Die verborgenen Inseln - Birgit Blume - E-Book

Die verborgenen Inseln E-Book

Birgit Blume

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Beschreibung

Als Jo in einer Sturmnacht in einer Höhle an der französischen Atlantikküste ein Buch findet, ahnt sie nicht, wie sehr dieser Fund ihr Leben verändern wird. Denn auf dem Buch liegt ein Geheimnis, das zum Tod führen kann. Nur ein Mann kann die Gefahr abwenden. Um ihn zu finden, reist Jo mit ihrem Bruder Motz, dessen Freund Luc und der Wahrsagerin Manù auf die Insel Thuroth. Dort wird sie in den Kampf der Bevölkerung gegen den Fürsten und dessen Magier verwickelt, die enger mit ihrem Schicksal verbunden sind, als ihr lieb ist.

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Seitenzahl: 782

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Birgit Blume

Die verborgenen Inseln

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1. Sturmnacht

2. Zeit der Schatten

3. Enthüllungen

4. Ein Entschluss

5 Die Suche

6. Das Manuskript

7. Aufbruch

8. Aderyn

9. Das Dorf der Heilerinnen

10. Brägan

11. Die Höhle

12. Der Stollen

13. Suche nach Brägan

14. Steinmagier

15. Gwaith

16. Drachen

17. Brüder

18. Die Insel im Moor

19. Hefeyds Entscheidung

20. Rhyallis

21. Mexx

22. Raiks Waldhöhle

23. Verrat

24. Der Alte Hafen

25. Kian

26. Die Málinor

27. Echsen

28. Fahrt nach Gwened

29. Eigensinn

30. Die Verborgenen Häfen

31. Valgard

32. Calamors Flotte

33. Feuer

34. Treffen der Verbündeten

35. Das Opfer

36. Maels Rat

37. Sturmalben

38. Der Angriff

39. Zur Höhle unter dem Meer

40. Jos Schicksal

41. Entscheidungen

Impressum neobooks

Prolog

„Sie muss sterben!“

Der Schrei des Fürsten schoss aus dem Thronsaal im Ostturm das eisige Treppenhaus hinab zu den Verliesen im Keller, mischte sich unter das Gejammer der Gefangenen, strich an den Wachen vor den Toren vorbei und verlor sich auf den verschneiten Ebenen vor der Festung.

Morfan saß in seinem Zimmer am Schreibtisch und lauschte dem Schrei hinterher. Kein Muskel bewegte sich in seinem langen, schmalen Gesicht. Starr blickten seine schwarzen Augen auf das vor ihm liegende Pergament. Gleich würde der Fürst nach ihm rufen. Worauf hatte er sich nur eingelassen?

Vor vier Wintern hatte er die Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen und eine Stellung bei Eadon, dem damaligen Fürsten von Thuroth erhalten. Eadon war ein gütiger und weiser Herrscher gewesen, beliebt bei seinen Untertanen und anerkannt von den Fürsten der anderen Inseln.

Kurz nachdem Morfan seine Stelle angetreten hatte, griff Eadons Sohn nach der Fürstenkrone. Durch Geschenke und Versprechungen gewann er Verbündete, auch einige der Duin Madainn unterstützten ihn. Sie vertrauten auf seine Zusage, ihnen, sobald er Fürst war, den Schlüssel zu übergeben, der über ihr Schicksal gebot und von dem Eadon sich nicht hatte trennen wollen.

Eines Tages stand der Sohn vor Morfan und stellte ihn vor die Wahl: Tod oder Leben. Morfan wollte leben.

In der darauffolgenden Nacht nahmen der Sohn und seine Verbündeten Eadons Vertraute gefangen und entführten den Fürsten aus dem Palast. Morfan brachte ihn auf Geheiß des Sohnes in eine Höhle im Gebirge, wo er bewacht von den Steinmagiern den Rest seines Lebens fristen sollte. Niemals würde Morfan den Blick vergessen, den Eadon ihm zuwarf, als er ihn in der Höhle zurückließ.

In jener Nacht schlich sich die Kälte in Morfans Herz.

Und der Sohn wurde Fürst von Thuroth.

Morfan hatte seitdem viel gelernt. Über die Angst. Die Angst der anderen. Und seine eigene.

Er fuhr sich mit den Fingern durch seine langen dunklen Haare und erhob sich. Jenseits des Fensters lag eine stumme, dick verhüllte Welt. Hohe Schneewehen hatten die Straße zum Hafen unter sich begraben. Die Schiffe lagen starr, zur Unbeweglichkeit verdammt durch das zu Eis gefrorene Wasser. Selbst der Rand des Großen Flusses war von einer Eiskruste überzogen. Tief hingen die schweren Wolken, aus denen dicke Flocken auf die lange, weiße Stille sanken. Es war der kälteste Winter, an den Morfan sich erinnern konnte.

Ein Heulen zog durch die Dämmerung. Die Wölfe. Sie verließen die Berge auf der Suche nach Futter und kamen der Stadt zu nahe. Morfan hatte einige seiner Magier losgeschickt, die sich ihrer annehmen sollten

„Morfan!“

Seufzend warf er sich den Umhang um und trat ins Treppenhaus. Sein Atem formte kleine Wolken in der eisigen Luft. Er zog die Kapuze über seinen Kopf und begann den Aufstieg in den obersten Stock. Vor dem Fürstensaal hielt er inne, nickte den Wachen zu und trat durch die breite Holztür.

Der große Raum war spärlich beleuchtet, der Thron lag im Dunkeln. Wind fuhr durch den Schornstein in die Flammen des Kamins, ihre Schatten huschten über die Wände. Der Fürst stand am Fenster und starrte hinaus in die drängende Finsterniss.

„Sie muss sterben, Morfan!“ Langsam drehte er sich um. Sein fahles Gesicht war vor Wut verzerrt. „Sorge dafür!”

Morfan starrte den Fürsten ungläubig an. Er war Magier, ein Duin Madainn, kein Mörder. Warum sollte er eine Frau töten, deren einziges Vergehen darin bestand, den Fürsten nicht zu begehren? Er verstand sie gut.

„Es gibt viele Frauen, die alles darum gäben, mit dir …“

„Ich habe dir einen Auftrag erteilt und dich nicht um deine Meinung gebeten.“

Morfan schwieg. Wie konnte er diesen Auftrag ablehnen, ohne sich und seine Familie in Gefahr zu bringen?

„Nun?“

„Das übersteigt meine Fähigkeiten.“

Der Fürst kniff die Augen zusammen. „Wozu habe ich dich dann in meine Dienste genommen?“

Der Magier drehte sich zu ihm. „Nicht, um zu töten.“

Der Fürst lachte leise. „Wach auf, Morfan. Es wird Zeit, dass du lernst, was es heißt, mein Berater zu sein.“ Er trat nah an den Magier heran. „Denk an den Schlüssel.“

„Der Schlüssel gehört den Duin Madainn. Er steht dir nicht …“

Der Fürst holte aus und schlug zu. Morfan fiel zu Boden, Blut tropfte aus seiner Nase. „Was fällt dir ein! Mein Vater hat ihn mir zu treuen Händen übergeben.“

Das ist eine Lüge. Morfan verzog angewidert seine schmalen Lippen. Hass sprach aus seinen Augen. Er öffnete den Mund.

„Wage es nicht“, zischte der Fürst. „Sonst werde ich den Schlüssel benutzen.“

Mit zufriedener Miene beobachtete er, wie Morfan den Mund wieder schloss und sich langsam erhob.

„Und jetzt tu deine Pflicht.“

Ohne ein weiteres Wort verließ Morfan den Saal, stieg die Treppe hinab, durchquerte den Innenhof und trat durch das Tor auf die Straße. Er ging in die Knie, griff mit einer Hand in den Schnee und rieb sich das kalte Weiß über Mund und Nase. Der Schmerz ließ nach. Mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze schlug er den Weg in die Stadt ein, die sich an die östlichen Mauern der Festung und das dahinter liegende Gebirge schmiegte.

Das gewaltige Stadttor war bereits geschlossen. Er schlug die Glocke, die in einer gemauerten Nische vor dem Tor hing. Eine Wache lugte durch das kleine Fenster im Torflügel und fragte ihn nach seinem Begehr. Morfan schlug die Kapuze zurück. Sofort wurde das Tor geöffnet und er schritt an den sich verneigenden Wachposten vorbei auf die Hauptstraße. Zahllose enge Gassen zweigten von ihr ab, zogen sich durch die dicht gedrängten Häuser nach Westen und hinauf in die Berge. Die Dächer der Häuser hatten schwer zu tragen an der weißen Last des Winters und manche hatten ihr nicht standhalten können.

Doch die Kälte hatte auch ihre Vorteile. Es stank nicht. Die Abwässer, die sonst durch die verschmutzten Straßen flossen, waren erstarrt. Auch der sich in den Gassen stapelnde Müll und die hinter den Läden liegenden Ställe der Ziegen, Schafe und Hühner gaben keinen Hauch von sich. Ganz anders als im Sommer, wenn die Hitze alte und neue Gerüche aus den Ecken und Nischen aufschreckte.

Bettler, armselige Gestalten in viel zu dünnen Mänteln, lungerten vor den Gaststätten und Herbergen herum. Als sie Morfan erblickten, stoben sie davon. Der Fürst hatte seinen Kriegern Anweisung gegeben, sie aus der Stadt zu vertreiben. Doch wohin sollten sie sich bei dieser Kälte wenden? Sie würden auf dem Weg in den nächsten Ort erfrieren. Morfan beschloss, sie zu übersehen.

Er hastete durch die Gassen und erklomm eine der steilen Treppen, die zu den höchstgelegenen Häusern am Berghang führten. Vor einem windschiefen Haus machte er Halt und öffnete die Holztüre. Eine kleine Frau mit rundlichem Gesicht und freundlichen Augen rührte in einem Kessel über dem Feuer. Sie sah auf und strahlte ihn an.

„Morfan!“

Er trat zu ihr, legte seine Arme um sie und küsste ihre Stirn. Ihre langen Haare dufteten nach Sommerblumen. „Siana“, hauchte er und lächelte.

Sie wand sich aus seiner Umarmung und musterte ihn. „Bist du verletzt?“

Er schüttelte den Kopf. „Es ist nichts.“

„Was ist geschehen?“

Morfan setzte sich an den kleinen Holztisch vor dem Kamin.

„Es geht um die Frau, die der Fürst begehrt.“

„Was ist mit ihr?“ Sianas Stimme bebte leicht.

„Ich … soll sie töten.“ Morfan wagte nicht, seine Frau anzusehen.

„Nein“, hauchte Siana und sank auf den Stuhl neben ihm. „Das darfst du nicht tun.“ Sie ergriff seine Hände. „Morfan!“

Er sah auf. „Wenn ich mich weigere, wird er sich rächen.“

„Lass uns fortgehen. Nach Gwened oder Gwennor.“

Morfan schüttelte den Kopf. „Er wird uns finden, Siana. Er findet jeden. Wir werden nirgendwo vor ihm sicher sein.“

Er schlug die Hände vor das Gesicht und hörte seine Frau leise schluchzen.

1. Sturmnacht

Den Weg zurück zum Haus würde sie nicht mehr schaffen.

Unerbittlich stieß der Sturm sie voran. Er riss an ihren Haaren, zerrte an ihrer Kleidung und heulte gegen das Gebrüll der Wassermassen an, die sich an Land warfen. Blitze zerfetzten die Nacht und ließen die schäumende Gischt silbrig weiß aufleuchten. Donner rollten heran und erschütterten den Erdboden. Dann kam der Regen, kalt und heftig.

Die zierliche junge Frau kniff die Augen zusammen und starrte auf die schwarzen Umrisse der Klippen zu ihrer Rechten. Dort würde sie Zuflucht finden. Doch die Böen hatten andere Pläne und schoben sie auf die tosende Brandung zu. Schon griffen die Wellen nach ihren nackten Füßen und brachten sie zu Fall. Schwerfällig kam sie auf die Knie und ergriff kriechend die Flucht vor der herandrängenden See.

Sie fühlte ihre Kräfte schwinden. Als sie zu Boden sank, drückten sich harte Steinkiesel in ihre Wange. Ruckartig hob sie den Kopf. Die Klippen mussten ganz nah sein, doch der nun undurchdringliche Regenvorhang entzog sie ihrem Blick.

Keuchend zog sich die Frau auf die Knie und kroch weiter. Endlich ertastete sie das zerfurchte Gestein der Klippen. Vor Kälte und Erschöpfung zitternd richtete sie sich auf und drängte sich an der Felswand entlang, bis sie auf einen breiten Spalt stieß. Mit letzter Kraft stolperte sie hindurch und fiel zu Boden.

Als sie die Augen aufschlug, blickte sie in tiefe Dunkelheit. Schmerzen schossen durch den Knöchel ihres rechten Fußes, als sie sich erhob. Der Bruch wollte einfach nicht heilen. Mit ihren klammen Fingern öffnete sie den Reißverschluss ihrer Lederjacke, um die Taschenlampe hervorzuziehen. Mitten in der Bewegung hielt sie inne und runzelte die Stirn.

Es war still.

Der Sturm mochte weitergezogen sein, doch was war mit dem Rauschen des Meeres?

Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie den Schalter der Taschenlampe betätigte. Der Lichtstrahl traf auf steile Felswände, eine steinerne Decke wölbte sich in großer Höhe über ihr. Sie befand sich in einer der vielen Grotten, die sich in den Klippen an der Küste verbargen und in die sie sich nachts zum Singen zurückzog. Doch diese Höhle war anders: Es gab keinen Weg hinaus.

Schon wieder, sagte die vertraute Stimme in ihrem Kopf.

„Ja“, flüsterte die Frau und schloss erschöpft die Augen.

Sie ängstigten sie nicht mehr, diese merkwürdigen, unerklärlichen Ereignisse, die sie seit dem Tod ihres kleinen Bruders vor vier Jahren begleiteten: Stimmen, Erscheinungen, Ahnungen und Visionen. Die Frau wusste, dass sie über besondere Gaben verfügte, und sie wusste, dass sie anders war.

Reglos stand sie da und starrte gegen die Höhlenwand. Plötzlich stutzte sie. Knapp über dem Boden direkt vor ihr befand sich ein etwa faustgroßes Loch. Sie ging in die Hocke und schlug mit dem Griff der Taschenlampe gegen das die Öffnung umgebende bröckelnde Gestein, bis sich eine kleine Nische vor ihr auftat. Ein flacher Gegenstand schimmerte ihr rötlich entgegen.

Ihre Hand zitterte leicht, als sie in die Öffnung griff, ihre breiten Silberringe schabten kalt über den Fels. 

Lass es in Ruhe!

Die Frau schenkte der Stimme keine Beachtung. Entschlossen tasteten ihre Finger nach dem Gegenstand und zogen ihn heraus.

Es war ein schmales, in dunkelrotes, fleckiges Leder gebundenes Buch. François Ledoux und Zeit der Schatten stand in goldenen Buchstaben auf dem Einband. Sie schlug das Buch auf und fand das Erscheinungsdatum: Paris, 1939. Auf der gegenüberliegenden Seite stieß sie auf handgeschriebene Worte, die nahezu verblasst waren. Sie kniff die Augen zusammen, um sie im Licht der Taschenlampe entziffern zu können.

Für J.

auf ewig

M.

Die Frau setzte sich auf den sandigen Boden, lehnte ihren Rücken gegen die Felswand, zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Dann schlug sie das erste Kapitel auf und begann zu lesen.

Es begab sich zu einer Zeit, als die Fledermäuse fast das ganze Gebiet von Nutraq beherrschten. Dunkelheit hatte sich vor vielen Jahren über Teile des Landes gelegt und die Menschen weit in den Süden zurückgedrängt, wo sie in großen Siedlungen auf die Erfüllung der Prophezeiung warteten. Bisher war es niemandem gelungen, die Große Finsternis zu beenden. Doch nun schien sich das Blatt zu wenden. Log, ein Bergspringer aus Unkal, hatte verkündet, das Licht nach Nutraq zurückzubringen. Er stand nicht allein, eine Tulag und ein Südländer unterstützten ihn bei seinem Vorhaben.

Die Frau senkte das Buch in ihren Schoß und runzelte die Stirn. Nachdenklich strich sie mit den langen Fingern über den Einband. Das Leder fühlte sich warm und lebendig an.

2. Zeit der Schatten

„Jo! Jo!“

Die Stimme ihres Bruders drang wie durch Watte zu ihr. Sie schlug die Augen auf und blickte in sein verärgertes Gesicht.

„Hast du den Verstand verloren? Wieso musst du dich in einem solchen Sturm bei den Klippen herumtreiben?“

Sie blinzelte.

„Seit Stunden bin ich auf der Suche nach dir und habe fast jede dieser verdammten Höhlen abgeklappert.“ Er holte tief Luft. „Und ausgerechnet hier muss ich dich finden.“

Jo musterte ihren Bruder. Wenn er wütend war, färbte sich das rechte Ohr dunkelrot und seine buschigen, dunklen Augenbrauen zogen sich so weit zusammen, dass sie einen breiten Balken bildeten.

„Hörst du mir überhaupt zu?“

Klar, dachte sie. „Wie bist du hier hineingekommen?“

Motz verzog das Gesicht. „Wie schon?“ Er streckte seinen Arm aus.

Jos Augen folgten der angezeigten Richtung und starrten auf einen breiten Spalt in der Felswand, durch den Tageslicht und das Rauschen der Brandung in die Höhle drangen.

Hmm.

„Es ist schon schwer genug zu verstehen, dass du nachts die Höhlen aufsuchst, um zu singen, statt dich wie jedes andere normale Mädchen mit Freunden zu treffen und Spaß zu haben, aber dass du bei diesem Wetter das Haus verlassen hast, das ist doch ...“ Er ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen.

Jo presste die Lippen aufeinander.

„Du solltest dir helfen lassen.“

Ihr Kopf fuhr herum, ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Warum kannst du mich nicht so nehmen, wie ich bin?“

Motz ging vor ihr in die Hocke und legte seine Hände auf ihre Schultern. „Weil ich mir Sorgen um dich mache.“ Er hielt kurz inne. Seine Stimme klang sanft, als er fortfuhr: „Du tust solch merkwürdige Dinge, Jo. So wie gestern, als du Marie erzählt hast, sie habe nicht mehr lange zu leben. Sie ist seitdem völlig verstört.“

„Du weißt, dass meine Vorhersagen stimmen.“

„Ach Jo!“ Er zog seine Hände zurück und richtete sich auf.

„Du weißt es.“

Er schüttelte den Kopf und warf ihr einen Blick zu, in dem sich Ärger und Kummer die Waage hielten. Eine Weile sprach keiner von beiden ein Wort.

„Komm schon. Großmutter ist außer sich vor Sorge.“

Jo stopfte das Buch und die Taschenlampe in ihre Jacke und erhob sich. Vor Erschöpfung wankend folgte sie ihrem Bruder aus der Höhle hinaus ins Freie. Feiner Morgendunst hing über dem Strand und dem türkisfarbenen Wasser, das sich weit zurückgezogen hatte. Ein kühler Wind wehte die Gerüche nach Salz, Algen und Vergänglichkeit herbei. Sie legte den Kopf in den Nacken. Die Sturmwolken der Nacht waren abgezogen, über ihr strahlte das tiefe Blau eines schönen Herbstmorgens.

Als sie noch einmal zurückschaute, erkannte sie, wo sie die Nacht verbracht hatte, und seufzte leise. Motz und sie hatten Großmutter vor vielen Jahren das Versprechen geben müssen, diese Höhle niemals zu betreten.

Schweigend hinkte sie neben Motz den bodennebligen Dünenpfad entlang, der zwischen den Klippen hindurch vom Strand ins Dorf führte. Endlich erreichten sie die vor dem Haus wuchernden Hortensienhecken, deren von Tau getränkte Blüten rosa-violett in der Sonne schimmerten. Sie erklommen die alten Steinstufen und schoben die schwere Haustüre auf.

Großmutter schoss aus der Küche in den Flur. „Gott sei Dank!“ Sie schlang die Arme um ihre Enkelin und drückte sie an sich.

Jo schwieg.

„Du bist ja ganz klamm.“ Sie löste die Umarmung. „Eine heiße Dusche wird dir guttun.“

Jo nickte dankbar, stieg die knarrenden Holzstiegen empor und betrat das Bad. Während sie sich auszog, fiel ihr Blick in den Spiegel über dem Waschbecken. Ihr Gesicht war blass, selbst ihre dunkelgrünen Augen hatten ihre kräftige Farbe verloren. Die Piercings an Augenbrauen und Nase schimmerten matt. Ihre schulterlangen rotbraunen Locken, die normalerweise in alle Richtungen standen und sich nicht bändigen ließen, klebten an Kopf und Nacken. Sie verzog den Mund und wandte sich ab.

Nach dem Duschen ging sie in ihr Zimmer, holte das Buch hervor und kuschelte sich ins Bett. Ein leichter Wind wehte durch das Fenster hinein und legte sich auf ihr feuchtes Haar. Fröstelnd schlug sie das Buch auf.

Myrek zuckte mit der Flügelspitze. „Der Bergspringer und der Südländer machen mir keine Sorgen. Wie stark ist diese Tulag?“

Nisko spreizte die Schwingen. „Es ist Mell, die Tochter von Karg. Man sagt, sie sei mächtiger als ihr Vater.“

„Kennst du ihre Pläne?“

„Noch nicht.“ Nisko legte die Ohren an. „Ist sie die Frau aus der Prophezeiung?“

Myrek stieß einen zischenden Laut aus. „Wie oft muss ich es dir noch sagen: Diese Prophezeiung ist hilfloses Gerede eines Sehers der Südnomaden.“

„Er war der Seher des Königs“, wandte Nisko ein.

„Ja, leider, sonst hätte niemand seinen Worten Beachtung geschenkt. Kümmere dich um Mell.“

Myrek breitete die Flügel aus und erhob sich in die Luft.

Ein entfernter Donner kündigte ein Gewitter an. Blinzelnd huschten Jos Augen über die letzten Zeilen des Kapitels.

Mell keuchte vor Erschöpfung. Das Haar hing ihr in wirren Strähnen ins bleiche Gesicht. Seit Wochen schwanden ihre Kräfte, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Auch die Heiler waren machtlos, und eine dunkle Ahnung beschlich Mell, dass ihre Schwäche nicht natürlichen Ursprungs sein könnte. Doch seit wann verfügte Myrek über Zauberkräfte? Sie hörte Logs Schritte und richtete sich auf. In seinen Augen sah sie, dass er keinen Erfolg gehabt hatte.

„Ich brauche deine Hilfe, Mell.“ Er reichte ihr die Hand und zog sie hoch. „Was ist denn nur mit dir?“

Ich sterbe, dachte sie.

Jo erhob sich und humpelte zum Fenster. Dunkle Wolken waren über dem Meer aufgezogen und schickten Blitze wie zittrige gelbe Finger auf das Wasser hinab. Weit entfernt rollten Donner heran.

Sie wandte sich ab, trat an den kleinen Schreibtisch und nahm von einem Stapel Papier das oberste Blatt in die Hand. Zahllose Noten tanzten darüber, ohne Notenlinien und scheinbar zusammenhanglos. Zufrieden lächelnd fuhr Jo sich durch die Locken, während sie der Melodie in ihrem Kopf lauschte. Leise und tief, ein stiller See, fauchend und wild, ein reißender Fluss, warm und zart, ein Sommerhauch, kalt und silberfrostig, ein Winterlicht.

Ein Donner knallte, die Musik verstummte. Das Blatt Papier fand seinen Weg zurück auf den Stapel.

Sie legte sich wieder auf das Bett und starrte gegen die Zimmerdecke, während ihre Gedanken zu ihrem Bruder wanderten. Glaubte er tatsächlich, was er in der Höhle zu ihr gesagt hatte? Gab es denn außer Großmutter niemanden, der zu verstehen suchte, was in ihr vorging?

Jeder ist für sich allein, sagte die vertraute Stimme.

Jo machte eine wegwerfende Handbewegung. Es spielte keine Rolle mehr, was Motz von ihr hielt. Nach den Ferien ging er mit seinem Freund Luc zum Studium nach Paris, während sie zu ihren Eltern nach Berlin zurückkehrte. Sie würden sich nicht mehr oft sehen. Langsam fielen ihre Augenlider zu und sie versank im Schlaf.

Als sie erwachte, war das Gewitter abgezogen. Kalte, feuchte Luft drängte durch das Fenster in den Raum. Jo presste die Bettdecke an sich und wandte sich wieder dem Buch zu. Stunden später blätterte sie die letzte Seite um.

Mell beobachtete die Schlacht von einem entfernten Hügel aus. Sie hatte sich von Log an einen Baum binden lassen, da sie vor Schwäche nicht mehr stehen konnte. Immer wieder fielen ihr die Augen zu und bald gab sie es auf, sie wieder zu öffnen. Sie hatte genug gesehen. Die Armee der Fledermäuse hatte die Streitkräfte der Menschen zur Küste zurückgedrängt und auch die letzten Gebiete des Lichts in tiefe Finsternis gehüllt. Mell hatte versagt, doch sie war zu erschöpft, um Bedauern zu empfinden.

Als Log zu ihr zurückkehrte, war sie bereits tot.

Sie wurde in der letzten Stadt der Menschen beigesetzt. Am dritten Tag der Totenwache kamen die Fledermäuse.

Die Zeit der Menschen war vorüber.

Jo schlug das Buch zu und betrachtete es nachdenklich. Warum hatte sich jemand die Mühe gemacht, es vor der Welt zu verstecken und in der Höhle einzumauern?

3. Enthüllungen

Am nächsten Morgen ergriff Jo das Buch und verließ das Zimmer. Am Fuß der Treppe traf sie auf Großmutter, die sie mit ihren blauen Augen musterte.

„Geht es dir gut?“

Jo nickte.

„Bitte geh nicht mehr bei …“

„Ja“, unterbrach Jo sie. „Ich verspreche es.“

Sie hatte vorgehabt, Großmutter nach der Widmung zu fragen, doch etwas ließ sie zögern. Stirnrunzelnd verbarg sie die Hand, in der sie das Buch trug, hinter ihrem Rücken.

„Was hast du da?“

„Nichts.“

Großmutter zog die Brauen hoch, setzte die Brille auf, die an einer Kette um ihren faltigen Hals hing, und streckte ihre Hand aus.

Jo wich einen Schritt zurück.

Großmutter trat näher.

Furcht stand zwischen ihnen, doch es war nicht Jos Furcht.

Großmutter nahm ihr das Buch aus der Hand, las den Titel und riss die Augen auf. Mit zitternden Händen schlug sie den Einband auf und blätterte die erste Seite um. Ihre Miene wurde starr, ihre fröhlichen Augen kalt und grau. Das Buch glitt aus ihren Händen auf den Holzboden.

„Hast du es gelesen?“ Ihre Stimme war nur noch ein Hauch.

Jo stutzte. „Ja, wieso?“

Großmutter sank stöhnend gegen die Wand des Flures, ihr schneeweißes, zu einem Knoten gestecktes Haar löste sich und fiel ihr auf die Schultern. „Was hast du getan?“

Jo starrte in das Gesicht der alten Frau, aus dem jegliche Farbe gewichen war. „Großvater!”

Die Ateliertür sprang auf. „Was gibt es?“

„Komm schnell her!“

Er lief herbei und fing seine Frau auf, die an der Wand zu Boden gleiten drohte. „Julie, was ist mit dir? Soll ich nach Doktor Maroux rufen?“

Sie nickte stumm, Entsetzen im Blick. Er trug sie ins Wohnzimmer und legte sie auf das Sofa. Jo kniete sich vor sie und hielt ihre eiskalten Hände. Einige Minuten später kam der Arzt und Jo zog sich mit Motz, der vom Joggen zurückgekehrt war, auf die windige Terrasse zurück. Fröstelnd zündete sie sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Sie warf Motz einen lauernden Blick zu, doch die Vorwürfe blieben aus.

„Was ist passiert?“, fragte er stattdessen und musterte sie mit gerunzelter Stirn.

„Großmutter hat das Buch gesehen, das ich letzte Nacht in der Höhle gefunden habe. Es hat sie furchtbar erschreckt.“ Sie zog noch einmal an der Zigarette und zertrat die Kippe auf den Steinfliesen.

Motz krallte seine Finger in ihren Arm. „Du hast ein Buch aus der Höhle mitgenommen?“ Er hatte seine Stimme zu einem zornigen Flüstern gesenkt. „Ist dir nicht der Gedanke gekommen, dass dieses Buch der Grund sein könnte, warum wir diese Höhle nicht betreten sollten?“

Jo blinzelte. Nein, dieser Gedanke war ihr nicht gekommen. Sie riss sich los und lief auf den Rasen. Furcht strich um ihre Beine.

Sie hörte, wie sich der Arzt verabschiedete. Kurz darauf trat Großvater auf die Terrasse. Tiefe Falten hatten sich in seine Stirn gegraben, sein weißes Haar hing ihm wirr ins Gesicht.

„Großmutter hat eine Beruhigungsspritze bekommen, es wird ihr bald besser gehen.“ Seine Stimme klang müde und traurig zugleich. „Und dann müssen wir reden.“

Motz warf Jo einen bösen Blick zu, bevor er ihm ins Wohnzimmer folgte. Dort ergriff Großvater das Telefon und wählte eine Nummer.

„Melinda? Das Buch.“ Er räusperte sich. „Es ist gefunden worden.“

Jo blieb reglos auf der Schwelle der Terrassentüre stehen. Das Buch? Was hatte das zu bedeuten?

Nach dem Telefonat bat Großvater Motz, die Heilerin Melinda und ihren Mann Marcel abzuholen und herzubringen. Beim Hinausgehen sah Motz seine Schwester fragend an. Sie zuckte mit den Achseln.

„Großvater, was ...?“

„Später“, antwortete der, ohne sie anzusehen, und setzte sich neben seine Frau auf das Sofa.

Jo verließ das Wohnzimmer, betrat die Küche und ließ sich auf die Holzbank sinken. Sie stützte den Kopf auf ihre Hände und schloss die Augen. Die Ahnung, etwas Furchtbares in Gang gesetzt zu haben, ließ sie schaudern.

Bald kehrte Motz mit Melinda und Marcel zurück. Jo begrüßte die beiden und begab sich mit ihnen ins Wohnzimmer, wo sie sich neben ihren Bruder auf das von hohen Bücherregalen umrahmte alte Ledersofa setzte. Marcel, den alle den Schweigsamen nannten, stellte sich zu Großvater an den Kamin. Jo musterte ihn. Er war groß und kräftig, seine Haut straff und seine Augen klar. Er wirkte wie ein Mann von höchstens vierzig Jahren, doch sie wusste, dass er fast doppelt so alt war. Das Gesicht der Heilerin war hingegen noch runzeliger, als Jo es in Erinnerung hatte, doch ihre blassen Augen waren wach wie eh und je und sahen zu Großmutter, die mittlerweile in einem der Ohrensessel saß und auf die in ihrem Schoß liegenden Hände starrte. Die Blässe in ihrem Gesicht war einem Hauch von Rot gewichen.

Das Licht stahl sich aus dem Raum, als wollte es der düsteren Stimmung entfliehen. Wind fegte um das Haus und trieb Regentropfen gegen die Terrassentür. Jo sehnte sich danach, ins Freie zu laufen, in Wind und Regen. Sie sah auf und stellte fest, dass Melinda sie beobachtete.

„Hol das Buch, Jo.“ Die Heilerin ließ sich ächzend in dem Sessel vor dem Kamin nieder.

Jo erhob sich zögernd und betrat den Flur. Das Buch lag noch immer auf den Holzdielen, unscheinbar und harmlos. Sie betrachtete es nachdenklich, während sie in die Knie ging. Die Seite mit der Widmung war aufgeschlagen. Welch düstere Geschichte verbarg sich dahinter? Stand das J für ihre Großmutter Julie? War dies der Grund für ihr Entsetzen? Sie schlug das Buch zu und kehrte damit ins Wohnzimmer zurück. Melinda nahm es ihr aus der Hand, sah es mit einem Ausdruck des Bedauerns an und warf es ins Feuer.

Jo hob die Brauen, ein Moment der Verwunderung. Sie setzte sich und lehnte sich gegen die Sofakissen. Soll es doch verbrennen.

Melinda lächelte wissend und blickte in die Flammen, die das Buch umzüngelten. Ein schwaches bläuliches Licht überzog den Einband und die in das Leder geprägten Buchstaben blitzten hell auf.

„Marcel, bitte“, sagte sie endlich. Der Schweigsame holte das Buch mit dem Feuerhaken aus dem Feuer, nahm es zu Jos Erstaunen in seine bloßen Hände und überreichte es der Heilerin. Es war gänzlich unbeschädigt.

„Man kann das Buch nicht verbrennen.“ Melinda sprach so leise, dass Jo sie kaum hörte. „Man kann es auch nicht zerreißen, zerschneiden oder ertränken. Es lässt sich nicht zerstören.“ Sie machte eine kurze Pause. Ihr Atem ging schwer. „Aus diesem Grund habe ich es vor fünfundsechzig Jahren in der Höhle verborgen.“

Jo musterte die Heilerin überrascht. Sie hatte das Buch versteckt? War sie die M aus der Widmung?

Motz rutschte unruhig auf dem Sofa hin und her. „Worum geht es hier eigentlich?“

„Dieses Buch hätte nie gefunden werden dürfen.“ Melindas Augen bohrten sich in die von Jo, während der Ausdruck großen Leides wie eine Wolke über ihr Gesicht huschte.

Jo seufzte innerlich und warf Großmutter einen Blick des Bedauerns zu, den diese nicht wahrzunehmen schien. Sie wollte zu ihr laufen, ihr erklären, dass sie im Sturm nicht gemerkt hatte, in welcher Höhle sie Zuflucht gefunden hatte. Dass sie das Versprechen nicht gebrochen hatte. Doch sie bewegte sich nicht.

Melinda räusperte sich. „Eure Urgroßmutter Judith ist in diesem Raum gestorben.“ Ihre Stimme klang mit einem Mal dunkel und unendlich traurig. „Doch war es keine Krankheit, die ihr den Tod brachte.“ Sie hielt inne.

„Sie wurde ermordet.“

„Ermordet?“, fragten Jo und Motz gleichzeitig.

Melinda nickte, lehnte sich zurück und schloss die Augen.

„Das Unglück nahm im Januar 1940 seinen Anfang. Eure Urgroßmutter Judith lebte in jener Zeit mit ihrem Mann Edouard, einem bekannten Maler, und ihrer Tochter Julie, eurer Großmutter, in Paris. Es war eine schwere Zeit. Frankreich hatte Deutschland im Herbst zuvor den Krieg erklärt und viele Pariser verließen die Stadt. Auch Judith hatte vor, hierher zu ihren Eltern zu fliehen, doch zunächst stand Edouards Ausstellung in einer großen Pariser Galerie an. Trotz oder vielleicht gerade wegen der gedrückten Stimmung und der Angst vor einem Angriff der Deutschen war das Interesse an Kunst in Paris damals sehr groß. Judith wohnte in der Nähe des Friedhofs Père Lachaise, den sie täglich aufsuchte, da ihre Erstgeborene dort begraben lag.“

Jo stutzte. „Sie hatte noch ein Kind?“ Davon hatte Großmutter nie gesprochen.

„Ja, Simone. Sie starb bei der Geburt. Eines Tages lernte Judith auf dem Friedhof den Heiler Mádo kennen, der dort jeden Nachmittag das Grab seiner Frau besuchte. Zwischen den beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft. Oft wanderten sie gemeinsam durch die Alleen des Friedhofs und tranken hinterher eine Tasse Tee in Mádos Praxis, die sich direkt gegenüber dem Friedhofseingang befand. Als Judith sich eines Tages nach dem Tee von Mádo verabschiedete, betrat ein Mann die Praxis.“

Melinda schwieg, ihre Augen starrten ins Leere.

„Ich habe noch gut in Erinnerung, wie Judith ihn beschrieb“, fuhr sie leise fort. „Groß, mit pechschwarzen Augen ohne Pupillen, mit dunkelgrauen Haaren und Augenbrauen. Selbst die Haut und die Lippen hatten einen grauen Schimmer.“ Die Heilerin sah auf. „Ihr wisst, wie attraktiv eure Urgroßmutter war.“

Jo nickte stumm. Die wenigen Schwarz-Weiß-Fotos, die Großmutter besaß, zeigten eine große, elegante Frau. Hüftlange, dunkle Haare umrahmten ein stolzes Gesicht mit hellen Augen und einem ansteckenden Lächeln.

„Sie war es gewohnt, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch dieser Mann starrte sie auf eine Art und Weise an, die ihr zutiefst unheimlich war. Mádo stellte ihn als Mexx vor. Als Judith am nächsten Tag von Edouard erfuhr, dass ein gewisser Mexx vier seiner Bilder zu einem sehr hohen Preis gekauft hatte, zog sie kurz in Erwägung, ihn zu bitten, die Bilder zurückzukaufen, doch sie verwarf den Gedanken. Was hätte sie auch als Begründung angeben sollen? Dass Mexx ihr nicht geheuer war? Sie befürchtete, dass Edouard sie auslachen würde.“

„Na ja, er hat schließlich nur ein paar Bilder gekauft. Das ist wirklich kein Grund, um in Panik zu geraten“, bemerkte Motz.

„Er hat leider noch viel mehr als das getan“, hauchte Großmutter.

„Am nächsten Morgen fand Judith vor der Wohnungstür einen Strauß Rosen mit einer Karte von Mexx. Sie warf die Blumen fort. Am Nachmittag des gleichen Tages standen frische Rosen auf dem Grab ihrer Tochter. Judith war darüber sehr zornig, suchte Mádo auf und fragte ihn nach Mexx' Adresse, weil sie ihn zur Rede stellen wollte. Als sie dem Heiler anvertraute, dass sie sich vor Mexx fürchtete, erklärte der sich sofort bereit, noch am Abend für Judith mit Mexx zu sprechen. Sie nahm sein Angebot gerne an.“

„War Mexx ein Patient von Mádo?“, unterbrach Motz die Erzählung.

„Nein. Mádo hatte ihn auf einer Versammlung von Ärzten und Heilern kennengelernt, die sich mit magischer Heilkunst beschäftigten. Als Mexx erfuhr, dass Mádo ein Buch über dieses Thema schrieb, bot er seine Unterstützung an. Er behauptete, von einer Insel zu stammen, auf der Magie praktiziert wurde.“

Jo wurde hellhörig. 

Motz' Blick verriet, was er davon hielt. „Welche Insel soll das denn gewesen sein?“

„Sie hieß Thuroth.“

Er schnaubte. „Thuroth? Nie gehört.“

Melinda nickte. „Niemand kannte diese Insel, sie war auf keiner Landkarte verzeichnet und Mexx war nicht bereit, ihre Lage zu offenbaren. Nach anfänglichen Zweifeln begann Mádo jedoch, die Berichte von Mexx für authentisch zu halten. Sie enthielten Details über magische Heilkunst, die weit über das vorhandene schriftliche Quellenmaterial hinausgingen und es folgerichtig ergänzten. Das konnte sich Mexx nicht ausgedacht haben. Mádo war schließlich überzeugt, dass Thuroth wirklich existierte.“

Jo stutzte.

„Judith verabredete sich mit Mádo für den Nachmittag des nächsten Tages und verabschiedete sich. Auf dem Bürgersteig vor seiner Praxis wurde sie von einer Bekannten aufgehalten und beobachtete, dass Mádo mit seiner Tasche das Haus verließ. Das war das letzte Mal, dass sie ihn sah.“

Motz beugte sich vor. „Das letzte Mal?“

Melinda nickte. „Am nächsten Nachmittag klingelte eure Urgroßmutter zu der vereinbarten Zeit an der Türe seiner Praxis, aber er öffnete nicht. Es war nicht seine Art, ein Treffen mit ihr zu vergessen, und sie vermutete, dass er zu einem Notfall gerufen worden war und sie später von ihm hören würde. Doch er meldete sich weder später noch am nächsten Tag. Auch das Grab seiner Frau hatte er nicht besucht, denn die Blumen in der Vase vor dem Eingang zur Familiengruft waren verwelkt.

Judith begann, sich Sorgen zu machen, und schaltete die Polizei ein. Die Praxis wurde durchsucht, doch es fand sich weder eine Spur von Mádo noch ein Hinweis auf einen Einbruch oder einen Kampf. Nur Mádos Manuskript war von seinem Schreibtisch verschwunden. Judith erzählte den Polizisten von der geplanten Verabredung zwischen Mádo und Mexx, woraufhin ihr versichert wurde, dass Mexx befragt werden würde.“

„Was hat Mexx ausgesagt?“, wollte Jo wissen.

Melinda holte tief Luft. Die Erzählung schien sie viel Kraft zu kosten.

„Er behauptete, Mádo an dem Tag seines Verschwindens nicht getroffen zu haben, da jener die Verabredung wegen eines kranken Cousins abgesagt hätte. Doch Mádo hatte keinen Cousin, das wusste Judith. Seine einzigen Verwandten waren seine fünfjährige Tochter und seine Schwester, bei der das Mädchen aufwuchs.“

„Hat sich die Polizei mit Mexx' Aussage zufriedengegeben?“, fragte Motz stirnrunzelnd.

„Ja. Sie hat die Suche nach Mádo bald eingestellt, obwohl Judith immer wieder vorsprach.“

Motz schüttelte den Kopf. „Unglaublich.“

„Einige Abende später begaben sich Judith und Edouard zu Mexx' Abschiedsfest in sein Haus in der Rue de Rivoli, zu dem Mexx die beiden eingeladen hatte. Judith begleitete Edouard nur, um etwas über Mádo zu erfahren. Nach dem Essen bat sie Mexx um ein Gespräch unter vier Augen. Er führte sie in einen Raum im Obergeschoss. Ich erinnere mich, dass Judith einen großen Wandteppich mit einem Stammbaum von Mexx' Familie erwähnte, der dort hing.

Bevor sie die Sprache auf Mádo bringen konnte, riss Mexx sie an sich und versuchte sie zu küssen. Judith wehrte sich verzweifelt, doch aus seiner Umarmung gab es kein Entrinnen. Er hielt ihr den Mund zu, um sie vom Schreien abzuhalten, und raunte ihr zu, dass er sie nun mit in seine Heimat nehmen würde.“

Jo hob die Brauen. „Dann war ihre Angst also berechtigt gewesen.“

„Oh ja, das war sie“, erwiderte Melinda finster und fuhr fort. „Wenig später stürmte Edouard auf der Suche nach seiner Frau in den Raum. Er schlug Mexx nieder, ergriff Judith und stürzte mit ihr aus dem Haus. Nur vier Worte schrie Mexx hinter ihnen her: Ich verfluche dich, Judith. Diese Worte hat eure Urgroßmutter nie mehr vergessen.“

Die Heilerin seufzte leise. „Die Polizisten der nächstgelegenen Polizeistation nahmen ihre Aussage auf und erklärten sich auf ihr Drängen bereit, bis zur Klärung der Angelegenheit den Polizisten Jules zu ihrem Schutz abzustellen.“

Motz beugte sich vor. „Haben sie Mexx festgenommen?“

„Nein. Als sie sein Haus erreichten, war das Fest noch in vollem Gange, doch Mexx war laut Auskunft seines Personals bereits auf dem Weg in seine Heimat.“

„Was hat dies alles mit dem Buch zu tun?“, fragte Jo ungeduldig.

„Das Buch, ja …“ Melinda ergriff es und drehte es in ihrer Hand.

„Judith fand es vor ihrer Wohnungstür, als sie heimkam. Als sie es aufschlug, entdeckte sie die Widmung: Für J. auf ewig M.“

Großmutter sah auf. Leid und Trauer standen ihr ins Gesicht geschrieben. „Sie hat es gelesen“, flüsterte sie.

Was ist so schlimm daran?

Motz räusperte sich und Jo spürte seine Ungeduld. Er schien das Ende der Erzählung kaum abwarten zu können.

„Ja, sie hat es gelesen“, bestätigte Melinda ohne eine weitere Erklärung und holte tief Luft. „Und dann verschwand Jules, der Polizist, spurlos.“

Noch ein Verschwundener. „Ist er auch nie wieder aufgetaucht?“

Melinda schüttelte den Kopf.

„Nach der Ausstellung kam Judith mit Edouard und Julie hierher. Ich war damals Hausmädchen bei ihren Eltern und freundete mich mit ihr an. Sie litt an einer starken Erschöpfung, die kein Arzt kurieren konnte. Auch meine Heilkünste brachten keine Linderung. Sie wurde immer schwächer. Eines Tages zeigte sie mir das Buch ‘Zeit der Schatten’ und weihte mich in ihre Befürchtung ein, dass Mexx das Buch mit dem Fluch belegt habe, sie das Schicksal der Protagonistin Mell erleiden zu lassen.“

Ein Fluch? Jo blinzelte. Hör gut zu, sagte die Stimme in ihrem Kopf.

„Ich erinnere mich, wie Judith zu weinen begann. Sie fühlte wohl, dass sie alles verlieren würde, ihr Leben, Edouard und Julie.“

Jo sah den Regentropfen zu, wie sie an der Glasscheibe hinabperlten.

„So ein Unsinn“, hörte sie Motz murmeln.

„Ich schickte Marcel auf die Suche nach Mádos Manuskript, weil ich hoffte, darin Informationen über Flüche und ihre Aufhebung zu finden. Er stellte die ganze Praxis auf den Kopf, doch die Aufzeichnungen blieben unauffindbar. Wir konnten nichts mehr für Judith tun.“

„Vielleicht hätte man noch weitere Ärzte hinzuziehen sollen.“ Motz' Stimme klang vorwurfsvoll. 

Melinda schüttelte den Kopf. „Judith war nicht krank.“ Sie hielt das Buch hoch und drehte es in ihrer Hand. Ein Funkeln sprang in ihre Augen, flackernd wie ein Kerzenlicht vor dem Erlöschen. Langsam fasste sie sich wieder und atmete tief durch.

„Als Judith ein halbes Jahr, nachdem sie das Buch gelesen hatte, ihr Ende nahen fühlte, nahm sie mir das Versprechen ab, mich um eure Großmutter Julie zu kümmern. Sie starb drei Wochen später und wurde hier auf dem Friedhof beigesetzt. Edouard kehrte nach Paris zurück und wurde dort von einem Auto überfahren, als er betrunken die Straße überquerte.“

4. Ein Entschluss

Angespannte Stille erfüllte das Wohnzimmer, nur durchbrochen von Großmutters leisem Schluchzen und dem Prasseln des Feuers im Kamin. Motz erhob sich langsam und sah in die Runde. Er schien die Worte abzuwägen.

„Ihr seid also der Ansicht, Judith sei an einem Fluch gestorben. Ihr könnt natürlich glauben, was ihr wollt, aber erwartet nicht, dass wir diesen Unsinn ebenfalls für die Wahrheit halten. Und ich kann nur hoffen“, seine Stimme nahm einen bedrohlichen Unterton an, „dass ihr uns nicht einreden wollt, Jo sei in Gefahr, weil sie dieses Buch gelesen hat.“

Die Großmutter sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

„Großmutter“, sagte Motz mit gepresster Stimme und ging einen Schritt auf sie zu. „Willst du denn nicht einsehen, dass deine Mutter an einer unbekannten Krankheit litt? Es mag ja sein, dass sie an den Fluch glaubte, aber daran gestorben ist sie sicher nicht. Es gibt keine Flüche!“

„Du weißt nicht, wovon du redest.“ Melindas Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen verengt.

Motz lachte auf. „Warum weigerst du dich, den Tatsachen ins Auge zu sehen und zuzugeben, dass Judith todkrank war? Warum erfindest du diese dramatische Geschichte? Menschen sterben nun einmal, Melinda, dafür braucht es keine Flüche.“

„Ich habe nichts erfunden“, krächzte die Heilerin. Ihre Wangen färbten sich dunkelrot.

„Das reicht jetzt!“ Die Stimme des Großvaters dröhnte durch das Zimmer.

„Ja, Großvater, ich gebe dir recht. Es reicht wirklich, ich möchte von diesem Blödsinn nichts mehr hören. Verschont uns in Zukunft damit.“ Motz wandte sich zum Gehen. „Komm, Jo.“

„Geh schon vor“, sagte Jo leise.

Ihr Bruder verdrehte die Augen und verließ kopfschüttelnd das Wohnzimmer. Sekunden später fiel die Haustür ins Schloss. Jo lauschte ihm nachdenklich hinterher.

War ihre Urgroßmutter wirklich an einem Fluch gestorben oder war dies wieder eine von Melindas düsteren Geschichten? Jo schüttelte leicht den Kopf, bevor sie sich den Großeltern zuwandte.

„Was macht euch so sicher, dass es ein Fluch war, der Judith den Tod brachte? Warum kann es keine Krankheit gewesen sein, die zu jener Zeit nicht erkannte wurde?“

Großvater schüttelte den Kopf. „Judith zeigte dieselben Symptome und denselben Krankheitsverlauf wie Mell, die Frau aus dem Buch.“

Jo schürzte die Lippen. „Das muss nicht an einem Fluch gelegen haben.“

„Was willst du damit sagen?”, krächzte Melinda.

„Judith glaubte daran, dass Mexx sie auf dem Fest verflucht hatte, und als sie danach sein Buch fand, war sie davon überzeugt, das Schicksal von Mell erleiden zu müssen.“ Jo sah zur Großmutter hinüber. „Und dann ist es auch so gekommen.“

Großmutters Augen weiteten sich und füllten sich mit Hoffnung. „Du meinst …“

„Das Buch ist verflucht“, fiel Melinda ihr ins Wort und heftete ihren Blick auf Jo. „Willst du die Gefahr denn nicht sehen?“

Jo schüttelte den Kopf. „Dafür brauche ich mehr als deine Meinung.“

Melinda schwieg. Zorn tanzte in ihren Augen.

„Es gibt in Paris jemanden, der helfen kann.“ Großvater erhob sich und trat auf Jo zu. „Mádos Enkelin Manù lebt in dem Haus, in dem sich damals seine Praxis befand. Ich schlage vor, dass du Motz und Luc am Wochenende nach Paris begleitest und ihr mit Manù nach dem Manuskript sucht, das Marcel damals nicht finden konnte. Vielleicht habt ihr mehr Glück.“

Jo sprang auf. „Wozu soll ich nach diesen Aufzeichnungen suchen, wenn ich gar nicht weiß, ob das Buch verflucht ist?“

Melinda hob an, etwas zu sagen, doch Jo brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen.

„Das Manuskript kann auch Informationen darüber enthalten, wie man einen Fluch erkennt“, wandte Großvater ein und warf Jo einen bedeutungsvollen Blick zu.

Sie schüttelte verwundert den Kopf. „Du glaubst an den Fluch.“

Großvater nickte.

„Auch du wirst das tun“, hauchte Melinda. „Bald schon.“

Jo warf einen kurzen Blick zur Großmutter, die sich mit zittriger Hand über die Stirn fuhr, drehte sich um, eilte aus dem Raum und trat aus der Haustür ins Freie. Der Wind hatte die Regenwolken davongetrieben und sich in eine leichte Brise verwandelt, die ihr sanft über das Gesicht strich.

In Gedanken versunken folgte Jo dem hinter dem Haus beginnenden Feldweg, ohne wahrzunehmen, wohin sie ihre Schritte lenkte. Sie hatte keine Erfahrung mit Flüchen. Sie schloss nicht aus, dass es sie geben mochte, doch waren sie auch verantwortlich für den Tod ihrer Urgroßmutter? Lag es nicht viel näher zu glauben, dass Judith von der Existenz des Fluches überzeugt war und so ihren Tod selbst herbeigeführt hatte?

Ein eisernes Tor versperrte Jo den Weg. Blinzelnd erkannte sie, dass sie vor dem Eingang des Dorffriedhofs stand. Sie schob den Torflügel auf und ging auf die knorrige alte Eiche zu, deren Äste Schatten spendend über Judiths Grab hingen. Von hier aus hatte man einen wundervollen Blick über die Klippen hinaus auf das Meer, dessen Oberfläche in den vereinzelt zwischen den Wolken hervortretenden Sonnenstrahlen schimmerte. Hier möchte ich auch einmal begraben werden. Sie blickte auf den kleinen Grabstein, der die schlichte Inschrift Judith Moreau, 1920–1940 trug. Davor stand eine Vase mit verwelkten Blumen.

Müde setzte sich Jo auf die steinerne Grabumrandung. Der Wind raschelte im Herbstlaub der Eiche, ein Blatt fiel zu Boden, braun, matt, gestorben. Grillen zirpten, hell, laut, lebendig. Eine kleine Eidechse huschte über den Boden und verschwand in der Steinmauer, die den Friedhof umrandete. Tiere machten sich keine Gedanken über ihren Tod, sie lebten einfach und starben, wenn ihre Zeit gekommen war. Warum können wir Menschen das nicht auch?

„Was soll ich tun?“, hauchte sie, während sie sich über das Grab beugte und es vom Herbstlaub befreite. Was, wenn das Buch doch verflucht und sie in Gefahr war? Sollte sie nach diesem Manuskript suchen, in der Hoffnung, dass es Hinweise enthielt, wie man einen Fluch erkannte und ihn aufhob? Nur, wenn Marcel damals keinen Erfolg gehabt hatte, wie groß waren dann ihre Chancen so viele Jahre später? Oder sollte sie abwarten, ob sich die Krankheit auch bei ihr zeigte?

Nein!

Eine fremde Stimme schoss ihr durch den Kopf, während die Äste der alten Eiche im aufgefrischten Wind wogten und sich nach ihr reckten. Erschrocken sprang Jo auf und starrte auf das Grab. Die Vase mit den Blumen war umgefallen, die Blütenblätter lösten sich von den Stängeln und wehten auf sie zu. Sie fuhr herum und lief durch das Tor hinaus auf den Feldweg.

Sie wusste nun, was sie tun würde.

Kurz vor dem Strand bog sie zum Hotel von Lucs Eltern ab. Motz war dabei, im Garten Sonnenliegen zu stapeln, die wie jedes Jahr in der großen Garage über den Winter eingelagert wurden. Als er sie erblickte, winkte er sie zu sich.

„Jo, lass dich bloß nicht von diesem Unsinn beeinflussen“, sagte er aufgebracht. „Es gibt keine Flüche. Ich kann nicht fassen, dass Großvater daran glaubt, er ist doch sonst so vernünftig. Vergiss die Geschichte einfach.“

„Hmm ...“ Jo betrachtete die Hortensienbüsche, die den Rasen säumten. „Ich werde am Wochenende mit euch nach Paris fahren, um mit Mádos Enkelin nach dem Manuskript zu suchen.“

Sie wusste, was jetzt folgen würde.

Er drehte sich zu ihr, ein Lauern im Blick. „Du glaubst an Melindas Geschichte!“

Sie antwortete nicht.

„Das hätte ich mir ja denken können. Du mit deinen Ahnungen und Vorhersagen und dem ganzen Mist. Du bist echt …“

Jo reckte ihr Kinn vor.

Er presste die Lippen aufeinander und senkte den Kopf.

„Ich werde euch begleiten und nach dem Manuskript suchen.“

Motz sah auf. „Ich werde dir nicht dabei helfen.“

„Das habe ich auch nicht erwartet.“

Sie drehte sich um und ließ ihn stehen.

5 Die Suche

Morfans schlanke Gestalt stand regungslos am offenen Fenster. Seine dunklen Augen waren auf die schneebedeckten Berge im Norden gerichtet und folgten langsam dem Verlauf des Gebirges in Richtung Westen, wo es sich im Dunst verlor. Die untergehende Sonne tauchte die verschneite Landschaft in ein silbriges Licht. Erst als die Dunkelheit begann, ihre Finger auszustrecken, schlug Morfan die Augen nieder und schloss das Fenster. Er wandte sich um und durchschritt langsam den Raum, der das oberste Stockwerk des vorderen westlichen Turms der Festung einnahm. Im großen Kamin neben der Türe brannte ein Feuer, das keine Wärme schenkte. Morfan setzte sich an seinen mit Schriftrollen und Pergamentbögen bedeckten Schreibtisch vor dem Fenster und schaute auf den Nairn und den Hafen von Dùn Righ.

Es war nicht mehr viel Betrieb auf dem großen Fluss, die letzten Handelsschiffe liefen gerade in das Hafenbecken ein und wurden an den Pollern vertäut. Die Seeleute sahen zu, dass sie vor Einbruch der Dunkelheit den sicheren Hafen erreichten, denn der Nairn hatte seine Tücken und forderte schon tagsüber ihr gesamtes Können. Nachts wollte es niemand mit ihm aufnehmen. Morfan zählte fünfzehn Dreimaster, vier Zweimaster und einige kleinere Schiffe. Die Geschäfte liefen gut. Am nächsten Tag würden die Schiffe – beladen mit dem kostbaren Seegras aus dem Osten – ihre Heimreise zu den anderen Inseln antreten. Die Ernte war so gut ausgefallen wie schon lange nicht mehr und Morfan hatte entschieden, dass die Seegrasbauern in diesem Jahr die Hälfte ihrer Einnahmen an den Fürsten von Thuroth abzugeben hatten.

Einer der Dreimaster schimmerte in der Abendsonne wie frisch poliert. Das Schiff war aus dem glänzenden Gweneder Palianholz gebaut, das besondere Langlebigkeit verlieh und nur schwer zerbarst. Eine gewaltige Galionsfigur zierte den Bug und die Masten und Rahen erschienen in der Dämmerung wie Baumstämme und Geäst. Morfan strich sich stirnrunzelnd über den langen grauen Bart. Schiffe aus Gwened sah man in Dùn Righ nur noch selten. Im größten Hafen von Thuroth, in Cyfor, lagen sie im Gegensatz zu früheren Zeiten gar nicht mehr vor Anker. Sie liefen Thuroth nur noch wegen des Seegrases an und Morfan fragte sich, aus welchem Grund sie ihren Bedarf an Weizen, Gemüse und Fleisch nicht mehr hier, sondern auf den kleineren Inseln deckten.

Er wandte sich den vor ihm liegenden Papieren zu, die er im Schein der Talglampe durchblätterte und an einigen Stellen mit Notizen versah. Es klopfte. Er legte die Feder zur Seite und seine hohe Stirn legte sich in Falten.

„Herein!“

Ein kleiner Mann mit eng zusammenstehenden Augen und dichten Brauen betrat den Raum und schloss die Türe hinter sich. Sein Gesicht war schmal und blass und seine Augen bewegten sich unruhig hin und her. Er eilte auf Morfan zu und wäre dabei fast über seinen grauen Umhang gestolpert und auf den Holzboden gestürzt. Morfan musterte ihn ungeduldig.

„Saraid, was gibt es denn?“

Der Mann verneigte sich kurz. „Bitte verzeih, dass ich dich störe, aber im Hof ist eine Abordnung der Seegrasbauern, die mit dir über die gestiegenen Abgaben sprechen möchte.“

Morfans Augen funkelten. „Da gibt es nichts zu besprechen.“

Saraid fuhr sich durch die wenigen Haare, die ihm noch geblieben waren. „Sie wollen nicht bezahlen.“

Morfan kniff die Augen zusammen und presste seine schmalen Lippen aufeinander. „Erst die Minenarbeiter, jetzt die Seegrasbauern. Was ist nur mit den Bewohnern dieser Insel los, Saraid? Denken sie, sie könnten mit mir feilschen?“ Leise und drohend verließen die Worte seinen Mund. „Vielleicht war ich zu nachsichtig.“ Nachdenklich klopfte er mit seinen langgliedrigen Fingern auf das vor ihm liegende Pergament. Die Seegrasernte war eingebracht und in den nächsten zwei Monaten hatten die Seegrasbauern nicht viel zu tun.

„Ein längerer Aufenthalt in der Festung wird ihnen guttun. Nur einer von ihnen soll in ihr Dorf zurückkehren.“

Saraid lächelte. „Wie du wünschst.“ Er verneigte sich erneut und verließ das Zimmer noch hastiger, als er es betreten hatte.

Morfan lehnte sich zurück. Er sah auf einmal sehr müde aus.

Am folgenden Samstag machten sich Jo, Luc und Motz mit dem Auto auf den Weg nach Paris. Manù hatte sich am Telefon bereit erklärt, bei der Suche nach den Aufzeichnungen ihres Großvaters zu helfen, und angeboten, die drei bei sich wohnen zu lassen.

Vor der Abfahrt hatte Jo ausgiebig im Internet nach Mexx geforscht und war auf einen Eintrag über einen Heiler namens Mexx Manuèl gestoßen, der im Jahre 1850 in der Rue de Rivoli in Paris gelebt und es mit seinen Künsten zu großem Ansehen und erheblichem Reichtum gebracht hatte. Vermutlich ein Vorfahr von Mexx, da sowohl Name als auch Adresse übereinstimmten. Leider gab es keinen Hinweis darauf, woher er stammte. Unter dem Begriff Thuroth fand Jo nur eine Webseite über ein Computerspiel. Von einer Insel dieses Namens gab es im Netz keine Spur. Wahrscheinlich hatte Mexx sie erfunden, um seinen wirklichen Herkunftsort nicht preiszugeben.

Sie lauschte dem auf das Autodach trommelnden Regen und musterte Luc, der vor ihr auf dem Beifahrersitz saß. Wie Motz war er groß und kräftig, doch seine blonden, kurzen Haare und das lebhafte Hellblau seiner Augen bildeten einen starken Kontrast zu der dunklen Mähne und den braunen Augen ihres Bruders. Luc hatte nie erzählt, woher die breite Narbe stammte, die sich von seiner linken Schläfe bis zur Wange zog und ihm einen nahezu finsteren Ausdruck verlieh. Selbst Motz wusste es nicht, obwohl die beiden seit ihrer Kindheit miteinander befreundet waren. Vermutlich hatte Luc sie sich, wie auch die noch nicht verheilte Verletzung an seinem Unterarm, beim Schwertkampf zugezogen, den er seit vielen Jahren praktizierte.

Trotz des starken Regens kamen die drei gut durch und erreichten Paris gegen Mittag. Der Boulevard Mesnilmontant war leicht zu finden und bald standen sie vor einem schmalen, zweigeschossigen Haus aus grauem Stein, in dem sich vor vielen Jahren Mádos Praxis befunden hatte. An der Fassade prangte ein ovales Schild aus blauer Emaille mit goldener Schrift: Manù Feu – Lebenshilfe – Wahrsagerei. Motz klingelte und kurz darauf öffnete eine große, schlanke Frau in Jeans und T-Shirt die Tür.

„Willkommen“, sagte sie lächelnd und bat Jo, Motz und Luc mit einer Handbewegung ins Haus. Jo musterte Mádos Enkelin neugierig. Kurze, schwarze Haare krönten ein längliches Gesicht mit von dünnen Falten umrandeten Augen und schmalen Lippen. Sie machte einen jugendlichen Eindruck, doch Jo wusste von der Großmutter, dass sie fast vierzig war.

Manù schloss die Haustür hinter ihnen und verschwand mit den Worten „Stellt euer Gepäck einfach irgendwo ab“ in einem Raum zur Linken, aus dem kurz darauf das Klappern von Geschirr erklang.

Leichter gesagt als getan, dachte Jo, während sie ihren Blick über die den Flur füllenden Regale, Tischchen und Hocker gleiten ließ, die vor Büchern, Heften, Broschüren, Papieren und Landkarten überquollen. Die Magie der Kelten, Das Handbuch der Runen, Zukunftsdeutung, Zeitreisen las sie auf einigen der Buchrücken. Sie quetschte ihren Rucksack zwischen einen vom Fußboden bis zu ihrer Hüfte reichenden Stapel Bücher und eine Truhe mit Folianten und folgte dem Geruch von frisch gebackenem Brot und Basilikum in die Küche, wo Manù gerade eine Schüssel mit Nudeln auf den Tisch stellte, der mit Tellern, Besteck, Gläsern und einer Karaffe mit Wasser gedeckt war.

„Setzt euch und greift zu.“

Sie nahmen Platz, nachdem sie sich vorgestellt und die Stühle von Büchern und Zeitschriften befreit hatten.

Manù lächelte schief. „Ich komme einfach nicht dazu, aufzuräumen.“

Sie machte einen freundlichen Eindruck, doch war in ihren Augen etwas, was nicht dazu passen wollte. Sie waren dunkel und unergründlich und erschienen Jo seltsam fremd.

„Ich habe schon mit der Suche begonnen, doch noch nichts gefunden. Aber acht Augen sehen ja bekanntlich mehr als zwei“, sagte Manù, ergriff die Karaffe und begann, die Gläser zu füllen.

Luc sah fragend in die Runde. „Gibt es etwas, das ich wissen müsste?“

Mádos Enkelin hielt inne, legte die Stirn in Falten und warf Jo einen erstaunten Blick zu.

„Wir haben Luc nicht eingeweiht.“

Manùs Gesicht verdüsterte sich. „Warum nicht?“

Weil er den Fluch genauso wenig ernst nehmen wird wie Motz. Weil …

„Weil das alles Unsinn ist!“, platzte es aus ihrem Bruder heraus. „Hirngespinste einer alten Hexe!“ Er schnaufte und sein rechtes Ohr färbte sich dunkelrot. „Unsere Urgroßmutter ist an einer Krankheit gestorben, nicht an einem Fluch. Ein verfluchtes Buch! Pah!“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung, griff nach seinem Glas und leerte es in einem Zug.

Ein kurzes heftiges Funkelntrat in Manùs Augen. „Ich hoffe für deine Schwester, dass du deine Meinung noch änderst.“

Motz schüttelte entnervt den Kopf und verdrehte die Augen. Es war ihm anzumerken, dass es ihn große Mühe kostete, nicht aufzuspringen und den Tisch zu verlassen.

Einen Augenblick lang sprach niemand. Regentropfen klopften an die Fensterscheibe, durch die Jo sah, wie sich auf der anderen Straßenseite die Wipfel der Bäume des Père Lachaise im Wind wiegten.

Luc räusperte sich. „Interessantes Gespräch.“

Motz seufzte und warf seinem Freund einen Blick zu, als wolle er sich für das, was er jetzt sagen würde, entschuldigen. Dann erzählte er Judiths Geschichte. „Ich habe meinen Großeltern versprechen müssen, bei der Suche nach Mádos Manuskript zu helfen“, fügte er abschließend hinzu.

Wie Jo erwartet hatte, grinste Luc breit, als Motz geendet hatte.

„Hmm … das ist doch mal was anderes. Ich bin dabei!“

Sie kniff die Augen zusammen. „Das ist kein Spiel, Luc.“

Er drehte sich zu ihr, mit ernstem Blick. „Woher willst du das wissen?“

Sie wandte sich ab.

Nachdem Jo, Luc und Motz ihr Gepäck im Obergeschoss verstaut hatten, zeigte Manù ihnen das Haus. Es schien fast nur aus Büchern zu bestehen. In endlosen Reihen standen sie in den Regalen, auf dem Boden waren sie zu waghalsigen Türmen gestapelt, in Truhen und Kisten lagen sie scheinbar wahllos aufeinandergehäuft.

Den vieren war klar, dass Mexx die Aufzeichnungen – aus welchen Gründen auch immer – vor oder nach Mádos Verschwinden entwendet haben konnte. Es war genauso gut möglich, dass Mádo sie außerhalb des Hauses versteckt hatte. Schließlich hatte Judith ihn unmittelbar nach ihrem letzten Besuch mit einer Tasche aus dem Haus gehen sehen. Dennoch wollten sie im Haus mit der Suche beginnen.

Sie nahmen sich zunächst den Keller vor und untersuchten jedes Buch, jedes Blatt Papier und jeden Bogen Pergament. Ohne Erfolg. Sie klopften die Wände und den Fußboden ab, nahmen Maß und verglichen die Ergebnisse mit den auf den Karten eingezeichneten Grundrissen, doch sie konnten keine Abweichung feststellen. Es schien keine geheime Kammer zu geben. Nach einigen Stunden beendeten sie die Suche für diesen Tag.

„Was haltet ihr von Manù?“, fragte Luc, als er mit Jo und Motz nach dem Abendessen die Treppe ins Obergeschoss erklomm.

„Welcher vernünftige Mensch beschäftigt sich schon mit Wahrsagerei und Kartenlegen? Das mit dem Fluch hat sie natürlich auch sofort geglaubt“, sagte Motz abschätzig und drückte die Klinke zu seinem Zimmer herunter.

Jo runzelte die Stirn.

„Ich kann nur hoffen, dass wir diese Aufzeichnungen bald finden und den ganzen Unsinn vergessen können. Schließlich wollen wir unsere Zeit in Paris doch wohl anders nutzen.“ Er zwinkerte seinem Freund zu.

„Dagegen hätte ich nichts einzuwenden.“ Lucs Augen glänzten. „Wollen wir noch etwas trinken gehen?“

Motz winkte ab und Jo schüttelte den Kopf. Sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten und sehnte sich nach ihren Betten.

Jos Zimmer lag zur Straße hin und sie konnte von ihrem Fenster aus auf den Père Lachaise blicken. Sie öffnete das Fenster, lehnte sich gegen den Rahmen und zündete sich eine Zigarette an. Der Wind hatte nachgelassen und die Bäume standen reglos über den vom Licht der Laternen gelb getönten Grabsteinen und Grüften. Dort lag Judiths erstes Kind. Eine Gänsehaut überzog Jos Arme, sie schnippte die Zigarettenkippe auf die Straße, wandte sich ab und legte sich ins Bett.

Als Luc und Motz am nächsten Morgen das Haus verließen, um eine Wohnung zu besichtigen, begab sich Jo auf den Friedhof. Sie wollte das Grab von Judiths Erstgeborener besuchen. Mit Manù vereinbarte sie, dass sie die Suche nach den Aufzeichnungen später fortsetzen würden. Der Regen hatte aufgehört, Sonnenstrahlen fanden ihren Weg zwischen den Wolken hindurch und ließen die nassen Grabsteine glitzern. Jo schritt durch die breiten Alleen, über die mächtige alte Bäume schützend ihre Äste hielten, und betrachtete die mit großem künstlerischen Aufwand gefertigten Grabsteine und Grüfte am Wegesrand. Großmutter hatte ihr erklärt, wo das Grab lag, sodass Jo keine Schwierigkeiten hatte, es zu finden.

Es war klein und unscheinbar. Kein Baum und keine Blumen schmückten es, nur ein kleiner Grabstein stand in seiner Mitte, der die Inschrift Simone Moreau – geb. und gest. 20.02.1937 – warum? trug. Jo presste die Lippen aufeinander. Ihre Urgroßmutter hatte viel ertragen müssen. Sie ging in die Hocke und strich vorsichtig mit den Fingern das Moos vom Grabstein, das sich dort festgesetzt hatte. Wie traurig, dass sich niemand mehr um das Grab kümmerte.

Mádo, schoss es Jo durch den Kopf. Melinda hatte doch erzählt, das er hier regelmäßig das Grab seiner Frau in der Familiengruft besucht hatte. Sie sprang auf und steuerte auf einen Gräberplan zu, der an der Friedhofsmauer befestigt war, als sie wie vom Schlag getroffen stehen blieb. Dann fing sie an zu rennen, kam erst vor Mádos Haus zum Stehen und klingelte Sturm. Manù riss die Türe auf.

„Hat Marcel damals in eurer Familiengruft nach dem Manuskript gesucht?“

Manù starrte sie an und fuhr sich mit den Fingern über die kurzen Haare. „Soweit ich weiß, nicht“, sagte sie zögernd und schüttelte den Kopf.

Kurz darauf hastete Jo, ihren schmerzenden Knöchel ignorierend, hinter Manù auf den Friedhof zurück. Die Familiengruft der Feus lag versteckt zwischen einer alten Eiche und einer Ligusterhecke an einem kleinen Querweg. Zwei graue, etwa zweieinhalb Meter große Engel aus Stein bewachten mit finsteren Mienen ein schmiedeeisernes Tor, hinter dem eine Treppe in die Tiefe führte. Jo warf einen Blick hinunter, spürte einen eisigen Hauch und fröstelte trotz der Wärme des Herbsttages. Manù schob sie sanft beiseite, zog einen großen Schlüssel hervor und öffnete das Tor.

Langsam stiegen sie in die kalte Dunkelheit hinab. Die Treppe mündete vor einer weiteren Tür, die Manù mit demselben Schlüssel öffnete. Muffiger Geruch schlug ihnen entgegen, als sie den dahinterliegenden Raum betraten. Manù betätigte einen Schalter an der Wand und das schwache Licht von drei von der Decke baumelnden Glühbirnen enthüllte in die Seitenwände eingelassene Nischen, in denen steinerne Sarkophage standen.

„Wo liegt deine Großmutter?“, fragte Jo leise.

Manù trat auf die untere Nische am Ende der rechten Wand zu und ließ ihre Hände über den Deckel des dort liegenden Sarkophages gleiten.

„Du willst ihn öffnen“, stellte Jo fest und spürte ein leichtes Unbehagen. Sie hatte keine Angst vor den Toten – alles Böse ging von den Lebenden aus, die Toten waren friedlich –, doch sie fühlte sich nicht wohl dabei, ihre Ruhe zu stören. Gemeinsam hoben die beiden Frauen den Deckel des Sarges an und erstarrten.

Der Sarkophag war bis auf einen gewaltigen Stapel Papier leer.

Manù sog scharf die Luft ein und machte Jo ein Zeichen, den Deckel wieder abzulegen. Ohne ein weiteres Wort verließ sie die Gruft. Jo humpelte schweigend hinter ihr zum Haus zurück.