Die Verdunkelung - Boris Pahor - E-Book

Die Verdunkelung E-Book

Boris Pahor

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Beschreibung

Die Verdunkelung ist die Metapher für den totalitären Albtraum, der über der Stadt Triest während des Zweiten Weltkriegs liegt. In dieser Weltuntergangsstimmung sucht der Romanheld Radko Suban einen Weg aus seiner traumatisierten Kindheit und Jugendzeit. Doch die Schatten der Erniedrigungen und Unfreiheit verfolgen ihn auf Schritt und Tritt. Erst die Liebe zu Mija, einer mit einem katholischen Widerstandskämpfer verheirateten Frau und der Schwester eines vom faschistischen Regime hingerichteten Kommunisten, hilft ihm, den Weg zu sich selbst zu finden. Doch die Verdunkelung schlägt unbarmherzig zu: Radko Suban wird verhaftet und nach Dachau geportiert. In seinem Romanwerk entwirft der Triester Schriftsteller Boris Pahor eine faszinierende Chronik des Widerstands gegen den Albtraum des Hasses und der Vernichtung. Aus dem Slowenischen übersetzt von Urška P. Cerne und Matthias Göritz.

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Seitenzahl: 555

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Boris Pahor

Die Verdunkelung

Roman

Aus dem Slowenischen von Urška P. Černe und Matthias Göritz

Titel der slowenischen Originalausgabe:

Boris Pahor, Zatemnitev

Erstveröffentlichung 1975, Samisdat

Übertragen nach der Ausgabe:

Boris Pahor, Zatemnitev

Slovenska matica, Ljubljana 1987

© Boris Pahor

Boris Pahor, Die Verdunkelung

Aus dem Slowenischen übersetzt von Urška P. Černe und Matthias Göritz

Mitarbeit: Elena Messner und Simon Grilc

Lektorat: Brigitte Till-Spausta, Hanzi Filipič

Umschlaggestaltung: ilab.at

Erschienen in der Buchreihe EDITION SLOVENICA, Band 12

© der deutschsprachigen Ausgabe: Hermagoras Verlag/Mohorjeva založba, Klagenfurt/Celovec–Ljubljana/Laibach–Wien/Dunaj, 2013

Gesamtherstellung: Hermagoras Verein/Mohorjeva družba, Klagenfurt/Celovec

Gedruckt mit Unterstützung des Programmes Kultur (2007–2013) der Europäischen Union

ISBN 978-3-7086-0775-7

Für Dani

 

 

Nun spielt die Dunkelheit mit Allem

Srečko Kosovel

Inhaltsverzeichnis

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

XLI

XLII

XLIII

XLIV

XLV

XLVI

XLVII

XLVIII

XLIX

XLX

LXI

LXII

LXIII

Epilog

I.

Ach, übrigens, Mija lernte er nicht in der Stadt kennen, sondern auf dem Karst.

Und sie verdarb ihm die Farben jenes festlichen Herbstes.

Es war im Oktober.

Im Laubengang vor dem Hausflur vergilbten die Blätter der Isabella, so dass sie allmählich mennigrot wurden. In der Mitte jenes wunderbaren Baldachins aber entstand ein Purpurfleck, durch den das Licht wie durch dünnes, transparentes Glas drang. Die Sonne und der Frieden waren sich einig über dieser Karster Weide, die ergeben unter ihnen wie ein Körper nach dem Liebesgewitter lag. Das Gras war gelb und welk, daraus ragte hie und da ein Stein wie ein weißer, abgebrochener Zahn inmitten des dürren Barthaars hervor, unter dem sich der rote Kiefer verbarg. Ansonsten war die Landschaft offen, sodass der Blick weit hin zur fernen Anhöhe streifen konnte, auf welcher ein Dorf ins reine Azur geschnitten war. Lichtüberflutet stand dort ein weißer, hoher und spitzer Kirchturm, und neben ihm glänzte inmitten der Häuser ein einziges Fenster; es sah aus wie der Spiegel eines Heliographen, der stecken geblieben war und seinen blendenden Scheinwerferblick in die entrückte Ruhe der Täler zwang.

Sie hatten die Stadt verlassen, in der ihre Sprache in der Öffentlichkeit nicht gesprochen werden durfte, und zogen aufs Land, um sich in der Natur ihrer Besonderheit zu versichern. Denn trotz der äußeren Zeichen fremder Herrschaft bewahrte die Dorfwelt ihr altehrwürdiges Antlitz. Dicht aneinander geschmiegte Karsthäuser, samt Laubengängen und Borjači – ummauerten Höfen – hoben nur dadurch, dass sie da waren, ihr Anderssein hervor. Und die Schwarzhemden, die in dieser vertrauten Atmosphäre auftauchten, wirkten wie Gespenster, die, obwohl Verkünder und Träger der Bosheit, doch eindeutig abgesondert von solch einer Umgebung existierten. Sie waren das Beiwerk, das die Weiden und die Föhren stumm und gleichzeitig endgültig ablehnten, so wie ein Organismus sich gegen einen eingedrungenen Fremdkörper wehrt.

Die freundliche Andacht, die aus den Tälern heraufatmete, hatte die Gruppe der jungen Leute dermaßen ergriffen, dass sie bereits am Bahnhof in Dutovlje, als sie aus dem Triebwagen ausschwärmten, laut wurden; und dann, als sie die Gastwirtschaft am Ende der Allee besetzten, machten sie ihren Herzen hemmungslos Luft. Der schwarzhaarige Marjan, den Lärm der Miramare-Allee gewohnt, gab den Ton an in jenem vielköpfigen Chor und griff in die Tasten des Konzertflügels, als müsste er auf einmal seinen ganzen, lang verhaltenen jugendlichen Eifer an den Tag legen.

Der Flügel stand in einem Saal mit zwei Fenstern zum Tal, und Marjans kleine, gelenkige Gestalt war verdeckt durch den Kreis von Burschen und Mädchen, die das Instrument umzingelten und seinen gestutzten Klangkörper verstellten. Sie sangen ungestüm, zuckten dabei unbewusst mit den Köpfen in Begleitung des stoßenden Rhythmus. Denn Marjans Hände knackten heftig in den Handgelenken, als besänne er sich plötzlich dieser einzigartigen Gelegenheit, Kosovels Verse wieder zu beleben. Und die Lieder quollen so unkontrolliert aus dem Saal durch die beiden Fenster unter dem Laubengang hervor und weiter über die Karstweide jenseits ins Tal, dass die Wirtin Marica die Kellnerin losschickte, um die Fenster zu schließen. Man wusste ja nie, wann eine Streife der Carabinieri oder eine Schwarzhemdenpatrouille vorbeimarschierte. Doch wahrscheinlich hatte die Wirtin mehr als vor dieser überall lauernden Gefahr eher Angst, dass ein Eingriff von außen das Strömen der Melodien hätte unterbinden mögen, von denen sie so angetan war, und so wiederholte sie, während sie den Karstschinken schnitt: „Gut singen sie, die Bengel.“ Gewiss wäre es unbeschreiblich schade gewesen, wenn sie von irgendeinem Nichtsnutz dieser Lieder beraubt worden wäre, die ja verboten waren und die sie deshalb so selten genießen durfte. Und gleichzeitig stellte sie zufrieden fest, dass heute der Redakteur eines Triester Blatts, der jede Woche gerade an diesem Wochentag seine Geliebte in das Karstversteck brachte, im Obergeschoß fehlte. Auch wenn die Lieder keine slowenischen gewesen wären, hätte er gegen solch einen Chor protestiert. Ihm wäre gewiss seine Halsschlagader geschwollen, wäre ihm durch das Fenster seines Zimmers solch eine Welle unstatthafter Weisen entgegengeschwappt. Wahrscheinlich hätte er es bei einem theatralischen Ausbruch belassen, nicht bloß aus Angst davor, dass sein kleiner Liebesbunker entdeckt werden könnte. Gut, seine Begleiterin hätte sich in diesem Fall wohl nur verkrochen, oder sie wäre möglicherweise sogar aus Verlegenheit bei den Klängen errötet, die es ihr als unhaltbar vorhielten, dass sie jemandem zur Verfügung stand, der in seinem Blatt die Leute misshandelte, von denen sie abstammte. Sie ist ja nicht böse, denkt sich die Wirtin Marica, so ist sie eben, aber von der slowenischen Sprache hat sie sich nicht losgesagt, jedenfalls im Umgang mit mir nicht.

Radko Suban gesellte sich der Gruppe erst nach langem Zögern zu, von seiner Entscheidung kaum überzeugt, doch zugleich unter dem Einfluss eines unwiderstehlichen Dranges, dem er schließlich nachgab. Er befand sich in einer außergewöhnlichen Lage. Nachdem er nämlich lange Zeit in seinem Inneren gehadert und sich mit unauflösbaren Zweifeln geplagt hatte, blieb er an dem Tag, an dem er sein Theologiestudium fortsetzen sollte, zuhause, statt ins Seminar zurückzukehren. Es war eine Art äußerer Vorbereitung, die ihm den endgültigen Bruch ermöglichen würde. Als hätte er nur auf irgendeinen günstigen Zufall gewartet, zum Beispiel auf die Frage seitens der Seinen zu Hause, die ihm eine entsprechende verbindliche Antwort abverlangen würden; als hätte er gehofft, es würde sich irgendeine besondere Stimmung entwickeln, aus der es irgendwie von ganz alleine zu der ihn erlösenden Handlung käme. Es ging ihm darum, seine Lebenswende zu bestätigen, indem er den schwarzen Überrock ablegte; doch dieser von außen betrachtet völlig äußerliche und unwesentliche Eingriff verlangte von ihm weit mehr psychologische Anstrengung, als er gedacht hatte. Es fühlte sich an, als wären alle inneren Kämpfe angesichts jener äußerlichen Häutung weniger wichtig. Er war sich wohl bewusst, dass es sich um eine reine Formalität handelte, die wegen seiner inneren Ablehnung bereits bedeutungslos geworden war, doch der Einfluss seiner spirituellen Bedenken und der Gedanke an die möglicherweise ungeahnten eschatologischen Folgen war immer noch so stark, dass er in einem Teufelskreis gefangen war. Gleichzeitig hielt er es nämlich gar nicht mehr aus in der Erwartung, am Quai in Zivil zu erscheinen wie ein junger Mann unter jungen Männern, wie ein Student unter Studenten, ungebunden und entspannt, als käme er nach einer langen Krankheit an die frische Luft. Und gerade das Vorgefühl auf diese Wiedergeburt drängte ihn, sich unter die quirlige Gesellschaft zu mischen, irgendwie hoffend, dass sich mit ihrer Hilfe die unsichtbaren Fäden lösen ließen, die ihn an die Vergangenheit fesselten. Er war innerlich gespalten und die ganze Zeit über verlegen, doch stimmte er in ihren Gesang ein und wünschte sich, er würde sich durch das Lied mit ihnen verbinden, und auf einmal war er wie neugeboren, ohne sich des Zeitpunkts richtig gewahr zu werden.

Natürlich machte er sich Vorwürfe, wie kläglich er zauderte, wie mutlos er war, ein falscher Ton inmitten dieser eifrigen Gesellschaft; doch da ihm der singende Chor keine Beachtung schenkte, sondern ihn ganz selbstverständlich aufnahm, als hätten ihn bereits alle durchschaut und sich mit dem Gedanken an sein kommendes Schicksal angefreundet, ergab er sich ins Gefühl einer vagen sicheren Zuflucht.

Bis sie zum Bahnhof gingen.

Denn gerade in dem Moment, als die verspielte Gruppe den Dieseltriebwagen bestieg und sie den Eindruck eines fröhlichen Knäuels machte, der sich im Gang verhedderte und den Durchgang verstopfte, fiel Mija mit dem Feuereifer eines Kriechtiers, dem man auf den Schwanz getreten hatte, über ihn her. Und so wurde augenblicklich jener Missklang laut, der sich bislang versteckt hatte, Radko aber stand auf einmal wie bloßgestellt vor den schmunzelnden Gesichtern. Seine Wangen glühten. Und Mija, als wäre der Refrain eigens für ihn komponiert, skandierte den Satz von dem Mädel, dem Bürschchen zugetan, während der Kaplan – alleine bleiben kann. Dabei wiegte sie den Kopf, als folgte sie dem Schaukeln des Zuges, und bestimmte damit zugleich den lebhaften Rhythmus des fröhlichen Chors.

In jenem Augenblick fühlte er Hass auf das eifrige Gesicht, das ihm voll Hohn entgegenstrahlte und das gar nichts Mädchenhaftes an sich hatte, in ihm aufsteigen. Irgendwo hatte ihn der antipfaffische Stachel gestochen, doch noch wütender war er auf sich selbst, weil er sich einem ironischen Angriff ausgesetzt hatte, zu einer Zeit, in der er sich bemühte, das nötige Selbstvertrauen zu finden, um den entscheidenden Schritt aus dem Kreis, in dem er gefangen war, herauszuwagen. Er wurde bestraft, weil er dort eine Lösung gesucht hatte, wo es sie nicht geben konnte, denn die singenden Gesichter waren nicht in der Lage gewesen, zu ahnen, wie unerträglich verwundet sein Inneres war. Er war wie ein Schlafwandler, und Mija zischte in seinen unsichtbaren Zwiespalt hinein und sonderte ein Gift ab, das ihm bis ins Mark brannte. So war jene Rückkehr in die Stadt, als der Zug auf den Böschungen dahinbrauste, unter denen das rote Meer vom Ball der glutroten Kohle am fernen Horizont Abschied nahm, für ihn eine Niederlage, herbeigeführt durch sein unbedachtes Handeln.

II.

Er hatte sie nach dieser ersten, für ihn so dramatischen Begegnung lange nicht mehr gesehen. Er lehnte ihre Art Mädchen zu sein ab; nach seiner Vorstellung sollte ein Frauenantlitz Milde ausdrücken, währenddessen in Mijas Gesichtszügen auch eine wenig einladende Bereitschaft zu brüskierender Ablehnung lag. Doch eigentlich gestand er sich insgeheim ein, dass ihr Angriff auf ihn im Grunde berechtigt war. Er hatte nämlich in ihrer Gesellschaft nichts verloren in jener Uniform, und Mija hatte nur das geäußert, was er auch allein sehr gut wusste, bevor er sich zu ihnen gesellt hatte; und schließlich verhalf ihm ihre ironische Provokation, die nach ihr dann auch die ganze Clique übernahm, dazu, dass er eines Tages wirklich Mut fasste und wie ein einfacher Bürger den Quai betrat.

Danach änderte sich sein Verhältnis zum Vorfall im Zug; Mija lehnte er nach wie vor als das Gegenteil von Zärtlichkeit und Zartgefühl ab, doch gleichzeitig begann er die Einflüsse der Umgebung, in der sie aufgewachsen war, in Betracht zu ziehen. Ihre schroffe Spitzzüngigkeit schöpfte sie aus der liberalen Atmosphäre, die ihre Jugend durchdrang. Ihr Vater, Pavel Pipan, der trotz seines protzigen Auftretens als bekannter Besitzer eines bedeutenden Unternehmens im Familienkreis kindlich sentimental war, ähnelte in seiner Beziehung den Glaubenssachen gegenüber mehr den verbissenen Anhängern des slowenischen freigeistigen Bürgertums von Triest. Während nämlich die belesenen Anführer der slowenischen Bourgeoisie bereits in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts ungeachtet ihrer Anschauung imstande gewesen waren, einen Weg der Zusammenarbeit zu finden und damit das Bestehen und den Einfluss der slowenischen Bevölkerung in der Stadt zu fördern, frönten die geistig weniger fürstlichen Elemente auf den Banketten und Treffen dem groben Voltairianertum, das jedoch kaum über die Verulkung der Pfaffen und deren Köchinnen hinausreichte. Diese traditionell freigeistige Atmosphäre ersetzten einige der jungen Leute durch die marxistische These, die Religion sei Opium für das Volk; und genau in diesem umstürzlerischen Geiste wurde Mija zum Beispiel von ihrem Bruder Riko erzogen, der sich in ihr allmählich eine Mitarbeiterin formte, eine Paradefeministin, ein allen kleinbürgerlichen Anschauungen und Gepflogenheiten enthobenes Mädchen.

Und das war Mija auch wirklich, denn sie erschien – kleinwüchsig, mit ihrem Haarschnitt à la garçon und in ihren Hosen, die an ihr hafteten wie Handschuhe an den Fingern ihrer provinziellen Umwelt – als eine reizvolle Versuchung, die mit ihrem provokativen Auftreten die Standardgeister beunruhigte. Sowohl der Bruder mit seinem revolutionären Willen als auch sie mit ihrer ausdrucksvollen Erscheinung standen weltanschaulich im Konflikt mit dem behaglichen Hause, jenem Wohlstandsbeweis, das hoch oben am Abhang stand, wo sich der Mensch wie losgelöst von der Stadt empfand. Natürlich trog dieser Eindruck sehr wohl, doch wer die steile Steigung bis zu dem Gebäude erklomm, das einsam weiß im stillen Garten stand, befand sich plötzlich wie in einer ruhigen, gesammelten Oase. Ja, beide lehnten sie die bürgerliche Welt ab, der Bruder wegen seiner Prinzipien, die Schwester unter seinem Einfluss, obwohl sie beide ihre Annehmlichkeiten genossen, vor allem Mija, die zwar irgendwie nach der Maxime „épater le bourgeois“1 auftrat, doch konnte sie weder auf die neueste Mode, noch auf all das, was sich ihrer Weiblichkeit sonst anbot, verzichten. Ein geschultes Auge erkannte problemlos, dass ihre Weltanschauung mit dem Treiben einer eleganten Städterin nicht zu vereinbaren war. Nicht so der Bruder, der war aus einem Guss.

Nein, Radko Suban sah sie nach jenem Abend nicht mehr, als sie vom Triester Bahnhof zu ihrem Zuhause hinaufstieg und dann die Gesellschaft ihren lärmigen Gesang im geräumigen Keller fortsetzte, während Frau Dora ihren Schäferhund Zmaj beruhigte, er hätte doch keinen Grund sich aufzuregen. Radko sah sie nicht und er interessierte sich überhaupt nicht für sie; eine Zeit lang hatten ihn die Reize Jelkas beeindruckt, doch waren das alles nur Wünsche aus der Ferne; und auch sein Interesse für Verenka, das schon eine anspruchsvollere Prüfung für ihn darstellte, hatte sich angesichts seiner Schüchternheit, die ihn mit unsichtbaren Fäden fesselte, in Nichts aufgelöst. Oh, doch all das waren nur Geistesblitze, denn im Großen und Ganzen musste er sich laufend mit neu aufkommenden Situationen auseinandersetzen. Mit der stürmischen Erdbebenstimmung der Familienatmosphäre; mit seiner Lage als Studienabbrecher in der Öffentlichkeit. Alles sollte von vorne anfangen, er wollte trotz allem gegen den Strom schwimmen. So war die Flucht aus der geistlichen Gemeinschaft, die seine Gedanken, Gefühle und Sinne gefangen hielt – ähnlich wie ein Stausee einen Fluss gefangen hält – nun der Beginn eines anstrengenden und auch fieberhaften Suchens nach neuen Lösungen.

Und doch gab es Augenblicke, obwohl sehr knapp bemessen, in denen er die erreichte Entspannung voll auskostete. Dann bot sich ihm der Triester Herbst mit seiner Palette aus Meeresspiegelungen und jahrhundertealten Farben dar. Triest war die Wohnstätte und gleichzeitig das Symbol für Menschen, die Bewegung in einer mannigfarbigen Windstille und das Bild des Reichtums in einer harmonischen Ruhe schätzten. Denn wenn der Frühling für das eine Spur überpathetische Herz der Triester Bürger eine Versuchung ist, wenn der Sommer mit seinen dichten Strahlen herrisch wirkt und die winterliche Bora wie eine ungerechte Geißelung des Schicksals, das sich die Einwohner nicht ausgesucht haben, dann ist der Herbst jene Zeit, die am besten zum vertrauten Erbe einer angenehmen Lässigkeit passt.

Er blieb immer wieder am Kanal stehen und sah, wie sich die Spuren der Vergangenheit sanft an die Stirnseiten des Theresienpalais legten, wie die Brücken wieder wie früher drehbar wurden, sodass sie den Masten schwerer Segelboote freien Einlass ins Stadtherz gewährten bis hin zum neoklassizistischen Atrium eines gewaltigen Tempels.

Und dann zauberten ihm das Rufen der Gemüsefrauen auf dem Markt an der Roten Brücke, das blutige Fleisch der angeschnittenen Wassermelonen über den Stapeln dunkelgrüner Früchte, das Rattern kleiner Wagen, die Bootsreihen, das Tschilpen und Zwitschern der Vögel in den Käfigen, die im Kanalwasser treibenden Abfälle das Gedränge vergangener Zeiten und das Hantieren der Schwerarbeiter im Hafen an den langen Wagen mit den herkulischen, rötlich braunen Pferden hervor. Und sogar die Ölflecken im olivgrünen Wasser zwischen den Booten waren in ihrer Reglosigkeit und dem regenbogenfarbenen Licht irgendwie mit dem glitzernden Glanz der Kleider der Anwohnerinnen von damals verwandt.

Ja, er war außer sich und notierte die Einfälle und die Bilder in sein Notizbuch; doch er besann sich im nächsten Augenblick, dass er all diese Dichterei verwinden und verbissen für seine Zukunft eintreten sollte.

Er war wie ein nackter Odysseus auf dem Phäakenkies, glücklich, sich auf das Festland retten zu können, doch gleichzeitig um seine weitere Zukunft besorgt.

1 Das Bürgertum verblüffen.

III.

In einem Restaurant in Miramare fing er ihren Blick auf, der sich an ihn geheftet hatte. Die Fastnacht diente den Slowenen als Vorwand im großen Saal zu Ehren der verurteilten Sprache zu tagen. Und da sagte er zu sich selbst, dass vor allem die Ausgabe der Literaturzeitschrift, die im Geheimen erschienen war und selbst die besser informierten slowenischen Kulturkreise überrascht hatte, der Anstoß für ihr Interesse war. An Mijas Bildung haftete zwar in der Tat ein gewisser Hauch großstädtischen Zierrats, doch war diese in Wirklichkeit mehr als bloß eine schmucke Patina, vor allem aber diente ihr die Karsttradition ihrer Herkunft als Grundlage. Hingabe dem gewählten Wort gegenüber war ihr Kern, um den herum sich ihre ganze Bedeutung versammelte, sowohl der Sinn ihres Daseins als auch der ihrer öffentlichen Rolle. Darum war es nur natürlich, dass Mija nachdenklich wurde, als sie in der Zeitschrift den Beitrag fand, der nicht nur das Urteil über ihre Muttersprache revidierte, sondern auch von jenem jungen Menschen verfasst worden war, über den sie geurteilt hatte, er sei ein lebensverneinender Scholar. Er wusste davon, dass ein Exemplar der Zeitschrift zum Anwesen auf dem Hang hoch wanderte, und er stellte sich vor, dass dies in den harten Einband genähte Bündel in einem Geheimfach der reichen Bibliothek sein Refugium fand. Ihm war bewusst, dass er einer derjenigen war, die mit ihrem Beitrag in Zeiten schlimmsten Terrors in ihrer Stadt die Wiederauferstehung der slowenischen Literatur prophezeiten; gleichzeitig fühlte er die deutliche Genugtuung, Mija verunsichert zu haben. Selbstverständlich hörte er noch immer den Nachhall ihrer scharfen Stimme im brausenden Zug, deshalb schenkte er ihrem Blick – obwohl er ihn sehr wohl bemerkte – keine Aufmerksamkeit, als sie zu beurteilen versuchte, was hinter seinem bedächtigen, ein wenig zu sanften Gesicht steckte, das aussah, als bewegte es sich die ganze Zeit unentschlossen zwischen Verlegenheit und Widerwillen. Er vergaß nämlich allmählich, dass er die Kleidung abgelegt hatte, die ihn damals anders erscheinen hatte lassen, als er in Wirklichkeit war; sie aber verglich erst jetzt den damaligen Menschen mit dem Autor des Beitrags in der illegalen Zeitschrift.

Und dann kam der Ausflug auf den Berg Krn.

Nun, eigentlich war es kein richtiger Ausflug in die Berge gewesen, sondern eines der Treffen, bei denen sich, versteckt vor feindlichen Augen, der Glaube an das Überleben der nationalen Eigenart festigte. Es war eine Prüfung der geistigen Kraft und gleichzeitig ein instinktives Zusammenkommen, ähnlich jenem schnellen Strömen zum Sammelplatz, das in einem angegriffenen Körper die Abwehrelemente wider die tödlichen Keime auslöst.

Er wurde als Bergführer dreier Mädchen bestimmt, doch als sie das Dorf Čezsoča verließen und mit dem Aufstieg begannen, wandte er sich überwiegend an die anderen zwei, Mija aber ließ er eine Spur vergeltender Zurückhaltung fühlen für ihren einstigen Hohn. Doch ihm war bewusst, dass er ihrem Schnippisch-Sein gegenüber nicht gleichgültig geblieben war, der ungebärdigen Lebensfreude dieses kleingewachsenen, doch harmonisch eigensinnigen Körpers. Ihn reizte das Wesen ihres weiblichen Geheimnisses, während er ahnte, dass in ihrer Beobachtung ein Widerschein jener Eingenommenheit lag, die man an einem schreibenden Menschen aufspürt, sowohl bei den kultivierten als auch bei den einfachen slowenischen Leuten, denen bewusst ist, wie groß die Bedeutung des gedruckten Worts für die Erhaltung der Gemeinschaft ist.

Als sie zuletzt auf einem Heuboden landeten, der als Nachtlager bestimmt wurde, mischte sich ihre Gruppe mit den anderen; so verflog das unsichtbare Netz, das während des Aufstiegs zwischen den beiden geflochten worden war.

Auch am nächsten Morgen sah er sie nicht, denn er unternahm den weiteren Aufstieg auf den Krn allein, noch bevor die anderen frühstückten. Er wollte nicht darauf warten, am nächsten Tag zusammen mit den anderen auf den Gipfel zu gehen, er wollte allein sein auf den Gebirgskämmen, die er vor Jahren vom Ort Drežnica aus erklommen hatte. Er empfand das Bedürfnis, sich seinen zurückgelegten Lebensweg in Gegenwart dieses Berges genauer anzusehen, der nach allen Belastungsproben des Ersten Weltkriegs auch noch Zeuge der Verwüstung in den Dörfern geworden war, die an seinem Fuß hockten. Jener Zerstörung des Denkmals zu Ehren des slowenischen Komponisten Volarič im Zentrum von Kobarid1, die Schändung seines abgeschlagenen Kopfes, des Tanzes der Schwarzhemden rund um den Scheiterhaufen unter der Dorflinde. Der Berg hatte den Benzin- und den Rauchgestank über der wilden Meute ertragen müssen. Und dann den Rauch über dem Pfarrhaus in Drežnica. Eben. Eben. Und eigentlich teilte das ganze Land Primorska2 das gleiche Schicksal. Nur mit dem Unterschied, dass eine solche Vernichtung im Gebirge ein völlig anderes Übel darstellt als in einem städtischen oder einem vorstädtischen Milieu. In der reinen Bergatmosphäre unter dem himmlisch blauen Firmament ist ein brennendes Denkmal ein noch unerhörteres Sakrileg. So dachte Radko, als er in den Ferien ausgerechnet nach Drežnica gesandt worden war, wo er beim weißhaarigen Pfarrer Kraft sammeln sollte für sein weiteres Studium; doch war er so gefangen genommen gewesen vom Schicksal seiner Heimat, dass er eifrig die Berge stürmte und versuchte, aus den spitzen Felskanten eine Lösung hervorzuzwingen. Statt der heiligen Schriften holte er Dostojevski aus der Bibliothek, um sich in Die Brüder Karamasow am Beispiel Aljoschas Rat für sein Leben zu holen. Ja, und als er nun an den Rudimenten der Kavernen, an den verrosteten Stacheldrahtteilen vorbeiging und ihm die zwischen dem Gestein versprengten, zerfetzten Glieder der Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg vor seinen Augen erschienen, wurde ihm angesichts dieses ungeheuerlichen Kriegswahnsinns die Tatsache wieder bewusst, dass ihr Nachkriegsschicksal eine noch schlimmere Tragödie war. Doch war er nicht mehr hilflos in ihr verstrickt, war nicht eingesponnen in den Nebel von Zweifel und Ahnung; jetzt fühlte er bei jedem Schritt, wie der Berg ihn in seiner einfachen Menschlichkeit bekräftigte, wie der Berg Krn ihn in seiner stolzen aufrechten Art zu einem Kampf mit der Wirklichkeit aufforderte.

Der klare Luftzug, der an den scharfen Kanten des gewaltigen Felsmassivs wetzte, stellte ein Versprechen dar, das Versprechen einer entfernten, doch klaren Welt; in jenem Augenblick überkam ihn die Einsicht, dass alle auf diesen Bergkämmen in fremden Uniformen Gefallenen eines Tages heiliggesprochen würden. Und dass mitten in Kobarid wieder das Denkmal des Komponisten Volarič stehen würde ... Es war fast wie ein Morgentraum, als die Sonne alpenrosenfarbig die Felswelt rund um ihn her übergoss; doch gleichzeitig sagte er sich, es sei mehr ein Glaubensakt als ein Traum, und dass daran auch die Schar der jungen Leute glaubte, die sich zur illegalen Versammlung traf.

Als er mitten am Vormittag zurückkehrte, hatten sich die Gruppen bereits zerstreut, die Mehrheit von ihnen traf er am See; nur Mija saß mit untergeschlagenen Beinen am Feuer, über dem ein großer Topf Suppe köchelte, aus der ein eingetauchtes Huhn seine gelben und runzligen Krallenfüße streckte.

„Jeder wählt seine eigene Variante des Heldentums“, sagte sie spitz, doch mit klarem Blick, in dem ein herzliches Wohlwollen lag.

„Heldentum? Die Genugtuung, die der Mensch ohne Zeugen genießt, ist doch ziemlich mager, findest Du nicht?“

Sie starrte ins Feuer, in ihren kurzen Hosen und den Bergschuhen erschien sie ihm kumpelhafter, weniger fern.

„Ich frage mich“, sagte sie und lächelte, „sind denn solche Einzelgängeraktionen irgendwie verwandt mit Unnahbarkeit?“

Ihre ungeschminkten Lippen offenbarten eine natürliche Saftigkeit.

Er setzte sich hin und schob den Krallenfuß tiefer in die brodelnde Suppe.

„Du vergisst, dass es sich auch um eine Probe handeln kann, die den kleinsten Spross von Selbstgefälligkeit schon im Keim erstickt“, sagte er ohne sie anzusehen, doch seine Stimme war die eines Menschen, der sich einem willigen Gesprächspartner öffnet.

Da sie ihn wortlos beobachtete, fügte er hinzu: „Du lässt die Möglichkeit nicht gelten, dass ein Mensch sich in der Bergwelt mit sich selber auseinandersetzt, ohne sich etwas vorzumachen?“

„Nein, im Ernst. Ich bin in dieser Gebirgsatmosphäre so etwas wie ein Gast, der die neue Umgebung bewundert, ihr Geheimnis aber nicht erfassen kann.“ Dabei war sie so sachlich, als vertraute sie ihm den Grund ihrer Trennung von den anderen an.

„Warum hast du sie mitgebracht?“ fragte sie dann und lenkte ihrer beider Aufmerksamkeit auf die Zeitschrift, die er ins Gras neben sich gelegt hatte, als er sich hinsetzte; und so überbrückten sie die etwas abstrakte Einleitung ihrer Begegnung. Ihr war der Inhalt jener Ausgabe bekannt, sie hatte sich das Langgedicht von Jiři Volker, die Angaben über die Auswanderer und die halb entleerten Dörfer notiert. Doch bald wechselte sie das Thema und sprach über das autoritäre Regime Metaxas und über die verbrannten Bücher. Über die Lage des slowenischen Bauern ...

Eben, in all dem steckte ein Hauch des proselytischen Eifers der linken Weltanschauung, die dem Apostolat von konfessionellen Gruppen, von denen sie sich gerade endgültig getrennt hatte, so unsagbar ähnelte. Und auch ihr Bemühen um das Slowenische ähnelte jenem christlichen Eifer, mit dem Unterschied, dass sie nicht Pregelj oder Finžgar zitierte, sondern Župančič und Ferdo Kozak. Na, und diese literarische Seite herrschte eigentlich vor, denn sie flocht problemlos und irgendwie ziemlich flüssig Zitate von Ljubljanski zvon ein, als müsse vor jeder historischen Tatsache die Bestätigung eines bedeutenden Dichters stehen. Genau so, und das überzeugte ihn, denn es schien, als wechselte sie durch das Anführen der dichterischen Sentenzen an seine Seite; und so kam sie ihm zweifellos näher, sie lebte sich in die einsiedlerische Debatte zu zweit unter dem steilen Bergrücken des Krn ein, neben dem Topf, an dessen Rand von Zeit zu Zeit eine Hühnerkralle wippte, als wiederholte die Henne immer noch die Bewegung, mit der sie sich hatte retten wollen.

Und am nächsten Tag, als sie alle auf den Gipfel stiegen und zusammenkamen, um eine illegale Widerstandszelle gegen den Faschismus zu bilden, fühlte er sich aufgrund des Gesprächs mit ihr den Versammelten viel näher. Die Entfernung zwischen ihm, der von den dunklen Fluren eines strengen Priesterseminars Abschied genommen hatte, und den ungezwungenen Gymnasiasten und Studenten war zusammengeschrumpft, weil sie ihn mit dieser entstehenden Gemeinschaft verband. Immer noch fühlte er eine stille Zurückhaltung angesichts ihres leidenschaftlichen Eifers und ihrer schnippischen Interpretationen; aber in ihre fast knabenhafte Kameradschaft zeichneten sich ab und zu auch Nuancen einer reifen Weiblichkeit ab, die zutage traten, ohne dass ihr das bewusst war.

Durch die Wandlung, die er an ihrer Seite erlebte, erfing er sich problemlos in der geistreichen und humorvollen Welle, die die bunte Gesellschaft dann erfasste, nachdem die Redner ihr Studientreffen beendet hatten. Sie hatten aufgehört, sich mit den Gräueltaten des schwarzen Regimes zu befassen und lachten in die Sonne, die auf sie hinabschien; und es war, als keimten aus den getöteten Männern des ehemaligen Kriegswahnsinns neue Wesen auf, die das Rad der Geschichte umdrehen werden. Eben, eben, doch das hat sie nicht daran gehindert, beim Anblick des Rechtsanwalts zu schmunzeln, der vom Berg Krn so mitgenommen war, dass er sich mitten im Geröll umziehen musste und in seiner langen Unterhose blütenweiß leuchtete. Sodass Mija lustig bemerkte: „Von dieser Seite ist nicht viel Kampfbereitschaft zu erwarten.“

1 Der deutsche Name dieser Stadt im Sočatal (dt. Isonzotal) ist Karfreit.

2 Der Name der slowenischen Region „Primorska“ entspricht in etwa dem ehemaligen Österreichischen Küstenland und bezeichnet Gebiete von Istrien, Triest, Gradischa in Friaul und Görz, bis in das Isonzo-Tal/Soška dolina im Dreiländereck Slowenien-Italien-Österreich.

IV.

Sie empfing ihn im Garten, wo die Sonnenstrahlen die rosaroten Augen der Oleanderblüten entzündeten, die die Wärme zuvor geöffnet hatte. In der Ferne, weit unten, löste sich im Dunst weitflächig die weich gekräuselte silberne Meeresebene auf. Gartenpfade waren übersät mit eckigen Kieselsteinchen, dicht an der Mauer lag ein Beet voller Rosen, deren Blüten, schwer wie Sonnenblumen, an das weiße Gestein der Hausfront lehnten. Trotz des Grüns herrschte vor dem Haus glühende Windstille, weil die große Eisentür den Blick auf den Steilhang versperrte; und das Flimmern der See fügte der Gluthitze ihr eigenes Necken hinzu.

Nein, ihr Lächeln war nicht nur ein Ausdruck von Höflichkeit, in der betörenden Stille und der in Wärme aufgelösten Farben wurden ihre Züge irgendwie weicher. Es war, als ließen Entschlossenheit und Härte von ihren rosaroten Wangen ab, sodass sie in nichts mehr der eifrigen Aktivistin im Zug ähnelte.

Als sie ihn in den Salon führte, kam ihr bläuliches kimonoähnliches Kleid stärker zum Ausdruck als in der Sonne; und ihre absatzlosen Schuhe glitten geräuschlos über das karamellfarbene Parkett.

Sie wählte einen Platz weit weg vom Fenster, in der schattigen Ecke, wo auf dem Mahagonitischchen ein würdevoller Radioempfänger stand, aus dem Töne von Debussys Bilder einer Ausstellung drangen, in der Adaption von Mussorsky.

Sie drehte am Knopf leiser.

„Es stört dich doch nicht, wenn er so con sordino anwesend ist?“ sagte sie. Und als er bemerkte, er wäre ja fast nicht in der Lage, sich an den Tisch zu setzen und sich in ernstere Arbeit zu vertiefen ohne musikalische Begleitung, rückte sie ihren Stuhl ihm gegenüber. Als ginge es um eine Konfrontation; doch gleichzeitig schoss es ihm durch den Kopf, dass sie deshalb so sorgfältig sei, weil sie sich auf einen Gedankenaustausch über Kulturwerte vorbereitete. In ihrer Bereitschaft lag etwas so herzlich Schülerhaftes, ja sogar putzig Kindliches, das sich mehr an ihrer Stimmung als in ihren Bewegungen festmachte; so zweifelte er für einen Moment, ob er ihr nicht irgendwie eine falsche Vorstellung von seiner Belesenheit vermittelt hatte. Und selbstverständlich stellte er gleichzeitig fest, dass ein Mensch, der seit zwei Jahrzehnten keine eigene Kultureinrichtung haben durfte, kein Theater, keine Zeitschriften, keine Zeitungen, berechtigte Sehnsucht verspürte nach der Atmosphäre, in der die Welt des Schönen in seiner Muttersprache gedeihen würde. War er doch selber auch dem kulturellen Einsiedlertum ausgeliefert, sodass es ihm mehrmals schien, ehedem reicher gewesen zu sein, als er sich, trotz seiner Abneigung dieser Umgebung gegenüber, im Priesterseminar im Kreis der belesenen Kameraden in literarische Werke vertieft hatte.

Und natürlich begann Mija ihre Befragung mit der Literatur. Ungeachtet all ihrer Konzentration war sie entzückend, denn es schien ihm, als spielte sie die strenge Aufseherin, die von ihm verlässliche Berichte verlangte.

Als er über den eben gelesenen Roman Von Mäusen und Menschen von Steinbeck zu sprechen begann, regte sie sich auf, dass ihr die psychologische Grundlage nicht überzeugend genug erscheine; eher sei sie bereit, Tortilla Flat wieder mal zur Hand zu nehmen. Zugleich zeugte ihr fixierender Blick von ihrer Bereitschaft, ihm zuzuhören. Ihr ganzes Wesen strahlte eine lebhafte Ambivalenz aus, bei der es unmöglich war zu entscheiden, ob der Wunsch nach Mitteilung ihrer eigenen Ansichten stärker war, oder die ungeduldige Neugier auf die Offenbarung seiner Erkenntnisse überwog. So bekannte sie offenherzig ihr Bedürfnis, eine unstillbar Suchende zu sein, und das an seiner Seite, an der Seite jenes Menschen, der sich selbst immer wieder versicherte, dass es ihm mit dieser Gesprächspartnerin gelingen könnte, sein inneres Schweigen zu brechen.

Er dachte, dass es wohl richtig wäre, ihr zu erklären, wie sehr er sich Mühe gab, dass alles, was er las, auch therapeutische Wirkung habe. Ihm war daran gelegen, den Gedankenstrom umzuleiten, der etliche Jahre in einem scharf umrissenen Bett geflossen war; stärker als die verstandesmäßige Seite spielte für ihn bei Büchern das gefühlsbetonte, das emotionale Element eine wichtige Rolle. Er wünschte sich vor allem, mit neuen Autoren frischen Wind in seine innere Landschaft zu bringen, neue Gedanken auszusäen, sie so in Licht zu tauchen, dass die grauen Schatten und grimmigen Silhouetten aus ihr verschwänden.

„Vielleicht ist für eine solche Behandlung die amerikanische Prosa am geeignetsten“, sagte sie dann nachdenklich.

„Stimmt, bis heute habe ich die karstige, Triester Isolation am stärksten mit Whitman wegdenken können“, gab er ihr recht.

„Ja, und John Dos Passos?“

„Natürlich kann ich mich in sein Großstadtfieber einleben, werde aber durch dieses Umherirren und die ganzen Verstrickungen nicht erlöst. Oder besser, ich brauche das nicht. Lieber überlasse ich mich der Atmosphäre der Wildnis, die mich aus den Büchern von Steinbeck angreift.“

Sie blickte ihn aufmerksam an, als überraschte er sie mit ungeahnten Regungen.

„Diese Grobheit und diese Leidenschaft sind echt, wir hier verrotten doch nur in einem muffigen Gefängnis“, sagte er.

Sie drehte den Knopf am Radio weiter herunter, weil die Musik zu deutlich am Gespräch teilzunehmen begann.

„Und andererseits ist Saroyans Verbundenheit mit der armenischen Tradition eine unverhoffte Entdeckung.“

„Diesen Autor kenne ich nicht.“

„Seine Prosa hat einen Schwung, aus der ein unaufdringlich heiterer Humanismus weht“, sagte er. „Natürlich fließen unmerklich auch unfreundliche Ströme in ihn ein.“

„Überraschend nur, dass dein Lehrer der Lebensnähe gerade Sohn eines Volkes ist, das so ungeheuerlich vom Völkermord getroffen wurde.“

Im Radio hörte man nun Akkorde von Smetanas Liebe zur Heimat, sodass Mija die Hand ausstreckte, doch diesmal, um lauter zu drehen.

„Auch eine solche Begleitung gelingt manchmal“, sagte sie, ohne den Blick von dem beleuchteten Rechteck abzuwenden, aus dem die Bilder der tschechischen Haine und Wälder drangen.

Dann drehte sie wieder leiser.

„Ich möchte diesen Armenier kennen lernen“, entschied sie, als würde sie durch die Nähe der tschechischen Heimatverbundenheit das Bedürfnis nach einer neuen Entdeckung ihrer eigenen fühlen.

Er aber sagte: „Saroyan hat die Ungezwungenheit, die uns fehlt. Man merkt in ihm den Weltbürger, deshalb spricht er mit seinen armenischen Großvätern vor der kosmischen menschlichen Gesellschaft. Er liebt sie angesichts Manhattans und all seiner sinnlosen Wolkenkratzer. Mit uns ist es anders, wir sind in unsere Nebelwelt verpuppt, sodass wir unfähig sind, uns selbst aus der Vogelperspektive zu betrachten; und im sozialen Leben richten wir unsere Züge, wo es nur möglich ist, nach den Vorstellungen unseres Gesprächspartners.“

So kamen sie zu Pirandello.

„Ja, er ist in mancher Hinsicht auch unser Autor“, sagte Mija.

„Eben, und vielleicht wäre es nicht falsch, wenn wir uns richtig in ihn vertieften, die hundertjährige Übung im Anpassen hat auch aus uns unübertreffliche Meister im Gebrauch von Masken gemacht.“

Sicher, dieser Diagnose widersetzte sie sich, sie sei nicht endgültig, die Zukunft würde sie für ungültig erklären, und dabei bediente sie sich wirtschaftlicher Argumente, soziologischer Thesen. Doch sie verausgabte sich nicht in diese Richtung; es war bloß ein Einwand. In ihrer Stimmung überwog der Glaube, dass die Geschichte sich irgendwie nach dem Rhythmus ihres eigenen Charakters ausrichten würde. Man konnte es fühlen, dass sie nicht mehr heraus mochte aus dieser Atmosphäre, die das Gespräch über Literatur geschaffen hatte.

Eine friedvolle und konzentrierte Kraft strahlte aus ihr, die gemusterten Bänder des Sommers, die von der Meeresseite und von der Sonnenkugel, die sich strahlend über ihr auflöste, kamen, veränderten den herrschaftlichen Salon in einer Bestimmtheit, die beinahe zum Trugbild, aber gleichzeitig auch zur intimen Wirklichkeit wurden.

V.

Das literarische Intermezzo der beiden erlebte sein Finale in den Gewölben des Palastes am Goldoniplatz, wohin sie ihm ein Exemplar des Dramas Sei personaggi in cerca di autore in Erinnerung an den zusammen verlebten Nachmittag brachte. Und zuerst hatte sie in der Widmung seinen Namen zusammen mit dem Nachnamen geschrieben, diesen dann aber mit einem dichten Schraffurnetz verdeckt, so wie das Zeichner machten, wenn sie einen Punkt schattieren wollten. Und beides war für sie bezeichnend; dass sie damit nämlich einen gewissen Abstand zwischen ihnen andeutete, obwohl sie sich duzten; doch gleichermaßen auch, dass sie schon im gleichen Augenblick ihrer unbewussten Unterscheidung gewahr wurde und den Lapsus korrigierte. Jedenfalls war es offensichtlich, dass sie sein Können auf eine höhere Ebene stellte; ihm aber tat bei all dem gut, dass sie seinen Nachnamen aus der Widmung entfernt hatte.

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