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Als Vampire ihre Eltern töten, schließt Sayura sich der Organisation der Vampirjäger an. Als überzeugte und gefährliche Jägerin vernichtet sie jeden Vampir, den sie aufspürt. Ausgerechnet einem jener düsteren und verhassten Wesen verdankt Sayura eines Tages ihr Leben. Eine verbotene Liebe, Intrigen, Verrat, Kampf und Leidenschaft bestimmen fortan das Schicksal von Sayura, der Jägerin, und Natzuya, dem Vampir.
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Seitenzahl: 408
Veröffentlichungsjahr: 2012
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2011 novum publishing gmbh
ISBN Printausgabe: 978-3-99003-981-6
ISBN e-book: 978-3-99003-983-0
Lektorat: Dipl.-Theol. Christiane Lober
Umschlagfoto: Sarah Hellwich
Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.
www.novumverlag.com
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Prolog
Als diese merkwürdig maskierten Menschen sie fanden, war sie gerade acht Jahre alt und saß neben dem geschundenen Körper ihrer toten Mutter. Den Leichnam ihres Vaters würde man später, in zwei Teile zerrissen und blutleer, im Keller finden.
Ihre ältere Schwester hatte sich auf den Dachboden geflüchtet und weinte dort bitterlich. Sie würde all diese Ereignisse, sowohl die vergangenen als auch die kommenden, nicht verarbeiten können und sich ein paar Jahre später lebensmüde und angsterfüllt von einer Brücke stürzen. Alles war besser als jenes Leben, das sie bis zu diesem Zeitpunkt hatte führen müssen und das sie lange Zeit mit Tod und Leid umgeben hatte. Merkwürdigerweise empfand sie den Tod plötzlich als Erleichterung. Allein dies ermöglichte es ihr, über die Brüstung zu klettern und sich schließlich fallen zu lassen.
Beide Schwestern sind damals von dem Angriff, der gleich nach Einbruch der Dunkelheit ausgeführt worden war, verschont geblieben. Sayura hatte gesehen, wie eines dieser Wesen, das augenscheinlich ein Mensch war, sich über ihre zappelnde Mutter beugte und seine Lippen wie zum Kuss auf ihren Hals legte. Diese schrie im selben Moment vor Schmerzen auf, um zunächst in der Umarmung des Mannes ihr Bewusstsein zu verlieren. Der Mann, der ihre Mutter im Arm hielt, schmatzte und saugte indes weiterhin an deren Hals, bis er ihren leblosen, schweren Körper schließlich einfach auf den Boden sinken ließ.
Er leckte sich genüsslich die blutverschmierten Lippen. Als wäre dieser Moment nicht ohnehin traumatisch und grotesk genug gewesen, nahm Sayura dann erstmals wahr, dass dieser Mann, der Mörder ihrer Mutter, verlängerte Eckzähne besaß. Zwischen den roten Lippen blitzten sie merkwürdig weiß hervor – das Erkennungsmerkmal von Vampiren schlechthin. Seine Eck- oder Reißzähne bedeuteten die Lebensverlängerung und Waffen eines Vampirs, wie Sayura später erfahren würde. Diese simplen Mordwerkzeuge waren es gewesen, die dieses Ungeheuer in den Hals ihrer Mutter geschlagen und die die Hauptschlagader zerfetzt hatten.
Als dann plötzlich auch noch maskierte Männer im Wohnzimmer standen, begann für die beiden Schwestern ein neues Leben. Einer dieser Männer hatte Sayura beschützend auf seinen Arm genommen und beruhigend auf sie eingeredet. „Du wirst die Chance auf Vergeltung bekommen, Kleine.“ Fremde Männer waren herbeigeeilt, um sie und ihre Schwester zu retten, jedoch waren sie zu spät, als dass sie das Leben derer Eltern hätten bewahren können.
Dass sie die meiste Zeit ihres Lebens allein verbringen würde, hatte der Retter nicht gesagt; auch nicht, dass sie besessen von dem Gedanken der Rache sein und selbst zur Mörderin werden würde. Ihr Leben würde fortan von dem Mysterium Vampir beherrscht sein – jenem Mysterium, das so viele Menschen mit Romantik, Dunkelheit und Unsterblichkeit verbanden und das dennoch immer ein faszinierendes Geheimnis bleiben würde. Diese Menschen wussten gar nicht, wie gut sie es hatten. Für sie würde es immer nur eine Fantasie sein. Für Sayura hingegen war es blutige Realität geworden.
Sayura war eine exzellente und leidenschaftliche Vampirjägerin, der die Einsamkeit nichts ausmachte. Sie empfand Genugtuung, konnte sie einen Vampir töten. Das, was man Leben nannte, war gestorben, als der Vampir ihre Mutter getötet hatte. Als sie starb, starb auch das menschliche Ich Sayuras.
– 1 –
Langsam erwachte Sayura aus einer tiefen Dunkelheit. Sie spürte, dass sie auf kaltem, nassem Untergrund lag. Ihre Augenlider waren schwer. Sie war so müde und fühlte sich der Welt scheinbar entrückt. Es fiel ihr schwer aufzuwachen, geschweige denn einen klaren Gedanken zu fassen.
Eine Stimme drang aus der Ferne unklar zu ihr: „Na los, mein Freund, bedien dich ruhig …, aber töte sie nicht, mache sie nur zu einem Vampir, wie wir es dir erklärt haben. Lass uns etwas von ihr übrig!“
Schlagartig riss Sayura nun die Augen auf.
Als sie sich mühsam aufgerichtet hatte, war ihr zumute, als hätte sie einen Kater. Ihr Schädel brummte. Sie sah sich benommen um. Vor ihren Augen flimmerten Sterne; dennoch wollte und musste sie die unfreundliche Umgebung, in der sie erwacht war, schnellstens vollständig erfassen. In der Dunkelheit konnte sie schemenhaft eine Person ausmachen, vermutlich einen Mann. Sie kniff die Augen zusammen, um besser erkennen zu können. Nach und nach nahm er Konturen an. Er saß, scheinbar lässig an die Wand gelehnt, auf dem Boden und sah sie aus ruhigen dunklen Augen an. Ihr Auge war sehr geübt, wenn es darum ging den Unterschied zwischen Vampir und Mensch zu erkennen. Dieser Mann war definitiv ein Vampir!
Schnell rutschte Sayura an die Wand hinter sich.
Noch immer fühlte sie sich benebelt von der Betäubung, doch langsam wich dieses Gefühl der Realität. Und die Realität war wirklich beklemmend.
„Ein Vampir – soll das mein Ende sein?“, dachte sie schockiert.
Sie sah sich nochmals kurz um: Sie saß in einem Loch von Kerker mit kahlen nassen Steinwänden. Es war kalt, dunkel und glitschig, dazu dreckig. Durch esslöffelgroße Löcher in den porösen Steinwänden konnte man das Trapsen und Piepsen von Ratten wahrnehmen.
Ihr Blick wanderte jetzt schnell zurück zu dem Vampir. Sie durfte ihn nicht aus den Augen lassen. Sie hatte zwar keine Ahnung, was geschehen war oder noch geschehen würde; aber sollte es zu einer Auseinandersetzung kommen – und davon ging Sayura aus –, würde sie nicht kampflos aufgeben. Ihr müder, schwerer Körper war angespannt. Es fiel ihr schwer, den Nebel in ihrem Kopf zu verdrängen und klar zu denken; aber würde ihr Gegenüber auch nur zucken, würde sie aufspringen und um ihr Leben kämpfen.
Wieder dröhnte die Stimme von vorhin in den kleinen Raum hinein.
Sayura folgte ihr mit dem Blick.
Zur Rechten Sayuras, unter der Decke, war ein kleiner Lautsprecher angebracht.
„Vampir, du tust dir und deiner Rasse einen Gefallen, wenn du sie ebenfalls zu einem Vampir machst. Sie ist eine Jägerin …, und es wäre ihre gerechte Strafe!“
Sayura drückte sich noch ein wenig enger an die Wand. Sie sollte sich nichts vormachen: Hier in diesem Raum hatte sie kaum eine Möglichkeit, sich zu wehren, schon gar nicht, wenn ihr Gegner ein Vampir war, zumal man sie ihrer Waffen beraubt hatte. Und was, wenn der Feind, so absurd es zu sein schien, nicht unbedingt der Vampir war, sondern jene Person, die sich hinter der Lautsprecherstimme verbarg?
Sayura war gerade auf ihrem abendlichen Streifzug in ihrem Revier gewesen, als ein schwarzer Van angefahren kam und neben ihr hielt. Als die Schiebetür geöffnet wurde, blickte Sayura in den bedrohlichen Lauf einer Gewehrmündung. Daraus wurde ein Schuss auf sie abgefeuert, der sie schmerzlich in die Schulter traf. Bewusstlos war sie zusammengesackt. Zeit zum Denken oder Handeln hatte sie keine gehabt.
Eine Ratte wagte sich nun aus einem Loch in der Kellerwand und lief zielstrebig und piepsend auf den Vampir zu. Sayuras Blick folgte ihr.
Mit einem Mal klatschte die Hand des Vampirs auf die Ratte nieder. Sayura konnte ein leises kurzes, knackendes Geräusch vernehmen: Das Rückgrat der Ratte war gebrochen.
Der Mann hob die Ratte mit der Hand zu seinem Mund. Das Quietschen des Tieres wurde zunächst unangenehm laut und brach dann abrupt ab. Sayura vernahm mit einem Gefühl des Ekels die schmatzenden Geräusche des Vampirs, der soeben das Blut der Ratte getrunken hatte. Dieses perverse Schmatzen machte sie wütend.
Der Vampir warf den leblosen Rattenkörper in die Ecke des Drecklochs, in dem auch Sayura gefangen war. Man konnte es bezeichnen, wie man wollte. Es war schlichtweg eine Falle – für alle Anwesenden, egal ob Mensch, Tier oder eben Vampir. Vermutlich würde Sayuras Leben enden wie das der Ratte.
Als Sayura den Vampir erneut ansah, fiel ihr zum ersten Mal seine dicke Halsfessel auf. Sie bestand aus schweren Eisenelementen, die miteinander verbunden waren. Die Eisenkette verlief hinter dem Vampir entlang. Links neben ihm, etwa auf Höhe seiner Schultern, verschwand das Kettenende in der Wand. Er hatte kaum Spielraum für große Bewegungen. Vielleicht würde er gerade einmal aufstehen können.
„Er ist also festgekettet. Aber wozu das?“, grübelte Sayura.
Plötzlich lächelte der Vampir. Sayura sah ihn überrascht an.
„Solange es Ratten gibt, von denen ich mich ernähren kann, bist du in Sicherheit – zumindest vor mir!“, dröhnte seine Stimme in ihrem Kopf. Der Vampir hatte seine telepathischen Fähigkeiten angewandt.
Sie wusste aus Erfahrung, dass sie auf gleichem Weg antworten konnte. Allerdings überschlugen sich die Fragen in ihrem Kopf: Sie fragte sich, wieso er gedanklich mit ihr Kontakt aufnahm, wieso auch er ein Gefangener war; er, ein Vampir! Wieso trank er Blut von Ratten? Wer hatte sie hierher entführt? Wo waren sie hier – und vor allem: warum?
An seinem Blick bemerkte sie, dass er ihren wirren Gedankengängen zu folgen versuchte.
„Was ist, Vampir? Wieso tust du nicht das, was wir dir sagen? Dir winkt die Freiheit, wenn du das Mädchen nur erst zu einem Vampir gemacht hast!“, dröhnte die Lautsprecherstimme erneut in den Raum.
Der Vampir sah zu Boden. Durch das Senken seines Kopfes verschwand er im dunklen Schatten des Raumes. Sayura konnte nun sein Lachen hören. Es war ein merkwürdig angenehmes Geräusch für eine Situation wie diese.
„Ich bin angekettet! Glaubt ihr Arschlöcher, sie kommt freiwillig zu mir?“, rief er aus der Dunkelheit heraus.
Sayura konnte trotz der Dunkelheit seinen Körper erkennen, lediglich sein Kopf blieb im Schatten verborgen.
„Das sollte das kleinste Problem darstellen, aber du machst ja keinerlei Anstalten. Teste ruhig deine physischen und psychischen Fähigkeiten! Hypnotisiere sie so, wie du es mit der Ratte getan hast!“, antwortete die Lautsprecherstimme.
Sayura sah sich um, doch konnte sie keine Kamera entdecken. Offenbar wurden sie beobachtet, denn wie sonst sollte die Lautsprecherstimme von dem Vorfall mit der Ratte erfahren haben?
Wieder lachte der Vampir zynisch: „Habt ihr mich nicht genug unterrichtet und getestet? Ihr habt mich all die Sachen gelehrt, die ein Vampir zum Überleben braucht!“, sagte der Vampir. Seine Stimme klang plötzlich müde.
„Exakt! Und sobald du das Mädchen zu einem Vampir gemacht hast, bist du frei!“
„Ihr meint, ich spaziere hier heraus wie der Typ, der mich zu dieser Kreatur machte? So einfach?“
„Ja. Richtig.“
„Woher weiß ich, dass ihr mich nicht hinter der Tür kaltmacht?“
„Wir halten unser Wort!“
Sayura hörte diesem Dialog gespannt zu. Was war das hier nur für ein Gruselkabinett!
Der Vampir beugte sich jetzt vor, um Sayura aus schwarzen Augen anzusehen. Sie erwiderte seinen Blick.
„Genau, ein Gruselkabinett. Willkommen in der ersten Brutstätte, in der Vampire von Menschenhand geschaffen werden!“ Der Vampir grinste. Es war ein schiefes, ironisches und verbittertes Lächeln.
„Heißt das, du warst vor kurzem noch ein Mensch? fragte Sayura. Der Vampir beugte sich nun wieder zurück in die Dunkelheit: „Waren nicht einst alle Vampire Menschen? Spielt die Dauer da eine Rolle?“
Sayura sagte nichts.
Stimmt! Das war eine blöde Frage. Tatsächlich meinte sie etwas anderes.
„Ich weiß, was du meinst! Ich wurde vor ungefähr sechs Monaten hierher verschleppt und zu einem Vampir gemacht! Mein Zeitempfinden ist nicht mehr vorhanden. Ich weiß nicht, wie lange es tatsächlich her ist, dass ich das letzte Mal ein Mensch war. Ich weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist. Ich weiß auch nicht, nach welchen Kriterien sie mich aussuchten oder was dieses Verbrechen sonst für Hintergründe hatte; ich weiß es einfach nicht. Fakt ist, dass sie mir alles erklären, was ein Vampir wissen muss, und dabei sind sie offenbar selbst Menschen! Theoretisch weiß ich jetzt alles über das Vampirsein“, brach es aus dem jungen Mann heraus.
„Das ist ja schrecklich!“ nur schwer konnte Sayura das Ausmaß seiner Worte begreifen.
„So? Findest du? Ich dachte zuerst, ich müsste sterben, aber das hier ist schlimmer, und es wird immer grotesker. Mal angenommen, ich komme hier tatsächlich heraus, so gibt es also Leute wie dich, ja? Vampirjäger! … die mir nach dem Leben trachten, obwohl sie mich nicht einmal kennen? Obwohl ich selbst ein Opfer bin und keiner Seele etwas zuleide getan habe, mal abgesehen von den Ratten?“
Sayura nickte beinahe entschuldigend. Sie fühlte sich fast schon schuldig. Sie hatte seit dem Vorfall mit ihren Eltern nichts anderes getan, als Vampire gejagt, und dabei völlig vergessen, dass es sich um Wesen handelte, die einst selbst Menschen waren. Aber schließlich hatten die Vampire gegenüber ihrer Familie auch vergessen, was Mitgefühl bedeutete. Sie fragte sich nun natürlich schon, was sie in seinem Fall tun sollte. Was sollte sie über ihn denken?
„Denk über mich, was du willst, aber werde dir endlich bewusst, dass nicht ich hier die Bedrohung bin!“
Er hatte damit vermutlich sogar recht, aber Sayura hasste es, wenn Vampire ihre Gedanken lasen.
„Gedanken zu lesen ist beinahe wie atmen. Es geht automatisch! Wieso bist du so voller Hass, was haben dir Vampire getan?“ Er brach ab, um kopfschüttelnd einen anderen Gedanken auszudrücken „Ist es nicht vollkommen surreal, dieses Gespräch? Bis vor Kurzem hatte ich angenommen, Vampire seien Fantasiewesen. Habe über diese schnulzigen Vampirfilmchen in den Kinos nur müde gelächelt. Und jetzt sieh mich an!“ Er lachte ob dieser Erkenntnis.
„Vampire töteten meine Eltern. Die Organisation der Vampirjäger stürmte herein und rettete mich, seither bin ich Jägerin. Aber eigentlich ist das vollkommen nebensächlich. Wir sollten einen Weg hier heraus finden!“, erklärte Sayura ihre surreale Erfahrungen, die schließlich zu ihrem realen Leben geworden waren, und wühlte sich dabei im Haar herum.
Mit einem Vampir verbünden? Unglaublich, dass ihr das in den Sinn kam. Es schien jedoch nur diese Chance zu geben. Die Telepathie war die einzige Möglichkeit, mit diesem Vampir zu kommunizieren, ohne dass ihre unsichtbaren Entführer über ihre Pläne unmittelbar informiert wurden.
Ihr langes Haar war noch ganz nass und schmutzig. Wer weiß, wie lange sie auf dem Boden gelegen hatte! Die Angst in ihr konnte sie im Zaum halten. Irgendwie wurde sie durch den Gedanken erträglich, dass der Vampir dort auch ein Gefangener war. Ausgerechnet mit einem Vampir hatte sie nun ein gemeinsames Ziel: dieser Situation lebendig zu entkommen.
Man hatte ihr Waffen und Stiefel weggenommen, langsam begann sie zu frieren. Sie trug ihr schwarzes Kleid; ein Kleid aus Leder, mit eingenähter Verstärkung an Bauch und Rücken, um Hiebe, Stöße oder Tritte einigermaßen abzudämpfen. Linksseitig wurde es zugeschnürt. Es bedeutete stets einen Kraftakt, es anzuziehen. Die engen, langen Ärmel waren dabei am zeitaufwendigsten. Das Schnüren kostete Kraft. Die verschiedenen Holster für die Waffen anzulegen, war dagegen pure Erholung. Dennoch war es immer ein Ritual, auf das Sayura viel Wert legte. Es war der Beweis für ihr Leben, das so sehr von demjenigen anderer abwich und das sie Nacht für Nacht lebte.
Sie wurde in ihren Gedanken unterbrochen, als neben ihr, nahe des Boden, sich in der Wand eine Luke öffnete, durch die ein schwaches Licht in den Raum einfiel. Von der anderen Seite hindurchgeschoben wurde eine kleine Schale mit einem Sandwich und einem Apfel. Dann schloss sich die Luke wieder.
Überrascht sah sie auf die Lebensmittel. Jetzt erst wurde ihr bewusst, wie sehr sie Hunger litt.
Sie nahm den Apfel und roch an ihm. Er roch völlig normal, fruchtig. Dennoch zweifelte sie, ob sie hineinbeißen sollte.
„Ich an deiner Stelle würde nichts davon essen. Das Zeug ist vergiftet!“, griff der Vampir ihre Zweifel auf.
„Woher weißt du das? Kannst du das Gift riechen?“, fragte Sayura und legte den Apfel zurück in die Schale. Dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zuging, hatte sie vermutet. Erst bestand die Lautsprecherstimme darauf, dass der Vampir sie angriff, damit von ihrer Menschlichkeit befreite, um sie an die Fessel der Ewigkeit zu legen, und jetzt sorgten sich ihre Kidnapper plötzlich um ihr leibliches Wohl? Trotz Hunger hätte sie davon wohl auch ohne den Rat des Vampirs nichts angerührt.
„Auch. Aber so haben sie mich gekriegt! Ich aß von so einem Apfel und bekam schmerzhafte Krämpfe. In meiner Todesangst flehte ich um mein Leben, und der Vampir kam dieser Bitte nach! Der Rest ist Geschichte. Er wanderte zu dieser Tür dort hinaus, und ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist oder was gar aus mir wird!“, erklärte der Vampir und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung besagter Tür.
Bedrückt sah Sayura nun zu Boden und begann wieder in ihren Haaren zu wühlen.
„Danke!“, flüsterte sie ihm leise zu.
Es war ein befremdliches Gefühl, sich bei einem Vampir zu bedanken. Aber schlimmer war es, von einem Vampir gerettet zu werden!
„Von ‚retten‘ kann hier wohl keine Rede sein. Wir sitzen immer noch hier drin!“, ging er wieder auf ihre Gedanken ein. „Was machst du da eigentlich?“, fragte er sie jetzt.
In diesem Moment erspürte Sayura das, wonach sie gesucht hatte, und hielt schließlich die kleine Haarnadel in die Luft. „Schlecht gefilzt, ihr Kidnapperpack!“, triumphierte sie im Stillen.
„Das hier!“, entgegnete sie dem Vampir.
Der Vampir verstand sofort und nutzte die Fähigkeit der Telepathie. Er beugte sich nun vor und grinste wieder, diesmal sarkastisch.
„Diese Tür da mag zwar ein Schloss haben, aber glaubst du ernsthaft, es sei so einfach, sie mit einer Haarnadel zu öffnen? Glaubst du nicht, dass alle die, die je vor uns hier drinnen waren, nicht auch schon alles versucht hätten?“
„Das mag wohl sein, aber vielleicht hat es noch nie jemand mit der einfachsten und somit absurdesten Methode versucht!“ Sie ärgerte sich über seine fehlende Hoffnung auf Erfolg und hörte sein Lachen, während sie auf die Tür zu kroch.
„Hoffnung? Ich wurde getötet und zu einem Vampir gemacht. Bis vor Kurzem war ich ein Mensch. Ich war verabredet, wollte zu einem Mädchen, meinen Spaß haben und mein Studium zu Ende bringen. Und jetzt? Jetzt bin ich diese Kreatur! Fang du also nicht mit Hoffnung an!“, fuhr er sie laut und schroff an.
Sayura sagte diesmal nichts. Sie hantierte mit der Haarnadel im Schloss der Tür herum, doch leider erfolglos. Sie versuchte es noch einige Male, und irgendwann brach die Haarnadel schließlich einfach ab.
„Verdammt!“
Es war also doch sinnlos. Sie und dieser Vampir kommunizierten per Telepathie, damit ihre Entführer nichts mitbekamen. Sayuras absurder Plan, die Tür mit einer Haarnadel zu öffnen, war doch ohnehin zum Scheitern verurteilt. Die Entführer überwachten diesen Raum per Videokamera, kommunizierten per Lautsprecher; warum sollten sie also an der Tür sparen und keine Sicherheitsvorkehrungen treffen? Und wieso sollten sie dabei zusehen, wie die Tür aufgebrochen wurde, ohne rechtzeitig einzuschreiten? Diese Tür war sicher, daran bestand kein Zweifel. Sayura verfügte an sich über einen scharfen Verstand, der ihr aber offenbar abhanden gekommen war.
Die Kälte kroch in ihre Knochen, sie zitterte. Müde lehnte sie sich gegen die Tür.
„Verdammt“, fluchte sie wiederholt.
Fortan herrschte Stille. Jeder der beiden Gefangenen hing seinen eigenen Gedankengängen nach. Tausende Fragen schossen Sayura durch den Kopf. Wie lange war sie wohl schon hier gefangen? Wie würde es weitergehen? Wann und wie würde sie getötet werden? Wann würde der Vampir erst seiner Pflicht, sie zu einer lebenden Toten zu wandeln, nachkommen, um doch versprochene Freiheit zu erlangen? Würde er seine Einstellung ihr gegenüber wirklich beibehalten können? Vielleicht würde es irgendwann keine Ratten mehr geben, die er herbeirufen konnte. Dann wäre sie sein Appetithäppchen, seine Lebensverlängerung. Und was wäre, wenn er sein Versprechen tatsächlich hielte? Würden die unsichtbaren Entführer ihn dann auch einfach töten?
„Komm zu mir!“, forderte der Vampir plötzlich aus der Dunkelheit heraus. Seine Stimme durchschnitt die beklemmende Stille des Raumes.
„Was?“, fragte Sayura verwirrt. Sie saßen hier nun schon eine halbe Ewigkeit, und sie war bereits ein paar Mal eingenickt.
„Sie kommen!“, sagte der Vampir und beugte sich vor. Er streckte seine Hand nach ihr aus.
Sayura sah seine Hand befremdlich an. Wenn auch sehr zögerlich, ergriff sie sie schließlich aber doch.
Als Nächstes hörte sie die Bewegung des Schlosses in der schweren Tür, in der noch immer ein Teil ihrer kaputten Haarnadel steckte. Seine Hand ergriff nun fest die ihre und zog Sayura zu sich. Schon im nächsten Moment fand sie sich hinter ihm wieder. Ihr war noch schwindelig von seiner schnellen Bewegung. Ihr Körper reagierte verspätet auf die veränderte Physik. Ein Vampir war schnell und ein Mensch eben nur ein Mensch. Obwohl sich Sayura angewöhnt hatte, immer einen Schritt weiter zu denken, um vorausahnen zu können, was ein Vampir tun würde, war sie nun perplex. Sie musste sich auf ihre Ahnung, auf ihren Instinkt verlassen können. Jedoch in einer Situation wie dieser waren die bestehenden Verhältnisse völlig außer Kraft gesetzt. Alles, was sie bisher gelernt hatte, schien plötzlich bedeutungslos. Offenbar stand sie nun mit einem Vampir auf derselben Seite. In wenigen Minuten würde sie endlich ihre Entführer sehen. Dass der Vampir deren Ankunft hören konnte, selbst durch diese schwere Tür hindurch, gehörte als ein unumstößlicher Bestandteil zu den übernatürlichen Fähigkeiten dieser Kreaturen der Nacht und machten sie so unberechenbar und gefährlich.
Sayura hatte ihre Instinkte, erlernt und geschult in jahrelanger Ausbildung der Organisation der Vampirjäger, kurz OdV. Diese Ausbildung war hart, schmerzhaft, physisch und psychisch belastend gewesen. Sie wurde im Nah- und Distanzkampf ausgebildet, musste mehrere Sprachen lernen, wurde im Umgang mit Extremsituationen unterrichtet und eingewiesen in jene Geheimnisse, die es eben gab, ohne dass der normale Bürger je eine winzige Nuance dessen erahnen würde, was alles möglich war in dieser Welt. Es hatte lange gedauert, bis alle diese unglaublichen Dinge in ihr Bewusstsein vorgedrungen waren, bis sie selbst all das auch glauben konnte. Und obwohl sie vieles wusste, war sie selbst nicht frei von Grenzen, Einflüssen oder Vorurteilen. Sie selbst war trotz all dem in ihrer eigenen gedanklichen Schublade gefangen, auch wenn diese unter Umständen größer war als die anderer Menschen. Aber nicht zuletzt hatte sie ihr eigenes Schicksal zu dem geformt, was sie jetzt war: eine Vampirjägerin.
Sie hatte eine gute Ausbildung genossen. Ohne ihre eigenen Instinkte jedoch wäre sie schon unzählige Male getötet worden. Sie war eine gute Jägerin – und sie war es, weil sie ein Ziel hatte: Rache. In sehr seltenen und schwachen Momenten fragte sie sich, ob Rache allein ein gutes Motiv dafür war, andere, am Mord ihrer Eltern unbeteiligte Vampire zu töten. Aber letztlich konnte sie sich ihr Leben nicht mehr ohne die Jagd vorstellen. Und die Vampire hatten es ohnehin nicht anders verdient. Jeder Vampir, den sie tötete, war ein Geschenk an die Menschen.
Jetzt jedenfalls saß sie dicht hinter einem Vampir, der vor einigen Monaten noch ein Mensch war und von anderen Menschen für ein Experiment missbraucht worden war: zu seiner Vampirwerdung – zumindest, wenn man ihm seine Geschichte glauben konnte. Aber diese Geschichte erschien gerade jetzt sehr glaubwürdig.
Ihr Körper war an die Wand gepresst. An ihren nackten Beinen spürte sie die kalte Eisenkette, die Fessel, die den Vampir bändigte.
Die schwere Eisentür hatte sich quietschend geöffnet, und drei Männer waren hereingestürmt. Alle waren schwarz gekleidet und hatten ihre Gesichter durch übergezogene Skimasken verhüllt.
Wieder blickte Sayura in den Lauf einer Gewehrmündung.
Der Vampir vor ihr fauchte die Männer an wie ein wildes Tier, das in der Falle saß.
„Wir wollen nicht dich, wir wollen sie! Da du sie nicht zu einem Vampir machst, ist sie nutzlos für uns. Außerdem gefällt uns euer Geplauder nicht, genauso wenig wie eure nonverbale Kommunikation. Wenn du erst lange genug hier warst, wirst du das nächste Opfer mit Genuss nach unseren Vorstellungen formen. Du weißt Freiheit offenbar nicht zu schätzen, mein Freund!“, predigte einer der Männer sogleich. Er war im Türrahmen stehen geblieben.
Die anderen beiden Männer standen vor Sayura und dem Vampir. Beide hielten Gewehre auf sie gerichtet. Zweifelsohne handelte es sich um Menschen, wie ihre Bewegungen es Sayura verrieten.
„Ich bin nicht dein Freund, Arschloch!“, knurrte der Vampir.
Er wurde durch die Kette an seinem Hals schwer in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt.
Sayura sah sich Kette und Verschluss kurz an, wühlte dann wieder in ihrem Haar. Was hatte sie zu verlieren? Sie konnte entweder getötet werden durch die irren Maskenmänner oder von dem Vampir. Gegen vampirische Kräfte hatte sie eher noch eine Chance als gegen menschlichen Wahnsinn. Wie weit war sie gesunken? Jetzt zog sie die Gegenwart eines Vampirs derjenigen der Menschen vor. „Aber das war eine Notsituation“, rechtfertigte sie ihre Entscheidung vor sich selbst.
„Natzuya, gib sie frei!“, forderte der Mann an der Tür nun in ungeduldigem Tonfall.
Ein kurzes klickendes Geräusch erfüllte plötzlich den Raum, dann folgte ohrenbetäubende Stille. Sayura sah die Männer der Reihe nach an, sie schienen wie eingefroren. Angst war das Einzige, was in ihren Augen erkennbar war. Sie hatten das Geräusch nicht eindeutig ausmachen können, aber sie wussten, dass es nicht durch sie erzeugt worden war.
„Du bist frei!“, flüsterte sie dem Vampir dann zu und steckte ihre Haarnadel zurück in ihr Haar. Ihr Flüstern war merkwürdig laut. Er schien ebenso überrascht wie ihre Entführer.
Die Männer wussten um die Kraft des Vampirs, den sie geschaffen hatten. Er war eine gefährliche Waffe, und nun gab es keine Kette mehr, die ihn hielt. Sie wussten, dass er nicht ihr Freund war und nur auf eine Chance wartete, sie umzubringen, denn sie waren es, die einen jungen, starken und gesunden Mann entführt hatten, um ihn für ihre Zwecke zu einem Vampir zu machen. Er war gefährlich, selbst wenn sich dieser neu erwachte Vampir nicht einmal dessen bewusst war, wie groß seine Fähigkeiten tatsächlich waren. Alles, was sie ihm bisher beigebracht hatten, waren einfach Basics, die sein und ihr Überleben sicherten. Würde er sich seiner Fähigkeiten bewusst, wäre es ihm ein Leichtes, seine Entführer mit einem einzigen Blick zu willenlosen Marionetten zu machen; aber dieses Wissen hatten sie ihm bewusst vorenthalten.
„Folge mir!“, zischte der Vampir Sayura plötzlich zu. Dann verschwand er vor ihren Augen, scheinbar im Nichts.
Die Fortbewegungsart der Vampire war für Sayura eine bekannte Erscheinung. Sie waren zu schnell für das menschliche Auge. Wollte ein Vampir von einem Menschen gesehen werden, musste er sich dem menschlichen, langsamen Schritt anpassen.
Sayura hatte sich so manches Mal gewünscht, so schnell zu sein wie sie, aber das war auch das Einzige, was sie Vampiren neidete. Über ein gutes Gehör und für einen Menschen sehr schnelle Reflexe verfügte sie, seit sie von der Organisation zu einer Jägerin ausgebildet worden war. Waffen schufen den weiteren Ausgleich für ihre vermeintlichen Unzulänglichkeiten gegenüber den Vampiren.
Sayura sah jetzt, wie die zwei Männer, die zuvor ihre Waffen auf sie und den Vampir gerichtet hatten, umzufallen schienen wie Papierfiguren; einer prallte mit dem Kopf gegen die Wand und blieb regungslos liegen. Der zweite Mann fiel ächzend zu Boden. Der Vampir hatte ihn umgestoßen. Aus Erfahrung wusste Sayura, dass die Kraft, mit der sich ein Vampir zu Wehr setzen konnte, um ein Vielfaches stärker war als die eines Menschen. Für die Männer verbarg sich hinter der Attacke des Vampirs, die an sich so harmlos und einfach wirkte, eine enorme Angriffskraft. Sie schienen zwar einfach umzufallen, tatsächlich waren sie aber mit einer Stärke konfrontiert, deren Unvergleichlichkeit kaum messbar war.. Der zweite Mann versuchte sich derweil benommen aufzurichten, war jedoch so geschwächt, dass seine Arme unter ihm nachgaben.
Sayura richtete ihren Blick nun bereits auf den Mann an der Tür. Erwartungsgemäß kam der Vampir nun vor diesem zum Stehen – jedoch nur für einen Augenblick. Der Vampir spielte bereits ein Spiel: Er wollte, dass sein Opfer den Angriff begriff und doch keine Chance auf eine Möglichkeit zur Verteidigung erhielt. Dann verlor sie den Vampir wieder aus den Augen.
Der Mann an der Tür drehte seinen Kopf plötzlich unnatürlich weit nach links. Der Vampir wurde hinter ihm sichtbar, und das Knacken der menschlichen Halswirbelsäule beendete das Leben des Mannes. Sein Körper fiel in sich zusammen und landete mit einem dumpfen Aufprall auf dem Boden.
Im Türrahmen stand der Vampir.
„Komm zu mir!“ Wieder streckte er die Hand nach ihr aus.
– 2 –
Der Vampir und Sayura liefen einen hellen, steril wirkenden Gang entlang. Dabei passierten sie zwei verschlossene Türen. Dieses Gebäude schien nicht sehr groß zu sein und beherbergte offenbar keine weiteren Mitarbeiter. Denn es tauchten keine neuen maskierten Männer auf, die ihre Flucht zu verhindern versuchten. Vielleicht war es den übrigen dieser Gestalten aber auch zu gefährlich, und sie hielten sich versteckt. Schließlich hatte der Vampir soeben einen von ihnen umgebracht, einen weiteren von ihnen gegen die Wand geschleudert, und auch der dritte der Peiniger war nur noch bei kläglichem Bewusstsein.
Am Ende des Ganges konnte Sayura eine große Tür erkennen. Hinter ihr musste sich der Ausgang befinden: die Freiheit!
Nur scheinbar lief sie allein. Auch wenn sie ihn nicht sehen konnte, hörte sie die Schritte des Vampirs in einiger Distanz vor ihr. Natürlich, er war um einiges schneller als sie. Sayura spürte noch immer die Nachwirkungen der Betäubung: Ihre Beine waren schwer wie Blei. Vielleicht waren es aber auch einfach nur die Kälte und Nässe des Gefängnisbodens, die ihr die Glieder schwer gemacht hatten.
Plötzlich hörte sie hinter sich ein bekanntes Geräusch, und wieder spürte sie einen stechenden Schmerz in der Schulter. Sie musste keine Hellseherin sein, um zu ahnen, dass jener nur halb bewusstlose Mann, den der Vampir zu Fall gebracht hatte, seine Mission trotz Niederlage versuchte zu retten.
Sie sah, wie der Vampir zum Stehen kam und sie ansah. Sie wollte auf ihn zugehen, ihre Beine versagten jedoch den Dienst, sie fiel auf die Knie. Er machte Anstalten, sich ihr zu nähern.
„Nein! Geh! Sei frei!“, konnte sie noch sagen, es war allerdings schon mehr ein Lallen. Sie spürte noch, wie sie zu Boden sank und von einer vertrauten Dunkelheit verschlungen wurde.
Wieder wurde sie mit einem Betäubungsschuss niedergestreckt.
Als sie erwachte, fand sie sich in jenem Raum wieder, den sie zuvor fluchtartig verlassen hatte. Diesmal war sie allein. Die dicke Eisenfessel, die zuvor den Vampir gebändigt hatte, war nun um ihren Hals gelegt. Sie war schwer, steif und kalt. Sayura vermochte nicht einzuschätzen, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Jetzt, da sie allein in diesem Raum war, wurde die Angst übermächtig. Nur schwer bekam sie sie unter Kontrolle. Nur schwer bekam sie Luft.
„Hallo? Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“, keuchte sie angstvoll in Richtung des Lautsprechers. Sie wartete kurz und wiederholte die Fragen mehrmals. Antwort erhielt sie keine. Mehrere Szenarien spielten sich in ihrem Kopf ab, keines davon war angenehm. Vielleicht würde sie hier gefoltert, vergewaltigt, an Organhändler verkauft oder schlussendlich doch zu einem Vampir gemacht.
Tatsächlich wurde sie zunächst mit Nahrung und Wasser versorgt. Keines der Szenarien traf ein. Doch darauf wollte sie sich nicht verlassen. Die ersten Tage hatte sie aus Angst davor, nun doch vergiftet zu werden, versucht, auf Wasser und Brot zu verzichten. Als jedoch Hunger und Durst beinahe übermächtig wurden, warf sie plötzlich alle Zweifel beiseite und stillte ihre Bedürfnisse. Was hatte sie jetzt noch groß zu verlieren? Wenn ihre Entführer sie hätten töten wollen, hätten sie es längst getan. Warum sie immer noch lebte, war ihr daher ein Rätsel. Sie konnte nur vermuten, dass die maskierten Männer annahmen, der Vampir käme zurück, um Sayura zu retten. Aber so anmaßend konnten selbst sie doch nicht sein! Wieso sollte er das tun, war er dieser Hölle hier doch schließlich erst entkommen? Wozu für eine fremde Frau zurückehren, die er nicht kannte, und die wiedergewonnene Freiheit erneut riskieren? Oder war das gar ihre eigene Hoffnung? Sie wusste, auf ihre Organisation brauchte sie nicht zu hoffen. Vampirjäger waren Einzelgänger, und sie starben im Krieg gegen die Vampire. Sayura kämpfte wie alle Vampirjäger allein. In ihrem Leben gab es keine Verwandten, Freunde oder Bekannten. Niemand würde sie vermissen. Die Organisation würde einfach einen neuen Jäger ausbilden. Einmal im Jahr gab es eine Versammlung aller Vampirjäger; und wer dort auf der Teilnehmerliste erschien, war eben noch am Leben; zumal es diese Regel unter den Jägern gab, die es ihnen untersagte, andere Jäger im Kampf zu unterstützen, sollte die Situation auch noch so aussichtslos sein. Ein einzelner Jäger war entbehrlich, nicht aber mehrere auf einmal. Ausnahme bildete einzig und allein ein ausdrücklicher und schriftlicher Befehl, der einen gemeinsamen Kampf mehrerer Jäger anwies. Sayura empfand ihre gegenwärtige Situation mehr als aussichtslos; und sie wusste, dass keiner nach ihr suchen und sie retten würde.
„Was habt ihr mit mir vor?“, weinte sie irgendwann verzweifelt. Ihre eigene Stimme klang seltsam fremd.
Die Lautsprecherstimme schwieg beharrlich. Stattdessen öffnete sich irgendwann die Tür. Ein Mann trat wortlos hindurch, ging auf Sayura zu und öffnete ihre Halsfessel. Grob zerrte er sie an ihrem Arm vom Boden zu sich hoch und zwang sie so, mit ihm zu gehen. Das grelle Licht tat ihr in den Augen weh, als sie den Gang betrat.
„Zieh dich aus!“, zischte der Mann unter seiner Maske hervor, bevor er sie in einen kleinen Raum stieß. Sayura sah sich um. Es war ein kleiner, weiß gekachelter Raum mit einem Abfluss in der Mitte des Bodens. Vermutlich sollte sie hier duschen. An der Decke befanden sich jedoch keine Duschköpfe, lediglich die grellen Neonröhren. An der Wand neben der Tür war ein kleiner verchromter Hahn angebracht. Auch eine Nische war verbaut worden. In Sayura keimte eine leise Ahnung, was geschehen würde, sobald der Mann wiederkäme.
Das kleine Fenster, das in die Tür eingelassen war, verschob sich. Der Mann sah hinein und betrat kurz darauf den Raum. Die Tür verschloss sich hinter ihm. Er befestigte einen grünen Schlauch mit Spritzvorrichtung an dem kleinen Wasserhahn. Bevor er die Düse des Schlauches in seiner Hand betätigte, grunzte er: „Ich sagte, du sollst dich ausziehen!“ Ein kalter, beißender Wasserstrahl traf Sayura. Es war schmerzhaft. Sie wandte sich ab.
„Runter mit den Klamotten!“, befahl er herrisch, als er den Wasserstrahl unterbrach.
Welche Wahl hatte sie schon? Mühsam pellte sie sich aus ihrem Kleid und stand schließlich nackt, frierend und ängstlich vor ihm. Mit ihren Armen versuchte sie, ihre Blöße zu verdecken. Der Mann glotzte sie eine Weile unverhohlen an, dann betätigte er erneut die Düse. Nach einer weiteren Pause drückte er Sayura ein Stück Kernseife in ihre zitternden Hände. Der Wasserstrahl tat ihr mehr und mehr weh.
Als das Prozedere endlich vorüber war, ließ er den Schlauch fallen, bewegte sich, ohne Sayura aus den Augen zu verlieren, auf die Nische zu, um ihr schließlich ein Handtuch zuzuwerfen. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, tauschten sie Handtuch gegen ein Bündel Kleidung. Dies bestand aus einer dünnen Stoffhose sowie langärmligem Oberteil in Grau und einem Paar weißer dünnhäutiger Schuhe aus einer Art dickerer Plastikfolie.
„Los, komm her!“, befahl der Mann, nachdem Sayura angezogen war. Wieder griff er sie grob am Arm und zerrte sie in den nächsten Raum. Hier befanden sich zwei weitere Männer und eine Liege, wie man sie in jedem Operationssaal finden konnte. Sayura wich reflexartig zurück und entwischte dem Griff des Mannes. Sie verließ den Raum und rannte auf die Ausgangstür zu. Alles, was sie je in ihrer Ausbildung über Stressbewältigung, Angstmanagement und Kampf gelernt hatte, war verloren gegangen, vergessen. Das Monster Angst in ihr hatte all das verschlungen. Sie hämmerte mit ihren Armen gegen die Tür und schrie laut um Hilfe. Sie kreischte, weinte und rief abermals panisch nach Hilfe.
Plötzlich griffen sie mehrere Hände und rissen sie weg von der Tür. Sie strampelte, trat und schlug um sich. Einer der Männer verlor nach kurzer Zeit die Geduld und schlug Sayura mit der Faust ins Gesicht. Sie sah bunte Blitze vor ihren Augen und gab ihren Widerstand auf.
Sie weinte laut und stotternd, als sie auf der grünen Liege in dem weißen Raum an Armen und Beinen festgeschnallt wurde.
Als der dritte der Männer ihr nun mit einer unverhältnismäßig großen Einstichnadel einen peripheren Venenzugang in ihrer linken Ellenbeuge legte, hielt ihr Körper dieser enormen Angstsituation nicht mehr stand. Ihr Gesicht schmerzte. Sie wurde ohnmächtig. Noch nie kam sie sich einsamer, verletzlicher und gedemütigter vor als in diesem letzten Moment, den sie noch bewusst erlebte.
Zur selben Zeit irrte jener Vampir, dem die Flucht gelungen war, ziellos in der Nacht umher. Er war nun ein Vampir. Das, was einst menschlich in ihm gewesen war, versuchte zu begreifen, was geschehen war, und stieß an seine Grenzen. Tagsüber versteckte er sich im Abwasserkanal. Er kannte nur die Gerüchte um den Mythos Vampir; für den Fall, dass sie wahr waren, wollte er nicht durch die Sonne unter Schmerzen verbrannt werden. Diese Menschen aus diesem widerwärtigen Labor hatten ihm viele Dinge über seine neuen Kräfte erklärt, nicht aber, wie er mit diesem neuen Dasein allein und auf sich gestellt leben konnte. Was sollte er jetzt tun? Sollte er zu seinen Eltern gehen und um Hilfe bitten? War das zu gefährlich für ihn oder gar für sie? Vielleicht warteten jene Entführer bereits dort auf ihn. Er sollte seine Eltern nicht unnötig gefährden. Sollte er zu Francesca gehen, seiner Freundin? Nein. Er kannte sie gerade einmal drei Wochen, sie waren bisher noch nicht einmal über die sexuelle Ebene ihrer Beziehung hinausgekommen. Nach Hause gehen konnte und wollte er nicht, schließlich hatten sie ihn genau vor seiner Haustür feige von hinten überfallen, betäubt und ihn dann mit diesem Wesen in einen Raum gesperrt. Als diese Kreatur ihre Zähne in seinen Hals schlug, war das zwar ein unbeschreiblich großer Schmerz, jedoch nichts im Vergleich zu dem des Sterbens seines Körpers. Alles in ihm blieb stehen. Alles verkrampfte. Jedes Organ, jede Zelle hauchte ihr Leben aus. Sein Leben.
Als das tote Blut aus der offenen Schlagader des Vampirs seinen Mund benetzte, war das wie ein Trost. Er verschlang so viel davon, wie er konnte. Er wollte leben, egal wie. Von diesem Moment an bekam er alle zwei bis drei Tage kalte Blutkonserven zu trinken, die diesen brutalen Hunger, dieses suchtähnliche Bedürfnis nach Blut zumindest ansatzweise stillten. Es schmeckte widerlich, aber er spürte, wie es sein Leben verlängerte. Und dann war dieses Mädchen, das angab, Vampirjägerin zu sein, bewusstlos in seine Zelle geworfen worden. So verrückt all das war – sie war der Beweis, dass er all das wirklich erlebte, dass der Mythos Vampir wirklich existierte. Seine neuen vampirischen Sinne hatten sich überschlagen: Er hörte Sayuras Herzschlag, das Rauschen ihres Blutes, roch ihren Geruch und konnte ihre Gedanken lesen, und irgendetwas an ihr nahm ihm plötzlich seine Angst.
Und nun war er hier, im Abwasserkanal seiner Geburtsstadt, und obwohl er bis zu den Knien in dieser widerwärtigen Brühe aus Wasser, Urin und Kot stand, fror er nicht. Überhaupt fror er kaum noch, seit er diese Kreatur geworden war, dieser Vampir. Aber wie sollte es nun weitergehen? Er musste andere Wesen finden, die wie er waren. Er ging weiter und lauschte seinen Schritten im Wasser.
Er musste dieses Mädchen befreien, dass ihm zur Flucht verholfen hatte; und er hoffte, sie möge noch am Leben sein. Er hoffte, sie würde nicht erleben müssen, was er erlebt hatte. Ihr würde er alle Fragen stellen können, die noch offen waren. Sie würde ihm sicher sagen können, was es bedeutete, Vampir zu sein, selbst wenn sie Vampire bekämpfte – oder gerade weil sie sie bekämpfte. Sie war der Beweis, dass er nicht allein war. Vor allem aber musste er seinen Hunger stillen. Aber wie und wo? Einfach einen Menschen töten und von ihm trinken? Seine Reißzähne in den Hals schlagen und den Tod bringen? Zum Teufel: Ja, er wollte selbst leben. Außerdem hatte er bereits einen Menschen getötet. Er hatte diesem maskierten Mann das Genick gebrochen und war überrascht, wie leicht das ging. Es hatte sich angefühlt, als hätte er ein Streichholz zerbrochen. Er musste herausfinden, was er mit all diesen Kräften anstellen konnte und welche Kräfte er als Vampir außerdem besaß. Dass sich die moralischen Grenzen offenbar ganz automatisch verschoben, war sicherlich ein Vorteil. Er hoffte, nicht der einzige Vampir in seiner Stadt oder im größeren Umkreis zu sein. Wie sollte er sie finden, wie erkennen? Schließlich glaubte doch niemand mehr daran, dass diese Wesen wirklich existierten. Auch er hatte es nicht getan. Aber ganz offensichtlich gab es Vampire. Warum gab es also in den Medien keine Berichte über mysteriöse Vorkommnisse wie etwa blutleere Leichen oder Wesen, die bei Tageslicht verbrannten? Es hätte doch irgendeine Spur geben müssen. Schließlich konnten sie kaum unsichtbar sein, er war es ja auch nicht.
Er wartete weiter durch diese stinkende Brühe. Er hatte verdammt viel zu verarbeiten und zu lernen, wollte er existieren.
Mehrere Tage waren vergangen, Sayura lebte noch immer. Doch das Ritual der Blutabnahme wiederholte sich. Aufgrund ihrer labilen körperlichen Verfassung wurden die Zeitabstände zwischen den Abnahmeperioden länger. Sie ließen ihr selbst immer so viel Blut übrig, dass es zum Überleben reichte. Nach der Abnahme schleppten sie Sayura stets in den Kerkerraum und überließen sie ihrem Schicksal. Die vier Wände hatten ihre anfängliche Bedrohlichkeit längst schon verloren. Für Sayura waren sie jetzt fast schon eine Zuflucht. Denn es bedeutete, wann immer sie hierher zurückgebracht wurde, dass die Tortur ihrer Qual vorerst ein Ende hatte. Die Flexüle in ihrem rechten Arm schmerzte und hatte sich entzündet. Das störte die Männer jedoch recht wenig. Der Austausch der Venenkatheter erfolgte in größeren Abständen stets wechselseitig. Mit Besorgnis fiel Sayuras Blick auf ihren völlig zerstochenen und entzündeten linken Arm. Die Suche nach einer geeigneten Vene würde auch hier wieder zu einer Tortour werden. Völlig egal ob die Maskierten nun Ellenbogen, Handgelenk oder Handrücken zur Punktion der Blutentnahme auswählen würden.
Zu essen bekam sie in der Zwischenzeit reichlich, Wasser ebenso. Ihre Notdurft musste sie in einen Eimer in einer Ecke ihres Gefängnisses hinein verrichten.
Wenn sie vor sich hin döste, wurde sie manchmal von Ratten gebissen. Richtig geschlafen hatte sie schon ewig nicht mehr. Diese Viecher fanden besonderen Gefallen an den weißen Schuhen, die durch ihre dünne Plastikhaut keinen wirklichen Schutz vor den Bissen boten.
Jedes Zeitgefühl war Sayura abhandengekommen. „Ewig“ bekam plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Das würde sicher auch der Vampir bald feststellen. Es musste schlimm sein, gerade noch ein Mensch gewesen zu sein und durch Willkür und Gewalt zu einem Vampir gemacht zu werden. Es war beinahe schon paradox: Sie, eine Vampirjägerin, hatte einem Vampir das Leben gerettet. „Natzuya“ hatte ihn einer der Entführer genannt. Der Name passte gut zu ihm, er war ein hübscher Mann. Fast schon erstaunlich fand sie die Tatsache, dass sie beide Namen trugen, die japanischer Herkunft waren. Dunkel erinnerte sie sich, dass sie einst einen anderen Namen besaß; sie glaubte, es sei Lilian gewesen. Doch mit Eintritt in den geheimen Bund der „Organisation der Vampirjäger“ wurde ihre alte Existenz gelöscht, und sie bekam diesen neuen Namen: Vampirjägerin Sayura Lèmon, Identifikationsnummer 2336.
Sayura verlor sich in Tagträumen. Realität und Traum verflochten sich zu einem Gewirr an Bildern aus Tod, Verderben und Hoffnung; Hoffnung darauf, frei zu sein.
Sayura wurde aber auch schwächer. Sie lag zumeist nur noch auf dem Boden und schlief. Die Rattenbisse, die Kälte und der Hunger störten sie jetzt nicht mehr. Sie hatte keine Kraft, sie hatte nicht einmal mehr Gedanken in ihrem Kopf. Sie wusste in ihren seltenen klaren Phasen nur, dass sie bald sterben würde.
In diesem Nebel registrierte sie irgendwann, dass ihr plötzlich kein Blut mehr abgenommen wurde, sondern dass sie irgendetwas gespritzt bekam. Die eitrige Flexüle wurde entfernt, ebenso wie die schwere Halsfessel. Jemand wusch sie. Die Rattenangriffe hörten ebenfalls auf. Angst hatte sie keine mehr. Sie hoffte vielmehr darauf, dass sie ihr etwas spritzen würden, was sie erlösen würde, wenn es hier schon keinen Ausweg gab.
Aber sie starb nicht.
Entgegen ihrer Annahme kam sie zu Kräften. Sie schlief noch immer viel, aber sie war am Leben. Sie fragte sich oft, ob dieser Kreislauf aus Aderlass bis zur Erschöpfung und medizinisch unterstütztem körperlichem Wiederaufbau nun andauern würde, bis die Entführer genug von ihr hatten. Sie wollte nicht jahrelang hier gefangen sein, nicht jahrelang zwischen Leben und Tod pendeln müssen, nur weil es ihren Entführern eben gefiel. Das war Folter. Sie machte sich nicht die Mühe, jemanden zu befragen, erhielt sie doch ohnehin keine Antworten. Sie wünschte, dieser Vampir wäre hier und würde diesen Figuren einfach den Garaus machen. Schon wieder hoffte sie auf die Hilfe eines Vampirs! Ausgerechnet sie, die seit Jahren Hunderte von Vampiren vernichtet hatte. Lächerlich!
Endlich hatte er sie gefunden. Nein! Sie hatte ihn gefunden. In letzter Sekunde. Er hatte Hunger, war beherrscht von dem Gedanken nach Blut, griff Menschen bei Nacht an, trank winzige Schlucke und verschwand wieder in der schützenden Dunkelheit. Er war ausgemergelt. Seine Moral hielt ihn noch davon ab, Menschen auf diese Art zu töten. Er wollte jedoch mehr, sich einmal richtig satt trinken, keine niederen Tiere mehr als Ersatz auslutschen. Er hatte bereits im Versuchslabor gelernt, Tiere zu sich zu rufen. Sie liefen wie hypnotisiert auf ihn zu, er musste sie nur noch greifen und leer trinken. Diese Eigenschaft machte er sich vor allem im Park zunutze: Ratten, Hase, Füchse, Frösche – alles, was in einem Stadtpark keucht und fleucht. Obwohl er es theoretisch gelernt hatte, gelang es ihm nicht, Menschen auf diese Art zu sich zu rufen. Dafür fehlte ihm offenbar noch die Erfahrung – oder er hatte einfach einen wichtigen Schritt vergessen.
Warmes Tierblut war um einiges angenehmer als das kalte Menschenblut aus den Blutkonserven, die er während seiner Gefangenschaft erhalten hatte. Auch wenn Tierblut schlicht nach Dreck schmeckte, war es zumindest warm. Als er seine Zähne dann erstmals in eine Frau geschlagen hatte, erlebte er beinah einen orgiastischen Zustand. Ihr Blut war warm und seidig, mit ihm rann Leben seine Kehle hinunter und erwärmte seinen Körper. Er konnte ihre Gedanken und ihren Herzschlag spüren, es war fantastisch. Ihre Angst zu trinken und in sich aufzunehmen, war machtvoll. Dennoch ermahnte ihn etwas in seinem Inneren, diese junge Frau, die bei Nacht ohnehin unsicher durch die Straßen gehuscht war, am Leben zu lassen. Es war das eine, jenen maskierten Mann mittels Genickbruch zu töten, aber dieses Mädchen umzubringen, brachte er nicht über sich. Er wusste, dass auch dies nur noch eine Frage der Zeit sein würde. Aber seit er von dieser jungen Frau getrunken hatte, bekam er den menschlichen Geschmack des Blutes nicht mehr aus seinem Sinn. Bei dem Gedanken daran, nun wieder Tierblut trinken zu müssen, wurde ihm übel.
Mit den Worten: „Durch dein auffälliges Verhalten lässt du uns noch alle auffliegen, du Stümper!“, hatte sich Lena ihm genähert – eine Vampirin, die einen kleinen eigenen Clan anführte. Lena war seine Rettung. Sie konnte ihm zeigen, was er war. Und sie hatte vom ersten Augenblick an Interesse an diesem Rohdiamanten von Vampir gehabt, hatte sie ihn schließlich bereits eine Weile beobachtet. Er war neu in der Gegend und, vermutlich ohne es selbst zu wissen, auf eine Art charismatisch und anziehend, wie sie es zuletzt vor 300 Jahren bei ihrem vampirischen Erzeuger gesehen hatte. Dieser junge Vampir brauchte dringend Hilfe, wollte er in dieser Welt überleben; und sie würde ihm diese Hilfe, wenn auch nicht ganz uneigennützig, allzu gerne angedeihen lassen.
So verging die Zeit, und Sayura hatte sich irgendwie damit abgefunden, dass sie Pendlerin zwischen zwei Zeitperioden war. Während einer Zeitperiode diente sie als unfreiwillige Blutspenderin, während der anderen wurde sie körperlich wieder aufgebaut. In der Zwischenzeit hatte sich ihre Vermutung bestätigt: Es handelte sich um ein Antibiotikum, das sie gespritzt bekam, sobald sich ihre Wunden entzündeten oder sie Fieber bekam. Ihre Entführer gestanden ihr mehr Freiheiten zu. So verzichteten sie auf die Halsfessel oder ließen Sayura gar allein duschen. Redseliger waren sie noch immer nicht geworden. Es waren offenbar immer dieselben drei Männer. Jeder war charakteristisch zu unterscheiden. Optisch hatte sie keinerlei Vorstellungen, da sie Sayura immer maskiert gegenübertraten. Ihre Körpergröße unterschied sich nur geringfügig. Einer war brutal in seinem Umgang mit Sayura, er zerrte sie stets sehr grob zum Duschen, stieß sie gegen Wände oder betatschte sie ohne Umschweife. Er begrapschte ihren Busen oder langte ihr unverhohlen in den Schritt. Jedes Mal, wenn sie sich dagegen wehrte, schlug er sie. Immer mit der Faust.
Ein anderer war dagegen beinahe fürsorglich. Er war es auch, der ihr mitteilte, dass sie nun ein Antibiotikum erhielt. Und der dritte Kerl war seltsam neutral. Bei ihm konnte Sayura zu Anfang nicht wirklich unterscheiden, ob es sich nicht unter Umständen doch um einen Vampir handelte. Er bewegte sich so langsam und kontrolliert. Aber das konnte nicht sein, schließlich machten Vampire und Menschen keine gemeinsame Sache. Irgendwann wurde ihr jedoch auch das egal.
Sie befühlt ihre Lippe, die schlecht verheilte. Nach der letzten Prügelattacke des Grobians war ihre Lippe aufgesprungen und wollte lange nicht aufhören zu bluten. Auslöser war lediglich ihre Frage gewesen, ob sie neue Schuhe bekommen könne. Vielleicht war sie ihm zu undankbar erschienen?
Sayura hielt ihren Verstand jüngst mit kleinen Rechenaufgaben, Gedichten in verschiedenen Sprachen, kleinen Liedern und Selbstgesprächen wach. Wie sehr sehnte sie sich nach einer ihrer Waffen, und wenn es nur eine einfache Pistole gewesen wäre! Das Gefühl, eine Waffe in der Hand zu haben, würde ihr so viel Kraft, Selbstsicherheit und Stärke verleihen! Das war nicht immer so gewesen. Zu Beginn ihrer Ausbildung zur Vampirjägerin hatte sie mit 13 Jahren das erste Mal eine Pistole in der Hand gehalten. Es war ein schweres, kaltes Ding und brachte den Tod. Waffenkunde fand sie furchtbar. Ihr Ausbilder hatte sie schnell und zunächst theoretisch an die neue Thematik herangeführt.
„Die P 2000 ist eine Waffe für Frauen und wird in einem Schnellziehholster getragen, lässt sich aber gleichzeitig mit einem einrastenden Bügel gegen unbefugtes Herausziehen im Gerangel sichern. Sie ist leicht und handlich. Außerdem ist sie sehr effektiv, sie lässt sich mit 13 Schuss laden!“, hatte der kahlköpfige Mann ihr damals beinah schon stolz berichtet; ihr, einem 13-jährigen Mädchen, dessen Welt kopfstand.
