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Zack ist Anführer des Blauen Lagers. Im Namen des Blauen Gottes kennen er und seine Gefährtin Lyra nur ein Ziel: die Vernichtung ihrer Feinde aus dem Roten Lager. Der Krieg fordert seit endlosen Zeiten Tag für Tag zahlreiche Opfer, doch kaum jemand stört sich daran, denn der Tod ist nur selten von Dauer. Doch dann nimmt eine Reihe von Ereignissen ihren Lauf, die Zacks Überzeugungen bis in die Grundmauern erschüttern. Und schließlich muss er erkennen, dass nichts so ist, wie man es ihm sein ganzes Leben lang beigebracht hat. Er begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit. Einer Wahrheit, die seine Welt für immer verändern wird.
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2020
Matthias Ebert
– Die Verborgenen –
Vor den
Toren
der
Götter
Roman
© 2020 Matthias Ebert
Umschlag: Matthias Ebert
Coverbild: Pixabay.de
Lektorat, Korrektorat: Elena Marie Meyer
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
978-3-347-09718-6 (Paperback)
978-3-347-09719-3 (Hardcover)
978-3-347-09720-9 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Prolog
Ich warf mich hinter einen gewaltigen Felsbrocken. Der Laser zerschnitt die Luft genau an der Stelle, an der ich noch vor einer Sekunde gestanden hatte. Und ich wusste, dass Jackie nicht schnell genug gewesen war, noch bevor ich seinen Körper auf dem Boden aufschlagen hörte.
„Verdammt!“ Wir waren mittlerweile in der Unterzahl. Die Roten hatten uns geschickt eingekreist und schon den Großteil meiner Gruppe ausgeschaltet. Aus den Augenwinkeln konnte ich Lyra sehen, die mir aus ihrer Deckung hektisch Zeichen gab. Es war zu laut, als dass ich hätte verstehen können, was sie mir zurief. Die Schreie der Menschen um uns herum vermischten sich mit dem charakteristischen Summen der Laserwaffen. Doch ich kannte Lyra inzwischen gut genug, um zu erahnen, was sie mir mitteilen wollte. „Ryan“ formte sie mit ihren Lippen, da war ich mir ziemlich sicher. Sie deutete auf einen Felsen auf der anderen Seite des Geländes. Wenn sie Ryan wirklich dort entdeckt hatte, war es unsere einzige Chance, heil aus der Sache herauszukommen. Die Roten verließen sich viel zu sehr auf ihren Anführer Ryan. Ohne ihn waren sie nur noch halb so gefährlich. Die Falle, in die wir gerade getappt waren, hatten wir garantiert Ryan zu verdanken. So sehr ich die Roten auch verabscheute, ich musste neidlos anerkennen, dass Ryan ein brillanter Kämpfer und Stratege war. Vielleicht wäre Aaron zu seiner Zeit der einzige gewesen, der Ryan hätte Paroli bieten können. Doch Aarons Zeit auf dem Schlachtfeld lag nun schon etliche Jahre zurück.
Ich riskierte einen kurzen Blick und für einen Moment glaubte ich tatsächlich, die mächtige Statur Ryans ausgemacht zu haben, bevor er sich hinter seine Deckung zurückgezogen hatte. Lyra winkte mir von der anderen Seite hektisch zu. Ich schüttelte energisch den Kopf, doch ich wusste aus langjähriger Erfahrung, dass sie sich davon nicht abhalten lassen würde. Fluchend machte ich mich bereit, und schon verließ Lyra wild um sich schießend ihre Deckung. Sie war so verdammt gut! Drei Rote fielen, bevor auch nur der erste daran dachte, das Feuer zu erwidern. Und sie erreichte genau das, was sie bezweckt hatte. Die Roten zogen sich in die Deckung zurück. Und brachten so die einzige Schwäche Ryans zum Vorschein, seine Geltungssucht. Sobald er sah, dass seine Leute sich vor einer einzelnen Feindin zurückzogen, verließ er seine Deckung, um sich persönlich um Lyra zu kümmern. Das war der Moment, auf den ich gewartet hatte. Kaum hörte ich seinen Wutschrei, schnellte ich hervor, visierte ihn an und feuerte. Lyras Laser und meiner trafen ihn fast gleichzeitig.
Ich war wieder hinter meiner Deckung, noch bevor Ryan zu Boden ging, doch die Vorsicht war unnötig. Die Roten brachen den Angriff ab, ich hörte, wie sie sich zurückzogen. Ich lief zu Lyra, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob vielleicht doch noch ein Feind zurückgeblieben sein könnte. Sie lag mit weit aufgerissenen Augen dort, wo Ryan sie erwischt hatte. Die zwei mussten im selben Moment gefeuert haben. Ich fühlte nach ihrem Puls, doch ich wusste schon vorher, dass es vergebens war. Ich sank neben ihr zu Boden. Lyra und ihr verdammter Wagemut!
„Zack?“ Die anderen wagten sich nun hervor. Sie waren gute Kämpfer, doch niemand konnte Lyra das Wasser reichen, und das wussten sie.
Ich erhob mich. „Es ist vorbei. Für heute. Verschwinden wir.“ Ich schaute mich um. Kaum mehr als die Hälfte meiner Leute standen noch. Aber wir hatten es immerhin geschafft, den Vormarsch der Roten aufzuhalten. Für ein paar Tage dürften wir nun erst mal Ruhe haben.
1
Der folgende Tag verging quälend langsam. Ich verbrachte viel Zeit bei Aaron, er verstand wie kein anderer, wie es mir gerade ging. Er hatte seine Johanna vor einigen Jahren verloren, und sie waren beide schon so oft in der gleichen Situation gewesen.
„Gewöhnt man sich jemals daran?“, fragte ich ihn, vermutlich schon zum hundertsten Mal, seit wir uns kannten.
Aaron lächelte. „Du kennst die Antwort doch schon, Zack. Egal wie oft das passiert, du wirst immer diese Angst spüren. Ich bin so oft verrückt geworden vor Sorge um Johanna, und ich danke dem Blauen Gott, dass er uns eine so lange Zeit zusammen geschenkt hat. Ich wäre so gerne endlich wieder mit ihr vereint!“
Ich konnte seine Wehmut spüren. Als der Blaue Gott Johanna schließlich bei sich behalten hatte, war Aarons Lebenswillen erloschen. Ich setzte zu einer Entgegnung an, als die Tür geöffnet wurde und der junge Tobias den Kopf hindurch steckte.
„Sie ist zurück!“, strahlte er.
„So früh?“ Ich sprang auf und eilte hinaus. Dort stand sie, noch etwas wackelig auf den Beinen, aber so wie sie mich angrinste, schien sie schon wieder ganz die Alte zu sein. Ich riss sie beinahe zu Boden, als ich sie stürmisch umarmte und küsste.
„Hey, sachte, mein Großer!“, lachte Lyra, dann löste sie sich vorsichtig von mir. „Diesem Sack Ryan haben wir es aber ordentlich gegeben, was?“
„Du bist echt verrückt! Du weißt, dass ich jedes Mal vor Sorge nicht schlafen kann, wenn du stirbst, oder? Du machst das absichtlich, um mich zu ärgern!“ Lyra wusste sehr genau, wie ich mich fühlte. Denn ich wusste umgekehrt, dass es ihr genauso ging, wenn ich ins Gras biss. Und das kam für meinen Geschmack viel zu häufig vor.
„Na, bekomme ich vielleicht auch einen Kuss von dir, Alter?“
Ich schaute auf und sah in Jackies schmutziges Grinsen. „Der Blaue Gott hat dich auch schon wieder zurückgeschickt? Kein Wunder, kein Gott dieser Welt will dich länger als nötig in seiner Nähe haben.“
Jackie boxte mir lachend auf die Schulter, dann nahm er uns beide in den Arm. „Ich sage, darauf trinken wir!“
„Das ist das Letzte“, sagte ich bestimmt, als Jackie eine weitere Runde orderte. „Wir müssen den Vorteil nutzen, dass ihr diesmal so früh zurückgekommen seid. Ihr seid meine besten Kämpfer, und ich hoffe, dass die Roten noch ein oder zwei Tage ohne Ryan auskommen müssen. Also werden diesmal wir diejenigen sein, die etwas Boden gutmachen. Ich will verdammt sein, wenn ich die Roten noch näher an unser Lager herankommen lasse.“
Jackie nickte mit leicht glasigen Augen, während Lyra schon an meiner Schulter eingeschlafen war. „Ja schon klar“, nuschelte er. „Aber man wird ja nicht jeden Tag wiedergeboren.“
Nein, nicht jeden Tag, dachte ich. Aber trotzdem viel zu oft.
Lyra und ich halfen Jackie zu seiner Kammer, die er sich mit fünf weiteren Kämpfern teilen musste. Den Luxus einer Kammer für einen ganz allein konnten wir uns nicht leisten. Selbst Lyra und ich teilten unsere Kammer mit Tobias und Sasha, die beide erst vor wenigen Monaten kurz hintereinander geboren worden waren und ebenfalls Kämpfer werden wollten. Sie steckten noch in der Ausbildung, aber sie machten gute Fortschritte. Und wenn ich die Zeichen richtig deutete, bahnte sich zwischen den beiden gerade so etwas wie eine Beziehung an. Ich konnte schlecht etwas dagegen sagen, schließlich war ich selber mit Lyra zusammen, doch ich wusste, dass Liebe auf dem Schlachtfeld immer ein schlechter Kamerad war. Wie oft hatten Lyra oder ich unser Leben schon verloren, um das des anderen zu retten, und wie oft waren wir deshalb beide gestorben. Ich dankte dem Blauen Gott immer wieder aufs Neue, dass er uns bislang jedes Mal zurückgebracht hatte, doch wir wussten beide, dass es irgendwann einmal anders sein würde, auch wenn das vielleicht noch Jahrzehnte in der Zukunft lag. Genauso gut konnte es aber beim nächsten Tod schon so weit sein.
„Du grübelst schon wieder“, flüsterte Lyra. Irgendwie waren wir von Jackies Kammer zu unserer eigenen gelangt, hatten uns ausgezogen und waren ins Bett gestiegen.
„Entschuldige.“ Ich beugte mich zu Lyra hinüber und küsste sie sanft, dann ließ ich mich zurück in mein Kissen fallen. „Welchen Sinn hat das alles überhaupt? Warum bekämpfen wir die Roten seit so langer Zeit? Nichts ändert sich. Mal gewinnen sie einen kleinen Vorteil, dann wir. Und jedes Mal sterben so viele von uns. Genau wie bei ihnen.“
Ich spürte Lyras Hand auf meiner Brust. „Du weißt schon, dass du dir diese Gedanken ständig machst, wenn ich mal wieder gestorben bin, oder? Denk lieber an was Schönes!“
Lyra rollte sich auf mich drauf und warf einen Blick auf die andere Seite der Kammer, wo Sasha und Tobias Arm in Arm schliefen. Wenn man Tag und Nacht auf engstem Raum zusammenlebte, gab es so etwas wie Privatsphäre nicht, trotzdem war uns wohler dabei, wenn die beiden schliefen.
„Und jetzt bringe ich dich auf andere Gedanken, Schatz!“, flüsterte sie, während sie meine Brust mit sanften Küssen bedeckte. Ich spürte ihren warmen, weichen Körper auf meinem und schloss die Augen, während sie sich langsam abwärts bewegte. Ich hörte auf zu grübeln.
2
„Los, ab zur Bar!“ Kaum hatten wir unser Lager erreicht, war Jackie auch schon verschwunden, die restlichen Kämpfer direkt im Schlepptau. Nach wenigen Sekunden standen Lyra und ich allein vor dem Eingang.
„Du kommst nicht mit?“, fragte sie sanft. Sie konnte meine Stimmung schon immer besser einschätzen als jeder andere, manchmal sogar besser als ich selbst. Ich schüttelte den Kopf.
„Ich weiß, das heute war ein großer Triumph. Wir haben den Roten die Grüne Zone fast vollständig wieder abgenommen und uns dort ziemlich gut verschanzen können. Es wird ihnen schwerfallen, uns so schnell wieder von dort zu vertreiben, auch wenn Ryan wieder dabei ist.“
„Aber du fragst dich immer noch, wozu das alles gut ist.“
Ich seufzte. Diese Gedanken kamen in letzter Zeit häufiger als mir selber lieb war. Nicht wenige würden solches Gedankengut als Ketzerei bezeichnen. Lyra war abgesehen von Aaron die einzige Person, der ich vollends vertraute und mit der ich über diese Dinge reden konnte. Nicht mal Jackie wusste davon.
„Geh dich amüsieren, Liebling. Du hattest einen großen Anteil an unserem Sieg heute. Du hast dir ein wenig Spaß mehr als verdient.“
„Na schön. Bis nachher dann.“ Lyra gab mir einen Kuss, drückte meine Hand noch einmal und folgte Jackie und den anderen. Ich schaute ihr einen Moment lang hinterher. Ja, sie hatte heute großartig gekämpft, aber ich hatte zweimal erlebt, wie sie nur um Haaresbreite dem Tod entgangen war. Allein schon bei dem Gedanken daran drehte sich mir der Magen um. Schweren Schrittes ging ich schließlich zu Aarons Kammer. Er war seit Johannas Tod der Einzige im Lager, der eine Kammer für sich allein hatte.
„Aaron, hier ist Zack“. Keine Reaktion. Ich klopfte erneut, dann trat ich ein. „Aaron?“
Mein alter Freund und Mentor lag auf seinem Bett und rührte sich nicht. Mein Herzschlag setzte für einen Moment aus.
„Aaron!“ Ich schüttelte ihn sanft. Mit sichtbarer Anstrengung drehte er den Kopf in meine Richtung.
„Zack“, flüsterte er so leise, dass ich ihn kaum hören konnte, obwohl ich mein Ohr direkt an seinen Mund hielt. „Es ist wieder so weit. Bete mit mir … dass es … das letzte Mal ist. Bitte!“
Ich hielt seine Hand und sagte nichts. Es schien, als hätte er nur auf mich gewartet, denn es dauerte nur wenige Sekunden, dann fühlte ich seine Hand erschlaffen. Mehrere Minuten lang saß ich reglos neben ihm und kämpfte gegen die Tränen an, die in mir aufsteigen wollten. Schließlich holte ich tief Luft und stand auf.
„Ich weiß, du wünschst dir etwas anderes, aber ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, alter Freund. Ich brauche dich!“
Aus der Ferne hörte ich das Gelächter der Kämpfer, als ich ins Freie trat. Kurz überlegte ich, ob mich ihre Ausgelassenheit vielleicht auf andere Gedanken bringen könnte, doch ich konnte mich nicht dazu überwinden und steuerte unsere eigene Kammer an.
Ich hörte Sashas und Tobias‘ Stöhnen schon von außen und zog die Hand zurück, die schon am Türgriff lag. Es wäre nicht das erste Mal, dass Lyra oder ich die beiden beim Sex überrascht hatten, umgekehrt kam das genauso vor. Und an anderen Tagen hätte mich das auch nicht davon abgehalten, die Kammer zu betreten, doch heute wollte ich allein sein. Also trat ich zurück und begann, ziellos durchs Lager zu laufen.
„Zack?“
Ich drehte mich um. Aus den Schatten trat Elias hervor, einer unserer Priester. Genau die Personen, denen ich im Moment am liebsten aus dem Weg gegangen wäre.
„Elias, was machst du denn hier?“, fragte ich missmutig. „Solltest du nicht in der Erweckungskammer sein und Leute erwecken?“
Der Priester hob die Augenbrauen. Sofort kam ich mir schäbig vor.
„Entschuldige mein Benehmen. Das war unangemessen.“
„Das war es, in der Tat. Aber ich sehe, dass dich etwas beschäftigt, also werde ich es nicht persönlich nehmen.“
Elias war von den drei Priestern noch der Umgänglichste. Priester wurden in unserer Gesellschaft hoch verehrt. Sie standen schließlich in direktem Kontakt zum Blauen Gott und halfen bei der Wiedererweckung unserer Gefallenen. Ohne sie wären wir alle schon längst nicht mehr hier. Das war zumindest die Einstellung der meisten Menschen zu unseren Priestern. Aber wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass auch Priester nur gewöhnliche Menschen waren, dann wäre es die Tatsache gewesen, dass die Priester mit so viel Ehrerbietung nicht gut umgehen konnten. Sie wurden arrogant und eingebildet, sobald sie das Priesteramt bekleideten. Ich hatte in meinem Leben schon einige Priester erlebt, und bei keinem war es bisher anders gewesen. Auch Elias zeigte erste Anzeichen dieses Verhaltens, doch er war noch nicht lange im Amt, außerdem war er der mit Abstand jüngste Priester, den wir jemals gehabt hatten. Mit ihm konnte man sich noch halbwegs normal unterhalten.
Elias hatte sich mir angeschlossen und wir gingen eine Weile schweigend nebeneinanderher.
„Aaron ist tot“, sagte ich schließlich.
Elias antwortete nicht. Ich dachte schon, er hätte es nicht gehört, doch dann seufzte er. „Ich weiß, er möchte nicht wiedererweckt werden, aber das liegt nicht in unserer Hand.“
„Das weiß ich, Elias. Wie oft ist er nun schon gestorben in der Hoffnung, dass der Blaue Gott ihn bei sich behält?“
„Seit Johannas endgültigem Tod? Vierundzwanzig Mal. Fünfundzwanzig mit heute.“
„Du zählst mit?“, fragte ich überrascht.
„Ich? Nein. Aber Aaron. Und jedes Mal sagt er es mir.“
Ich blieb stehen und drehte mich zu Elias um, zwang ihn damit dazu, ebenfalls stehenzubleiben. „Wieso schickt Er ihn immer wieder zurück? Das ergibt in meinen Augen einfach keinen Sinn. Der Blaue Gott könnte einen Jüngeren an seiner statt schicken, der uns in den Kämpfen zur Seite stehen kann. So sehr ich Aaron auch vermissen würde, es wäre das Richtige!“
Elias‘ Augen funkelten gefährlich. „Du weißt, wie nah du mit solchen Gedanken an einer Anklage wegen Ketzerei vorbeischrammst, oder?“ Dann sackte er in sich zusammen und drehte sich um, um zu sehen, ob uns jemand hören konnte. „Willst du die Wahrheit wissen, Zack?“ Elias zögerte kurz. „Die Wahrheit ist, ich weiß es auch nicht.“
Er zog mich am Arm mit sich, so dass wir unsere Wanderung wieder aufnahmen. „Weißt du, warum ich mich für das Priesteramt beworben habe?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Naja, abgesehen von der Tatsache, dass du ein lausiger Kämpfer warst.“
Elias lachte. „Da hast du leider recht. Wie oft hast du wohl geflucht, wenn ich mich ohne Not habe umbringen lassen?“
„Öfter als du es dir vorstellen kannst, Elias“, lächelte ich.
„Aber das war nicht der Grund. Ich wollte Priester werden, weil ich dieselben Fragen wie du hatte, Zack. Und ich hoffte, als Priester würde ich Antworten bekommen.“
Ich staunte. So offen hatte Elias noch nie mit mir gesprochen, nicht mal in der Zeit, bevor er Priester geworden war. Ich war sein Mentor gewesen, dadurch hatten wir immer schon eine recht enge Bindung gehabt, doch seit er zum Priester gewählt worden war, war davon nicht mehr viel übrig geblieben. Umso verblüffter war ich jetzt.
„Und hast du Antworten erhalten?“
Elias blieb einen Moment stumm, dann flüsterte er: „Keine einzige!“
3
Nachdem Elias sich verabschiedet hatte, schickte ich einen Boten zu den Putzern, damit sie sich um Aarons Leiche kümmerten. Sie selbst nannten sich Bestatter und waren neben den Heilerinnen die einzige Gruppe, die neutral blieb und sich aus dem Krieg der beiden Götter heraushielt. Ihre Aufgabe bestand darin, sich um die zahllosen Leichen zu kümmern, die wir auf dem Schlachtfeld zurückließen, und manchmal eben auch in einem der Lager. Sie machten keinen Unterschied zwischen Blauen und Roten.
Niemand wusste so genau, was sie mit den vielen Leichen anstellten, und so ganz genau wollte ich das auch gar nicht wissen. Wenn die Nacht hereinbrach, kamen sie mit großen Wagen auf das Schlachtfeld gefahren, begleitet von einem dumpfen Klagegesang. Es war kein Geheimnis, dass sie den Krieg missbilligten, das lag in ihrer Natur. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass sich niemand an ihnen zu schaffen machte. Daran hielten sich die Roten genauso streng wie wir. Nachts wurde daher nie gekämpft. Die Nacht gehörte den Putzern.
Ich kehrte zu Aarons Kammer zurück. Bis die Putzer kamen und ihn abholten, wollte ich bei ihm bleiben. Lyra würde mich sowieso hier suchen, und ich wollte nicht, dass sie ihn so fand. Er sah so friedlich aus. Ein Teil von mir wünschte sich von Herzen, er würde nicht zurückkommen, doch der andere, der selbstsüchtige Teil von mir gewann die Oberhand. Er würde mir schrecklich fehlen, wenn der Blaue Gott ihn tatsächlich bei sich behalten würde.
Gemurmel außerhalb der Kammer ließ mich aufschrecken. Ich musste eingenickt sein. Die Putzer, nahm ich an. Es war inzwischen recht dunkel geworden und ich konnte im Dämmerlicht kaum noch etwas erkennen. Mir war nicht nach Gesellschaft, also huschte ich hinter Aarons Bücherregal. Ein dicker Vorhang vor dem Regal würde mich vor den Blicken der Putzer bewahren, wenn sie sich nicht gerade entschieden, hinter dem Regal nach einer zweiten Leiche zu suchen.
Die Tür öffnete sich und das Licht wurde eingeschaltet.
„Meine Güte, Elias, ihr habt noch nicht mal meine Leiche weggeschafft?“
Ich musste ein Keuchen unterdrücken. Das war Aarons Stimme!
„Entschuldige, Aaron.“ Elias klang peinlich berührt. „Ich vermute, die Pu–, äh, die Bestatter sind noch auf dem Schlachtfeld beschäftigt. Zack hat den Roten dort heute ganz schön zugesetzt.“
„Weißt du, was das für ein Gefühl ist? Hier zu stehen und auf meine eigene Leiche zu schauen? Schlimm genug, dass ich schon wieder hier bin. Aber wenn ich mich so sehe, möchte ich mich gleich wieder danebenlegen und noch mal sterben!“
Aaron hatte miese Laune, das war jedes Mal so, wenn er wiedererweckt wurde.
„Ich werde sofort jemanden schicken, der sich um dich, also um deine – die – Leiche kümmert.“
Ich war so erleichtert, dass Aaron wieder zurück war. Ich wollte aus meinem Versteck hervorkommen und den alten Mann vor Freude erdrücken. Aber dann malte ich mir aus, wie es für Elias aussehen musste, wenn ich mich in der Kammer des Alten vor ihnen versteckt hielt, also beschloss ich zu warten, bis der Priester fort war. Doch Aaron machte mir einen Strich durch die Rechnung.
„Setz dich, Elias. Ich möchte mit dir reden.“
„Aber, deine – also ich meine …“
„Ach, die läuft schon nicht weg. Ist nicht das erste Mal, dass ich meine eigene Leiche zu sehen bekomme.“
Elias gehorchte wie ein kleiner Junge und setzte sich an den Tisch. Ich musste grinsen. Aaron strahlte trotz seines hohen Alters eine Autorität aus, gegen die selbst ein Priester nicht ankam.
„Wie lange bist du nun schon Priester, Elias?“
Der Angesprochene zögerte. „Zwei Jahre etwa. Wieso fragst du?“
„Wie viele Wiedererweckungen hast du seitdem schon erlebt?“
Ich hörte Elias‘ müdes Lachen. „Bei dem Eifer, den die Kämpfer ständig an den Tag legen? Ich habe schon nach wenigen Tagen aufgehört zu zählen.“
„Ich habe zu meiner Zeit jeden einzelnen Tod aufgeschrieben und auch nicht damit aufgehört, nachdem ich mich zurückgezogen und Zack das Feld überlassen habe. Reich mir bitte mal die Mappe dort.“
Ich kannte diese Mappe. Aaron hatte nach jedem Tag auf dem Schlachtfeld die Namen der Opfer notiert. Auch heute noch musste ich ihm jedes Mal die Namen derer nennen, die wir verloren hatten. Ich hatte ihn einmal gefragt, wieso er das tat, und er hatte mich mit seltsamem Blick angesehen, bevor er antwortete. Ich erinnerte mich noch sehr gut daran.
Damit der Tod keine Selbstverständlichkeit wird.
Nun hörte ich Aaron blättern. „Schau her, Elias. Ich habe nicht nur die Namen der Toten aufgeschrieben. Ich habe auch aufgeschrieben, ob sie wiedererweckt wurden und wie lange es gedauert hat.“
Ich runzelte die Stirn. Das war mir neu. Elias offenbar ebenso.
„Warum hast du –“
„Spielt keine Rolle. Warum glaubst du, war ich schon nach wenigen Stunden wieder hier? Warum dauert es manchmal mehrere Tage, bis jemand wiedererweckt wird?“
„Das weiß ich nicht“, gab Elias nach kurzer Pause zu.
„Siehst du, ich weiß es auch nicht. Es scheint kein System dahinter zu stecken. Aber eins fällt mir auf. Je mehr Opfer es gibt, desto länger braucht der Blaue Gott, um sie alle zurückzuschicken.“
„Aaron!“ Elias keuchte. „Du zweifelst an Seiner Allmacht!“
„Na und“, knurrte Aaron. „Was willst du machen, mich anklagen?“
„Natürlich nicht“, beeilte sich Elias zu versichern. „Aber du weißt, was die Priester mit Menschen machen, die Zweifel an Ihm hegen.“
„Ja, das weiß ich, ich habe es ja selber oft genug erlebt. Aber du bist anders, Elias. Vielleicht weil du noch nicht so lange Priester bist wie die anderen. Ich weiß, dass du den Alten Lehren nicht so blind folgst wie sie. Mach die Augen auf, Elias! Irgendetwas ist nicht so, wie es uns seit Ewigkeiten eingetrichtert wird!“
„Aber du bist so schnell wiedererweckt worden. Und das, obwohl heute wohl hunderte Rote und auch viele unserer eigenen Leute gestorben sind. Und die Wiedererweckungen der letzten Tage sind noch nicht mal alle abgeschlossen.“
„Ich sage ja, ich weiß die Antwort auch nicht. Letztes Mal habt ihr ganze vier Tage auf mich warten müssen. Es gibt keine Gesetzmäßigkeit. Aber -“
Ein Schlag gegen die Tür unterbrach Aaron, dann wurde sie auch schon geöffnet.
„Aaron? Uns wurde gesagt, du seist gestorben.“
Die Putzer waren gekommen.
„Bin ich auch. Da im Bett liege ich.“
„Verzeih, dass wir nicht früher kommen konnten. Wir waren beschäftigt.“
„Jaja, ich weiß, dass ihr heute viel Arbeit bekommen habt.“
Die Putzer machten sich ohne weitere Worte an die Arbeit. Elias, dem das Gespräch mit Aaron sichtlich unangenehm gewesen war, nutzte die Gelegenheit und verabschiedete sich. Keine zwei Minuten später war Aaron allein. Abgesehen von mir.
„Du kannst rauskommen, Zack.“
Ich zuckte zusammen und trat wie ein geprügelter Hund hinter dem Regal hervor.
„Woher -“
„Du hast dich schon damals als Rekrut hinter dem Regal versteckt, weißt du nicht mehr? Das Loch im Vorhang hat dich damals verraten. Und das Loch existiert immer noch.“
Ich grinste schuldbewusst und setzte mich auf einen Stuhl. „Entschuldige, Aaron. Ich wollte euch nicht belauschen. Als ich euch hörte, dachte ich, das wären die Putzer und hab mich in Sicherheit gebracht.“
Aaron winkte ab. „Ich bin froh, dass du mein Gespräch mit Elias mitbekommen hast. Ich hätte schon längst mal mit dir darüber reden sollen. Zack, du musst vorsichtig sein. Ich weiß, dass auch du Zweifel hast, aber pass auf, mit wem du darüber sprichst. Es gibt zu viele Fanatiker auf beiden Seiten.“
Erneut klopfte es und eine ziemlich betrunkene Lyra stolperte in den Raum. Sie hatte Schwierigkeiten, ihren Blick auf mich zu fokussieren.
„Aaron“, lallte sie, bevor sie sich auf meinen Schoß fallen ließ.
Aaron schaute sie liebevoll an. „Sie erinnert mich so sehr an Johanna. Weiß sie es schon?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich erzähle es ihr morgen. Denke ich bringe sie mal besser in unsere Kammer.“ Ich legte einen Arm um Lyra und half ihr hoch.
Aaron blieb sitzen. „Pass gut auf sie auf, hörst du?“
Ich nickte und schob Lyra Richtung Tür. Dann drehte ich mich um. „Ich weiß, du willst das nicht hören, Aaron. Aber … ich bin sehr froh, dass du wieder da bist!“
4
Als ich mit Lyra im Schlepptau unsere Kammer betrat, schreckte Sasha hoch. Als sie erkannte, in welchem Zustand Lyra war, sprang sie auf und half mir, sie auszuziehen und auf unser Bett zu legen.
„Danke, Sasha“, keuchte ich. Lyra war nicht schwer, aber sie hatte ein Talent, mich vom Gegenteil zu überzeugen, wenn sie sich so an mich hängte wie heute.
„Ich hab das mit Aaron gehört, Tobias hat in der Bar jemanden davon reden hören. Tut mir leid, Zack. Ich hoffe, er kommt noch mal zurück.“
Ich grinste Sasha an. „Du wirst lachen. Er ist schon wieder da. Der Blaue Gott hatte es offenbar besonders eilig, ihn wieder loszuwerden.“
Sasha starrte mich erstaunt an, dann ließ sie sich erleichtert neben Lyra aufs Bett sinken. „Das freut mich für dich, Zack! Ich weiß, was er dir bedeutet.“ Ich wusste, sie meinte es ernst.
„Danke, Sasha. Wo ist denn Tobias eigentlich?“, fragte ich, während ich mich auszog.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Wir hatten heute Nachmittag frei und sind kaum aus der Kammer gekommen.“ Es war süß, wie rot sie dabei wurde. „Vor einer halben Stunde ist er noch mal los. Ich nehme an, er ist in der Bar.“ Dann wurde ihr offenbar bewusst, dass ich inzwischen nackt vor dem Bett stand und darauf wartete, dass sie aufstand und Platz machte. Sie sprang hastig auf.
„Entschuldige. Wollt ihr - also, soll ich rausgehen?“
Ich grinste und deutete auf Lyra. „Schau sie dir an. Selbst wenn ich wollte … Keine Chance.“
Sasha lächelte scheu und betrachtete Lyra zärtlich. Ich wusste, dass sie Lyra als große Schwester mehr als nur verehrte. Ich kletterte zu Lyra ins Bett und nahm an, dass Sasha ebenfalls wieder ins Bett gehen würde. Ich war müde und wollte nichts anderes als schlafen. Doch sie blieb unschlüssig stehen. Ganz offensichtlich hatte sie noch etwas auf dem Herzen.
„Na sag schon, was dich bedrückt.“ Ich lächelte ihr aufmunternd zu und unterdrückte ein Gähnen.
Sasha druckste herum. „Weißt du, ich habe heute Nachmittag mit Tobias geredet.“
„Ach so nennt ihr das“, grinste ich. Sasha wurde rot, fasste sich aber schnell wieder.
„Also wir haben auch geredet“, meinte sie nun. „Ich habe ihn gefragt, was er von Kindern hält.“
Schlagartig war ich hellwach und setzte mich auf. Das war gefährliches Terrain.
„Du weißt, wie wir über Kinder denken, oder?“
Sasha nickte heftig und setzte sich wieder auf das Bett. „Ja, das wird uns in der Ausbildung schon am ersten Tag beigebracht. Ich verstehe auch, warum es verboten ist, schwanger zu werden.“
„Nun, direkt verboten ist es nicht gerade, aber es bringt nur Ärger mit sich. Wenn eine Frau schwanger wird, kämpft sie nicht mehr so gut. Wenn sie stirbt, wird sie vielleicht wiedererweckt, aber ihr ungeborenes Kind bleibt dabei auf der Strecke. Also riskiert sie nichts mehr im Kampf, denn jede schwangere Frau stellt ihr Kind über alles andere. Und das ist wiederum ein Risiko für die ganze Gruppe.“
„Das weiß ich. Und ich weiß auch, dass Kinder, die hier geboren werden, eine Belastung für die Gemeinschaft darstellen. Die Mutter muss sich um das Kind kümmern und fällt damit für den Kampf aus. Und ich weiß, dass noch nie ein hier geborenes Kind vom Blauen Gott zurückgeschickt wurde.“
Ich nickte. „Richtig. Und von den Heilerinnen wissen wir, dass es bei den Roten nicht anders ist. Deswegen glauben wir, dass die Götter die Geburt eines Kindes als unnatürlich ansehen und dass die Neugeburt eines Menschen durch die Götter der einzig wahre Weg ist. Nur die von den Göttern gesandten Menschen haben eine Chance, wiedererweckt zu werden.“
Sasha sah geknickt aus. „Ja, das ist mir alles bekannt. Aber ich frage mich: Wenn der Blaue Gott uns geschaffen hat und nicht will, dass wir Kinder bekommen, wieso hat er uns überhaupt so geschaffen? Wozu ist der Sex gut?“ Sie wurde schon wieder rot. „Na klar, er macht Spaß, aber offensichtlich ist er doch auch dafür da, damit die Frauen schwanger werden können. Warum hat der Blaue Gott uns so geschaffen, wenn er das nicht will? Und warum fühlt sich der Gedanke, schwanger zu werden, so richtig an?“
Ich nahm Sashas Hand. „Ganz ehrlich? Ich kann dir darauf keine Antwort geben.“ Aarons Worte an Elias fielen mir wieder ein. Irgendetwas ist nicht so, wie es uns seit Ewigkeiten eingetrichtert wird. Das Rätsel der Schwangerschaften gehörte eindeutig dazu.
„Aber eins weiß ich ganz sicher, Sasha, und ich bitte dich inständig, das niemals zu vergessen! Äußere solche Gedanken nicht außerhalb dieser Kammer. Niemand außer Tobias, Lyra und mir sollte davon erfahren, dass du so denkst.“
Es gibt zu viele Fanatiker auf beiden Seiten.
Ich merkte, dass Sasha sich eine andere Antwort erhofft hatte, eine Erklärung für die widersprüchlichen Gefühle, die sie im Moment verspürte.
„Du könntest die Heilerinnen um Rat fragen. Du weißt, sie würden niemandem jemals etwas über deine Sorgen verraten.“
„Ja ich weiß, aber ich habe Angst vor ihnen, sie sind unheimlich!“
Die Heilerinnen waren neben den Putzern die einzige andere Gruppe, die im Krieg neutral war und die von beiden Seiten respektiert und geschützt wurde. Im Lager der Heilerinnen waren jegliche Kampfhandlungen verboten, und es war auch noch nie etwas Derartiges vorgefallen. Ich konnte Sashas Angst nachvollziehen. Die Heilerinnen wurden respektiert, ja. Aber sie wurden auch gefürchtet. Man schrieb ihnen Kräfte zu, die denen der Götter gefährlich nahe kamen, außerdem kritisierten sie genau wie die Putzer ganz offen den Krieg zwischen Blauen und Roten, den wir stellvertretend für unsere Götter führten. Die Priester ließen daher kaum eine Gelegenheit aus, um die Heilerinnen zu diskreditieren. Das hinterließ gerade bei jungen Neugeborenen wie Sasha deutliche Spuren. Ich war drauf und dran, ihr von Lyra zu erzählen, doch das überließ ich Lyra besser selber.
„Hör zu, Sasha. Ich kann dir nur raten, sprich morgen mit Lyra darüber. Vielleicht kann sie dir noch mehr dazu erzählen als ich. Schließlich ist sie eine Frau.“
Sasha ließ ihren Blick über Lyras nackten Körper wandern. „Ja, ganz offensichtlich“, grinste sie. Dann beugte sie sich spontan nach vorn und gab erst mir, dann Lyra einen Kuss auf die Stirn, bevor sie zu ihrem Bett zurückkehrte.
Sie schaltete das Licht aus. Sofort merkte ich wie meine Müdigkeit zurückkehrte.
„Zack?“, kam von der anderen Seite der Kammer.
„Mmh?“
„Danke!“
Irgendwann wurde ich wach, als die Tür geöffnet wurde. Ich hörte, wie Tobias sich auszog und zu Sasha ins Bett stieg. Leises Geflüster und Gekicher drangen an mein Ohr, dann begann das Bett zu quietschen. Ich grinste und erinnerte mich an die Zeit, als ich Lyra kennengelernt hatte. Im Vergleich zu uns damals verhielten Sasha und Tobias sich geradezu züchtig.
5
„Wie lange ist deine letzte Wiedererweckung eigentlich inzwischen her?“
Lyra hatte es sich an meiner Schulter bequem gemacht.
Ich musste kurz überlegen. „33 Tage.“
„Wow. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal mehr als zehn Tage geschafft habe.“
„Und ich weiß nicht, wie oft ich dir schon gesagt habe, du sollst vorsichtiger sein.“
Statt einer Antwort kuschelte sich Lyra fester an mich. „Sasha hat mich heute Morgen angesprochen. Als du mit Tobias trainiert hast. Sie hat mir erzählt, worüber ihr euch gestern Nacht unterhalten habt.“
„Ja, ich habe ihr gesagt, sie sollte mal mit dir darüber reden. Hast du ihr von deiner Vergangenheit erzählt?“
„Habe ich, ja. Sasha hat vielleicht Augen gemacht.“
Ich musste lächeln. Nur wenige erinnerten sich noch daran, dass Lyra selbst beinahe eine Heilerin geworden wäre. Ich hatte sie kennengelernt, als sie in Begleitung zweier Heilerinnen unser Lager besuchte. Hin und wieder erschienen die Heilerinnen unangekündigt in den Kriegslagern, vermutlich, um sich regelmäßig in Erinnerung zu bringen, da sie ansonsten doch recht abgeschieden lebten. Es hatte sofort gefunkt zwischen Lyra und mir, obwohl wir kein einziges Wort miteinander gewechselt hatten. Wenige Tage später stand sie dann plötzlich vor meiner Tür. Das war der Beginn unserer wunderbaren Beziehung.
„Und wie hat sie reagiert?“
Lyra lachte leise. „Sie wollte natürlich alles wissen. Aber ich habe ihr schnell klar gemacht, dass die Geheimnisse der Heilerinnen nach wie vor Geheimnisse sind, auch wenn ich schon lange nicht mehr dazugehöre. Aber ich denke, ich konnte ihr die Angst etwas nehmen. Vielleicht sucht Sasha sie tatsächlich eines Tages auf.“
Plötzlich kam mir ein Gedanke. „Warst du eigentlich schon mal schwanger?“
Lyra stützte sich auf und sah mich ernst an. „Ist das wichtig?“
„Nein, vermutlich nicht.“
Sie ließ sich wieder auf meine Schulter sinken. „Ja, war ich. Vor etwas mehr als zwei Jahren. Aber ich bin zu schnell gestorben, als dass es jemand hätte bemerken können.“
„Wieso hast du damals nichts gesagt?“
„Was hätte es geändert? Ich wusste, dass ich niemals lange genug überleben würde, um auch nur in die Nähe einer Geburt zu kommen, also habe ich versucht, es zu ignorieren. Wer weiß, wie oft ich schon schwanger war, ohne es selber zu merken.“
Lyra schien ganz gelassen, doch ich kannte sie lange genug, um die Bitterkeit in ihrer Stimme zu bemerken. Ich nahm sie fest in den Arm.
„Ich liebe dich, Lyra!“ Ich wollte so viel mehr sagen, doch ich fand nicht die richtigen Worte. Aber Lyra schien zu spüren, wie ich fühlte, denn sie entspannte sich merklich.
„Danke, Zack. Du bist ein wunderbarer Mann!“ Dann gab sie sich einen Ruck und stand auf. Ich betrachtete einen Moment ihren nackten Körper, bevor sie begann, sich anzuziehen.
„Du bist wunderschön! Kein Wunder, dass Tobias und Sasha dich beide vergöttern.“
Lyras helles Lachen erfüllte den Raum. „Du alter Schmeichler. Du weißt ganz genau, dass die beiden bis über beide Ohren ineinander verliebt sind. Die haben keine Augen für mich oder sonst jemanden.“
Ich erinnerte mich an Sashas Blick am Abend und war mir nicht so sicher, ob Lyra tatsächlich recht hatte, doch ich behielt den Gedanken für mich.
Lyra zog mich aus dem Bett. „Los jetzt, alter Mann. Es wird Zeit, ein paar Rote zu töten.“
Wir hatten Glück. Ryan schien immer noch nicht zurück zu sein. Einen Moment lang war ich versucht zu hoffen, dass er endgültig tot sei, doch so viel Glück wäre schon fast unanständig. Die Roten verhielten sich jedenfalls nach wie vor sehr unkoordiniert und wir gewannen Stück für Stück weiter an Boden.
„Ihr nehmt sie von links unter Feuer, wir umgehen sie außen an den Teufelsnadeln. Mit etwas Glück können wir sie sogar bis ans Ende der Violetten Zone zurückdrängen.“
Lyra nickte, gab Jackie ein Zeichen und verschwand mit ihren Leuten links hinter der Felsformation. Sobald wir das Summen ihrer Waffen hörten, schlichen wir auf der anderen Seite in Richtung der Felswand, die als natürliche Grenze des Schlachtfelds diente. Dort erhoben sich mehrere spitz zulaufende Felsen, die Teufelsnadeln. Um sich an einen aufmerksamen Gegner anzuschleichen, waren sie zu klein und standen zu weit auseinander. Doch so konfus, wie die Roten sich zurzeit verhielten, sah ich eine gute Chance, dass sie uns nicht kommen sehen würden.
Der Plan schien aufzugehen. Niemand schlug Alarm oder feuerte auf uns, als wir von Nadel zu Nadel huschten. Schließlich erreichten wir die Stellungen der Roten von der Seite aus, während sie immer noch auf die Scheinangriffe von Lyras Team reagierten.
Ich wollte gerade das Zeichen zum Angriff geben, als um uns herum die Hölle losbrach. Von allen Seiten wurden wir unter Feuer genommen. Meine Leute starben, bevor sie auch nur wussten, wie ihnen geschah. Ein Laserstrahl traf mich an der Schulter und riss mich zu Boden. Ich keuchte und versuchte hochzukommen, doch in dem Moment schob sich ein massiver Schatten vor mein Gesichtsfeld.
„Hallo, Zack. Lange nicht gesehen“, grinste Ryan und hob seine Waffe. Ich sah das grelle Aufblitzen der Waffe, dann wurde es dunkel um mich herum.
6
Als ich erwachte, war es stockfinster. Für einen kurzen Moment verspürte ich Panik, bis mein Verstand sich sortiert hatte. Ich lag in einer der Brutstätten, wie die Priester die schmucklosen Kisten nannten, in denen sowohl Neu- als auch Wiedergeborene von den Göttern zu den Menschen geschickt wurden.
Ich vernahm das vertraute metallene Geräusch, verursacht von den kleinen Rädchen, auf denen die Brutstätten sich fortbewegten. Ich hatte das schon so oft erlebt. Gleich kam die kleine Unebenheit, dank der ich anfangs die eine oder andere Beule davon getragen hatte. Ich stützte mich mit den Händen am Deckel ab, um den unsanften Stoß abzufedern. Dann waren es noch wenige Sekunden, bis ich das Summen des Göttertores hörte, als meine Brutstätte endgültig das Reich der Götter verließ. Ich wartete geduldig, bis die Kiste zum Stillstand kam und ich hörte, wie sich jemand an der Verriegelung zu schaffen machte. Ein paar Sekunden später blinzelte ich gegen die plötzliche Helligkeit an, bevor sich Elias‘ vertrautes Gesicht in mein Blickfeld schob.
„Willkommen zurück, Zack“, flüsterte er, bevor er sich aufrichtete und die Stimme erhob.
„Preise den Blauen Gott, mein Sohn! In seiner unendlichen Weisheit und Güte hat er beschlossen, dich uns zurückzugeben, auf dass du ihm weiterhin in Demut dienen mögest!“
Während dieser Worte half er mir aus der Kiste. Wie jedes Mal musste ich mich zunächst an ihm festhalten, denn meine Beine waren noch sehr kraftlos. So fiel es mir überhaupt nicht schwer, pflichtschuldig auf die Knie zu sinken, als er mich loslies.
„Ich preise den Blauen Gott und danke ihm für seine Gnade“, intonierte ich monoton. „Ich gelobe, mein neues Leben in seinen Dienst zu stellen und für ihn zu sterben.“
Damit war der formelle Akt beendet. Ich richtete mich mühsam wieder auf und schaute mich um. Ich war schon so oft gestorben und doch konnte ich mich nicht an den Anblick der Erweckungskammer und des Göttertores gewöhnen. Die Brutstätten kamen in unregelmäßigen Abständen durch das Tor gefahren. Es bestand aus irgendeiner Form von blauer Energie. Sobald man sich ihm näherte, begann die Haut stark zu kribbeln und zu schmerzen. Ignorierte man diesen Schmerz und ging noch näher heran, fing die Haut an, Blasen zu werfen. Ich hatte einmal erlebt, wie ein junger Neugeborener sich aus dem Griff des Priesters losgerissen hatte und ins Göttertor gelaufen war. Da sich niemand nah genug an das Tor heranwagte, um die Sauerei wegzumachen, zeugten noch heute dunkle Flecken am Boden und an den Wänden von diesem Tag.
Alle Neugeborenen kamen ohne jede Erinnerung bei uns an. Das war die schwerste Aufgabe der Priester, um die ich sie keineswegs beneidete. Sie mussten dafür sorgen, dass die verwirrten Neugeborenen nicht völlig durchdrehten und ihren Platz in unserer kleinen Gesellschaft fanden.
Ich beobachtete, wie Elias an einer Tafel einen Knopf betätigte, woraufhin meine Brutstätte sich in Bewegung setzte und wieder auf das Göttertor zusteuerte. Während Menschen sich dem Tor nicht ohne Gefahr nähern konnten, passierten die Brutstätten es ohne Probleme. Und die Neu- und Wiedergeborenen, die sie mit sich führten, schienen durch die Brutstätte ebenfalls vor der göttlichen Energie geschützt zu sein.
„Wie lange war ich weg, Elias?“
Der Priester wandte sich mir zu.
„Drei Tage.“ Er senkte die Stimme, so dass die anderen beiden Priester, die sich ein paar Meter entfernt leise unterhielten, ihn nicht hören konnten. „Der Blaue Gott hat diesmal viel zu tun.“
„Wie schlimm war es?“ Ich ahnte Böses.
„Sehr schlimm. Du hast dein komplettes Team verloren. Als Lyra erkannte, dass ihr in eine Falle getappt seid, hat sie sofort den Rückzug angeordnet, doch sie hatte ebenfalls schwere Verluste zu verzeichnen. Sie hat es geschafft, aber auch sie hat den Großteil ihres Teams verloren.“
„Sie lebt?“ Ich spürte, wie mir leichter ums Herz wurde.
„Ja. Sie hat jede freie Minute vor der Erweckungskammer verbracht. Jetzt schläft sie hoffentlich.“
„Wie viele fehlen noch?“
„Von den Toten aus deiner Gruppe? Sieben oder acht, glaube ich. Insgesamt fehlen noch gut vierhundert.“
Die Priester hatten einen Vollzeitjob, so oft wie wir uns umbringen ließen.
„Elias! Zack!“ Stephen, einer der anderen Priester, winkte uns zu sich. „Wir haben eine Neugeborene!“
Alarmiert gingen wir zu ihm und sahen zu, wie er einer jungen Frau aus der gerade eingetroffenen Brutstätte half. Wie alle Neu- oder Wiedergeborenen war sie nackt. Genau wie ich, schoss es mir durch den Kopf. Ich schlüpfte rasch in eine der Kutten, die hier in großen Haufen herumlagen und nahm gleich eine weitere für die Neugeborene mit. Stephen redete gerade in ruhigen Worten mit ihr. Ich schob mich vorsichtshalber etwas in Richtung Göttertor, falls sie auf dumme Gedanken kommen sollte, doch sie machte einen erstaunlich gefassten Eindruck. Sie hörte sich in Ruhe an, was Stephen ihr erzählte, bis sie irgendwann an sich herabblickte und ihr bewusst wurde, dass sie nackt war. Andere Neugeborene gerieten in diesem Moment in Panik oder bekamen einen Schreianfall, doch sie sah sich nur um, bemerkte die Kutte in meiner Hand und kam einen Schritt auf mich zu.
Sie streckte die Hand aus. „Darf ich?“
„Ich heiße Zack“, sagte ich und reichte ihr die Kutte. Sie runzelte die Stirn, während sie die Kutte überzog.
„Ich weiß nicht, wie ich heiße“, meinte sie zu Stephen gewandt.
Stephen nickte. „Wie jeder Neugeborene bekommst du deinen Namen von uns.“ Er sah rasch auf einen Zettel. „Du wirst Rebecca heißen.“
Er redete weiter mit Rebecca, erzählte ihr von unserer Gesellschaft, vom Krieg gegen die Roten. Nichts, was ich nicht schon hunderte Male gehört hatte.
„Wer fehlt aus unserer Gruppe noch?“, fragte ich leise Elias. Der ging zu einem Tisch in der Nähe, auf dem mehrere Zettel verstreut lagen.
„Mal sehen. Brandon, Philipp, Serena, Judith, Jackie, Robert und Mary.“
Bitte lass es nicht Jackie sein, dachte ich. Jeder Neugeborene bedeutete automatisch, dass einer der Toten nicht wiedergeboren wurde.
Elias schien meine Gedanken zu spüren. „Es muss ja gar keiner aus eurer Gruppe sein. Es sind erst drei Tage. Du weißt, dass es schon mal acht Tage gedauert hat.“
Besonders, wenn der Blaue Gott viel zu tun hat.
Er legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter. „Es kann auch jemand von gestern oder vorgestern sein. Auch von dem Kampf vor vier Tagen fehlt noch jemand. Mach dir keine Gedanken, wir werden es früh genug erfahren. Und nun geh zu deinen Freunden, sie werden sich freuen, dich wiederzusehen.“
Ich drückte Elias‘ Arm und nickte Stephen und Ben, dem dritten Priester, zum Abschied zu, doch die beiden ignorierten mich wie gewöhnlich. Ich wusste, das lag nicht an mir, das war ihre priesterlich arrogante Art. Dafür hob Rebecca, die Neugeborene, ihre Hand zum stummen Gruß, während sie weiter Stephens Ausführungen lauschte.
7
Lyra brach schwer atmend auf mir zusammen. Ich spürte ihre warme weiche Haut auf meiner und drückte sie fest an mich. Götter, ich liebte diese Frau abgöttisch!
Schließlich rollte sie sich zur Seite und kuschelte sich an mich.
„Was machen wir nun?“, riss Lyra mich aus meinen Gedanken.
„Was meinst du?“
„Mit Ryan und den Roten, meine ich.“
Ich seufzte. „Wir sind ihm wie blutige Anfänger auf den Leim gegangen. Ich komme mir immer noch vor wie ein Idiot.“
„Tröste dich, so geht es uns allen. Wir sind einfach davon ausgegangen, dass Ryan noch nicht wieder zurück war, das war unser Fehler.“
„Ja, aber ein tödlicher Fehler.“
„Ein Glück, dass der Tod nicht endgültig ist“, grinste Lyra, doch mir war nicht zum Grinsen zumute.
„Wir hatten heute eine Neugeborene. Sie kam direkt nach mir.“
Schlagartig war Lyra wieder ernst. „Wer fehlt denn noch?“
„Aus unserer Gruppe?“ Ich wiederholte die Liste der Namen, die Elias mir gegeben hatte.
„Verdammt! Die gehören alle zu unseren Besten!“
„Und ich habe wenigstens einen von ihnen endgültig in den Tod geschickt.“
„Hör sofort auf damit!“ Lyra boxte mir auf die Brust. „Erstens kannst du das nicht wissen, gestern und vorgestern sind auch wieder viele von uns gestorben. Vielleicht war es einer von denen. Und zweitens ist das der Lauf der Dinge, das ist unsere Natur. Sich dagegen zu sträuben bringt dir nur noch mehr Falten ein.“
„Hey!“ Ich schubste sie spielerisch von mir weg, doch offenbar etwas heftiger als geplant, denn sie rutschte an der Seite aus dem schmalen Bett und nur mit einem beherzten Griff konnte ich sie davor bewahren, auf dem harten Boden zu landen.
„Entschuldige. Ich glaube du bist leichter geworden in den letzten drei Tagen.“
Lyra kicherte, doch dann runzelte sie die Stirn. „Wenn du weg bist, ist mir nicht nach Essen zumute. Du hast mir so sehr gefehlt!“
Ich nahm sie in den Arm und küsste sie. Meine Hände wanderten ihren athletischen Körper hinab, was Lyra ein leises Stöhnen entlockte. Ich verschloss ihren Mund mit einem weiteren Kuss, während sie sich unter meinen Berührungen wand. Doch ich hatte nicht vor, aufzuhören. Wir hatten drei Tage nachzuholen.
„Ich bin schwanger.“
Ich starrte Lyra fassungslos an. „Bitte was?“
Sasha blicke verlegen zu Boden, doch Lyra blieb ganz gelassen. „Wie lange weißt du es schon?“
„Wirklich sicher bin ich mir erst seit ein paar Tagen“, sagte Sasha zum Fußboden.
„Weiß Tobias Bescheid?“, wollte ich nun wissen, doch Sasha schüttelte den Kopf.
„Er träumt so sehr davon, dass er und ich gemeinsam mit euch in den Kampf ziehen, sobald wir unsere Ausbildung abgeschlossen haben. Ich habe mich noch nicht getraut, ihm davon zu erzählen.“
„Warte.“ Ich setzte mich auf. „Du willst das Kind bekommen?“
Sasha nickte.
„Götter, ihr seid gerade mal ein paar Monate hier, noch nicht mal aus der Ausbildung raus, und dann schon sowas. Die Priester werden begeistert sein.“
„Zack, lass gut sein“, meinte Lyra und nahm Sasha in den Arm. „Wenn es um Schwangerschaften geht, sind Männer die denkbar schlechtesten Ansprechpartner.“
Ich wollte etwas erwidern, doch ich klappte den Mund wieder zu. Vermutlich hatte Lyra damit durchaus recht.
„Du weißt, dass Schwangere, die ihr Kind behalten wollen, nicht gut angesehen sind, Sasha, oder?“
„Ja, ich weiß, Lyra. Ich habe auch lange darüber nachgedacht, aber es kommt mir einfach falsch vor, mich deswegen töten zu lassen.“
Lyra strich der Jüngeren über die Haare. „Du bist so unendlich viel mutiger als ich damals, Sasha“, sagte sie leise. „Ich bin sehr stolz auf dich!“ Dann küsste sie Sasha kurz auf den Mund. Ich weiß nicht, wer irritierter war, Sasha oder ich. Doch Lyra war mit den Gedanken schon einen Schritt weiter. „Du musst zu den Heilerinnen, Sasha. Wenn du das Kind wirklich bekommen willst, kannst du nicht hierbleiben. Deine Ausbildung ist in ein paar Wochen beendet und dann musst du an die Front. Du weißt, dass wir für Schwangere keine Ausnahmen machen.“
Sasha nickte traurig. „Ich weiß. Aber ich habe Angst!“
„Keine Sorge, du wirst nicht allein gehen müssen.“
„Tobias wird es nicht verstehen. Er wird nicht mitkommen.“
„Ich rede auch nicht von Tobias!“
Sasha schaute Lyra überrascht an. „Du willst mit mir zu den Heilerinnen gehen?“
Lyra lachte bitter auf. „Ich? Oh nein. Ich setze freiwillig keinen Fuß mehr in ihr Lager, lieber lasse ich mich zehnmal von Ryan erschießen. Nein, ich rede von Zack!“
8
Das Lager der Heilerinnen lag am Rand der Violetten Zone. Das gesamte Schlachtfeld war in drei große Zonen unterteilt. An unser Lager schloss sich die Grüne Zone an, während auf der anderen Seite die Orangene Zone an das Lager der Roten grenzte. In der Mitte lag die Violette Zone.
Ein breiter Korridor zog sich vom Blauen Lager aus am Rand der Grünen Zone entlang bis dorthin, und es gab einen ähnlichen Korridor von der Orangenen Zone aus, auf dem die Roten die Heilerinnen besuchen konnten. Selbst wenn eine der Kriegsparteien sich vorübergehend in der gegnerischen Zone festsetzen konnte, waren diese Korridore tabu. Weder Blaue noch Rote hatten jemals gewagt, die Korridore zu überfallen oder für strategische Manöver zu nutzen. Zu groß war die Furcht vor dem Zorn der Heilerinnen.
Ich war noch nie wirklich warm geworden mit den Heilerinnen. Zu sehr unterschieden sich unsere Einstellungen. Für mich war der Krieg mit den Roten eine Lebensaufgabe, der Grund, warum ich existierte. Die Heilerinnen verachteten mich und ähnlich Denkende dafür. Bisher war es mir gelungen, einen großen Bogen um ihr Lager zu machen. Und jetzt stand ich mit Sasha nur wenige Meter vom Eingang ihres Lagers entfernt.
Sasha spürte mein Zögern und nahm meine Hand. „Ich bin dir unendlich dankbar, Zack, dass du mitgekommen bist. Aber wenn du nicht möchtest …“ Sie ließ den Satz unbeendet.
