Die Unsichtbaren - Günther Krupkat - E-Book
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Die Unsichtbaren E-Book

Günther Krupkat

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Beschreibung

Märchenhafte Städte unter dem künstlichen Klima eines ewigen Frühlings, Atomexpresszüge, elektronisch gesteuerte Autos, gewaltige Erdaußenstationen, vollautomatische Raumschiffe, Mondstationen – eine neue Welt unter entscheidend veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen. Und das bis zur Jahrtausendwende! Dieser utopische Roman entstand 1957, als die Euphorie über den ersten Sputnik und die friedliche Nutzung der Atomkraft die Fantasie der Menschen beflügelte. Das Buch schildert heute schon Erreichtes, in ferner Zukunft liegendes, Begegnungen mit Außerirdischen und lebensgefährliche Sabotage beim Wettbewerb um die erste Mondstation.

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Impressum

Günther Krupkat

Die Unsichtbaren

Utopischer Roman

Das Buch erschien erstmals 1958 im Verlag Das Neue Berlin

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

ISBN 978-3-96521-145-2 (E–Book)

© 2019 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E–Mail: [email protected]

http://www.edition-digital.de

EINE SILVESTERNACHT IM WELTRAUM

Niko blickte zur Sonne, die nun bald hinter der Erdkugel verschwinden würde. Ja, da war sie, die gute alte Erde – 2000 Kilometer weit entfernt. Es sah aus, als hätte sie sich auf die Seite gelegt, um auszuruhen. Aber sie ruhte nicht, sie rollte unentwegt weiter. Immerfort veränderte sich ihr Gesicht, Kontinente glitten vorüber und die blitzenden Flächen der Ozeane. Mutter Erde zog gerade ihre letzte Runde im alten Jahr. Es war der Silvesterabend des Jahres 1998.

„Wir sollen hereinkommen, André. Hörst du nicht? Warwara hat sich bestimmt schön gemacht. Für dich natürlich.“

„Lass diese Anspielungen, Niko. Übrigens bin ich gleich fertig. Will nur noch die Naht zu Ende schweißen.“

Niko stand auf einem etwa zwölf Meter langen und fünf Meter dicken Rohr und verfolgte durch das „Fenster“ seines stählernen Helmes die letzten Handgriffe des Kameraden.

Er trug ebenso wie André einen Schutzanzug, der dem eines Tiefseetauchers ähnlich war. Arme und Beine hatten unter den dichtschließenden Gelenkvorrichtungen volle Bewegungsfreiheit. Die Hände bedienten von innen her mehrgliedrige Greifzangen, die es bei einiger Übung ermöglichten, jeden beliebigen Griff sicher und genau durchzuführen. Auf dem Rücken des Mannes befanden sich der Luftregenerator und der Wärmeregler. Im Helm war neben einigen Kontrollinstrumenten eine kleine Funkanlage angebracht, die für eine Verständigung mit der Außenwelt sorgte.

Ja, die Außenwelt! Überall lagen oder vielmehr schwebten große Rohre, Halbkugeln, Scheiben und Stahlträger. Es ging hier zu wie in der Montagehalle einer Werft und da waren auch zwei mächtige, glänzende Rundkörper, an die diese Einzelteile geschweißt, geschraubt oder sonst wie montiert wurden.

Aber eine Halle gab es hier nicht. Niko schaute um sich: unten nichts, oben nichts, rundum nichts! Überall gähnende Tiefe – der endlose Weltraum. Niko stand jedoch seelenruhig auf seiner Riesenröhre und jagte mit ihr in einer Stundengeschwindigkeit von 25 500 Kilometern davon. Er spürte gar nichts, es sei denn völligen Stillstand, genauso wie die Menschen auf dem Erdball, der sogar mit 106 000 Stundenkilometern durch den Raum zu brausen pflegt.

„André, beeile dich! Dort kommen schon die anderen“, drängte Niko.

Endlich war André soweit. Er zog sich an einer Leine zu Niko hinüber. Das ging ganz mühelos vonstatten, denn hier gab es keine Schwere mehr. Ein geringfügiger Anstoß genügte, um sich fortzubewegen. Darauf löste André den Karabinerhaken der Leine und die beiden setzten sich mit Hilfe handlicher Rückstoßapparate schleunigst in Bewegung. Ihre Kameraden hatten auf dieselbe Weise, gleich einem Geschwader moderner Engel, bereits den kosmischen Bauplatz verlassen. In sechs Schichten wurde hier gearbeitet, um zwei Raumschiffe für den interplanetaren Verkehr fertigzustellen.

„Schnell, schnell!“, ertönte eine Stimme in Nikos und Andrés Kopfhörern. „Wir haben nicht mehr viel Zeit und müssen uns noch umziehen.“ Das war Tillin, der Erste Monteur, der noch einmal die verlassene Stätte umkreiste, um zu prüfen, ob alles in Ordnung sei. Es wäre allerdings kaum nötig gewesen, denn die Bauteile konnten ja nicht hinunterfallen oder sich „selbstständig“ machen. Gleich darauf schwebte Tillin den anderen nach.

In einiger Entfernung wurde ein seltsames Gebilde sichtbar, das sich am tiefschwarzen Firmament drehte. Es zeigte gewisse Ähnlichkeit mit einem schräggestellten Kreisel. Das war die Außenstation Kosmos III, der am weitesten vorgeschobene Posten der Erde, der entfernteste künstIiche Trabant.

Die Station bestand aus einem rotierenden Zylinder, um den ein Ring von ungefähr zweihundert Metern im Durchmesser gelegt war. Die Köpfe an den Enden der Achse drehten sich in entgegengesetzter Richtung, was den Anschein erweckte, als ständen sie still. Dort befanden sich die Observatorien. Unterhalb des Zentralkörpers war eine Scheibe sichtbar: die Anlegestelle für Weltraumraketen. An allen Ecken und Enden ragten die korb- oder netzartigen Radar- und Funkantennen hervor. Überhaupt machte das ganze Gebilde in seiner Vielgestaltigkeit einen recht verworrenen, ja geradezu unordentlichen Eindruck. Aber hier kam es nicht auf Formschönheit, sondern einzig und allein auf größte Zweckmäßigkeit an.

Der Trupp Außenarbeiter war mittlerweile am Observatorium 1 angelangt und durch eine Tür in die geräumige Luftschleuse eingetreten. Von dort ging es weiter in einen Raum, wo hilfsbereite Hände die Gestalten aus ihren Schutzanzügen befreiten. Es kamen lauter junge, kräftige Burschen zum Vorschein. Nur Tillin, der Erste Monteur, war schon älter. Er war ein untersetzter, starkknochiger Mensch mit einem breiten, ausgeprägten, etwas grauen Gesicht.

Als alle Schutzanzüge an der Wand standen, wurde die lustig schwatzende Gruppe mit einem Lift zur zentralen Maschinenstation befördert, Dort musste sie in einen zweiten Lift umsteigen, der sie zum „Ring“ brachte, wo sich die Wohnräume befanden.

Schon auf der Fahrt dorthin ging an den Menschen eine Veränderung vor sich. Ihre Bewegungen, zuerst gleitend und behutsam, wurden sicherer, bestimmter, mit einem Wort, irdischer. Dies bewirkte die künstliche Schwere, hervorgerufen durch die Zentrifugalkraft der rotierenden Station, eine Kraft, die nach außen hin immer mehr zunahm, bis sie im Ring den normalen Verhältnissen auf der Erde entsprach. Die Bewohner dieses seltsamen Bauwerkes hatten so ihr „Gewicht“ wieder und wenn sie sich auch sozusagen an der Wand entlang bewegen mussten, störte sie dies nicht im Geringsten, denn es wurde ihnen gar nicht bewusst. Wo sie gingen, war eben der Boden, und die Zentrifugalkraft drückte sie darauf, so dass sie das Empfinden hatten, dass „unten“ wirklich unten sei, und dass sie sich ganz wie „zu Hause“ fühlten.

Auf dem langen Gang zu den Mannschaftsräumen trafen die Außenarbeiter Eva Rogan. „Nun mal ein bisschen Bewegung, Männer! Der Alte hat schon nach euch gefragt. In einer halben Stunde ist’s soweit.“ Mit diesen Worten feuerte sie den Trupp an, der auch sogleich ein etwas schnelleres Tempo einschlug.

Die gute Rogan galt als Respektsperson. Sie war eine mollige Blondine vom grünen Strand der Spree, die die Last ihrer dreißig jungfräulichen Lenze mit humorvoller Würde trug. Als das große Berliner Werk damals den ehrenvollen Auftrag zur Montage der Funkanlagen auf der Erdaußenstation erhalten hatte, war sie mit „hinauf „gegangen und schließlich hier geblieben. Jetzt war sie Funkdienstleiterin auf Kosmos III.

Die Männer schleuderten plaudernd weiter und verschwanden einer nach dem anderen in ihren Wohnräumen zu beiden Seiten des Ganges. Schließlich blieben nur noch Niko und André übrig, deren Zimmer das letzte war.

Vom kleinen Treibhaus her kam gerade, adrett und sauber gekleidet, die junge Gärtnerin der Station.

„Du willst wohl heute bummeln gehen, Warwara?“, neckte André.

„Mit euch beiden gewiss nicht“, gab sie prompt zur Antwort. „Na warte, du Radieschen! Marsch, in deinen Palmengarten!“, schimpfte Niko scherzhaft und gab ihr einen kameradschaftlichen Klaps.

Darauf verschwand sie wieder in ihr blühendes Reich, das, von der Helioanlage mit Licht und Wärme versorgt, nicht nur pflanzenbioIogischen Studien diente, sondern den Bewohnern der Weltrauminsel zugleich täglich das herrlichste Obst und das frischeste Gemüse auf die Tafel lieferte. Die Versorgung des Gewächshauses mit dem auf der Station natürlich kostbaren Nass bereitete keine Sorge, denn das von den Pflanzen ständig verdampfte Wasser wurde, ebenso wie die vom menschlichen Körper abgegebene Luftfeuchtigkeit, in Spezialanlagen gesammelt, mit Sauerstoff und Mineralsalzen frisch aufbereitet und dem Wasserkreislauf wieder zugeführt.

Der große Gemeinschaftsraum, der im Ring des künstlichen Satelliten lag, war bereits bis auf den letzten Platz gefüllt. Es befanden sich zur Zeit siebenundfünfzig Personen auf der Station. Für gewöhnlich war die Besatzung nicht so stark, aber zum Bau der beiden Raumschiffe hatte man noch einige Spezialisten benötigt. Fast alle waren jetzt hier versammelt, nur die wichtigsten Kontroll- und Beobachtungsposten, insbesondere die Funk- und Radarstationen, blieben besetzt.

Auch der wissenschaftliche Stab hatte sich nahezu vollzählig eingefunden. Da war vor allem der Leiter von Kosmos III, M. F. Welinski; vierundfünfzig Jahre alt. Er war kein aschgrauer Gelehrter, sondern ein Mann, der mit seinen derben Fäusten zuzupacken verstand, wenn es nötig war. Man konnte ihn überall finden, alle Ecken und Winkel der großen Station waren ihm vertraut und mehr als einmal war er in den Schutzanzug geklettert, um seinen Außenarbeitern in schwierigen Situationen zu helfen. Jetzt saß er in ihrer Mitte und plauderte mit ihnen.

Da waren außerdem der amerikanische Professor Murphy, Astronom von internationalem Ruf, der nun die beiden Stationsobservatorien leitete, ferner die Meteorologen Larson und Novak, der junge Chefingenieur Doktor Hollberg, der erst vor kurzem seinen Dienst angetreten hatte, die Chemiker und die Ingenieure. Da war auch der Biologe Jalescu, den Eva Rogan gerade in ein lebhaftes Gespräch verwickelt hatte. Sie hatte sich für ein paar Minuten vom Dienst ablösen lassen, um einmal zu sehen, ob „etwas los“ sei.

Lachen und Plaudern füllte den schmalen Saal. Dazwischen drangen bisweilen ein paar Takte Radiomusik. Die Stimmung war ausgezeichnet.

Professor Murphy wandte sich dem neben ihm sitzenden Welinski zu. „Sehen Sie nur, was der junge Hollberg wieder für ein Gesicht macht. Nicht einmal die kleine Warwara bringt ihn zum Lachen.“

„Ja, ich mache mir Sorgen um ihn. Irgendetwas steckt in ihm und belastet ihn. Dabei ist er der beste Chefingenieur, den ich bisher gehabt habe.“

„Sprechen Sie einmal mit ihm! Unter vier Augen, so wie ein Vater zum Sohn.“

„Habe ich schon, lieber Professor. Aber es war vergeblich. Er geht nicht aus sich heraus. Immer sondert er sich ab. Das ist nicht gut, hier oben schon gar nicht. Ich werde ihn nachher zu mir bitten. Vielleicht, dass heute … Sie haben jedenfalls ganz recht, man mussihn im Auge behalten.“

„Versäumen Sie aber Ihre Silvesteransprache nicht“, mahnte der Astronom lächelnd. „Es stehen Ihnen dafür gerade noch zehn Minuten und siebzehn Sekunden zur Verfügung.“

„Wirklich, es ist höchste Zeit!“ Welinski erhob sich, klopfte mehrmals an sein Glas, das Stimmengewirr verebbte. Sein Blick wanderte über die ihm aufmerksam zugewandten Gesichter, indes er mit der Hand durch sein immer etwas struppiges, dunkles Haar fuhr.

Welinski, ein Mann der Tat und nicht der Worte, verabscheute Reden, gleichgültig, ob er sie anhören musste oder selbst zu halten hatte. Murphy deutete auf die Uhr, worauf Welinski überflüssigerweise noch einmal an das Glas klopfte.

„Meine lieben Freunde“, begann er, „es ist für uns gar nicht so einfach, die Jahreswende mit unseren Mitbürgern auf der Erde gemeinsam zu feiern, denn wir haben hier eine eigene Zeitrechnung. Seit Stunden schonwird unsere Funkstation durch dieAufnahme vonGlückwunschsendungenblockiert.

Nun aber, da die Erde sich anschickt, ihre letzte Runde im alten Jahr zu vollenden, haben auch wir auf unserem fernen Vorposten im Weltraum die Arbeit aus der Hand gelegt, um das Ereignis zu würdigen und in Gedanken bei all denen in der Heimat zu sein, die sich zu dieser Stunde die Hände reichen und gute Wünsche miteinander tauschen. In wenigen Minuten befinden wir uns über dem nächtlichen Afrika, wo die Welle des Jubels wie überall durch die Länder gehen wird. Grüßen wir die Völker der Afrikanischen Union, die mit vielen Millionen aller Erdteile in Freundschaft verbunden und mit ihnen gleichen Willens sind, in Glück und Frieden zu leben.

Welch herrliche Perspektiven erwachsen aus diesem mächtigen Bündnis für die Menschheit! Und welch große Veränderungen erfuhr unser Leben schon im Atomzeitalter! Atomkraft verwandelt Wüsten in üppige Gärten. Atomkraft vertreibt von den arktisdien Küsten das ewige Eis. Sie macht uns frei von der schweren körperlichen Arbeit, sie ward zum beglückenden Element in der Hand friedfertiger Menschen.

Blickt nur um euch, Freunde, seht diese Weltrauminsel, auf der wir stehen: Sie ist die größte von drei künstlichen Trabanten, die heute den Erdball umkreisen. Und ist sie nicht zugleich schönster Ausdruck solidarischen Schaffens zum Wohle und Nutzen aller Menschen? Sie ist Stätte wissenschaftlicher Forschung und Brückenkopf für den weiteren Vorstoß ins All. Auf ihr wirken hervorragende Gelehrte und Techniker vieler Völker.

Aber dies ist erst der Beginn. Das Jahr 1999 wird für uns von besonderer Bedeutung werden. Wir bauen für den interplanetaren Verkehr zwei Flugschiffe, die bald starten werden.

Ihr, meine lieben Freunde, seid Pioniere des Fortschritts. Zeigt euch allzeit dieser hohen Berufung würdig, auf welchem Posten ihr auch stehen mögt. Viel habt ihr schon getan und dafür sei euch Dank, aber mehr noch ist zu tun im letzten Jahre dieses Jahrhunderts, das so unheilvoll begann und nun so verheißungsvoll enden soll. Und dazu wünsche ich euch von ganzem Herzen Glück und Erfolg!“

Welinski sah zu der auf Zonenzeit gestellten Wanduhr. Noch dreißig Sekunden fehlten an der vollen Stunde. Unter der Uhr befand sich ein Bildschirm, auf dem sich die Erdkugel im matten Schein des Mondes drehte. Die Konturen des afrikanischen Kontinents traten aus dem Dunkel der Ozeane zart heraus. Alle Augen waren auf diesen Erdteil gerichtet, in den nun auch das neue Jahr einzog. Der große Zeiger der Uhr rückte auf zwölf.

Welinski ergriff sein Glas. „Ziehe deine Bahn in Frieden, liebe alte Erde! Immer schöner soll dein Antlitz erstrahlen durch des Menschen Hand, immer herrlicher sollen deine Fluren erblühen, immer glücklicher deine Völker leben! Das sei unser Wunsch und unsere Verpflichtung zu dieser Stunde!“

Alle erhoben sich und ließen die Gläser klingen. Welinski machte seine Runde. Jedem drückte er die Hand und für jeden fand er freundliche, persönliche Worte. Eva Rogan steuerte auf ihn zu, sie kam gerade vom Funkraum.

„Nanu, Sie sehen ja ganz aufgeregt aus. Die Neujahrsglückwünsche sind Ihnen wohl wieder über den Kopf gewachsen?“, fragte er lachend.

„Wissen Sie, Maxim Fjodorowitsch, ich bin ja allerhand gewohnt, aber die Afrikaner sind vollständig aus dem Häuschen.“ Sie reichte ihm ein Päckchen Blätter. „Wie wird es erst zum nächsten Silvester, zum Jahre Zweitausend, werden?“

„Machen Sie sich deswegen noch keine Sorgen“, beruhigte er sie. „Vielleicht sitzen Sie dann schon auf dem Monde … als Sendeleiterin.“

Blinzelnd sah sie ihn an. „Wollen Sie mich los sein, Maxim Fjodorowitsch?“

„Aber, aber … was denken Sie? Kosmos III ohne Sie … unvorstellbar! Da mag sich der Mann im Monde eine andere Frau suchen. Übrigens, wo steckt Ingenieur HoIIberg? Haben Sie ihn gesehen?“

„Ich traf ihn vorhin im Gang. Er war auf dem Wege zu Ihrem Arbeitszimmer.“

„Zu meinem Arbeitszimmer?“ Welinski zog die Augenbrauen hoch.

„Ja, ich dachte, Sie hätten ihn zu einer Besprechung gebeten. Er war wieder mal ganz weg, hat mich kaum angesehen.“

Welinski ließ Eva Regan stehen und ging hinaus. Er nahm den kürzeren Weg durch das Gewächshaus, um schnell zu seinem Zimmer zu gelangen, das auf der anderen Seite des Ringes lag.

Als er die Tür des Zimmers öffnete, fand er es leer. Er trat ein, blieb in der Mitte des kleinen, geschmackvoll eingerichteten Raumes stehen. Durch das runde Quarzglasfenster fiel grelles Sonnenlicht. Die Station hatte auf ihrer Kreisbahn den Erdschatten verlassen, aber sie drehte sich ja auch um die eigene Achse, und so wandelte der Schein durch das Zimmer, Er würde bald verschwinden und in einer Minute wieder da sein; es war so, als kreiste draußen der starke Lichtkegel eines Leuchtturmes.

Maxim Fjodorowitsch stand nachdenklich an demselben Fleck. Sein Blick eilte über den Schreibtisch und die Regale bis zu der Stelle, wo sich in der Wand die kaum sichtbaren Linien eines Rechtecks zeigten. Dort befand sich der eingebaute Stahlschrank. Alles war in Ordnung. So ein Unsinn! Was hätte Hollberg in meiner Abwesenheit hier schon zu suchen, dachte er ärgerlich.

Aber wo war Hollberg? Auf seinem Zimmer vielleicht. Es lag wenige Schritte weiter auf derselben Seite des Korridors. Er ging dorthin, klopfte an die Tür. Hollberg meldete sich. Welinski trat ein. Das Zimmer war bis auf ein paar persönliche Nuancen dem anderen sehr ähnlich. Die Sonne erhellte gerade wieder den Raum.

Werner Hollberg stand am Fenster, die Hände in den Hosentaschen seines eleganten grauen Anzugs. Er war noch sehr jung, hatte erst vor zwei Jahren sein Examen in Berlin, übrigens mit Auszeichnung, bestanden und sich bald darauf durch seine kühnen Entwürfe im Zentralen Konstruktionsbüro für Astronautik einen Namen gemacht. Wer ihn nicht kannte, hätte aus der meist etwas lässigen Haltung seines in sportlichem Training gut entwickelten Körpers leicht auf eine gewisse Überheblichkeit schließen können. Aber überheblich war Hollberg nicht. Als er jetzt seinen hohen, schmalen Kopf mit dem wohlfrisierten dunkelblonden Haar Welinski zuwandte, fiel die blendende Strahlenbahn voll auf sein Gesicht, das beinahe noch jungenhaft gewirkt, wenn er gelacht hätte. Er lachte jedoch niemals. Manchmal spielte wohl ein schwaches Lächeln um seine Lippen, doch die blauen Augen blickten immer ernst. Es schien stets ein düsterer Schatten über seinem Gesicht zu liegen und das war bei einem so jungen Menschen wirklich bemerkenswert.

Überrascht ging er Welinski einen Schritt entgegen. „Sie, Maxim Fjodorowitsch? Entschuldigen Sie bitte …“

„Warum entschuldigen Sie sich?“, fragte Welinski lächelnd. „Ich muss mich entschuldigen, weil ich Sie in Ihren Gedanken störe. Kleine Selbstbetrachtung zur Jahreswende, wie? Kommen Sie, setzen wir uns auf ein Wort!“

Sie nahmen auf einer kleinen Eckbank Platz. Welinski stützte die Arme auf den Tisch und betrachtete Hollberg, der geduldig wartete, bis sein Chef zu sprechen begann. Der fuhr sich mit einer hastigen Bewegung durch das Haar. „Lieber HoIIberg, ich habe heute in meiner Ansprache allen gedankt für das, was sie bisher geleistet haben. Ich möchte Ihnen noch besonders danken.“

Hollberg winkte ab.

„Nein, nein, weisen Sie das nicht zurück. Sie haben in der kurzen Zeit, da Sie auf Kosmos III sind, sehr viel für die Station getan. Und nicht nur für die Station selbst; ich denke besonders an den Bau der Raumschiffe und weiß gute Arbeit zu schätzen, glauben Sie es mir. Haben Sie einen Wunsch? Vielleicht Urlaub zur Erde? Im Augenblick ist es freilich nicht möglich, die Raumschiffe müssen erst fertig werden. Aber nach der Abnahme durch die Kommission wäre vor dem Start noch Gelegenheit dazu. Nun?“ Der Chefingenieur schüttelte den Kopf. „Vielen Dank, Maxim Fjodorowitsch, aber ich bin an einem Erdurlaub nicht interessiert“

„Nanu! Das ist für einen jungen Mann wie Sie einigermaßen ungewöhnlich. Habe ich nicht recht? Gewiss, wir leben hier nicht schlecht, aber doch immerhin in einer … nun, sagen wir, abgelegenen Gegend. Die anderen jungen Leute auf der Station, so begeistert sie auch von ihrer Arbeit sind, greifen mit Freuden zu, wenn ein Urlaub winkt.“ Welinski musterte Hollberg mit Wohlwollen und legte die Hand vertraulich auf dessen Schulter. „Was ist mit Ihnen?“, fuhr er fort. „Was bedrückt Sie, Hollberg? Verzeihen Sie mein Fragen, aber mich interessiert nicht nur die Arbeit, sondern auch der Mensch, der sie leistet. Und ich möchte Ihnen helfen, denn ich spüre, dass Sie Hilfe brauchen. Ich könnte Ihr Vater sein, denken Sie an Ihren Vater und fassen Sie Vertrauen zu mir.“

Werner Hollberg wandte Welinski sein Gesicht zu. Es sah jetzt alt aus, zerfurcht. Sein Blick hielt nicht stand, glitt zur Seite. „Sie sind ein guter Mensch, Maxim Fjodorowitsch, ein guter … aber …“ Seine Lippen schlossen sich fest.

„Und Sie? Sind Sie es nicht? Ich bin gewiss, dass Sie es sind.“

Der andere schwieg.

„Frauengeschichten?“, forschte Welinski vorsichtig.

„Ach … Frauen!“ Hollberg fuhr mit der Hand über die Tischplatte, als zöge er einen Schlussstrich. „Sie sollten meine Ablösung veranlassen, Maxim Fjodorowitsch. Dann sind Sie die Sorge um mich los. Ich bin nun einmal ein abseitiger Mensch und passe nicht in Ihren Kreis … Ja“, er nickte nachdenklich, „das wäre das Beste.“

„Wollen Sie Ihre Arbeit im Stich lassen? Eine solche Arbeit? Ich denke gar nicht daran, diesen Vorschlag ernst zu nehmen. Sie verbohren sich in einen bestimmten Gedanken und sehen keinen Ausweg. Das ist’s! Aber vor Hindernissen soll man nicht kapitulieren, man soll sie aus dem Wege räumen.“

Der andere zuckte mit den Schultern. Beide schwiegen eine Weile. Der Sonnenfleck zog wieder seine Bahn durch den stillen Raum.

Welinski erhob sich und schaute kummervoll auf den jungen Menschen. Er reichte ihm die Hand. „Ich bin immer für Sie da, Hollberg, vergessen Sie es nicht. Und jetzt wollen wir noch ein bisschen mit den anderen feiern.“

Auf der Landefläche der Außenstation Kosmos II, die in etwa 1 500 Kilometer Höhe die Erde umkreiste, machten zu derselben Stunde mehrere Passagierraketen fest. Ihre Luken wurden hermetisch mit einer Rampe verbunden, durch die man in das Innere der Station gelangte.

Während die künstlichen Erdtrabanten Kosmos I und Kosmos III im Dienste der neuen Welt standen, gehörte Kosmos II den „Desperados“, wie man die letzten Vertreter des internationalen Großkapitals zu nennen pflegte, die sich nach vergeblichen Versuchen, ihre alten Machtpositionen zurückzugewinnen, nur noch in Nordamerika behaupten konnten. Kosmos II war wesentlich kleiner als die anderen Satelliten. Die Technik hatte in der sozialistischen Sphäre, vor allem in der Sowjetunion, einen immer rascheren Aufschwung genommen, so dass die Entwicklung im kapitalistischen Machtbereich der Desperados nur noch unter großen Anstrengungen zu folgen vermochte. Und erst nach langen Bemühungen war es einigen durch den Millionär Basil Varone vorübergehend zusammengeschlossenen Monopolunternehmen gelungen, das Projekt Kosmos II auszuführen.

Hatte die friedliebende Menschheit den Bau ihres ersten Stützpunktes im Weltraum begeistert gefeiert, so war das Entstehen dieser zweiten Station mit Zurückhaltung, ja mit Misstrauen beobachtet worden. Man hatte an die Machenschaften der Imperialisten erinnert, durch die die Sicherheit der Völker immer wieder gefährdet worden war, und warnend darauf hingewiesen, dass die Desperados Menschen seien, die mit allen Mitteln versuchen würden, ihre verlorene Vorherrschaft zurückzugewinnen.

Die sozialistischen Regierungen vertraten jedoch den Standpunkt, dass der Grundsatz des friedlichen Nebeneinanderbestehens auch außerhalb des Erdballs gelten solle. Und die Desperados schienen in der Folgezeit auch ihre Zusicherungen ernst zu nehmen, dass die Raumstation nur friedlichen Zwecken dienen werde.

Für den arglosen Betrachter bot sich Kosmos II als eine Art Weltraumhotel mit komfortablen Übernachtungsmöglichkeiten dar. Allerdings waren die Reisen dorthin nicht für jedermann gedacht. Das bewiesen schon die enormen Preise, die man dafür forderte. Kosmos II sollte nur Millionären und ihren Freunden zugänglich sein.

Dank der weitentwickelten Atomtechnik galt ein Flug zur Außenstation längst nicht mehr als das tollkühne Unterfangen mit mancherlei ernsten Gefahren für Leib und Leben der Reisenden wie zum Beginn der Raumschifffahrt. Man stieg heutzutage in die Flugrakete wie vor fünfzig Jahren in ein normales Verkehrsflugzeug und ließ sich sanft und sicher in das All entführen, wenn man nur willens und in der Lage war, den dafür verlangten Obolus zu entrichten. –

Die Gäste, die auf Kosmos II eingetroffen waren, wurden von Herrn Battisti, dem kaufmännischen Leiter der Station, mit großer Zuvorkommenheit begrüßt. Eine strikte Anweisung der Direktion der I.T.L. (Interplanetare Touristenlinie), zu der das Weltraumhotel gehörte, machte es ihm zur Pflicht, allen Wünschen der Gaste gerecht zu werden, soweit es nur ihre eigene Sicherheit und die der Station erlaubte. Das war in Anbetracht der besonderen Umstände, unter denen ein extravagantes Publikum sich hier amüsieren wollte, ein recht heikler Auftrag. Aber schließlich wurde ja dafür bezahlt und der wackere Herr Battisti, ein gewandter, menschenkundiger Mann, fand auch immer einen Weg, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden, die sich oft genug für ihn ergaben.

Nachdem die Gäste ihre Kabinen aufgesucht und sich unter der Fürsorge der Stewards und Stewardessen von den keineswegs übermäßigen Strapazen des etwa halbstündigen Raketenfluges zur Station erholt hatten, fanden sie sich in der Kosmos-Bar ein.

Das war ein fast kugelförmiger Raum, An seinen Wänden glänzten Sternbilder auf dunklem Grunde, wodurch dem Betrachter der Eindruck vermittelt wurde, er säße hier sozusagen im Freien. Die Illusion wurde jedoch durch die Deckenleuchten beeinträchtigt, die Monde darstellten. Diese Monde, die ihr Licht von einer Scheinwerfersonne empfingen, drehten sich langsam, so dass die verschiedenen Mondphasen sichtbar wurden. Wer einen ungünstigen Platz belegt hatte, musste allerdings immer mit Neumond vorliebnehmen. Die Mondoberfläche war naturgetreu nachgebildet, wobei der Gestalter sogar die neuesten Aufnahmen unbemannter Raketen von der dem Erdball stets abgewandten Mondseite berücksichtigt hatte.

An den Wänden standen leuchtende Erdgloben, deren Kappen bis zum Wendekreis des Krebses mit kühnem Schnitt entfernt waren, so dass sich Tischplatten ergaben. Um diese Tische gruppierten sich dreh- und klappbare Stahlsessel, wie sie in den Passagierraketen üblich waren. Die Mitte des Raumes war frei. Über den Fußboden aus schwarzem Glas zog sich das schimmernde Band der Milchstraße, auf der sich die Tänzer zu den Klängen einer kleinen Kapelle im Rhythmus des „Snaky“, eines beliebten Modetanzes, bewegten. Ihre Körper schwangen hin und her wie die schlangengleichen Pflanzen am Meeresgrund.

Die Gäste musterten sich, nickten sich zu. Fast jeder kannte jeden. Man war unter sich.

Allgemeine Beachtung fand ein Paar, das etwas abseits Platz genommen hatte, aber von Herrn Battisti mit besonderer Beflissenheit betreut wurde. Es war Eliza van Meeren in Begleitung des Exprinzen Harro, ihres Verlobten.

Eliza, eine der reichsten Erbinnen der kapitalistischen Restwelt, besaß die reizvolle Schönheit ihrer verstorbenen Mutter, die malaiischer Abstammung gewesen war. Gescheit und selbstbewusst, aber auch launisch und eigenwillig, ging sie gern eigene Wege. Sie befasste sich sogar mit sozialistischen Ideen, was man in ihrer Umgebung als Spielerei einer Millionärstochter lächelnd hinnahm.

Ernster dagegen beurteilte die Familie van Meeren Elizas Liebesabenteuer mit einem deutschen Studenten. Die Geschichte lag schon einige Zeit zurück. Eliza war damals ins Ausland gegangen, um Sprachen zu studieren. Dort verliebte sie sich in einen jungen Mann, von dem boshafte Zungen ihrem Vater zutrugen, er besäße zwar einen ehrenwerten Charakter und alle Voraussetzungen, einmal ein guter Ingenieur zu werden, sonst aber nichts. Der Vater schwieg zunächst. Als jedoch offenbar wurde, dass die jungen Leute die Grenzen eines harmlosen Liebesgeplänkels überschritten, wurde Eliza in die Heimat zurückgerufen.

Sie kam und erklärte rundheraus, dass sie den Studenten heiraten wolle. Diesen Schritt möge sie sich dreimal überlegen, sagte der Vater dazu. Das Haus van Meeren sei von Rückschlägen bedroht und er mache sich große Sorgen um den Bestand des Familienbesitzes. In dieser ernsten Situation gebiete es die Klugheit, dass seine Tochter ihm nicht einer Marotte wegen in den Rücken falle. Handle sie heute unvernünftig, dann würde sie morgen vermutlich nicht mehr so sorglos leben können wie bisher. Durch eine geschickte Fusion dagegen erhielten seine festgefahrenen Unternehmungen neuen Auftrieb und ihr würde das väterliche Erbe erhalten bleiben. Gerade sie, die so ungewöhnlich hohe, um nicht zu sagen extravagante Ansprüche an das Leben stelle und der bisher noch keine einzige einigermaßen ernst zu nehmende Pflicht auferlegt worden sei, möge das wohl bedenken.

Eliza stutzte. Von diesem Gesichtspunkt aus hatte sie ihre Zukunft noch nicht betrachtet. Monatelang rang sie mit widerstreitenden Gefühlen, bis sie sich schließlich so entschied, wie es ihr Vater erhoffte. Sie verlobte sich mit dem Prinzen Harro.

Der Prinz war ein stattlicher, eleganter Mann in den besten Jahren. Er hätte einen Thron besteigen können, wenn das Rad der Geschichte stehengeblieben wäre. Aber es war nicht stehengeblieben, und so musste er sich auf die Besitzungen zurückziehen, die er vorsorglich auf Grönland erworben hatte.

Grönland, das seine Bedeutung als strategischer Stützpunkt der USA gegen die Sowjetunion längst verloren hatte, war von den Desperados durch Regulierung der Meeresströmungen nach dem Beispiel des gigantischen sowjetischen Dammbaues an der Beringstraße mit Hilfe der Atomenergie dem Bereich des ewigen Eises entrissen und industrialisiert worden.

Eines Tages nun lernte Basil Varone, das Haupt der Desperados, den Prinzen kennen und machte ihn zu seinem Sonderbeauftragten für territoriale Fragen. Varone machte aus jedem etwas, der seinen Plänen nützlich sein konnte. Und das war bei Prinz Harro in hohem Maße der Fall, denn das Land, über das er zwar nicht mehr gebot, vielleicht aber wieder einmal gebieten würde, falls die Zeiten sich ändern sollten, dieses Land war reich an begehrten Rohstoffen und spielte in den weitgespannten Spekulationen Varones eine wichtige Rolle.

Hinter dem unbestimmten Begriff „Territoriale Fragen“ verbarg sich also eine sehr bestimmte Zielsetzung, der Harro sich nun vorausschauend widmete. Wurde diese Aufgabe begreiflicherweise auch diskret behandelt, so war der Prinz doch eine viel beachtete Persönlichkeit in der kapitalistischen Sphäre, seitdem er dem engeren Kreis um Basil Varone angehörte. Und van Meeren freute es, dass er durch Elizas Verbindung mit Harro nebenbei noch zum stillen Teilhaber an einem großen, wenn auch erst künftigen Geschäft seines Freundes Basil wurde. –

In der Kosmos-Bar begann ein neuer Tanz. Eliza und Harro ließen die Blicke über die Paare schweifen.

„Ganz nett, nicht wahr?“, fragte er zwischen einem versteckten Gähnen.

Eliza nippte am Sekt. „Ja, ganz nett.“

„Hätte größer sein müssen, das hier“, fuhr er fort,

„Station III ist größer. Ich möchte gern einmal dorthin.“

„Ich nicht. Ist doch alles dasselbe. Außerdem sind dort die anderen. Ich kann sie nicht ausstehen.“

„Warum eigentlich nicht?“

Der Prinz sah sie mit großen Augen an. „Sonderbare Frage!“ Da sie auf seine vorwurfsvolle Feststellung nicht einging, wandte er sich etwas gereizt einem der gegenüberliegenden Tische zu, an dem sich eine kleine Gesellschaft höchst angeregt und ungezwungen amüsierte. „Die tun geradeso, als seien sie allein. Unverschämt! Man müsste sie an die Luft setzen.“

Eliza lächelte, „Das wäre nicht gut möglich, mein Lieber, denn rings um uns ist luftleerer Raum. Aber warum sollten sie nicht ausgelassen sein? Es sind junge Leute, und wir haben Neujahr.“ Er starrte auf die lustige Runde. Ach ja, Neujahr … Immer dasselbe! Warum nur betonte sie, dass das junge Leute seien? Waren sie, Eliza und er, etwa keine jungen Leute mehr? Er war freilich fünfzehn Jahre älter als sie. Zum Teufel, sollte es ein Zeichen des Alterns sein, dass er in letzter Zeit so oft daran denken musste? Er riss die Schultern zurück und winkte Herrn Battisti heran, der seine prominenten Gäste keinen Moment aus den Augen verlor. „Ist der Direktor der Station anwesend?“

„Bedaure, Hoheit, er ist auf der Erde.“

„Wie? Ach so! Na, einerlei …“

Herr Battisti erbleichte. „Haben Hoheit eine Beschwerde?“

„Nein, nein. Es ist ganz nett hier. Nur etwas laut. Wir möchten einen kleinen Rundgang durch die Station machen.“

„Wie Hoheit befehlen! Ich bin mit der Station genauso vertraut wie der Direktor. Wenn ich bitten darf, meine Herrschaften.“

Eliza und Harro folgten Herrn Battisti, der halb seitwärts hüpfend vorauseilte und dabei erklärte: „Leider ist der Zutritt zu den Forschungsabteilungen unseren verehrten Besuchern neuerdings nicht mehr gestattet.“

„Wie schade!“, bedauerte Eliza. „Ich bin zum ersten Mal hier und hätte gern alle Einrichtungen besichtigt.“

„Das Verbot gelte für jeden, ohne Ansehen der Person, heißt es ausdrücklich in der Anweisung, Gnädigste.“

„Die Forschung hat eben ihre Geheimnisse“, sagte Harro lächelnd zu Eliza. Dann wandte er sich an Herrn Battisti: „Eine sehr vernünftige Maßnahme! Die Station ist ein wichtiger Stützpunkt für uns. Übrigens, nicht weit von hier befindet sich doch Kosmos III. Steht Kosmos II mit dieser Station in Verbindung?“

„Eigentlich nur durch die üblichen Warnmeldungen bei Meteoritengefahr oder bei anderen kosmischen Erscheinungen von Bedeutung.“

„Sonst nicht?“, fragte Eliza.

„Nun, manchmal ist eine Rakete zu einer kurzen Zwischenlandung gezwungen. Bei dieser Gelegenheit erfährt man dann einiges. Zur Zelt haben sie auf Kosmos III alle Hände voll mit dem Bau der beiden Raumschiffe zu tun, die im Frühjahr zum Monde starten sollen. Der neue Chefingenieur, Doktor Hollberg, geht mit Feuereifer an das Projekt heran.“

„Kennen Sie ihn?“

„Nein, Hoheit.“

„Muss ein tüchtiger Mann sein. Na schön!“

Zuerst besichtigten sie die in der Nähe liegenden Mannschaftsräume, die zwar sehr sauber aussahen, aber nach dem Umbau zugunsten des Touristenverkehrs recht klein ausgefallen waren.

„Sehr nett, nicht wahr, Eliza?“, lautete Harros Urteil, als sie durch die Unterkünfte gingen. Er reichte im Logis den Anwesenden die Hand und erkundigte sich, ob sie zufrieden seien. Ja, sie seien zufrieden, wurde gesagt. Auf den Tischen standen Gläser mit Wein. Woher der denn stamme, wollte der Prinz wissen. Den habe einer der Gäste aus der Bar spendiert, heute sei doch Neujahr. Richtig, Neujahr, dachte Harro, man müsste den Leuten zum neuen Jahr gratulieren. Er holte es sogleich nach.

Auf dem Wege zum Zentrum der Station, wo sich die Turbogeneratoren und die Werkstätten befanden, vernahmen sie wachsenden Stimmenlärm und dazwischen lautes Gelächter.

„Es sind Gäste im Schweberaum“, gab Battisti Auskunft.

„ImSchweberaum?“

„Ein kleiner Scherz, den wir für unsere Besucher bereit halten, Hoheit. Wie Sie bemerken, lässt der Druck der Zentrifugalkraft, der uns die irdische Schwere ersetzt, immer mehr nach, je weiter wir zum Mittelpunkt der Station gelangen. In ihrer Achse, die sich naturgemäß kaum merklich dreht, hat die Zentrifugalkraft praktisch keine Wirkung mehr, das heißt, alle Gegenstände sind schwerelos. Dort haben wir einen Raum geschaffen, in dem sich die Gäste unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit vergnügen können. Ein etwas derber Spaß, an dem vor allem die jungen Leute viel Freude haben.“

„Sehr nett.“

„Wünschen Hoheit ein wenig zuzuschauen?“

Der Prinz sah zu Eliza. „Es ist ja immer dasselbe … Aber wenn du meinst?“

Eliza nickte.

Battisti sagte: „Vielleicht gedulden sich die Herrschaften einen Augenblick. Sollte es sich nicht lohnen, dann brauchen Sie sich nicht zu bemühen.“ Und er „schwamm“ davon. Seine Füße berührten kaum noch den Boden, denn er wog weniger als ein kleines Kind.

Eliza und Harro blickten durch eines der Rundfenster. Sie sahen den Erdball greifbar vor sich. Er lag in vollem Sonnenlicht mit seinen graugrünen Kontinenten, den dunklen, riesigen Wasserflächen und den blendenden Wolkenfeldern, die darüber hinzogen. Es war ein überwältigendes Bild, von dem Eliza sich nicht losreißen konnte.

Staunend flüsterte sie: „Wie herrlich sie ist, unsere Erde! Ich habe sie noch nie so gesehen.“

„Wirklich sehr nett, ganz reizend. Ich hatte sie mir nur größer vorgestellt“, erwiderte er und unterdrückte ein Gähnen.

Sie wandte sich heftig um. Einen Augenblick starrte sie in sein bleiches, vom Widerschein des Erdlichts beleuchtetes Gesicht.

„Was bist du nur für ein Mensch!“ Ihre Stimme vibrierte vor Erregung. „Wie viele Generationen haben davon geträumt, einmal den Erdball als mächtige Kugel durch das Weltall kreisen zu sehen! Dir ist das heute vergönnt, du stehst an einem Fenster und brauchst nur hinauszuschauen, um dieses Wunder wahrzunehmen. Und alles, was du dazu zu sagen hast, ist: Sehr nett! Immer nur, sehr nett! Nichts kann dich begeistern, nichts weckt echte Freude in dir. Und von mir erwartest du das gleiche. Wenn ich dir nur recht gebe. Ja, Harro, es ist sehr nett, sehr nett … sehr nett! Ach, ich kann das nicht mehr hören!“

„Aber, Eliza …!“

„Wie erstaunt du bist! Es ist wohl das erste Mal, dass ich dich ehrlich erstaunt sehe.“

„Sollte ich es nicht sein? Ich finde keinen Grund für deine plötzliche Heftigkeit.“

„Du findest keinen Grund … natürlich nicht. Ich glaube, wir werden uns nie verstehen.“

„Nette Aussichten für unsere Ehe … muss ich schon sagen! Unsere Verlobung stand unter einem ungünstigen Stern. Das ist es! Du hattest noch diesen … Studenten im Kopf. Über die Geschichte tuschelte man ja überall. Mich störte es nicht. Aber Vergleiche sind hierbei nicht gut. Jeder Mensch ist anders.“

„Bitte, sprich nicht davon!“

„Siehst du, das ist der wunde Punkt. Du willst es nur nicht wahrhaben.“

„Und somit kann man auf sehr bequeme Weise immer nur mir Schuld geben, wenn wir uns streiten, meinst du? Ich bitte dich nochmals: Lass diesen Mann, der mir einmal nahestand, aus dem Spiel und verfolge ihn nicht mit deinem Hass. Ich weiß genau, dass du ihn hasst.“

„Ich hasse ihn gewiss nicht als Rivalen, sondern deshalb, weil er zu meinen Feinden gehört. Zu unseren Feinden, Eliza! Sollte ich meinen Feinden gegenüber gleichgültig sein? Sie haben mein Leben zerstört.“

„Noch lebst du, und nicht einmal schlecht.“

„Wärst du mit deinem Leben zufrieden, wenn du deine Millionen nicht mehr hättest?“

Eliza senkte den Kopf und schwieg.

Er richtete sich straff auf. „Wir müssen sie hassen – jene dort.“ Sein Finger fuhr nach oben, wo er Kosmos III vermutete. „Sie sind schuld, dass unsere beste Zeit vorüber ist.“

Sie sah noch einmal zu der strahlenden Erde und ihr kamen die Tränen.

„Eliza, ich bitte dich, sei vernünftig! Dort kommt Battisti.“

„Bitte, meine Herrschaften!“