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Nicht eine Sekunde hat Hedda es bereut, sich die Leute ins Haus geholt zu haben. Denn immer nur alleine sein, das hält kein Mensch aus. Freunde hat sie keine. Um der drohenden Einsamkeit zu entfliehen, kommt sie schließlich auf die glorreiche Idee, in ihrer Wohnung ein Zimmer unterzuvermieten. So ziehen dann sehr unterschiedliche und auch interessante Menschen in Heddas bescheidene kleine Wohnung ein, wie die temperamentvolle Laura, eine Opernsängerin aus der 'Zauberflöte' oder der charmante Eduard, der darauf brennt, die Großstadt zu erkunden. Doch die Glückseligkeit, die Hedda mit jedem neuen Untermieter anfangs immer wieder empfindet, ebbt schnell ab, wenn ihre Untermieter Verhaltensweisen zeigen, mit denen sie so gar nicht klar kommt und sie sich in ihrer eigenen Wohnung bedroht fühlt. Abgründe aus ihrer Vergangenheit tun sich auf. Um dem zu entfliehen, entwickelt Hedda ungewöhnliche Strategien, um sich möglichst schnell ihrer rücksichtslosen Untermieter zu entledigen. Denn eines ist klar: Diese Untermieter müssen weg!
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Seitenzahl: 453
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Rena Moises
Die Untermieter
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Untermieter
Die Glasvitrine
Das Jammertal
Das Kompliment
Die Annonce
Die Zauberflöte
Die Ausdünstung
Der Anfall
Die Hoffnung
Die Freiheit
Impressum neobooks
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Rena Moises
Die Untermieter
Kriminalroman
Impressum
© 2017 Rena Moises
Bernadottestr. 9
22763 Hamburg
www.rena-moises.de
Coverbild:
7161539 © kitzkorner – fotolia.com
Vertrieb: neobooks, ein Service der neopubli GmbH
Inhaltsverzeichnis:
Die Entscheidung
Die Glasvitrine
Das Jammertal
Das Kompliment
Die Annonce
Die Zauberflöte
Die Ausdünstung
Der Anfall
Die Hoffnung
Die Freiheit
Nicht eine Sekunde hat Hedda Siebert es bereut, sich die Leute damals ins Haus geholt zu haben. Irgendwie musste sie ihrem tristen Dasein ja allmählich eine Art Beschäftigung zukommen lassen. Wie wäre es sonst weitergegangen? Und schließlich waren auch ein paar Nette dabei gewesen, die ihr Leben wirklich bereichert hatten, von den kleinen Fehlschlägen mal abgesehen. Aber welche zwischenmenschlichen Beziehungen verlaufen schon reibungslos? Ihre Chance auf ein friedliches Zusammenleben hatten jedenfalls alle bekommen.
Es war auch allerhöchste Zeit, das hatte sie wohl bemerkt. Wenn man so ganz allein in einer Wohnung lebt, nichts zu tun und über lange Zeit zu niemandem Kontakt hat, außer, dass die Mutter mal anruft, besteht schon die Gefahr, wunderlich zu werden und nach einiger Zeit gar nicht mehr zu wissen, wie die eigene Stimme überhaupt klingt. Womöglich würde man das Sprechen noch ganz verlernen.
Manchmal war sie extra zum Fleischer gegangen, um ihre eigene Stimme wieder zu hören. „Ein Stück Leberwurst, bitte“, bedurfte allerdings keiner großen Wortakrobatik, aber sie hatte als Nebeneffekt für einen kurzen Moment das angenehme Gefühl, jemandem begegnet zu sein. Im Supermarkt hingegen war alles völlig anonym. Wer nicht wollte, brauchte keinen Ton von sich zu geben und ging trotzdem mit voller Einkaufstasche nach Hause. Alles abgepackte Ware. An der Kasse redete auch nur die Kassiererin. Sie nannte den zu zahlenden Betrag, und Hedda zückte wortlos das Geld aus dem Portemonnaie. Wenn sie unbedingt wollte, konnte sie bei der Entgegennahme des Wechselgeldes „danke“ sagen, konnte es aber auch lassen, es wäre gar nicht aufgefallen.
So konnte es für Hedda nicht weitergehen. Ihr wurde klar: Der Mensch braucht Kontakt und etwas um die Ohren.
Nachbarn klingelten nie bei ihr. Anscheinend holten die ihr fehlendes Salz überall im Haus, nur nicht bei Hedda. Teilweise kannte sie nicht einmal deren Namen, begegnete sie ihnen unverhofft im Hausflur.
Hedda hatte keine Freunde. Das war schon früher so, wie sollte es jetzt anders sein. Ihre Mutter lebte ganz am anderen Ende der Stadt, ihr Vater war tot, Geschwister hatte sie nicht.
Wenn Heddas Leben nicht völlig trostlos enden sollte, musste etwas geschehen.
Früher hatte sie ihre Arbeit. Sie war Versicherungsfachangestellte in einer großen Firma gewesen. Zusammen mit sechs anderen Kolleginnen saß sie in einem Büro. Zu ihrem Aufgabengebiet gehörten die Schadensersatzansprüche, die sie entgegennehmen, prüfen und weiterleiten musste. Alles schriftlich. Mit Kunden kam sie nicht in Berührung, dafür waren andere zuständig.
Jede machte ihre Arbeit und war dennoch nicht alleine. Das gefiel Hedda. Manchmal brachte eine, anlässlich eines Geburtstages, Kuchen mit. Dann plauderten sie ein wenig in der Runde. Das war nett, auch wenn Hedda zu den Gesprächen im Allgemeinen nichts beisteuern konnte; allein die nette Atmosphäre war es, die ihr gefiel. Sie fing dann auch an, manchmal einen Kuchen oder ein paar Kekse mitzubringen. Nur so. Selbstgebacken natürlich, da sie doch so gerne backte. Aber für sich alleine? Endlich wusste sie für wen. Sie schnitt den Kuchen an und stellte jeder Kollegin ein Stück auf den Schreibtisch. Ob sie sich wirklich darüber freuten? Sie war sich nicht sicher. Ihre Kolleginnen lächelten eher höflich als dankbar. Sonst hatte sie mit ihnen nicht so viel zu tun oder sie nicht mit ihr.
Den Kolleginnen ging es in der Tat so, dass sie Hedda nicht besonders mochten. Für sie war Hedda Siebert eine eher langweilige Person. Obwohl sie mit ihren vierzig Jahren noch nicht als alt zu bezeichnen war, hatte sie dennoch etwas sehr Altes an sich. Sie lebte nach dem Motto: Nur nicht unangenehm auffallen, dann kommst du am besten durch. Das zeigte sich nicht nur in ihrem angepassten, unterwürfigen Verhalten, es spiegelte sich auch in ihrer Kleiderwahl wieder: dezente Farben, unzeitgemäße Röcke und Blusen, schlichte bequeme Schuhe. Ihr mittelbraunes Haar, in dem sich schon ein paar graue Strähnen zeigten, trug Hedda kurz geschnitten, gleichmäßig lang und glatt am Kopf anliegend. Diese strenge Frisur betonte zusätzlich ihre sehr ernsten, nachdenklichen Augen, die ein wenig melancholisch, manchmal auch durchaus misstrauisch wirkten. Die fein geschnittenen Gesichtszüge, die schmalen, farblosen Lippen, die schmächtige Figur und ihre zurückhaltende Art wurden durch ihre schlichte Garderobe ergänzt. Hedda machte sich über ihre Kleidung nicht viele Gedanken.
Die anderen in der Abteilung dagegen legten großen Wert auf modischen Chic. So war auch das Interesse groß, sich regelmäßig über die neuesten Trends auszutauschen. Überhaupt waren sie viel offener untereinander, als Hedda gegenüber. Während die anderen sich den ganzen Tag irgendetwas zu erzählen hatten, saß Hedda still an ihrem Schreibtisch und erledigte ihre Arbeit. Sie spürte die Ablehnung wohl, dafür hatte sie ausgesprochen feine Sensoren, verstehen konnte sie sie jedoch nicht, war sie doch immer bemüht, freundlich und zurückhaltend zu sein. Schon ihre Körperhaltung machte deutlich, dass sie sich keinem unangenehm aufdrängen wollte. Ihr Kopf war immer etwas nach unten geneigt, um den Blick in einer unsicheren Situation schnell wieder abwenden zu können. Sie tat eigentlich nichts, das zu irgendeiner Kritik hätte Anlass geben können.
Schon als Kind war Hedda bemüht gewesen, nicht aufzufallen, damit ihre Eltern ihr ja kein Fehlverhalten hätten nachweisen können. Aber selbst das hatte ihnen nicht genügt.
„Es geht mir auf die Nerven, dein ewiges Herumstehen“, herrschte ihre Mutter sie an. „Hast du nichts zu tun? Dann verschwinde in dein Zimmer und lass mich in Ruhe. Aber räum’ ja wieder auf, was du da ‘rauskramst! Sonst passiert was, das sag’ ich dir. Ich hab’ schon mehr als genug mit dir zu tun.“
In Heddas Familie herrschte ein rauer Ton.
Mit ihrem Vater war es nicht anders.
„Hedda“, brüllte er durch die Wohnung. An dem Ton, in dem er ‚Hedda’ schrie, hörte sie schon, an welchem Punkt der Schlechte-Laune-Skala er sich gerade befand. „Wo ist die Zeitung? Wieso steht das Bier nicht auf dem Tisch? Und jetzt verzieh’ dich in dein Zimmer.“ Das war der normale Abendgruß. Doch wenn er mit Nachdruck rief: “Hedda! Wo ist deine Schultasche?“, dann drohte ihr Schlimmes, das kannte sie schon. Während sie in böser Vorahnung ihre Schultasche holte, wünschte sie sich aus tiefster Seele inständig Flügel herbei. Gleichzeitig hoffte sie, das Dach des Hauses möge sich auftun, damit sie blitzartig entschwinden könnte, hoch hinaus in die Freiheit, die selig schützende Unendlichkeit des Himmels, doch ihre Beine fühlten sich schwer wie Blei an und hielten sie fest am Boden. Es gab kein Entrinnen. Dem Groll des Vaters war sie von jeher hilflos ausgeliefert gewesen. Mit jedem Schritt wurde ihr Atem schwerer, das Herz pochte zunehmend schneller, die Angst kroch langsam in sie hinein und nahm Besitz von ihr. Stand sie dann mit ihrer Schultasche neben ihm, war sie wie gelähmt, in grässlicher Angst vor dem, das gleich kommen sollte. Er kramte willkürlich ihre Schultasche durch, auf der Suche nach etwas, das nicht in Ordnung war, eine kricklige Handschrift, ein Fehler bei den Rechenaufgaben, ein Eselsohr, eine nicht akkurat angelegte Federtasche, im Grunde völlig einerlei. Er fand immer etwas. Der einzige Grund für seine Durchsicht war: Kontrolle, mit dem Ziel einen Wutanfall inszenieren zu können, um seine angestauten Aggressionen entladen und Hedda ihre Schulhefte und Bücher um die Ohren schlagen zu können, was er dann auch jedes Mal kräftig tat. In einer solchen Stimmung war das bloße Vorhandensein seiner Tochter für ihn die reinste Provokation.
Anfänglicher Protest oder auch ein leises, flehentliches Bitten um Verschonung und Nachsicht wurden ihr schon sehr früh herausgeprügelt. Wehlaute hatten ihn nur noch mehr angespornt, die kleine Hedda soweit mundtot zu machen, bis auch das letzte Wimmern verstummt war. Doch mit den Schmerzenslauten von damals war noch etwas ganz Elementares in ihr abgestorben: die natürliche, kindliche Lebendigkeit. Seit jenem Tag, Hedda war gerade erst vier Jahre alt, als er sie so brutal zusammengeschlagen hatte, dass sie sich drei Tage im Bett vor Schmerzen nicht mehr rühren konnte, war dann endgültig jegliche Spontaneität und der letzte Rest kindlicher Unbefangenheit und Fröhlichkeit aus ihrem Körper gewichen. Ihr Gesicht hatte sich zu einer grauen, ernsten Maske verändert, und die hohlen, leblosen Augen drückten fortan eine tiefe Kümmernis aus. Ein verstörtes, verschüchtertes Mädchen drückte sich von da an verängstigt durchs weitere Leben, immer im Bemühen, etwaigen Angriffen aus dem Wege zu gehen. Die Gründe für die immer wiederkehrenden Ausbrüche ihres Vaters, deren Narben auf ihrem Körper noch heute augenfällig sind, hatte sie nie verstanden, umso schwieriger war es für sie immer gewesen, einzuschätzen, wann sie warum bestraft werden würde.
Es war anscheinend Heddas Schicksal, sie war der Prellbock der schlechten Laune ihrer Eltern gewesen. Denn auch von ihrer Mutter konnte sie nicht den geringsten Schutz erwarten.
„Deinetwegen musste ich diesen Mann heiraten. Ich hätte weiß Gott etwas Besseres verdient.“ Ihre Mutter nutzte jede Gelegenheit, es ihr vorzuhalten. „Damals war das nicht so einfach mit der Abtreibung. Sonst, das garantiere ich dir, wärst du jetzt nicht auf dieser Welt und würdest mir mein Leben ruinieren.“
Auf der Arbeit ließen sie Hedda in Ruhe. Bis der neue Chef kam, jung, dynamisch und progressiv. Erschreckend progressiv.
„Nun, meine Damen“, offenbarte er dann auch gleich bei der nächsten Abteilungssitzung, „nach meiner ersten Einschätzung zum augenblicklichen Stand unserer Firma hat sich zweifelsfrei herausgestellt, dass uns bereits in nächster Zukunft eklatante Veränderungen ins Haus stehen werden, wollen wir weiter auf dem Markt bestehen bleiben. Unsere Strukturen sind überaltert, und die Rendite stagniert mit der Tendenz zur Rückläufigkeit. Hier besteht zwingend Handlungsbedarf, bevor unsere Versicherten noch zur Konkurrenz abwandern. Als innovatives Unternehmen dürfen wir uns den neusten Erkenntnissen der Marktanalyse nicht verschließen. Nur durch eindeutig bessere Leistungen können wir uns von unseren Konkurrenten abheben und eine führende Position auf dem Markt einnehmen. Und genau das ist unser Ziel!“
Seine Worte sprudelten wie auf Knopfdruck aus seinem Mund, voll automatisiert. Wahrscheinlich spulte er seine Ansprache in jeder Abteilung des Hauses in genau der gleichen Weise mit genau denselben Worten ab.
„Um das zu erreichen“, näherte er sich langsam dem Punkt, auf den es letztlich ankam und auf dessen Aussage alle mit Spannung warteten, „kommen wir nicht umhin, der Firma auch intern ein neues Gesicht zu geben. Das bedeutet für Sie eine drastische Umgestaltung Ihrer Abteilung, inhaltlich wie personell, da wir einen völlig neuen Modus, was die Betreuung der Versicherten betrifft, entwickeln werden. Kundenorientierung heißt die neue Linie.“
Sich seiner maßgebenden Position wohl bewusst, wippte er bei seinen bedeutungsschweren Ausführungen triumphierend auf seinen Füßen auf und ab, während sein selbstgefälliger, verheißungsvoller Blick die Runde machte. „Die Marketingabteilung ist bereits aktiv, die Außenwerbung auf unser neues Logo auszurichten. Tja, meine Damen . . .“ Er ließ seinen Blick mit hoch gezogenen Brauen in die Runde schweifen. „Das Ganze wird natürlich leider, wie Sie sich denken können, nicht ohne finanzielle Einbußen möglich sein. Neuorientierungen kosten Geld, und irgendwoher muss es ja kommen, nicht wahr? . . .“
Die eingelegte Kunstpause verfehlte nicht ihre Wirkung: Eine atemlose Stille beherrschte den Raum. Sämtliche Anwesenden klebten an seinen Lippen, gespannt, was jetzt kommen würde.
„Also“, fuhr er fort, „ werden wir in nächster Zeit sämtliche Abteilungen auf ihre Effizienz hin überprüfen lassen. Das betrifft natürlich auch Ihre Abteilung. Aber, meine Damen, ich kann Ihnen versichern, je besser Sie Ihre Arbeit machen, umso weniger haben Sie zu befürchten. Konkret gesprochen: Wir brauchen engagierte Mitarbeiter, die sich aktiv für die Firma einsetzen. In diesem Sinne . . .“ Er lächelte noch einmal süffisant in die Runde, machte auf dem Absatz kehrt und verließ gewichtig schreitend den Raum.
Sie waren sprachlos. Es war ein beeindruckender Auftritt, der ihnen geboten wurde. So etwas hatten sie hier noch nicht erlebt. Nach einer kleinen Pause, nachdem sich alle wieder gefasst hatten, überschlugen sich fast die Gemüter, und sie schnatterten aufgeregt durcheinander. Es war eine Mischung aus Anspannung, Neugierde und Verunsicherung.
Hedda stand etwas abseits und schwieg. Den Kolleginnen schien er zu gefallen. Endlich kam neuer Wind in die Firma und damit auch in ihre Abteilung. Hedda gefiel er gar nicht. Sie fühlte sich in ihrer Ruhe gestört und bedroht.
Der neue Chef hatte erreicht, was er erreichen wollte. Ein emsiges Arbeiten begann. Jede wollte aktiv, dynamisch und besonders engagiert erscheinen.
Hedda machte weiterhin ihre Arbeit, pflichtbewusst und zuverlässig, wie sie es immer getan hatte. Doch sie war verunsichert. Sie merkte schon sehr bald, dass ihre Kolleginnen sich nicht nur durch gezielten Übereifer anders verhielten als früher, auch ihr gegenüber hatten sie sich verändert. Was sie früher noch mit gespielter Freundlichkeit zu verbergen bemüht waren, zeigten sie jetzt ohne Hemmungen. Sie grenzten Hedda ganz offensichtlich aus und ließen sie ihre Abneigung unverblümt spüren. Gemeinsame Gespräche und ein sachlicher Informationsfluss fanden für Hedda nicht mehr statt.
Sie wollen mich nicht mehr haben, schoss es ihr durch den Kopf. Wenn eine gehen soll - dann ich. Die missbilligenden Blicke und das neuerliche Getuschel hinter ihrem Rücken machten ihr deutlich, dass sie ihre Empfindungen nicht getäuscht hatten. Also hatte sie es gelassen, das mit dem Backen. Sie wussten es ohnehin nicht zu schätzen.
Sie gaben ihr mehr Arbeit, aber sie hatte nicht gemuckt, sondern sich bemüht, es zu schaffen und sie zufrieden zu stellen. Auch der Chef zitierte sie wiederholt zu sich und sah ihre Arbeiten durch. Ein bekanntes Gefühl durchflutete sie und trieb ihr den Angstschweiß unters Hemd.
Eine schreckliche Zeit.
Und wie war es ihr gut gegangen, vorher. Morgens war sie zur Arbeit gegangen, hatte etwas zu tun gehabt, ein paar Menschen um sich, und abends war sie dann wieder nach Hause gegangen in ihre kleine Wohnung. Dieses Leben genügte vollkommen ihren Ansprüchen zur inneren Zufriedenheit, es war genau das richtige Verhältnis von Kontakt zu anderen und der Zeit des Alleinseins in ihrer Wohnung. Und Hedda hatte eine schöne Wohnung. Nur für sich alleine. Es hatte schon seinen Grund, warum sie diese Wohnung ganz am anderen Ende der Stadt genommen hatte. Hier konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Mit ihrem ersten Gehalt war sie aus der elterlichen Wohnung ausgezogen. Mit der Distanz hoffte sie, sich endlich der Übermacht der Mutter entziehen zu können. Die Besuche hatte sie dann auch mit der Zeit auf ein Minimum reduziert. Zuletzt bestand der Kontakt nur noch in telefonischer Hinsicht, was eigentlich das Maß des Erträglichen schon reichlich überstrapazierte.
Schließlich wurde Hedda entlassen.
Obwohl es nicht unbedingt überraschend war, irgendwie hatte sie es kommen sehen, tief im Inneren hatte sie es geahnt, ja befürchtet, und dennoch fühlte sie sich im ersten Moment wie ohnmächtig. Sie waren nicht nett zu ihr gewesen, sie hatten sie missachtet und gedemütigt. Ein gemeines Gefühl. Eine große Ungerechtigkeit war ihr hier widerfahren, das spürte sie deutlich. Gleichzeitig war sie wie gelähmt, unfähig zu protestieren oder sich in sonst einer Form zur Wehr zu setzen. Immer schon hatte sie sich ihnen gegenüber klein und gehemmt gefühlt, wie sollte sie gerade jetzt, wo sie ihr den Rest gaben, sich stark und kämpferisch zeigen? Sie hatte gegen sie nicht die geringste Chance. Es waren einfach zu viele.
Eine dumpfe, bleierne Leere tat sich in ihr auf. Es war eine Mischung aus Enttäuschung, Versagen und einer ungewissen Vorahnung auf eine nebulöse, missmutige Zukunft.
Nun war sie allein. Zu Hause. Wo auch sonst? Nur die Arbeit hatte sie hinausgeführt und für Abwechslung gesorgt. Sie kannte niemanden, wo hätte sie also hingehen sollen?
Das Arbeitsamt hatte nichts für sie. In der ersten Zeit musste sie sich zwar in einigen Firmen vorstellen, aber genommen hatten sie immer andere. Dann hörte das Arbeitsamt auf, ihr Angebote zu schicken. Anscheinend wollte sie keiner haben. Diese Erkenntnis war sehr bitter.
Überflüssig und wertlos kam sie sich vor. Mit der Arbeit hatte sie eine Aufgabe und sich zumindest als nützlich erweisen können. Jetzt hatte sie ausgedient. Man brauchte sie nicht mehr, und zwar ganz und gar nicht. Eine Vision von zugewachsenen Schienen eines stillgelegten Abstellgleises zeigte sich ihr in ihren Tagträumen. Unkraut und Gras überwucherten die Schienen, so dass sie nur noch flüchtig zu erkennen waren. Sie wurden nicht mehr benötigt und wuchsen langsam zu. So nahm dann auch bald niemand mehr Notiz von ihnen. Die Existenz des vorher Dagewesenen war nicht mehr sichtbar, man konnte sie nur noch erahnen, wenn es überhaupt jemanden interessierte. Und auch Heddas Existenz interessierte niemanden.
Heddas Glück war es wohl, dass der Mensch sich zwangsläufig bewegen muss. Er muss essen, trinken, Nahrung organisieren und entsorgen. Da ihr Selbsterhaltungstrieb noch funktionierte, erledigte sie die lebenswichtigen Notwendigkeiten und war so vielleicht dem Schicksal der verstaubten, mit Spinnweben überzogenen Mumie entkommen.
Es war eine trostlose Zeit.
Aber was sollte sie auch den ganzen Tag machen? Jeden Tag Staub wischen, wo keiner lag?
Jeden Morgen stand sie brav auf, wusch sich, zog sich an und machte sich ihr Frühstück. Alles schön langsam. Damit war schon mal ein Teil des Tages herum. Und dann? Dann war nichts. Und es war vielleicht gerade erst halb zehn am Vormittag.
Manchmal musste sie auch einkaufen gehen. Das waren dann die interessanteren Tage. Aber natürlich nicht jeden Tag. Schließlich konnte sie sich die Wurstscheiben ja nicht einzeln kaufen.
Die Nachmittage verliefen in ähnlicher Weise. Blumen gießen, aus dem Fenster schauen, Wasser aufsetzen, Kaffeepause, durch die Wohnung gehen, um zu schauen, ob noch alles in Ordnung war, wieder aus dem Fenster schauen, die Kaffeetasse spülen und in den Schrank stellen, aus dem Fenster schauen.
So fristete Hedda ihre Tage, orientierungslos und ohne jegliche Perspektive.
Wo sollte das hinführen? Langsam spürte sie wieder diese Schwere durch ihren Körper ziehen, diese bedrohliche, innere Lähmung, die sie so oft in ihrem Leben zur unerträglichen Bewegungsunfähigkeit niedergedrückt hatte und der sie nur hin und wieder mal entrinnen konnte durch spontane, impulsive Handlungen, die, wie von Geistesblitzen gelenkt, der Ausweglosigkeit die Stirn boten. Dieses aufgehende Licht, dieser Hoffnungsschimmer in letzter Not führte sie glücklicherweise immer weiter und ließ sie nicht aufgeben, auch wenn das Aufleuchten oftmals nur von kurzer Dauer war.
In dieser leidvollen Situation, keine Arbeit, keine menschliche Nähe, der schweren Gedanken müde, dem inneren Zerbrechen ausgeliefert, gab es nur zwei Alternativen: dem Ende resigniert ins Auge sehen oder selbst aktiv etwas bewegen. Und wie durch einen rettenden Wink des Schicksals durchfuhr Hedda glücklicherweise noch im rechten Moment einer jener besagten Geistesblitze, der ihr in Form einer alles entscheidenden Eingebung eine grandiose Idee zuführte, und dessen praktische Umsetzung ihr Leben von Grund auf verändern sollte.
„Wenn mich keiner bei sich haben will“, sprach sie laut und bestimmt zu sich selbst, „dann hole ich sie eben zu mir!“
Bereits die erste Begegnung, als Hedda die Tür öffnete, war wunderbar.
„Guten Tag, ich komme wegen des Zimmers“, sagte eine Stimme an der Tür.
Obwohl Hedda sehr aufgeregt war, schließlich war sie es nicht gewohnt, andere Menschen zu empfangen, fühlte sie sich unbeschwert und munter.
Sie lächelten sich an. Schon für diesen Moment hatte sich der Aufwand gelohnt, eine Annonce in die Zeitung gesetzt zu haben.
Hedda führte die Frau durch ihre Wohnung. Sie hatte zwei Zimmer, Küche und Bad, nicht sehr groß, aber ihr genügte es vollkommen. Nach dem Auszug bei ihrer Mutter war es Hedda sehr wichtig gewesen, ihre eigene Wohnung selbst zu gestalten. Ohne irgendwelche schlauen Ratschläge von anderen. So hatte sie sich viel Mühe gegeben, soweit es die finanziellen Mittel zuließen, eine wärmende Atmosphäre zu schaffen. Sie war richtig aufgegangen darin, sich ein gemütliches Zuhause herzurichten, mit liebreizenden Dingen, die ihren Augen Freude bereiteten. Es hatte auch sehr viel Zeit in Anspruch genommen, auszuwählen, zu gestalten und alles an Ort und Stelle zu platzieren, wo es sich am besten machte.
Noch nie in ihrem Leben zuvor hatte Hedda so viel Begeisterung für etwas empfunden. Ihr Alltag war plötzlich ausgefüllt gewesen, mit ihrer Arbeit in der Versicherung am Tage und abends und an den Wochenenden mit dem Einrichten ihrer neuen Wohnung.
Rechts vom Flur befand sich die Küche. Den Küchenschrank hatte Hedda selbst angestrichen, kobaltblau. Daneben der weiße Kühlschrank und der weiße Herd, diese Kombination machte sich ausgesprochen gut. Überhaupt war ihre Küche in blauweiß gehalten. An der rechten Seite stand ein Tisch mit zwei Stühlen, der Tisch in Naturholz, die Stühle in blau. Über dem Tisch hing ein weißes Bord an der Wand, fünf kleine blauweiße Enten schauten von dort herunter. Auf der Fensterbank standen zwei Blumentöpfe, der eine blau, der andere weiß mit roten und gelben Knollenbegonien, und vor der Glasscheibe hing ein dekoratives Fensterbild mit einem Blumenmotiv.
Weiter rechts vom Flur führte eine Tür in das erste Zimmer, Heddas ursprüngliches Schlafzimmer. Diesen Raum hatte sie für ihre zukünftige Untermieterin ausgewählt. Ihr Bett ließ sie stehen, ebenso eine Kommode und einen zweitürigen Kleiderschrank. Zusätzlich stellte sie noch einen kleinen runden Tisch und einen Stuhl hinein. Um auch hier ein wenig Gemütlichkeit zu erzeugen, dekorierte sie das Fenster mit hübsch gemusterten Gardinen und zwei Grünpflanzen. Auf den Tisch stellte sie eine Vase mit frischen Blumen und eine Schale mit ihren selbstgebackenen Keksen. Dann noch ein Regal mit fünf Böden zur Unterbringung von Büchern und anderen Kleinigkeiten an die eine Seite, eine Stehlampe hier, ein Bild an der Wand dort. Fertig.
Den Flur geradeaus war das Badezimmer. Ein Vollbad. Die Wände hatte sie extra neu gestrichen, pastellpfirsich, eine wunderschöne Farbe. Die Kacheln um die Badewanne waren schlicht weiß. Dazu hatte sie sich Stück für Stück passende Handtücher gegönnt, ebenfalls pastellpfirsich, nur eine Nuance dunkler. Dann gab es dort noch einen kleinen Wandschrank für die Handtücher und ein Regal unter dem Spiegel für die Badutensilien. Natürlich hatte sie sich auch eine Waschmaschine zugelegt. Obwohl sie ein schmales Modell ausgewählt hatte, wurde es dadurch leider etwas enger. Aber auf diesen Luxus wollte sie in ihrer eigenen Wohnung nicht verzichten, zu sehr hatte sie noch die Berge von schmutziger Wäsche aus ihrer Kindheit und Jugendzeit in Erinnerung, mit denen sie ihre Nachmittage zubringen musste.
Links vom Flur war das zweite Zimmer, das natürlich nicht minder gemütlich wirkte, Heddas eigentliches Wohnzimmer. Ein bombastischer Wohnzimmerschrank, den sie günstig erstanden hatte, dominierte allerdings sehr und ließ das Zimmer eher etwas dunkel erscheinen. Sie versuchte, diesen Nachteil durch einen hellen Teppich und helle Übergardinen aufzufangen und hatte den Eindruck, dass es ihr auch gelungen war. In der jetzigen Situation war sie dann doch recht froh, diesen ziemlich großen Schrank gekauft zu haben, da sie ja jetzt flexibel sein und sich auf dieses eine Zimmer beschränken musste. Er verfügte über genügend Platz, all ihre Kleidung und sonstiges, was sie bisher in ihrem Schlafzimmer untergebracht hatte, verstauen zu können. Zum Glück war das Sofa eine Umbauliege, so dass sie nachts darauf schlafen konnte, es tagsüber aber nur wenig Platz einnahm. Über dem Sofa hing ein Landschaftsbild in Öl. Es hatte eine Stange Geld gekostet, aber das war es ihr wert gewesen. Zwischen dem Sofa und dem Fenster rechts in der Ecke stand eine Stehlampe mit einem runden Lampenschirm aus Stoff. Hedda zog diese Lampe der grellen Deckenbeleuchtung vor, da sie ein angenehmes, warmes und dezentes Licht ausstrahlte. Inmitten des Zimmers standen noch ein flacher Couchtisch und ein sehr bequemer großer Sessel, den sie zu ihrem Lieblingsplatz auserkoren hatte. In ihm nahm sie jeden Nachmittag ihren Kaffee ein und hatte von dort einen wunderbaren Blick zum hellen Fenster. Oftmals stand sie auch direkt am Fenster, wollte sie das Geschehen auf der Straße oder im Haus gegenüber beobachten. Doch zum besinnlichen Ausruhen oder manchmal auch nur, um die Zeit tot zu schlagen, setzte sie sich gerne in diesen Sessel. Natürlich standen in diesem Zimmer auch ein paar Blumen. Schöne Pflanzen waren Hedda sehr wichtig, sie drückten etwas Lebendiges aus, um das man sich kümmern musste.
Sie hieß Elke, Elke Norman. Begeistert strahlte sie durch die Wohnung. „Hübsch haben Sie es hier.“
Heddas bescheidenes Herz fühlte sich geschmeichelt.
Nachdem sie ihre Runde beendet hatten, bat Hedda die Frau in ihr Wohnzimmer. Sie tranken Kaffee und aßen Kekse. Elke Norman erzählte, sie sei Dolmetscherin, wohne eigentlich in Berlin und habe jetzt einen Vertrag im hiesigen amerikanischen Konsulat. Und da sie im Moment noch nicht absehen könne, wie lange sie vor Ort bliebe, würde ihr ein Zimmer so wie dieses bei Hedda vorerst genügen.
Zwei Tage später zog sie ein.
Viel brachte sie nicht mit, drei Koffer, zwei Kartons und eine kleine Glasvitrine, an der sie sehr zu hängen schien.
„Die habe ich mir mal aus England mitgebracht“, erklärte sie. „Seitdem begleitet sie mich überall dorthin, wo ich mich jeweils etwas länger aufhalte. Viel kann ich ja nicht mitnehmen, von wegen der Beweglichkeit, die ich in meinem Beruf aufbringen muss, so häufig, wie ich die Orte wechsle, aber diese Vitrine gibt mir das Gefühl, etwas Eigenes, Persönliches bei mir zu haben, wenn ich schon in fremden Zimmern leben muss.“
Da sie mehrere Sprachen beherrschte, hatte sie das Glück, auch manchmal Politiker auf Auslandsreisen begleiten zu dürfen. Von diesen Reisen brachte sie jedes Mal ein kleines Andenken mit. Diese ‚Schätze’, wie sie sie nannte, verwahrte sie in dem Glasschränkchen. Neben Perlmutt besetzten Dosen und anderen kitschigen Souvenirs, waren auch sehr ausgefallene Stücke dabei, eine Holzfigur aus Afrika, ein kleiner dicker elfenbeinfarbener Buddha, ein geschnitzter Elefant mit einer goldenen Verzierung als festlichen Überwurf, wunderschöne Steine unterschiedlichster Art und Farbe, eine türkisfarbene Vase mit ausgefallenen Ornamenten bemalt und andere bemerkenswerte Objekte. Diese edle Vitrine mit ihrer kostbaren Sammlung stellte Elke schräg in die linke Ecke neben das Fenster, so dass sie der erste Blickfang war, wenn man das Zimmer betrat.
Hedda betrachtete die Vitrine. Sie war tief beeindruckt. So etwas Wunderschönes hatte sie sonst nicht in ihrer Wohnung. Gedankenverloren stand sie da und war wie gebannt von diesen einzigartigen Schätzen. Für einen kurzen Moment spürte sie eine unbeschreibliche Sehnsucht in sich aufsteigen, eine Sehnsucht nach etwas, das sie nie kennen gelernt hatte, nach fremden Ländern und wunderbaren Erlebnissen, die ihr in ihrem Leben wohl auch künftig weiter verschlossen bleiben würden. Wehmütig schaute sie auf die schönen Dinge vor sich.
„Wunderschön“, sagte sie, immer noch den leicht melancholischen Blick auf die Vitrine gerichtet, „wirklich wunderschön.“
Innerlich hoch geschreckt, fühlte Hedda sich plötzlich beobachtet, als ihr bereits die Schamesröte ins Gesicht kroch. Dabei meinte sie, ihr Erstaunen und Entzücken über diese erlesenen, traumhaften Raritäten peinlichst verborgen gehalten zu haben, wollte sie doch nicht gänzlich der Einfältigkeit und Unerfahrenheit bezichtigt werden.
„Das ist ein sehr guter Platz für ihren Glasschrank“, versuchte sie die Situation zu retten, die es eigentlich gar nicht zu retten galt. Frau Norman freute sich vielmehr über die Begeisterung, darüber, dass diese kleinen Mitbringsel, die sie selbst so liebte, auch anderen gefielen und sogar Bewunderung auslösten.
Am nächsten Morgen ging ihre Untermieterin zeitig aus dem Haus. Eigentlich war es ein ganz normaler Wochentag, und dennoch schien es ein besonderer zu sein, jedenfalls für Hedda. Sie spürte es ganz deutlich. Nur, was war es? Die Sonne schien. Nun gut, vielleicht war es das. Im Gegensatz zu früher bemerkte Hedda an diesem Tag, dass die Sonne schien. Aber da war noch mehr. Irgendetwas hatte sich verändert, und das hatte eindeutig mit ihr zu tun. Sie selbst fühlte sich auf sonderbare Weise wie umgewandelt.
Ein ungewohntes Gefühl durchflutete langsam ihren Körper und durchströmte ihn wie eine Welle des Glücks. Hedda kam es einem Rauschzustand gleich. Derartig wundersame Empfindungen waren ihr bisher immer fremd geblieben. Es war, als würde ein Grauschleier mit dem morgendlichen Aufziehen der Gardinen weg geschoben, um der Sonne endlich freien Lauf zu lassen.
Ein Zustand wie in Trance. Sie ging hinaus. Einfach so. Früher ging sie nie einfach so hinaus. Aber heute wollte sie noch mehr erleben, noch mehr Glücksgefühle und Freude einfangen. Die ganze Stadt erschien ihr in einem völlig veränderten Licht. Sie sah Dinge, die sie vorher in ihrer Lethargie nicht wahrgenommen hatte. Sie kannte ihre Stadt, klar, aber sie hatte ihr vorher keine wirkliche Beachtung geschenkt. Jetzt sah sie mit einem Mal, wie schön einige Straßen wirkten, welch schöne Häuser, Brücken und Plätze die Stadt besaß.
Selbst die vielen Menschen, der Straßenlärm, die Autos störten sie nicht mehr. Früher war sie dem möglichst ausgewichen, war manchmal regelrecht geflüchtet, die Unruhe, der Lärm hatte bedrohlich auf sie gewirkt, jedes Geräusch hatte empfindlich in den Ohren geschmerzt. Heute war alles anders, wie ausgewechselt. Hedda sah sich die Menschen an. Die einen zeigten sich in hektischer Betriebsamkeit, die anderen schlenderten in aller Ruhe durch die Straßen. Derartige Unterschiede hatte sie früher nie bemerkt.
Hedda ging in den Stadtpark.
Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie das letzte Mal dort gewesen war. Ihr Bedürfnis, sich in die Natur zu begeben, sei versiegt, dachte sie. Doch so, wie sie sich heute fühlte, musste sie einfach hinaus.
Der Park erschien ihr in seiner vollen Glanzzeit. Das Grün der Wiesen, der Sträucher und Bäume war so kraftvoll, die Blütenpracht der Blumen auf den Wiesen und in den Rabatten so farbenprächtig, es war einfach wunderschön. Die Sonne tat das ihrige dazu. Ihre Strahlen tauchten den blauen Himmel und die klaren Farben des Parks in ein leuchtendes, betörendes Licht.
Hedda versuchte den zarten Duft einzufangen, der um ihre Nase herumtänzelte. Sie schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Drehte sie ihren Kopf langsam erst nach rechts und dann nach links, konnte sie die unterschiedlichsten Gerüche aufnehmen, die ihr die Pflanzenwelt in ihrer unmittelbaren Umgebung preisgab. Eine ganz neue Erfahrung.
Sie suchte sich eine Parkbank mit einem weiten Ausblick auf die freie Natur. Hedda lehnte sich zurück und holte tief Luft, und mit jedem Atemzug tankte sie neue Lebensenergie. Ihre Sinne taten sich auf, und sie spürte eine Sensibilität, die ihr in ihrer Vielfältigkeit vorher nie begegnet war. Es schien ihr, als würde sie etwas gewahr werden, was vorher in ihrem Bewusstsein nicht vorhanden war. Die Sonne streichelte zart liebkosend ihre Haut. Die Blätter, mit denen der Wind sein Spiel trieb, rauschten in den Bäumen und die Vögel tirilierten in den Wipfeln fröhlich ihr Lied dazu. Der betörende Duft der Rosen ließ sie sich dem Glück noch näher fühlen. Der zarte Geschmack der reinen Luft in dieser gesunden Oase haftete flüchtig auf ihren Lippen und die üppige Farbenpracht, derer die schöpferische Natur fähig ist, gab ihren Augen den Ausdruck von überwältigender Faszination.
Die Sonne wirke wie ein Antidepressivum, hatte sie mal irgendwo gelesen. Jetzt erst verstand sie, was damit gemeint war. Sie fühlte sich kräftiger in Körper und Seele denn je. Jeden Tag, so nahm sie sich vor, wollte sie von nun an einen Spaziergang in den Stadtpark machen. Einfach so, weil es ihr gut tat.
Es war eine gute Zeit mit Elke Norman, anfangs jedenfalls. Jeden Morgen um acht verließ sie das Haus, um zur Arbeit zu gehen und kehrte am Nachmittag zurück. Zwischen Hedda und ihr hatte es sich schnell eingependelt, dass sie dann gemeinsam einen Kaffee oder Tee zusammen tranken, je nachdem, wonach ihnen gerade war, und Frau Norman von ihren Erlebnissen des Tages berichtete. Manchmal nahm sie auch ein Erinnerungsstück aus ihrer Glasvitrine und legte es Hedda behutsam in die Hand. Während diese es ganz ehrfürchtig betrachtete, erzählte Frau Norman von dem Land, aus dem sie es erworben hatte. Das waren die schönsten Momente für Hedda, denn sie führten sie in eine unbekannte Welt, die ihre bisherigen Phantasien mit neuen Bildern und vielen Möglichkeiten der Entfaltung beflügelten. Ihre Träume konnten damit künftig ungeahnte Reisen unternehmen. An einigen Tagen, wenn Frau Norman nicht in der Wohnung war, ging sie sogar extra in deren Zimmer, kniete sich vor die Vitrine, betrachtete jedes einzelne Stück und begann sofort, sich den wundersamen Träumen hinzugeben. Ihr versunkener Blick ließ erahnen, dass sie mit den schönen Dingen, die ihr hier dargeboten waren, für einen Augenblick weit fort entschwunden war.
Dieses nette Plauderstündchen am Nachmittag wollte keine von ihnen mehr missen. Heddas neue Untermieterin hatte sogar vorgeschlagen, ob sie sich nicht duzen sollten, so gut, wie beide sich verstünden. Hedda war zwar zehn Jahre älter - aber warum eigentlich nicht? Sie fühlte sich sehr geschmeichelt. Jeden Nachmittag wartete sie schon mit Kaffee oder Tee und ihren wohlschmeckenden Keksen, manchmal auch mit einem Kuchen. Sie war glücklich, endlich wieder einen Grund zum Backen zu haben. Sie war überhaupt glücklich, die Traurigkeit, die Schwermut waren wie weggeblasen, die Zeit der grauen Nebelschwaden schienen jetzt der Vergangenheit anzugehören, denn sie waren gänzlich aus ihrem Kopf gewichen. Tagsüber erledigte sie ihren Haushalt, marschierte in den Park und ging auf dem Rückweg in den Supermarkt einkaufen. Nachmittags saß sie dann mit Elke zusammen, die diese gemütlichen Stunden nach der Arbeit auch sehr zu genießen schien.
Hedda bemühte sich sehr, zu den Gesprächen auch etwas beizutragen; sie wollte doch nicht den Eindruck erwecken, als wenn sie gar nichts Interessantes, Unterhaltsames zu sagen hätte und ausschließlich nur den Worten Elkes hingebungsvoll lauschen würde - was sie unbestritten nach wie vor mit Begeisterung tat. So erzählte Hedda dann von ihren Erlebnissen im Stadtpark, von ihrer Bank, von der sie alles wunderbar überschauen konnte, von den prächtigen Blumen, die gerade in Blüte standen, von den Gartenbauleuten, die einen heruntergefallenen Ast einer uralten, wahrscheinlich morschen Eiche entfernen mussten, von einem fröhlichen Kindergeburtstag auf der großen Wiese und so einiges mehr.
„Beneidenswert“, seufzte Elke. „Ich hätte auch gerne die Zeit, den Sommer im Freien genießen zu können.“
Hedda freute diese Bestätigung ihrer Aktivitäten sehr, ihr wurde ganz warm ums Herz. Wer hatte sie schon jemals um etwas beneidet oder überhaupt ihren Reden und ihrem Tun Beachtung geschenkt?
Hedda schwebte wie auf Wolken. Sie betrachtete das Leben jetzt aus einer ganz neuen Perspektive. Endlich gestaltete sie ihren Alltag selbstbestimmt und hatte obendrein, durch die Erzählungen Elkes, noch Einblick in Lebensweisen anderer Menschen und fremder Kulturen, die ihr bislang verschlossen waren. Wie berauscht, taumelte sie momentan durch den Tag, so angefüllt war sie mit einer Art Glückseligkeit, die sie sich in ihren kühnsten Träumen nie zu hoffen gewagt hatte. Unendlich froh war sie dann auch, dieses Risiko der Untervermietung eingegangen zu sein. Denn neben den gewünschten positiven Effekten barg es natürlich auch die Gefahr in sich, dass der oder die anfangs so freundliche Unbekannte sich später, im näheren Zusammenleben, als unangenehm oder schwierig darstellen oder gar als bösartig entpuppen könnte. Heddas Erwartungen, einen Lichtblick in ihr trübes, aussichtsloses Dasein zu erhalten, hatten sich jedoch bei weitem übertroffen. Sie war zufriedener und ausgeglichener denn je, ihre ureigensten Sinne entfalteten sich auf wundersame Weise und ein innerer, nie gekannter Motor mobilisierte sie für Unternehmungen, die ihr Freude bereiteten. Möge diese Zeit ewig währen. Zu ihrer Beruhigung erweckte Elke auch nicht den Anschein, als würde sie bald wieder ausziehen wollen.
Damit war die Einsamkeit besiegt. Die Narben der Vergangenheit spürte sie längst nicht mehr. Heddas Tag war jetzt ausgefüllt mit ihren Aktivitäten und mit Elke. Was sollte ihr da noch passieren?
Mit Elke war es auch wirklich ein Leichtes, sich wohl zu fühlen. Sie war eine ausgesprochene Frohnatur, ein richtiger Sonnenschein und eine attraktive Frau dazu. Das brünette, wellige Haar fiel locker bis auf die Schultern und umspielte ihr offenes, freundliches Gesicht. Die großen, aufmerksamen Augen und ihr sinnlicher, weicher Mund erweckten das Vertrauen, einem ehrlichen Menschen begegnet zu sein. Sie war stets adrett gekleidet, meist in einem hellen Kostüm mit passenden Schuhen dazu, wie es in einer repräsentativen Botschaft gefragt ist.
Jeden Tag strahlte Elke zur Tür herein und brachte ein Stück Unbeschwertheit mit ins Haus. Sie lachten viel zusammen. Und manchmal brachte sie Hedda sogar etwas mit, ein paar Blumen, eine Duftseife, eine Creme. Elke war freundlich zu ihr - zu ihr! Hedda Siebert! Ja, das spürte sie genau, Elke mochte sie. Sie beschenkte sie. Ein wunderbares Gefühl. Hatte sie so etwas schon jemals empfunden?
„Dass du’s gleich weißt, Geburtstag fällt heute aus“, wurde Hedda von ihrer Mutter unwirsch empfangen, als sie aus der Schule kam. „Dein Vater hat das ganze Geld versoffen.“
Hedda ging in ihr Zimmer und setzte sich auf das Bett. Sie schaute zur Seite. Neben ihr lag ihre Stoffpuppe. Sie nahm sie in die Hand und drückte sie ganz fest an ihre Brust. Nur von ihrer Puppe fühlte sie sich verstanden. Sie allein gab ihr Trost, wann immer sie es brauchte, sie war überhaupt das liebste, was sie besaß. Hedda schmiegte ihr Gesicht an das wollene Haar, während ihr Blick stumm über den Boden glitt und sich ihre Gedanken in altbekannte, trübsinnige Erinnerungen verloren.
Der heutige Geburtstag war nichts Besonderes für Hedda. So oder so ähnlich verlief er, seit sie denken konnte. Es gab auch Jahre, in denen gar nicht erwähnt wurde, dass Hedda Geburtstag hatte. Und da sie sich als Kind nicht für Kalender interessierte, hatte sie früher nie gewusst, welcher von den vielen Tagen ihr Geburtstag hätte sein können. Also vermisste sie diesen Tag oder gar eine Geburtstagsfeier auch nicht. Oder doch? Ganz tief in ihr drinnen, vermisste sie da nicht doch etwas, irgendetwas Undefinierbares, Sehnsüchtiges, ein bisschen Wärme vielleicht?
Der Tag der Geburt ihrer Tochter sei der schwärzeste in ihrem ganzen Leben gewesen, hatte die Mutter Hedda einmal wutentbrannt ins Gesicht geschrien, als diese aus Versehen eine Schüssel mit Gurkensalat auf den Boden hatte fallen lassen. „Du bist die Missgeburt schlechthin“, hatte sie gebrüllt. „Womit habe ich das bloß verdient? Eine gottverdammte Strafe bist du, nichts weiter. Nichts als Ärger und Arbeit habe ich mit dir.“ Dabei hatte Hedda alles selbst wieder aufwischen müssen. Zur Strafe hatte sie dann kein Mittagessen bekommen und den ganzen Tag ihr Zimmer nicht mehr verlassen dürfen.
Sie schaute auf die Stoffpuppe in ihren Armen. Vor einem Jahr, da war es anders gewesen, es war ihr siebenter Geburtstag. An jenem Tag war ihre Mutter in ihr Zimmer gekommen, mit dieser Puppe in der Hand: „Du hast heute Geburtstag. Hier, das ist für dich.“ Ohne auch nur die Miene zu verziehen, hatte sie ihr die Puppe vor die Nase gehalten, sich umgedreht und war schnurstracks wieder hinausgegangen. Es war ein außergewöhnlicher Tag gewesen. Für einen Moment in ihrem Leben hatte Hedda das Empfinden gehabt, ein Geburtstagskind zu sein. Ihre Mutter hatte zumindest einmal nicht nur im Zorn an sie gedacht und ihr einen Hauch von Beachtung geschenkt. Ein glückliches Lächeln war über Heddas Gesicht gehuscht.
Doch an diesem Tag war es wie immer. Hedda saß auf ihrem Bett und blickte ins Leere. Es brachte nichts, sich Gedanken zu machen. Vielleicht sollte sie lieber hinausgehen. Sie legte ihre Puppe zurück auf das Bett und ging zur Wohnungstür. Ihre Mutter stand in der Küche und sah Hedda im Flur vorbeigehen. „Warte“, rief sie ihr hinterher. Sie drückte Hedda ein Geldstück in die Hand und sagte: „Geh’ dir ein Eis kaufen.“
Eines Tages kam Elke nachmittags nicht zum gewohnten Tee nach Hause. Sie kam auch abends nicht, sie kam überhaupt nicht nach Hause. Hedda wurde sichtlich nervös. Was hatte das zu bedeuten? Unruhig lief sie durch die Wohnung und schaute immer wieder zum Fenster hinaus. Dunkle Phantasien bevölkerten ihr strapaziertes Gehirn und marschierten mit ihr hin und her. An einen Unfall oder sonstiges konnte sie nicht glauben, dazu schien ihr Elke viel zu lebenstüchtig. Aber was sonst? Beängstigende Zweifel plagten Hedda. Hatte Elke etwa schon genug von ihr? Vielleicht hatte sie sich ihr zu sehr aufgedrängt, und Elke wollte nachmittags viel lieber alleine sein? Oder fühlte Elke sich in der Wohnung nicht mehr wohl? Dabei hatte Hedda sich doch so bemüht, es Elke nett zu machen. War etwa alles nur ein Traum gewesen? Pure Einbildung?
Am nächsten Nachmittag öffnete Elke wie gewohnt die Wohnungstür.
„Hallo, da bin ich.“ Völlig leichtfüßig schwebte sie herein. „Stell’ dir vor, was ich erlebt habe. Als ich gestern nach der Arbeit in den ...“
“Wo warst du?“ wurde sie von einer grimmigen Stimme unterbrochen.
„Ja, das wollte ich dir doch gerade erzähl ...“ Mit offenem Mund hielt sie mitten im Wort inne. „Ach du Schreck. Du hast auf mich gewartet. Ja natürlich, wie konnte ich das vergessen? Ach Hedda, tut mir leid. Aber ich habe da jemand kennen gelernt ... Ich sage dir: Ein toller Typ.“ Sie sprudelte nur so los, ohne weiter auf irgendwelche Gefühlsregungen Heddas zu achten. In ihrer heiteren Art überfiel Elke Hedda mit ihren amüsanten Schilderungen des vergangenen Abends.
Hedda dagegen war unfähig, Elkes überschwänglicher Erzählung zu folgen, geschweige denn auch nur einen Funken von Begeisterung zu empfinden, zu sehr war sie vertieft in ihre grüblerischen Verstrickungen, die einen leicht giftigen Beigeschmack hatten: So, Elke hat also einen tollen Typen kennen gelernt, sich womöglich Hals über Kopf verliebt. Wie schön für sie, kreiste es durch ihren Kopf. Und ich? Was ist mit mir?Ist es jetzt aus mit den gemeinsamen Nachmittagen? Heißt das, in Zukunft wieder alleine Trübsal blasen? Wozu habe ich mir überhaupt eine Untermieterin ins Haus geholt, wenn die gar kein Interesse hat, mit mir zusammen zu sein?
Elke schien Heddas Gedanken zu lesen. „Du machst ein Gesicht, als wenn ich gleich ausziehen wollte. Da brauchst du keine Angst zu haben. Solange ich meinen Job in dieser Stadt habe, ziehe ich doch hier nicht aus. Nein, wo denkst du hin? Bloß, weil ich da so einem Typen begegnet bin? Und außerdem - ich kenn’ den doch gar nicht weiter.“ Sie machte eine Pause und blickte verträumt zur Seite. „A-a-aber - süß ist er schon, das muss ich zugeben. Ach, Hedda, wenn du wüsstest ...“ Elke drehte sich im Kreis und strahlte über das ganze Gesicht. Sie schien im siebenten Himmel zu sein. „Es war sooo toll ... Unsere Nachmittage bleiben natürlich. Versprochen.“ setzte sie noch rasch hinterher.
Von dem Tag an war nichts mehr wie vorher. Elke wirkte wie umgewandelt. Sie schwebte förmlich durch den Tag, so, wie Verliebte eben schweben. Leider konnte Hedda sich nicht mit ihr freuen. Denn etwas Entscheidendes fehlte Hedda, um Elkes Glück teilen zu können: Die eigene Erfahrung. Sie war in ihrem ganzen Leben noch nie verliebt gewesen, in wen auch? Hinzu kam der innere Schmerz, der ihre gerade erst gewonnene Lebensfreude trübte. Intuitiv bangte sie um den bevorstehenden Verlust einer freundschaftlichen Beziehung und den damit verbundenen Rückschritt in die Einsamkeit. Die Anzeichen dazu waren deutlich genug.
In der Tat kam es jetzt öfter vor, dass Elke nachts nicht nach Hause kam. Auch sonst machte sie sich ziemlich rar. Die seltenen Nachmittage, an denen sie noch miteinander Tee tranken, hatten nicht mehr die Ungezwungenheit wie einst. Mit Argwohn beäugte Hedda Elkes Schwärmerei von ihrer neuen Liebe. Auch spürte sie nicht mehr die Aufmerksamkeit, die Elke ihr anfangs zukommen ließ. Im Gegenteil, die Stimmung entwickelte sich zunehmend angespannter.
An einem dieser Nachmittage stellte Elke die Frage, die eines Tages kommen musste: „Was hältst du eigentlich davon, wenn er mich hier mal besuchen würde?“
„Wer?“
„Na, ... Frank.“
„Frank? Dein neuer Liebhaber?“
„Liebhaber ist gut.“ Elke schmunzelte. „Dann könntest du ihn auch endlich einmal kennen lernen. Wie findest du das?“
Hedda runzelte die Stirn. „Und schläft der dann auch bei dir?“
„Ich denke, ja“, sagte Elke mit einem freudigen Grinsen im Gesicht.
Hedda verstummte. Ein dicker Kloß steckte ihr im Hals. Das kann doch nicht wahr sein! Sie fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Erst kommt sie nicht mehr nach Hause wegen dieses Kerls, und dann soll er auch noch meine Wohnung bevölkern? Nachts? Sozusagen Tür an Tür?
Hedda versuchte, ihre tiefe Empörung zurückzuhalten. „Nein, das geht nicht“, sagte sie betont sachlich. „Die Wohnung ist viel zu klein, als dass hier drei Personen herumlaufen.“
„Wie - viel zu klein?“ Elke schaute sie verblüfft an. „Heißt das, er darf mich hier nicht besuchen?“
„Genau.“
„Auch nicht am Tage?“
„Nein.“
„Also grundsätzlich kein Männerbesuch?“
„Richtig.“
„Das ist doch nicht dein Ernst? Sag’ mal, in welcher Welt lebst du eigentlich?“ Elke war sichtlich aufgebracht. „Das darf doch echt nicht wahr sein. Ich glaub’ ich spinne. Kein Männerbesuch.“ Sie schnappte nach Luft. „Kein Wunder, wenn’s mit dir und den Männern nichts wird. So verkalkt wie du bist.“
Wie bitte? Was war das? Hedda meinte, sich verhört zu haben. Aber Elke war noch nicht fertig: „Und überhaupt, wie du ‘rum läufst. Schau dich doch mal an. Merkst du gar nicht, wie angestaubt du aussiehst? Wenn du nicht als alte Jungfer enden willst, solltest du mal allmählich anfangen, was aus dir zu machen.“ Ihre Stimme war kurz vorm umkippen, so erbost war sie. „Du lebst anscheinend hinterm Mond, dass du nicht merkst, wie die Welt sich um dich herum verändert“, ereiferte sie sich weiter. „Kein Männerbesuch. Ich glaub’ es nicht. Wo bin ich hier nur gelandet?“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Nein danke, kann ich da nur sagen, so wie du lebst, so ein langweiliges Leben, wie du es führst, möchte ich jedenfalls niemals leben. Nie und nimmer!“
Hedda stockte der Atem. Jedes Wort ging ihr durch Mark und Bein. Was war hier los? Was hatte sie getan, dass sie so beschimpft wurde? In ihrem Kopf rotierte alles. Es war, als wenn sich in dem Moment ein schwarzer Schleier über sie warf und alles Licht auslöschte. Mit weit aufgerissenen Augen fixierte sie einen Punkt am Boden und versuchte einen klaren Gedanken aus diesem nebulösen Wirrwarr, das jetzt auf sie einstürzte, zu fassen. Aber so sehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr einfach nicht. Elkes gewaltige Anklage war wie ein Gewitter, dessen Blitze und Donnerschläge bedrohlich krachend auf sie niederschmetterten.
Heddas Gesichtsausdruck verfinsterte sich zu einer bitter verzweifelten Miene, die Furche zwischen ihren Augen wurde zusehends tiefer, und ihre Lippen waren nur noch als schmaler weißer Schlitz erkennbar, so sehr presste sie ihren Mund zusammen. Doch urplötzlich schreckte sie hoch, drehte sich um und verließ mit schnellen Schritten den Raum.
Sobald ein Kerl ins Spiel kommt, ist es aus mit der Freundlichkeit, so ist das also, dachte sie wütend beim Hinausgehen.
„Du bist jetzt in einem Alter, wo es mit den Kerlen losgeht.“ Heddas Mutter nahm kein Blatt vor den Mund. „Das eine sag’ ich dir: Dass du mir ja nicht mit irgendeinem Dahergelaufenen etwas anfängst und den womöglich noch mit nach Hause schleppst; der dir obendrein noch ein Balg andreht, auf dem ich dann sitzen bleibe. Das wär’ ja noch schöner.“ Ihr hartes, spöttisches Lachen hallte durch die Küche. „Ich bin heilfroh, dass es den Alten erwischt hat, und jetzt kommst womöglich du und bringst hier wieder so einen miesen Typen ins Haus. Und mies sind sie alle, das kann ich dir versichern. Nix da. Ich will hier keinen Kerl mehr in meiner Wohnung haben. Dass das ein für alle Mal klar ist!“
Hedda wusste gar nicht, wie ihr geschah. In ihrer Klasse hatten zwar schon einige Mädchen einen Freund, aber sie selbst hatte sich mit den Jungen überhaupt noch nicht näher beschäftigt. Wie auch? Die aus ihrer Klasse waren für sie nur Klassenkameraden, die eh keinen Blick für sie übrig hatten. Und sonst? Sie kam ja nie raus. Wo sollte sie welche kennen lernen? Ihre Mutter gängelte Hedda tagtäglich, immer gleich nach der Schule nach Hause zu kommen. Kam sie später, hieß es sofort, wo sie sich herumgetrieben hätte, schließlich müsste sie ihre Aufgaben im Haushalt erledigen, und das waren nicht wenige. Und in die Disco, wo schon einige Mädchen aus ihrer Klasse hingingen, das kam schon überhaupt nicht in Frage.
Hedda hatte immer schon eine Art Sonderstellung in ihrer Klasse. Vom ersten Tag an verhielt sie sich sehr schüchtern und zurückhaltend, den Jungen wie den Mädchen gegenüber. Eigentlich wollte sie gerne dazu gehören, aber sie traute sich einfach nicht, offensiv auf die anderen zuzugehen. Auch glänzte sie nicht unbedingt durch modische Auffälligkeiten, womit sie vielleicht noch Sympathien hätte einfangen können. Ihre Mutter legte keinen Wert auf hübsche Kleidung für ihre Tochter, da das nur unnötig Geld kosten würde. Hedda bekam gerade das, was wirklich erneuert werden musste, aber bestimmt keine große Auswahl, um eventuell abwechslungsreich kombinieren zu können. Freundschaften konnte sie auch am Nachmittag zu keinem Mädchen aufbauen, was die Hemmungen in der Klasse vielleicht zu überwinden geholfen hätte, da ihre Mutter es kompromisslos verboten hatte, irgendjemanden, auch kein Mädchen, mit nach Hause zu bringen. Als es dann mit den Jungs losging, war Hedda nur noch Luft für die anderen. Die Mädchen hatten genug damit zu tun, sich gegenseitig ihr neuestes Outfit zu präsentieren und sich über die Spielchen und Erlebnisse mit den Jungs auszutauschen. In sämtlichen Pausen hockten sie zusammen und kicherten und tuschelten. Da störte so eine wie Hedda nur, die eh nichts mit Jungs am Hut hatte und sowieso ‘rum lief wie aus dem letzten Jahrhundert.
„Aber was mach’ ich mir eigentlich Gedanken?“ setzte Heddas Mutter noch hämisch nach. „So hässlich, wie du aussiehst - dich nimmt sowieso keiner.“
Hedda spürte beängstigende Beklemmungen in ihrer Brust, sobald Elke die Wohnung betrat. Wie ein Damoklesschwert lastete die erdrückende Kritik auf ihr. Hörte sie auch nur den Schlüssel in der Tür, schloss sie sich sofort in ihr Zimmer ein, um sich nicht der völligen Vernichtung preiszugeben. Von Elke hatte sie nichts Gutes mehr zu erwarten. Für Hedda gab es keine Zweifel mehr. Elkes Zuneigung von einst, wenn es überhaupt je eine ehrliche gegeben hatte, war jetzt in Verachtung umgeschlagen. Dies am eigenen Leib spüren zu müssen, hatte Hedda als sehr grausam empfunden. Aber das letzte Gespräch war deutlich genug gewesen.
Das war nicht nett von ihr, kreiste es ihr ständig durch den Kopf. Mich so zu behandeln. Diese Heuchlerin.
Hedda musste sich vor Elke schützen. Sie wusste ja nicht, was sie sonst noch zu befürchten hatte.
Mittlerweile war Hedda sehr froh darüber, dass Elke nur noch zum Kleiderwechseln nach Hause kam. So konnte sie sich die übrige Zeit einigermaßen frei durch die Zimmer bewegen. Spazieren ging sie nicht mehr, das war vorbei, danach stand ihr der Sinn jetzt überhaupt nicht mehr. Wollte sie sich dennoch ein paar schöne Augenblicke verschaffen, ging sie in Elkes Zimmer und kniete sich vor deren Glasvitrine nieder. Wie gebannt, schaute sie dann hinein und war sofort magisch angezogen von jedem einzelnen Exemplar dieser wunderschönen Kleinode, die sie in eine berauschende Traumwelt führten und sie mitnahmen, weit fort von hier, auf eine unbekannte schöne Reise voller faszinierender Abenteuer. Diese kurzen Momente waren die einzigen, die Heddas Kümmernis in diesen Tagen zu besänftigen vermochten.
An einem dieser Tage, es war ein warmer Sommertag, öffnete sie das Fenster. Elke war an diesem Wochenende nicht nach Hause gekommen, und die Luft war sehr stickig in dem Zimmer. Hedda stellte sich an das offene Fenster und spürte den warmen Wind, wie er ein wenig frische Luft hereinbrachte. Warm und sanft streifte er ihr Gesicht. Sie schloss die Augen und fühlte sich ganz leicht, so leicht, wie lange nicht mehr. Hedda hielt den kleinen Elefanten mit der goldenen Verzierung in ihrer Hand. Sie hatte sich erlaubt, die Glasvitrine zu öffnen und ihn herauszunehmen. Mit ihren Fingern betastete sie die Unebenheiten dieser kunstvollen Schnitzerei. Der kleine Elefant sah wirklich wunderschön aus. In ihren Gedanken flog sie mit ihm weit über die Dächer davon in ein fernes Land.
In dem Moment trat Elke in die Tür. Hedda hielt die Luft an. Sie hatte sie nicht kommen hören.
„Was machst du in meinem Zimmer?“ Elke war sichtlich erstaunt. Ihr Blick wanderte von Hedda auf die offene Glastür ihrer Vitrine und dann wieder zurück zu Hedda.
Diese stand wie gelähmt am Fenster. Was sollte sie jetzt tun? Sie wusste sich nicht zu verhalten. Einfach aus dem Zimmer hinauszulaufen, erschien ihr absolut unmöglich, da Elke noch immer in der Tür stand. Die Vorstellung, ihr so nah zu sein und sich dem Risiko einer strafenden Reaktion aus nächster Nähe auszusetzen, machte sie unfähig, auch nur einen Schritt in Elkes Richtung zu wagen. Sie senkte den Kopf, um dem fordernden Blick auszuweichen, zu sehr fühlte sie sich ertappt, etwas Unrechtes getan zu haben. Die prekäre Situation und ihre verräterischen hektischen Flecken am Hals - deren aufsteigende Hitze sie nur allzu gut kannte - waren unmissverständlich.
Heddas Knie zitterten, ihr Herz klopfte wie verrückt.
Langsam drehte sie sich zum Fenster, um es wieder zu schließen. Sie beugte sich ein wenig hinaus, um mit ihrer ebenfalls zitternden Hand einen der beiden Fenstergriffe zu erreichen. Ihre andere Hand hielt immer noch den kleinen Elefanten fest umklammert.
Mit einem Male hörte sie hinter sich Elke weiter in das Zimmer hinein treten und direkt auf sich zukommen. Hedda zuckte zusammen und erschrak fürchterlich. In dem Augenblick glitt ihr unversehens der Elefant aus der Hand und fiel hinab in die Tiefe.
Hedda sperrte geschockt ihren Mund auf. Für Sekunden schien ihr Herz stillzustehen. Sie starrte dem Elefanten nach, wie er in rasender Geschwindigkeit hinabstürzte. Dann riss sie ruckartig ihren Kopf zu Elke herum, die jetzt mitten im Zimmer stand und immer noch auf eine Antwort wartete. Schweißperlen benetzten Heddas Stirn.
„Der Elefant ... er ...“, haspelte sie in panikartiger Erwartung auf das, was jetzt kommen würde, „er ... er ist mir aus der Hand gefallen.“
„Er ist was? ... Mein Elefant?“ Elke stürzte in einem wütenden Ansturm zum Fenster, schob Hedda unsanft zur Seite und beugte sich suchend hinaus.
Mit zusammengepressten Lippen und eingezogenen Schultern stand Hedda eingeschüchtert hinter ihr und fixierte ängstlich gebannt den vornüber geneigten Körper direkt vor sich. Im nächsten Augenblick befand Elke sich bereits im freien Fall. Hedda starrte erschrocken auf das offene Fenster vor sich. Bei dem Geräusch des Aufpralls zuckte sie unwillkürlich zusammen. Der Hauch einer fernen Erinnerung hatte sie für einen kurzen Moment gestreift, war aber ebenso schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war.
„Wie kann man nur so leichtsinnig sein?“ Der Polizist schaute aus dem einen Fenster und blickte verwundert entlang der Scheibe des zweiten geschlossenen Fensterflügels. Zu Hedda gewandt sagte er: „Stellen Sie lieber den Putzeimer weg, bevor Ihnen noch das Gleiche passiert. Sie stehen ja noch richtig unter Schock, so bleich wie Sie immer noch aussehen.“ Er nahm den Eimer von der Fensterbank und reichte ihn Hedda.
Dann ging er durch das Zimmer. „Hatte sie Verwandte?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete Hedda.
„Und irgendwelche Habseligkeiten?“
„Nein, nur ihre Kleidung.“
„Und was ist mit diesem Glasschrank hier?“
Hedda zuckte zusammen. „Oh, der Glasschrank ... der gehört mir“, antwortete sie hastig.
„Sehr schöne Sachen.“ Bewundernd beugte der Polizeibeamte sich zur Vitrine hinunter. „Sehr ausgefallen.“
Hedda atmete auf. „Ja, das stimmt, es sind wirklich schöne Sachen“, bestätigte sie mit einem leisen Lächeln im Gesicht. „Die habe ich mir alle von meinen Reisen mitgebracht. Ich finde, der Schrank macht sich in diesem Zimmer besonders gut.“
Er nickte und ging. „Das war’s dann wohl. Auf Wiedersehen.“
Wie sollte es jetzt weitergehen? Das Zimmer war wieder frei, und Hedda stand vor der Entscheidung, weiter alleine zu leben oder neu zu vermieten.
