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Die Tristesse einer fehlgegangenen Spezies spiegelt sich im Ende des Lebens von Randolf, dem unbedeutenden Frührentner aus Geversdorf, der nach einem beispiellosen Höhenflug, hervorgerufen durch wundersame Erfahrungen, inspirierender Hingabe an seine junge Geliebte Melite, die idealen Bildungsvoraussetzungen des geheimnisvollen Ordens, gleichwie durch den kongenialen Freundeskreis, dem er eine kurze Weile angehören durfte, schlussendlich in seine traurige Realität zurückkehrt. Am Ende holen ihn seine Visionen und Entrückungen ein und er kann zwischen Traumgesichten und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden. Zum Anthropischen Prinzip, den philosophischen, theologischen und kulturanthropologischen Exkursen der Trilogie findet sich noch ein erläuternder Anhang.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Mein Dank gilt deutscher Spracheund Kultur, in der ich geboren, aufgewachsenund zu Hause bin
48. Kapitel: Wiedersehen in der Psychiatrie
49. Kapitel: Global Movement for Life
50. Kapitel: Die letzte Selbstrechtfertigung
51. Kapitel: Schlussdialog im Himmel
Philosophisch-theologischer Anhang
Bildnachweis:
Tsunamikatastrophe 2011 in Japan; dpa
Ereignisreiche Tage liegen hinter mir, die mit einer halbfreiwilligen Zwangseinweisung in die Psychiatrie begannen. Befinde mich im Augenblick in der gut sortierten Anstaltsbibliothek, dem einzigen Ort, an dem man einige Ruhe und Stille findet, abseits der krankhaften Reden, Schreie, Appelle, wichtigste Botschaften, mit denen sie einen traktieren, der von Ruhelosigkeit geplagten Geisteskranken. Alles lichtet sich, nur, um in ein erneutes Dämmerlicht auszumünden. Habe einen Gedichtband von Hesse zur Hand genommen, den ich sogleich unter dem entsprechenden Buchstaben fand, das Gedicht „Im Nebel“ kenne ich seit meiner Jugend; passt haargenau auf meine momentane Lage:
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
Ja – jeder ist allein! Wie leid hat mir Melite getan! Doch ich sollte erst erzählen, unter welchen Umständen ich ihr begegnet bin. Selbst habe ich oft darüber geschrieben, kritisch, nicht ohne Schauder über die Zustände in der Psychiatrie. Statt Elektroschocks, die chemische Keule; Fixierung ans Bett; Ruhigstellung ist erste Therapiepflicht in Bezug auf die armen Kranken! Was soll ich sagen? Meine Kenntnisse entstammten allesamt der Theorie mit Ausnahme der Besuche bei meinem Bruder, selber ein Dauerkandidat der Psychiatrie wegen seiner starken Depressionen, der mich übrigens seinerseits besucht hat mit meiner Tochter zusammen in unerwartetem Rollenwechsel. Nun berichte ich als ein am eigenen Leibe, vielmehr am Geiste Betroffener. Die Schilderung meines Zustandes, der die Einwesung notwendig machte, erhielt ich von meiner Tochter. Als meine nächste Verwandte, die kurzfristig erreichbar war, war sie maßgeblich an meiner Zwangseinweisung beteiligt. Ich habe wohl mit dem Rücken zur Wand am Ende doch noch der Einweisung zugestimmt und bin so der Geschlossenen entkommen. Gott sei Dank war auf diese zivilisierte Weise eine zeitweilige Entmündigung nicht erforderlich. Ich besitze noch alle meine Bürgerrechte. Ihren Aussagen nach muss es sich um einen totalen Zusammenbruch gehandelt haben, den ich in Etappen erlitt seit meinem Besuch beim Bruder Melites in Hamburg, als es mir noch vergleichsweise gut ging. Am Abend stellten sich massive Panik-Gefühle ein, nachdem ich mehrere Mails empfangen hatte mit unzweifelhaft drohendem Inhalt, dass ich mit einer Anzeige wegen Insiderhandels zu rechnen hätte. Alle Daten einschließlich meiner Spekulationsgewinne, Zeit, Höhe und Ort des Ankaufs, gleichermaßen nur Tage später der ebenso minutiös vermerkte Verkaufsvorgang, waren in den Anhängen enthalten, sodass kein Zweifel über den Absender aufkommen konnte. Außerdem fühlte ich mich permanent beobachtet. Auf die Straße zu gehen, traute ich mich nicht mehr. Was blieb mir anderes übrig, als meine Vorräte zu strecken, so gut ich konnte, und Leitungswasser zu trinken? Die nun folgenden Informationen entziehen sich größtenteils meinem Gedächtnis und bildeten den Hauptgrund für die Einweisung mit anschließender Ruhigstellung. Dass ich mehrere Kopien eines Warnbriefes an die Redaktionen bekannter Tageszeitungen, Magazine, Regierungsstellen des Inhalts gesandt haben soll einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe mit dem nun schon hinreichend bekannten Verschwörungsmuster durch den Orden, zu dem ich Kontakt gehabt, samt deren Mordkomplott gegen ehemalige Mitglieder unter Nennung bekannter Namen einflussreicher, bislang unbescholtener Bürger, mag man noch als Überspanntheit durchgehen lassen, als unkontrolliert abbrennendes manisches Feuer des Sich-zu-Wichtig- Nehmens, dass ich darüber hinaus, so meine Tochter, jedoch auch die unmittelbaren Anwohner und Nachbarn in Geversdorf lautstark belästigt hätte, indem ich sie auf die allgegenwärtige Gefahr eines Komplotts habe aufmerksam machen wollen und sie dabei um ihren Schlaf gebracht hätte, das waren doch ernst zu nehmende und nicht mehr zu übersehende Symptome einer Paranoia mit manischen Zügen. Der Brand- und Warnbrief, an dessen Abfassung ich mich nicht mehr erinnere, enthält eine durchaus belastbare detaillierte Schilderung der Abfolge der bevorstehenden Katastrophe, die mit einem Schwarzen Freitag an den Börsen und mit dem Zerplatzen weiterer Spekulationsblasen eingeleitet wird. Obgleich von einer Amnesie umhüllt, habe ich keineswegs nur Unsinn verzapft. Außerdem hätte ich, so meine Tochter, darauf insistiert, ein auserwählter Prophet zu sein und mich auch in dieser Funktion den Nachbarn aufgedrängt und den Brandbrief im Glauben an dieselbe Identität unterschrieben. Den Propheten trügen wir alle in uns – solches und ähnlich wirres Zeugs hätte ich von mir gegeben. Bei den weitaus Meisten sei das Prophetische gänzlich verschüttet durch die gehirnwaschende Endloswerbung und die Dauerbeschallung mit politischer Reklame. Als mich Frank, schon in Eppendorf, zusammen mit meinem Bruder besuchte, sei ich tätlich gegen Frank geworden; ich hätte ihn in übelster Weise beschimpft als Menschenschinder und als den Opportunisten aller Zeiten, nur auf eigenes Wohl bedacht. Er solle sich zum Teufel scheren. Meine Tochter sagte mir, erst zwei Pfleger und ein Beruhigungsmittel hätten mich besänftigt. Von meinem Arzt weiß ich inzwischen dass als weiterer Grund für die Einweisung noch der verwahrloste Zustand meiner Wohnung kam nebst der Tatsache, dass ich mein Äußeres vernachlässigt hätte, was den Rest gab. Wer sich nicht mehr pflege, sei mindestens stark depressiv. Auf dem Zweibettzimmer der Station IV trat zunächst eine Entspannung ein. Ich erholte mich rasch unter der Gabe von Psychopharmaka. Die Amnesien wurden schwächer, doch waren mir die Einzelheiten, die zu meiner Einweisung geführt haben, lediglich bruchstückhaft ins Gedächtnis zurückgekehrt. Schon merkwürdig, dass man unter diesem tabletteninduzierten Zustand plötzlich alles ganz anders, viel gelassener und gefahrloser betrachtet. Die objektiven Sachverhalte dürften sich ja kaum geändert haben. Der zweite Schlag traf mich dort vor Ort, wo ich es am wenigsten erwartet hätte. Die Wirklichkeit entglitt mir nun vollends. War es wirklich Melite, die mir dort auf dem Flur zum Esssaal begegnete? Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Oder existierte dieses Phantom nur in meiner Einbildung? Wenn sie es war, dann konnte nur ein seltsamer Zufall uns an diesem Ort zusammengeführt haben, dann war dieser Ort Metapher oder abschließendes Symbol einer ganzen Geschichte. Wir begegneten uns schließlich an keinem neutralen Ort. Jenseitige Höllen gab es gewiss nicht mehr, aber unter den zahlreichen diesseitigen Höllen nimmt die Psychiatrie immer noch eine Sonderstellung ein, auch wenn ihre Methoden bei weitem nicht mehr so inhuman sind wie die Elektroschocks und die Bäder in eiskaltem Wasser vor zwei Jahrhunderten. Melite schaute immerzu auf den Boden. Sie hatte kaum noch Ähnlichkeit mit der lebendigen, natürlichen Schönheit, als die sie mir einst im Auditorium der Hamburger Universität während meines Vortrags über das Anthropische Prinzip auffiel. Mir erschien diese Erinnerung wie aus einem fernen, längst gelebten Leben. Extrem schmal, fast magersüchtig, die Wangenknochen hervorstehend, eingefallen im Gesicht, die Haut teigig und schwammig über die Knochen hängend, mit unsicherem Gang, die Augen geschlossen. Als wir uns direkt gegenüber standen, blickten mich kurz zwei erloschene Augen aus tiefen Höhlen an; daraufhin verbarg sie ihr Angesicht rasch hinter dem rechten empor gewinkelten Unterarm. So ging sie weiter in künstlicher Blindheit, als ob sie das Elend der Welt nicht mehr sehen könnte, zum Speisesaal. „Hallo Melite!“ Ich versuchte sie anzusprechen; ging neben ihr her. Sie wehrte heftig meine Nähe ab; wollte auch nicht, dass ich mich neben sie setzte. Ich schlich traurig von dannen wie ein geprügelter Hund; der Appetit war mir vergangen.
Als ob ich es geahnt hätte. Den letzten Brief Odins, überschreiben mit „Melite“, öffnete ich erst jetzt. Ich trug ihn immer bei mir seit dem Empfang aus dem Briefumschlag von Odins Tochter, nachdem ich den großen Umschlag zum ersten Mal im Auto geöffnet hatte. Ich vermutete eine unangenehme Überraschung. Deswegen zögerte ich wohl seine Lektüre so weit wie möglich hinaus. Das mag zu meinem instabilen Unruhezustand durchaus beigetragen haben oder bereits Folge von ihm gewesen sein, beides gleichermaßen, denn jeder zweite Gedanke richtete sich auf den vorgeblichen negativen Inhalt des Briefes, der mich vermutlich aller meiner Illusionen berauben würde. Ich wollte mich, so wird es gewesen sein, nicht einen Moment von meinen Träumen und Vorstellungen der einzigartigen Liebe Melites trennen und sie bis zum letzten unaufschiebbaren Moment auskosten bis das Gefäß seinen allerletzten Tropfen würde abgegeben haben. Ist die glutflüssige Lava des Werdeprozesses erst einmal erstarrt und erkaltet, so ist in Vergangenheit überführt, was vorher lebendige Hoffnung war, und der Tod starrt aus leeren Augenhöhlen, vormals voller sprühendem Leben. Das Realitätsprinzip führt das Regiment. Früher oder später musste ich mich ihm stellen. So ist die eiserne Struktur der Welt!
Als ich eine zeitlang zusammengesunken auf meinem Bett gesessen hatte, unfähig zu weinen, geschah wieder etwas Unerwartetes. Nach einem zögerlichen Klopfen kam Melite zur Tür herein. Ich umarmte sie, während sie kühl und distanziert blieb. Ich rückte einen Stuhl zurecht. „Du hättest mich so nicht sehen dürfen.“ hauchte sie. „Ich bitte Dich! Du bist offensichtlich krank, wie ich auch. Wir sind beide erkrankt; das Schicksal hat uns zusammengeführt. Unsere Solidarität ist stark. Ich liebe Dich!“ „Hast du nicht den Roman gelesen, den ich Dir einmal geschenkt habe? Der Mythos von Melusine? Das Beobachtungstabu!“ „Ich kann mich nur entfernt daran erinnern; doch was kümmert mich der Mythos; ich glaube nicht an Tabus! Wir sind reale Menschen und lieben uns!“ „Lies den Brief, den Odin über mich geschrieben hat!“ „Woher kennst du Odin? Woher weißt…“ Sie versuchte schwach zu lächeln. Eine Schwester kam herein: „Frau von Wehrenfels, denken Sie an ihre Tabletten.“ Melite hatte motorische Schwierigkeiten mit der Einnahme der vielen bunten Pillen und offensichtlich auch Schluckbeschwerden, die sie daran hinderten, die Tabletten zügig mit Wasser ihrer Wirkungsstätte zuzuführen. „Ich habe die Lektüre immer weiter aufgeschoben.“ „Nun ist die Zeit gekommen!“
Mit zitternden Fingern öffnete ich den Umschlag, ein kurzes Aufschluchzen verriet meine innere Bewegtheit, Odins Handschrift war zu erkennen. Ich schaute in das kleine Gesichtchen von Melite, die jetzt wie ihre eigene Großmutter aussah. Sie bedeutete mir, laut den Inhalt vorzulesen und schloss die Augen dabei.
„Lieber Randolf, wenn Du diesen Brief jemals in Händen halten wirst, wird vieles zu spät sein, einiges jedoch ist nie zu spät und kann korrigiert werden. Was mein Leben anbetrifft, so wird es zu diesem Zeitpunkt mit großer Wahrscheinlichkeit verloschen sein, nicht auf natürlichem Wege ausgehaucht, sondern gewaltsam beendet. Ich muss nicht mehr auf die Details eingehen. Du bist eingewiesen in die zwei Gesichter des Ordens. Zunächst: Halte Dich von Melite von Wehrenfels fern! Als wir in Bremen in dem Café saßen und Du mir von Deiner Liebschaft erzähltest, erschrak ich nicht wenig. Ich wollte, ich hätte Dich damals schon gewarnt. Ich tat es nicht, um Dich eigene Erfahrungen machen zu lassen und nicht zuletzt warnte ich Dich deswegen nicht, weil es zweifellos eine erhabene und wunderschöne Phantasiewelt ist, in welche Dich Melite oder Melusine einführen würde mit ihrer ungeheuerlichen hypnotischen Kraft. Bei mir ist sie so weit nicht gegangen, wahrscheinlich war ich für ihre Suggestionen nicht so empfänglich…“ Ich schaute vom Brief auf; Melite schlug die Augen auf, nickte leicht und ließ den Kopf wieder auf die Brust sinken. „Um es vorwegzunehmen: Nichts geschieht in diesem Orden zufällig. Alles ist bis ins Kleinste vorgeplant. Du hast doch wohl nicht an einen Zufall geglaubt, als die drei Gestalten bei Dir in Geversdorf aufkreuzten und Dich sozusagen engelhaft auf übernatürlichem Wege in die pädagogische Außen-Abteilung des Ordens beriefen oder als Melite rein zufällig im Auditorium saß…“ „Du kanntest Odin?“ „Ja, ich war eine zeitlang auf ihn angesetzt; sollte ihn für unseren Orden gewinnen, was mir auch in kurzer Zeit gelang. Doch meine Zauberkraft war nicht stark genug, ihn dauerhaft an mich zu fesseln. Wie Du weißt, sind die Wehrenfels geborene Mitglieder des Ordens. Mit Zugang zum innersten Zirkel. Das ist die Ebene der Erleuchteten oder Perfecti, die nochmals differenziert ist. Unsere Familie bekleidet wegen ihres Einflusses und Vermögens den Kreis der Regenten und Magier. Unsere Vorfahren waren alle Mitglieder. Ich bin sozusagen in diesem Orden groß geworden. Meine Freizeit, erste Lernerfolge, Wanderungen und Reisen – diese wunderbare Einführung in die Vielfalt der Lebenswelt habe ich den Organen des Bundes zu verdanken. Doch lies bitte weiter!“ „… Ich kenne Melite schon sehr lange. Als sie noch ein kleines Mädchen war, begann sie zu zaubern und befasste sich mit Magie. An sich ist das für Kinder nicht ungewöhnlich, deren Phantasie noch nicht so eingeengt ist wie bei den Erwachsenen. Doch bei ihr verlief das anders. Ich merkte, dass gewisse Mitglieder des Ordens sich intensiv um ihre Fähigkeiten kümmerten und dieses ursprünglich Kindlich-Naive und Natürliche in bestimmte ernstere Bahnen lenkten und die Kräfte Melites, über die sie natürlicherseits in höherem Maße verfügte als der normale Altersdurchschnitt, zu manipulieren begannen. Du wirst nach den Intentionen und Zielen fragen. Glaube Melite bitte nicht, wenn sie beteuert, sie sei das Opfer und man habe ihre Zauberkräfte missbraucht. Sie ist selbst eine der Initiatorinnen eines Zweiges des Ordens, der zwar von Anfang an da war, jedoch im Laufe der Zeit von Vernunft und ordentlicher praktischer Lebensbildung überwuchert worden ist. Diesen verborgenen Zweig weckten einige Mitglieder des Ordens zu neuem Leben, unter ihnen federführend Melite. Der Melusine-Mythos ist ja kein unschöner. Die Wassernixe hat ein Geheimnis, an das man eben nicht rühren darf. Tut man es, so bricht der Zauber zusammen. Melite ist eine Zauberin; eine Magierin; sie vermag zu bezaubern und zu behexen. Notabene: Du kennst mich als einen nüchternen Naturwissenschaftler; aber glaube mir, die Wissenschaften von der Natur beschreiben nicht ein Hundertstel der uns umgebenden wahren Wirklichkeit. Es gibt Einflussnahmen aus einer kryptischen Welt, die ich selbst mehrfach erlebt habe und die ein Naturwissenschaftler nicht wagen darf, auch nur anzusprechen. Als Kind war sie schon bezaubernd und hat ihre Reize rücksichtslos eingesetzt; mit anderen Worten: Sie verdrehte nach Belieben Männern den Kopf. Um kein Missverständnis einschleichen zu lassen: sie verfügte über eine hohe erotische Ausstrahlung, die ihr meines Erachtens auch bekannt war; sexuelle Praxis spielte dabei keine Rolle. Um es auf den Punkt zu bringen: Von altersher wird vor der Zauberei gewarnt, in der Bibel und anderswo mit derselben Intensität. Die Zauberer, Geister- und Totenbeschwörer sollten im Alten Testament gesteinigt werden, weil sie von Gott abgefallen waren. Als König Saul zu der Totenbeschwörerin von Endor geht, um den Geist des Propheten Samuel herbei zu rufen, ergeht es ihm danach sehr schlecht. So konnte Melite nicht nur weiße Magie betreiben, ohne früher oder später von der schwarzen, bösen Seite dieses Unterfangens affiziert zu werden. Das Pendant zu der guten und harmlosen Wassernixe ist Hekate, die jeweils in drei Gestalten auftreten kann und Böses im Schilde führt. Aus der Parapsychologie als Grenzwissenschaft sind viele ASW-Phänomene bestätigt worden, inzwischen auch durch ernstzunehmende experimentelle Belege. Ich habe immer begrüßt, dass der Orden diese Grenzwissenschaften in sein Forschungs- und Ausbildungsprogramm integriert hat. Zwischen der forschenden Neugier einerseits und der Praktizierung von allerlei Okkultem mit dem Ziel der Weltbeherrschung und der religiösen und metaphysischen Beeinflussung der Menschen besteht allerdings ein himmelweiter Unterschied. Du kennst meine Meinung zu dem Orden, die gut recherchiert ist und von der ich nicht abweichen werde. Sobald ich an die Öffentlichkeit gehe mit den einschlägigen Namen, ist mein Leben keinen Pfifferling mehr wert. Nicht auszuschließen, dass der Orden vorher schon mein Leben gewaltsam beenden wird, weil er sich mein weiteres Vorgehen denken kann. Ich habe das nicht mehr in der Hand. Ich will Dein Gewissen, lieber Randolf, nicht belasten. Dich mit der Auflage zu beschweren, mein Werk fortzusetzen, wäre eine unzulässige und höchst egoistische Bitte. Ich war schon früh assoziiertes Mitglied des Ordens, bevor ich viel später erst in die höheren Grade der Freimaurerei aufstieg. Wie Du schon weißt, hatten die Ordensoberen ein ausgesprochenes Interesse daran, für ihre Pläne der Beherrschung der Weltökonomie, sich mit den Gewerkschaften zu verbinden und zu versöhnen. Von mir nahmen sie mehr oder weniger mit Recht an, dass ich in der Gewerkschaftsbewegung hohe Funktionen bekleiden würde. Sozusagen im Vorausblick auf meine spätere Karriere. Der Ehrlichkeit halber sei´s gesagt: Ich habe den Bildungseinrichtungen des Ordens viel zu verdanken und dank seiner Verbindungen stieg ich schnell auf innerhalb der Gewerkschaft und bekam darüber hinaus ein wichtiges politisches Mandat. Ungesetzliches zu tun, hat man nie von mir verlangt. Dies kennzeichnet die Strategie des Ordens. Die Institutionen unterwandern und besetzen mit den eigenen Leuten; diese wiederum tun automatisch von sich aus das Ordengemäße, weil sie von ihm erzogen wurden und alle geistigen Inhalte und Ideen tief in ihr Herz gepflanzt werden. Es bedarf keiner Befehle oder Drohungen. Falls ich weiterhin die Ideale des Ordens vertreten würde, so wäre ich mit Sicherheit bereits in den innersten Führungszirkel aufgestiegen. Man hat den Gewerkschaften in der neuen Epoche, die sie herbeiführen wollen, eine durchaus wichtige und ehrenwerte Position zugedacht, wertvoller als diejenige, die sie jetzt in der pluralen Gesellschaft innehaben. Ihre Idealvorstellung von Gesellschaft stammt aus der Neoromantik; sie bedürfe einer starken Struktur; je weiter man in die oberen Ränge aufsteigt, desto perfekter müssen die Leiter und Regenten sein. Wenngleich das Geld auch Machtmittel sein wird, so wird es nach ihren Vorstellungen nicht mehr jene zentrale Führungsrolle einnehmen wie in der gegenwärtigen kapitalistischen Verfassung. Die Regenten müssen also charakterlich und sittlich höher stehen. Im Gegensatz zum demokratischen gleicht der angestrebte Zustand einem organischennatürlichen. Wie Du weißt, ist dies ein Rückschritt hinter die Ideale der Gewaltenteilung. Natürlich steht der alte Adam Weißhaupt dahinter. Sie beziehen sich gern in ihrer Eitelkeit auf den Illuminatenorden, der nur 10 Jahre Bestand hatte, den sie angeblich im Untergrund fortgeführt hätten. Ich halte dies für Legende. Wie dem auch sei, dadurch, dass sie im Verborgenen arbeiten, sind sie gefährlich und undemokratisch. Warum machen sie ihre Anliegen nicht zu einem Parteiprogramm? Ich muss Dir, lieber Randolf, die Gründe meiner Gegnerschaft zum Orden nicht mehr im Einzelnen ausführen, da Du sie kennst. Sie liegen im ideellen und geistigen Bereich, nicht in erster Linie darin, dass ich die Fahne der Demokratie vor mir hertrage. Auch sie hat als bloße Regierungsform leider entsetzliche Schwächen. Herzlichst in überweltlicher Verbundenheit, Dein Odin – mögen wir uns in einem späteren Leben wiedersehen, in einer idealeren Welt, in welcher sich dann selbst die Götter der Demokratie verpflichtet wüssten, weil sie tatsächlich die beste unter den Regierungsformen ist, nachdem ihre Kinderkrankheiten geheilt sein werden und der Mensch im Bildungsstand gehoben erscheinen wird.“
Nach der Lektüre muss ich wohl so ausgesehen habe, als sei ich schlagartig um Jahrzehnte gealtert. Ich sah alle Illusionen wie eine große Glaskaraffe zu Boden gleiten und in unzählige Stücke auseinanderbrechen. Traurig schaute ich Melite an. „Stimmt das, was Odin über Dich schreibt?“ „Ja, es ist alles wahr!“ „Ich verstehe nicht, inwiefern man Dich auf mich angesetzt hat. Ich bin im Gegensatz zu Odin unbedeutend. Ich habe nie die Aussicht gehabt auf ein wichtiges Amt und war selbst an der Schule kein Funktionsträger. Darf ich dich noch etwas Privates fragen? Waren auch Deine Gefühle zu mir nur vorgeheuchelt von jemandem, der Erfolg haben wollte?“ „Nein, Randolf, das musst Du mir bitte glauben, als ich Dir erstmalig begegnete, damals in Hamburg, war mein Verhalten Dir gegenüber berechnend und von Erfolgsstreben geprägt. So habe ich stets meine weiblichen Reize eingesetzt, um meine Ziele zu erreichen – bitte sei mir nicht böse. Deine Ehrlichkeit und Dein Charme haben mich betört, sodass ich mich bis zu einem bestimmten Grade in Dich tatsächlich verliebt habe.“ „Bis zu einem bestimmten Grade? Das hört sich an, als habest Du Deine Gefühle total unter Kontrolle.“ „Gleich werde ich Dir Näheres über den Zweck des Bundes verraten, an den ich mit Leib und Seele glaube. Dann wirst Du besser verstehen, dass ich mich als Werkzeug fühle von höheren Mächten, nicht von den Ordensoberen – die haben mir im Grunde nichts zu sagen, sondern eher umgekehrt: ich gebiete ihnen! – dann wirst du verstehen, dass ich meine Gefühle kontrollieren muss. Noch einmal: Du bist etwas Besonderes. Unser Verhältnis war echt. Ich habe Dich immer noch lieb und das wird sich nicht ändern. Doch habe bitte Verständnis dafür, dass ich nun eigene Wege gehen muss, da wir
