Die verbotene Musik - Peter Karl Glavac - E-Book

Die verbotene Musik E-Book

Peter Karl Glavac

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Beschreibung

Kulturmanager Gildo Worms entdeckt in seinem nahen Umfeld eine Reihe von Mord- und Betrugsfällen. Unfreiwillig gerät Worms in die Rolle des Ermittlers. Die Verbrecherbande sieht ihr Geschäftsmodell – einen unlauteren Handel mit der Erlangung der physischen Unsterblichkeit – in Gefahr und will Worms beseitigen. Kann er das Schlimmste abwenden und die Mörder überlisten? Welche Rolle spielt dabei ein mysteriöser Alter? Ist er der Schlüssel zur Aufklärung des Komplotts? Oder schaltet sich noch rechtzeitig die Kriminalpolizei ein? Und welche Rolle spielen Werke klassischer Musik in diesem nervenzerreißenden Katz-und-Maus-Spiel?

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Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Impressum

Vorwort

Februar 2024

Kapitel 1

März 2024

Kapitel 2

Zwei Tage zuvor

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

April 2024

Kapitel 6

März 2024

Kapitel 7

Februar 2022

Kapitel 8

März 2024

Kapitel 9

Mai 2022

Kapitel 10

März 2024

Kapitel 11

November 2023

Kapitel 12

März 2024

Kapitel 13

November 2023

Kapitel 14

Oktober 2023

Kapitel 15

November 2023

Kapitel 16

Februar 2024, einen Monat vor Greenbergs Tod

Kapitel 17

Mai 2022

Kapitel 18

Februar 2024

Kapitel 19

März 2024

Kapitel 20

Mai 2022

Kapitel 21

März 2024

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

April 2024

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Zwei Monate später

Kapitel 45

Kapitel 46

Danksagung

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Cover

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 Vindobona Verlag

in der novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-903579-79-8

ISBN e-book: 978-3-903637-16-0

Lektorat: Alexandra Ehrmann

Umschlagabbildung: Carlos Caetano | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: Vindobona Verlag

www.vindobonaverlag.com

Vorwort

Die Handlung und ihre Personen sind fiktiv und beruhen auf keinen wahren Begebenheiten. Allfällige Namensidentitäten oder -ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und nicht gewollt.

Februar 2024

Kapitel 1

Bistrot Aubergine, Wien Innere Stadt

„Wow, Edgar Grishan kommt mit seiner Jazzband nach Wien – in deinen Club, Papa!“, frohlockte Franziska, während sie sich genussvoll ein gekochtes Artischockenherz zwischen die Zähne schob. „Dafür sicherst du mir aber zwei Karten.“

„Ich dachte, Lukas interessiert sich so gar nicht für Jazz …“

„Tut er auch nicht, und auch nicht für klassische Musik, aber das weißt du doch. Ich frage Melissa, ob sie mitkommt. Sonst findet sich schon jemand. Schlimmstenfalls musst du neben mir sitzen.“

Franziska setzte ihr unwiderstehliches, spitzbübisches Grinsen auf, dem Gildo noch nie widerstehen konnte. Kein Vater hätte das bei seiner Tochter gekonnt, und er schon gar nicht.

„Ich finde es cool, dass ihr im Club Jazz spielt. Ich dachte, ihr seid auf klassische Musik spezialisiert?!“

„Sind wir auch. Da machen wir aber einmal eine Ausnahme. Es ist wie mit dem Salz in der Suppe. Selbst in der Staatsoper hat es schon einmal ein Rockkonzert gegeben. Und wie du ja selbst bemerkt hast, holen wir nicht irgendeine Jazzband.“

„Also, mir soll’s recht sein, ich liebe Jazz über alles!“

Gildo dachte, über Franziskas Musikgeschmack Bescheid zu wissen. Umso mehr überraschte ihn, dass sie gerade eben Jazz als ihre große Liebe geoutet hatte. War ihm bei der Entwicklung der Vorlieben seiner Tochter etwas entgangen? Bis jetzt war sie doch in die nordischen Klassiker – von Edvard Grieg bis Arvo Pärt – vernarrt gewesen. Eines war sicher: Einen exquisiten Musikgeschmack konnte man seiner Tochter nicht absprechen.

„Und wenn ihr mal meine Nordländer spielt, sagst du’s mir auch, gell, Papa?“

Bingo, sie existierten also doch noch, die alten Vorlieben. Gildo nahm einen Schluck von seinem köstlichen Karotten-rote-Rüben-Saft.

„Mal sehen, das könnte heuer noch hinkommen. Und falls nicht, entschädige ich dich mit zwei Opernkarten. Da findet sich bestimmt etwas Feines. ‚Rosenkavalier‘ oder ‚Arabella‘ sollten in dieser Saison noch mit Topbesetzung auf dem Spielplan stehen.“

„Da würde ich dir doch glatt die fehlenden Nordischen nachsehen.“

Franziskas Gesichtsausdruck verwandelte sich um eine Nuance von spitzbübisch in schelmisch. Natürlich hatte sie gewonnen. Und Gildo genoss es, von seiner Tochter wieder einmal um den Finger gewickelt worden zu sein.

Seit Franziskas Mutter und Gildos Ehefrau Ulrike vor sechs Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, hatte Gildo die Rolle des alleinerziehenden Vaters inne. Diese Rolle füllte er mit viel Liebe und Hingabe aus. Er hatte es stets als seine Aufgabe betrachtet, seine Tochter auf dem Weg vom Teenager zur erwachsenen jungen Frau zu begleiten und sie mit den Mitteln eines fürsorglichen Elternteils zu unterstützen. Rückblickend war er selbst der Meinung, dass ihm das recht gut gelungen war. Und genau genommen befand er sich nach wie vor in dieser Rolle, so lange jedenfalls, bis Franziska nach Abschluss ihres Medizinstudiums ihre erste Turnusstelle antreten und damit die Selbsterhaltungsfähigkeit erlangen würde.

„Was spielt ihr denn als Nächstes?“ Franziska war interessiert und neugierig zugleich, welche Veranstaltung im „Franz-Kreutzer-Club“, jenem Insider-Treffpunkt für klassische Musik, dessen Kurator ihr Vater Gildo Worms seit fast einem Jahr war, auf dem Programm stand.

„Spielen ist zu viel gesagt. Wir werden einen sehr prominenten Gast begrüßen können, der den Abend bestreiten wird – aber nicht musizierend, wie wir das gewohnt sind, sondern rein vortragend!“

„Wie das denn? Und wer wird es sein?“

„Du hast doch bestimmt schon mitbekommen, dass der neue Staatsoperndirektor, Simon Engländer, sein Amt angetreten hat – und er erweist uns die Ehre!“ Gildo sagte das mit einiger Theatralik. „Sein Vortrag wird nicht irgendein Thema behandeln, sondern unseren Franz Kreutzer, den Namensgeber des Clubs, und dessen Kompositionen. Das wird bestimmt eine spannende Sache werden, nicht nur wegen des Vortragsthemas, sondern – und vor allem – wegen des Vortragenden selbst! Engländer gilt als einer der schillerndsten Paradiesvögel der klassischen Musikszene, und da darf man schon gespannt sein, was er verlauten lässt. Hoffentlich wird es nicht zu abenteuerlich …“

„Da bin ich aber neugierig, was du mir nächstes Mal berichten wirst, sofern nicht vorher schon in den Medien darüber nachzulesen ist.“

„Das weiß man nie. Aber mit etwas Glück kommt auch Samuel zur Veranstaltung, dann würde sich der Abend gewiss ein wenig erträglicher gestalten …“ Gildo seufzte. Der neue Staatsoperndirektor bereitete ihm gewisses Kopfzerbrechen, aber dieses würde durch die Anwesenheit seines Freundes Samuel Greenberg, des US-amerikanischen Kulturattachés in Österreich, einigermaßen zerstreut werden.

„Wenn du Samuel siehst, lass ihn ganz lieb von mir grüßen! Er ist so ein netter und feinsinniger Mensch. Ich mag ihn und genieße seine Gesellschaft jedes Mal, wenn wir ihn treffen.“

„Mach ich doch!“

März 2024

Kapitel 2

New York

Als Ausdruck seiner Liebe zur ewigen Musik der Beatles war es für Samuel Greenberg zur liebgewordenen Gewohnheit geworden, „Strawberry Fields“, die Gedenkstätte für John Lennon, zu besuchen. Über vierzig Jahre war es her, dass das unvergessliche Band-Mitglied der Beatles nahe seinem Appartement am Central Park ermordet worden war. Diesmal lagen „Strawberry Fields“ sogar auf direktem Weg zu Samuels Termin. Und da es gerade halb zehn Uhr vormittags war, hatte er eine gute Viertelstunde Zeit, an dem legendären Kult-Ort zu verweilen, die Dichte der Atmosphäre, vermischt mit der noch kühlen New Yorker Morgenluft, einzusaugen und manch ewiger Melodie John Lennons innerlich zu lauschen.

Da war jener immer wiederkehrende, ein Saxofon imitierende Klang des Synthesizers, nur durch den Begleitakkord ständig die Melodik wechselnd, der seit Jahrzehnten ein Lächeln auf das Antlitz jedes Beatles-Fans zauberte; an jenem Morgen auf jenes des US-amerikanischen Kulturattachés in Österreich. Samuel Greenberg schloss die Augen und stand in Stille und Andacht da. Minutenlang entfaltete John Lennons Musik ein unfassbar reiches Innenleben – so schön und doch so traurig zugleich. Traurig deshalb, da diese wundervolle Musik das Vergängliche des Menschseins vergegenwärtigte. Die typisch New Yorker Geräuschkulisse, bestehend aus Sirenen, Hupen und Motoren, drang nicht mehr in seine Wahrnehmung vor. Mit dem letzten ‚Strawberry Fields Forever‘ schlug Greenberg spontan die Augen wieder auf und setzte sich in Bewegung, das letzte Stück durch den Central Park, von „Strawberry Fields“ in nordöstliche Richtung, den Kopf nun völlig geleert.

Samuel Greenbergs berufliche Rolle als US-amerikanischer Kulturattaché in Österreich brachte es mit sich, dass er alle vier bis fünf Wochen seine Heimat, die USA, bereiste. Zumeist handelte es sich um Aufenthalte mit dichtem Besprechungsprogramm. Die wenige verbleibende Zeit widmete er seiner Familie und seinen engsten Freunden. Seine betagten Eltern lebten in San Diego, und einmal im Jahr, traditionellerweise um die Weihnachtszeit, verbrachte er ein paar Tage an der Westküste, in der Hauptstadt Kaliforniens, des größten amerikanischen Bundesstaates.

Greenberg war geschieden und kinderlos. Seinen Beruf empfand er als Berufung, er liebte alles Kulturelle und richtete sein ganzes Leben danach aus. Im Gegensatz zur Zahl seiner ‚wahren‘ Freunde war sein Bekanntenkreis riesig groß, was daraus resultierte, dass er schon seinerzeit in der Highschool, genauso wie später an der Universität, zahllose Kontakte zu Mitschülern und Kommilitonen gepflegt – und diese auch beständig vertieft hatte. Er war bestens vernetzt im Kunst- und Kulturbetrieb der westlichen Hemisphäre, wodurch es auch nicht verwunderlich war, dass er eine Reihe bekannter Künstler, Manager, Wirtschaftstreibender und Politiker zu seinen Geschäftspartnern zählte. Und zu manchen von ihnen hatte sich im Laufe der Jahre auch eine persönliche, freundschaftsähnliche Beziehung entwickelt, während es im Grunde doch ‚nur‘ eine berufliche Beziehung geblieben war.

An diesem New Yorker Vorfrühlingsmorgen war es wieder so weit. Es gab zwei offizielle Anlässe für Greenbergs Dienstreise. Zum einen folgte er einer Einladung John Brisbanes, eines der führenden New Yorker Rechtsanwälte. Im Zuge der Restitution ehemals in jüdischem Eigentum befindlichen Kulturgutes durch die Republik Österreich waren noch einige Detailfragen offengeblieben, und Greenberg war vom Kultusministerium gebeten worden, mit Hilfe seines einschlägigen Erfahrungsschatzes zu deren Klärung beizutragen. John Brisbane vertrat in diesem Zusammenhang einige Privatpersonen, aber auch Stiftungen.

Zum anderen hatte die Leitung einer der großen Wiener Kunstsammlungen bei Greenberg bezüglich einer temporären Zusammenarbeit im Hinblick auf einen Austausch von Exponaten mit US-amerikanischen Museen angefragt. Für Greenberg Anlass genug, wieder einmal bei seinem alten Bekannten Roger Bentley, dem Doyen zeitgenössischer Kunst in den USA und Direktor der Peggenberg-Collection am Central Park, vorbeizuschauen. Das Besondere an dieser Dienstreise war aber, dass es für Greenberg noch einen weiteren, höchstpersönlichen und somit inoffiziellen Grund gab, Bentley aufzusuchen. Er hatte nämlich ein paar Fragen, mit denen er Bentley konfrontieren wollte, und das konnte für diesen durchaus unbequem werden. Greenberg sah vor seinem geistigen Auge, wie sich Bentley herauszuwinden versuchte, indem er das Thema wechselte oder das Ganze ins Lächerliche zog.

Nachdem er also den sonntäglichen Abendflug von Wien-Schwechat nach New York genommen hatte, war das Treffen mit Bentley für zehn Uhr vormittags des darauffolgenden Tages vereinbart. John Brisbanes Kanzlei stand dann am späten Nachmittag auf Greenbergs Terminkalender. Wie schon seit vielen Jahren während seiner New-York-Aufenthalte hatte er auch diesmal wieder im Park-Hotel, Upper West Side, Quartier genommen, und wie schon so oft in New York war er auch diesmal in der Nacht nach seiner Ankunft in einen tiefen, traumlosen Schlaf gefallen. Die Paradoxität dessen war augenscheinlich, denn gerade New York war bekanntermaßen jene Stadt, die den Menschen den Schlaf raubte – nicht so aber Samuel Greenberg.

Am folgenden Morgen hatte er im geschäftlich-stylishen Breakfast Room des ‚Park‘ sein geliebtes English Breakfast zu sich genommen. Eine der positiven Eigenschaften jenes üppigen Frühstücks war, dass es ihm all die Energie verlieh, die er an solchen Tagen benötigte. Was Attaché Greenberg zu morgendlicher Stunde jedoch noch nicht wusste, war, dass er gerade an diesem Tag die Power seines English Breakfast gar nicht benötigen würde. Lediglich eine sehr unbestimmte und für einen kurzen Moment verunsichernde Vorahnung hatte von ihm Besitz ergriffen. Für einen Augenblick lang war er bezüglich seines Vorhabens, Roger Bentley aufzusuchen, verunsichert gewesen. Doch sogleich hatte sich die Stimme der Vernunft zugeschaltet, wodurch der aufkeimende Zweifel zunächst ins Lächerliche abgetan und dann gänzlich vertrieben worden war. Schließlich handelte er im offiziellen Auftrag, und dafür war Bentley nun einmal seine erste Ansprechperson.

Also eilte er an diesem duftenden New Yorker Frühlingsmorgen seinem Termin in der Peggenberg-Collection entgegen. Auf Höhe des Metropolitan Museum of Art ereilte ihn abermals jener unbestimmte Anflug von Irritation, wie schon zuvor im Hotel, und er kam beinahe ins Straucheln. Ein Blick auf seine Speedmaster signalisierte ihm aber, zügig voranzuschreiten, hasste er es doch, sich zu verspäten. Er erreichte die 5th Avenue, zu deren Überquerung er ansetzte, das Ziel des postmodernen Baus der Peggenberg-Collection vor Augen und die Songs der Beatles noch im Ohr, als der Grund für seine unterschwellige Verunsicherung ans Licht kam.

Attaché Greenberg wurde schlagartig bewusst, warum der herrliche Energieschub seines English Breakfast nun zum allerletzten Mal seine Muskelfasern beflügelte, während auch schon ein riesiger Adrenalinschwall seine Gefäße flutete. Sein bisheriges Leben hatte begonnen, in atemberaubendem Tempo auf seinem inneren Bildschirm abzulaufen, als ein schwarzer Schatten von links auf ihn zuraste und im Zehntelsekunden-Takt enorm an Größe gewann. Genau, als sein geraffter Lebensfilm im gegenwärtigen Augenblick anlangte, stieg sein Körper sechs Meter in die Höhe, schlug mehrere verschraubte Salti, beschrieb einen 20 Meter weiten Bogen und krachte mit dem Schädel voran auf dem Asphalt auf.

Ein gleich nach Eintreffen der Rettungskräfte durchgeführter Reanimationsversuch war vergebens gewesen. Samuel Greenberg hatte sein Leben am Vormittag eines strahlend schönen Märztages auf der 5th Avenue in New York ausgehaucht.

***

Die baldige Ereignisrekonstruktion durch die Ermittlungsbehörde deckte sich mit den Aussagen von sieben Augenzeugen. Diese hatten der Polizei gegenüber angegeben, aufgrund des mehrfach aufheulenden Motorengeräuschs auf einen schwarzen, sehr flachen Sportwagen aufmerksam geworden zu sein. Dieser hatte von der Eastern 94th Street weg rennmäßig beschleunigend bis zum Ort der Kollision mit Greenberg auf Höhe der Peggenberg-Collection eine geradezu irreal überhöhte Geschwindigkeit erreicht.

Das Verblüffendste – und das hatten alle Zeugen übereinstimmend ausgesagt – war aber gewesen, dass das schwarze Geschoß nach der Kollision mit unvermindertem Tempo weitergerast und innerhalb kürzester Zeit am Horizont der 5th Avenue, allen roten Verkehrsampeln zum Trotz, verschwunden war. Sämtliche Zeugen hatten ihre perplexe Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, dass es zu keiner Kollision mit anderen Fahrzeugen gekommen war.

Rasch war ein verkehrstechnisches Sachverständigengutachten beauftragt worden. Darin war festgehalten, dass der sehr geringe Abstand der Durchtrennungsstellen beider Schien- und Wadenbeine Greenbergs zu dessen Fußsohlen sowie die an den Durchtrennungsstellen selbst vorgefundenen Lackspuren – in Zusammenschau mit den Zeugenaussagen – auf eine seitliche Kollision mit einem schwarzen Lamborghini Huracán schließen ließen. Diese Kollision musste mit einer Geschwindigkeit von rund 130 Meilen pro Stunde stattgefunden haben.

Am Morgen des nachfolgenden Tages erreichte die New Yorker Polizei eine Meldung der Firma „Exclusive Cars“, eines Mietwagenunternehmens, wonach ein schwarzer Lamborghini Huracán nach der vereinbarten Mietdauer von 24 Stunden nicht zurückgegeben worden war. Nachdem man im Radio die Meldung über den Vorfall auf der 5th Avenue gehört hatte, habe man geschlussfolgert, es könne sich um jenes Fahrzeug handeln, das von einem gewissen Alan McMurphy rund zwei Stunden vor der Kollision mit dem Fußgänger gemietet worden war.

Die von McMurphy vorgewiesenen Ausweispapiere waren in der Zwischenzeit mit dem Polizeicomputer abgeglichen worden und ließen keinen Rückschluss auf die wahre Identität des Lenkers zu. An der angegebenen Adresse gab es keinen McMurphy, und so gelangte man zur Erkenntnis, dass es sich bei den Papieren um Fälschungen handelte. Auch eine rasch eingeleitete polizeiliche Fahndung nach dem Lamborghini blieb erfolglos, das Fahrzeug war wie vom Erdboden verschluckt.

Rechtsanwalt John Brisbane hatte vergeblich auf Samuel Greenberg gewartet. Nachdem auch er die Meldung über den spektakulären Unfall auf der 5th Avenue in den Online-News gelesen hatte, brauchte er nur Eins und Eins zusammenzuzählen, um zur Gewissheit zu gelangen, dass es sich bei der getöteten Person um seinen angekündigten Besprechungspartner handelte.

Zwei Tage zuvor

Kapitel 3

Franz-Kreutzer-Club, Wien

Der Programm-Flyer zum Vortrag des Abends zitierte zwei bekannte Persönlichkeiten des öffentlichen Kulturlebens: Gernot Lessing, Kritiker des Wiener Kultur-Journals, einer unabhängigen, monatlich erscheinenden Kulturzeitschrift, und Rudolf Gerstl, Intendant der Wiener Festwochen und politisch der links-liberalen Stadtregierung zuzurechnen. Während Lessing die Kompetenz des Vortragenden in drei prägnanten Sätzen hervorhob, zeichnete Gerstl ein Kurzporträt jenes musikschaffenden Künstlers der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nach dem der exklusive Wiener Club benannt war: Franz Kreutzer. Ihm galt auch der Vortrag des Abends.

‚Wie gut, dass Samuel in Wien ist!‘ Hausherr Gildo Worms war erleichtert, als er neben den zahlreichen prominenten Namen aus Politik, Kunst und Medien auch jenen des Kulturattachés Samuel Greenberg auf der Gästeliste fand, die ihm von seiner Assistentin Ines Wallisch kurz zuvor in die Hand gedrückt worden war. Worms betrachtete es als ein Privileg, einen gleichsam warmherzigen wie klugen Menschen einen Freund nennen zu dürfen. Für Gildo, der als Kulturmanager und Kurator einer Kunsteinrichtung oftmals im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand, war es zum Glücksfall geworden, mit Samuel jemandem begegnet zu sein, der so tickte wie er selbst. Der bei allem Glitzer und Glimmer, die die Kulturszene auch mit sich brachte, einfach ein Mensch geblieben war.

Knapp ein Jahr war es nun her, dass Worms Kurator des Franz-Kreutzer-Clubs geworden war, jener Kunsteinrichtung, die als Geheimtipp der klassischen Wiener Musikszene galt. Seither waren bereits mehrere bekannte Persönlichkeiten des Kunst- und Kulturlebens ein- und ausgegangen, darunter genügend „Paradiesvögel“, wie Worms manch überzeichnete Selbstdarsteller der Szene nannte. Andererseits war ihm auch bewusst, dass diese Szene die „Paradiesvögel“ benötigte, um möglichst breite Aufmerksamkeit zu erlangen.

Die Dichte an anwesender Prominenz war wohl in erster Linie der Person des Vortragenden geschuldet. Es handelte sich um den frisch gekürten Direktor der Wiener Staatsoper, Simon Engländer, einen international angesehenen Musiktheoretiker und Manager. Engländer hatte über Direktorate in Boston und New York den Weg nach Wien gefunden. In der Fachwelt wurde er überdies mit seinen progressiven Thesen zu zahlreichen Musikthemen bekannt. In Gildos Augen war Engländer einer der schillerndsten „Paradiesvögel“ der Kunstszene, aber auch einer, der mit Vorsicht zu genießen war.

Das Thema des Abends reihte sich nahtlos dort ein, wofür der Club in erster Linie stand: die Musik Franz Kreutzers. Der Staatsoperndirektor hatte einen Vortragstitel gewählt, der in seiner Schlichtheit den eigentlichen Vortragsinhalt zu verschleiern vermochte, um danach so etwas wie einen Überraschungscoup zu landen. Tatsächlich ahnten nur wenige im Publikum, wohin die Reise gehen sollte. Der Titel lautete: „Die Wirkung der Musik anhand der Werke Franz Kreutzers“.

Gildo Worms war von Staatsoperndirektor Engländer nur in sehr groben Zügen inhaltlich vorinformiert worden. ‚Typisch Engländer‘, dachte Worms. ‚Der mag es, wenn er Leute im Ungewissen lassen kann.‘ Die Kombination aus der Person des Vortragenden und dem Vortragsthema selbst rief bei Gildo eine gewisse Anspannung hervor. Er konnte schwerer als sonst abschätzen, worauf die Veranstaltung hinauslaufen würde.

Und da war dann noch die Franz Kreutzersche Musik. Schon seit unzähligen Jahren hatte sich Worms mit diesen anmutigen, von eigenartiger Schönheit erfüllten Kompositionen auseinandergesetzt, und er hatte am eigenen Leib erfahren müssen, was diese mitunter auslösen konnten. Deren Faszination war das eine, die Wirkung allerdings etwas gänzlich anderes. Wie ein Blitzlicht streifte Gildo die Erinnerung an jenen Suizidfall, in den er selbst auf so fatale Weise verwickelt worden war. Es hatte sich um einen jungen Geistlichen gehandelt, der ihm von seinem alten Bekannten Rudi Huber, dem Dompfarrer zu St. Stephan, ans Herz gelegt worden war. Vom Dompfarrer war Gildo in seiner Eigenschaft als Franz-Kreutzer-Insider gebeten worden, sich ein wenig um den jungen Mann zu kümmern. Dieser hatte sich in der Kreutzerschen Musikwelt heillos verfangen und mit Gildos Hilfe sollte wieder mehr Stabilität in das Seelenleben des Kaplans einkehren. Dieses Vorhaben war allerdings gründlich misslungen.

Die Geschichte war folgendermaßen abgelaufen: Eines Tages hatte Gildo so etwas wie einen Hilferuf des jungen Geistlichen auf seiner Handy-Mailbox abgehört. Er war sogleich in Richtung Innenstadt geeilt, wo der Kaplan nahe St. Stephan in einer von der Domsakristei zur Verfügung gestellten Garçonnière gewohnt hatte. Schon als sich Gildo der Wohnadresse des jungen Mannes genähert hatte, waren von weitem Kreutzersche Klänge vernehmbar gewesen. Als er schließlich atemlos um die Ecke der Blutgasse zur Domgasse eingebogen war, hatte er den jungen Mann erblickt, der lediglich in Unterwäsche bekleidet auf dem Fenstersims seiner im vierten Stock befindlichen Wohnung balancierte und laut schrie, während Franz Kreutzers fantastische Oper „Die Himmelsstiege“ mindestens ebenso laut aus dem sperrangelweit geöffneten Fenster dröhnte.

Gildo hatte versucht, in das Haus zu gelangen, was ihm nach einigen Klingelversuchen an verschiedenen Knöpfen der Gegensprechanlage auch geglückt war. Er war in den vierten Stock des aufzugslosen Stiegenhauses hinaufgehastet und hatte, nach Luft ringend, gegen die verschlossene Wohnungstür des Geistlichen gehämmert. Schließlich hatte er sich mit der Schulter gegen die Tür geworfen, was diese nur wenig beeindruckt, seiner Schulter aber eine Prellung eingetragen hatte. Während er die Stiegen wieder hinuntergerannt war, war es ihm beim dritten Versuch gelungen, die Feuerwehr-Notrufnummer in sein Handy einzutippen. Und als er schließlich aus dem Haus gestürzt war, war ihm – noch bevor sich beim Notruf jemand gemeldet hatte – augenblicklich aufgegangen, dass der Feuerwehreinsatz zu spät kommen würde. Der Geistliche war bereits gesprungen und zwischen zwei Palmentöpfen mitten im Schanigarten des dort befindlichen Restaurants auf dem Kopfsteinpflaster gelandet. Die zuvor noch am angrenzenden Tisch Kalbshirn mit Ei tafelnden Gäste waren im Angesicht des vom Himmel gefallenen, leicht bekleideten Mannes zu Tode erschrocken auseinandergestoben. Jenes Bild, das sich ihnen geboten hatte, sollten sie so rasch nicht wieder vergessen.

Der Körper des jungen Mannes war spiralförmig verdreht in einer sekündlich anschwellenden Blutlache gelegen, während „Die Himmelsstiege“ weiterhin unablässig mit maximaler Lautstärke aus dem Fenster oberhalb des Schanigartens geplärrt hatte. Zahlreiche Fensterflügel in der Umgebung waren ob des Wirbels aufgeschlagen worden und Menschen hatten ungläubig in den drückend schwülen Sommernachmittag hinausgestarrt, der ihnen eine schöne Leiche direkt vor der Haustür beschert hatte.

Gildo aber hatte dieser Vorfall eine Strafverfolgung eingebracht. Eine wirre Nachricht, die der verblichene Kaplan vor seinem Absprung aus dem Leben hinterlassen hatte, hatte Worms – trotz der Widersprüchlichkeit der Nachricht – strafrechtlich belastet. Und obwohl sie überdies keinen Funken Wahrheit enthalten hatte, war Gildo von der Kriminalpolizei ordentlich ins Verhör genommen worden. Erst sein Freund und Rechtsanwalt Arnold Drechsler hatte die Einstellung des Strafverfahrens durchsetzen können. Spätestens seit diesem sonderbaren Ereignis war Gildo Worms ein gebranntes Kind, was die Franz Kreutzersche Musik anlangte.

Samuel Greenberg holte Gildo Worms aus seiner Gedankenwelt zurück, als er mit zwei Sektgläsern auf ihn zukam und ihn herzlich begrüßte. ‚Schön, den alten Freund wiederzusehen‘, dachte Gildo, und er konnte erkennen, dass Samuel dasselbe dachte.

„Den Sermon vom Engländer werden wir auch überstehen“, brummte Greenberg in seiner bekannt launigen Art. „Hast du nachher noch Zeit, auf einen Digestif in die Bellevue-Bar mitzukommen? Du wirst es nicht bereuen, Gildo, ich habe nämlich eine interessante Geschichte für dich. Noch dazu hängt sie mit unserem Franz Kreutzer zusammen – Gott habe ihn selig.“

„Mit oder ohne Geschichte, lieber Samuel, deine Gesellschaft ist es immer wert, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen“, erwiderte Worms. „Zuerst müssen wir hier aber