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Rückkehr an den Ort der VerbannungWarum wurde ein kleines Mädchen während des Krieges allein von Bukarest zu Verwandten in die Schweiz geschickt? Und warum überhaupt lebten die Großeltern damals in Rumänien? Wenn Debora solche Fragen stellt, stößt sie auf ablehnendes Schweigen. So entscheidet sie sich, nach Großmutters Tod und gegen den Wunsch der Mutter, diesen Geschichten vor Ort nachzugehen. Dabei erfährt sie unter anderem, was es damals für eine Schweizerin bedeutete, einen Deutschen zu heiraten und damit das Schweizer Bürgerrecht zu verlieren. Deboras Reise wird zu einer Spurensuche, in der Vergangenes aufscheint und sich zu einer Geschichte verdichtet, die sie schließlich zur rumänischen Wohnung der Großeltern führt, von der nur noch die Mutter weiß, wie sie einst ausgesehen hat.
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Seitenzahl: 235
Veröffentlichungsjahr: 2013
Jolanda Piniel
Die Verbannte
Roman
DÖRLEMANN
Die Autorin dankt der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich für den Werkbeitrag und der Landis & Gyr Stiftung für das Stipendium in Bukarest. Die Abteilung Kultur der Stadt Zürich und die Stadt Winterthur unterstützten die Publikation dieses Romans mit einem Beitrag. Der Verlag dankt. eBook-Ausgabe 2013 Alle Rechte vorbehalten © 2012 Dörlemann Verlag AG, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-908778-16-5www.doerlemann.com
I
Stillstand
Aufgebrochen bin ich an einem schwülen Sommertag. Es war Ende Juni, die Luft über dem Asphalt flirrte und im Hauptbahnhof dröhnte ein Stimmengewirr, das mit seinem Echo die Eingangshalle vollständig ausfüllte. Ich lief durch diesen Lärm, drängte mich an Körpern vorbei, rempelte jemanden an, wich jemandem aus. Eine Ballung von Leuten mit Koffern und Taschen versperrte mir den Zugang zu den Geleisen. Ich lief zurück in Richtung Ticketschalter und von dort aus zur Bahnhofsuhr. Vor den blauen Tafeln, die über den Perrons hingen, blieb ich stehen. Sie waren leer! Abfahrtszeiten und Zielbahnhöfe waren verschwunden, als hätte jemand die Zeichen gestohlen oder weggeschrubbt. Und die Schienen glänzten in der Abendsonne wie von den Zügen zurückgelassene silbrige Spuren.
»Keine Spannung mehr«, erklärte ein Bahnangestellter. Er sprach von einem noch nie da gewesenen Störfall: Das Stromnetz der Eisenbahn sei landesweit zusammengebrochen. »Unsere Techniker«, setzte er hinzu, »arbeiten auf Hochtouren. Wir können im Moment nur warten und hoffen, dass sich das Ganze bald normalisiert.«
In der Nähe der Prellböcke setzte ich mich auf meinen Rucksack und überlegte, ob dieser Stromausfall, der mich am Wegkommen hinderte, selber ein Zeichen sei. Ob ich nicht besser meinen Entschluss rückgängig machen und hier bleiben sollte. Noch hatte ich Gelegenheit dazu, und meine Mutter wäre erleichtert. »Was versprichst du dir von dieser Reise?«, hatte sie mich bei meinem letzten Besuch gefragt, als ich ihr erzählt hatte, dass ich nach Rumänien fahren würde. Anstatt zu antworten, war ich mit dem Finger die Rille in der Tischplatte entlanggestrichen, ein ausziehbarer Esstisch aus Eichenholz, der ein großer Familientisch hätte sein können. Ein Familientisch, wie sie ihn sich immer gewünscht hatte. Nach der Trennung von ihrem Mann hatte sie den Tisch zu sich genommen. Ohne die beiden Einlageplatten war er auf seine kleinste Form, einen Kreis, zusammengeschrumpft. Meine Mutter hatte sich erhoben, den Tisch umrundet und war neben mir stehen geblieben. Ihre gelblichen, von roten Tupfern übersäten Wangen begannen zu zittern, stärker als sonst. Der Kopf schüttelte sich ganz von alleine. In den Brillengläsern schlotterte das Licht der Reispapierlampe, und durch das geschliffene Glas hindurch wirkten ihre Augen groß und verzerrt. Als könne sie sich nicht entscheiden, changierte die Iris in den Farben Blau, Grün und Grau und hob sich vom orangefarbenen Ring ab, der das Schwarz der Pupille wie eine Fassung umschloss. Ich hätte ihr gerne gesagt, wie sehr ich ihre vielfarbigen Augen liebte. Augen, die mir das Fürchten beigebracht hatten. »So warte doch noch ein paar Jahre«, bat Mutter, als ich schwieg. »Es ist noch immer sehr schlimm dort.« Ihre Hand klammerte sich wie ein verängstigtes Tier an meine Schulter. Die Vibration lähmte mich. »Ich ruf dich an, sobald ich in Bukarest angekommen bin«, versprach ich. Das Körperbeben hatte auch Mutters dunkelblonde, etwas zerzauste Haare erfasst, die knapp über die Ohren reichten. Anstatt weiß zu werden, wiesen sie einen immer deutlicheren Stich ins Grünliche auf, wie Grünspan auf Kupfer.
Gegen elf Uhr nachts fuhr der Zug ein. Den Fahrschein mit meiner Platzreservation in der Hand öffnete ich die Schiebetür zu meinem Abteil. Ein Sechserabteil für mich allein, dachte ich, als ich den Rucksack auf die Sitzfläche stellte und mich neben ihn setzte. In Gedanken ging ich nochmals den Inhalt durch: Kleider für den Sommer, Kleider für den Herbst, einen Pullover und eine wattierte Regenjacke für kältere Tage. Ich wusste nicht, wie lange ich unterwegs sein würde. Meine Füße steckten in Turnschuhen, die Sandalen hatte ich eingepackt, dazu die wichtigsten Medikamente, Toilettenartikel, einen Reiseführer für Rumänien, einen Stadtplan von Bukarest. Den Ordner mit den Memoiren meines Großvaters hatte ich zuunterst im Schlafsackfach verstaut.
Die Abfahrt könne sich um eine weitere Stunde verzögern, sagte der Schaffner, ein Riese von einem Mann, der gegen Mitternacht durch die Waggons ging, die Tickets kontrollierte und die Pässe einsammelte. Ich richtete eines der mittleren Couchettebetten durch Umklappen der Sitzbänke her. Das Leintuch, mit dem ich die dünne Matratze bedeckte, war löchrig und verfleckt. Hatte jemand nach einer schlecht durchschlafenen Nacht den Frühstückskaffee verschüttet? Oder handelte es sich um eingetrocknetes Blut? Ich entkleidete mich bis auf den Slip, schlüpfte in ein frisches T-Shirt und legte mich auf die Pritsche aus Hartplastik. Eine Straßenlaterne strahlte direkt ins Abteil. Ich suchte nach dem goldgelb gemusterten Seidentuch, das mir meine Mutter mitgegeben hatte, drehte mich von der Rücken- in die Seitenlage und bedeckte Stirn und Augenpartie mit dem Foulard.
Überrascht vom Duft, der ihm entströmte, zog ich das feine Gewebe tiefer ins Gesicht. Das war der Duft, der in Großmutters Kleiderkästen und Schubladen gelegen hatte, eingepackt in glänzendes, mit Verzierungen und einer verschnörkelten Schrift bedrucktes helles Papier. An Regentagen hatte Großmutter manchmal eine Kastentür geöffnet und mir eine ihrer Lavendelseifen gereicht.
»Zum Riechen. Aber nicht zu lange, sonst wird dir schwindlig.«
Und in mir breitete sich Großmutters Zweizimmerwohnung aus, in der alles seinen Platz gehabt hatte und gleichzeitig auf etwas anderes verwies. Etwas, worüber nicht geredet wurde. Im hinteren, hellgelb gestrichenen Zimmer stand das Bett, das ich benützte, wenn ich bei ihr in den Ferien war. Vor dem Einschlafen drehte ich mich jeweils auf die linke Seite (so wie jetzt), um den rumänischen Teppich zu betrachten, der an der Wand hing: In seiner Mitte leuchtete vor einem tiefblauen Hintergrund ein gelber Hahn. Er hatte prächtige Schwanzfedern, einen roten Kamm und rote Kehllappen und beobachtete mich, quasi beiläufig, mit dem mir zugewandten linken Auge. Überall waren Blumen eingewoben, Rosen, Tulpen, Nelken. Außenherum waren sie aneinandergereiht. Dem Hahn schwirrten sie um den Kopf.
Asche
Irgendwann musste der Zug losgefahren sein. Ich bemerkte es erst, als ich erwachte. Draußen war es dunkel, und ich fiel, gewiegt und gehalten vom gleichmäßigen Rattern, in einen an- und abschwellenden Halbschlaf, glitt von einem Traumfragment ins nächste, und landete ich zwischendurch im Zugsabteil, dauerte es jedes Mal eine Weile, bis ich begriffen hatte, wo ich war.
Aus den Wänden des Waggons drang ein Ächzen und Stöhnen, es quietschte, was mich an das Quietschen des Gatters am Eingang zur Schrebergartenkolonie erinnerte. Und während der Zug durch die Nacht fuhr, folgte ich in Gedanken dem Weg, der zu den Gärten führte. Haselsträucher und Forsythien streckten ihre kahlen Zweige durch die Rhomben eines Maschendrahtzaunes, der an manchen Stellen im dunklen Grün der Thuja- und Buchsbäume verschwand. Der Weg selber bestand aus rötlichen Steinen, die, in Zement eingegossen, eine künstliche Nagelfluh bildeten. Ich kannte jeden Stein. Als Kind war ich im Sommer diese Strecke barfuß gerannt und hatte mir zum Auftreten die großen flachen Steine ausgesucht. Um den kleineren, kantigeren auszuweichen, musste ich manchmal springen.
Der fünfte Garten rechts gehörte meiner Mutter. Von den Zimtrosen, die sich sommers am Spalierbogen emporrankten, waren bloß ein paar braun verfärbte Hagebutten übrig geblieben. Ich ging an schwarz gesprenkelten Schneeresten vorbei auf eine hohe Scheinzypresse zu, deren Spitze in den Winterhimmel zeigte. Hinter dem Baum saß meine Mutter in einen Wollmantel gehüllt und rauchte. Wie es mir gehe, fragte sie, als sie mich sah. Nachdem sie die Zigarette zu Ende geraucht hatte, stand sie mühsam auf und hinkte ins Schrebergartenhäuschen hinein. Kurz danach kam sie wieder zum Vorschein, im Arm die Urne ihrer Mutter.
»Ist doch kaum zu glauben, dass sie darin Platz hat«, sagte sie. »Aber schwer ist sie, schwerer, als man denkt. Willst du sie auch mal halten?«
Das Tongefäß zitterte in Mutters Händen, als sie es – auf meine Verneinung hin – auf den Gartentisch stellte. In eine metallene Plakette war Großmutters Name eingraviert: Klara Geck. Darunter standen ihre Lebensdaten: 1911–2000.
Es war Großmutters Wunsch gewesen, im Schrebergarten ihrer Tochter bestattet zu werden, und zwar ohne Aufhebens: keine Zeremonie, keine Worte, kein Gesang. Auf gar keinen Fall sollte der Ort, wo ihre Überreste lagen, markiert werden. Und so stachen wir an diesem frühen Nachmittag einen Rasenziegel aus. Dann gruben wir mit Spaten und Schaufel in die harte Erde ein Loch. Mutter entfernte den Deckel der Urne, den Inhalt schütteten wir wortlos ins Erdloch. Ich hielt den Atem an, als Großmutters Asche mit einem Geräusch, das an Mehl erinnerte, das man in eine Schüssel gibt, um ein Brot zu backen, ins Grab fiel und dort liegen blieb. Ich fürchtete mich vor dem Geruch und davor, dass es gröbere Bestandteile geben könnte, Knochenstücke, Zahnsplitter, eine Plombe. Großmutter hatte keine Möglichkeit mehr, Indizien, die auf ihren gewesenen Körper hinwiesen, zu verbergen. Um nicht so gut zu sehen, senkte ich die Augenlider. Ein wenig Asche wirbelte durch die Luft.
Rätsel
Großmutters Schweigen blieb bei uns. Ich wusste nichts zu antworten, wenn ich nach Mutters Geschichte gefragt wurde, ich wusste nicht einmal, was Doina, ihr rumänischer Name, bedeutete. Mutter hatte solche Fragen stets mit einer Handbewegung abgewehrt: Sie sei eher zufällig in Bukarest zur Welt gekommen.
»Nein«, hörte ich mich sagen, »ich bin nicht Rumänin. Meine Mutter ist eher zufällig in Bukarest zur Welt gekommen.« Wie ich das meine, fragte der junge Mann, der am Morgen in Wien zugestiegen war und sich mit dem Namen Ovidiu vorgestellt hatte– wie der Dichter, dieser arme Teufel, der wegen ein paar Liebesgedichten vom Kaiser an die Schwarzmeerküste verbannt worden sei. Ich stellte den Styroporbecher mit dem Filterkaffee, den er mir aus dem Speisewagen mitgebracht hatte, auf das Klapptischchen beim Fenster. Mein Großvater habe arbeitsmäßig in Rumänien zu tun gehabt, erklärte ich, meine Mutter sei nicht lange in Bukarest gewesen. Bloß ein paar Jahre. Als kleines Mädchen habe man sie zu Verwandten in die Schweiz geschickt. Allein, ohne ihre Eltern. Ich lachte. Eine komplizierte Geschichte sei das. Und als hätte sich Mutter meines Körpers bemächtigt, machte ich jene abwinkende Handbewegung nach unten, die sie in solchen Momenten auszuführen pflegte und die an das Verscheuchen einer Fliege erinnerte.
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