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Einst herrschten die Ritter des Reiches Epaul über die Welt und mit ihnen herrschten Frieden und Wohlstand. Ein Streit unter den Rittern, Verrat und Machtgier stützten ihr Reich in einen Bürgerkrieg und die Welt in ein düsteres Zeitalter. Die Prinzipien und die Magie Epauls geriet in Vergessenheit, ebenso wie das Reich und die Ritter selbst. Doch Jahrtausende nach dem Untergang des Ritterrates flammt der uralte Krieg zwischen Gut und Böse wieder auf, als Eusthen Theron, Dieb, loyaler Untertan seines Königs und ehemaliger Offizier der Luftflotte in den Besitz eines Artefakts aus jener Zeit gerät und so zuerst zur Schachfigur skrupelloser Mächte wird, dann in eine Schlüsselrolle hinein wächst. Ihm ist es bestimmt, den Kampf um die Macht der Epaulesier zu einer Entscheidung zu führen und damit das Schicksal der Welt zu bestimmen.
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Veröffentlichungsjahr: 2014
Manche Leute behaupten, Diebstahl sei ein unvaterländisches Verbrechen. Doch Eusthen Theron, ehemaliger Offizier der königlichen Luftschiffflotte und loyaler Bürger Crossoptons, war anderer Meinung. Er betrachtete Diebstahl, speziell in Art, wie er ihn seit Jahren praktizierte, als Dienst am König und Reich. Denn stehlen konnte man nur von denjenigen, die etwas besaßen, das diesem Aufwand gerecht gewesen wäre. In Crossopton waren das eine dünne, überhebliche Oberschicht und der längst überkommene Adel, die sich beide dem derzeitigen Kurs des Königs von der Götter Gnaden in den Weg stellten, indem sie ihre Macht und ihren Einfluss nicht aufgeben wollten. Wenn er sie bestahl, nahm Eusthen ihnen jedoch ein Stück ihres Reichtums, der Grundlage ihrer Macht. Und das konnte nur im Sinn des Königs sein, also dachte er nicht im Geringsten daran, sich eine sogenannte ehrliche Beschäftigung zu suchen. Dass er bei seiner Tätigkeit zu größerem Reichtum kam, als die meisten ehrlichen Leute es sich je erträumen konnten, betrachtete er als ungewollten Nebeneffekt.
Nach dem Ende seiner ruhmreichen Dienstzeit hatte er seine Methoden, dem König auf diese Weise zu dienen immer weiter perfektioniert, so dass er nicht erwartete, jemals von uneinsichtigen Stadtoffizianten ertappt zu werden. Auch bei jenem schicksalhaften Einbruch in das Quartier des Ritters von Latim rechnete Eusthen nicht im Entferntesten mit Hindernissen. Er kannte den Grundriss des Quartiers in der flussaufwärtigen Seite der Stadt in- und auswendig, hatte die Gewohnheiten seines Opfers und seiner Bediensteten ausgiebig studiert und wusste, dass der Ritter an diesem Abend zu einer Festlichkeit in der flussabwärtigen Seite eingeladen war, die sich der dekadente Ritter nie entgehen lassen würde. Zu dieser nachtschlafenden Stunde dürften auch keine Diener im Quartier anzutreffen sein.
So, als hätte er jede Berechtigung hier zu sein und dennoch so unauffällig wie möglich, bewegte Eusthen sich durch den nur von vereinzelten Fackeln erhellten Flur, die notwendigen Werkzeuge bereits in der Hand. Bevor er die Tür des Ritters erreichte, sah er sich schnell um. Er war allein. Mit einer raschen, geübten Handbewegung öffnete er das Schloss, das ihm keinerlei Widerstand entgegensetzen konnte. Ohne zu zögern trat er ein. Eusthen wusste, dass man ihn, sollte er trotz allem beobachtet worden sein, für einen Diener des Ritters halten würde, der die Abwesenheit seines Herrn nutzen wollte, um aufzuräumen. Der übergroße Rucksack den er trug, würde dieses Bild nicht ankratzen, denn die wenigsten Menschen wussten, um was es sich dabei in Wahrheit handelte.
Das Quartier war leise und dunkel, so wie er es erwartet hatte. Vorsichtig zog Eusthen die Tür wieder zu und schlich sich in das Schlafzimmer des Ritters, wo er die meisten Wertgegenstände vermutete. Alles sah genau so aus wie auf den Plänen, die ein Komplize ihm zugespielt hatte, deshalb hatte er schnell gefunden, wonach er suchte. Eine steinerne Truhe, deren Rückseite mit der Wand verbunden war. Er hob die Kleider an, die darauf lagen und platzierte sie auf dem Boden, dann klappte er den Deckel der Truhe hoch. Perfekt. Wie er es erwartet hatte, war sie gefüllt mit kostbarer Kleidung und Schmuckschatullen. Ein Gegenstand erregte besonders seine Aufmerksamkeit. Ehrfürchtig hob er das geschmückte Schwert des Ritters aus der Truhe. Es verursachte ein Scharren von Metall auf Stein.
Während er das Schwert im Mondlicht betrachtete, das durch das verglaste Fenster fiel, schlug ein Gedanke in seinem Geist ein, wie eine Bombe. Diese Ritter waren viel zu selbstverliebt, um ohne ihr Schwert aus dem Quartier zu gehen! Wenn die Waffe hier war, dann konnte von Latim ebenfalls nicht weit sein!
Eusthen fuhr gerade noch rechtzeitig herum, um zu sehen, wie sich eine füllige Gestalt im Bett aufrichtete und den Kopf schüttelte. Der Ritter! Warum war er hier?
„Was soll das?“, fragte der Ritter mit seiner tiefen Stimme. „Wer ist da? Haut ab, lasst mich schlafen!“
Eusthen tat das Beste, was ihm einfiel. Er versteckte das Schwert hinter seinem Rücken, nickte demütig und machte Anstalten, sich zurückzuziehen.
„Warum höre ich kein Ja Herr?“, schmetterte der Ritter. „Hat man dich nicht richtig erzogen? Verfluchter Bengel! Muss man alles selbst machen? Bleib stehen!“ Der Ritter schwang seine Beine aus dem Bett und wuchtete dann seinen fetten Körper in die Höhe.
Es widerstrebte Eusthen, stehen zu bleiben, doch so laut, wie der Ritter geschimpft hatte, konnte er kaum wegrennen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, zumal er ja noch das verfluchte Schwert in der Hand hielt. Der Ritter nährte sich schnaufend, ein wertvoll aussehendes Medaillon schwang auf seiner nackten Brust hin und her. Er würde Eusthen eine Ohrfeige verpassen und sich dann wieder hinlegen, ohne ihn zu erkennen, sagte der Dieb sich. Schließlich war der Ritter noch schlaftrunken und es war dunkel. Doch er täuschte sich.
„Verflucht!“, schimpfte der Ritter, als er in Reichweite war und holte statt zu einer Ohrfeige zu einem wuchtigen Schwinger aus. „Einbrecher!“, brüllte er.
Bevor er von der fleischigen Faust getroffen werden konnte, ließ Eusthen das Schwert fallen und stieß den Ritter von sich weg. Dann versetzte er ihm einen Tritt vor die Brust, der den massigen Körper des Adligen rückwärts durch den Raum taumeln ließ und schließlich zu Fall brachte. Sein Kopf stieß direkt auf die Bettkante.
Er musste schleunigst hier weg, dennoch hockte Eusten sich neben dem Ritter nieder, um den Puls zu überprüfen. Er war Dieb, kein Mörder.
Wütend und ungläubig schlug er mit der flachen Hand auf den Boden. Da war kein Puls mehr und die Brust hob sich auch nicht mehr im Takt der Atmung.
Der Ritter von Latim war tot.
Ohne selbst zu wissen warum, nahm er das Medaillon an sich und sah sich um. Mehr würde er nicht mitnehmen, es waren bereits Schritte auf dem Flur zu hören. Eusthen nahm Anlauf, hob die Arme vor sein Gesicht und sprang Ellenbogen voraus durch das Glas des Fensters. Zum Öffnen war keine Zeit.
Keine Stunde später traf ein Stadtoffiziant nebst einigen untergeordneten Beamten ein, um den Mord zu untersuchen. Selten wagte es jemand, einen Ritter zu töten, doch wenn es einmal geschah, verbot die Stellung des Opfers jegliches Zögern.
Während seine Untergebenen ausschwärmten, um Spuren zu suchen, sondierte der Offiziant den Tatort selbst. Der Ritter hatte geschlafen, wie die zerwühlte Bettdecke zeigte, doch er war nicht im Bett gestorben. Vielleicht war es auch kein Mord gewesen, denn welcher Mörder verließ sich schon auf die unsichere Methode, den Hinterkopf seiner Opfer so lange auf die Bettkante zu schlagen, bis sie starben? Aber ein Unfall konnte es auch nicht gewesen sein. Der Ritter hatte „Einbrecher“ gebrüllt und warum sollte er seine eigene Fensterscheibe zertrümmern? Um diese Jahreszeit war es noch zu kalt für einen solchen Spaß. Eine Truhe mit Wertsachen stand offen, das Schwert, vermutlich der wertvollste Besitz des Ritters, lag daneben, als hätte es jemand dort hingeworfen.
Es musste sich um einen Dieb gehandelt haben. Doch wider Erwarten war der Einbrecher dem Ritter begegnet und in der kurzen Auseinandersetzung war von Latim umgekommen. So musste es gewesen sein. Doch niemand hatte das Quartier verlassen, hatten die Nachbarn ausgesagt, die als erste vor Ort gewesen waren. Dann war der Mörder noch hier. Oder auch nicht.
Der Offiziant trat ans Fenster und beugte sich hinaus in den kalten Wind. Unwahrscheinlich. In Crossopton sprang man nicht aus dem Fenster, es sei denn, man wollte seinem Leben ein Ende setzen. Die Stadt war keine Stadt, wie man sie sich vorstellte. Crossopton bestand lediglich aus zwei runden Türmen – sechshundertvierzig Meter hoch, sechzig Meter im Durchmesser. Beide standen im Lauf des Flusses Cross, der hier bereits weit über hundert Meter breit war. Vierzig Meter lange, steinerne Brücken verbanden den flussaufwärtigen Turm mit dem Flussabwärtigen. Türme und Brücken waren mit tausenden und abertausenden Ornamenten, Reliefs und Wasserspeiern verziert. Natürlich lag es vollkommen außerhalb der technischen Machbarkeit, solche Gebäude zu errichten. Die Türme waren schon immer da gewesen, lange vor dem Beginn der Geschichtsschreibung. Die Götter hatten sie für die Menschen gebaut, dass diese sie besiedelten. Wie dem auch sei, wenn der Einbrecher durch das Fenster gesprungen war, war er tot. Adel und Bürgertum bewohnten die obersten der zweihundert Etagen, von Latim hatte in der hundertneunzigsten gelebt.
Andererseits… Der Offiziant sah nach oben. Während in der Spitze des flussabwärtigen Turmes der König residierte, befand sich nur zehn Stockwerke über dem Quartier des Ritters der kommerzielle Luftschiffhafen. Von dort konnte man eine Leiter oder ein Seil herunterlassen. Doch eine derartige Scheibe zerbrach man nicht einfach so. Der Mörder musste kräftig gebaut sein und sich mit Schwung gegen das Glas geworfen haben. Dann hätte er aber keine Chance gehabt, eine Strickleiter zu ergreifen, die an der Wand hing. Der Offiziant wollte die Fenster-Hypothese gerade verwerfen, als ihm einfiel, dass ein Kollege in einer Einbruchserie ermittelte. Die einzige Spur, die der Täter hinterließ, waren geöffnete Fenster. Sein Blick glitt die dicht bewaldeten Flussufer entlang und fiel dann auf den Stützpunkt der Luftflotte, einige Kilometer flussaufwärts. Und auf ein Mal wusste der Offiziant, wie der Mörder geflohen war. Und wie er ihn wahrscheinlich finden konnte.
Wie immer war Eusthen auf der mit einer Fackel markierten Lichtung gelandet, hatte seinen Gleitschirm zusammengelegt und hatte sich dann am Flussufer mit einem Komplizen getroffen, der dort mit seinem Boot wartete.
„Keine Beute diesmal“, sagte Eusthen knapp Das Medaillon, das er um seinen Hals gehängt und unter der Kleidung versteckt hatte, verschwieg er aus irgendeinem Grund. „Der Ritter war zu Hause.“
„Scheiße, was soll das?“, brauste der Komplize auf, während er die Leinen löste. „Der sollte sich doch im anderen Turm halb zu Tode saufen!“
„Ich weiß doch auch nicht, was los war! Jetzt ist er tot.“
„Tot?“, echote der Komplize ungläubig, und hielt inne. „So richtig tot?“
„Richtig tot. Ein Unfall. Aber wir halten uns besser eine Zeit lang bedeckt. Sieh zu, dass wir hier wegkommen.“
„Tot“, murmelte der Komplize kopfschüttelnd, dann machte er das Boot vollends los und steuerte mithilfe der Strömung zum alten Hafen, der das Erdgeschoss beider Türme belegte.
Einst hatte Crossopton trotz der großen Entfernung zum Meer den wichtigsten und lebhaftesten Hafen der Welt besessen, doch dann war die Luftschifffahrt gekommen. Nun besaß Crossopton zwar die größte Luftflotte und den wichtigsten Luftschiffhafen der Welt, doch der alte Hafen existierte noch immer, auch wenn er kaum genutzt wurde. Er war vor allem Schwarzmarkt, Ort illegaler Vergnügungen und Tummelplatz für das Gesindel, das die untersten dreißig Stockwerke im Griff hatte. Nur der kleine militärische Teil des Hafens hatte seinen alten Glanz bewahren können.
Beim Anlegen fragte Eusthen sich, ob er das Medaillon auf dem Schwarzmarkt zu Geld machen sollte, um es zurück ins Volk zu bringen, dem der Ritter es zweifellos gestohlen hatte, doch er entschied sich, es noch zu behalten. Er wandte sich seinem Komplizen zu, einem jungen Mann, fast noch ein Kind, aber sehr zuverlässig.
„Tauch erst einmal unter. Warten wir, bis sich die Lage beruhigt hat. Ich komme wieder auf dich zu, wenn wir weitermachen können.“ Wann immer das war. Vielleicht nie.
Der Junge nickte, ließ den Blick über sein Boot schweifen, um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung war, dann verschwand er in dem Halbdunkel, in dem der alte Hafen während der Dämmerung dalag. Eusthen wartete kurz, dann machte auch er sich auf den Weg. Der Raubzug war ganz und gar nicht nach Plan verlaufen. Er wusste nicht, warum der Ritter zu Hause gewesen war. Er wusste nur, dass von Latim jetzt tot war. Und dass man jetzt nichts mehr unversucht lassen würde, ihn zu finden. Einbrüche gingen meist in den bürokratischen Mühlen verloren, aber die Tötung eines Adligen… Der König hielt nicht viel vom Adel und war womöglich sogar froh, dass von Latim gestorben war, doch allein schon aus Prinzip durfte der Täter nicht ungestraft bleiben. Er musste sich vorsehen.
Wie immer, wenn er sich verstecken musste, begab Eusthen sich zu einem Freund namens Quas. Ein gewissenloser Schurke und der einflussreichste Mann von Crossoptons Unterwelt, doch auch er hatte Prinzipien und Eusthen vertraute ihm, eine Beziehung, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Bei Quas war er sicher. Nicht einmal die Offizianten wagten sich so tief ins kriminelle Milieu und falls es doch Probleme geben sollte, unterhielt Quas eine Leibwache von acht Armbrustschützen und zehn Schwertkämpfern, die in den engen Fluren der unteren Stockwerke mit jedem Gegner fertig wurden.
„Du hast Ärger, oder?“, bemerkte Quas, als Eusthen in sein Quartier vorgelassen wurde, das fast genauso geräumig war, wie das des Ritters.
Eusthen nickte, während er sich hustend krümmte. Wie immer war die Luft in diesen Räumen geschwängert vom Rauch widerlicher Drogen und Duftstoffe. Er ließ sich auf einem der zahlreichen Kissen nieder, die den größten Teil des Bodens bedeckten, wischte sich eine Träne aus dem linken Auge und versuchte, seinen Unterstützer in der hier herrschenden Düsternis zu mustern. Quas hatte dunkle Ringe unter den Augen und seine blonde Mähne war zerzaust. Er hatte wohl lange nicht mehr geschlafen. Dennoch streichelten seine vernarbten Hände über den Körper eines jungen Mädchens auf seinem Schoß.
„Siehst fast so müde aus, wie ich mich fühle.“ Quas grinste. „Kannst dich im Nebenraum irgendwo hinlegen. Wenn wir beide ausgeruhter sind, sprechen wir drüber.“
Eusthen nickte und machte sich auf den Weg in den Nebenraum.
Er schlief nur einige Stunden, dann weckten ihn Stimmen aus einem Zimmer nebenan, die durch die offene Tür drangen. Er streckte sich gähnend.
„Bist du wach“, fragte Quas’ Stimme laut. Sein Gastgeber hatte schon immer gute Ohren gehabt. „Komm her!“
Nachdem er noch einmal gegähnt hatte, machte Eusthen sich auf dem Weg. Er hatte keinen Zweifel, dass Quas ihn meinte und er wusste, wie ungeduldig Menschen dieses Schlages waren. Die Szenerie hatte sich kaum verändert, nur das Mädchen war verschwunden. Quas wirkte jetzt fast ausgeschlafen und unterhielt sich erregt flüsternd mit zwei Männern, die hier irgendwie fehl am Platz wirkten. Ihre Kleidung, Körperhaltung und ihre Erscheinung hätte viel eher in die Umgebung des hundertsten Stocks gepasst, vielleicht noch weiter oben.
„Setz dich“, befahl Quas. Eusthen tat wie geheißen. „Zuerst habe ich geglaubt es sei ein Witz, aber anscheinend hat jemand diesen von Latim um die Ecke gebracht“, berichtete Quas. „Den obersten Polizisten der ganzen Stadt.“
Eusthen schwieg.
„Wäre nicht schade drum, wenn man mich deswegen nicht geweckt hätte. In aller Herrgottsfrühe hörte ich Lärm auf dem Flur und als ich die Tür aufmachte, sah ich doch tatsächlich, wie meine Leibwache drauf und dran war, eine Gruppe von Besuchern niederzumachen. Oder niedergemacht zu werden. Ich habe in letzter Minute verhindert, dass meine Jungs von diesen neumodischen Repetierarmbrüsten perforiert wurden.“
Eusthen schwieg.
„Und dann stelle ich fest, dass der Besuch nicht mir gilt. Er ist für dich.“ Quas nickte.
In diesem Moment erkannte Eusthen, warum die zwei Männer so falsch wirkten. Sie hatten sich verkleidet und verstellt, doch die Art von Selbstbewusstsein in ihren Augen und in ihrer Körpersprache, die sie weder ablegen noch verschleiern konnten, wies sie als Stadtoffizianten aus.
„Weißt du“, sagte Quas, „ich bin Geschäftsmann. Und diesen Handel konnte ich einfach nicht ausschlagen. Dich gegen mich. Gastrecht und Freundschaft hin oder her, mein Leben und meine Freiheit sind das Wertvollste, das ich habe.“
Man hatte ihn in eine kleine Zelle im Verwaltungstrakt gebracht, die lediglich zwei Stühle enthielt. Eusthen hatte auf einem der Stühle Platz genommen und gewartet. Er hatte weder gestanden noch irgendetwas geleugnet. Es hätte nichts geändert. Er war schließlich in Crossopton.
Kurz nachdem er hier angekommen war, öffnete sich die Tür erneut, um einen Vollzugsoffizianten einzulassen. Er setzte sich Eusthen gegenüber und musterte ihn. Die Stadtoffizianten hatten ihm vermutlich alles mitgeteilt, was sie wussten und der Vollzugsoffiziant hatte auf dieser Grundlage sein Urteil gefällt. Das würde er jetzt verkünden.
„So etwas ist mir in meiner Laufbahn noch nicht untergekommen“, konstatierte der ältere Mann und nahm seine Brille ab. „Flucht mit einem militärischen Gleitschirm.“ Er setzte die Brille wieder auf. „Wenn der Ritter von Latim nicht so laut gerufen hätte, wären Sie vermutlich noch auf freiem Fuß, Herr Theron, denn nur so wurden die Nachbarn auf den Plan gerufen, die bestätigten, dass Sie nicht die Tür benutzt haben. Und wäre der Tote kein Ritter gewesen, hätte man niemals die Ressourcen bewilligt, Sie aus ihrem Unterschlupf zu holen. Doch so konnte man folgern, dass Sie am Ufer gelandet sein müssen, das führte uns über das Boot zu Ihrem Komplizen und dann zu Ihnen. Dennoch haben Sie Glück. Letzte Woche hätte ich Sie noch zum Tod durch den Sturz verurteilt. Jetzt gelten neue Erlasse des Königs. Ich verpflichte Sie lediglich zu acht Jahren Zwangsdienst an der Front.“
Eusthen schwieg. Er hätte nichts ändern können. Aber eine neue Dienstzeit beim Militär? Damit hatte er am Wenigsten gerechnet. Er hatte lange gedient und war dann fallengelassen worden. Und jetzt sollte er zurückkehren? Als Zwangsrekrut? Zwangsrekruten wurden immer der Infanterie zugeteilt. Dort wurde die Drecksarbeit der Schlacht erledigt. Eine Schande, für einen ehemaligen Offizier der Luftflotte.
„Die Eigentümlichkeit Ihrer Flucht hat mich dazu veranlasst, gewisse Erkundigungen einzuholen. Schließlich kann kaum jemand so gekonnt mit einem Gleitschirm umgehen, der nicht bei den Himmelsstürmern gedient hat. Und die Liste Ihrer Ruhmestaten, auf die ich gestoßen bin, ist beeindruckend. Aufgrund dieser Tatsache habe ich beschlossen, sie wieder in Ihre alte Einheit einzugliedern. Nicht mehr als Anführer selbstverständlich, sondern im untersten Dienstgrad. Fußsoldat kann jeder Idiot werden. Erfahrene Himmelsstürmer sind zu wertvoll für solche Aufgaben.“
Er sollte in seine alte Einheit zurück? Nicht zu glauben! Er hatte diese Einheit nicht nur befehligt, sondern war einer der ersten Himmelsstürmer überhaupt gewesen, nachdem Crossopton diese Waffengattung eingeführt hatte. Und jetzt sollte er als niederrangiger Soldat zurückkehren? Einfach unglaublich! Wie stellte der Offiziant sich das eigentlich vor? Die Himmelsstürmer waren die Elitetruppe der Luftflotte, pendelten ständig zwischen verschiedenen Fronten hin und her und hatten teilweise monatelang keinen Kontakt zum Rest des Militärs.
„Wie sich herausstellte, liegt das Königliche Luftschiff Rygien gerade auf unserem hiesigen Stützpunkt vor Anker und soll morgen auslaufen. Sie werden unverzüglich an Bord gebracht.“ Mit diesen Worten erhob sich der Offiziant und verließ die Zelle.
Noch am selben Abend beförderte ein Lufttransport ihn zum Stützpunkt. Bereits von Weitem erkannte Eusthen unter den sechs vor Anker liegenden Starrluftschiffen die Heckflosse des KL Rygien. Das Schiff schien sich nicht verändert zu haben. Auch der Stützpunkt sah noch gleich aus wie damals, als er ihn endgültig zu verlassen geglaubt hatte.
Doch nun kehrte er wieder zurück. Ein Gefühl der Nostalgie überkam ihn, als er über das Areal schritt. Die Baracken, die an Masten vertäuten Kriegsluftschiffe, Gruppen von Rekruten, die von Ausbildern umher gescheucht wurden… Er konnte nicht sagen, ob er diese Atmosphäre vermisst hatte, doch jetzt fühlte er sich wieder heimisch. Der König hatte gerufen und Eusthen Theron kam. Nicht freiwillig, aber dem Willen der Götter folgend.
Er hatte kein Gepäck, da man ihm keine Gelegenheit gelassen hatte, persönliche Habe zu holen. Er brachte nur mit, was er am Leib trug. Darunter auch von Latims Medaillon, das man ihm nicht abgenommen hatte. Vielleicht wussten die Offizianten nicht, dass es gestohlen war.
Schnell hatte er den Ankerplatz der Rygien gefunden. Sie schwebte einen halben Meter über dem Boden, die Tür auf der rechten Seite der Gondel war geöffnet und die Rampe herabgelassen. Jemand wartete dort auf ihn. Ein hagerer Offizier, mit einer scheinbar viel zu großen Uniform. Eusthen musste unwillkürlich lächeln, als er den Offizier und die Uniform erkannte.
„Erlaubnis an Bord kommen zu dürfen, Kapitän Sidea?“, fragte er, als er nahe genug heran war.
„Erlaubnis erteilt“, grüßte Ank Sidea, der während Eusthens früherer Dienstzeit zweiter Navigator gewesen war. „Wir haben bereits alles vorbereitet, eine Koje und Uniformen stehen bereit.“ Er trat zurück, um die Tür freizugeben. „Willkommen zurück, Eusthen. Alle, die von der alten Crew noch übrig sind, freuen sich, dich wiederzusehen.“
„Ich nicht unbedingt.“ Eusthen atmete durch, dann trat er durch die Tür. Er war zurück. „Dann bist also nicht nur du bei der Truppe geblieben?“
„Das Schiff hat sich kaum verändert, die Besatzung fast genauso wenig. Du wirst die meisten noch von früher kennen.“
Unangenehmes Schweigen breitete sich, bis Eusthen es brach. „Und was jetzt? Ich habe gehört, wir laufen morgen früh aus. Was tun wir bis dahin?“
„Ich mache meine Arbeit, und du tust das, was ihr Himmelsstürmer so tut, bevor ihr in den Krieg zieht. So als wäre nichts passiert. Nun ja, fast nichts.“ Er meinte Eusthens Dienstgrad. „Du hast richtig gehört. Morgen eskortieren wir das KL Metather – einen alten Bomber – zur Front im Osten. Dort bleiben wir dann fürs Erste. Anscheinend planen sie einen Großangriff auf Kulata. Da kann jeder Jäger wie unsere Rygien gut gebraucht werden.“
Eusthen nickte. Im Gegensatz zu den urtümlichen Kriegsluftschiffen der ersten Generationen vor etwa achtzig Jahren wurde in modernen Luftflotten zwischen Jägern und Bombern unterschieden. Jäger wie das Königliche Luftschiff Rygien transportierten nur wenige Bomben, waren dafür bis obenhin mit Ballisten und anderen Wurfmaschinen bestückt und sollten feindliche Luftschiffe bekämpfen. Bomber waren dagegen vor allem für den Angriff auf Ziele am Boden ausgelegt.
„Dein neuer Kommandant sollte sich auf dem Rost befinden, am Besten meldest du dich bei ihm“, meinte Ank. „Den Weg kennst du noch?“
„Immer aufwärts.“
Der Rost war eine Gitterplattform auf der Oberseite des Tragkörpers, mit der inzwischen beinahe jedes Militärluftschiff ausgestattet war. Von dort starteten die Himmelsstürmer zu ihren Einsätzen. Außerdem sollten eine in alle Richtungen schwenkbare Balliste und Armbrustschützen von dort aus verhindern, dass das Luftschiff in einer Schlacht geentert oder von oben bombardiert wurde.
Auf seinem Weg über Leitern und Gitterstege war Eusthen zahlreichen bekannten Gesichtern begegnet, aber auch fast genauso vielen unbekannten. Die Besatzung hatte sich verändert, mochte Ank Sidea sagen, was er wollte. Sein neuer Vorgesetzter allerdings war noch ein alter Bekannter, wenn auch kein enger Freund. Er hatte kaum seine Füße auf den Rost gesetzt, als er in dem Offizier schon Gher Astu erkannte, der mit dem Rücken zu ihm stand und drei junge Soldaten anstachelte, mit ihren Repetierarmbrüsten auf eine Strohscheibe am anderen Ende des Rosts anzulegen. Das überraschte Eusthen. Gher Astu war nur ein mittelmäßiger Flieger und ein schlechter Stratege. Kaum jemanden hätte er weniger in der Uniform des Hauptmannes erwartet.
Die Soldaten schossen, einer nach dem anderen. Nicht schlecht, aber sie sollten noch einiges an Übung vor sich haben.
„Melde mich zum Dienst“, sagte Eusthen und salutierte. Gher Astu erschrak sichtlich und fuhr herum.
„Ah, Theron, da sind Sie ja. Wieder zurück, was?“
„Offensichtlich.“
„Hier.“ Astu nahm einem Soldaten die Armbrust aus der Hand und warf sie Eusthen zu. „Morgen machen wir den ersten Übungsflug. Jetzt zeigen Sie Mal, was Sie damit noch können.“
Eusthen fing die Waffe mühelos auf und musterte sie. Erstklassige Qualität, die Spannvorrichtung war bei halber Kraft blockiert, da sie sich noch im Stützpunkt befanden. Er pfiff anerkennend.
„Drei Schüsse? Einer mehr als damals.“
„Die Zeiten ändern sich. Waffen auch.“
Bedächtig wog Eusthen die Waffe in der Hand, schätze die Entfernung ab, bedachte die schwache Kraft, dann spannte er seine Muskeln, riss die Armbrust hoch und schoss die beiden verbliebenen Bolzen genau in die Mitte des Ziels. Er gab die Armbrust zurück.
„Wie es aussieht, habe ich nicht viel verlernt.“
„Nein, tatsächlich nicht.“ Gher Astu rieb sich mit der rechten Hand am Hals. Eine alte Angewohnheit von ihm. „Beeindruckend. Wie sieht es im Nahkampf aus?“
„Keine Ahnung. Das letzte Schwert, das ich in der Hand hatte, hat mir nicht viel genutzt.“
Astu gab einem der Soldaten einen Wink, woraufhin sich dieser über ein am Rand des Rosts ausgebreitetes Tuch beugte, auf dem verschiedene Waffen lagen. Er kehrte mit einem Schwert zurück, das er seinem Vorgesetzten aushändigte, welcher es an Eusthen weiterreichte. Es war kein schlechtes Schwert, doch lange nicht so gut wie das des Ritters von Latim. Auch nicht so prächtig. Astu zog ein identisches Schwert aus seiner Scheide.
„Ist es inzwischen erlaubt, im Luftschiff Waffen zu tragen?“, fragte Eusthen neugierig.
„Nur auf dem Rost und in der Schlacht. So wie früher. Dann sehen wir mal, wie es um Ihre Fähigkeiten steht.“ Er griff an.
Die Klinge züngelte nach Eusthens Hals, doch dieser wich spielend zur Seite aus und konterte mit einem eleganten Hieb, der Astu ernsthaft in Bedrängnis brachte. Die beiden tauschten einige harte Schläge, dann wich Astu schnaufend einen Schritt zurück und senkte das Schwert.
„Nicht schlecht. Sie scheinen gut in Form zu sein.“
Eusthen nickte. Er war selbst überrascht. Er war schon immer ein guter Schwertkämpfer gewesen, doch er hatte schon seit Ewigkeiten keine Waffe mehr benutzt, während Gher Astu als Soldat regelmäßig üben musste. Aber im Gegensatz zu diesem hatte der kurze Kampf Eusthen überhaupt nicht angestrengt.
Als es geheißen hatte, die Luftschiffe würden am nächsten Morgen abfahren, hatte Eusthen natürlich gewusst, dass es sich dabei wahrscheinlich um dieselbe Beschönigung handelte, die sich bereits während seinem früheren Aufenthalt auf der Rygien eingebürgert hatte. Morgen bezeichnete auf diesem Luftschiff eine Zeit, die man andernorts mit der größten Selbstverständlichkeit als tiefste Nacht interpretierte. Daher war er auch nicht überrascht, als er von der Schiffsglocke aus dem Schlaf gerissen wurde und es noch stockdunkel war.
So eilig, wie es in der Enge des im Gerippe des Tragkörpers aufgehängten Zeltes möglich war, kleidete er sich an und trat dann heraus auf den Laufsteg. Eusthen sah sich um. Neben seinem Quartier befanden sich weitere, die Wand gegenüber bestand aus dickem, straff gespannten Stoff. Durch das Gitter des Stegs sah er die Krümmung der Wand, der Außenhaut des Starrluftschiffs, und noch mehr Segeltuch, das Wände und Decke der Messen, Waschräume und der Kombüse bildete. Hinter den Zelten waren die riesigen Gaszellen zu sehen, die das Traggas enthielten. Dazwischen zogen sich weitere Stege durch das Luftschiff, flankiert von weiteren Zelten, den Lagerräumen. Es war also kein Traum gewesen. Er war wieder auf dem Königlichen Luftschiff Rygien.
Da er als Himmelsstürmer nicht zur eigentlichen Besatzung des Luftschiffs gehörte, hatte er keine feste Aufgabe an Bord, doch es hatte sich eingebürgert, dass man überall dort half, wo Hilfe vonnöten war. Den Start sollten Mannschaft und Bodenpersonal zwar alleine schaffen, dennoch machte Eusthen sich auf den Weg hinab in die Gondel, um zu sehen, ob man seine Kraft bräuchte. Bis er dort ankam waren allerdings schon alle Leinen gelöst und das erleuchtete Luftschiff erhob sich majestätisch in den Nachthimmel.
Es war deutlich spürbar, wie sich die vier schwenkbaren Antriebsgondeln ausrichteten und das Luftschiff Fahrt aufnahm. Die Vibrationen der immer schneller werdenden Rotoren ließen den Boden leicht zittern, doch Geräusche waren keine zu hören. Die Propeller wurden von lautlosen Mechanismen angetrieben, die mit Kraftfesseln arbeiteten. Die Kraftfesseln selbst waren beliebige Gegenstände, die ein Magier zuvor mit Energie angereichert hatte. Doch wie genau das funktionierte und wie die Motoren die Energie wieder aus den Kraftfesseln herausbekamen, verstand so gut wie niemand, denn die sogenannten Magier waren eine sehr verschwiegene, kleine Elite, die es nicht gern sah, wenn ihre Geheimnisse bekannt wurden. Dabei waren die meisten unter ihnen kaum zu mehr in der Lage, als über gewisse Distanzen zu kommunizieren, das Wetter vorherzusagen und eben Kraftfesseln herzustellen. Der mächtigste Magier, von dem Eusthen je gehört hatte, hatte mit seinen Kräften mehr schlecht als recht einen Baum fällen können.
In der Gondel waren lediglich das Kontrollzentrum – zu dem Eusthen gemäß seinem derzeitigen Dienstgrad keinen Zutritt hatte – und die Geschütze untergebracht. Das vordere Sechstel der Gondel war durch eine dünne Sperrholzwand vom Rest abgegrenzt, die Kartentische und Instrumente von neugierigen Augen verbarg. Im hinteren Bereich wurden die Wände auf beiden Seiten von Ballisten gesäumt, die im Gefecht brennende oder mit Klingen versehene Pfeile verschießen sollten, dazwischen stapelten sich Kisten mit Munition und Ersatzteilen. In der Mitte des Raums befanden sich drei Bombenschächte.
Eusthen trat an eine offene Geschützpforte und spähte hinaus. Dicht über der Gondel hing der dreißig Meter durchmessende und zweihundertvierzig Meter lange Körper des Luftschiffs, dessen Enden nur durch Lichter in der Dunkelheit angezeigt wurden. In diesem Körper befanden sich die fünfzehn Gaszellen, die sie in der Luft hielten und in ihm sollte sich für die nächsten Wochen bis Monate das gesamte Leben der fünfzig Mann starken Besatzung und der fünfzehn Himmelsstürmer abspielen. Auch seines. In einiger Entfernung umrissen Positionslichter das kleinere Luftschiff Metather, das sie nach Osten begleiten sollten. Weiter unten funkelten hinter ihnen die rasch kleiner werdenden Lichter des Stützpunktes, die Türme sah er von dieser Seite der Gondel aus nicht.
Der kühle Wind vertrieb die letzten Reste von Eusthen Müdigkeit. Er atmete tief durch. Er wollte nicht hier sein. Aber es gab Schlimmeres. Die Götter waren nicht damit einverstanden gewesen, wie er dem König gedient hatte und nun ließen sie ihn seine Pflicht an anderer Stelle ausführen. Es gab Schlimmeres.
„Den Übungsflug, den ich euch gestern versprochen habe, müssen wir auf morgen verschieben“, brüllte Gher Astu gegen den Wind an. Wenn das Luftschiff mit seiner Marschgeschwindigkeit von guten hundert Kilometern pro Stunde fuhr, war es fast unmöglich, sich auf dem obersten Laufsteg, direkt unter dem Rost, anders zu verständigen. „Unser Bordmagier sagt, er habe nicht bedacht, dass das Luftschiff heute an einem anderen Ort sein wird als gestern und nun hätten wir wegen fehlender Aufwinde keine Möglichkeit mehr an Bord zu kommen und der Kommandant will pünktlich sein, weigert sich also, uns am Ende des Fluges vom Boden aufzulesen. Aber morgen haben wir angeblich optimale Bedingungen.“
Eusthen musste unwillkürlich grinsen. Manches änderte sich wohl gar nicht. Bereits als er zum ersten Mal auf diesem Luftschiff gewesen war, hatte der Bordmagier Chalu Verte – eine Niete seines Fachs – oft vergessen zu berücksichtigen, dass sich das Luftschiff fortbewegte und so die Wetterverhältnisse für den falschen Ort vorhergesagt. Oder er wollte einfach nicht zugeben, dass seine Prognosen ständig falsch waren.
„Morgen um zehn Uhr früh wird das Rygien die Geschwindigkeit für zwei Stunden drosseln, ich will, dass wir genau dann springen. Haben das alle verstanden?“
Astus vierzehn Untergebene nickten. Alle Himmelsstürmer waren unter dem Rost angetreten und Eusthen hatte festgestellt, dass er außer Astu tatsächlich noch sechs weitere von ihnen kannte.
Da waren Tinista Rhipi, eine der wenigen Frauen im Dienst der Luftflotte, erstklassige Fliegerin und mutige Kämpferin und Coel Canthir, eher schüchtern aber ein Genie, wenn es um Aufbau und Funktion von Luftschiffen ging, die Eusthen gegen Ende seiner letzten Dienstzeit beide zu seinen besten Freunden gezählt hatte. Ygi Op-Sarc war nach wie vor sehr still und in sich gekehrt, stand inzwischen aber direkt nach Astu an zweiter Stelle der Rangfolge ihrer Einheit. Stei Tyches war der beste Kämpfer, den Eusthen je gesehen hatte, gleichzeitig hatte er aber auch noch nie einen so gelassenen und beherrschten Menschen getroffen. Und schließlich gab es auch noch den aufgeblasenen Wichtigtuer Gnath Brata und dessen Speichellecker Omat Tso. Seine sieben anderen Kampfgefährten waren erst nach Eusthens Ausscheiden auf die Rygien gekommen.
Den Vormittag verbrachten sie mit Schießübungen und Kampftraining. Und wieder war Eusthen überrascht von sich selbst. Trotz des Fahrtwindes trafen seine Schüsse fast immer die Mitte der Zielscheibe und was den Schwertkampf anging, so mussten entweder die anderen um einiges außer Übung gekommen sein, oder er selbst musste sich um ein Vielfaches verbessert haben. Das eine erschien ihm so unwahrscheinlich wie das andere, aber das änderte nichts daran, dass es Eusthen gelang Stei Tyches fast volle zehn Minuten Paroli zu bieten, womit er Tinistas bisherigen Rekord um beinahe eine ganze Minute übertraf.
Schließlich beendete Astu das Training mit der Ankündigung, dass es am Nachmittag ernst werde.
