Die Verlobten - Alessandro Manzoni - E-Book

Die Verlobten E-Book

Alessandro Manzoni

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Beschreibung

Der historische Roman Die Verlobten, italienische: I Promessi Sposi, des italienischen Autors Alessandro Manzoni erschien um 1840 in Mailand. Er giltals erster moderner Roman Italiens und eines der bedeutendsten Werke der italienischen Literatur.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1129




Inhalt

Einleitung

Kapitel

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Einleitung.

»Die Geschichte kann man in Wahrheit einen rühmlichen Krieg gegen die Zeit nennen; denn indem sie ihr die Jahre, die schon Leichname geworden sind, als Gefangene aus der Hand nimmt, ruft sie dieselben wieder ins Leben zurück, hält Heerschau über sie und stellt sie von neuem in Schlachtordnung. Aber die erlauchten Helden, die auf diesem Kampfplatze Palmen und Lorbeeren ernten, rauben nur allein die prunkvollste und glänzendste Beute, indem sie die Unternehmungen der Fürsten, Potentaten und vornehmen Personen mit ihrer Dinte einbalsamieren, und mit der feinsten Nadel ihres Scharfsinns die Gold- und Seidefäden einnähen, die eine fortdauernde Stickerei ruhmreicher Handlungen bilden. Meiner Schwäche jedoch ist es nicht erlaubt, zu solchem Stoffe und zu einer so gefährlichen Höhe sich hinauf zu schwingen und in den Labyrinthen politischer Ränke und unter dem Getöse kriegerischer Trompeten herumzuschweifen; da ich hingegen Kenntnis von merkwürdigen Tatsachen erlangt habe, so schicke ich mich an, dieselben, obgleich sie nur Handwerker und sonst geringe Leute betreffen, den Nachkommen zu überliefern, indem ich von allem eine unverfälschte und einfache Erzählung oder nur einen Bericht abfasse. In demselben wird man auf einer engen Schaubühne ergreifende Trauerspiele voll Schauder und Auftritte großartiger Ruchlosigkeit, Zwischenspiele von Handlungen voller Tugend und engelgleicher Güte den teuflischen Werken gegenüber gestellt sehen. Und wahrhaftig, wenn man betrachtet, daß dieser unser Himmelsstrich unter der Herrschaft des katholischen Königs, unsers Herrn, steht, der die Sonne ist, die nie untergeht, und daß über ihm, mit zurückgeworfenem Lichte, wie ein nie abnehmender Mond, der Held edlen Stammes glänzt, welcher zur Zeit seine Stelle einnimmt, daß die hohen Senatoren gleich Fixsternen und die andern ansehnlichen Ratsherren gleich wandelnden Planeten ihr Licht überall hin ausstrahlen, also einen erhabenen Himmel bildend, so kann man, da man ihn in eine Hölle finsterer, ruchloser und grausamer Taten verwandelt sehen muß, die von übermütigen Menschen immer zahlreicher begangen werden, keine andere Ursache davon auffinden, als teuflische Künste und teuflisches Machwerk, denn die menschliche Bosheit an sich allein möchte nicht hinreichen, so vielen Helden zu widerstehen, die mit Argusaugen und Briareusarmen für das allgemeine Wohl wirken. Wenn ich aber diese Erzählung, die sich zur Zeit meiner ersten Jugend zugetragen hat, niederschreibe, so werde ich, obgleich die meisten Personen, die darin eine Rolle spielen, von dem Schauplatz der Welt abgetreten sind, um den Parzen ihren Tribut abzutragen, nur aus schuldigen Rücksichten ihre Namen, d.h. ihr Herkommen verschweigen;

Ein Gleiches werde ich mit den Orten thun und nur die Gegend im Allgemeinen bezeichnen. Es wird gewiß Niemand sagen, daß dies eine Unvollkommenheit der Erzählung, eine Verunstaltung dieses meines schlechten Machwerkes sei; es müßte denn ein Kritiker sein, der aller Philosophie ganz und gar Baar wäre; denn was die Männer anlangt, die in ihr bewandert sind, so werden sie wohl einsehen, daß der besagten Erzählung im Wesentlichen nichts fehlt. Sintemal es eine einleuchtende und von Niemand geleugnete Sache ist, daß die Namen nichts als reine Nebensachen sind ....«

– Wenn ich aber die heldenmäßige Anstrengung ausgehalten, diese Geschichte von der verblassten und zerkratzten Urschrift abzuschreiben, und sie, wie man zu sagen pflegt, ans Licht gezogen habe, wird sich dann Jemand finden, der die Anstrengung aushält, sie zu lesen? –

Diese zweifelhafte Betrachtung, die bei dem mühseligen Entziffern einer hinter Nebensachen stehenden unleserlichen Stelle in mir entstand, machte, daß ich das Abschreiben einstellte und ernstlicher darüber nachdachte, was zu tun sei. – Wohl ist es wahr, sagte ich bei mir, indem ich das Manuskript durchblätterte, wohl ist es wahr, daß dieser Hagel von rednerischem Flitterwerk und Figuren nicht durch das ganze Werk so fort geht. Der gute Mann aus dem 17. Jahrhundert hat gleich von vorn herein seine Fähigkeiten zeigen wollen; aber im Verlaufe der Erzählung und zuweilen durch lange Stellen hin wird der Stil weit natürlicher und einfacher. Ja, aber wie alltäglich ist er, wie plump, wie unkorrekt! Lombardische Idiotismen über und über, falsch angewandte Redensarten, willkürliche Sprachlehre, verschrobene Sätze. Dann hier und da einige spanische Zierlichkeit eingestreut, und was noch schlimmer ist, bei den schrecklichsten und rührendsten Stellen der Geschichte, bei jeder Gelegenheit, die geeignet ist, Verwunderung zu erregen, oder zu denken zu geben, kurz bei allen jenen Stellen, die wohl ein wenig Redekunst, aber eine maßvolle, feine, geschmackvolle Redekunst erfordern, verfehlt er niemals, die schon in seiner Einleitung angebrachte anzuwenden. Indem er alsdann mit erstaunlicher Geschicklichkeit die widersprechendsten Eigenschaften vereinigt, macht er es möglich, auf einer und derselben Seite, in einem und demselben Satze, in einem und demselben Worte plump und zugleich geziert zu sein. So bringt er z.B. hochtrabende Deklamationen, aus gemeinen Sprachfehlern zusammengesetzt, und überall jene gesuchte Ungeschicklichkeit, welche der eigentümliche Charakter der Schriften jenes Jahrhunderts in diesem Lande ist. Das ist aber wahrhaftig nichts, was man heutigen Lesern bieten kann; sie sind zu boshaft, dieser Art von Schwärmereien allzu überdrüssig.

Ein Glück, daß mir der gute Gedanke gleich im Anfange dieser unseligen Arbeit gekommen ist, und ich wasche mir die Hände. –

Im Begriff jedoch, die alte Scharteke zuzumachen, um sie wegzulegen, tat es mir leid, daß eine so schöne Geschichte ganz unbekannt bleiben sollte; denn, was die Geschichte betrifft, so kann es sein, daß sie dem Leser anders scheint, mir aber schien sie schön, wie ich sage, sehr schön. – Warum könnte man nicht, dachte ich, die Reihe der Tatsachen diesem Manuskripte entnehmen und den Stil verbessern? Da sich keine vernünftige Entgegnung darbot, so wurde der Entschluß schnell gefaßt. Dies ist der Ursprung des gegenwärtigen Buches, mit einer der Wichtigkeit des Buches selbst gleichen Freimütigkeit erklärt.

Einige von jenen Tatsachen, gewisse, von unserm Autor beschriebene Sitten, kamen uns jedoch so neu, so seltsam vor, um nichts Schlimmeres zu sagen, daß wir vorher andere Zeugen haben befragen wollen, ehe wir ihm Glauben schenken; und wir haben uns daran gemacht, in den Denkwürdigkeiten jener Zeit heimzusuchen, um uns zu überzeugen, ob es damals in der Welt wirklich so zugegangen ist. Eine solche Untersuchung zerstreute alle unsere Zweifel; bei jedem Schritte stießen wir auf ähnliche und noch stärkere Dinge; und was uns noch entscheidender dünkte, wir haben sogar einige Persönlichkeiten aufgefunden, über die wir im Zweifel waren, ob sie wirklich existiert hätten, da wir, außer in unserm Manuskripte, niemals von ihnen Kenntnis gehabt hatten. Bei Gelegenheit werden wir einige jener Zeugnisse anführen, um den Dingen Glauben zu verschaffen, die der Leser um ihrer Seltsamkeit willen eher versucht sein möchte zu leugnen.

Da wir aber den Stil unsers Autors als unerträglich verwarfen, welchen Stil haben wir dafür an dessen Stelle gesetzt? Das bleibt die Frage.

Wer sich auch herausnimmt, das Werk eines Andern umzuarbeiten, ohne darum gebeten zu sein, setzt sich dem aus, von dem seinigen eine strenge Rechenschaft abzulegen, und zieht sich in gewisser Weise die Verbindlichkeit dafür zu; es ist dies eine Regel nach Fug und Recht, der wir uns durchaus nicht zu entziehen gesonnen sind. Ja, um uns von freien Stücken nach ihr zu richten, hatten wir uns vorgenommen, uns über die von uns eingehaltene Art zu schreiben umständlich zu rechtfertigen; zu diesem Zwecke haben wir die ganze Zeit der Arbeit über darnach getrachtet, die möglichen und etwaigen Kritiken zu erraten, in der Absicht, sie alle im Voraus abzuweisen. Und hierin würde nicht die Schwierigkeit gelegen haben; denn – wir müssen es zur Ehre der Wahrheit sagen – es kam uns nicht eine Kritik in den Sinn, der nicht sogleich eine triumphierende Antwort gefolgt wäre, eine von den Antworten, die, ich sage nicht, die Fragen lösen, sondern sie umstellen.

Oft auch ließen wir zwei Kritiken einander in die Haare geraten und die eine von der andern niederschlagen; oder wenn wir sie gründlich prüften und aufmerksam verglichen, gelang es uns zu entdecken und zu beweisen, daß sie, obgleich dem Anscheine nach sich widersprechend, doch von einer und derselben Art waren, alle beide daher rührten, daß man die Tatsachen und Grundsätze nicht beachtet hatte, auf welche das Urteil sich gründen mußte; indem wir sie dann zu ihrer großen Verwunderung zusammenstellten, schickten wir sie mit einander ihrer Wege. Es wird wohl niemals einen Autor gegeben haben, der so augenscheinlich bewiesen, daß er recht getan habe. Aber was? Da wir dabei waren, alle die besagten Einwendungen und Antworten aufzufinden, um sie in einige Ordnung zu stellen, lieber Himmel! da waren wir im Begriff, ein Buch zu machen. Als wir dies gewahr wurden, gaben wir den Gedanken aus zwei Gründen auf, die der Leser ganz gewiß billigen wird: erstens, weil es eine Lächerlichkeit wäre, ein Buch zu schreiben, um ein anderes, oder auch nur um den Stil eines andern zu rechtfertigen, zweitens, weil von Büchern eines auf einmal genug, wenn nicht gar schon zu viel ist.

Erstes Kapitel.

Der Arm des Comersees, der sich gegen Süden durch zwei ununterbrochene Bergketten hinzieht und, je nachdem diese hervortreten oder zurückweichen, eine Menge von Buchten und Busen bildet, verengt sich plötzlich und nimmt zwischen einem Vorgebirge zur Rechten und einem gegenüberliegenden weiten Gestade den Lauf und die Gestalt eines Flusses an. Die Brücke, die daselbst beide Ufer verbindet, scheint diese Umwandlung dem Auge noch sichtbarer zu machen und bezeichnet den Punkt, wo der See aufhört und die Adda beginnt. Eine Strecke weiter entfernen sich jedoch die beiden Ufer aufs Neue voneinander, die Wasserfläche wird breiter und die Adda verwandelt sich wieder in einen See, der in neue Buchten und Busen verläuft. Das Uferland, durch die Anschwemmung dreier großer Gewässer gebildet, senkt sich allmählich und lehnt sich an zwei zusammenhängende Berge, von denen der eine der Sankt Martinsberg, der andere in lombardischer Mundart il Resegone, die große Säge, genannt wird, von seinen vielen emporragenden Spitzen, die ihm in der Tat das Ansehen einer Säge geben. Wer ihn daher von dem rechten Punkte, wie z.B. von Mailands Basteien aus, die ihm im Norden gerade gegenüber liegen, erblickt, unterscheidet ihn in der langen, ausgedehnten Gebirgskette leicht an diesem einfachen Merkmal, das ihn vor allen übrigen, weniger bekannten und hervorragenden Bergen auszeichnet. Eine gute Strecke weit steigt das Uferland allmählich bergan; dann aber zerteilt es sich in Hügel und Talschluchten, in Anhöhen und Ebenen, den Felsenmassen der beiden Berge gemäß und dem Bette, das sich die Fluten gewühlt haben. Der äußerste Rand, von den Buchten der Gewässer durchschnitten, besteht fast nur aus Kiessand und Kieselgestein; weiter hinaus sind Felder und Weinberge, einzelne Landgüter mit Wohnhäusern und Gehöften; auch Gebüsche ziehen sich hin und wieder den Berg hinauf. Lecco, die vorzüglichste dieser Ortschaften, die dem ganzen Gebiete den Namen gibt, liegt unfern der Brücke, am Ufer des Sees, und befindet sich sogar zum Teil im See selbst, wenn dieser anschwillt; heutzutage ein ansehnlicher Flecken, der auf dem Wege ist, eine Stadt zu werden.

Zu der Zeit nun, als die Begebenheiten sich ereigneten, die wir erzählen wollen, war dieser ansehnliche Flecken auch eine Festung, hatte die Ehre, einen Befehlshaber zu beherbergen, und genoß den Vorteil, eine stehende Besatzung spanischer Soldaten zu besitzen, welche die Frauen und Jungfrauen des Landes Sittsamkeit lehrten, dann und wann einem und dem andern Ehemann oder Vater hülfreich zur Seite standen und am Ende des Sommers niemals ermangelten, sich in die Weinberge zu zerstreuen, um die Trauben zu pflücken und den Landleuten die schwere Mühe der Weinlese zu erleichtern. Von einem Acker zum andern, von der Anhöhe zum Ufer hernieder, von Hügel zu Hügel liefen und laufen noch heute große und kleine Fußwege, mehr oder weniger steil, oder eben; oft durchschneiden sie alte, aus Felsengestein gebildete Mauern, die von Epheu umschlungen über und über grün sind, und wo der erhobene Blick durch die überhangenden Felsen nichts als einen Streifen Himmel oder irgend eine Bergspitze entdeckt; zuweilen ziehen sie sich über offene Hochebenen hin, und von hier aus eröffnet sich dem Blick eine mehr oder weniger weite Aussicht, die aber immer neue Abwechselungen gewährt, je nachdem die verschiedenen Gesichtspunkte einen größern oder kleinern Teil der Gegend umfassen und je nachdem diese oder jene Landschaft hervortritt oder sich verbirgt: überall, wohin man blickt, der reichste Wechsel von Mannigfaltigkeit. Hier erscheint in weiter Ausdehnung der farbenschillernde Spiegel des Sees, der sich dort in weiter Ferne schließt, oder vielmehr sich in irgend einem Irrgange des Gebirges verliert; nach und nach breitet er sich zwischen andern Bergen wieder aus, die einer nach dem andern vor den Blicken auftauchen, und die der See, mit den kleinen Dorfschaften des Gestades in umgekehrtem Bilde zurückwirft. Auf jener Seite zeigt sich der Arm eines Flusses, dann ein See, dann wieder ein Fluß, der in leuchtender Schlangenwindung sich zwischen den Bergen verliert, die ihn begleiten und die, stufenweise sich senkend, gleichsam wie in blauer nebelhafter Ferne am Horizonte verschwinden. Der Ort, von welchem aus der Wanderer diese mannigfaltigen Schauspiele überschaut, bietet selbst immer neue Schauspiele dar; der Berg, an dessen Abhang man hinwandelt, wechselt fast bei jedem Schritte mit seinen Gipfeln und Gründen; was eben noch eine einzige Bergspitze schien, verwandelt sich unvermutet in eine Bergkette, und was erst sich auf der Anhöhe darstellte, erscheint plötzlich auf ihrem Gipfel; der anmutige und heimische Eindruck dieser Abhänge mildert so freundlich den Ausdruck des Wilden und schmückt umsomehr die Pracht der übrigen Aussichten.

Durch einen dieser schmalen Fußwege kehrte gegen Abend des 7. Novembers 1628 Don Abbondio **, Pfarrer einer der schon bezeichneten Ortschaften, langsamen Schrittes von einem Spaziergang nach Hause zurück; der Name der Ortschaft wie der Geschlechtsname des Mannes ist in unserm Manuskripte nirgends aufzufinden. Ruhig betete er sein Brevier und schloß zuweilen das Gebetbuch zwischen dem einen und dem andern Psalm, den Zeigefinger der rechten Hand als Merkzeichen dazwischen legend, faltete dann die Hände auf dem Rücken in einander und schritt zur Erde blickend weiter, mit dem Fuße die Steine gegen die Mauer werfend, die ihn auf seinem Wege hinderten.

Endlich erhob er den Blick und heftete ihn auf die Seite eines Gebirges, wo das Licht der schon gesunkenen Sonne durch die Spalten des gegenüberliegenden Berges brach und sich hie und da wie breite ungleiche Purpurstreifen an den hervorragenden Massen abmalte. Nachdem er das Brevier wieder aufgeschlagen und ein anderes Stück gebetet hatte, kam er an eine Krümmung des Weges, wo er stets die Augen vom Buche zu erheben und sich umzuschauen pflegte, wie er es auch heute tat. Nach dieser Krümmung ging der Weg etwa sechzig Schritt gerade aus; dann teilte er sich in zwei schmale Wege in Gestalt eines Ypsilons. Der zur Rechten führte den Berg herauf zu der Pfarrwohnung; der linke senkte sich abwärts ins Thal hinab bis zu einem wilden Bache, wo die Mauern dem Wanderer nur bis an die Hüften reichten. Am Ende dieses Pfades befand sich eine kleine Kapelle, an der ziegelfarbig auf grauem Grunde lange, geschlängelte, zugespitzte Figuren gemalt waren, die nach der Absicht des Künstlers und in den Augen der dortigen Bewohner Flammen bedeuteten; diese wechselten wieder ab mit andern unbeschreibbaren Figuren, welche die Seelen im Fegefeuer vorstellen sollten.

Der Pfarrer wandte sich auf seinem Wege um und, indem er den Blick wie gewöhnlich auf die kleine Kapelle richtete, sah er Etwas, das er nicht erwartet hatte und das er lieber nicht gesehen hätte. Zwei Männer standen sich am Zusammenfluss der beiden Fußwege, wenn man so sagen darf, gegenüber: der

Eine von ihnen rittlings auf der kleinen, niedrigen Mauer, das eine Bein nach außen hin baumeln lassend, während der andere Fuß auf dem Boden des Weges ruhte; sein Gefährte lehnte stehend gegen die Mauer, die Arme über der Brust gekreuzt.

Haltung, Kleidung und was sonst der Pfarrer von ihrem Äußern aus der Entfernung erkennen konnte, ließ keinen Zweifel zu über den Stand, dem sie angehörten. Beide hatten auf dem Kopfe ein grünes Netz, aus dem auf der Stirn ein ungeheurer Haarbüschel hervorkam und dessen Ende mit einer großen Quaste auf der linken Schulter herabhing; lange gekräuselte Schnauzbärte, einen glänzenden ledernen Gürtel, in dem zwei Pistolen befestigt waren; ein kleines, gefülltes Pulverhorn an einem Halsband vor der Brust hängend; aus der Tasche der weiten, faltigen Hose sah der Griff eines Messers hervor; einen Degen, in dessen glänzend polierter Messingscheide Namenszüge eingezeichnet waren: auf den ersten Blick erkannte man sie für Bravi.

Diese Gattung von Menschen, welche jetzt ganz verschwunden ist, stand damals in der Lombardei in ihrer Blüte und war schon sehr alt. Für den, welcher keine Vorstellung von ihr hat, mögen hier einige glaubwürdige Angaben über ihren eigentümlichen Charakter, über die gemachten Anstrengungen, sie zu vertilgen, und über ihre rauhe, zähe Lebenskraft folgen.

Am 8. April des Jahres 1583 hatte Don Carlos von Aragonien, Fürst von Castelvetrano, Herzog von Terranuova, Marquis von Avola, Graf von Burgeto, Großadmiral und Feldherr von Sicilien, Statthalter von Mailand und Generalkapitän Seiner katholischen Majestät in Italien, »völlig unterrichtet von dem unerträglichen Elend, in welchem die Stadt Mailand wegen der Bravi und Vagabonden lebt und gelebt hat«, eine öffentliche Landesverweisung gegen sie erlassen. Er erklärte und bestimmte darin, »daß alle diejenigen für Bravi und Vagabonden gehalten werden sollen, Fremde oder Einheimische, welche kein Gewerbe haben, oder wenn sie es haben, es nicht treiben, die mit oder ohne Besoldung irgend einem Ritter oder Edelmann, Beamten oder Kaufmann durch Dienstleistungen beistehn, um, wie man es sicher voraussetzen kann, Andern Fallen zu stellen. Allen diesen gebietet er, binnen sechs Tagen das Land zu verlassen, kündigt den Widerspenstigen die Galeerenstrafe an und gestattet allen Gerichtsbeamten die härtesten und unbeschränktesten Gewaltmittel zur Ausübung dieses Befehls.«

Aber schon im Jahre darauf mußte der genannte Herr wahrnehmen, daß die ganze Stadt nach wie vor mit Bravi überfüllt war, die ihr gewöhnliches Leben fortführten, die weder ihre Sitten verändert noch an Zahl abgenommen hatten, und er erließ daher am 12. April einen zweiten, noch schärferen öffentlichen Aufruf, in welchem er unter andern Befehlen vorschreibt: Daß Jeder, wer er auch sei, Bürger oder Fremder, von welchem es durch zwei Zeugen angegeben wird, daß er in der öffentlichen Meinung für einen Bravo gilt, auch wenn ihm kein Verbrechen nachgewiesen werden kann, nur auf den bloßen Verdacht hin, ohne weitere Beweise von jedem Richter auf die Folter gebracht werden kann, um den Proceß gegen ihn einzuleiten, und daß er darnach, ohne irgend ein Verbrechen eingestanden zu haben, nur wegen des Rufes und Namens eines Bravo zu dreijähriger Galeerenstrafe verurteilt werden kann. Alles dies und noch mehreres (was hier übergangen wird) soll streng befolgt werden, weil »Seine Excellenz fest auf den Gehorsam eines Jeden besteht.«

Man sollte wohl glauben, daß schon der bloße Wiederhall eines so kräftigen, nachdrücklichen Machtwortes alle Bravi hätte für immer verschwinden lassen; aber das Edikt eines nicht weniger mächtigen und berühmten Herrn überzeugt uns vom Gegenteil.

Juan Fernandez von Velasco, Connetabel von Castilien, Oberkammerherr Seiner Majestät, Herzog der Stadt Frias, Graf von Haro und Castelnovo, Herr der Stadt Velasco und der der sieben Infanten von Lara, Statthalter des Mailändischen Staates usw., »auch völlig unterrichtet von dem schädlichen und verderblichen Einfluß, den die Bravi und Vagabonden auf die Wohlfahrt und Sicherheit des Publikums haben, indem die Gerechtigkeit hintergangen wird«, kündigt ihnen am 5. Juni 1593 aufs Neue an, daß sie binnen sechs Tagen das Land zu räumen haben und wiederholt ihnen dabei ausdrücklich die Vorschriften und Drohungen seines Vorgängers. Bald darauf aber muß er zu seinem großen Ärger und Schmerz erfahren, »daß die Bravi und Vagabonden sich täglich in der Stadt und im Staate vermehren, daß sie Tag und Nacht Verbrechen aller Art, Raub und Mord ausüben, denen sie sich umso leichter ergeben können, als sie von ihren Häuptern und Helfershelfern in Schutz genommen werden«, und wie man es bei hartnäckigen Krankheiten zu tun pflegt, so wurden auch hier die nämlichen Mittel in verstärkter Dosis verordnet.

»Jedermann vermeide durchaus diesen Befehlen entgegen zu handeln«, schließt der Aufruf, »denn Seine Excellenz würde mit unbarmherziger Strenge verfahren, weil sie fest und bestimmt beschlossen hat, daß dies die letzte Warnung sei.«

Sein Nachfolger, Don Pedro Enriquez von Acevedo, Graf von Fuentes, Hauptmann und Statthalter von Mailand, war jedoch aus guten Gründen anderer Meinung; »auch völlig unterrichtet von dem Elende, welches durch die große Anzahl der Bravi über die Mailändischen Staaten hereingebrochen«, ist er entschlossen, dieses verderbliche Volk gänzlich auszurotten, und erläßt am 5. Dezember 1600 einen neuen Aufruf voll ernstester Bedrohungen und fester Vorsätze, »die mit aller Strenge ohne Hoffnung auf Nachsicht buchstäblich ausgeführt werden sollen.«

Man muß jedoch annehmen, daß er sich ihnen nicht mit all dem guten Willen entgegen stellte, den er anzuwenden wußte, um Kabalen zu spinnen und seinem großen Feinde Heinrich IV. Feinde zu erzeugen; denn es gelang ihm, wie die Geschichte beweist, den Herzog von Savoyen gegen den König zu bewaffnen, welcher durch ihn mehr als eine Stadt verlor, und wie gut verstand er es, den Herzog Biron in eine Verschwörung zu verwickeln, durch welche dieser seinen Kopf verlor. Was aber das verderbliche Geschlecht der Bravi betrifft, so vermehrte sich dasselbe bis zum 22. September 1612 unaufhörlich. An diesem Tage dachte Don Giovanni von Mendoza, Markgraf von Hynojosa, Statthalter usw., ernstlich daran, sie auszurotten, und sendete auch wirklich an die königlichen Drucker Pandolfo und Marco Tullio Malatesti die gewöhnliche Verordnung ab, verbessert und vermehrt, damit sie zur Vertilgung der Bravi gedruckt wurde. Dieselben lebten aber ungestört fort, und Don Gomez Suarez von Figueroa, Herzog von Feria, Statthalter usw., erließ am 24. Dezember 1618 die nämlichen, noch stärkeren Drohungen an sie. Sie wurden aber auch hierdurch nicht vernichtet, und Don Gonzalo Fernandez von Cordova, unter dessen Regierung Don Abbondio seinen Spaziergang machte, sah sich gezwungen, am 5. Oktober 1627, also ein Jahr, einen Monat und zwei Tage vor jenem gedachten Ereignis, die gewöhnlichen Aufrufe gegen die Bravi wieder bekannt zu machen.

Es war dies nicht die letzte Bekanntmachung; wir erwähnen aber der nachherigen hier nicht mehr, weil sie über die Zeit, in der unsre Geschichte sich zutrug, hinausgehen. Nur einer gedenken wir noch, vom 13. Februar 1632, in welcher der Herzog von Feria, zum zweiten Male Statthalter, uns verkündet, »daß die allerschlimmsten Schandtaten von den Bravi ausgehen«. Dies genügt, um zu wissen, daß es in der Zeit, in der wir uns bewegen, immer noch Bravi gab.

Daß die zwei vorher beschriebenen hier Jemand erwarteten, war nur allzu klar; was aber Don Abbondio dabei sehr mißfiel, war, daß er aus gewissen Bewegungen bemerken mußte, er sei der Erwartete. Denn bei seinem Erscheinen hatten Beide schnell den Kopf erhoben, sich einander angesehen, als sagten sie Beide auf einmal zugleich: Er ist es. Der, welcher rittlings saß, hatte sich erhoben, indem er das Bein nach dem Wege herüberzog; der andere trat von der Mauer zurück und Beide schritten ihm entgegen. Der Pfarrer hatte sein Brevier geöffnet und tat als ob er läse, blickte aber heimlich darüber hin, um ihre Bewegungen zu beobachten, und da er sie grade auf sich zukommen sah, bestürmten ihn plötzlich tausend Gedanken. Er fragte sich schnell, ob zwischen den Bravi und ihm nicht rechts oder links noch ein Ausweg wäre, aber ebenso schnell erinnerte er sich, daß keiner war; rasch prüfte er sich dann, ob er sich vielleicht gegen irgend einen Mächtigen oder einen Rachsüchtigen vergangen habe, doch sein gutes Gewissen beruhigte und tröstete ihn in dieser Qual. Die beiden Bravi kamen indessen immer näher, indem sie ihn scharf beobachteten. Er steckte den Zeige- und Mittelfinger der linken Hand in seinen Halskragen, als wollte er ihn zurecht rücken, und indem er dabei das Gesicht umwandte, schielte er, soweit er konnte, hinter sich, ob vielleicht Jemand des Weges käme; aber er sah Niemand. Er warf einen Blick über die kleine Mauer nach den Feldern: auch hier zeigte sich Niemand. Schüchtern wagte er es, grade aus zu sehen, doch nichts zeigte sich seinen Blicken als die beiden Bravi. Was tun? Umkehren? Davonlaufen? Dazu war keine Zeit mehr; auch hieße es ihnen zurufen: verfolgt mich, und das wäre noch schlimmer. Da er der Gefahr nicht ausweichen konnte, so lief er ihr entgegen, denn die Augenblicke der Ungewissheit wurden so peinigend für ihn, daß er nichts mehr wünschte, als sie abzukürzen. Er beeilte daher seine Schritte, betete mit lauterer Stimme einen kleinen Vers her und zwang seinem Gesicht so viel Ruhe und Heiterkeit auf, als er nur irgend konnte. Als er sich gleich darauf den rechtschaffenen Männern dicht gegenüber befand, sagte er in Gedanken: da sind wir, und blieb lächelnd stehen. »Herr Pfarrer«, sagte einer der Beiden und durchbohrte ihn mit den Augen.

»Was befehlen Sie?« antwortete schnell Don Abbondio, indem er die Augen von dem Buche erhob, welches er aufgeschlagen immer vor sich hinhielt. »Sie haben den Vorsatz«, fuhr der Andere drohend und zornig fort, als ob er einen Untergebenen auf einer Schelmerei ertappe, »Sie haben die Absicht, Renzo Tramaglino und Lucia Mondella morgen zu trauen. « »So ist es«, antwortete mit zitternder Stimme Don Abbondio: »so ist es. Sie sind Weltmänner, meine Herren, und wissen sehr gut, wie es mit solchen Dingen geht. Der arme Pfarrer wird somit hineingezogen; sie machen ihre Geschäfte unter sich ab, und dann .... und dann kommen sie zu uns, um den Schaden wieder gut zu machen; und wir ... wir sind die Diener der Gemeinde.«

»Wohlan«, sagte der Bravo leise, aber im festen, befehlenden Ton, »diese Ehe wird nicht geschlossen werden, weder morgen, noch jemals.«

»Aber, meine Herren«, erwiderte Don Abbondio so sanftmütig und höflich wie Jemand, der einen Ungeduldigen überzeugen will, »aber, meine Herren, versetzen Sie sich doch einmal in meine Stelle .... wenn die Sache von mir abhinge ... Sie sehen wohl, daß ich nichts davon habe ...«

»Ei was«, unterbrach ihn der Bravo, »wenn die Sache mit Geschwätz abgemacht wäre, so würden Sie uns bald in die Tasche stecken. Wir verstehen nichts davon und wollen auch nichts mehr davon wissen. Sie sind gewarnt ... Sie verstehen uns.«

»Aber die Herren sind viel zu gerecht, viel zu vernünftig ....«

»Aber«, entgegnete diesmal der andere Geselle, der bis jetzt noch nicht gesprochen hatte, »aber aus der Ehe wird nichts, oder ....« hier folgte ein derber Fluch, »oder wer sie abschließt, der wird es nicht bereuen, weil er keine Zeit dazu haben wird und ....« abermals ein Fluch.

»Still, still! « fing der erste Sprecher wieder an, »der Herr Pfarrer kennt die Welt; und wir sind rechtschaffene Leute, die ihm nichts Übles zufügen wollen, wenn er Vernunft annimmt. Herr Pfarrer! der gnädige Herr, Don Rodrigo, unser Gebieter, läßt Sie freundlich grüßen.«

Dieser Name wirkte in Don Abbondio's Seele wie ein Blitzstrahl, der bei einem nächtlichen Sturmgewitter plötzlich die Gegenstände auf einen Augenblick beleuchtet und den Schrecken erhöht. Unwillkürlich machte er eine tiefe Verbeugung und sagte: »Wenn Sie mir nur beibringen könnten ...« »Oho! Ihnen was beibringen, der sehr gut Latein versteht«, unterbrach ihn der Bravo mit einem groben, wütenden Gelächter. »An Ihnen ist die Reihe. Und vor Allem lassen Sie sich kein Wort entschlüpfen über den Wink, den wir Ihnen zu Ihrem Besten gegeben haben; sonst ..... eh ..... würde Ihnen dasselbe geschehen, als wenn Sie die Ehe schließen. Wohlan, was sollen wir in Ihrem Namen dem gnädigen Herrn Don Rodrigo sagen?«

»Daß ich ehrerbietig ...«

»Erklären Sie sich deutlicher!«

»Bereit ... bereit bin, ihm zu gehorchen.«

Indem er diese Worte aussprach, wußte er eigentlich nicht, ob er ein Versprechen von sich gab oder nur eine Höflichkeitsbezeigung. Die Bravi aber stellten sich, als ob sie solche in ernsterem Sinne nähmen.

»Sehr wohl, Herr Pfarrer, gute Nacht«, sagte der Eine, im Begriff sich mit seinem Gefährten zu entfernen. Don Abbondio, der wenige Augenblicke vorher eines seiner Augen darum gegeben haben würde, ihnen zu entkommen, hätte jetzt gern die Unterhaltung und die Unterhandlung verlängert. »Meine Herren«, hub er an, indem er das Gebetbuch mit beiden Händen schloß; diese aber hörten ihn nicht weiter an, sondern schlugen den Weg ein, auf dem sie gekommen waren, und entfernten sich, ein Liedchen singend, das ich nicht beschreiben will. – Der arme Don Abbondio blieb einen Augenblick mit offenem Munde wie verzaubert stehen; dann schlug er den der beiden Wege ein, welcher nach seinem Hause führte, nur mühsam seine Beine, die ihm wie gelähmt schienen, vorwärts bringend. Man wird seinen Gemütszustand besser verstehen, wenn wir Einiges über die Verhältnisse und die Zeiten, in denen er lebte, mitgeteilt haben werden.

Don Abbondio, der Leser wird es schon wahrgenommen haben, war nicht mit dem Herzen eines Löwen auf die Welt gekommen. Von seinen frühsten Jahren an hatte er erfahren müssen, daß der schlimmste Stand der eines Tieres ohne Klauen und ohne Zähne ist, welches nicht zugleich auch die Neigung, sich verschlingen zu lassen, in sich fühlt. Die gesetzliche Macht beschützte einen ruhigen, friedlichen Menschen in keiner Weise. Nicht, daß es an Gesetzen und Strafen gegen Gewalttaten gefehlt hätte; sie regneten vielmehr hernieder; die Verbrechen waren aufgezählt und mit ängstlicher Weitschweifigkeit beschrieben; die töricht übertriebenen Strafen wurden fast bei jedem einzelnen Falle nach der Willkür des Gesetzgebers oder der hundert Vollzieher noch vergrößert, und das ganze Verfahren zielte nur darauf hin, den Richter von Allem zu entbinden, was ihm bei einer Verurteilung hinderlich sein konnte. Die Stellen, welche wir aus den Verordnungen gegen die Bravi angeführt haben, sind ein kleiner, aber treffender Beweis davon.

Trotzdem, vielleicht grade aus diesem Grunde dienten die immer wiederholten und verstärkten Verordnungen unter den verschiedenen Regierungen nur dazu, die Ohnmacht ihrer Erlasser zu bekunden; oder, wenn sie wirklich einigen Erfolg hervorbrachten, so war es nur der, daß sie die Bedrückungen, welche die Friedsamen und Schwachen schon genug von den Ruhestörern zu erdulden hatten, noch vermehrten. Die Straflosigkeit war so ausgebildet, daß sie Wurzeln hatte, welche die öffentlichen Aufrufe weder fassen, noch ausreißen konnten. Derartig waren auch die Zufluchtsstätten und die Vorrechte einiger Stände, welche die gesetzliche Macht teils anerkannte, teils mit grollendem Stillschweigen duldete, oder mit vergeblichen Einsprüchen angriff, die aber von jenen Ständen mit Eifersucht auf ihren Vorteil und auf ihre Ehre behauptet und beschützt wurden. Diese Straflosigkeit, jetzt bedroht und beschimpft, aber durch keine Verordnung zerstört, mußte natürlich, bedroht und angegriffen, immer neue Kräfte und neue Erfindungen anwenden, um sich zu erhalten. So geschah es denn auch in der Tat; beim Erscheinen der Verordnungen, um die Gewalttätigen zu unterdrücken, suchten diese in ihrer wirklichen Kraft neue bequemere Mittel, um das, was jene untersagt hatten, fortsetzen zu können. Sie durften freilich den Arglosen, der ohne eigene Kraft und ohne Schutz war, bei jedem Schritte festnehmen und ängstigen; denn dazu hatten sie Jedermann an der Hand, und um Verbrechen zu verhüten oder zu bestrafen, unterwarfen sie jede Bewegung des Privatmannes dem willkürlichen Ausspruch von Gesetzesvollziehern jeder Art.

Wer aber, ehe er ein Verbrechen beging, seine Maßregeln getroffen hatte, sich bei Zeiten in ein Kloster oder in einen Palast zu flüchten, wohin die Schergen niemals gewagt haben würden, den Fuß zu setzen; wer, ohne andere Versicherungen, eine Livree trug, die zu verteidigen die Eitelkeit und der Vorteil, eine mächtige Familie, einen ganzen Stand verpflichtete, der war in seinen Handlungen frei und konnte über die Menge von Verordnungen sich lustig machen. Selbst von denen, die angestellt waren, dieselben vollziehen zu lassen, gehörten Einige durch Geburt der bevorrechteten Partei an, der sich Andre des Schutzes wegen unterwarfen; diese wie jene hielten durch Erziehung, Vorteil, Gewohnheit und durch Nachahmung an den gefassten Grundsätzen fest, und sie würden sich wohl gehütet haben, aus Liebe für ein an die Ecken ausgehängtes Stück Papier dieselben zu verletzen. Wenn auch die mit der unmittelbaren Ausführung beauftragten Menschen unternehmend wie Helden, gehorsam wie Mönche und opferfähig wie Märtyrer gewesen wären, sie würden damit nichts erreicht haben, denn sie waren nicht nur an Anzahl geringer als die, mit denen sie in den Kampf traten, sie hatten auch noch die herrliche Aussicht, von dem verlassen zu werden, der ihnen zu handeln gebot. Überdies waren dieselben im Allgemeinen die verworfensten und ruchlosesten Subjekte ihrer Zeit; ihr Amt ward sogar von denen für verächtlich gehalten, welche sich davor fürchteten, und ihr Titel galt für eine Beschimpfung. Es war daher wohl natürlich, daß sie, anstatt ihr Leben aufs Spiel zu setzen und an ein verzweifeltes Unternehmen wegzuwerfen, ihre Untätigkeit oder vielmehr ihre Nachsicht an die Mächtigen verkauften und sich vorbehielten, ihr verabscheutes Amt und die Macht, welche sie noch hatten, bei gefahrlosen Gelegenheiten, bei Bedrückung friedlicher und wehrloser Menschen auszuüben.

Wer beleidigen will, oder jeden Augenblick fürchtet, beleidigt zu werden, sucht natürlicherweise Verbündete und Gefährten. Daher war in jenen Zeiten das Bestreben der Einzelnen, nach Ständen zusammenzuhalten, immer neue Bundesgenossen anzuwerben und ihnen die größte Macht zu verschaffen, auf die höchste Spitze getrieben. Die Geistlichkeit überwachte ihre Freiheiten, um sie zu behaupten und zu erweitern, der Adel seine Vorrechte, der Kriegsmann seine Begünstigungen. Die Kaufleute und die Handwerker waren in Zünfte und Brüderschaften eingeschrieben. Die Rechtsgelehrten schlossen ein Bündniß und selbst die Ärzte bildeten eine Körperschaft. Jede dieser kleinen Verbindungen hatte ihre eigene besondere Gewalt, wodurch der Einzelne den Vorteil erlangte, nach seiner Geschicklichkeit und nach seinem Ansehn die verbundenen Kräfte Vieler für sich zu verwenden. Die Redlichen benutzten diesen Vorteil zu ihrer Verteidigung; die Schlauen und Ruchlosen, um Schurkenstreiche auszuführen, zu denen ihre persönlichen Mittel nicht ausreichend gewesen sein würden, und um sich vor Bestrafung sicher zu stellen.

Die Kräfte dieser verschiedenen Verbindungen waren jedoch sehr ungleich; besonders auf dem Lande übte der reiche und mächtige Edelmann, von einer Schaar Bravi und dem Bauernvolke umgeben, die durch angestammte Rechte oder durch Eigennutz und Zwang sich fast wie Untergebene und Soldaten der Herrn betrachteten, eine Macht aus, der schwerlich irgend eine andere Verbindung hätte widerstehen können.

Unser Abbondio, weder adelig noch reich, am wenigsten aber beherzt, hatte gleich bei seinem Austritt aus den Kinderjahren wahrgenommen, daß er unter diesen Zuständen wie ein Gefäß von gebrannter Erde sei, das in Gesellschaft vieler eiserner Gefäße gezwungen sei, mitzuwandern. Er war darum auch dem Willen seiner Eltern, die ihn zum Priester bestimmten, durch Gehorsam entgegengekommen, ohne daß er, um die Wahrheit zu sagen, viel über die Pflichten und die edle Bestimmung des Amtes, dem er sich widmete, nachgedacht hätte. Sich einen behaglichen Lebensunterhalt zu sichern und in einen begünstigten, mächtigen Stand einzutreten, diese beiden Gründe schienen ihm mehr als ausreichend für seine Wahl. Aber welcher Stand es auch war, er beschützte und sicherte den Einzelnen doch nur bis auf einen gewissen Grad, keinem erließ er die Pflicht, nach einem gewissen System zu handeln. Don Abbondio, unaufhörlich von Gedanken für seine eigene Sicherheit und Ruhe erfüllt, kümmerte sich nicht um jene Vorteile, denn um sie zu erlangen, hätte er sich sehr bemühen oder doch Etwas wagen müssen. Sein System bestand vorzüglich darin, alle Händel zu vermeiden oder, wenn er dies nicht konnte, nachzugeben. Neutralität entwaffnete alle Kriege um ihn herum, die aus den äußerst häufigen Streitigkeiten zwischen der Geistlichkeit und der weltlichen Macht, zwischen dem Militär und den Bürgerlichen und den Edelleuten unter sich entsprangen, bis zu den Zänkereien zweier Landleute herab, die, durch ein Wort erzeugt, mit Faustschlägen oder Messerstichen entschieden wurden. Wenn er durchaus gezwungen war, zwischen zwei Kämpfenden Partei zu nehmen, so hielt er es mit dem Stärkeren, indem er sich bestrebte, den andern merken zu lassen, daß er nur sehr ungern sein Feind sei; er schien ihm zu sagen: warum habt ihr es nicht verstanden, der Stärkere zu sein –, ich würde mich auf eure Seite gestellt haben. Von den Übermächtigen hielt er sich fern; und indem er sich stellte, als merke er ihre vorübergehenden, launenhaften Beleidigungen nicht, begegnete er den Kränkungen, die aus ernsterer, wohl überlegter Absicht hervorgingen, mit Bücklingen und ergötzlicher Unterwürfigkeit, wodurch er sogar den Trotzigsten und Grämlichsten ein Lächeln abzwang, wenn sie ihm unterwegs begegneten. So war es dem armen Manne gelungen, ohne Stürme sechzig Jahre zurückzulegen.

Es ist damit aber nicht gesagt, daß er nicht auch sein Teil Galle im Leibe gehabt hätte; diese unaufhörliche Übung im Erdulden, das öftere Rechtgeben, die vielen stillschweigend heruntergeschluckten bitteren Pillen hatten sie ihm dermaßen erregt, daß, wenn er ihr nicht von Zeit zu Zeit hätte Luft machen können, seine Gesundheit ganz gewiß darunter gelitten haben würde. Aber wie überhaupt in der Welt, so gab es auch in seiner Nähe Menschen, die er für durchaus unfähig erkannt hatte, Böses zu thun; an diesen konnte er öfters seine lang zurückgehaltene üble Laune auslassen, ohne daß er Grund und Recht hatte, zu schelten. Er war denen, die nicht nach seinem Sinne lebten, ein strenger Sittenrichter, wenn er dies Amt ohne Gefahr ausüben konnte. Der Geschlagene war zum allerwenigsten ein unkluger, der Ermordete war immer ein störriger Mensch gewesen. Wer seine Rechte gegen einen Mächtigen behaupten wollte und einen zerschlagenen Kopf davon trug, dem wußte Don Abbondio immer Unrecht zu geben, was nicht schwer ist, da Recht und Unrecht sich nicht so genau sondern und unterscheiden lassen, daß ein Teil nur das Eine von beiden hätte. Vor Allem aber eiferte er gegen seine Mitbrüder, welche auf ihre Gefahr hin Partei nahmen für einen Schwachen gegen einen übermütigen Unterdrücker. Dies nannte er mit Gewalt Händel suchen und den Hunden in den Weg laufen und sagte sehr ernst, daß diese Einmischung in weltliche Dinge der Würde des heiligen Amtes schade. Gegen diese predigte er, wenn auch nur unter vier Augen oder in einem ganz kleinen Plauderkreise, mit umso größerer Hitze, je mehr er von ihnen wußte, daß sie über Dinge, die sie persönlich betrafen, keinen Unwillen äußerten. Er hatte dann eine Lieblingsredensart, mit welcher er immer Gespräche über diese Gegenstände besiegelte: daß ein Ehrenmann, der auf sich und auf seinen Stand halte, niemals in schlechte Händel gerate.

Meine fünfundzwanzig Leser können sich nun denken, welchen Eindruck die schon erwähnte Begegnung auf das Gemüt des Ärmsten machen mußte.

Der Schrecken über jene unheimlichen Gesichter und jene schlimmen Reden, die Drohung eines Herrn, von dem es bekannt war, daß er nicht vergebens drohte, das System eines ruhigen Lebens, das so viele Jahre des Studiums und der Geduld gekostet hatte, zerstört zu sehen in einem Augenblick, mit einem Schritte, bei dem man den Ausgang nicht absehen konnte: alle diese Gedanken summten wild durcheinander in dem schwachen Kopfe Don Abbondio's.

Wenn Renzo sich mit einem einfachen Nein zufriedenstellen ließe, wohlan; aber er wird Gründe verlangen und was, um Himmels willen kann ich ihm antworten? Ei, ei, ei, er hat auch seinen Verstand; ein Lamm, wenn ihn keiner anrührt – aber wenn ihm einer widersprechen will .... ih! und dann, dann Lucia aufgeben, in die er verliebt ist wie .... lose Buben, die sich verlieben, weil sie nicht wissen, was sie anfangen sollen, dann heiraten wollen, ohne an etwas Anderes zu denken. Sie machen sich kein Gewissen über den Kummer, den sie über einen armen, ehrlichen Mann bringen.

O ich Armer! warum mußten grade diese beiden Schreckgestalten mir in den Weg treten und mit mir anbinden! Was geht's mich an? Will ich mich verheiraten? Warum wendeten sie sich nicht lieber an ... O laßt uns einmal bedenken ... es ist mein Schicksal, daß mir die klugen Gedanken immer erst einfallen, wenn ich sie nicht mehr benutzen kann. Wenn man daran gedacht hätte, ihnen beizubringen, daß sie ihren Auftrag .... – aber in diesem Augenblick fiel ihm ein, daß es doch zu gottlos wäre, wenn er bereute, die Bosheit durch seinen Rat nicht unterstützt zu haben, und all sein Ingrimm richtete sich nun gegen jenen Andern, der ihm so seine Ruhe genommen hatte. Er kannte Don Rodrigo nur von Ansehen und vom Rufe, er hatte niemals etwas anderes mit ihm zu schaffen gehabt, als daß er die wenigen Male, wo er ihm begegnet war, sich so tief vor ihm verbeugt hatte, daß die Spitze seines Hutes fast die Erde berührte. Er hatte bei mehr als einer Gelegenheit den Ruf dieses Herrn gegen diejenigen verteidigt, die, leise seufzend und die Augen gen Himmel gerichtet, irgend eine seiner Handlungen verwünschten; er hatte hundertmal gesagt er sei ein ehrenwerter Cavalier. Aber in diesem Augenblick gab er ihm in seinem Herzen alle die Titel, die er ihm niemals von Andern hatte beilegen hören, ohne eiligst mit einem, o bewahre! dazwischen zu fahren.

In dem Sturm dieser Gedanken langte er an der Thür seines Hauses an, das im Hintergrund des Dörfchens stand, steckte eiligst den Schlüssel, den er schon in der Hand hielt, in das Schloß, öffnete, trat ein, schloß vorsichtig wieder zu und rief ängstlich nach seiner treuen Gefährtin: »Perpetua! Perpetua!« indem er auf den kleinen Saal zuschritt, wo sie ganz gewiß sein mußte, um das Abendessen anzurichten.

Perpetua war, wie Jeder merkt, die Dienerin Don Abbondio's, eine treu ergebene Dienerin, die nach Umständen zu gehorchen und zu gebieten wußte und es zu rechter Zeit verstand, das Gebrumme und die Launen ihres Gebieters zu ertragen, wofür er die ihrigen nicht minder erdulden mußte, die von Tag zu Tag häufiger wurden, da sie das sehr mündige Alter der Vierziger überschritten hatte und ledig geblieben war, weil sie alle Heiratsanträge, die ihr gemacht waren, ausgeschlagen hatte, wie sie sagte, oder weil sich auch nicht einmal ein Hund, wie ihre Freundinnen sagten, gefunden hatte, der sie wollte.

»Ich komme«, antwortete sie, indem sie sich langsam in Bewegung setzte und das Fläschchen mit dem Lieblingsweine Don Abbondio's an den gewohnten Ort auf den kleinen Tisch stellte; sie hatte aber die Schwelle des Zimmers noch nicht berührt, als er schon eintrat mit so hastigem Schritt, so scheuem Blick und so verstörtem Angesichte, daß es nicht einmal der geübten Augen Perpetua's bedurfte, um auf den ersten Blick zu erkennen, daß ihm wirklich etwas ganz Außerordentliches widerfahren sei.

»Barmherzigkeit! was ist Ihnen, teurer Herr? «

»Nichts, nichts«, erwiderte Don Abbondio und ließ sich ganz erschöpft in seinen großen Lehnstuhl nieder.

»Wie, nichts? Das wollen Sie mir einreden? Das ist schändlich! Irgendein großes Ereignis ist vorgefallen. «

»O um des Himmels willen! wenn ich sage nichts, so ist es nichts, oder es ist etwas, das ich nicht sagen kann. «

»Das Sie auch mir nicht sagen können? Wer wird für Ihre Gesundheit Sorge tragen? Wer wird Ihnen einen Rat geben? «

»Weh mir! Schweig und gib mir weiter nichts als ein Glas von meinem Wein. «

»Und Sie wollen behaupten, daß Ihnen nichts ist? « sagte Perpetua, indem sie das Glas füllte und in der Hand behielt, als ob sie es ihm nur als Belohnung des Vertrauens geben wollte, auf das er sie so sehr warten ließ.

»Gib her, gib her! « rief Don Abbondio, das Glas mit zitternder Hand ergreifend und es so schnell leerend, als ob es eine Arznei wäre.

»Sie wollen mich also zwingen, daß ich überall herum frage, was meinem Herrn zugestoßen ist?« fragte ihn Perpetua, dicht vor ihm stehend; die Hände in die Seiten gestützt, die spitzen Ellenbogen voraus, blickte sie ihn fest an, als wollte sie ihm gleichsam das Geheimnis aus den Augen saugen.

»Um des Himmels willen! mach mir keine Klatschereien, mach mir keinen Lärm; es gilt ... es gilt das Leben! «

»Das Leben!«

»Das Leben.«

»Sie wissen recht gut, daß ich, so oft Sie mir etwas im Vertrauen sagten, daß ich niemals ...«

»Großsprecherei! wie oft ...«

Perpetua fühlte, daß sie eine falsche Saite angeschlagen hatte; darum änderte sie schnell den Ton und sagte mit bewegter rührender Stimme: »Lieber Herr, ich bin Ihnen immer ergeben gewesen, und wenn ich jetzt wissen möchte, was Sie quält, so geschieht es aus Eifer, weil ich Ihnen durch guten Rat beistehen und Ihr Herz erleichtern möchte ....« Die Tatsache steht fest, daß Don Abbondio vielleicht ebenso viel Lust hatte, sich seines schmerzlichen Geheimnisses zu entledigen, als Perpetua, es zu kennen; nachdem er also immer schwächer ihr wieder holtes stürmisches Eindringen zurückgewiesen, nachdem er sie mehr als einmal hatte schwören lassen, mit keinem Atemzuge davon etwas zu verraten, erzählte er endlich, oftmals durch Ach und Weh unterbrochen, die unglückliche Begebenheit. Als er auf den schrecklichen Namen des Anstifters kam, mußte Perpetua einen neuen, noch feierlicheren Schwur ablegen, und nachdem Don Abbondio den Namen ausgesprochen, warf er sich tief und schwer seufzend in seinen Stuhl zurück, erhob die Hände wie befehlend und bittend zugleich, indem er sagte: »Um des Himmels willen! «

»All ihr Heiligen! « schrie Perpetua. »O welch ein Schurke, welch ein Wüstling! welch ein gottloser Mensch!«

»Willst du schweigen? oder willst du mich ganz verderben? «

»O, wir sind hier allein, es hört uns hier Niemand. Aber wie werden Sie es nun machen, armer, lieber Herr? «

»O seht mir doch«, sprach Don Abbondio mit zorniger Stimme, »seht, was für einen schönen Rath mir Die zu geben weiß!

Fragt mich, was ich machen werde, was ich machen werde, grade als ob sie in der Verlegenheit steckte und es an mir wäre, sie herauszureißen. «

»O, ich würde Ihnen wohl meinen einfältigen Rat geben können, aber dann ...« - »Aber dann ...! Laß hören. «

»Mein Rath wäre, da doch alle sagen, daß unser Erzbischof ein heiliger, beherzter Mann ist, der Niemand fürchtet und der sich eine große Freude daraus machen wird, einen Pfarrer gegen einen so mächtigen Schelm zu beschützen, daß Sie ihm einen schönen Brief schreiben und ihm darin Alles kund tun, wie ...«

»Willst du schweigen? willst du schweigen? Sind das Ratschläge, wie man sie einem armen Manne gibt? Wenn mich eine Flintenkugel in den Rücken träfe, Gott helfe mir! würde sie mir der Erzbischof wieder herausziehen? «

»Ei, die Flintenkugeln teilt man nicht wie Zuckerwerk aus! und wehe uns, wenn die Hunde allemal beißen wollten, wenn sie bellen. Ich habe immer bemerkt, daß man vor dem Achtung hat, der die Zähne zu zeigen weiß, und grade, weil Sie niemals für Ihr Recht sprechen wollten, ist es so weit mit uns gekommen, daß alle, mit Erlaubnis ....«

»Willst du schweigen? «

»Ich schweige gleich, aber es ist doch wahr, daß, wenn die Welt merkt, daß Einer bei jeder Gelegenheit bereit ist, die Segel ....«

»Willst du schweigen? Ist es jetzt an der Zeit, solche Dummheiten zu reden? «

»Genug; Sie werden in der Nacht darüber nachdenken; aber fangen Sie nicht an, sich selbst zu quälen, damit Sie Ihre Gesundheit nicht zu Grunde richten; essen Sie einen Bissen. «

»Ich werde darüber nachdenken«, brummte Don Abbondio, »gewiß, ich werde darüber nachdenken, ich muß darüber nachdenken«, und er erhob sich, fortfahrend: »ich will nichts genießen, nichts; ich habe kein Verlangen darnach, ich weiß wohl selbst, daß jetzt die Reihe an mir ist, nachzudenken. Aber mußte es denn grade mir begegnen! «

»Trinken Sie nur wenigstens dies Tröpfchen noch«, sagte Perpetua einschenkend, »Sie wissen, daß Ihnen das den Magen immer wieder herstellt. «

»Ach! der braucht ein anderes Mittel, ein anderes Mittel. «

So sprechend, nahm er das Licht und brummte vor sich hin: »eine erbärmliche Schurkerei! einem rechtschaffenen Manne wie ich! und wie wird es morgen ablaufen? « Unter andern gleichen Wehklagen brach er auf, um nach seinem Zimmer zu gehen. Auf der Schwelle angelangt, wendete er sich nach Perpetua um, legte den Zeigefinger auf den Mund, sagte mit langsamem, feierlichem Ton: »Um des Himmels willen! « und verschwand.

Zweites Kapitel.

Man erzählt, daß der Prinz von Condé die Nacht, welche dem Tage von Rocroi voran gegangen, sehr fest geschlafen habe; aber erstens war er sehr ermüdet, zweitens hatte er schon alle nötigen Vorkehrungen getroffen und angeordnet, was am Morgen geschehen sollte. Don Abbondio aber wußte weiter noch nichts, als daß am andern Morgen ein Schlachttag sein würde; ein großer Teil der Nacht wurde daher in bangen Überlegungen zugebracht. Sollte er die ruchlose Ankündigung, die Drohungen nicht beachten und die Ehe doch schließen, dies war ein Entschluß, den er nicht fassen mochte. Renzo den Vorfall anvertrauen und mit ihm irgend einen Ausweg suchen .... Gott behüte! »Lassen Sie sich nicht ein Wort entschlüpfen .... sonst ... eh!« hatte einer der Bravi gesagt; und wenn er aus seinem Gedächtnis jenes »Eh« wiederschallen hörte, dachte Don Abbondio durchaus nicht daran, ein solches Gesetz zu übertreten, er bereute es sogar schon, mit Perpetua darüber geschwätzt zu haben. Fliehen? wohin? und dann! Wie viele Hindernisse! wie oft Rechenschaft abzulegen! Bei jedem Entschluß, den der Arme aufgab, wühlte er sich in seinem Bette herum. Das, was ihm noch das Beste schien oder das am wenigsten Schlimme, war, Zeit zu gewinnen, um Renzo hinzuhalten. Plötzlich fiel ihm ein, daß an der Zeit, in der die Heiraten verboten waren, nur noch wenige Tage fehlten – und wenn ich den Burschen diese wenigen Tage hinhalten kann, dann kann ich zwei Monate aufatmen und in zwei Monaten kann viel geschehen. Er erwog alle Ausflüchte, die ihn befreien sollten, und obwohl sie ihm ein wenig leicht erschienen, tröstete er sich doch mit dem Gedanken, daß sein Ansehn denselben scheinbar das rechte Gewicht und seine lange Erfahrung ihm einen großen Vorteil über den unwissenden Jüngling geben würde. Wir wollen sehen, sagte er für sich, er denkt an seine Liebste, und ich denke an meine Haut, der meist Leidende bin ich, lassen wir es auch dabei, daß ich der Schlauste bin. Mein lieber Sohn! und wenn dir's zu Mute ist, als verbrennst du vor Liebe, ich kann dir nicht helfen, denn ich will dabei nicht zu Grunde gehen. Nachdem er so ein wenig Muth zu einem Entschlusse gefaßt hatte, konnte er endlich die Augen schließen; aber welch ein Schlaf! welche Träume! die Bravi, Don Rodrigo, Renzo, Fußsteige, Felsen, Flucht, Verfolgung, Geschrei und Flintenschüsse.

Das erste Erwachen nach einem Unglück und in einer Verlegenheit ist ein sehr bitterer Augenblick. Kaum wieder zu sich gekommen, kehrt die Seele zu den gewohnten Vorstellungen des vorigen ruhigen Lebens zurück; aber der Gedanke an den veränderten Zustand der Dinge berührt sie plötzlich sehr unfreundlich, und das Unbehagen ist in diesem augenblicklichen Vergleiche umso lebhafter und verletzender. Nachdem Don Abbondio diesen schmerzlichen Augenblick gekostet hatte, wiederholte er sogleich seine nächtlichen Beschlüsse, befestigte sich darin, ordnete sie mehr, erhob sich und erwartete Renzo zugleich mit Furcht und Ungeduld.

Lorenzo oder Renzo, wie ihn alle nannten, ließ nicht lange auf sich warten. Kaum erschien die Stunde, wo er glaubte, sich dem Pfarrer vorstellen zu können, ohne unbescheiden zu sein, als er sogleich mit dem frischen Ungestüm eines Menschen von zwanzig Jahren, der noch an demselben Tage diejenige, welche er liebt, heiraten soll, zu ihm eilte. Seit seinen Jünglingsjahren war er elternlos und trieb das Gewerbe eines Seidenspinners, das, so zu sagen, in seiner Familie erblich war; ein in früheren Jahren sehr einträgliches Gewerbe, welches auch jetzt noch nicht so in Verfall geraten war, daß es nicht einen geschickten Arbeiter sehr anständig ernährt hätte. Die Arbeit nahm freilich von Tag zu Tag ab; aber die fortwährende Auswanderung der Arbeiter, die sich durch Versprechungen, durch Vorrechte und durch hohen Lohn nach den benachbarten Ländern ziehen ließen, bewirkte doch, daß es auch denen, die im Lande geblieben waren, noch nicht daran fehlte. Überdies besaß Renzo ein Gütchen, welches er beackern ließ und, wenn das Spinnrad still stand, auch selbst beackerte, so daß er sich unter diesen Umständen wohlhabend nennen konnte. Obgleich dieses Jahr noch dürftiger war und man schon anfing, eine wahre Teuerung zu empfinden, so war doch unser Jüngling, seitdem er die Augen auf Lucia geworfen, sparsam geworden; er war hinreichend mit dem nötigen versehen und hatte nicht mit der Teuerung zu kämpfen.

Renzo erschien vor Don Abbondio in großem Staate, mit verschiedenfarbigen Federn auf dem Hute, seinen Dolch mit einem schönen Griff in der Hosentasche, mit einem gewissen festlichen und zugleich kecken Ansehn, das damals auch den friedlichsten Menschen eigen war.

Der unsichere, geheimnisvolle Empfang Don Abbondio's bildete einen eigentümlichen Contrast zu dem fröhlichen, entschlossenen Wesen des Jünglings. Dem muß irgendetwas im Kopfe stecken, dachte Renzo und sagte dann: »Herr Pfarrer, ich bin gekommen, um zu erfahren, zu welcher Stunde Sie befehlen, daß wir uns in der Kirche einfinden. «

»Von welchem Tage sprecht Ihr? «

»Wie, von welchem Tage? Erinnern Sie sich nicht, daß heute der festgesetzte Tag ist? «

»Heute? « erwiderte Don Abbondio, als ob er zum ersten Male davon reden hörte. »Heute, heute .... Ihr müßt Geduld haben, heute kann ich nicht. «

»Heute können Sie nicht? was ist denn vorgefallen? «

»Zuerst befinde ich mich nicht wohl, Ihr seht es. «

»Das tut mir leid; aber was Sie zu tun haben, ist so schnell abgemacht und so wenig anstrengend ...«

»Und dann, dann, dann ....«

»Und was ist dann? «

»Und dann die Verwirrung!«

»Verwirrung? Welche Verwirrung kann dabei sein? «

»Ihr müßtet Euch an unsrer Stelle befinden, um einzusehen, wie viele Verwickelungen in diesen Dingen vorkommen, was für Rechenschaft man davon ablegen muß. Ich bin zu weichherzig, ich sinne immer nur auf Mittel, alle Hindernisse hinwegzuräumen, alles zu erleichtern, und um Andern einen Gefallen zu tun, versäume ich meine Pflicht und ziehe mir darüber Vorwürfe und noch schlimmere Dinge zu.«

»Aber in des Himmels Namen, spannen Sie mich nicht auf die Folter, sagen Sie mir klar und offen heraus, was es gibt.«

»Kennt Ihr alle die Förmlichkeiten, die uns vorgeschrieben sind und nach denen wir uns richten müssen, um eine Ehe abzuschließen? «

»Ich muß wohl etwas davon kennen«, sagte Renzo, der schon anfing aufgebracht zu werden, »denn Sie haben mir die Tage her schon genug den Kopf damit verdreht. Ist jetzt noch nicht alles geschehen? ist noch nicht alles getan, was zu tun war? «

»Alles, alles, Ihr sollt gleich sehen; doch habt nur Geduld, der Dummkopf bin wieder ich, der seine Pflicht hinten ansetzt, um den Leuten keinen Verdruss zu machen. Aber jetzt ... genug, ich weiß, was ich sage. Wir armen Pfarrer stehen zwischen Amboss und Hammer. Ihr Ungeduldigen; ich bedaure Euch, armer Junge; aber die Vorgesetzten ... genug, man kann nicht alles sagen, denn wir sind diejenigen, die übel dabei wegkommen. «

»Aber erklären Sie mir nur, welche andere Förmlichkeit noch abzumachen ist, wie Sie sagen, und sie wird gleich abgemacht werden.

«

»Wißt Ihr, wie viele Hindernisse uns entgegenstehen? «

»Was soll ich von den Hindernissen wissen? «

»Error, conditio, votum, cognatio, crimen,

Cultus disparitas, vis, ordo, ligamen, honestas,

Si sis affinis ....« fuhr Don Abbondio fort, sie an den Fingerspitzen herzählend.

»Sie scherzen mit mir? « unterbrach ihn der Jüngling. »Was soll ich mit Ihrem latinorum anfangen?«

»Also, wenn Ihr die Dinge nicht versteht, so seid geduldig und überlaßt es dem, der sie versteht. «

»Nun also?«

»Wohlan, lieber Renzo, werdet nicht zornig, denn ich bin bereit, alles zu tun .... alles, was von mir abhängt. Ich, ich würde Euch gern zufrieden stellen; ich will Euch wohl. Ei, wenn ich bedenke, wie es Euch so wohl erging; was fehlte Euch? da fangt Ihr die Grille, Euch zu verheiraten ......«

»Was sind das für Reden, Herr? « brach Renzo halb erstaunt, halb aufgebracht los.

»Ich sage Euch nur, habt Geduld. Ich möchte Euch gern zufrieden sehen. «

»Und schließlich .....«

»Und schließlich, mein lieber Sohn, ich bin nicht schuld daran, ich habe das Gesetz nicht gemacht. Ehe wir eine Ehe abschließen, sind wir erst verpflichtet, viele, viele Nachforschungen anzustellen, um uns zu versichern, daß keine Hindernisse entgegenstehen. «

»Aber sagen Sie mir doch nur einmal, welches Hindernis dazwischen gekommen ist? «

»Habt Geduld, diese Dinge lassen sich nicht so schnell erklären. Es wird nichts weiter sein, hoffe ich, aber demungeachtet müssen wir doch diese Nachforschungen anstellen. Der Text ist klar und einleuchtend: antequam matrimonium denunciet ...«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, ich will kein Latein. «

»Ich muß Euch doch aber erklären ...«

»Haben Sie denn diese Nachforschungen noch nicht getan? «

»Ich habe sie nicht alle so gemacht, wie ich gemusst hätte, sage ich Euch. «

»Warum haben Sie sie nicht bei Zeiten gemacht? warum sagten Sie mir, daß alles geschehen sei? warum damit warten ...«

»Seht! Nun werft Ihr mir meine allzu große Gefälligkeit noch vor. Ich habe Euch alles erleichtert, um Euch umso schneller zu helfen ... aber ... aber jetzt ist mir eingefallen ... genug, ich weiß schon.«

»Und was soll ich tun? «

»Geduldet Euch noch einige Tage, lieber Sohn. Einige Tage sind keine Ewigkeit. Habt Geduld. «

»Bis wie lange?«

»Wir sind glücklich im Hafen«, – dachte Don Abbondio bei sich und sagte artiger als je: »Nun, ich werde suchen in vierzehn Tagen ...«

»Vierzehn Tage! O das ist wirklich eine Neuigkeit. Es ist Alles geschehen, was Sie gewollt haben; der Tag ist festgesetzt; der Tag erscheint; und nun sagen Sie mir, daß ich noch vierzehn Tage warten soll! «

»Vierzehn ...« wiederholte er lauter und zornig, den Arm ausstreckend und mit der Faust in der Luft herum schlagend; und wer weiß, welche Verwünschung er dieser Zahl noch angehängt haben würde, wenn ihn Don Abbondio nicht unterbrochen hätte, indem er ihn mit schüchterner Freundlichkeit bei der andern Hand nahm: »Ei, ei, ereifert Euch nicht, um des Himmels willen. Ich will sehen, ich werde versuchen, ob ich in einer Woche ...«

»Und was soll ich Lucia sagen? «

»Daß es mein Versehen gewesen ist. «

»Und das Gerede der Leute?«

»Sagt nur, daß ich mich geirrt habe, aus Übereilung, aus zu gutem Herzen; macht mich zum Sündenbock. Kann ich besser zu Euch reden? Frisch auf denn! noch eine Woche.«

»Und hernach werden wir keine Hindernisse mehr haben? «

»Wenn ich Euch sage ...«

»Nun gut: ich will mich eine Woche gedulden; aber merken Sie sich wohl, daß Sie mich dann nicht mehr durch Geschwätz befriedigen werden. Bis dahin empfehle ich mich Ihnen. « Dies gesagt, entfernte er sich, indem er vor Don Abbondio einen weniger tiefen Bückling als gewöhnlich machte und ihm einen mehr ausdrucksvollen als ehrerbietigen Blick zuwarf.

Als er heraustrat und zum ersten Male ungern nach dem Hause seiner Verlobten wanderte, fuhr ihm bei allem Ärger immer wieder die Unterhandlung durch den Sinn, die er immer seltsamer fand. Der kalte Empfang Don Abbondio's, sein verlegenes, zugleich ungeduldiges Sprechen, die grauen Augen, welche, während er sprach, ängstlich umher schweiften, als ob sie die Worte fürchteten, das Sich stellen, als wisse er von der bestimmt verabredeten Ehe gar nichts und vor allem die beständige Anspielung auf etwas Wichtiges, worüber er sich aber nicht klar ausdrückte: alle diese Umstände zusammengestellt, brachten Renzo auf den Gedanken, daß ein anderes Geheimnis dahinter stecke, als Don Abbondio habe zu verstehen geben wollen. Der Jüngling überlegte einen Augenblick, ob er nicht wieder umkehren sollte, ihn in die Enge zu treiben, damit er sich deutlicher erkläre; aber als er die Augen erhob, sah er Perpetua, die an ihm vorüberschritt und in ein Küchengärtchen ging, einige Schritte vom Hause entfernt. Er rief ihr zu, während sie die Thür aufschloss, beeilte seine Schritte, erreichte sie, hielt sie am Eingang auf, und in der Absicht, sie auszuhorchen, band er ein Gespräch mit ihr an.

»Guten Tag, Perpetua: ich hoffte, daß wir heute lustig miteinander sein würden. «

»Wie es Gott gefällt, mein armer Renzo.«

»Tut mir einen Gefallen: der ehrwürdige Herr Pfarrer hat mich aus gewissen Gründen mit schönen Worten abgespeist, die ich nicht recht habe verstehen können; erklärt Ihr mir doch deutlicher, warum er uns heute nicht trauen kann oder will. «

»O! denkt Ihr, daß ich die Geheimnisse meines Herrn weiß? «

Ich habe es gesagt, es ist ein Geheimnis dahinter, dachte Renzo, und um es ans Licht zu ziehen, fuhr er fort: »Frisch, Perpetua! wir sind Freunde; sagt mir, was Ihr wißt, helft einem armen Jungen. «

»Es ist eine üble Sache, arm geboren zu sein, mein lieber Renzo. «

»Das ist wahr«, erwiderte dieser, der in seinem Verdacht immer mehr bestärkt wurde und auf die Hauptsache zu kommen suchte. »Das ist wahr, aber kommt es den Priestern zu, mit armen Leuten schlecht umzugehen? «

»Hört, Renzo; ich kann nichts sagen ... warum ... ich weiß nichts; aber ich kann Euch versichern, daß mein Herr weder Euch noch sonst Jemandem Unrecht thun will; er ist nicht Schuld daran. «

»Wer aber ist Schuld daran? « fragte Renzo, mit einer gewissen arglosen Miene, aber mit pochendem Herzen und mit gespitzten Ohren. »Wenn ich Euch sage, daß ich nichts weiß .... Zur Verteidigung meines Herrn darf ich reden, denn es tut mir weh, wenn ich höre, daß man ihm Schuld gibt, irgendwen kränken zu wollen. Der arme Mann! wenn er fehlt, so geschieht es, weil er zu gut ist. Es gibt aber auf dieser Welt Schurken, gewalttätige Menschen ohne Gottesfurcht ...«

Gewalttätige Menschen! Schurken! – dachte Renzo: – das sind nicht die Vorgesetzten. »Wohlan«, sprach er, seine wachsende Unruhe mühsam verbergend, »wohlan, sagt mir, wer es ist. «