Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nekropoden aus der Welt jenseits unseres Makrokosmos wollen alles zerstören. Um das Materielle zu schützen, wurden von den Alten Wesen die Leichenlichter als Barriere errichtet. Aber der Samen der Nekropoden kann diese durchdringen und dann Millionen und Milliarden von Jahren warten, bis die Bedingungen gut genug sind, in unsere Welt einzudringen und alles zu zerstören. Richard Perlmann, ein Wissenschaftler, der sich mit Nekromantie befasst, erkennt einen solchen Versuch in der Kanalisation Berlins. Mit zwei Kollegen dringt er in die Unterwelt ein. Eine Mission, die gefährlich ist. Einer wird von Ghulen zerrissen, ein anderer von einem unterirdischen See verschluckt. Nur Richard kann sich der finalen Konfrontation stellen. Aber auch er büßt dabei sein Leben ein. Sein Sohn Alexander liest in einer Mail, was sein Vater vorhat. Mithilfe des Geistes von John Dee, einem bekannten Gelehrten des Mittelalters, findet er einen anderen Weg ins verderbte Herz Berlins. Er sieht seinen Vater sterben, verschließt den Durchgang für die Nekropoden und verliert seinen Verstand.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 568
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Die Welt - ein Tor Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor, Was du verlorst, macht nirgends Halt. Friedrich Nietzsche; Vereinsamt (1887)
Über deinen Tod gäbe es so viel zu schreiben-und kei'm Lied könnte es gelingen mich zu erlösen von dem Leiden-welches die Gedanken bringen.
Ich seh die alten Bilder prangen-die lange schon die Wand verzier'n und mit dem weisen Kranich sangen-die Toten die dereinst mit ihm zieh'n.
So ziehe ich mit ihm von dannen,-doch hört man mich des nächtens schrein. Ich schließ die Flügel, seh' mich fallen.-Kein Lied könnt je ein Abschied sein. Nargaroth; Rasluka (2001)
Ich stand an einem See; zumindest glaubte ich im Traum oder in meiner Vision, dass es ein See sei. Genau kann ich es nicht sagen. Ich sah mich selbst, durchscheinend wie einen Geist am Gestade stehen. Was hinter mir war, konnte ich nicht erblicken, aber aus dieser Richtung wehte ein Wind herüber, der von jenseits meines Vorstellungsvermögens kommen musste. Von jenseits der bekannten Grenzen von Raum und Zeit. Er war kalt, so kalt, dass sich meine Lebensgeister zurückziehen wollten. Wie nackt im eiskalter Winterlandschaft fühlte ich mich. Der Wind brachte den Geruch von Verderben, von Fäulnis mit sich, die ganze Kakophonie des Grauens. Jeder einzelne Alptraum, den ich jemals hatte, er zog mit dem Wind an mir vorbei, hin zu diesem Gewässer. Mir schauderte und nackte Angst kroch an meiner Wirbelsäule empor und füllte mich komplett aus, meinen Körper, meinen Verstand, meine Seele. Die einzige Gnade bestand offenbar darin, dass ich keinen Blick auf das Wasser erhaschen konnte, denn über dem Gewässer breitete sich Nebel aus, so dass alles in einer Entfernung von über 20 Meter meinem Blick entzogen war.
Es war ruhig, eigenartig ruhig; nein; es war eher unheimlich still. Wenn jemals der Begriff Totenstille galt, so am Ufer dieses abartigen Wassers. Nichts regte sich und kein Laut drang an meine Ohren, die doch so sehr nach einem Geräusch gierten. Meine Sinne waren bis zum Zerreißen gespannt, alles war so fremdartig, dass nichts aus meiner Erkenntniswelt eine Hilfe bot. Kein Anhaltspunkt, an welchem mein gemartertes Gehirn sich hätte orientieren können; nichts Vertrautes, an dem meine Seele hätte Zuflucht finden können.
Es war gespenstisch, zumal ich mich nicht erinnern konnte, wie ich an diesen unheimlichen Ort geraten war. Es war so surreal, so jenseits aller mir bekannten Erfahrungen. Und doch fühlte ich ganz tief in mir, dass dieser Schlund, diese Ausgeburt der Hölle fester Bestandteil einer Realität war, welche ich zu vergessen trachtete, welche ich weit von mir hinweg schob. Furcht packte mich ganz tief in meinem Inneren; ich fühlte mich unsagbar leer, leer und verloren. Das Wort Hoffnung schien so weit weg zu sein, dass es nicht einmal mehr eine Hülle war. Nein, an diesem Ort war keine Hoffnung, kein Vergeben, keine Zukunft, nicht einmal eine richtige Gegenwart. Dieser Ort war fleischgewordenes Miasma.
Dann begann sich die Wasseroberfläche leicht zu kräuseln, allerdings auf eine Art und Weise, die in unserem Universum einfach unmöglich war. Es widersprach jeder Vernunft und war deshalb absolut widerwärtig anzuschauen. Eine Erschütterung unterhalb der Wasseroberfläche war zu spüren mit allen verfügbaren Sinnen. Die Quelle schien tief unterhalb des widerwärtigen Gewässers zu sein. Die Erschütterung durchbrach die Wasseroberfläche und die Oberfläche kräuselte sich in jede nur erdenkliche Richtung. Eine riesige Blase quoll förmlich aus der Masse heraus, Wellen überlagerten sich nicht nur in konzentrischen Kreisen, nein, auch gerade Linien bildeten sich. Diese durchschnitten die Kreise und dabei bildeten sich neue Verwerfungen, Formen jenseits des menschlichen Vorstellungsvermögens.
Ich hatte das Gefühl, dass sich auch die Realität kräuseln und verformen würde wie ein Spiegelbild im siedenden Wasser. Ja, wie sich das eigene Spiegelbild in einem deformierten Spiegel verzerrt und seltsame Formen bildet, so verformte sich die Realität ganz offensichtlich. Ihre Oberfläche brach auf und darunter verbarg sich die absolute Wahrheit; von welcher ich aber nur Schwärze, Kälte und eine böse Widerwärtigkeit wahrnehmen konnte. Die Wellen überlagerten sich weiterhin und hinter den bizarren Formen schien sich eine seltsame, abartige und vieldimensionale Gestalt zu formen. Unfassbar für das menschliche Auge, aber gerade noch fassbar für den menschlichen Geist. Aus dieser verderbten Stadt, die sich ganz sicher am Grunde des Gewässers (wobei ich tief in meinem Inneren nicht davon überzeugt war, dass dieses Gewässer überhaupt einen Grund hatte) befinden musste, schien Energie an die Oberfläche zu schießen. Durch diesen Schuss an Energie formten sich aus dem weichen Material Klauen unvorstellbarer Klarheit und Härte und unendlicher Dunkelheit. Sie tasteten blind und gierig nach meinem Körper, fanden meinen Hals und umschlossen ihn mit einem eisernen Würgegriff, aus dem es kein Entrinnen gab.
Während die Luft aus meinen Lungen entwich, formten meine blutleeren Lippe mit einer letzten Kraftanstrengung Worte, deren Bedeutung sich meinen schwindenden Sinnen entzog:
And He calls my name-First a whispering then louder And he wants me to follow-And to fall down. The Eternal Fire...... Bathory; Enter The Eternal Fire (1987)
In the streets of Berlin-I'll find you there Meet you there-In the streets of Berlin I'll take you far away from here Wild Dogs; Streets of Berlin (1987)
Es war ein wunderschöner Herbsttag am Ende des Monats Oktober. Die Sonne erhellte die Straßenschluchten des Prenzlauer Bergs, schien den Menschen regelrecht ein Lächeln ins Gesicht zu treiben. Es blitzte und funkelte, wenn sich die Sonne in den Scheiben der Geschäfte und Restaurants sowie in den Autofenstern spiegelte. Sogar die Tristesse der steinernen Großstadt schien etwas Schönes an sich zu haben. Der Alltag, sonst eher grau und trübe, er glänzte. Das ganze Leben schien mit einer schimmernden Patina überzogen zu sein.
Alexander Perlmann stand am Straßenrand und wartete geduldig darauf, dass die Ampel auf grün schalten würde. Er war erschöpft und verschwitzt von seiner langen Forschungsreise. Aber sonst war er ganz mit sich im Reinen. Erstaunlich, wie schnell sich die Dinge manchmal ändern können, wie blitzschnell die Realität aus den Fugen geraten konnte. In diesem Moment schien für ihn alles noch in bester Ordnung zu sein. Keine Stunde später würde für ihn die Welt zerbrochen sein und er versinken in einem Malstrom aus Tod, Verderben, Verzweiflung und Verdammnis. An diesem Spätherbsttag nahm das Grauen für Alexander seinen Lauf. Als er später einmal wehmütig an diese letzten Momente des Glücks und der Geborgenheit zurückdachte, da fragte er sich: Warum? Warum ich? Warum wir? Womit habe ich diese Apokalypse denn verdient? An wen auch immer diese Frage gerichtet sein mochte, er bekam bis zur letzten Seite dieses Buches keine Antwort. Es blieb nur der Ruf Gottes, der schon aus dem brennenden Dornbusch an Mose lautete: Wo warst Du, als ich die Welt erschuf?
Alexander Perlmann; ein Name, der nicht nach großer weiter Welt klang. Aber er war in Kreisen der Wissenschaft nicht unbekannt. Er hatte schon mehrfach die entlegensten Orte der Welt bereist und Völker erforscht, von denen selbst Wissenschaftler vorher noch nicht wussten, dass sie überhaupt existierten.
Er war ein Mittdreißiger und fiel mit einer Größe von etwa 1,80 Meter nicht unbedingt in der Masse auf. Mit seinen geistigen Fähigkeiten überragte er allerdings die meisten seiner Zeitgenossen.
Man konnte ihn auf jeden Fall durchtrainiert nennen. Dies lag nicht unbedingt an einer sehr gesunden Lebensweise. Er war einfach so viel unterwegs in entlegenen Gegenden, so dass er keine Gelegenheit zu einem exzessiven Genuss von Lebensmitteln hatte.
Durch die Strapazen der Forschungsreisen war sein Körper gestählt, ohne dass er an einen Bodybuilder erinnerte. Am ehesten hätte man ihn von der Statur mit einem Zehnkämpfer vergleichen können. Irgendwie war sein wissenschaftliches Leben auch zu vergleichen mit den Leistungen dieser Könige der Leichtathletik. Es gab keine einzelne Disziplin, in welcher er zur absoluten Weltspitze zu zählen wäre. Aber er war in vielen Disziplinen wesentlich besser als die meisten seiner Kollegen und kannte sich in verschiedensten Forschungsbereichen sehr gut aus.
Alexander hatte sich niemals spezialisiert auf ein Forschungsgebiet, dies wäre seinem Naturell einfach zuwider gewesen. Er war seit Kindesbeinen an vielseitig interessiert. Unheimlich schnell gelang es ihm, Zusammenhänge herzustellen und er beherrschte perfekt die Kunst des Um-die Ecke-Denkens.
Er bewunderte die Lebensleistung seines Vaters Richard Perlmann und er hatte von ihm die Geradlinigkeit und die Halsstarrigkeit geerbt. So ließ er sich genau so wenig verbiegen wie dieser, allerdings war er bei seinem Vorgehen immer etwas höflicher bzw. diplomatischer. Doch konnte er mit Klauen und Zähnen für etwas kämpfen, wenn er es einmal als richtig und wichtig erkannt hatte.
Allerdings hatte Alexander nie ganz begriffen, weshalb sich sein Vater so auf das Thema Nekromantie innerhalb seiner Forschungen spezialisiert hatte. Richard war schon in sehr jungen Jahren ein geachteter Wissenschaftler gewesen. Allerdings hatte er sich durch seine Art der Kommunikation viele Gegner gemacht. Dies hatte im Laufe der Jahre dazu geführt, dass Richard nur noch wenige Freunde und Mitstreiter im Kollegenkreis fand und er immer weiter isoliert war. Kompromissbereitschaft war ein Fremdwort für ihn und er versuchte, seine Ziele um jeden Preis durchzusetzen. Dies führte in der Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaftlern, aber auch mit der Politik und Sponsoren dazu, dass er kaum noch Fördergelder für seine Forschungen erhielt. Hinzu kam, dass er es in keinem Fachgebiet besonders lange aushielt und sich in immer abstrusere Forschungsthemen hinein bewegte.
Allerdings hatte Alexander durchaus den Eindruck, dass sein Vater in seinem momentanen Forschungsschwerpunkt durchaus glücklich war und ihm die Meinung der wissenschaftlichen Öffentlichkeit völlig egal war.
Eine knarrende schwere Eichentüre ist die Pforte in eine längst vergessene Welt Der Glanz vergangener Tage matt, wie die stummen Spiegel an der Wand Goethes Erben; Die Tür in die Vergangenheit (1992)
Alexander war seinem Vater dankbar dafür, dass er ihn zu einem aufrechten Wissenschaftler erzogen hatte, der mit dem, was er tat, gut leben konnte. Allerdings machte es ihm sein Nachname und damit der Ruf seines Vaters in den Anfangsjahren seiner wissenschaftlichen Laufbahn schwer. Dessen Forschungsgebiet hatte erst Richard zu einem Außenseiter gemacht und dies wurde auf Alexander automatisch übertragen. Lange Zeit wurde er nicht geachtet und respektiert. Nur wenige wollten ihn ernst nehmen.
In diesem Zusammenhang erinnerte sich Alexander an einen Zwischenfall in seinem ersten Studienjahr in Berlin. Er saß mit 12 weiteren Kommilitonen in einem intensiven Seminar über verschiedene destruktive Kulte. Diese findet man recht häufig bei uralten Stämmen in entlegenen Gegenden unserer Erde. Dort, wo nur wenig Kontakt zur Außenwelt besteht, wo die Errungenschaften (Errungenschaften?) der modernen Zivilisation noch nicht Einzug gehalten haben, da gedeihen oft sehr seltsam anmutende Religionen. Wenn sich Alexander recht erinnerte, war dies sogar seine erste Begegnung mit Macumba. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht einmal gewusst, dass diese Religion überhaupt existierte.
Sein Vater und er hatten ein äußerst enges Verhältnis, man konnte es auch symbiotisch nennen. Dies war dem Umstand geschuldet, dass seine Mutter, an die er sich nur wenig erinnern konnte, sehr jung bei einem tragischen Unfall ums Leben kam.
Seine Mutter.... Tief in seine Gedanken versunken blieb Alexander stehen, mitten auf der Schönhauser Allee. Er war gerade dabei, die Straßenseite zu wechseln und befand sich nun in der Mitte der Straße, genau unter dem Viadukt der Hochbahn. Dort konnte man mit kleinen Unterbrechungen von der Eberswalder Straße bis hinauf zur Bornholmer Straße laufen. Dies hatte er schon immer gern gemacht. Es war für ihn eine Art Meditation, das Viadukt der U2 zu betrachten; er glaubte, jede einzelne Niete der riesigen Stahlträger zu kennen.
Über ihn donnerte ein Zug der U2 in Richtung Pankow hinweg. Aber in seinem Denken war er viele Jahre zurückgereist und erlebte seine Mutter leibhaftig vor sich.
Er blieb einfach wie angewurzelt stehen. Alexander bemerkte nicht einmal den genervten Gesichtsausdruck anderer Passanten. Diese nahmen ihn nur als Hindernis wahr, welches sie umkurven mussten. Das kostete nur zusätzliche Zeit und Energie. Zwei Dinge, welche die Einwohner der Hauptstadt nicht zu haben schienen. Aber niemand von ihnen ließ sich durch dieses menschliche Hindernis aufhalten. Wie ein endloser Strom schlängelte sich die Masse Menschheit um ihn herum, ihn einschließend und doch gleichzeitig absondernd. Nur hin und wieder ließ eines dieser kleinen Moleküle im großen Ozean Mensch ein abschätziges Wort fallen, meist begann dieses mit A und hörte mit Loch auf. Berliner können wirklich sehr sehr herzlich sein.
Aber Alexander kümmerte dies nicht und er bekam es auch gar nicht mit. Er war ganz und gar gefangen in einer anderen Zeit. Eine Zeit, welche offenbar schon so lange abgelaufen war und doch für ihn gerade präsenter war als die Gegenwart.
Alexander hatte seine Mutter verloren, als er 8 Jahre alt war. Natürlich war es ein traumatisches Erlebnis für ihn.
Es war ein sehr seltsamer Erziehungsstil, wie er im Nachhinein empfand. Aber es war der beste Stil, wie seine Eltern ihre eigenen Forschungen verwirklichen konnten und gleichzeitig seine Erziehung und ihn als Menschen nicht an den Rand drängen mussten.
Seine Mutter, Inge Schlater, war eine sehr intelligente und wissbegierige junge Frau von 20 Jahren gewesen, als sie seinen Vater Richard Perlmann, unwesentlich älter, kennen lernte. Sie beschäftigte sich mit Literatur, besonders das Werk von H.P. Lovecraft hatte es ihr angetan. Die Abgründe der menschlichen Seele, welche sich in vielen der Werke von ihm darstellten, faszinierten sie sehr. Sie mochte auch seinen Schreibstil mit den langen Schachtelsätzen.
In Berlin fand damals ein Seminar statt zum Thema Totenerweckung in der Literatur; am Beispiel der Werke von Lovecraft. Und da Richard zum damaligen Zeitpunkt begonnen hatte, sich mit dem Thema Nekromantie auseinanderzusetzen, war er ebenfalls bei dieser Veranstaltung zugegen.
Die Veranstaltung soll sehr anregend gewesen sein, so hatte es ihm Richard einmal erzählt, als Alexander selbst schon erwachsen war und studierte. Es gab eine große Kontroverse darüber, auf welche realen Ereignisse sich Lovecraft in seinen Geschichten bezog. Richard selbst vertrat vehement die These, dass dieser Mann weniger Schriftsteller als Forscher gewesen wäre und wohl eigene Experimente oder Augenzeugenberichte verlässlicher Menschen dokumentiert und etwas aufbereitet hatte. Inge hatte dieses ganze Thema bisher nur aus literarischer Sicht betrachtet. Sie hätte es nie für möglich gehalten, dass man diese Fragestellung aus einem solchen Blickwinkel betrachten konnte. Außerdem war sie fasziniert, mit welcher Konsequenz der junge Mann seine Meinung vertrat. Keiner der anderen Teilnehmer vertrat ähnliche Ansichten und er wurde eher gemieden als akzeptiert. Aber dies schien Richard nichts auszumachen. Das imponierte Inge heftig. Es war ja auch nicht so, dass er keine Argumente für seine Thesen vorgebracht hätte. Aber niemand wollte auf ihn hören.
Nach dem Termin kamen die beiden ins Gespräch. Beide fingen an, ihre Beharrlichkeit im jeweiligen Fachgebiet zu bewundern. Aus der gegenseitigen Bewunderung wurde im Lauf der Zeit Liebe.
Und aus dieser Liebe heraus entstand Alexander. Beide Eltern hatten eine Vereinbarung getroffen. Natürlich musste Inge nach der Entbindung eine ganze Weile zu Hause bleiben. Aber schnell fing sie wieder an, sich in ihre Forschungen zu stürzen. Anfangs machte sie so viel wie möglich von zu Hause aus. Richard war derjenige, der sich auf Reisen begab. Oft arbeiteten beide sogar Hand in Hand, denn er forschte, um Geld zu bekommen, viel im Bereich Lovecraft und seiner Inspirationen. Dieses Gebiet interessierte natürlich auch Inge stark und manchmal konnte sie ihm sogar Kontakte vermitteln, an die Richard bei seiner Reputation nie herangekommen wäre.
Später, als er sich immer mehr spezialisierte auf das Thema Nekromantie, trennten sich ihre Wege im Bereich der Forschung. Es war aber jeweils nur einer der beiden unterwegs auf Forschungsreisen. Das gemeinsame Kind sollte nicht unter ihren Forschungen und ihrer wissenschaftlichen Arbeit leiden. Sie wollten die Betreuung und Erziehung nicht in die Hände von fremden Menschen legen. Und keiner von beiden sollte auf seine wissenschaftliche Arbeit verzichten. Dafür waren beide viel zu sehr Workaholics und ein Großteil ihres Lebens wurde einfach bestimmt von ihrer Leidenschaft für die Arbeit.
So erfuhr Alexander immer die Liebe seiner Eltern und genoss ihre Zuneigung, auch wenn meist nur ein Elternteil bei ihm zu Hause war. Dies empfand er allerdings nie als Mangel. Beide pflanzten in ihm den Samen der Neugierde und der Wissbegierde. Aber beide hatten natürlich verschiedene Herangehensweisen. Je nachdem, wer gerade zu Hause war, setzte sich eher die gründlich-analytisch-vorbereitende Art der Mutter durch oder das vorwärts stürmende, jedes Hindernis durchbrechende Vorpreschen von Richard.
Als Alexander 8 Jahre alt war, es war im Sommer, da war gerade seine Mutter wieder einmal unterwegs, um ihre Forschungen nicht nur zu Hause, sondern an realen Objekten zu betreiben. Sie war in die USA geflogen, in die Nähe des ehemaligen Wohnortes von Lovecraft. Irgendwo im Dschungel der Großstadt sollte es einen tiefen Brunnen geben, welcher stark an den in Pickmanns Modell erinnerte. Diesen wollte sie untersuchen.
Ihre Gruppe war mit allem Notwendigen ausgestattet. Am dritten Tag der Forschungsarbeiten war es an Inge, in den Brunnen hinab zu steigen.
Nun, von ihren Forschungskollegen war später nicht mehr sehr viel zu hören. Richard hatte seinem Sohn 10 Jahre später erklärt, dass er glaube, keiner von ihnen würde mehr leben. Bei der polizeilichen Vernehmung machten diese jedenfalls sinngemäß folgende Aussagen:
Wir ließen Inge an einem langen Seil in den Brunnen hinab. Wir hielten das Ganze für ziemlich sicher, denn wir hatten ihn schon an den zwei Tagen davor untersucht und nie war es zu irgendwelchen Zwischenfällen gekommen. Der Brunnen war seit langer Zeit trocken. Kein bisschen Flüssigkeit war an seinem Boden mehr zu sehen und auch der Geruch sagte eindeutig, dass der letzte Rest Wasser hier schon vor ewiger Zeit verflogen sein musste. Am Grunde des Brunnens gingen einige Gänge in verschiedene Richtungen ab und man erkannte gemauerte Ruinenreste. Diese konnten wir uns nicht erklären, denn laut historischer Dokumente hätte es diese an der Stelle überhaupt nicht geben dürfen. Sonst fand sich keine Besonderheit in den Gängen, aber wegen dieser Reste entschlossen wir uns, Inge noch einmal in den Brunnen hinab zu lassen.
Wir standen mit Funkgeräten in Kontakt, auch wenn die Kommunikation in diesen Schächten nicht einfach war. Sie mag etwa eine halbe Stunde da unten gewesen sein, als sie durch das Rauschen zu vernehmen war: Na dies ist ja hier eine seltsame Sache. Da sind Risse in den Ruinenresten. Aber sie scheinen fast künstlichen Ursprungs zu sein. Das muss ich mir einmal näher ansehen.
Danach war kurze Zeit Ruhe, bevor auf einmal schreckliche Schreie zu uns nach oben drangen. Dazu war das Funkgerät auch gar nicht nötig, diese Schreie hätten wir durch alle Mauern der Welt gehört. Es war in ihnen Todeskampf, Qual, Leid und unendlicher Schmerz zu hören. So schnell wir konnten, zogen wir an der Leine. Der Widerstand am anderen Ende war wesentlich größer als es durch nur eine Person erklärbar gewesen wäre. Aber wir kümmerten uns nicht darum, sondern zogen einfach aus Leibeskräften. Wir waren voller Panik, Verzweiflung und Angst. Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, hatten wir Inge aus dem Brunnen heraus gezogen.
Sie war bleich und ihr Gesicht war über und über mit Blut verschmiert. Dies sah zwar gefährlich aus, aber da war etwas, was wesentlich schlimmer war. Da war etwas, was uns vor Angst erstarren ließ. Das war ihr Gesichtsausdruck. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und schaute durch uns hindurch. Was sie sah, wissen wir nicht, aber es muss das furchtbarste Grauen gewesen sein, was es im Leben nur geben kann. Ihre Haare standen wirr nach allen Seiten vom Kopf ab. Ihre Kleidung hing nur noch an Fetzen von ihr herab. Sie sah aus, als ob sie auf einen Schlag um den Verstand gekommen wäre. Speichelfäden rannen ihr am Mundwinkel herunter, ihre Hände griffen fahrig wild in der Luft herum. Sie schaffte es nicht mehr, einen einzigen zusammenhängenden Satz herauszubringen. Wir wollten Inge festhalten, aber es war uns unmöglich. Immer wieder entwand sie sich unserem Griff, schlug um sich und brabbelte Silben vor sich hin. Es waren Worte, die für uns einfach keinen Sinn ergaben.
Die Polizisten hakten an dieser Stelle immer wieder nach, denn dies war für sie die einzige Chance herauszufinden, was unten im Brunnen wirklich geschehen sein mochte. Letztlich hatten die Forscher in verschiedenen Räumen gesessen und zu Protokoll gegeben, was sie genau vernommen hatten. Gleich war bei allen, dass sie von der Zahl 12 berichteten. Diese Zahl hatte sie schon genannt, als sie aus dem Brunnen herausgezogen war. In immer schnellerem Tempo und mit steigender Lautstärke rief sie diese Zahl. Dazwischen kam immer wieder das Wort Tentakel vor.
Und eine ganze Reihe von Worten, welche Inge in diesem Zusammenhang benutzt hatte.
Dies ergab aber überhaupt keinen Sinn für die Forscher und für die Polizisten erst recht nicht. Sie konnten sich nur darauf einigen, dass es gefährlich klang. Nicht nur das, es klang böse und gefährlich. Da die Laute und Silben in unseren Sprachen gar nicht wiederzugeben waren, klangen sie bei den Forschern etwas unterschiedlich. Am ehesten entsprach ihnen folgende Lautschrift:
Krath a`lyktm chruktra lyah querff lártyrhh cherith ia
Für die Forscher klang es wie ein finsterer Fluch, für die Polizisten einfach nur beängstigend.
Viel mehr hatte sie nicht gesagt. Kurz nach diesen Worten verdrehte Inge ihre Augen, blickte auf gen Himmel und verschied.
Danach riefen die geschockten Kollegen die Feuerwehr und die Polizei und der ganze Vorfall nahm seinen bürokratischen Lauf. Inge wurde natürlich obduziert. Was die Ärzte dort sahen, konnten sie nicht erklären. Organisch war Inge kerngesund, eine junge Frau im Vollbesitz all ihrer Kräfte. Aber es fand sich eine Merkwürdigkeit in ihrem Blut. Mit dem war eine seltsame Veränderung vorgegangen. Es hatten sich weder die Farbe noch seine chemische Zusammensetzung geändert. Aber es schlug unter dem Mikroskop Blasen. Winzige kleine Blasen stiegen auf, um gleich darauf zu platzen und wieder zurückzufallen. Es gab keine erkennbare Ursache dafür und es gab keine Begründung, welche die Ärzte dafür anführen konnten.
So blieb den Ärzten nur, Inge einfach für tot zu erklären.
Ich bin mir ganz sicher, dass das Blut von Inge heute noch gut verschlossen in Laboren von Geheimdiensten und anderen, noch geheimeren Organisationen liegt und regelmäßig untersucht wird. Vielleicht kann man ja damit eine Waffe herstellen. In dieser Geschichte jedoch taucht es nicht mehr auf. Genau so wenig tauchte der Leichnam wieder auf.
Zwar durfte Richard ihn offiziell abholen und auch beerdigen, aber in Wahrheit ist er betrogen worden. Der gesamte Körper seiner Frau ruht in einem Kryo-Tank, mitten im dunklen Herzen der USA und irgendwann, irgendwann wird er wieder untersucht werden. Seid Euch dessen sicher. Dies ist nicht der erste Fall und wird nicht der letzte sein. Selbst in Deutschland in den Katakomben des Bundeswehrkrankenhauses sollen einige Tanks stehen. Dort liegen in flüssigem Sauerstoff tiefgekühlt einige Leichen. Mit den Menschen wurden militärisch-medizinische Versuche durchgeführt. Und nun wartet man auf die richtige Technik, die Leichen wieder zum Leben zu erwecken. Vielleicht können sie der militärischen Forschung noch wertvolle Hinweise liefern.
Das war es, was Alexander erfahren hatte über das Leben seiner Mutter und ihr Ende. Seit dieser Zeit war das Verhältnis zu seinem Vater noch intensiver geworden. Und nun saß er hier in diesem Seminar und Alexander hatte intensiv gelauscht und seine Schlüsse gezogen. Eine seltsame Religion, so weit entfernt von seinen Vorstellungen und doch auch sehr faszinierend ob ihrer Exotik.
Im Laufe des Seminars war selbstverständlich die Sprache auch auf Nekromantie gekommen. Die Totenerweckung und Kommunikation mit Toten ist ein integraler Bestandteil von Macumba.
Viele der Kommilitonen hielten Totenerweckung für pure Phantasie und taten alles als Humbug ab. Sie verbannten sie quasi ins Reich der Fabeln und der Phantasie.
Andere wiederum konnten sich durchaus vorstellen, dass man irgendwie Kontakt aufnehmen könne zu den Seelen der Verstorbenen. Dann wurde intensiv darüber diskutiert, wer in der Geschichte der Wissenschaft schon versucht hatte, Tote zum Leben zu erwecken.
Dabei fiel automatisch der Name Richard Perlmann, denn im deutschsprachigen Raum war er der einzige Wissenschaftler, der sich ernsthaft mit diesem Thema auseinandersetzte und auch praktisch erforschte.
Zu ihm war die Meinung der Studenten sehr einhellig. Sie bezeichneten seinen Vater als Spinner und Phantasten. Sie bewunderten wohl seine Intelligenz und seinen Forscherdrang. Allerdings hatten sie offenbar die Lehrmeinung der Fachwelt über Richard eingesogen und diese nur halbverdaut hier wiedergegeben.
Wie kann man nur sich mit solch abartigen Themen auseinandersetzen? Wie kann man sich als einzelner Wissenschaftler nur so über die allgemeine wissenschaftliche Lehrmeinung hinwegsetzen? Wie kann man seine Intelligenz verschwenden auf ein solch widerwärtiges Thema, mit dem man sich zum Gespött macht? Wie kann man nur in einer solchen wissenschaftlichen Sackgasse enden?
Dies war der Tenor der vorgetragenen Meinungen. Alexander hatte gar keine andere Möglichkeit als aufzustehen und für seinen Vater zu sprechen:
„Ihr seid also der Meinung, mein Vater, Richard Perlmann (hier die ersten dummen Gesichter, denn sie hatten nicht gewusst, dass dies sein Vater war) wäre nur ein Spinner, der seine Zeit und seine Intelligenz vergeudet auf der Suche nach einer Sache, die völlig unvorstellbar ist und innerhalb der Naturgesetze nicht existieren kann? Sicher, innerhalb unserer Naturgesetze mögen Totenerweckungen unmöglich sein. Aber wie kann man so engstirnig sein wie ihr? Glaubt Ihr etwa wirklich, dass diese Gesetze endgültig sind? Es gibt so viele Möglichkeiten, nein, Wahrscheinlichkeiten, welche diese Gesetze außer Kraft setzen. Diese Naturgesetze sind doch nicht allgemein gültig. Nein, sie gelten ja doch nur unter bestimmten Bedingungen. Dies lernt man schon an der Realschule im Physikunterricht.
Und ihr mögt Recht haben damit, dass mein Vater kein einfacher und bequemer Mensch ist. Aber solche Leute bringen die Welt auch nicht voran. Es sind die Querdenker, es sind die Querulanten, es sind die, welche die ausgetretenen Pfade verlassen, die uns und die Menschheit voranbringen. Hätten wir nie die bekannten Wege verlassen, dann würden wir noch immer in Höhlen wohnen und hätten uns nicht weit weg von unseren tierischen Verwandten entfernt.
Es ist mir verständlich, dass ihr seine Leidenschaft nicht teilt. Ich begreife, dass sein Weg nicht der Eure sein kann. Aber ich begreife nicht, wie ihr so über ihn urteilen könnt, ohne ihn zu kennen. Ich vermute sogar, dass ihr keinen einzigen seiner Artikel jemals gelesen habt. Aber nein, es ist schön, wenn man jemanden hat, auf den man Spott und Häme werfen kann.
Ihr habt Recht damit, dass mein Vater nicht normal ist. Er ist aber nicht sonderbar, wie ihr denkt, sondern einfach besonders.“
Nun, seine Mitkommilitonen waren jung und unerfahren. Aber wie das in der Jugend so ist, man man beharrt auf seiner eigenen Meinung, selbst wenn sie ihnen nur aufoktroyiert wurde. Und vor allem dann nicht, wenn man in der Mehrheit war und sich damit groß und stark fühlte. Deshalb beschimpften sie nun auch Alexander. Sie nannten ihn den Sohn eines Pseudowissenschaftlers. Sein Vater suche nur die Bühne Forschung, um seine kruden Ideen in die Welt hinaus zu posaunen. Sie warfen ihm Größenwahn und Geltungsdrang vor, ohne je etwas wirklich Wertvolles für die Menschheit geleistet zu haben. Kurz und gut: Ein Wort gab das andere. Aus den Worten wurden Handgreiflichkeiten. Aus den Handgreiflichkeiten wurde eine handfeste Schlägerei.
Dies war das Ende des Seminars. Natürlich zog Alexander den Kürzeren; denn die Übermacht war erdrückend. Aber dennoch schüttelte er mehrfach den Dozenten ab, der ihn von den anderen wegziehen wollte. Er hatte sich wacker geschlagen und den Namen seines Vaters ehrenhaft verteidigt.
Osiris... Anubis... The underworld is yours Osiris... Anubis... I put my soul in your hands O Thou, God of the Dead Lead my soul to the judgement hall O Thou, Jackal Head Weigh my soul, I await your call Ahh... Egypt... Ahh Mercyful Fate; Egypt (1993)
Die enge Verbindung zwischen Alexander und seinem Vater setzte sich auf wissenschaftlichem Gebiet nicht wirklich fort, zu unterschiedlich waren ihre Interessen und die Themengebiete, welche sie bearbeiteten. Aber kurz nach dem Studienende von Alexander gab es doch ein gemeinsames Forschungsprojekt. So konnten sie sich auch in der wissenschaftlichen Arbeit ergänzen.
Alexander nahm im Rahmen eines Forschungsprojektes an Ausgrabungen in Ägypten teil und Richard bekam eine Einladung des Forschungsleiters, sich daran zu beteiligen. Zwar wurde er zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend gemieden, aber das Thema war jenseits des wissenschaftlichen Mainstreams angelegt und man wollte gern auf seine Erfahrungen zurückgreifen.
Richard beschäftigte sich schon damals hauptsächlich mit Nekromantie. Er verwendete alle Kraft und Zeit darauf, alles über das widerwärtige Buch Necronomicon in Erfahrung zu bringen. Darin werden die schlimmsten Dämonen beschworen, die man sich nur vorstellen kann und alte Götter können wieder zum Leben erweckt werden. In diesem Zusammenhang suchte er auch nach Vorläufern des Buches oder Quellen, aus welchen es sich vielleicht hätte speisen können.
Da kam ihm der Schwerpunkt dieser Forschungsreise genau recht. Das Projekt beschäftigte sich mit Zauberbüchern im alten Ägypten. Das alte Reich war nicht nur bekannt für seinen damals unerreichten wissenschaftlichen Fortschritt, z.B. in der Architektur und in der Astronomie. Gerade die Priesterkaste beschäftigte sich in gleichem Maße mit Astrologie und Zauberlehren.
Im Bereich von Oxyrhynchus wurden beim Forschungsprojekt Ausgrabungen in einem Bereich ganz am Rande des Ortes durchgeführt. Seltsamerweise hatten vorher dort keine Ausgrabungen stattgefunden. Dies war wirklich merkwürdig, denn der Ort galt als eine bedeutende Grabungsstätte. Dort wurden viele Papyrus-Texte gefunden, aus der hellenistischen, der römischen, der byzantinischen Epoche des alten Ägyptens. Selbst christliche Texte waren dort ausgegraben worden. Sie war einst die drittgrößte Stadt des Landes. Heute befindet sich an gleicher Stelle die Stadt Al Bahnasa.
Seit 1968 befand sich im Besitz des British Museum in London ein Papyrus, welches den Titel Papyrus BM 10808 trug und eben bei Ausgrabungen in der antiken Stadt gefunden wurde. Dieser Text soll aus dem 2. Jahrhundert nach Christus stammen und beschreibt die Beschwörung von drei verschiedenen Fieberdämonen. Der Text war, wie andere mythologische Papyri jener Zeit in einem mittelägyptisch verfasst, aber durchsetzt mit neuägyptischen Elementen. Die Wissenschaft selbst interessierte sich damals weniger für den Inhalt. Das Papyrus war eher von sprachwissenschaftlichem Interesse, da hier eine Vermengung verschiedener Sprachen stattfand, welche wichtig war für das Verständnis der allgemeinen Sprachentwicklung.
Das Forschungsprojekt, an welchem Alexander und sein Vater Richard teilnahmen, beschäftigte sich aber doch mit dem Inhalt des Werkes. Es gab Spezialisten der Sprachwissenschaft, die gewisse Übereinstimmungen in Sprache und Ausdruck meinten zu sehen zwischen diesem Papyrus und den Papyri Graecae magicae. Letztere entstanden etwa zur selben Zeit. Sie enthielten Invokationen, Sprüche und Formeln zu verschiedensten Nutz- und Schadzaubern. Aber es fanden sich im Inhalt auch Beschwörungen verschiedener Geister und Götter. Im Prinzip enthielten sie das esoterische Weltbild der späten Antike und veranschaulichten die griechische, die ägyptische und die jüdische Weltanschauung der damaligen Zeit. Außerdem fanden sich in den Papyri auch liturgische Texte, welche im ägyptischen Tempelkult verwendet wurden.
Die Forscher vermuteten nun, dass es einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Papyri geben müsse. Deshalb wollten sie in der Nähe der alten Ausgrabungsstätten suchen, ob sich nicht Beweise für ihre Behauptung finden ließen. Und Richard selbst hoffte, hier an dieser bedeutungsvollen Grabungsstätte einen Hinweis auf das Buch Necronomicon zu finden. Und wenn nicht auf das verderbte Buch direkt, dann doch auf einen Vorläufer oder Wegbegleiter.
Die Ausgrabungen dauerten sehr lange und verliefen fast gänzlich erfolglos. Mühselig wie der Sand durch ihre Finger und Siebe rann, so rann auch die Zeit ihrer Forschung vorbei und sie fanden nur wenige Spuren im Sand.
Erst ganz am Ende, als ihre Hoffnung schon in den Wüstensand gesickert war, da sichteten sie einen kleinen quadratischen Raum, ganz am Ende eines kleinen Abhanges. Dort wurden schon keine Gebäude mehr vermutet, denn die alten Zeichnungen, auf denen der Ort dargestellt war, hörten schon viele Meter vorher auf.
Es war eigentlich pure Verzweiflung, welche die Forscher getrieben hatte, an dieser Stelle zu graben. Der Sand hatte kleine Dünen aufgeschüttet, welche wie kleine Wellen auf dem Ozean Muster bildeten und einen friedlichen Eindruck vermittelten.
Aber in der Mitte dieser Sandwellen zeichnete sich eine Brechung ab. Da gab es ein ganz anderes Muster im Sand, was auf etwas Hartes unter der Oberfläche hinwies. Denn nur so konnte der Sand daran gehindert werden, die gleichen Formen zu bilden wie an den anderen Stellen. Da nirgendwo anders ein Ausgrabungserfolg absehbar war, konnte man auch diesen kleinen Strohhalm nutzen und hier graben. Dies war die Überlegung der gesamten Forschergruppe.
Dies taten die Forscher und ihre Helfer auch. Nach nur wenigen Zentimetern Sandschicht klirrten die Spaten und anderen Werkzeuge gegen einen harten Widerstand. Dieser tat sich auf und man konnte ihn mit den Werkzeugen nicht einfach brechen. Deshalb wurde, soweit es ihnen möglich war, der Sand um diesen Raum herum abgetragen.
Es war sehr merkwürdig, dass hier ein einzelner rechteckiger Raum stand, völlig entfernt von den anderen Ruinen und ohne Verbindung zu etwas anderem.
Es gab nur diesen Raum, kein Fenster, keine Tür schien hier zu existieren. Sprengen und Aufbrechen kam für die Forscher so nicht in Frage und deshalb standen sie am Gebäude und wussten nicht weiter. Aber dann kam Richard der Gedanke, dass es vielleicht einen Zugang von unten geben könnte.
Nun, die meisten Kollegen bezweifelten diese Möglichkeit, da es absolut untypisch gewesen wäre für die damalige Architektur. Aber die Neugier und das wissenschaftliche Interesse obsiegte über die vorhandenen Zweifel. Deshalb wurde per Klopfen an den Mauern versucht herauszufinden, in welcher Ecke ein Eingang zu finden sei.
Dies wurde tatsächlich bewerkstelligt und an der Ecke, welche hinaus in die Wüste zeigte, wurde mit aller Macht weiter gebuddelt. Mit vereinten Kräften und der Kraft der Neugier dauerte es nicht sehr lange, bis sich ein schmaler Durchgang auftat.
Nur zwei Forscher konnten sich gleichzeitig in den Gang begeben. Mit starken elektrischen Taschenlampen standen die beiden bald unter dem Gebäude und beleuchteten eine verriegelte Tür über sich. Seltsam, diese Tür war aus Holz, es schien so etwas ähnliches wie Eiche zu sein. Seltsam, Eiche an diesem Ort. Und dann schien es auch eine unheimlich alte Eiche zu sein; vernarbt, schwarz geworden im Laufe der Zeit und irgendwie, ja, unheimlich. Genau dies waren die Worte, welche die Forscher benutzten.
Aber sie ließen sich davon nicht weiter aufhalten, sondern stemmten die Tür auf. Dies war nur schwer möglich, denn sie mussten sie entgegen der Schwerkraft nach oben drücken. Ein lautes Quietschen aber und die Tür fiel mit einem donnernden Knall nach hinten auf den Boden des seltsamen Raumes. Die Luft aus dem Raum entwich mit einem ohrenbetäubenden Pfeifen und jahrhundertealter Lufthauch durchzog diesen schlauchartigen Gang. Die beiden Forscher bekamen die Wucht dieser Luft ab und fielen in Ohnmacht. Mit großen Schwierigkeiten konnten die beiden Männer geborgen werden. Zum Glück fehlte ihnen nicht wirklich viel und sie waren bald wieder gesund.
Danach stiegen alle Forscher nacheinander in den Gang und hinein in den seltsamen Raum. Keiner wusste, was sie dort erwarten würde. Als sie dann den Raum betraten, da schauderte es selbst den erfahrensten Mitarbeitern des Teams. So etwas hatten sie noch nicht gesehen und erlebt. Trotz der hellen Stablampen, welche sie verwendeten, blieb der Raum in ein düsteres Zwielicht getaucht. Ja, die Beleuchtung verstärkte eher das Gefühl der Dunkelheit und der Finsternis. Schatten flackerten durch den ganzen Raum. Fast erschien es den Männern so, als würden die Schatten leben.
Zwei Forscher betrachteten die Tür. Nein, es war kein Eichenholz. Es war überhaupt keine Sorte Holz, welche es auf dieser Welt zu geben schien. Es erinnerte nur von der Färbung, der Maserung und der Schwere daran. Ja, sie glaubten sogar, dass sie innerhalb des Holzes eine Bewegung wahrnehmen konnten. Sehr seltsam und unerklärlich dieses Phänomen. Aber letztlich schoben sie es doch auf die wechselnden Lichtspiele in dem Raum, der viele Jahrhunderte nicht betreten worden war.
Die anderen Forscher untersuchten nun den Raum insgesamt genauer. Seltsam, obwohl er von außen rechteckig war, so bestand er im Inneren aus viel mehr Seiten. Als sie genau zählten, da waren es 12 Seiten. Die Wände waren immer unterbrochen von kleinen Winkeln, welche der Mauerwand eine andere Richtung verliehen. Über mehrere der Wände zogen sich reliefartige Bilder, die man in vielen altägyptischen Heiligtümern finden konnte. Auch Hieroglyphen waren zu sehen. Deren Entzifferung fiel den Forschern gar nicht schwer, aber ihr Inhalt gab ihnen zu denken. Was heißt, es gab ihnen zu denken, sie wussten damit nichts anzufangen und konnten die Inschrift nicht deuten. Da war vom Unheil aus 12 Dimensionen die Rede, aber auch vom Verderben aus der Tiefe. Dämon der vielen Schlangen stand da geschrieben.
Dies alles war etwas ganz anderes, als die anderen Flüche und Zauber der altägyptischen Zeit. Und das unheimlichste war, dass da noch eine ganz andere Inschrift zu finden war. Eingraviert in das Gemäuer und doch eindeutig über den ägyptischen Zeichnungen und Hieroglyphen stehend, fand sich ein Spruch in einer Sprache, welche in keinem Land dieser Welt je gesprochen wurde:
Krath a`lyktm chruktra lyah querff lártyrhh cherith ia.
Die Forscher rätselten alle über die Bedeutung der Inschrift, aber niemand hatte auch nur den kleinsten Erklärungsansatz dafür. Nur hatten sie alle das Gefühl, dass dieser Spruch etwas Unheilvolles bedeuten müsse. Etwas durch und durch Böses, was ihre ganze Existenz bedrohen könnte. Sie schüttelten diesen Eindruck nur mühsam ab und konzentrierten sich wieder auf ihre eigentliche Forschungstätigkeit.
Der Raum war komplett leer. Nicht einmal Schmutz oder Staub hatte sich im Laufe der vielen Jahrhunderte angesammelt. Als sie dann die ganzen Wände noch einmal genau unter die Lupe nahmen, fanden sie in der hintersten Ecke, genau im Dreieck zwischen zwei Wänden und dem Boden einen kleinen Spalt. Als einer der Forscher vorsichtig seine linke Hand in diesen Spalt schob, merkte er, dass darin ein Schließmechanismus vorhanden war. Es war etwas ähnliches wie ein kleiner Riegel, den er da ertastete. Sehen konnte er nichts, dazu war die Öffnung viel zu eng. Aber nach wenigen Zehntelsekunden des Tastens schob er den Riegel leicht nach links und ohne Zeitverzögerung öffnete sich ein kleines Fach in der Wand.
Es war, als wisperten Feen oder Hexen ein ganzes Meer an Zaubersprüchen, nachdem dieses Fach geöffnet wurde. Wie der Hauch des Windes in den Weiden am Ufer eines Baches im Sommer, so hörte es sich an, als die jahrhundertealte Luft aus dem Fach entwich. Bis heute schwören einige der Forscher, dass sie auf jeden Fall einzelne Worte gehört haben, die allerdings keinen Sinn für sie ergaben.
Richard trat als erster an das Fach heran und schaute vorsichtig hinein. Er hatte nicht wirklich Angst. Allerdings hatte er zu oft schon erlebt, dass solche Geheimfächer auch Fallen enthielten oder selbst Fallen waren. Und er hatte keine Lust, seine Gesundheit oder gar sein Leben zu riskieren, nur weil er unvorsichtig gewesen war.
Aber es gab keinen weiteren gefährlichen Mechanismus und auch keine gefährlichen Tiere, die in der Dunkelheit die Zeit überdauert haben mochten. So steckte er seine Hand hinein und zog ein altes, ein uraltes Papyrus aus dem Fach heraus.
Sofort war er von seinen Kollegen umringt und sie leuchteten mit ihren starken Lampen auf das Blatt. Seltsame Zeichen traten zum Vorschein, die gar nicht in das alte Ägypten passten. Daneben fanden sich auch wieder Hieroglyphen, welche leicht zu entziffern waren. Richard war sehr schnell klar, dass es sich um eine Geheimschrift handelte bzw. um eine Verschlüsselung des ursprünglichen Textes.
Einfach war es nicht, doch er hatte große Erfahrung im Dechiffrieren.
Aber er entzifferte so etwas wie eine Überschrift. Und da stand: Über das Wesen des Dämons, der tot ist und doch lebt. Beschwörung aus der Welt jenseits des Lebens.
Nun, hier tat sich ganz offensichtlich eine Verbindung zum Necronomicon auf, jenem Buch, welches Richard seit langer Zeit beschäftigte.
Er war erleichtert, dass er nun endlich auf der richtigen Spur war. Nachdem alle Kollegen einen Blick auf das Papyrus geworfen hatten, beriet man sich in der Mitte des Raumes. Und man entschloss sich schließlich, dass man für den heutigen Tag die Nachforschung abbrechen wollte. Vorsichtig gingen alle den schmalen Gang nach außen und trugen das Papyrus in ihren Händen, damit es unter keinen Umständen Schaden erlitt.
Als alle Männer den Wüstenboden wieder betreten hatten und gerade ein gekühltes Behältnis öffneten, um das Papyrus sicher zu verwahren, da geschah etwas sehr Seltsames, Mysteriöses und Erschreckendes.
Plötzlich kam aus der Wüste ein Wind auf, der in Sekundenschnelle Orkanstärke annahm und die Welt um die Forscher herum in einen Sandmantel einhüllte. Aus der Tiefe unter dem Raum ertönte ein schreckliches Geräusch, als würden riesige uralte Türen geöffnet, die seit langem nicht geölt waren. Es knarrte, es quietschte und ein Wehklagen erfüllte die Gegend rund um ihre Ausgrabungsstelle mit einem klagenden Ton.
Plötzlich lichtete sich der Sandnebel ein wenig und vor den Augen der verblüfften Forscher versank das seltsame Gebäude mitten in der Wüste. Es wirkte tatsächlich so, als hätte sich der Erdboden aufgetan und würde nun die Materie verschlingen. Das ganze dauerte vielleicht eine Minute, dann war von dem Raum nichts mehr zu sehen. So plötzlich, wie der Sturm gekommen war, so plötzlich verschwand er auch wieder. Der Sand sank wieder zu Boden und füllte das ganze Loch wieder aus.
Ruhe lag über der Wüste und nichts deutete mehr darauf hin, dass sich hier einmal irgend etwas außer Wüste befunden habe.
Während die Forscher noch konsterniert dastanden und ihre Köpfe schüttelten, da schrie Alexander auf, denn er hatte trotz der Ablenkung einen Blick auf das Papyrus geworfen.
Als erstes erfasste Richard die Situation nach dem Schrei seines Sohnes. Er sprang hin zum Papyrus und versuchte es zu ergreifen. Doch auch dafür war es zu spät.
Das Papyrus löste sich einfach auf. Wie ein schwarzer Rauch, der zum Himmel aufstieg, so lösten sich die Teile des Papyrus auf und wie ein Schwarm schwarzer Schmetterlinge stiegen diese Teile auf gen Himmel.
Damit war das Ende der Expedition besiegelt. Keinen einzigen Beweis gab es mehr für die Existenz des Gebäudes und auch vom Papyrus blieb nichts mehr übrig. Es war, als ob die ganze Forschungsreise niemals stattgefunden habe. In der Hektik und der Eile der Forschung waren nicht einmal Fotos gemacht worden und es hatten sich auch keine anderen Forschungs- bzw. Grabungsgruppen in der Nähe befunden, welche etwas hätten bestätigen können.
Das Ergebnis war ein absolutes Desaster. Auch wenn die Expeditionsteilnehmer in der Heimat mehrfach versicherten, dass ihre Angaben der Wahrheit entsprachen, so konnten doch keine Fördermittel mehr bekommen werden, um noch einmal nach dem verschwundenen Gebäude zu suchen. Dieses war im Wüstensand auf Nimmerwiedersehen verschwunden, genau so, wie die ganze alte ägyptische Kultur.
I'm coming home- please, don't you leave me U.D.O.; Coming Home (1987)
Was wird schon fehlen, wenn ich einst gehe? Sicher, ein paar Menschen werden Tränen vergießen, doch wie viel Tropfen fasst der Ozean? Dieser ewig wiederkehrende Fluss an Verzweiflung Melancholie Hoffnung Wogendes Leben – Wie falsch doch meine Vorstellung war.
Alexander Perlmann blieb vor dem respektablen Altbau mitten im Prenzlauer Berg stehen und streckte seine Glieder. Wie freute er sich, endlich wieder einmal duschen zu können. Er war glücklich, seine Forschungsreise nun hinter sich zu haben und wieder angekommen zu sein in der Heimat. Alexander wusste genau, dass sich dieses Gefühl nicht sehr lange halten würde, seine Neugier und seine Wissbegierde waren wesentlich größer als seine Verbundenheit zu seinem Wohnort. Aber nach diesen Wochen, nein Monaten, im brasilianischen Dschungel freute er sich auf die Annehmlichkeiten der sogenannten Zivilisation. Er ließ seine Blicke schweifen und nein: Hier mitten in Berlin tobte wie immer das Leben, steppte sogar der Bär; aber verändert hatte sich nichts. Auf dem Weg vom U-Bahnhof (was für ein gewaltiger Luxus, wenn er bedachte, auf welch mühselige Weise er sich in den letzten Wochen fortbewegt hatte) zu seiner Wohnung war er zweimal um einen Euro angebettelt worden und er hätte die Möglichkeit gehabt, drei Straßenzeitschriften zu kaufen und er hatte große Mühen, mit seinem Koffer den Hundehaufen auszuweichen. Und die Reste von Sauerstoff in der Berliner Luft erfreuten seine Nase.
Mit einiger Mühe öffnete er die schwere Eingangstür, welche ein empörtes Quietschen von sich gab. Irgendwie hatte sich Alexander immer gefragt, ob diese Tür einfach versuchte, die Geheimnisse, welche sich im Gebäude abgespielt haben mochten, für alle Zeiten innerhalb der Gemäuer einsperren wollte und deshalb protestierte, sobald frische Luft die Erinnerung vertreiben wolle. Automatisch schaute Alexander auf die Namen an den Briefkästen; nein; auch hier gab es keine Veränderungen. Manche Sachen änderten sich eben und manche eben nicht. Er hatte wenig Kontakt zu seinen Nachbarn im Haus, viel mehr als ein Guten Tag und Guten Weg gab es nicht. Meist war er mit seinen Gedanken bei seiner Arbeit, an alltäglichen Dingen hatte er nur geringes Interesse und Zeit hatte er sowieso kaum. Außerdem war er meist in Büchern vergraben und kam erst spät am Abend dazu, seine Wohnung zu verlassen. Oder er war sehr lange auf Forschungsreisen. Eigentlich waren diese das eigentliche Leben für ihn und die Aufenthalte in Berlin so etwas wie Urlaub von der Realität des wissenschaftlichen Lebens. Manchmal fragte sich Alexander, was seine Umwelt so von ihm dachte. Bestimmt wurde er für einen absoluten Sonderling gehalten.
Alexander betrat den Hausflur. Aus dem hellen und warmen Sonnenlicht trat er hinein in ein leicht schattiges Halbdunkel. Er bekam sofort eine Gänsehaut, denn der Temperaturunterschied betrug mindestens 10 Grad. Sobald er beim Betreten den ersten Atemzug genommen hatte, stellte sich sofort ein Gefühl von Vertrautheit und Heimat ein. Es war dieser leicht abgestandene Geruch von der Luft, die sich im Treppenhaus staute. Dazu eine für die Altbauten typische Mischung aus dem Läufer und der verwendeten Reinigungsmittel.
Der Kokosläufer war im gesamten Treppenhaus verlegt und zwar über alle Stockwerke. Alexander fiel erstmals auf, wie der Boden eigentlich wirklich beschaffen war.Er hatte noch nie darauf geachtet, dass es keine einzige Lücke in diesem Läufer gab.
So wurde dem ganzen Treppenhaus etwas Herrschaftliches verliehen, ohne arrogant oder vor Reichtum protzend zu wirken. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch dadurch, dass die Fenster im Treppenhaus aus Mosaikglas hergestellt wurden. Auf jedem Treppenabsatz konnte man ein anderes Motiv alter Gemälde bewundern.
Dies sah nicht nur wunderschön aus. Durch die verschiedenen Farben des Glases tanzten die Sonnenstrahlen im Hausflur bunt wie ein Regenbogen und verbreiteten eine fröhliche, heitere und gelassene Stimmung. Jedes Mal, wenn Alexander nach einer langen Forschungsreise diesen Hausflur betrat, konnte er den ersten Ballast der Strapazen und des Stresses hier schon abschütteln. Er fand es unheimlich entspannend, diese Treppe zu benutzen. Ein tiefer Seufzer überwand die Sperre seiner Lippen. Ein Seufzer, der alle Beschwerlichkeiten aus ihm hinaus blies. Nun war er wirklich wieder angekommen.
Manchmal, wenn Alexander intensiv nachdenken wollte oder den Kopf freizubekommen versuchte, dann verließ er um die Mittagszeit seine Wohnung, stellte sich ins Treppenhaus und genoss das Farben- und Lichtspiel. Hatte er Zeit, dann stellte er sich sogar für ein paar Minuten auf einen anderen Treppenabsatz und studierte die Gemeinsamkeiten und Unterschiede, welche durch die verschiedenen Mosaike hervorgerufen wurden.
Stellenweise, je nach Sonneneinfall, hatte Alexander das Gefühl, beim Blick durch die Scheiben in ein Kaleidoskop zu schauen. Vor dem Fenster stand nämlich ein Baum und seine stündlich kahler werdenden Äste beugten sich leicht im Wind, der aufgekommen war. Trotz dieses überaus ästhetischen und hübschen Anblicks schauerte es den Heimkehrenden. Er sah, wie sich die Zweige beugten und dachte plötzlich den Titel eines Liedes seiner Lieblingsband. Es hieß The wind of mayhem und war von Bathory. Er schüttelte sich, rückte den Griff des Koffers wieder zurecht und setzte seinen Weg hinauf zu seiner Wohnung fort.
Das Treppengeländer war aus altem, dunklem und poliertem Holz hergestellt. An den Treppenabsätzen waren jeweils verschieden geschnitzte Tierköpfe angebracht und die Handläufe waren leicht in sich gedreht. Alles hatte eine gewisse Vornehmheit, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Und diesem Gebäude hatte, wie vielen anderen im Kiez auch, die politische Wende durchaus gut getan.
Ja, Alexander liebte sein Gebäude und er liebte es, hierher nach Hause zu kommen.
Dieses kleine Stück hier empfand er als Oase der Seligkeit.
Er stapfte langsam die Treppe zu seiner Wohnung hinauf. Er wohnte im 3. Stock, aber mit dem Koffer im Schlepptau dachte er noch vor der ersten Stufe, es könnte auch der Mount Everest sein. Wie man es aus vielen Berliner Altbauten kennt, knarrten die Stufen unter seinen schweren Schritten.
Aber eigentlich nahm Alexander nahm dies alles nur im Unterbewusstsein wahr und sein Herz freute sich auch, endlich, nach dieser langen Zeit wieder zu Hause zu sein, aber andererseits bemerkte er es gar nicht wirklich, denn er war mit seinen Gedanken ganz vertieft in das Gedicht oder das Kunstwerk seines Vaters, welches seit mehreren Jahrzehnten in dessen Büro hing. Je nachdem, mit welchem wissenschaftlich abwegigen Thema sich Richard Perlmann gerade beschäftigte, waren auch die Wände seines Arbeitszimmers mit entsprechenden Abbildungen, Diagrammen und Tabellen plakatiert. Dieses Gedicht aber hing die ganzen Jahre an einer Stelle, die Richard direkt von seinem Schreibtisch aus sehen konnte und wurde niemals entfernt.
Alexander konnte sich überhaupt nicht erklären, weshalb ihm das Werk gerade jetzt in den Sinn kam. Die ganzen langen Monate im südamerikanischen Regenwald hatte er nicht einen Gedanken daran verschwendet. Er hatte wohl fast täglich an seinen Vater gedacht, aber dieses Gedicht? Nein, keine Spur.
So weit hatten ihn seine Beine durch das Dickicht getragen. So oft stand Alexander vor dem Abgrund des Todes. Ja, wenn man alles zusammenrechnete, dann hatte er sich in den vergangenen 209 Tagen zirka zwanzig Mal in akuter Lebensgefahr befunden und davon hatte er dem Tod dreimal so dicht in die Augen geschaut, dass er jede seiner Poren wie einen Trichter vor sich hätte sehen können. Natürlich hatte er ein sehr inniges Verhältnis zu seinem Vater und sie tauschten sich sehr häufig über wissenschaftliche Themen aus, weil sie beide Grenzgänger waren und nicht unbedingt den wissenschaftlichen Mainstream vertraten. Und er hatte seinen Vater doch sehr vermisst. Anfangs hatten sie noch lose Kontakt gehabt, aber je mehr er sich in seine Forschungen vergraben hatte, desto seltener waren die Gespräche über das Satellitentelefon geworden. In der Ruhe nach einem solchen Ereignis, welches ihn in Lebensgefahr gebracht hatte, hatte er sich auch mehr als einmal gefragt, was wohl fehlen könnte, wenn er einst endgültig von der Bildfläche des Lebens verschwinden würde. Gerade weil er sich als Wissenschaftler in die tiefsten Geheimnisse der Natur einfühlen musste, war ihm klar, wie bedeutungslos ein einzelner Mensch vor dem Schatten der Ewigkeit doch war.
Was wird schon fehlen, wenn ich einst gehe? Sicher, ein paar Menschen werden Tränen vergießen, doch wie viel Tropfen fasst der Ozean? Ihm war sehr deutlich bewusst, dass ein einzelner Mensch vor dem Hintergrund der Ewigkeit nur ein kleines Sandkorn war am großen Ufer des gewaltigen Ozeans. Die Lebensspanne eines Individuums war nichts als ein flüchtiger Hauch in der Unendlichkeit. Man konnte froh sein, wenn man ein paar hundert Jahre später noch Knochenreste finden würde. Selbst die mumifizierten Pharaonen, präpariert für die Reise in die Ewigkeit, waren doch erst wenige Tausend Jahre alt und auch nichts weiter als ein Wimpernschlag in den unendlichen Äonen der Zeit. Allerdings war Alexander ebenfalls bewusst, dass auch ein einzelnes, kleines Sandkorn den Gang der Weltgeschichte beeinflussen konnte. Er hatte so viele namenlose Überreste gefunden auf seinen Forschungsreisen, die nichts weiter waren als etwas Asche. Und doch hatten diese Knochenreste ein erfülltes Leben hinter sich gehabt mit Sorgen, mit Nöten, mit Leid, mit Freude, mit Liebe. In diesem Zusammenhang hatte sich Alexander schon manches Mal die Frage gestellt, worin der Sinn des Lebens bestehen mag. Aber genauso hatte er auch so manches Mal erfahren, dass ein einzelner Mensch die Geschicke der Geschichte in die eine oder andere Richtung verändert hatte. Staatsmänner, Philosophen, Forscher und Erfinder-heute auch alle schon längst Schatten der Historie und doch wirkten sie lange lange nach und hatten den Gang der Menschheit wesentlich verändert. Und etwas tröstete Alexander noch ein wenig. Mochte es auch der gewaltigste Ozean sein, letztlich war auch er endlich und kam an seine Grenzen. Selbst das Universum, unendlich in seiner Ausdehnung und noch immer in einer Phase, sich weiter auszudehnen-auch dieses eigentlich unendliche Gebilde hatte einen Beginn und auch in ferner Zukunft ein Ende. Und er war sich sicher; auch wenn das menschliche Denken sich solche Dimensionen nicht vorstellen konnte; am Ende des uns bekannten Universums würde ganz bestimmt nicht das Ende aller Dinge stehen. Was auch immer kommen mochte, das Rad des Lebens würde sich weiter drehen....
Wieder war ein Treppenabsatz geschafft und die Luft im Treppenhaus war gefüllt mit seinen eben gedachten geistigen Ergüssen.
Dieser ewig wiederkehrende Fluss an Verzweiflung Melancholie Hoffnung. Auch diesen Satz hatte Alexander schon mehr als einmal in seinen Gedanken und noch viel mehr in seinem Herzen bewegt. Er hatte keine Ahnung, was sein Vater damit genau gemeint hatte und nahm sich vor, ihn beim nächsten Treffen danach zu fragen. Sicher würde ihm Richard wieder nur eine Andeutung von Antwort geben, aber das war es Alexander wert. In Südamerika war er so oft der Verzweiflung nah gewesen. Wenn er nicht die Verantwortung für das gesamte Forschungsteam (dieses hatte immerhin aus 13 Personen bestanden) innegehabt hätte, so wäre er das eine oder andere Mal tief in den abgründigen Brunnen der Verzweiflung gefallen und hätte sich dieser ergeben. Allerdings führte eine solche Verzweiflung bei den Perlmanns nicht zu einer tiefgehenden Depression. Es kam eher zu einem melancholischen Zustand. Wenn Richard oder ebenfalls sein Sohn Alexander in diesen melancholischen Zustand verfielen, dann ließen sie alle Forschungsarbeit einfach liegen und kümmerten sich allein um den Weltschmerz, welcher das gesamte Universum auffressen wollte. Hoffnung. Ach ja, die Hoffnung hatte Alexander auf dieser Forschungsreise mehr als einmal fast aufgegeben. Wahrscheinlich war dies sogar der Grund, warum er überhaupt noch nach diesen Gefahren am Leben geblieben war. Er hatte sich in das ergeben, was da kommen möge, war ganz ruhig geworden und hatte dann einen Ausweg aus einer eigentlich ausweglosen Situation gefunden.
Wogendes Leben – Wie falsch doch meine Vorstellung war. Wogendes Leben hatte Alexander auch jeden Tag kennengelernt. Im Regenwald konnte man buchstäblich täglich neue, bisher der Menschheit unbekannte Spezies entdecken. Ihm selbst waren dabei ein paar Arten begegnet, die sich jeder Klassifizierung entzogen und so manches Mal war er sich sicher, dass einige davon lieber dem Auge und damit dem Verstand der Menschheit verborgen geblieben wären. Er hatte sogar, was er im Nachhinein wirklich liebend gern vermieden hätte, etwas mit eigenen Augen wahrgenommen, was ihn an seinen Lieblingshorrorautor H.P. Lovecraft erinnerte. Es wäre besser gewesen, wenn es dort draußen in der Unendlichkeit des brasilianischen Urwaldes bis zum Ende der Zeit vergraben geblieben wäre. Diese Existenzform war so anders als alles andere, was es nur an Leben geben konnte. Immer wieder musste er an den Spruch denken aus dem verbotenen Buch Necronomicon: Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.
For eons they reigned-with blood, with pain our souls devoured-in a temple of power stone by stone-life by life sacrifice Yngwie Malmsteen; Pyramid of cheops (1994)
Alexander erinnerte sich blitzartig an die Geschehnisse während der Expedition. Seit vielen Tagen waren die Forschungsreisenden mitten im brasilianischen Urwald unterwegs gewesen. Sie hatten keinerlei Kontakt zur Außenwelt. Es gab in dieser Gegend keine Straßen, jene Lebensadern menschlicher Zivilisation. Nur in Andeutungen gab es Anzeichen dafür, dass sich hier früher humanoides Leben befunden hatte. Aus alten Prophezeiungen, welche sich die Ureinwohner nur am Lagerfeuer von Generation zu Generation weiter erzählt hatten, aus alten, nur flüsternd geäußerten Legenden hatten sie über Mittelsmänner erfahren, dass sich in diesem riesigen Bereich des Urwaldes ein tiefes, besser nicht entdecktes Geheimnis befand. Ihrer Intuition und ihrer gemeinsamen Erfahrung hatten sie es zu verdanken, das sie die richtige Richtung beibehielten.
Auf einer ehemaligen Anhöhe, welche im Laufe der Jahrhunderte zum größten Teil abgetragen worden war, versteckt unter dem wilden Gewucher des Urwaldes fanden sie einen alten, vor Jahrzehnten verlassenen Rastplatz. Verfallen, aus dem geschichtlichen Gedächtnis der Menschheit gestrichen war dieser Platz. Gewisse Anordnungen in der unmittelbaren Umgebung ließ die Forscher glauben, dass es sich um eine ehemalige Kultstätte gehandelt haben könnte. Die gesamte Forschungsgruppe schwärmte aus, um die Stätte genau zu untersuchen. Alexander trat an den Rand der Anhöhe und schaute weit ins Land hinein. Dschungel, Urwald, Bäume, soweit das Auge reichte. Natur pur, so konnte man sicher denken. Aber seltsamerweise hatte sein Vater ihm vor der Expedition prophezeit, dass er dort eine Entdeckung machen würde. Eine Entdeckung, welche von enormer Tragweite für die gesamte Menschheit sein könnte. Dies war schon sehr verwunderlich gewesen, denn Richard hatte nur bedingt Interesse an anthropologischer Forschung.
Fast abgetragen war der Hügel im Laufe vieler Jahrhunderte, nur noch andeutungsweise eine kleine Erhebung mitten in der grünen Lunge von Mutter Erde. Alexander dachte daran, wie wichtig diese ganze Region war für den Fortbestand der Welt, so wie wir sie kennen. Er war sich durchaus bewusst, dass alles im Fluss war und nichts für ewig hält, aber nur selten hatte er es so deutlich gespürt wie an diesem Ort.
Seine Begleiter hatten die Untersuchung für kurze Zeit eingestellt. Die Strapazen des letzten Wegesabschnitts forderten ihren Tribut. Sie setzten sich hin und versuchten, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Aber ein innerer Drang in Alexander zwang ihn förmlich dazu, sich nur eine fünfminütige Ruhepause zu gönnen. Dann konnte er nicht anders, als ein Stück weiterzugehen. Es war wie ein innerer Magnet, der ihn zog, nur wenige Meter nach links von ihrem Rastort entfernt. Die anderen riefen ihm noch hinterher: “Geh nicht zu weit weg von uns, Du weißt, was in diesem Dschungel alles geschehen kann.“
Aber diese Stimmen, welche sonst so klar und deutlich für ihn waren, sie schienen aus weiter Entfernung und aus einer ganz anderen Zeit zu kommen.
Normalerweise hielten sie in fremdem Terrain engen Kontakt und redeten immer weiter miteinander. Damit wollten sie sichergehen, dass keiner verloren ging und dass alle noch die gleiche Richtung einhielten. Es musste schon etwas sehr Bedeutungsschweres sein, was Alexander dazu trieb, diesen fast eingeimpften Mechanismus außer Acht zu lassen. Es war gefährlich, diese Sicherheitsroutine nicht einzuhalten und sich allein auf den Weg zu machen.
Dies alles aber fand nur in einer Art Rahmenhandlung statt, Alexander war sich in jenem Moment dieser Tatsache überhaupt nicht bewusst. Er spürte nur, dass ihn etwas rief, eine Stimme aus uralter Zeit. Wie in jenem Song Enter the eternal fire der schwedischen Band Bathory, in welchem es heißt: And He calls my name First a whispering then louder, so folgte er.
Ihm war bewusst, dass es diese Stimme nur in seinem Inneren gab. Doch Alexander wusste auch, dass er gar keine andere Chance hatte, als dieser Stimme zu folgen.
