Die unverschämte Kunst, zu lieben, wie man will - Gianna Bacio - E-Book

Die unverschämte Kunst, zu lieben, wie man will E-Book

Gianna Bacio

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Beschreibung

Unlearn Sexuality: Finde heraus, was du wirklich willst Sexualpädagogin Gianna Bacio macht Schluss mit Druck, Mythen und dem Vergleich mit irgendeinem angeblich «normalen» Liebesleben. Stattdessen sagt sie: Hör auf, dich zu verbiegen und fang an, deine echten Bedürfnisse ernst zu nehmen. Es ist an der Zeit, alte Muster zu hinterfragen und dein eigenes Bild von Liebe und Sex zu zeichnen, das zu dir passt.   «Das Problem ist nicht, dass wir keine Lust oder keine Ideen haben, sondern dass wir mit vorgefertigten Schablonen und mit Drehbüchern aufgewachsen sind, die wir noch nie hinterfragt haben.» Gianna Bacio

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 252

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gianna Bacio • Mira Dönges

Die unverschämte Kunst zu lieben, wie man will

Für eine ehrliche, selbstbestimmte Sexualität

 

 

 

Über dieses Buch

Dieses Buch ist eine Einladung an die Leser:innen, ihre Sexualität neu zu entdecken. Nicht so, wie sie sein sollte – sondern so, wie sie sich für einen selbst wirklich gut anfühlt.

Die beliebte Sexualaufklärerin Gianna Bacio räumt auf mit Leistungsdruck, Mythen und dem ewigen Vergleich mit einem vermeintlichen «normal». Stattdessen macht sie Mut, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, und zeigt, wie wir mehr Vertrauen in unser sexuelles Erleben entwickeln können.

Gianna Bacio möchte ihre Leser:innen mit unverschämten Fragen, Übungen und persönlichen Geschichten zu einer ehrlichen, selbstbestimmten Sexualität inspirieren: «Alles, was du brauchst, steckt bereits in dir. Du darfst nur anfangen hinzuhören.»

Vita

Gianna Bacio ist eine der erfolgreichsten Sexualaufklärerinnen Deutschlands. Seit 2023 tourt sie mit einem Bühnenprogramm durch Deutschland («Sexfluence live»), zudem hostet sie den Podcast «Hot Stuff».

 

Mira Dönges ist Redakteurin und Autorin und arbeitet mit Gianna gemeinsam an den Podcastfolgen von «Hot Stuff».

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2026

Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung zero-media.net, München

Coverabbildung FinePic®, München

ISBN 978-3-644-02594-3

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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Hinweise des Verlags

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

 

Teil I

Kapitel 1: Die Grundierung, die wir nicht bestellt haben

Kapitel 2: Die Schablonen, die unsere Lust formen

Kapitel 3: Geschichten, die wir für Wahrheiten halten

 

Teil II

Kapitel 1: Genuss als Grundlage

Kapitel 2: Consent als Rahmen

Kapitel 3: Kommunikation als verbindendes Element

 

Teil III

Kapitel 1: Alternative Beziehungsmodelle

Kapitel 2: Mögliche Farben für dein Kunstwerk

Kapitel 3: Unverschämte Musen

 

Schlusswort

Dank

Literaturliste

Endnoten

Vorwort

Sexualität erscheint heute allgegenwärtig und ist zugleich von Unsicherheiten, Scham und Mythen geprägt. Überall gibt es Ratgeber, Tipps und Anleitungen dazu, wie «guter Sex» aussehen sollte. Doch was die meisten Menschen wirklich bewegt, ist etwas Tieferes: die Frage, wie sie eine Sexualität leben können, die wirklich zu ihnen passt, die ihr ehrliches Begehren, ihre Wünsche und Fantasien umfasst.

Ich bin Sexualpädagogin. Das heißt, ich spreche beruflich über Dinge, über die viele nur im Flüsterton reden oder gar nicht. In den letzten Jahren habe ich unzählige Gespräche geführt: mit den unterschiedlichsten Paaren und Menschen, mit solchen, die sich schämen, und solchen, die längst frei leben. Immer wieder habe ich gemerkt: Die Technik ist nicht das Problem. Die meisten wissen sehr genau, was man körperlich tun könnte, um eine lustvolle Sexualität zu erleben. Was uns oft zurückhält, sind die Schichten aus Scham, Glaubenssätzen und gesellschaftlichen Drehbüchern, die wir seit der Kindheit verinnerlicht haben.

Diese Schichten zeigen sich ganz unterschiedlich: in der Frau, die jedes Mal so tut, als würde sie kommen, weil sie «keine Stimmung zerstören» will. Im Mann, der Angst hat, «nicht zu funktionieren». In Paaren, die Nähe nur über Leistung oder Harmonie definieren. Und auch in denjenigen, die sich mutig aufmachen, neue Formen von Sexualität zu leben, und sich plötzlich mit Irritation oder Scham konfrontiert sehen, weil sie Grenzen verschieben, die «man doch nicht verschiebt».

Je länger ich diesen Beruf mache, desto klarer wird mir: Wir brauchen dringend einen anderen Blick auf Sexualität. Einen, der nicht nur technisch erklärt oder moralisch bewertet, sondern Raum schafft für echte Fragen, für ehrliche Wünsche, für die Vielfalt unseres Erlebens.

Ich schreibe dieses Buch nicht, weil ich alle Antworten habe. Sondern weil wir im ersten Schritt neue Fragen brauchen. Und Räume, in denen wir uns erlauben dürfen, unverschämt neugierig zu sein auf das, was uns Freude und Lust verschafft – unverschämt ehrlich. Unverschämt wir selbst.

Genau hier setzt dieses Buch an. Es geht nicht darum, dir neue Regeln vorzugeben, sondern dich zu ermutigen, eigene Regeln für dich zu schreiben. Ich habe gesehen, wie Menschen aufblühen, wenn sie endlich ehrlich sein dürfen, wenn sie ungeniert von ihren Fantasien erzählen und sich trauen, Wünsche auszusprechen. Und ich habe erlebt, wie sehr sie sich gleichzeitig verbiegen, weil sie glauben, dass mit ihnen «etwas nicht stimmt».

Ein zweiter Grund für dieses Buch bist du oder besser gesagt ihr. Die Reaktionen auf meine Beiträge, Videos und Podcastfolgen zeigen mir jedes Mal, wie groß der Hunger nach echter, ungefilterter Sexualität ist. Nicht als Hochglanzbild, sondern als gelebte Realität.

Und vielleicht bin ich selbst das beste Beispiel dafür, dass Selbstbestimmung nicht immer so aussieht, wie man sie sich vorstellt. Es sorgt regelmäßig für hochgezogene Augenbrauen, wenn ich erzähle, dass mein Partner und ich getrennte Betten haben, sogar getrennte Schlafzimmer. Dass wir uns bewusst verabreden, statt einfach zu hoffen, dass Nähe «von allein» entsteht. Dass wir Freiheit höher werten als Konvention. Lange dachte ich, ich müsse mich rechtfertigen, doch inzwischen weiß ich: Das ist nichts, wofür man sich schämen sollte. Es ist ein Ausdruck von Wahlfreiheit.

Dieses Buch ist ein Gemeinschaftsprojekt. Meine Co-Autorin Mira habe ich bei unserem ersten Podcastprojekt kennen- und schätzen gelernt. Dort hat sie mich zunächst redaktionell unterstützt, und aus dieser Zusammenarbeit ist nun unser gemeinsames Buch gewachsen. Auch heute arbeiten wir noch eng zusammen an meinem Podcast Wie Wir Lieben. Während unserer vielen Gespräche haben wir immer wieder gemerkt: Das, was Menschen wirklich verändert, sind keine Ratgeber-Tipps, sondern die ehrliche Auseinandersetzung mit Scham, Konditionierungen und Selbstbestimmung.

«Die unverschämte Kunst, zu lieben, wie man will» möchte dich inspirieren und ermutigen, dein eigenes Bild zu malen. Mit Farben, die dir gefallen. Mit Linien, die nur dir gehören. Und vielleicht mit Ecken und Kanten, die gerade deshalb so wunderschön und einzigartig sind.

Denn nichts ist befreiender, als zu merken: Dieses Bild muss niemandem gefallen, außer dir selbst.

Einleitung

Wenn wir über Sexualität sprechen, reden wir oft über Vorstellungen. Darüber, was «normal» ist, was «funktioniert», was «man» mögen sollte. Doch selten sprechen wir wirklich über uns. Darüber, was wir fühlen, was wir uns wünschen, was uns berührt oder verunsichert.

Dieses Buch lädt dich ein, genau dort hinzuschauen. Es geht darum, deine eigenen Wünsche kennenzulernen, Blockaden zu verstehen und die Geschichten zu erkennen, die du über Lust, Körper und Nähe verinnerlicht hast. Um dann zu entscheiden, welche du davon weiterschreiben willst.

Selbstbestimmte Sexualität heißt, bewusst und achtsam mit sich selbst und anderen umzugehen. Sie entsteht, wenn wir Verantwortung übernehmen – für unser Begehren, unsere Grenzen und für die Menschen, mit denen wir Intimität teilen. Sie wächst aus der Bereitschaft, ehrlich zu spüren, zu kommunizieren und zu wählen, was uns guttut.

Echte Begegnung entsteht dann, wenn Fantasie auf Zustimmung trifft. Wenn zwei (oder mehr) Menschen sich mit einem ehrlichen «Ja!» begegnen. Im Körper und im Herzen. Da wird Freiheit spürbar. Eine Freiheit, die auf Vertrauen, Respekt und Freiwilligkeit beruht.

Selbstbestimmung heißt, bewusst zu wählen:

Was dir guttut.

Was du lieber lässt.

Was du teilen möchtest.

Vielleicht hast du gelernt, brav zu sein. Dich anzupassen an die Wünsche anderer. Zu schweigen, wenn du eigentlich reden wolltest. Oder Ja zu sagen, obwohl du ein klares Nein gespürt hast. Vielleicht hast du dich gefragt, ob du «normal» bist, weil du keine Lust hattest, weil du «zu viel» Lust hattest oder weil du Lust auf Dinge hattest, über die kaum jemand spricht – auf bestimmte Spielarten, Techniken, Orientierungen oder Beziehungsformen, die nicht ins gängige Bild passen. Vielleicht sitzt in dir eine Stimme, die flüstert: «So wie du bist, bist du nicht genug.»

Wenn dir solche Gedanken bekannt vorkommen, dann bist du hier richtig.

Sexualität kann so vieles sein: Ausdruck, Begegnung, Spiel, Nähe, Energie, Identität und vor allem etwas zutiefst Eigenes. Sie hat unzählige Sprachen, Gestalten und Schattierungen.

Um diese eigene Sprache zu finden, braucht es oft ein Entlernen. Alte Vorstellungen, Rollenbilder und Erwartungen dürfen nach und nach verblassen, damit Raum entsteht für das, was wirklich zu dir gehört. Dieses Buch möchte dich dabei begleiten und inspirieren. Mit Gedanken, Geschichten und kleinen Übungen, die dich einladen, Schritt für Schritt zu erforschen, was Lust, Nähe und Freiheit für dich bedeuten können. Alles sind Möglichkeiten. Du darfst wählen, was sich für dich stimmig anfühlt, was dich neugierig macht, und ebenso, was du überspringst oder auf später vertagst.

Was dich erwartet

Teil I – Die alten Schichten (Verstehen)

Wir schauen unter die Oberfläche. Welche Grundierung aus Scham färbt unser Selbstbild? Welche Schablonen und sexuellen Skripte geben uns vor, wie Sex «auszusehen» hat – wer initiiert, was als «richtiger» Ablauf gilt, wie oft man «sollte»? Und welche Mythen klingen so plausibel, dass wir sie für Naturgesetze halten – «Männer wollen immer», «guter Sex ist spontan», «Frauen brauchen Zärtlichkeit, Männer Aktion»? In diesem Teil machen wir sichtbar, was uns lenkt, damit es uns nicht länger unbemerkt steuert.

 

Teil II – Der neue Rahmen (Gestalten)

Hier legen wir das Fundament für eine selbstbestimmte Praxis. Es geht darum, Genuss als Grundhaltung zu kultivieren. Weg vom Funktionieren, hin zum Fühlen. Dazu gehören kleine Alltagsrituale des Spürens, die uns helfen, unseren Körper und seine Signale bewusster wahrzunehmen. Consent bildet dabei den Rahmen: das gegenseitige Ja, das Grenzen und Sicherheit schafft, als selbstverständlicher Teil von Intimität. Und schließlich geht es um Kommunikation als Verbindung: darum, Wünsche auszusprechen, Tempo und Intensität gemeinsam zu gestalten und Unsicherheiten zu teilen, ohne in Performance-Druck zu geraten.

 

Teil III – Neue Farben entdecken (Erweitern)

Wir öffnen die Palette. Hier geht es um gelebte Freiheit: um Beziehungsformen (monogam, offen, poly usw.), um Möglichkeiten und Spielarten, die nicht auf Penetration, Leistung oder Optik reduziert sind. Wir sprechen über Atmosphäre, «underrated body parts» und unterschiedliche Spielarten. Außerdem stellen wir dir unsere «unverschämten Musen» vor: Menschen, die inspirieren und zeigen, wie vielfältig Lust gelebt werden kann.

 

Dieses Buch versteht sich als eine Art Atelier. Ein Ort zum Fragen, Forschen und Ausprobieren. Hier darfst du lachen, zweifeln, neu lernen und dich selbst immer wieder überraschen. Die Erfahrungen, die du dabei machst, werden unterschiedlich sein: manche vielleicht unbequem, einige eventuell befreiend und wieder andere womöglich völlig unvorhersehbar.

Am Ende wünsche ich dir Echtheit. Den Mut, deiner eigenen Sexualität Form zu geben, Schicht für Schicht, Schritt für Schritt – unverschämt, ehrlich, selbstbestimmt.

Teil I

Bevor wir unsere Sexualität wirklich selbstbestimmt gestalten können, müssen wir erst verstehen, worauf sie bisher gebaut ist. Keine Leinwand ist leer, wenn wir anfangen zu malen. Da sind alte Farbschichten – Erfahrungen, Kommentare, unausgesprochene Regeln. Manche davon sind zart und kaum sichtbar, andere dick aufgetragen und prägen, wie wir uns selbst sehen. Viele dieser Schichten entstehen, lange bevor wir überhaupt wissen, was Lust oder Intimität bedeuten. Aus den Blicken Erwachsener, wenn wir uns als Kinder neugierig berühren. Aus Sätzen wie «Das macht man nicht!». Aus Filmen, Werbung oder «Aufklärung» in der Schule. Aus der Art, wie über Männer und Frauen gesprochen wird und über all die, die in keine Schublade passen.

All das prägt, wie frei wir uns zeigen, was wir für «normal» halten und wo wir uns zurückhalten. Und genau darum geht’s in diesem ersten Teil: einmal unter die Oberfläche schauen. Erst dann kannst du anfangen, deine Sexualität unverschämt selbstbestimmt zu gestalten. Mit Farben, die du selbst wählst.

Kapitel 1: Die Grundierung, die wir nicht bestellt haben

In der Malerei gibt es etwas, das man Grundierung nennt. Sie ist die allererste Schicht auf einer Leinwand – völlig unspektakulär, meist weiß, beige oder grau. Man sieht sie später nicht mehr, aber sie liegt unter allem, was noch kommt.

Und sie ist entscheidend, denn sie beeinflusst, wie alle weiteren Farben darauf wirken werden. Ist eine Grundierung beispielsweise grau, wirken selbst die kräftigsten Rot- oder Gelbtöne etwas matter.

Genauso verhält es sich auch mit der Scham in unserer Sexualität. Auch sie ist oft eine unsichtbare, aber tief wirkende Grundierung. Eine Schicht, die wir nie bestellt haben und die trotzdem alles mitfärbt, was wir später erleben.

Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Fernsehabend mit meinen Eltern. Ich muss etwa sechs Jahre alt gewesen sein. An den Film erinnere ich mich nicht mehr, aber irgendwann kam eine Liebesszene vor. Daraufhin stellte mein Vater den Ton leiser, und meine Mutter antwortete auf meine Frage «Was machen die da?» mit: «Die machen Liebe.» Mehr wurde dazu nicht gesagt, aber trotzdem war es, als hätte jemand den Raum mit Watte ausgelegt. Ich spürte jedenfalls, dass das, was dort gemacht wurde, irgendwie komisch ist oder auf eine Weise geheim, aber vor allem kein Thema, zu dem ich weitere Fragen stellen sollte.

Ein paar Jahre später wollte ich, wie jeden Sonntag, mit meinem Bruder zusammen baden gehen. Ich zog mich aus und war grad im Begriff, in die Wanne zu steigen, als mein Bruder lachend rief: «Wie lustig, du bekommst ja Brüstchen.» Ich lachte mit. So, wie man halt lacht, wenn man nicht weiß, was man sonst tun soll. Aber etwas in mir machte leise klack, ich schämte mich für meinen pubertierenden Körper, und das war das letzte Mal, dass wir zusammen baden gingen.

Später sollten noch zig solcher Erlebnisse folgen. Und, das ist mir wichtig zu betonen: Niemand hat es böse gemeint. In keiner dieser Situationen hat jemand aktiv gesagt: «Du solltest dich schämen!» Das braucht es auch gar nicht. Diese Erfahrungen hinterlassen trotzdem ihre Spuren, sie legen einen Hauch Grundierung auf unsere Leinwände. Diese ersten Begegnungen mit Scham sind nicht laut und oft auch nicht dramatisch. Aber sie färben unsere Sexualität von Anfang an auf die ein oder andere Weise ein. Irgendwann glauben wir, die so entstandene Grundierung sei Teil unseres Wesens.

Scham zeigt sich auf vielen Wegen. Manchmal ist sie ein innerliches Zusammenzucken. Ein unbestimmtes Gefühl von «So wie ich bin, stimmt was nicht.» Vielleicht kennst du diese innere Stimme im Kopf, die dir sagt, dass du zu viel bist. Oder zu wenig, zu laut, zu leise, zu emotional, zu zurückhaltend, you name it! Das ist die Scham, die spricht. Sie taucht ungefragt auf, kommentiert dein Verhalten oder dein Aussehen, räuspert sich, wenn du laut lachst, oder auch, wenn du weinst. Die Scham wohnt tief in uns – oft so tief, dass wir nicht mal merken, dass sie da ist. Und doch hat sie mitunter mehr Macht über unsere Sexualität als jedes Tabu, jeder Mythos oder jede Moral.

Und plötzlich, Jahre später, sitzt sie mit im Bett. Wenn wir uns ausziehen. Oder wenn wir uns nicht trauen, zu sagen, was wir wirklich wollen. Wenn wir glauben, dass unsere Körper nicht «richtig» sind. Oder wenn wir denken, wir müssten unsere (Un-)Lust rechtfertigen. Das Gemeine ist, dass die Scham nicht nur im Kopf wirkt, sondern tatsächlich in den Körper vordringt. Sie lässt den Bauch verkrampfen, den Brustkorb, das Becken verengen, sie macht uns hart, angespannt. Die US-amerikanische Sozialforscherin Brené Brown hat den größten Teil ihrer Forschung der Scham gewidmet. Sie hat Tausende Interviews ausgewertet und mehrere Bücher darüber veröffentlicht. Sie sagt: Die Scham kann eine der intensivsten und gleichzeitig destruktivsten sozialen Emotionen sein. Gleichzeitig beschreibt sie Scham auch als universell. Sie nennt sie eine «stille Epidemie». Scham ist da, betrifft uns alle, aber sie verbreitet sich vor allem dadurch, dass «nicht» über sie geredet wird. Brené Brown beschreibt in ihren Büchern, dass sie häufig schon Unbehagen bei anderen auslöst, wenn sie nur erzählt, dass sie über die Scham forscht. Schon das Sprechen über Scham ist für viele Menschen unangenehm. Insbesondere ist Scham eine der stärksten Kräfte, wenn es um Sexualität geht.

Was Scham wirklich ist

Brené Brown beschreibt Scham als «das intensiv schmerzhafte Gefühl oder die Überzeugung, fehlerhaft zu sein und deshalb keine Liebe, Zugehörigkeit oder Verbindung zu verdienen».

Das ist der entscheidende Unterschied zu Schuld. Schuld sagt: «Ich habe etwas getan, das nicht okay war.» Scham sagt: «So wie ich bin, bin ich nicht okay.» Schuld kann uns motivieren, etwas zu verändern. Scham wiederum lähmt uns. Sie verhindert Verbindung, wenn wir sie am meisten brauchen. Sie macht uns zu Schauspieler:innen im eigenen Leben, aus Angst, dass unser echtes Ich nicht genügt. Wir hören dann beispielsweise ein Kompliment, und Scham flüstert: «Wenn er nur wüsste, wie du wirklich bist, würde er das nicht sagen.» Oder wir spüren Lust, und die Scham raunt: «Also wirklich, das darfst du nicht wollen!»

Wie Scham entsteht

Das Absurde dabei ist ja: Niemand wird mit Scham geboren. Babys sind pure Körperfreude: Sie erkunden sich, begreifen sich im wahrsten Sinne des Wortes und haben keine Vorstellungen von «peinlich» oder «falsch». Auch Kleinkinder sind noch erstaunlich frei in ihrem Ausdruck: neugierig, spielerisch, unbefangen. Erst etwa ab dem dritten oder vierten Lebensjahr beginnt sich Scham zu entwickeln. Mit dem wachsenden Bewusstsein für das eigene Ich und dafür, dass andere uns sehen und bewerten. Von da an prägen Blicke und Worte, was sich «gehört» und was nicht. Scham wird gelernt – oft leise, beiläufig, aber mit nachhaltiger Wirkung.

Der Ort, an dem die meisten von uns Scham das erste Mal erleben, ist in der Familie, oft durch unsere engsten Bezugspersonen verursacht. Nicht immer, sogar sehr oft, steckt überhaupt keine böse Absicht dahinter. Scham ist nicht nur unsichtbar, sie ist auch ansteckend. Wenn Eltern sich nie mit ihrer eigenen Scham auseinandergesetzt haben, sie nie erkannt haben, geben sie sie oft unreflektiert an ihre Kinder weiter. Außerdem sind Kinder von ihren engen Bezugspersonen abhängig, die Verbindung ist existenziell für ihr Überleben. Deswegen treffen Bemerkungen aus dem engsten Familienkreis oft viel härter als die von Fremden. Brené Brown beschreibt, dass Scham vor allem in Familien gedeiht, die von Angst, Perfektionismus und Kontrolle geprägt sind. Dabei verkümmert sie in einem Umfeld der Offenheit, Empathie und echtem Zuhören.

Auch die Sprache in einer Familie spielt eine große Rolle. Manche Körperteile haben ganz selbstverständliche Namen: Arm, Bein, Kopf. Andere Körperteile werden immer wieder umschrieben mit niedlichen Kosenamen, «da unten» oder «kleiner Freund». Und schon lernen wir: Irgendetwas scheint mit diesen Körperteilen anders zu sein, jedenfalls sind sie nicht neutral. Manche Körperstellen bekommen die Scham schon wie einen Stempel aufgedrückt. Denken wir nur an den «Schamhügel» oder die «Schamlippen». Genau aus diesem Grund nutze ich gerne positiver besetzte Begriffe wie Venushügel oder Vulvalippen.

Hinzu kommen erlernte und tief verankerte Rollenbilder: Mädchen sollen lieb sein, hübsch, nicht zu laut und nicht zu direkt. Frauen lernen früh, dass ihr Wert oft mit dem Aussehen, ihrer «Anständigkeit» und ihrer Anpassungsfähigkeit steht und fällt. Das führt dazu, dass der weibliche Körper zu einer permanenten Quelle der Scham wird. Ständig unter Beobachtung, ständig zu irgendetwas «zu viel» oder «zu wenig». Zu dünn, zu dick, zu wenig sexy, zu sexy, zu alt, zu jung, zu ehrgeizig.

Auch in ihrer Rolle als Mütter (oder eben Nichtmütter) erleben viele Frauen Scham. Entweder, weil sie «nicht die perfekten Mütter» sind, die sich freiwillig und voller Freude selbst aufgeben, oder weil sie es gewagt haben, keine Kinder zu wollen. Scham entsteht für viele Frauen schon bei dem Gedanken, «zu viel» zu sein: zu viel zu wollen, zu viel Raum einzunehmen, zu sehr sie selbst zu sein.

 

«Zu viel» kann vieles heißen:

Zu ehrgeizig, wenn man nach der Elternzeit wieder arbeiten will.

Zu sinnlich, wenn man als Mutter Lust empfindet.

Zu laut, wenn man Wut oder Frust zeigt.

Zu ehrlich, wenn man sagt, dass man manchmal keine Freude empfindet.

Zu unabhängig, wenn man Dinge anders macht, als es erwartet wird.

 

Brené Brown fasst das Ideal, das daraus entsteht, treffend zusammen: «Mache alles, mache es perfekt und zeige niemals, dass es anstrengend ist.»

Doch Scham ist kein weibliches Monopol. Sie trifft auch Jungen und Männer, nur oft auf andere Weise. Männliche Scham entsteht seltener aus unerreichbaren Schönheitsidealen, sondern mehr aus einem unbarmherzigen Leistungs- und Stärkeideal. Jungs lernen früh, dass sie stark sein müssen, keine Angst zeigen sollen – boys don’t cry. Die ungeschriebene Regel lautet: «Lass niemals zu, dass dich jemand für schwach hält.» So lernen Männer, ihren Wert eher über Kontrolle zu definieren: über die Kontrolle ihrer Emotionen, ihres Körpers, ihrer Leistungsfähigkeit.

Die Mechanismen unterscheiden sich, aber das Ergebnis ist dasselbe: Scham trennt uns von uns selbst. Sie macht uns kleiner, leiser, angepasster. Egal, welches Geschlecht wir haben.

Und so legt sich die Scham Schicht für Schicht auf unsere Leinwand. Dort prägt sie das Bild, das wir von uns haben, unsere Lust, unsere Sprache und die Art, wie wir unseren Körper erleben. Irgendwann wissen wir womöglich gar nicht mehr, wie unser eigenes Bild aussehen würde, wenn wir frei gestalten dürften. Wenn wir nicht ständig das Gefühl hätten, unsere Sexualität müsse einem gewissen Standard genügen: nicht zu wild, nicht zu still, nicht zu wenig, nicht zu viel … Lass uns also gemeinsam herausfinden, was dir da eigentlich ins Bild gepinselt wurde, lange bevor du wusstest, wie man malt.

Nicht jede Leinwand ist gleich grundiert, und das ist kein Zufall

Bevor wir weitergehen, ist es wichtig, einen Moment innezuhalten und anzuerkennen: Wir alle starten mit unterschiedlichen Voraussetzungen, Herausforderungen und Privilegien. Oder um es noch mal mit der Kunst-Metapher zu sagen: Unsere Leinwände sind nicht gleich. Manche sind fast blank, andere schon von Anfang an überzogen mit dicken Schichten aus Erwartungen, Urteilen und unausgesprochenen Regeln. Denn, wie früh Scham beginnt, wie tief sie sich eingräbt, wie laut sie wird, hängt auch davon ab, wem sie begegnet.

Menschen, die von dem abweichen, was die Gesellschaft als «normal» durchwinkt, erleben oft eine besonders dichte, besonders klebrige Schicht von Scham. Wer nicht dem vorherrschenden Schönheitsideal entspricht, sich nicht heterosexuell oder cisgeschlechtlich identifiziert, wer mit Behinderung lebt, von Rassismus betroffen ist oder in einer religiös geprägten Umgebung aufwächst, trägt häufig eine mehrfache Scham-Sozialisierung mit sich herum.

 

Ein paar Beispiele:

Eine queere Frau, die sich jahrelang fragt, ob sie «richtig liebt» und andere Erfahrungen als eine cis-hetero Frau erlebt, die mit einem ähnlichen Körper sozialisiert wurde, aber nicht mit der Angst vor Ausgrenzung durch ihre Identität.

Ein Schwarzer Mann, der mit anderen Zuschreibungen über Sexualität, Potenz oder Begehren konfrontiert wird als ein weißer Mann, und zwar oft exotisierend und entmenschlichend.

Eine trans Person, die ihren Körper nie in Bildern von Sexualität wiederfindet – weder in Aufklärungsmaterial noch in Filmen, und sich fragt, ob Begehren für Menschen, die trans sind, überhaupt vorgesehen ist.

Eine Frau mit Behinderung, die ständig übersehen oder entsexualisiert wird, bis sie irgendwann selbst beginnt zu glauben, dass Sex vielleicht einfach «nichts für sie» ist. Oder vielleicht gerade wegen ihrer Behinderung fetischisiert und gegen ihren Willen sexualisiert wird. In beiden Fällen wird von außen auferlegt, wie ihre Sexualität auszusehen hat.

 

Diese Beispiele zeigen: Scham ist nicht nur ein individuelles Gefühl. Sie ist auch ein strukturelles Phänomen. Wer Zugang zu gesellschaftlicher Anerkennung, Sichtbarkeit oder Sprache hat, hat es leichter, sich selbst zu erkennen und Scham abzubauen. Wer mehrfach marginalisiert ist, muss sich durch mehr Schichten arbeiten.

Das bedeutet, dass selbstbestimmte Sexualität für manche mehr Mut, mehr Raum, mehr Sicherheit und Repräsentation braucht. Und nicht zuletzt mehr Menschen, die sagen: «Du bist nicht allein. Du darfst sein und deine Leinwand darf genauso bunt, laut, zärtlich und unverschämt sein wie jede andere.»

Wann Scham uns nützt und wann sie schadet

Nach all diesen Ausführungen könnte man nun denken, dass Scham nichts als ein Riesenproblem ist. Aber das ist sie nicht. Im Gegenteil: Als eine Art soziales Navigationssystem warnt sie uns, wenn wir dabei sind, eine Grenze zu überschreiten. Eine, die dafür sorgen könnte, aus einem sozialen Gefüge herauszufallen. Früher, in Zeiten, in denen Menschen in kleinen Gruppen oder Stämmen lebten, war das sehr nützlich. Da konnte es nämlich lebensgefährlich sein, aus der Reihe zu tanzen. Wer gegen die Gruppenregeln verstieß, riskierte Ausgrenzung, und das bedeutete damals: kein Schutz, kein Feuer, keine Nahrung, kein Überleben.

Scham entstand, um uns davor zu schützen, etwas zu tun, das unsere Zugehörigkeit gefährdet. Diese machte den Unterschied zwischen Leben und Tod. Kein Wunder also, dass sie so lähmend wirkt.

Heute aber ist die Welt eine andere, nur hat die Scham davon nichts mitbekommen. Wie ein veraltetes Betriebssystem produziert sie weiterhin Fehlermeldungen. Ich stelle sie mir oft als übervorsichtige Großmutter vor, die in allem eine Gefahr wittert und stets mahnt: «Kind, pass auf!» Die Großmutter meint es ja auch nicht böse, sie will uns schützen, aber weiß es eben nicht besser.

Ursprünglich war Scham ein Überlebensinstinkt. Sie hielt uns davon ab, aus der Gemeinschaft zu fallen. Denn wer in der Steinzeit ausgestoßen wurde, war verloren. Zugehörigkeit bedeutete Sicherheit.

Mit der Zeit aber hat sich das Spielfeld verändert: Heute hängt unser Überleben nicht mehr von der Jagdgemeinschaft ab, sondern von emotionaler Nähe, Anerkennung und Liebe. Die Scham hat ihre Aufgabe behalten, aber ihr Einsatzgebiet verschoben.

Sie schützt uns nicht mehr vor dem Hungertod, sondern vor dem Risiko, uns wirklich zu zeigen und womöglich nicht mehr gemocht oder geliebt zu werden.

Brené Brown bringt es auf den Punkt: «Die Wurzel der Scham ist die Angst, nicht mehr dazuzugehören.» Nicht mehr geliebt zu werden. Nicht mehr gesehen zu werden. Diese Angst kann so tief sitzen, dass wir lieber eine Rolle spielen, die uns auslaugt, als das Risiko einzugehen, «zu zeigen, wer wir wirklich sind».

Und genau das passiert häufig in der Sexualität. Anstatt zu sagen, was wir wollen, oder nicht wollen, was uns berührt oder wirklich bewegt, passen wir uns an. Wir sagen «Alles gut!», obwohl nicht alles gut ist. Wir bleiben still, obwohl in uns alles «Nein!» schreit. Wir machen Dinge mit, die uns eigentlich nicht gefallen, um niemanden zu enttäuschen.

Das perfekte Klima für Scham

Erwähnte ich bereits, dass ich ein Fan der Metaphern bin? Spätestens nachdem du hier zum x-ten Mal das Wort «Leinwand» gelesen hast, sollte das klar sein. Aber ich finde einfach, dass Bilder im Kopf so viel besser hängen bleiben. Die Pilzfreunde unter euch werden in diesem Abschnitt also auch auf ihre Kosten kommen. Seid ihr bereit? Es ist nämlich so, dass die Scham unter bestimmten Voraussetzungen optimal gedeihen kann. So wie ein Pilz braucht sie das richtige Klima.

 

Nach meiner Säulenheiligen Brené Brown braucht es genau drei Zutaten, damit sich die perfekte Scham-Kultur entwickeln kann:

Geheimhaltung – «Das darf niemand erfahren.»

Schweigen – «Darüber reden wir nicht.»

Urteil – «Das ist falsch. Und du bist falsch, wenn du das willst (oder nicht willst).»

 

Packst du diese drei Zutaten zusammen, hast du – tadaa! – das feuchte, dunkle, kuschelige Pilz-Klima, unter dem Scham besonders gut gedeiht.

Lass uns mal ein kleines Gedankenexperiment machen. Du sitzt in netter Gesellschaft, der Abend ist entspannt, das Gespräch gleitet langsam Richtung «Spannender wird’s nicht!»-Themen und plötzlich kommt die Frage:

«Was bringt dich eigentlich so richtig in Fahrt?»

Und da passiert es. In dir klappt mental ein Rollladen runter. Deine Schultern werden fest, dein Bauch zieht sich zusammen, dein Gesicht lächelt bemüht, und dein Gehirn fängt an, hektisch zu sortieren:

«Was kann ich sagen?»

«Was darf ich bloß nicht sagen?»

«Was ist noch sexy und was ist schon zu seltsam?»

 

Sofort tobt ein kleines Krisenmanagement in dir:

Geheimhaltung: Du denkst an etwas, behältst es aber lieber für dich. Stattdessen sagst du: «Keine Ahnung, kuscheln ist auch schön.»

Schweigen: Du sagst gar nichts. Vielleicht ein Lachen, Schulterzucken, dann Themawechsel.

Urteil: Du hörst eine innere Stimme, die zischt: «Das denkt man doch nicht. Du bist nicht ganz dicht.»

 

Damit hast du die Zutatenliste für die perfekte Scham-Kultur erfolgreich zusammengestellt, ohne es zu merken. Doch leider sind diese Mini-Momente wie Tropfen auf deine Leinwand. Einzeln unsichtbar, aber mit der Zeit wird daraus eine Schicht, die alles dämpft. Die deine Lust matter wirken lässt, die dich leise macht, angepasster, vorsichtiger. Auch deine Fantasie wird von dieser Schicht umschlossen und festgehalten. (Weshalb ich Tipps wie «der Fantasie freien Lauf lassen» immer schwierig finde, wenn es im Kern um etwas ganz anderes geht …)

Die wichtigste Botschaft ist wohl: Du bist nicht komisch. Du bist ein Mensch mit Wünschen, Fantasien, Fragen, die allesamt total normal sind. Das Problem sind vielmehr die Bedingungen, unter denen du gelernt hast «Ich darf das nicht sagen», «Ich darf das nicht fühlen» oder «Ich darf das nicht wollen». In diesem schamfördernden Klima ist es ehrlich gesagt kein Wunder, dass eine selbstbestimmte Sexualität vielen Menschen schwerfällt.

Scham als Instrument, um uns «angenehm» zu machen

Scham verzerrt die Emotionen, die in bestimmten Situationen eigentlich angemessen wären. Sie ist wie ein dicker Farbklecks, der sich über das ursprüngliche Bild legt und die Emotion, die wir fühlen sollten, überdeckt. Statt Wut spüren wir Ohnmacht. Statt Klarheit ein diffuses Schuldgefühl. Statt Selbstbewusstsein einen Drang, uns kleinzumachen.

Ich werde jetzt drei Geschichten teilen, die mich in meiner Vergangenheit sehr beschäftigt und geprägt haben. Sie sind nicht leicht zu erzählen und auch nicht für alle leicht zu lesen. Aber genau deshalb sind sie wichtig, um sichtbar zu machen, wie Scham funktioniert. Und ich will damit auch zeigen, dass Scham keine Schwäche oder ausschließlich eine Frage von Unwissenheit oder fehlendem Selbstbewusstsein ist. Sie trifft auch Menschen, die eigentlich genau wissen, wo ihre Grenzen liegen. Menschen, die aufgeklärt sind, selbstbewusst wirken, vielleicht sogar in diesem Bereich arbeiten. Menschen wie mich.

Triggerwarnung

In den folgenden Abschnitten geht es um persönliche Erlebnisse, die Grenzverletzungen, Belästigung und sexualisierte Übergriffe beinhalten. Wenn du gerade nicht die innere Stabilität hast, solche Schilderungen zu lesen, überspringe diesen Teil bitte, lies ihn zusammen mit einer Person deines Vertrauens oder in einem Moment, in dem du dich sicher fühlst. Achte gut auf dich.

Die erste Geschichte beginnt, als ich ungefähr dreizehn war und mit meiner Tanzgruppe auf einer Familienfeier auftrat. Wir tanzten Gardetanz, und ich war stolz und erleichtert, als der Auftritt geschafft war. Nachdem ich mich umgezogen hatte, kam ein deutlich angetrunkener Verwandter auf mich zu und sagte: «Wenn ich einige Jahre jünger wäre, dann könnte ich bei deinem Anblick aber auch nicht die Finger bei mir halten.»

Ich stand da wie erstarrt, lächelte und redete mir ein, dass mir mein Verwandter doch da ein Eins-a-Kompliment gemacht hatte. Am liebsten wäre ich jedoch im Erdboden verschwunden oder hätte es einfach nicht gehört. Natürlich erzählte ich niemandem davon. Das war ja peinlich, schließlich war es die eigene Familie. Und so schämte ich mich stattdessen für etwas, für das ich eigentlich überhaupt keine Verantwortung trug.