, um auf der einen Seite den Schmerz zu reduzieren und auf der anderen halbwegs klar im Kopf zu bleiben. So konnte ich die schulischen Leistungen halten, und meine Eltern merkten nichts. Jetzt war ich für einige Wochen auf der sicheren Seite! Das Leben war schön, so konnte es weiter gehen.

Das Dumme an einem Vorrat, an dem man sich täglich bedient, ist dann auf Dauer nur, dass er eben doch immer kleiner wird und irgendwann verschwunden ist. Ohne dass mittlerweile vergleichbare Ersparnisse angelegt worden sind. Und als ich mir aus den letzten Krümeln einen Joint bastelte, wusste ich zudem: Das war nicht mein einziges Problem. Denn auch wenn ich es mir noch nicht eingestehen wollte: Die Wirkung hatte in den letzten Tagen immer mehr nachgelassen. Auch THC war offenbar kein Freifahrtschein, um meinen Schmerzen für immer zu entkommen. Diese Erkenntnis war wieder einmal niederschmetternd.

Ich saß in Paulas Zimmer in der Ecke auf dem Boden. Meine Hände lagen auf dem kühlen Parkett. Paula wusste keinen Rat. So kontinuierlich wie ich hatte sie noch nie gekifft, sie wusste nicht, wie sehr die Wirkung bei mir wohl noch weiter nachlassen würde. Die heitere Grundstimmung, mit der ich in den vergangenen Wochen durchs Leben geschwebt war, drehte sich, wie der Wind sich dreht, bevor ein Sturm aufzieht. Ich malte die Zukunft wieder in düsteren Farben, und die Angst vor ihr kehrte zurück.

»Es gibt etwas«, sagte Paula, »das ist noch besser als Kiffen.«

»Eine andere Droge?« Ich sah sie neugierig an.

»Wenn du so willst«, meinte sie und ließ sich nicht in die Karten sehen.

»Wie heißt sie?« Ich wurde unruhig. »Sag schon. Ist sie teuer?«

»Tatsächlich«, erwiderte Paula und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, »ist sie sogar umsonst. Also, Manche zahlen zwar auch dafür, aber das sind Deppen.«

Ich verstand gar nichts mehr. »Wie kann etwas nichts kosten, das noch besser ist als Cannabis?«

Paula legte mir die Hand in den Schritt und tastete mit sachtem, aber zielgerichtetem Griff nach dem, was ich in der Hose hatte. Ich stellte das Atmen ein. Sie sah mir fest in die Augen, ohne ein Lächeln, während sie da unten massierte, was sofort hart wurde und sich quer legte. Ein aus dem Schlaf gerissenes Tier.

»Es geht hier nur um Sex«, sagte sie leise. »Raffst du das?«

Ich stammelte hervor, ich würde es raffen. Natürlich. Klar. Nur Sex. Sonst nichts. Sie knöpfte mir die Hose auf.

»Du solltest jetzt wieder atmen«, riet sie. »Sonst wirst du gleich ohnmächtig.«

Einen Moment lang fragte ich mich noch, was passieren würde, wenn ihr Vater herein kam. Aber den Gedanken schlug ich in die Flucht wie ein lästiges Insekt. Mit fiebrigen Fingern ging ich ihr an die türkisfarbene Bluse.

»Langsam«, sagte sie. »Ruhig. Das soll danach alles noch heil sein, okay?«

»Okay. Natürlich. Klar.«

»Und red nicht ständig immer dasselbe. Am besten sagst du gar nichts. Und erzähl bloß nicht, du liebst mich, oder so einen Quatsch. Wenn du kitschig wirst, schmeiß ich dich raus.«

Ich nickte. Und wurde nicht kitschig. Außer in meinen Gedanken. Aber ich drehte fast durch. Als ich in sie hinein glitt, musste ich stöhnen. Es war so unglaublich.

»Nicht zu laut«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Papa sitzt unten vor der Glotze.«

Ich nickte. Und stöhnte nicht mehr.

»Was ist mit deinem Kopf?«, fragte sie, während sie auf mir saß, ihr Becken rhythmisch vor und zurück bewegte und mir ihre Brüste entgegen reckte. »Tut er noch weh?«

»Nein«, röchelte ich. »Tut er nicht.«

»Besser als Cannabis?«

»Viel besser.«

»Hab ich doch gesagt.«

Ich umfasste ihren Hintern, und es gelang mir, die Bewegungen meines Beckens mit dem ihren zu synchronisieren. Ich erhöhte das Tempo. Aber Paula versteifte sich, so dass wir aus dem Takt kamen.

»Nicht so hastig«, schnurrte sie. »Auskosten. Ganz langsam. Stell dir vor, ich wäre der teuerste Champagner der Welt. Den schüttest du auch nicht einfach in dich rein. Du trinkst ihn Schluck für Schluck. Bis du es nicht mehr aushältst.«

Ich hielt es eigentlich schon jetzt nicht mehr aus. Aber in diesem Moment hätte ich alles getan, was sie mir befahl, selbst ein sofort vollstreckbares Todesurteil hätte ich auf der Stelle unterschrieben.

Ich kam trotzdem viel zu schnell, es ließ sich beim besten Willen nicht vermeiden. Danach lag ich neben ihr und starrte an die Decke, spürte hinein in die Überwältigung, in der ich noch immer gefangen war. Neben mir lag das aufregendste Mädchen der Welt. Und das in meinem Kopf konnte nicht Schmerz genannt werden, egal was für Maßstäbe man anlegen wollte. Er war nicht völlig verschwunden, aber zu etwas geschrumpft, das nicht mehr war als ein leichtes, fast schon wohliges Stechen. Ich war glücklich. Und das war noch untertrieben, denn ich hätte am liebsten das Fenster aufgerissen und über den Schwabinger Bach hinüber gebrüllt, wie geil das Leben war.

Danach plauderten wir ein wenig. Paula erzählte mir von einem Film, den sie im Kino gesehen hatte, und dann davon, dass ihr Vater schon ein Handy hatte, und dass er bald Internet anschaffen wollte, und überhaupt wollte sie auch ein Handy haben, aber ihre Eltern meinten, das sei viel zu teuer, und sie würde die ganze Familie damit ruinieren. Ich genoss den Klang ihrer Stimme. Aber nach einer Weile fing es in meinem Kopf an zu pochen, und ich spürte, wie der Schmerz sich auf den Weg machte, um zu mir zurück zu kehren. Ich unterbrach Paulas Redefluss und schlug vor, noch einmal miteinander zu schlafen. Sie sah kurz auf ihren Radiowecker, meinte dann, sie habe aber nur noch eine halbe Stunde Zeit. Ich packte sie und riss sie zurück in die Kissen.

Paula hatte die Klinke ihrer Zimmertüre in der Hand und sah mir ernst ins Gesicht. »Zu keinem ein Wort, ist das klar?«

Ich nickte.

»Ein blöder Spruch zu Tim, und ich bring dich um.«

»Ich sag nichts.« Tim war ihr Freund.

»Keine Andeutungen, keine komischen Blicke, keine Briefchen.«

»Aber ansprechen darf ich dich schon noch?« Ich schaffte es tatsächlich, das mit einem Grinsen zu sagen, so leicht war mir ums Herz. Paula öffnete die Tür.

»Machen wir das noch mal?« fragte ich leise, damit ihr Vater unten nichts hörte. »Irgendwann?«

»Mal sehen«, antwortete sie, als hätte ich gefragt, ob wir noch ein zweites Mal Physik miteinander pauken würden.

Auf dem Weg nach Hause lächelte ich jeden Passanten an wie ein Besoffener. Manche Leute grüßte ich, obwohl ich sie nie zuvor gesehen hatte. Am meisten wunderte sich meine Mutter. Sie sagte, sie hätte mich seit dem Ausbruch meiner Beschwerden nicht mehr so entspannt gesehen, und gleichzeitig so wach.

»Lässt es nach?« wollte sie wissen.

»Zeitweise.«

»Bekommst du neue Medikamente? Oder gehen die Schmerzen einfach zurück?« Sie klang ganz aufgeregt.

»Ich habe eine Freundin«, sagte ich. Und während ich mich voller Stolz aufs Sofa fallen ließ, wünschte ich mir schon, ich hätte die Klappe gehalten.

»Ach ja? Wer ist es denn?«

»Ist doch egal.«

»Na, offensichtlich nicht.«

»Aber geheim«, wand ich mich. »Sie will erst noch mit einem anderen Typ Schluss machen.«

Das Lächeln auf dem Gesicht meiner Mutter verschwand. »Sie küsst den einen, während es noch den anderen gibt?«

Meine Mutter mal wieder. Was ging sie das überhaupt an? Papa stellte mir doch auch keine solchen Fragen. In der Nacht lag ich wach und konnte nicht einschlafen. Der Schmerz war wieder da. Ich masturbierte. Aber es war, als hätte ich versucht, ein Überschallflugzeug mit einem Papierflieger zu ersetzen. Der Schmerz ließ sich davon kaum beeindrucken.

Am nächsten Morgen tat Paula, als wäre nichts zwischen uns gewesen. Aber darauf war ich vorbereitet, das überraschte mich nicht. Ich fragte sie trotzdem leise, ob wir uns heute Nachmittag sehen könnten. Sie schüttelte den Kopf und behauptete, sie habe keine Zeit. Nach der zweiten Stunde fragte ich ein zweites Mal. Paula schnaubte, ich möge sie in Ruhe lassen, sie habe doch schon Nein gesagt. Ich entschuldigte mich und verbrachte den Rest des Schultages damit, an ihren Haaren zu schnuppern und von ihrem nackten Körper zu träumen.

Nachdem ich den halben Nachmittag wie ein Tiger im Käfig durch jeden Winkel meines Zimmers gestrichen war, rief ich sie an. Sie begrüßte mich mit einem Wutausbruch, so heftig, dass es im Hörer laut klirrte.

»Welchen Teil von ‚Lass mich in Ruhe‘ hast du nicht verstanden?! Bist du krank?!«

»Na ja«, erwiderte ich kleinlaut. »Irgendwie schon.«

Es krachte in der Leitung. Dann tutete es. Sie hatte den Hörer irgendwo hin gedonnert, die Verbindung war unterbrochen. Ich setzte mich auf den Teppich, legte das Telefon vor mir auf den Boden und fing an nachzudenken. Schon bevor der Schmerz mein Dasein gespalten hatte, war sexuelles Verlangen Teil meines Lebens gewesen. Aber eben so, wie es bei einem Heranwachsenden normal war. In meinem Alter dachten Jungen ständig an Sex, an was denn sonst. Und natürlich waren sie davon überzeugt, den Verzicht darauf nicht lange überstehen zu können. Aber für mich war das anders. Ich brauchte ein Mädchen. Eine Frau. Am liebsten Paula. Aber wenn ich sie nicht haben konnte, musste es eben jemand anders sein. Und zwar bald. Denn es gab viele Dinge, an die man sich gewöhnen konnte, obwohl sie furchtbar waren. Den Ekel erregenden Mundgeruch etwa, den Mathelehrer Kässheimer verströmte. Oder den Anblick der frisch ausgedrückten Pickel, die Klassenstreber Sebastian jeden Tag unverdrossen mit sich herum trug. Auch bei dem niederschmetternden Gefühl, das mich überkam, wenn ich mir klar machte, dass ich keine richtigen Freunde mehr hatte, handelte es sich um eine Wunde, die immer weniger weh tat und allmählich vernarbte. Aber an einen Schmerz wie den in meinem Kopf konnte ich mich nicht gewöhnen. Das wusste ich, denn ich hatte es probiert. Immer wieder. Denk nicht an ihn. Er hat nur so viel Macht, wie du ihm gibst. Das waren die Parolen, mit denen ich versucht hatte, ihn aus dem Ring zu schubsen. Aber es hatte nicht funktioniert. Er quälte mich, auch wenn ich noch so sehr versuchte, ihn klein zu denken. Er durchbohrte mein Gehirn, blockierte meine Gedanken und lähmte meine Muskeln. Es gab nur eines auf dieser Welt, das ihn für eine kurze Weile in die Knie zwingen konnte, und das war Sex. Aber welchen zu bekommen, war nicht so einfach. Keines der Mädchen an unserer Schule interessierte sich für mich, auch bei uns in der Nachbarschaft fiel mir keins ein. Das lag natürlich auch daran, dass ich nach wie vor nur Augen für Paula hatte. Ich war in sie verliebt, natürlich war ich das. Ein anderes Mädchen wäre für mich nur eine Sexpartnerin gewesen und sonst gar nichts. Aber ich war ein von Schmerzen geplagter, verschlossener, blasser Junge, den niemand für eine Boygroup gecastet hätte, selbst wenn der Mangel noch so groß gewesen wäre. Wie sollte es mir gelingen, ein Mädchen, an dem mir noch nicht einmal etwas lag, zum Sex zu verführen? Ich erinnerte mich an das Ultimatum, das ich mir an meinem 16. Geburtstag gestellt hatte, und musste zugeben, dass es nicht ohne Grund entstanden war.

***

Nach einigen Tagen, angefüllt mit Schmerz, passte Paula mich nach dem Unterricht vor der Schule ab. In der letzten Zeit hatten wir kaum ein Wort gewechselt, und deswegen überraschte es mich, als sie fragte: »Können wir reden?«

»Worüber?«

Sie sah mich nur stumm an, mit einem Blick, den ich nicht deuten konnte.

»Klar können wir. Was gibt’s denn?«

Sie setzte sich in Bewegung, und wir fingen an, nebeneinander her zu gehen. Schweigend. Ich dachte, das würde die stille Ouvertüre sein zu dem, was sie mir zu sagen hatte. Aber das war ein Irrtum, denn es kam nichts. Wir bogen in die nächste Straße ein. Und in die übernächste. Das war ihre Vorstellung von ‚miteinander reden‘? Mir sollte es recht sein, ich genoss es ja schon, sie einfach nur nach Hause zu begleiten. Diese Minuten waren mein Highlight der Woche. Ich würde nicht anfangen, mich zu beklagen. Vielleicht wollte sie mir damit nur zeigen, dass sie nicht mehr böse auf mich war. Wenn das stimmte, war es eine gute Sache. Ich merkte kaum, dass wir bereits in der Schwedenstraße waren, und wünschte mir, die letzten paar Meter bis zu ihrem Haus würden ewig dauern. Aber irgendwann blieben wir dann doch davor stehen.

»Na, dann«, sagte ich. Mehr fiel mir nicht ein.

»Ich hab mich getrennt«, sagte sie.

»Wovon denn?«

»Wovon? Lass mich überlegen. Von meinem Fahrrad? Meinem Verstand? Meiner Zwei in Geschichte?«

Ich starrte sie an und hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie da faselte.

»Du bist so ein Spacken«, sagte sie. »Von meinem Freund hab ich mich getrennt.«

»Hä? Von Tim? Wieso?« Ganz bestimmt glotzte ich sie noch dämlicher an als zuvor.

»Kannst du dir das nicht denken?«

Nein, das konnte ich nicht, und das sagte ich ihr auch. Sie sah mich an, als hoffte sie, einen Hinweis auf irgendeine Art von Intelligenz in meinen Augen zu finden.

»Hat er sich blöd benommen, oder was? Ich meine, er hat doch sicher keine andere.« Auf einmal leuchtete in mir – wie ein Wetterleuchten am Horizont – die vage Hoffnung auf, ich könnte mit Paula, jetzt, wo sie nicht mehr mit Tim zusammen war, hin und wieder ins Bett gehen.

Aber dann sagte sie: »Ich hab mich von ihm getrennt, weil ich mich in einen anderen verknallt hab.«

»In wen?« fragte ich. Schon war sie wieder futsch, die vage Hoffnung. Und ich fragte mich, warum sie mir das alles überhaupt erzählte. Warum war es so wichtig, mir die Einzelheiten ihres Liebeslebens schonend beizubringen? Sie war mir doch zu nichts verpflichtet.

»In dich, du Blödmann«, sagte sie, und bevor ich auch nur realisieren konnte, was sie gesagt hatte, war sie schon im Haus verschwunden und hatte die Türe geschlossen. Mein Herz fing an zu rasen. Hatte ich geträumt, oder hatte sie das eben wirklich gesagt? Der Nachhall ihrer Worte war eindeutig. Ich hatte mich nicht verhört. Es konnte aber sein, dass sie es ironisch gemeint hatte, wie das mit dem Fahrrad und der Zwei in Geschichte. So war es bestimmt! Paula hatte einen Hang zur Ironie, vor allem dann, wenn der andere auf der Leitung stand und nichts kapierte. Und was sollte ich jetzt machen? Zeigen, dass ich wenigstens das gerafft hatte, und nach Hause gehen? Ich weiß nicht warum, aber ich ging zur Tür und klingelte. Der Klingelton war noch nicht verhallt, als die Tür aufgerissen wurde und Paula in meine Arme flog. Sie umschlang mich und hielt sich an mir fest.

»Wenn du jetzt nach Hause gegangen wärst«, sagte sie leise, »ich glaub, dann wär ich gestorben.«

***

Ich habe nie wirklich kapiert, warum Paula sich in mich verliebt hat. Auch in unserer Klasse traf ihre Entscheidung auf Unverständnis. Tim war cooler als ich, größer, athletischer, sah besser aus. Er war stellvertretender Schulsprecher der Mittelstufe und spielte Fußball in der B-Jugend des TSV 1860. Tim war definitiv einer der begehrtesten Jungs der ganzen Schule. Lag es daran, dass Paula gerne gegen den Strom schwamm? War es ihr zu leicht und bequem, das Mädchen an Tims Seite zu sein? Zog es sie deswegen zu einem Außenseiter wie mich? Oder war es eher so, dass sie sich verpflichtet fühlte, weil sie wusste, wie sehr sie mir helfen konnte? Litt sie unter einer Art Helfersyndrom? Vielleicht war sie insgeheim aber auch egoistischer, als ich dachte, und vor allem deswegen mit mir zusammen, weil sie die Macht genoss, die sie über mich hatte. Denn nur mit ihr ging es mir gut. Musste sie zu einem Familientreffen und war ein paar Tage nicht in der Stadt, litt ich wie ein Hund. Hatte sie eine Grippe, und wir konnten nicht miteinander schlafen, machte mich das fertig. Ich war aber nicht so verrückt, ihr jemals eine jener Fragen zu stellen. Nichts, absolut nichts wollte ich tun, das unser Zusammensein hätte gefährden können. Wir schliefen jeden Tag miteinander, mindestens drei- oder viermal. Die Schmerz stillende Wirkung unserer Liebesspiele nutzte sich nicht ab, nicht im Geringsten. Ich kann allen Schmerzpatienten dieser Welt nur zurufen: Werft alle Medikamente und Drogen auf einen Haufen, zündet ihn an, und dann zieht euch aus und habt wilden, hemmungslosen und alles durchdringenden Sex miteinander!

Es geschah etwas Erstaunliches. Ich gewann an Selbstvertrauen, machte im Unterricht den Mund auf, und einmal schlichtete ich sogar mit lauter Stimme einen Streit auf dem Schulhof, als zwei Achtklässler aufeinander losgingen. Auch mein Image in der Klasse veränderte sich, und das nicht nur, weil Paulas Glanz auf mich abfärbte. Die Mitschüler begannen mich zu respektieren. Die Lehrer redeten mich anders an. Es waren oft nur Winzigkeiten, die den Unterschied ausmachten – ein Blick, ein Lächeln, eine spezielle Wortwahl. Da wurde mir klar: Wenn sogar mein Leben sich so sehr verändern konnte, waren wir alle nur einen ganz kleinen Schritt davon entfernt, dass unser Leben sich von einem Trümmerhaufen in etwas verwandelte, das funktionierte. Ich ließ mein Haar wachsen, und bald reichte es mir fast bis auf die Schultern. Paula mochte das, sie fand, so sah ich aus wie ein Rockstar. Ich war nicht mehr so blass, mein Rumpf wurde muskulöser. Der Einzige, der seine Meinung über mich nicht änderte und mich genauso wenig leiden konnte wie am ersten Tag, war Paulas Vater, aber das konnte ich verschmerzen. Ich schätze, ich war einfach viel zu oft Gast in seinem Haus, ohne dass er mich eingeladen hatte.

***