Die unsichtbare Elite - Klaus Windhöfel - E-Book

Die unsichtbare Elite E-Book

Klaus Windhöfel

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Beschreibung

Bildung ist sowohl zentraler Wert als auch das Anliegen von Eltern, die für ihre Kinder die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt erzielen wollen. Ausgehend vom Ideal der humanistischen Bildung entfaltet der Autor ein Konzept von Selbst-Bildung im Sinne der Herausbildung von Individualität und favorisiert das stille Glück eines kontemplativen geistigen Lebens. Der Akzent liegt nicht auf der Nützlichkeit von Ausbildung, sondern auf Freude am Lernen und dem stillen Glück in sich ruhender geistig-musischer Gehalte.

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Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für meine liebe Lebenspartnerin Kornelia Völling, die mir mit Rat und Tat zur Seite stand

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1 – Das magische Fünfeck der Bildung

Kapitel 2 – Alles was in Massen vorhanden ist …

Kapitel 3 - Bevölkerungsexplosion

Kapitel 4 – Sessel – Meditation

Kapitel 5 – Urknall des Geistes

Kapitel 6 - Individualität versus Gesellschaft

Kapitel 7 – Politische Gesellschaft und Quietismus

Kapitel 8 – Eliten haben abgedankt

Kapitel 9 – Geistesadel

Kapitel 10 – Der moderne Gottesbegriff

Kapitel 11 – Günstige Rahmenbedingungen

Umschlagfoto:

Die Schule von Athen, Fresko von Raffael, 1511, in den vatikanischen Museen, Rom

Vorwort

Massengesellschaft hat einen eindeutig negativen Beigeschmack. Was zur Masse gehört, ist nichts Besonderes mehr, trivial und alltäglich. Der Trend der Konsumgesellschaft: massenhaft standardisierte und billige Produkte und Dienstleistungen, die sich jeder leisten kann. So geht alles unter in einem Meer des Gewöhnlichen: Kreuzfahrten, Automobilität, Pauschalurlaube, Flugreisen. Bei allen Unterschieden der globalen Metropolen: die Shopping-Malls ähneln einander verdächtig. Dieselben Markenartikel weltweit, mit denen sich die Konsumenten eine Schein-Individualität zulegen wollen, die Definition des „Ich“ über die Marke, wenn man sonst nichts zu bieten hat. Paradox ist, dass jeder zur Massengesellschaft zählt, doch keiner will Masse sein. Der Massengeschmack ebnet das Außergewöhnliche und Große ein. Netflix und YouTube sorgen über die Anzahl der Likes für Uniformität. Dem Mainstreaming in Politik und Medien folgt nicht selten die innere Zensur. Die Freiheit geht verloren. Alles, was in Massen verfügbar ist, verliert an Wert. Auf diesen psychologischen Sachverhalt geht das zweite Kapitel ein. Selbst die Politik und unsere Staatsform, Demokratie und Rechtsstaat, weisen Tendenzen zum Verfall auf in Form von Mainstream-Medien, Kartellparteien, Cancel-culture, Infantilisierung komplexer Themen und Vergiftung des öffentlichen Debattenraums. Ist es noch ratsam, sich öffentlich zu strittigen Fragen zu äußern, wenn man mit Sanktionen verschiedenster Art rechnen muss bis hin zum Arbeitsplatzverlust? Das Kapitel über den Quietismus greift diese Problematik auf.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Natürlich sind Sprache, Kultur, Sitten und Lebensgewohnheiten vorgängig. In dieses Bedingungsgefüge, das zweifellos größer und mächtiger ist als jedes Individuum, sind wir dank verschiedener elterlicher und schulischer Sozialisationsprozesse hineingewachsen. Einiges ist vorgegeben, anderes ist unserem Einfluss unterworfen. Auf die Struktur des magischen Fünfecks der Bildung gehen wir im ersten Kapitel ein. Wer etwas empfangen hat, sollte dem Gemeinwesen wieder etwas zurückgeben. Dieses hochdialektische Verhältnis thematisieren wir in dem Kapitel Individuum und Gesellschaft. In der Regel geben wir dem Gemeinwesen automatisch zurück, was wir empfangen haben, indem wir einen Beruf ergreifen und uns eingliedern in den komplexen sozioökonomischen Mechanismus. Aber es ist eben eine Art von Maschine, deren Zahnrädchen wir werden, jederzeit auswechselbar. Wirklich befriedigen kann eine solch nüchterne Bestandsaufnahme nicht. Der Einzelne möchte mehr sein, als ein bloßes Rädchen im Weltgetriebe. Er möchte die bürgerlichliberale Tugend nutzen, ein unverwechselbares Einzelwesen zu werden und gerade in dieser Differenz den anderen nützlich sein.

Das dritte Kapitel behandelt ein heikles Thema der Massenerscheinung unserer Zeit: die Übervölkerung der Erde, das Politiker kaum ansprechen aus Angst vor dem Vorwurf des „weißen Chauvinismus“. Als ob sich der Mensch beweisen müsse, welch maximal hohe Zahl seiner Artgenossen noch einigermaßen ernährt und mit Trinkwasser versorgt werden könnte, bevor alles zusammenbricht. Klasse statt Masse müsste heute die Devise lauten. Weniger Menschen, dafür optimal ausgebildet und versorgt. Wie wir dahin kommen, ist wiederum eine Aufgabe von Planung und Geist. Das Naturwüchsige sollte in Geist verwandelt und durch Geist verändert werden.

Im fünften Kapitel „Urknall des Geistes“ beleuchten wir die Evolutionstheorie unter der Fragestellung eines erkennbaren Trends zur Vergeistigung. Ob auf dem Felde der Kultur, Religion oder der Technik, Mathematik und Informatik – überall gibt es einen Trend zu vermehrtem Wissen und damit zum Geistigen. Dieser Trend beginnt zweifellos bereits auf den biologischen Vorstufen der Lebensentwicklung. In unserer Innenwelt vollzieht sich ein weiterer Urknall, eben der des Geistes, der höchst individuell ist und dem physikalischen folgt. Er ist verbunden mit dem Trend zur Individuation. Die „Sessel-Meditation“ thematisiert das Wunder der Existenz, das wir dankbar annehmen dürfen vorab jeglicher Leistung. Mit der Bewusstheit werden Fragen der Spiritualität, Religion und des Seins-Selbst unmittelbar aufgeworfen, die verschieden beantwortet werden. Die Realität eines inneren geistigen Kosmos steht mit diesen Fragen im Zusammenhang. Das humanistische Bildungskonzept, das wir in diesem Buch vertreten, ist eingebettet in moderne Gottesideen, die nicht mehr eine männlichallmächtige Gottheit verehren, die apathisch und unbeteiligt im Jenseits thront, sondern sich in den Weltprozess hineinbegeben hat und mit ihm wächst, lernt und sich verändert. Solche Ideen thematisieren wir im Kapitel „Der moderne Gottesbegriff“.

Im letzten Kapitel werden die Chancen beleuchtet, die unsere Kulturstufe mit ihren Errungenschaften materiellen Wohlstandes und bürgerlicher Freiheitsrechte für jeden einzelnen bietet. Es wäre töricht, diese Privilegien nicht zu nutzen. Die einzige Möglichkeit, mit relativ wenig Geld in freilich gesicherten Verhältnissen und unter Nutzung eines im Ganzen noch intakten Bildungssystems, etwas aus sich zu machen, ist die unaufhörliche Aneignung von Bildung. Darunter versteht man in erster Linie im Zuge des Utilitarismus und Pragmatismus Ausbildung und Marktkonformität. Wir setzen dem die starke Selbst-Bildung, Charakterbildung im Sinne des klassischen Humanismus entgegen. Bildung als Selbstzweck, deren Sinn und Wert in sich selber ruht und von allen Verwertungs- und Nutzenaspekten befreit ist. Auf diesem Wege besteht die Chance, eine reiche innere Bildungsbiografie zu gestalten, bei der Sie der alleinige Schöpfer sind. Eine Komposition, die nur Ihnen zueigen ist. In der klassischen Philosophie ist die εὐδαιμονία (Eudaimonia, Glückseligkeit) das Ziel menschlichen Lebens. Im Kapitel „Geistesadel“ loten wir die Möglichkeiten aus zwischen einer reichen Bildungswelt, der Bejahung starker Individualität und der Erlangung eines stillen, dauerhaften Glücks.

„Geistesadel“ klingt elitär. Im Buchtitel steckt neben den unsympathischen Vermassungstendenzen unserer Zeit eine Provokation. Politiker vermeiden das Wort „Elite“, weil es abgehoben klingen könnte, besserwisserisch und arrogant. Der Egalitarismus altlinker Ideen verspricht mehr Wählerstimmen. Wer von Hochbildung spricht, kann jedenfalls auf den Begriff einer „Elite“ nicht verzichten. Der Weg der Charakterbildung ist immer schwierig und nicht für alle gangbar, weil er Askese erfordert und Verzicht auf raschen Lustgewinn um der höheren Bildungsgüter willen. Die „unsichtbare“ Elite spielt auf ein Phänomen an, das soziologisch gar nicht messbar ist. Weil wir ein stilles Glück bevorzugen in sich ruhender Bildungsgehalte, streben wir nicht nach öffentlicher Reputation. Diese Art von Bildung unterwirft sich nicht den gängigen Nützlichkeitserwägungen. Im Gegenzug benötigen wir dringend gute, engagierte Lehrkräfte auf allen Ebenen. Denn Bildung fällt nicht kostenlos vom Himmel. Von daher sollten geistige Eliten stets in hohem Ansehen stehen. Das achte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, warum wir uns mit dem Elitenbegriff so schwertun. Willy Brandt trat Anfang der 70er unter dem Leitsatz an: mehr Arbeiterkinder sollen studieren. Seitdem gab es eine funktionierende soziale Mobilität von unten nach oben, die heute weitgehend zum Erliegen gekommen ist. Verfallserscheinungen zeigen sich heute allerorten. Der Kapitalismus hat uns reich gemacht, aber auch zu einem Niedergang von Natur und Kreatur, zur Zerstörung der Umwelt und zu einer anhaltenden Erwärmung des Erdklimas geführt. Trotz aller sozialen Verwerfungen wäre es verantwortungslos, dieses expansive Wachstum in Zukunft fortzusetzen. Wollen wir nicht in einer Ökodiktatur enden, müsste die Veränderungsbereitschaft vom Individuum ausgehen. Dieser notwendige Bewusstseinswandel ist ohne nachhaltige Bildungskonzepte nicht möglich. Die Ziele müssen verändert werden: weg von marktkonformer Ausbildung, hin zu einer persönlichkeitsfördernden Allgemeinbildung, weg von engen Curricula und Notengebung als Zugang zu den gut dotierten Berufen, hin zu eigenverantwortlichem und selbstbestimmtem Lernen, das den Menschen und nicht seine Funktionen in den Mittelpunkt stellt. Man sollte uns nicht den Konsumspaß nehmen, ohne uns etwas viel besseres dafür zu geben, nämlich allgemein Bildung, Schulen, Volkshochschulen, Universitäten, um starke Persönlichkeiten hervorzubringen und der Flachheit allgemeiner Selbstverwirklichung zu begegnen.

Das magische Fünfeck der Bildung

Bildung ist eigentlich leicht definierbar: sie umfasst ganz allgemein die Anverwandlung von Weltgehalten, wobei die Voraussetzungen Denkvermögen, Gedächtnis und Bewusstheit spezifisch menschliche Eigenschaften sind. Bewusstheit schließt typisch Menschliches wie Freude und Stolz auf das Erlernte mit ein, im humanistischen Verständnis auch den Willen zur Selbstvervollkommnung. Die Konfrontation mit der Welt über Lernprozesse, wie sie für Schule, Universität und Lebenserfahrung tagtäglich gang und gäbe sind, unterwirft den Einzelnen einer ständigen Veränderung. Indem wir die Weltgehalte und Lebenserfahrungen zu Bestandteilen unseres inneren geistigen Kosmos machen, begeben wir uns auf einen Weg beständiger Reifung und Ausgestaltung einer einmaligen Persönlichkeit. Damit habe ich freilich bereits ein Ideal umschrieben, das vielen Menschen vorenthalten bleibt, ja mehr noch: das sie gar nicht anstreben, weil sie es nicht kennen oder für zu mühsam erachten. In der Regel verstehen wir unter Bildung nicht mehr den Luxus des humanistischen Bildungsideals, wie es von Wilhelm von Humboldt im 19. Jahrhundert entwickelt worden war, sondern eine nützliche, markttaugliche Ausbildung. Fähigkeiten und Fertigkeiten sollen erworben werden, die später auf dem Arbeitsmarkt die Chancen auf einen gut bezahlten, sicheren Arbeitsplatz erhöhen, unnötiger Ballast soll abgeworfen werden. Bleiben wir vorerst bei dieser pragmatischen Auffassung von Bildung, wie sie von den meisten Eltern für ihre Kinder vorgebracht werden dürfte, dann fallen mehr oder weniger fünf Punkte ins Gewicht, von denen die ersten beiden schicksalhaft-zufällig bedingt sind, die drei anderen jedoch in unserem Machtbereich liegen und von uns wesentlich ausgestaltet und beeinflusst werden können.

Begabung

--------------------

Milieu

Talent, Veranlagung

Kulturelle und politische Rahmenbedingungen

I

Autonomie

I

I

Persönlichkeitsbil- dung

I

I

Selbstverwirklichung Bereicherung

I

Interesse

Ehrgeiz

Neugier, Liebe zum Forschungsgegen- stand

Aufstiegswille, altgriechisch: Thymos

I

I

I -----------

--------Fleiß------

-----------

Gegenteil: Acedia

Bildung fällt nicht einfach so vom Himmel. Sie muss hart erarbeitet werden. Zu einem nicht unerheblichen Teil liegt sie sogar quer zu unseren natürlichen Bedürfnissen. Viele Dinge machen mehr Spaß, als Vokabeln zu lernen oder sich das Gehirn mit Mathematikaufgaben zu zermartern. Wäre Bildung ein einfacher Weg, so würden alle ihn wählen. Wer nicht mit der Veranlagung eines guten Gedächtnisses gesegnet ist, muss eben ein Vielfaches an Zeit in das Erlernen von Vokabeln stecken. Die obigen Eigenschaften stehen freilich in den meisten Gesellschaften hoch im Kurs. Mir ist keine Kultur bekannt, die Bildung nicht wertschätzen oder den gut ausgebildeten Experten nicht mit einem hohen sozialen Ansehen bedenken würde. Diese Bewertung ergibt sich in der Gegenwart wie von selbst: Für das Funktionieren einer komplexen Gesellschaft sind Fachkräfte unerlässlich. In aller Regel ist das höhere Sozialprestige und das erwartete hohe Einkommen Motivation genug, aus sich „etwas zu machen“. Begabung, Milieuprägung und die politischen Rahmenbedingungen gehören zu den Umständen, auf die wir keinen Einfluss haben. Ich bin in einer Zeit zur Schule gegangen, wo es reaktionär gewesen wäre, falls jemand auf die Erbanlagen des Elternhauses oder allgemein auf die genetische Disposition für den Lernerfolg verwiesen hätte. Heute ist man weniger ideologisch verblendet. Natürlich ist ein Teil der Intelligenz genetisch bedingt, man streitet sich lediglich über den Anteil. Wenn ein Kind bereits Schachgroßmeister werden kann, dann hat das gewiss auch mit hartem Training und Förderung im Elternhaus und im Schachverein zu tun, jedoch ohne Talent und Begabung wäre diesbezüglich rein gar nichts zu holen. Ein Schachgroßmeister kann bis zu 50000 verschiedene Positionen und Figurenkonfigurationen auf dem Brett im Gedächtnis speichern samt ihrer Beurteilung, eine Leistung, die für Normalbürger jenseits von Gut und Böse ist. Aber die beste Disposition für Intelligenz und Bildung kann leider auch verkümmern, wenn sie nicht gefördert wird. Unglücklicherweise spielen an dieser Stelle zu viele Zufälle und Unwägbarkeiten eine Rolle, die wir kaum beeinflussen können. Ob die Lehrkräfte gut bezahlt werden und ihren Unterrichtsgegenstand lieben, ob die Schulgebäude intakt und genügend Unterrichtsmaterialien vorhanden sind, ob der Schulbesuch kostenlos ist, oder der Arbeitszwang von Kindern ihn in vielen Ländern verhindert, ob das Schulsystem insgesamt durchlässig ist für den sozialen Aufstieg oder das Milieu eher bildungsfreundlich oder –feindlich orientiert ist, ob die staatlichen Schulen annähernd so gut sind wie die privaten, diese Faktoren müssen wir hinnehmen und das Beste draus machen. Ich halte es für selbstverständlich, dass sich die Bürger eines jeden Landes politisch im Rahmen ihrer Möglichkeiten für ein gerechtes Bildungssystem einsetzen, das auch sozialen Aufstieg ermöglicht und der freien Entfaltung der Begabungen ihrer Kinder förderlich ist. Darüber hinaus kann es sich ein reiches Industrieland mit einer sich wandelnden Wissensökonomie wie die Bundesrepublik einfach nicht leisten, das Bildungspotenzial seiner Jugend unbeachtet liegen zu lassen. Soziale Gerechtigkeit ist im übrigen Chancengerechtigkeit. Jedem, der willens ist, aus seinen Anlagen etwas zu machen, sollte dazu auch der Weg geebnet werden. Bei durchschnittlicher Begabung sollte es jedem erlaubt sein, seine Fähigkeiten in freier Selbstbestimmung und vorliegenden Interessen zu entfalten. Werden Fähigkeiten, Interessen sowie Motivation von jungen Leuten mit sozioökonomischen Erfordernissen zur Deckung gebracht, ist der halbe Weg humanistischer Bildung bereits vollzogen. Darauf kann man jederzeit später persönliche Bildungsziele aufsatteln. Bei Kleinkindern und Heranwachsenden kommt ein weiterer, nicht zu beeinflussender Faktor hinzu: Die Milieuprägung und das Engagement des Elternhauses. Kein Kind vermag sich selbst zu bilden. Autodidaktisch lässt sich später freilich einiges unter Schwierigkeiten nachholen, was man in der Kindheit versäumt hat. In jedem Fall wird es der schwierigere Weg werden, denn ein Kind lernt eine Fremdsprache im Handumdrehen, ein Erwachsener tut sich schwer damit. Kinder brauchen Anregungen, Vorbilder und auch einen sanften Druck, damit sich allmählich die innere Disziplin ausbildet, die für den Lernerfolg unerlässlich ist. Man sollte auch unter den Augen wachsamer Eltern lernen, etwas konsequent durchzuhalten und nicht bei der geringsten Schwierigkeit die Flinte ins Korn werfen. Es gibt auch eine früh erlernte Hilflosigkeit, die sich im späteren Leben nicht auszahlen wird. Die Autosuggestion einer Ohnmacht „Das kann ich niemals; das ist mir zu schwierig“ macht jede Lernkurve zunichte. Bevor das Kind den Eindruck gewinnt „ich kann etwas“, muss es sich angestrengt haben. Selbstvertrauen gewinnt nur, wer seine wahren Talente, Begabungen und inneren Kräfte kennengelernt hat. Ob ein soziales Umfeld diesbezüglich förderlich ist oder nicht, liegt wiederum an den Zufällen der Herkunft und des Milieus. Eine Pervertierung der heutigen Bildungslandschaft stellen die „bildungsfreien Zonen“ dar. Eltern legen auf die gute Ausbildung ihrer Kinder keinen Wert mehr. Flachbildschirme, elektronische Medien und Computerspiele dominieren den Alltag. Die Bezugspersonen sind Antihelden und fallen als Vorbilder aus. Intellektuelle Werte rangieren im sozialen Umfeld ganz unten. Schulbildung degradiert zu einem Antiwert. Ehrgeiz gilt als Strebertum, Fleiß als Aufstiegsarroganz. Den Unterricht zu stören, die Autorität der Lehrkraft nach Kräften zu unterminieren, wird zum eigentlichen Ziel. Über-schreiten solche Zonen ein gewisses Maß, droht das gesamte soziale Gefüge zu kollabieren. Politisch muss man hier entschlossen reagieren. Dass Bildung ein erstrebenswertes Gut ist, lernt nämlich ein Kind vorrangig im Elternhaus und im näheren sozialen Umfeld. Wo dies nicht geleistet werden kann, sollten externe Institutionen kompensieren. Die Erzieher in der Kindertagesstätte können ausgleichen, wo das Elternhaus versagt. Es versteht sich von selbst, dass die Pädagogen optimal ausgebildet und gut bezahlt werden müssen. „Kinderverwahranstalten“ sollten für immer der Vergangenheit angehören. So wenig eine Verschulung von Kindergärten wünschenswert ist, so sehr sollte man auf eine kindgerechte Pädagogik Wert legen, die die Neugierde fördert und basale Skills kommunikativer und sozialer Kompetenz anstrebt. Bei meinen Praktikumsbesuchen in Kindergärten während meiner aktiven Schulzeit habe ich bisweilen recht ansprechende Programme kennengelernt, wie man Kinder spielerisch mit der Zahlenwelt in Kontakt bringt, praktische Exkursionen im nahegelegenen Wald unternimmt oder mit einer Bastelaktion zur Sternenwelt Kinder und Eltern für den Kosmos interessiert. Der Schwerpunkt lag stets auf der Weckung von Neugier, keineswegs auf der Vermittlung von Wissen und Lerntechniken. Ein desinteressierter und ungebildeter Erzieher wird kaum in der Lage sein, die Neugier der Kinder zu fördern und ihre Fragen zu beantworten. Wie sollte ein Pädagoge, der die Mathematik aus seinen eigenen Schulzeiten zu hassen gelernt hat, den Kindern einen positiven Kontakt zur Welt der Zahlen vermitteln?

Was kann ich von den fünf Punkten selbst beeinflussen? Ohne besondere Begabung für Mathematik oder Sprachen sollte man mit Fleiß trotzdem im Dreierbereich landen. Ein fauler Schüler wird kaum über eine Minderleistung hinauskommen. Ehrgeiz und Aufstiegsbewusstsein übertragen sich von den Eltern auf die Kinder. Grundsätzlich halte ich die mittelständische Erziehungspraxis für richtig, die Kinder außerschulisch mit Malschule, Schachverein, Musik, Tanz und Sport zu fördern, sofern sie nicht durch allzu ehrgeizige Eltern überfordert werden. Auf diese Weise kristallisieren sich Begabungen und Interessen heraus. Von kindlicher Neugier, über erwachende Interessen bis hin zu Leidenschaft und Liebe zum Bildungs- oder Forschungsgegenstand verläuft im Idealfall der Weg. Wer am Ende mit Leidenschaft unterrichtet, wird am ehesten von den Schülern als Vorbild akzeptiert, was wiederum positiv auf ihn zurückwirkt. Vom Fleiß und von der inneren Disziplin als Voraussetzung für Lernvorgänge wird noch in den folgenden Kapiteln die Rede sein. Die für die persönliche Bildungsbiografie so wichtige Befähigung zur Selbstmotivierung setzt eine umfassende Allgemeinbildung sowie Freiheit und Autonomie voraus. Bei jüngeren Schülern wird sie ersetzt durch die wohlwollende Autorität der Erziehenden und Lehrkräfte. Sie müssen mit mildem Zwang und Vorbild ersetzen, was die Kinder in diesem Alter noch nicht an Reife besitzen können. Im Zuge der Gleichberechtigung und der Chancengleichheit hat jeder Anspruch auf eine solide Grundbildung, nicht jedoch auf die höchsten Bildungsabschlüsse. Das Schulsystem hat immer auch eine auswählende Funktion. Den Gleichheitsgrundsatz über leicht verdiente Noten und Minderung der Ansprüche einlösen zu wollen, ist der falsche Weg. Nicht jeder schafft das Bildungs- und Ausbildungsziel. Die Konkurrenzsituation in einer Leistungsgesellschaft verlangt von jedem ein gegebenenfalls faires Verlieren. Weil Verdienst und soziales Ansehen, Berufsperspektive und Alterssicherung immer noch sehr von den Chancen auf dem Arbeitsmarkt abhängen, kann man gut verstehen, dass sich die Eltern für ihre Kinder einsetzen und die Abiturquote eines Jahrgangs im Laufe der Jahrzehnte immer größer geworden ist bei gleichzeitiger Abspeckung der Lehrpläne. Wenn wir jedoch unfähige Lehrkräfte, Piloten und Ärzte ausbilden, ist niemandem gedient. Die fähigsten jungen Leute sollten die hoch qualifizierten und gut bezahlten Tätigkeiten übernehmen, möglichst unabhängig von der Herkunft, jedoch gemäß ihren Begabungen und Interessen in fairer und freier Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Nur so kann eine komplexe Gesellschaft funktionieren. Vor dem Hintergrund des Ausleseprinzips unseres Bildungssystems ergeben sich immer natürliche Spannungen zwischen Ansprüchen und Wünschen auf der einen und der ökonomischsozialen Wirklichkeit auf der anderen Seite. „Dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist“, kann zumindest in den unteren drei Punkten unseres Fünfecks auf jeden Fall durch persönliches Engagement, und in dem zweiten der oberen zwei Punkte politisch realisiert werden.

Wir haben allerdings ein spezifisches Problem in der saturierten, spätkapitalistischen Gesellschaft. Die Antike besaß für den gesamten Antriebsbereich des vergesellschafteten Menschen den Begriff „Thymos“ (θυμός), was übersetzt werden kann mit: Lebensenergie, Ehrgeiz, Geltungsstreben. Bei den Jugendlichen in einer Wohlstandsgesellschaft wachsen zwar die Ansprüche, nicht aber die Leistungsbereitschaft. Man hat ja bereits alles, oder man hält die Güter, die man durch anstrengendes Lernen erreichen könnte, für nicht erstrebenswert. Man scheut die Konkurrenz und begnügt sich mit dem Wenigen. Der Antrieb erlahmt und man verfällt der „Acedia“, im Mittelalter eine der Todsünden: gemeint ist die innere Trägheit und Bequemlichkeit. Ehrgeiz und Aufstiegsverlangen erlöschen; man glaubt, alle lustvollen Bedürfnisse auch ohne Anstrengung befriedigen zu können. Für eine Volkswirtschaft in internationaler Konkurrenz ist eine solche Entwicklung natürlich eine Katastrophe, weil das innovative Kreativpotenzial junger Männer und Frauen wegfällt. Dessen ungeachtet tut man sich mit einer generellen Bildungsverweigerung keinen Gefallen. Denn in einer normalen Bildungsbiografie wird man die eigentlichen Früchte erst später im Erwachsenenalter ernten, nachdem man der Gesellschaft zurückgegeben hat, was man in der Jugend von ihr empfing. Mühe und Verzicht in jüngeren Jahren sind dafür die Bedingung. Die Acedia wählt nicht nur den einfachen Weg ohne Anstrengung, sondern ist ebenso außerstande, sich ein späteres Bildungsglück vorzustellen, das die persönliche Bildungslandschaft als inneren Reichtum an Lerninhalten und Lebenserfahrung begreift. Schauen wir uns am Ende noch einmal das Bildungs-Fünfeck an: Das Wichtigste steht in der Mitte und grundiert alles andere. Bildung ist Selbstzweck und dient der Persönlichkeitsentwicklung. Dabei kommt der Freiheit eine doppelte Bedeutung zu. Zum einen verträgt sie sich nicht mit dem Zwang, Wissen, Berufserfahrung und Fertigkeiten auf dem Arbeitsmarkt verkaufen zu müssen, zum anderen emanzipiere ich mich von den gesellschaftlichen Vorgaben, die seit der frühen Schulausbildung definieren, was man unter Bildung zu verstehen hat und was einem guten Staatsbürger zukömmlich ist. Was zum Bildungskanon gehört, ist immer auch eine Frage von Macht und Einfluss gesellschaftlich tonangebender Schichten. Im Laufe unserer individuellen Bildungsbiografie entsteht eine zunehmende Unabhängigkeit von den ersten beiden determinierenden Faktoren unseres Fünfecks. Zu allen gesellschaftlichen und politischen Sachverhalten kann ich eine kritische Position einnehmen, vorausgesetzt, ich habe gelernt, wie man vernünftig Kritik übt und zutreffend schlussfolgert. Im Zuge des Anwachsens der inneren Autonomie bestimme ich selbst die Inhalte meines inneren geistigen Kosmos. In der Jugend ist man abhängig von extrinsischer Motivation. Man lernt, weil man Angst hat, das Examen nicht zu bestehen. Man übt Klavier, weil die Eltern das so wollen. Man strengt sich beim Lösen einer Rechenaufgabe an, um dem Lehrer zu gefallen. Die Leistungsgesellschaft begünstigt Karrieren, für die eine möglichst gute Schulausbildung erforderlich ist. Ich nehme den langweiligen Mathematik- und den mühsamen Lateinunterricht in Kauf, weil ich später gerne als Ärztin tätig sein möchte. Vom humanistischen Bildungsideal sind solche Berufswünsche, die mit einem hohen Sozialprestige verbunden sind, noch recht weit entfernt. Doch auf diesen Grundlagen lässt sich aufbauen. Außerdem ist ein hohes Einkommen nötig, um früher oder später den Kern unseres Bildungs-Fünfecks zu erreichen: nämlich Autonomie, völlige Freiheit und Unabhängigkeit in der Ausgestaltung meines inneren geistigen Kosmos. Die Innenwendung von extrinsischer zu intrinsischer Motivation versteht sich dabei wie von selbst. Selbst die mangelnde Begabung muss keine Determinante mehr sein. So kann ich mich beispielsweise für das Erlernen des Flötenspiels interessieren, ohne musikalisches Talent zu besitzen, einfach aus dem Grund, um den Zusammenhang zwischen Tönen und der Zahlenordnung oder dem Wesen einer Tonfolge nachzuspüren. Oder ich dilettiere mit der Malerei, experimentiere mit Farben, nicht um eine besondere künstlerische Fähigkeit darzustellen, sondern um die Theorie der Malerei und der verschiedenen Kunststile durch eigene praktische Übungen zu ergänzen. Am Ende schule ich dauerhaft meine Befähigung zur Selbstmotivierung. Selbst gewählte Interessen, gar Liebe zu den Erkenntnisgegenständen sind meine Wegweiser. Das ganze thymotische Antriebsgeschehen richtet sich nicht mehr auf die Reputation. Der Ehrgeiz erschöpft sich nicht mehr im Erreichen hoher, anerkannter Positionen in der Gesellschaft. Die Konkurrenz als Antriebsfeder und Ansporn zu Höchstleistungen hat sich verwandelt in den Wunsch, in die Tiefe des Seins einzudringen und die Vielfalt des Seienden dankend wahrzunehmen. Die bestimmende Mitte unseres Fünfecks zeigt am Ende nur einen einzigen Pfad, den wir in der Bildungslandschaft gegangen sind im Wechselspiel zwischen Schicksal und Zufall, sowie persönlichen Entscheidungen und Präferenzen. Nichtsdestoweniger ist es unser eigener, einmaliger Weg, den wir je nach Glaubenshintergrund einfügen dürfen in eine höhere, ewige Sphäre. Bildung beschreibt demzufolge stammesgeschichtlich wie individuell eine Evolution. In der Jugend kann man diesen Zustand der Beglückung aufgrund eines inneren Reichtums unmöglich erreichen – ja es wäre falsch, ihn in diesem Alter anzustreben. Ein junger Mensch muss sich eine Position in der Welt erobern. Dazu helfen ihm Ehrgeiz und Aufstiegswille. Alles hat seine Zeit, lesen wir im Buch Kohelet. In der Jugend wird gesät, im Alter fahren wir die Ernte ein. Man hat das höchste Ziel erreicht: Bildung ist Selbstzweck und ihre Gehalte ruhen in sich selbst.

Alles was in Massen vorhanden ist …

Wird zwangsläufig entwertet. Das gilt für das Geld ebenso wie für die Lebenszeit. Das Internet und die sozialen Medien warten mit einer Fülle an Informationen und affizierenden Inhalten auf. Analog zur appellativen Werbung findet ein ständiges Buhlen um Aufmerksamkeit statt. Der emotionalste Text findet die meisten Likes, das provokanteste Bild wird am häufigsten aufgerufen, das angesagteste Spiel setzt sich gegenüber der Konkurrenz durch. Die Enthierarchisierung ehemals hochkultureller Güter der bildungsbürgerlichen Gesellschaft ist unvermeidlich. „In der digitalen Welt befinden sich die Kulturformate alle auf einer Ebene, die hochgradig plural ist; nur wenige Klicks führen die Rezipienten bzw. User von ihren privaten Urlaubsfotos zu Klassikern der Filmgeschichte, von den Nachrichten ihrer Freunde zum Bericht vom Parteitag, vom Porno zu Shakespeares The Tempest oder Innenansichten der Suiten eines Pariser Nobelhotels“1 Diese Nivellierung von Kultur lässt keine Wertung mehr zu, außer der Aufmerksamkeitswertung des Publikums durch Verlinkung und Likes. Schließlich ist alles schön und wertvoll, was gefällt. Ein Bildungskanon gilt als rückständig und Ausdruck von bürgerlichem Chauvinismus. Sobald es keine Standards mehr gibt für eine gehobene Bildung, muss man sich nicht wundern, wenn jeder etwas zu wissen meint, damit in den sozialen Medien hausieren geht und natürlich fest davon überzeugt ist, dass er unbedingt Recht haben müsse. Selbst Vernunftkriterien knicken vor der schieren Masse von Scheinargumenten und formal unzulässigen Schlussfolgerungen ein. Die Partikularität wird generalisiert, das Teil erhebt sich über das Ganze. Es ist eher ein Symptom von Bildungsnotstand, wenn man zwischen Sein und Schein nicht mehr unterscheiden kann. Bildung als Massenphänomen entwertet sich zwangsläufig selbst. Die Abiturquote eines Jahrgangs liegt heute bei über 50%. So richtig es ist, das dreigliedrige Schulsystem als Chancengenerator bzw. –verhinderer einer kritischen Würdigung zu unterziehen, so gewiss sind die Anforderungen an die Hochschulreife gesunken, sehr zum Verdruss der Hochschuldozenten, die nun nachliefern müssen, was auf der Schule versäumt wurde. Die Entwertungstendenzen setzen sich bei den akademischen Abschlüssen fort. Sobald der akademische Abschluss zum Regelfall wird, fallen die Besonderheit und die soziale Nobilitierung fort. Dies scheint für ein Herdentier ein sozialpsychologisches Gesetz zu sein: fallen die ehemaligen Auslesekriterien weg, treten neue an ihre Stelle wie z.B. Privatschulen, private Business-Schools, im Elternhaus erworbenes Kultur-Kapital (Reckwitz), die für Exklusivität sorgen. Außerdem steigen die durchschnittlichen Leistungsanforderungen für die Berufsausbildung mit der Verwässerung durchschnittlicher Schul- und Hochschulabschlüsse. Die Einlasshürden werden immer höher. Einer meiner Schüler musste neben dem Abitur als selbstverständlicher Eingangsvoraussetzung für die Ausbildung zum Elektroniker mehrere Aufnahmetests im Unternehmen seiner Wahl bestehen, was man früher als einfache „Lehre“ deklariert hätte. In meiner Jugend konnte man sogar mit Volksschulbildung sich durchweg auf die meisten Lehrstellen bewerben. Natürlich sind auch die Anforderungen erheblich gewachsen. Letztlich dient jede Ausbildung dazu, später einmal gutes Geld zu verdienen an einem möglichst sicheren Arbeitsplatz. Dabei tauschen wir im Kapitalismus persönliche Fähigkeiten und Leistung gegen Einkommen in Gestalt von Lohn und Gehalt. Wenn man sehr kritisch an diesen Sachverhalt herangeht, dann handelt es sich um ein indirektes Zwangssystem. Denn wenn Sie nicht arbeiten wollen, dann hat dies sehr unangenehme Konsequenzen. Faulheit soll in der Leistungsgesellschaft nicht belohnt werden. Das Reich der Notwendigkeit durch indirekten Arbeitszwang verwandelt sich nur für diejenigen in das absolute Reich der Freiheit, die als Erben reich geworden sind und von ihren Kapitaleinkünften sehr gut leben können. Trotzdem: Falls der Lohn gerecht ist und Sie einen einigermaßen stabilen Arbeitsplatz haben, können Sie sich glücklich schätzen, weil Sie an der eigenen körperlichen oder geistigen Leistung ermessen, was Geld bedeutet. Es ist eben nicht im Überfluss vorhanden. Man muss haushalten, um über die Runden zu kommen und bei einer Kreditaufnahme genau die Risiken kalkulieren. Geld, das nicht knapp ist, hört auf, im eigentlichen Sinne Geld zu sein. Der US-Ökonom Milton Friedman brachte in einem Gedankenexperiment den Begriff „Helikoptergeld“ ins Spiel, Geld, das einfach vom Himmel herabgeworfen wird und die Konsumenten als leistungsloses Einkommen dankbar aufsammeln. Das Geld würde rasch entwertet und die Güter, deren Menge ja gleichgeblieben ist, nun eben doppelt oder dreifach so viel kosten. Die psychologischen Folgen wären freilich verheerend. Jeder würde das Geld, das morgen noch weniger wert zu sein drohte, heute noch ausgeben im Tausch gegen wertbeständigere Sachgüter. Früher oder später würde man den Respekt vor einer Geldeinheit verlieren. Die Arbeitsmoral würde schwinden in dem Maße, wie die Kaufkraft des Lohnes immer mehr sinkt.

Aber selbst ein ererbtes leistungsloses Großvermögen ist keine Garantie für beständiges Glück. Eine jener Illusionen, die sich am hartnäckigsten quer durch die Generationen und Gesellschaftsschichten halten, ist die, dass Geldbesitz glücklich macht. Unterziehen sie sich selbst einem Gedankenexperiment. Nehmen wir an, ein guter Geist stattet sie mit einem üppigen Vermögen aus ohne Inflationsgefahr, weil nur Sie, die anderen jedoch nicht von dem guten Geist bedacht werden. Sie können shoppen nach Herzenslust, eine Kreuzfahrt nach der anderen machen und sich alle Nobelautos der Welt kaufen, die ihr Herz begehrt. Ich weiß nicht, wie lange es dauert, bis sie dieses Leben im Schlaraffenland langweilig und öde finden. Wie König Midas verwandelt sich unter ihren Händen alles zu Gold und Luxus, bis ihnen am Ende davon schlecht wird. Meinen Kindern habe ich oft ein Märchen vorgelesen, das die Geschichte vom sagenhaften König auf eine Alltagssituation aktualisiert. Durch einen Zauberspruch verwandelt sich einem kleinen Jungen alles zu Schokolade, seiner Lieblingsnahrung. Natürlich dauert es nicht lange, bis er die vorher verabscheuten Mahlzeiten mit alltäglichen Kartoffeln und Spinat heiß begehrt und ihn alles, was mit Schokolade zu tun hat, anekelt. Weniger ist wahrlich mehr, und die antiken Philosophen haben bereits auf den Wert des Mittelmaßes verwiesen.

Früher oder später werden sich die Superreichen fragen, was sie eigentlich davon haben, wenn sie noch weitere Lagerhallen anmieten für Luxuskarossen, Motorräder und Oldtimer. Wie viele teure Uhren wollen sie noch sammeln, bevor sich Überdruss breit macht und sie erkennen, wie wertlos das alles ist, weil es nicht ihre genuine Leistung widerspiegelt. Außerdem ist die gesellschaftliche Akzeptanz von Reichtum und Statussymbolen umso größer, je mehr das Sozialprestige eines Berufes und die Leistung für das Gemeinwesen mit dem Verdienst übereinstimmen. Einem Chefarzt, der viel Verantwortung trägt und zwölf Stunden am Tag in der Klinik tätig ist, wird man die Villa am Stadtrand, den Porsche oder Mercedes eher gönnen, als dem windigen Spekulanten, der aus Geld noch mehr Geld macht. Der größte Vorteil ererbter Reichtümer liegt meiner Meinung nach in der teilweisen oder vollständigen Befreiung vom Arbeitszwang. Wenn man mit diesem Geschenk des Schicksals vernünftig umgeht, ist man in der Lage, das von mir favorisierte Konzept von Bildung in Freiheit frühzeitig umzusetzen, und das überschüssige Vermögen lässt sich sinnvoll einsetzen zur Förderung von Projekten meiner Wahl, die vorzugsweise auch noch mit den Präferenzen der Bildungsbiografie übereinstimmen dürfen. Um dieses Privileg zu genießen, muss man jedoch keineswegs steinreich sein. Ich rede ja von den echten Chancen in oder trotz der Massengesellschaft, die wir geschickt nutzen können für echte Selbst-Verwirklichung im deutlichen Unterschied zur konsumtauglichen oberflächlichen Selbstverwirklichung, einem Schein-Individualismus, der heute massenhaft in Erscheinung tritt.

Auf die Lebenszeit angewendet, führt das Gedankenexperiment zum gleichen Ergebnis. Das Leben gewinnt nur durch die Kostbarkeit seiner verstreichenden Tage und Stunden an Wert und Bedeutung. Der Tod als absolute Grenze wirft nicht nur Schatten auf das Leben, sondern lässt jeden Augenblick als einmalig und unwiederbringlich erscheinen. In Zukunft werden die Menschen möglicherweise im Durchschnitt 120 Jahre alt aufgrund der Fortschritte in der Gentechnik, Medizin, Hygiene und Umwelttechnik. Das mag durchaus erstrebenswert sein angesichts verlängerter Ausbildungszeiten und Umschulungen, aber rasch käme man an eine Grenze, jenseits derer eine weitere Verlängerung der Lebenszeit wie ein lebenslänglicher Aufenthalt im Gefängnis empfunden würde. Nach tausend Jahren hat man alles schon mehrfach erlebt, nichts ist mehr kostbar und einmalig; auch Schicksalsschläge wiederholen sich und man mag ausrufen: nicht schon wieder!

Massenphänomene implizieren eine interne Standardisierung. So sprach man in der Soziologie der 60er Jahre von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“, die sich durch ähnliche Einkommens- und Wohlstandsniveaus auszeichnete. Alles drängte sich nun zur Mitte. Extreme politische Einstellungen waren verdächtig. Jeder definierte sich über das Normale und über seine Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Mitte. Kulturelle Errungenschaften pendeln sich in aller Regel auf Durchschnittswerte ein. Massengüter werden einander ähnlicher; jeder soll sie sich leisten können. Gleichermaßen unterliegen Verhalten und ethische Orientierungen Normen, die einen Durchschnittswert darstellen. Man könnte auch von einem erträglichen Niveau sprechen, das für alle zumutbar ist. Von diesem Mittelwert weicht man besser nicht ab, weder nach unten noch nach oben. Eine Gesellschaft hat viele ungeschriebene Sanktionsmöglichkeiten, mit denen man Abweichungen von Zeitgenossen nach oben als arrogant, hochnäsig oder oberlehrerhaft disqualifiziert, und Menschen mit Abweichungen nach unten als faul, dumm und „Sozialschmarotzer“ verspottet. In engeren Sozialverbänden spricht man von „sozialer Kontrolle“, die auf den Dörfern, wo man sich persönlich kennt, heute noch ausgeprägter ist als in der anonymen Wohnkultur von Städten. Wehe dem, der aus der Reihe tanzt, oder aus der Rolle fällt. Die Tendenz zur Verdurchschnittlichung liegt auf der Hand, garantiert sie doch die Stabilität einer Gesellschaft. Denn der Durchschnitt markiert den mathematischen Erwartungswert. Dort gibt es den maximalen Ausschlag der Kurve nach oben, weil sich dort eben der größte Teil einer Gesellschaft versammelt. Man fühlt sich wohl in der dichten Nähe zu den Fremden und Anderen, die die gleichen Interessen teilen, ähnliche Meinungen und politische Haltungen vertreten, dieselben Urlaubs- und Konsumgewohnheiten haben. Diese Beobachtung erstreckt sich auf alle sozialen und ökonomischen Aktivitäten. Man verbirgt besser beim Bewerbungsgespräch ein zu großes Selbstvertrauen. Stattdessen verweist man auf die Vorzüge und Charaktereigenschaften, die für das angestrebte Berufsziel zweckdienlich sind. Will der Chef ein starkes, selbstbewusstes Individuum, hochgebildet mit analytischem Verstand? Ich glaube, eher nicht. Ihm genügen Durchschnittswerte der beruflichen Qualifikation. Auf dem Felde der demokratischen Meinungsbildung verhält es sich ebenso. Querdenker, rechtspopulistische Umtriebe, Pazifisten und Gegner von Waffenlieferungen an die Ukraine sind unbequem, weil unberechenbar. Sie könnten durch ihre Argumente zu viele Unentschlossene und Unsichere umstimmen und auf ihre Seite ziehen. Kurzerhand werden sie zu „Schwurblern“ und Feinden der Demokratie erklärt. Meinungsvielfalt ja, aber nur, wenn sie sich innerhalb zulässiger Normen bewegt. Diese werden in der Regel von den herrschenden Schichten vorgegeben.2 Das „Mainstreaming“ funktioniert deswegen so gut, weil mittlerweile fast jeder einen inneren Zensor im Kopf hat. Die politischen Mächte brauchen gar keine offizielle Zensur auszuüben. Durch die Internalisierung verdurchschnittlichten politisch korrekten Verhaltens zensieren sich die Menschen mittlerweile selber. Warum soll sich ein Redakteur oder Journalist mit dem Chef anlegen, wenn er auf seine konträre Meinung pocht? Er schreibt das, was den Essentials des Blattes entspricht. Warum sollte sich eine Wissenschaftlerin gegen den herrschenden Trend in ihrem Fachbereich stellen und ihrer Karriere schaden? So tendieren wir auf allen Feldern zur Mitte um des Selbstschutzes willen. Abgesehen von der unzulässigen Ausübung von Macht und Herrschaft, die man kritisieren muss, gehört das „Mainstreaming“ zu den funktionalen Bedingungen einer Gesellschaft. Normierung und Standardisierung auch von Haltungen und Überzeugungen schaffen Sicherheit und Verlässlichkeit. Dieses Überlebensgesetz kann man nicht abschaffen. Eine starke Persönlichkeit sollte es kennen, sich auch daran orientieren, um Nachteilen aus dem Weg zu gehen, jedoch ein Bekenntnis dazu strikt ablehnen. Denn ein Bekenntnis zum Mainstream beziehungsweise zum Gewöhnlichen, Erwartbaren und Alltäglichen wäre geradezu kindisch. Der Durchschnitt ist nur eine rechnerische Größe und hat mit Wahrheit nichts zu tun. Wo sich die meisten aufhalten, ist gewiss nicht die Wahrheit zu finden. Das Große, Erhabene und Außergewöhnliche würde lediglich von der Masse demontiert oder politisch als unzulässig geahndet. Die Masse möchte unbedingt jede geistige Elite zu sich herabziehen, weil sie niemanden über sich duldet. Deswegen ist es klug, mit den Wölfen zu heulen. Der Kluge kann jederzeit sein Verhalten flexibel den Erfordernissen anpassen. Sich stets zu exponieren und mit der Tür ins Haus zu fallen, wäre töricht und einem geruhsamen Geistesleben abträglich. Sollten die günstigen Rahmenbedingungen jedoch angetastet, politische Freiheiten abgebaut und ein Totalitarismus etabliert werden, von wem auch immer, müssen die geistigen Eliten aktiv werden, allein deswegen, weil die Basis ihrer geistigen Freiheit gefährdet ist.

Der Kluge und Einsichtige weiß natürlich auch, dass alle sozialen und politischen Prozeduren von zwei Wahrheiten geprägt sind. Die eine ist die politisch korrekte, die das vorschreibt, was man von Ihnen hören will und das Drehbuch ihrer sozialen Rolle liefert, und die andere Wahrheit, vielleicht die eigentliche und wirkliche, ist die, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Es ist die Wahrheit, die man hört, wenn die Politiker denken, das Mikrofon sei ausgeschaltet, aber peinlicherweise war das nicht der Fall; der ganze Saal weiß inzwischen, was der Abgeordnete oder Minister wirklich von seinen Wählern hält. Die weichgespülte Wahrheit ist für die Mitte gedacht zur Befriedigung der Bedürfnisse der meisten Kleinbürger: Keine zu schwierigen Auslassungen, kurze werbeartige Statements, viel Emotion, wenig Vernunft. Hinter der Bühne, unter Freunden und Gleichgesinnten redet man Klartext. Da kommen plötzlich unangenehme Dinge zu Wort, die man den Wählern so nicht verkaufen kann. Ich will hier nicht in eine allgemeine Politikerschelte eintreten. Letztlich ist es eine Überlebensstrategie, mit diesen beiden Formen der Wahrheit souverän umzugehen. Was darf ich wo, unter welchen Bedingungen, in welchen sozialen Kontexten sagen, ohne Nachteile befürchten zu müssen? Die Forderung, immer die Wahrheit zu sagen, käme einem sozialen Selbstmord gleich. Der Weise und Kluge hat seine fundierte Meinung zu politischen Fragen, die er jedoch für sich behält oder nur mit engsten Freunden teilt.

Die Nivellierungstendenz macht selbst vor der Sprache nicht Halt. Die Genderkonformität ist das beste Beispiel für ein umfassendes Spracherziehungsprogramm. Die dahintersteckende Ideologie besagt, dass Sprache nicht Realität abbildet, sondern erschafft. Man will eine positive Einstellung zur sexuellen Diversität erzeugen. Über die „Cancel culture“ etablieren sich gleichsam automatische Zensurmechanismen. Zusammen mit dem „Nudging“ (anstupsen), das Anreize schafft ohne Druck auszuüben, wird eine Realität erschaffen, die wiederum erwünschten Mittel- und Durchschnittswerten entspricht, die für jedermann erfüllbar sein sollten. Sprachliche Korrektheit gehört zur äußeren, offiziell anerkannten Wahrheit, eine Art sozialer Wohlfühlzone, wo allen der Eindruck vermittelt wird, zu den Gutmenschen zu gehören und auf dem rechten Wege zu sein. Selbstredend gibt es da noch die andere Wahrheit, die man vor der Öffentlichkeit verbirgt. Es soll Menschen geben, die mit eisernem Besen sich auch noch von den entferntesten sprachlichen Anklängen an rassistische Ideologien befreien, ein modernes Reinigungsritual von inneren Dämonen. Solcherart vorauseilendem Gutmenschentum und Erzeugung von Realität infolge von Sprachregelungen korrespondiert eine weichgespülte und reingewaschene Mitte von ungefährlichen, harmlosen und berechenbaren Durchschnittsbürgern, denen man auch noch suggeriert, sie seien ernstzunehmende Individuen. Nolens volens erzieht man damit seine Bürger zur Heuchelei. Sobald man diese oberflächliche, vorgestanzte Schein-Individualität annimmt, entwertet man sich selbst, indem man sich zu einem Exemplar der Masse macht und das Denken den Politikern überlässt. Wenden wir die tiefenpsychologischen Erkenntnisse auf den oben beschriebenen Sachverhalt an, dann muss man sich fragen: wo lädt der Gutmensch seine negativen Gefühle und destruktiven Energien ab? Denn so naiv darf man nicht sein, in der scheinbaren Verbesserung des Durchschnittscharakters nunmehr das Böse aus dem Einzelnen und aus der Gesellschaft ausgerottet zu haben. Solche aggressiven Triebe und Impulse lassen sich demagogisch umlenken und manipulieren. Die Nazis boten mit dem verhassten Judentum und den angeblich volksschädlichen Elementen genügend Ventile für die Massen, ihre negativen Gefühle zu entladen und abzureagieren. Im Zuge des Ukraine-Krieges scheint man den Russen aktuell diesen Schwarzen Peter zuzuschanzen, die Putin nicht in den Arm fallen und keinen Staatsstreich anzetteln. Feindbilder eignen sich sehr gut für die Ableitung aggressiver Impulse. Analoges könnte man beobachten in der zunehmenden Polarisierung westlicher Konsumgesellschaften, die sich ihre Feindbilder jeweils intern ausersehen: Globalisierungsgewinner gegen –verlierer; urbane akademische Eliten gegen das unflexible und verständnislose Subproletariat; junge Ökoaktivisten gegen die reichen, alten SUV-Fahrer usw.

Wie steht es mit dem Geistigen selber? Gibt es da auch Vermassungstendenzen und Verfallserscheinungen? Wir waren einst ein Land der Dichter und Denker. Viele Philosophen, Literaten, Erfinder und Unternehmer kamen aus Deutschland. Doch dieses hochgeistige Klima ist längst Vergangenheit. Heute können wir froh sein, in allen relevanten internationalen Vergleichsdaten noch akzeptable Mittelwerte einzunehmen. Pierangelo Maset diagnostiziert sogar für unsere Postmoderne ein allgemeines „Geistessterben“. Der Grund dafür ist ihm zufolge die Totalökonomisierung aller Wirkungs- und Lebensbereiche von der Schule bis zur Arbeitswelt über die Kunst und Medienpolitik. „Pausenlos leben wir in einer Krisenzeit … An all diesen Krisen ist der Mensch beteiligt, und an allen Krisen wird deutlich, dass die eigentliche Krise eine solche des Geistes ist. Unser Bewusstsein hat es offensichtlich nicht vermocht, im Zuge seiner rasanten Entwicklung die Komplexität entscheidender Kräfte des Lebens mitzubedenken. Unser Denken hat sich einseitig auf technologische und ökonomische Effizienz konzentriert, es hat die Vielschichtigkeit des Lebens, die Einmaligkeit der Existenz in den Hintergrund gedrängt, zu Gunsten einer technokratischen Vernunft, die noch das Allerletzte aus dem Planeten und ihren Bewohnern herausholen will, um den größtmöglichen Komfort für die privilegierten Zivilisationen zu erzielen. Dass dabei das Lebendige in Diagramme und Zahlenspiele, Bilanzen und Portfolios verwandelt wird, ist den gesellschaftlich Verantwortlichen für diese Entwicklungen offenbar nicht bewusst oder aber gleichgültig. Die Gesellschaft scheint sich überhaupt zu einem komfortablen Gefängnis entwickeln zu haben, an dessen Perfektionierung wir täglich arbeiten … Unsere Kultur hat sich immer mehr zur Wirtschaftskultur verwandelt, die unter der Maßgabe des Kennziffer-Denkens die gesamte menschliche Existenz zu berechenbaren Größen geformt hat. Die auf <Output> und Gewinnmaximierung gerichtete ökonomische Maschinerie hat sich unterdessen in allen Lebensbereichen verselbständigt.“3 Wir werden bei all unseren Fragestellungen diese Totalökonomisierung, die gegen die Ausgestaltung einer starken individualistischen Persönlichkeit gerichtet ist, im Blick behalten.

Am Ende dieses Kapitels möchte ich noch auf eine Sonderform von Entwertung zu sprechen kommen. Die moderne Astrophysik wartet mit einer wahren Rauminflation auf, die leider auch eine Entwertungstendenz aufweist für die bekannten, überschaubaren Räume. Denn wo befinden wir uns eigentlich? Welche Stellung haben wir im physikalischen Kosmos? Die Ambivalenz springt hier besonders ins Auge. Einerseits sind wir mit unserem Körperraum ein Teil des Alls (siehe Kapitel „Sesselmeditation“). Diese Raumpartizipation hat zur Entstehung des Lebens beigetragen. Das können wir durchaus wohlwollend und positiv aufnehmen. Andererseits werden wir geradezu erschlagen von den kosmischen Dimensionen. Sie sind definitiv nicht für uns gemacht. Der Philosoph Jochen Kirchhoff diagnostiziert sogar eine kollektive Neurose infolge des Verlustes unserer Verbindung mit dem Kosmos durch die moderne Astrophysik, die die Dinge nur auf ihrer Oberfläche vermisst und ein „Behälter-Universum“ proklamiert, in dem die Dinge beziehungslos umherwirbeln. Bedenkt man, wo wir mental und geistesgeschichtlich herkommen, dann ist die Raum- und Zeitrevolution der Neuzeit ein absoluter Schock. Wir sind mental adaptiert an ein geozentrisches Welt- und Menschenbild. Der Raum war ein buchstäblich begrenzter von überschaubarer Größe wie unser Körperraum und der Raum unserer Wohnung. Raum und Zeit gliederten unsere Welt in überschaubare Bereiche und Abschnitte. Nach einer kurzen Bewährung während unseres irdischen Daseins folgte die lange Ewigkeit, der eigentlich erstrebte Seins-Zustand. Die Grenzen von Erde, Himmelsfeste und Unterwelt waren immer noch vorstellbar, und der Raum fügte sich sinnvoll in das Gesamtkonzept von Gott, Mensch und Welt ein. Jenseits dessen kam keine Inflation von Räumen, sondern der personale Gott, der uns zugewandt war. Der Aristotelische Kosmos mit den geordneten Kristallschalen für Sonne, Mond und Planeten und der Zentralstellung der Erde wies eine nicht minder verständliche und überschaubare Ordnung auf. Mittels unserer Vernunft waren wir in diesem Gebilde heimisch, denn unsere Vernunft war der vernünftigen kosmischen Ordnung verwandt. Wir hatten darin einen konkreten Ort. Die Genealogien von Erde und Mensch, die Erwartung der letzten Dinge – das alles lag quasi direkt vor der Haustür. Seit der Neuzeit begann eine erkenntnistheoretische Entwicklung immer weiter in den endlosen Raum hinein, bei der die Erde immer kleiner und bedeutungsloser wurde. Da draußen war kein liebender Gott mehr, der uns in Empfang nahm und über uns wachte. Die schiere Raummasse und die unzählige Anzahl der Gestirne erschlagen uns förmlich. Unter keiner vernünftigen Relation ist unsere Erde in dieses gigantische Universum einzuhängen. Gegenüber dem All sind wir ein Nichts. Erweitern wir unsere Beobachtung noch um die Spekulationen über Paralleluniversen und die Räume der String-Theorie, so ist jegliche räumliche Verortung oder Orientierung ausgeschlossen. Das hat unweigerlich Konsequenzen für unser Wert-Empfinden. Wenn wir vor dem Kosmos mittlerweile als Nichts dastehen auf einer langen Reise des wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts, angefangen bei einer Mittelpunktstellung von Erde und Mensch, dann kann es wohl keine fundamentalere Entwertung geben als die gerade geschilderte. In der Masse der Gestirne geht unsere Erde einfach unter. Wir verschwinden in der Masse des Raums. Für die Mikroräume von Atomen und Molekülen in unserem Körper gilt übrigens Analoges. Die Leerräume in den Atomen zwischen den Protonen und Neutronen im Kern und den Elektronen auf den äußeren Schalen sind bei der gigantischen Menge von 70 Billionen Körperzellen unvorstellbar. Dass wir substanziell aus Leere bestehen, ist eine Aussage, mit der wir nichts anzufangen wissen. Sie ist befremdlich und irritiert uns. Die physikalische Entwertung des Menschen ist von anderer Art als die sozioökonomischen Massenphänomene. Dort durfte man wenigstens noch sich zugehörig fühlen. Die Masse, der statistische Durchschnitt, der mathematische Erwartungswert verschafft uns das Gefühl von Normalität und Sicherheit. Das moderne Bild vom expandierenden Universum sagt nur: Du bist nicht gemeint; niemand kennt dich dort; du bist vom Nichts umschlungen, in das du früher oder später hineinfallen wirst. Fällt die Metaphysik weg, folgen die Werte auf dem Fuße. Was hat noch Bedeutung? Was hat Bestand? Die Moderne ebnete den Weg für den Nihilismus. Es ist schwer zu sagen, inwiefern diese Wahrheit die Menschenmassen und den Massenmenschen bereits vollständig erreicht hat. Zwischen der Kenntnisnahme von populärwissenschaftlichen Sendungen über unser Universum und seiner Entstehungsgeschichte und dem tatsächlichen existenziellen Verstehen in all seinen unangenehmen Facetten liegt noch ein großer Unterschied. Wir wollen im übernächsten Kapitel untersuchen, wie wir die Raumthematik angesichts ihrer Ambivalenz unter existenziellen Gesichtspunkten für den Einzelnen gewinnbringend nutzen können.

1 Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, S.240f

2 Man lese in diesem Zusammenhang die Bücher des Demokratiekritikers Rainer Mausfeld zum Framing, zur Propaganda und zum Meinungsmanagement, allesamt Herrschaftstechniken, mit denen sich die Massen steuern lassen. Der öffentliche Debattenraum wird willkürlich eingegrenzt. Was dort vorkommen darf und was mit geschickten Methoden unsichtbar gemacht wird, ist eine Frage von ebendiesen Herrschaftstechniken.

3 Maset, Geistessterben, S. 11f

Bevölkerungsexplosion

Um von einer Explosion zu sprechen, müsste eine Größe mathematisch nach Art einer Exponentialfunktion wachsen. Nehmen wir eine Parabel f(x)=x2 als Beispiel. Die steigt erst langsam im unteren Bereich, dann immer schneller und zum Schluss explosionsartig. So verhielt es sich jedenfalls bis anfangs der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, als der „Club of Rome“ mit seinen aufsehenerregenden Prognosen des Widerspruchs zwischen einer grundsätzlich begrenzten Welt und einem unbegrenzten Bevölkerungswachstum bei sich verknappenden Ressourcen auf das Thema „Umweltschutz“ aufmerksam machte, das man vorher praktisch gar nicht kannte. Man sprach sogar vom „hypergeometrischen“ Wachstum, weil viele Exponentialfaktoren sich gegenseitig überlagerten, so beispielsweise der Rückgang der Säuglingssterblichkeit, höhere Impfquoten, bessere Hygiene, allgemein die mit der medizinischen Versorgung einhergehende höhere Lebenserwartung. Auch das durchweg junge Alter der erstgebärenden Frauen beschleunigte den Anstieg, weil deren Kinder ja wiederum frühzeitig weiteren Nachwuchs zur Welt brachten. Wir hatten anfangs der 70er ein Wachstum von jährlich 2%, was eine Verdopplungszeit von nur 35 Jahren (!) für die gesamte Erdbevölkerung nach sich zog. Ein katastrophal hoher Wert, der seitdem – Gott sei Dank – beständig zurückgegangen ist. 2024 leben 8,2 Milliarden Menschen auf der Erde und der Wachstumsfaktor beträgt „nur“ noch 0,92 %. Laut Analysen der Vereinten Nationen soll sich das System bei 10 bis 11 Milliarden stabilisieren. Das sind noch einmal zwei Milliarden mehr als heute den Globus bevölkern, weitere 100 Megastädte mit einer Einwohnerzahl von 20 Millionen wie Shanghai, Mexico-Stadt, Delhi, Tokio. Nur ein Zahlenvergleich führt uns das Problem unmittelbar vor Augen: 1950 lag die Erdbevölkerung bei 2,5 Milliarden. 2050 wird sie wahrscheinlich 10 Milliarden erreichen. Eine Vervierfachung in nur 100 (!) Jahren. Das ist atemberaubend viel und zu schnell; viel zu viel, wie wir gleich sehen werden. Da ist etwas gefährlich aus dem Gleichgewicht geraten! Die größte Katastrophe, die wir uns selbst eingebrockt haben, ist den wenigsten bisher ins Bewusstsein getreten. Die Explosion von nur einer einzigen Population geht nämlich zu Lasten des restlichen Lebens auf unserem Planeten und am Ende wird unsere eigene Existenzgrundlage unterminiert. Wir spüren nur deswegen diese Katastrophe nicht, weil wir ja selber ihr Bestandteil sind. Wir sind nicht Lösung, sondern nur Teil des Problems. Ein unbekanntes und verdrängtes Thema gefährlicher Vermassung. Als ob wir uns beweisen müssten, wie viele Exemplare unserer Gattung noch auf der Erde Platz finden, bevor alles zusammenbricht. Endliche Welt und unendliche Vermehrung passen einfach nicht zusammen. Doch dieses „Wir“ existiert bekanntlich nicht. Die Menschheit ist kein Subjekt. Sie kann sich nicht selber einreden: „jetzt reicht es“; „wir gefährden uns selbst, falls wir uns noch weiter vermehren“; „weniger ist mehr“; oder: „Klasse statt Masse“. Alle diese Slogans verfehlen ihr Ziel, weil es ein solches gar nicht gibt. Die Menschheit bildet nichts auf sich selber ab; sie hat keine innere Wahrnehmung wie ein Individuum. Sie bildet eine amorphe Masse von zurzeit 8,2 Milliarden Menschen, und der Trend zeigt weiter nach oben. Die Natur kennt keine Grenzen; sie will nur Expansion. Das Maß ist ihr fremd. Nach Schopenhauer wohnt ihr ein blinder Wille inne, der den gesamten Kosmos durchherrscht, ein unvernünftiger, planloser Vermehrungsdrang. Regulieren würden schlimmstenfalls die allgemeinen evolutiven Gesetze, die aber blind sind für unsere Moralvorstellungen. Erst Vermehrung auf Teufel komm´ raus, dann scharfe Selektion. Erst Masse, dann Selektion nach Klasse. Ein Massensterben aufgrund von Hungersnöten oder Süßwassermangel würde auf brutale Weise die zu hohe Zahl dezimieren. Die unvernünftige Natur hat immer so gehandelt: Vermehrung einer Art so viel wie möglich, die nur in Schach gehalten wird infolge von knapper Nahrung, Konkurrenz um Brutplätze, Epidemien, Fressfeinden und vieles andere mehr. Die begrenzenden Faktoren sind alles andere als human. Keine Frage, dass wir Menschen so nicht handeln dürfen. Niemand will einen biologischen Darwinismus einführen. Aber es wird zweifelsohne dazu kommen, wenn wir nicht prophylaktische Gegenmaßnahmen ergreifen.